15. Gipfel der Intoleranz

Es gibt üble Dinge, die auch mit der Zeit nicht besser werden. Man schaut auf sie zurück und glaubt, einem Albtraum erlegen gewesen zu sein. Zum Beispiel als der Alterspräsident des Bundestages der Bundesrepublik Deutschland am 10. November 1994 die Eröffnungsrede für den 13. Bundestag hielt. Als ältester Abgeordneter hatte er die traditionelle Pflicht, dem Parlament ein paar passende Worte mit auf den Weg zu geben.

Das klang dann beispielsweise so: „Arbeits- und Obdachlosigkeit, Pest und Hunger, Krieg und Gewalttat, Naturkatastrophen bisher unbekannten Ausmaßes begleiten uns täglich. Dagegen sind auch die besten Armeen machtlos. Hier braucht es zivile Lösungen, politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle. Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir Sie. Und nicht die Flüchtlinge die zu uns drängen sind unsere Feinde, sondern die die sie in die Flucht treiben. …

Und benutzen wir die Macht die wir haben, die finanzielle vor allem, weise und mit sensibler Hand. Macht, wie wir wissen, korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Die Menschheit kann nur in Solidarität überleben. Das aber erfordert Solidarität zunächst im eigenen Lande. West – Ost. Oben – Unten. Reich – Arm.“

An diesem 10. November sitzt die Unions-Fraktion auf Kanzler-Anordnung mit steinerner Miene im Bundestag, rührt keine Hand zum Applaus und übt Intoleranz gegenüber dem parteilosen, weltbekannten Schriftsteller Stefan Heym, derbin der Uniform eines amerikanischen Befreiers 1945 nach Deutschand gekommen war, von dem er in den Dreißigerjahren als Jude ausgewandert war. Sein (in den Augen von CDU und CSU) unverzeihlicher Fehler: Er hatte für die PDS kandidiert.

Doch angesichts seiner brillanten Rede „wurde das organisierte Zähnezusammenbeißen der Union zur Groteske“, schrieb der „Spiegel“. CDU-Ministerin Angela Merkel sah in der Tatsache, dass ihre Fraktion den Sitzungssaal während der Rede nicht verlassen hatte, eine beachtliche Konzession: „Damit hat die Union ihre Großmut zur Schau gestellt.“ So die Schaustellerin.

Der Gipfel der Intoleranz: Das Bundespresseamt lehnte eine Veröffentlichung dieser Rede im offiziellen „Bulletin“ ab. Da bleibt dem Autor dieser Zeilen der Trost, dass bisweilen und bald schon die meisten der Fraktionsmitglieder von CDU/CSU von 1994 vergessen sind, während Stefan Heym bereits zur Literaturgeschichte gehört.

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