Hoffmanns Erbe in Fredersdorf-Vogelsdorf

„Kein Himmel wird das Heil dir senden/Es fällt aus keines Gottes Schoß/Die Menschheit muss mit eig’nen Händen/Erkämpfen sich ein bess’res Los.“

Der Dichter dieser Zeilen war einer der streitbarsten wie auch umstrittensten Sozialdemokraten – Adolph Hoffmann (1858–1930). Stadtverordneter in Berlin, Mitglied des Preußischen Landtages und Abgeordneter des Deutschen Reichstages – Hoffmann hat alle Sprossen der politischen Leiter erklommen und war als Mitglied der SPD und zeitweise der USPD, deren Gründung als linke Abspaltung von der SPD er 1917 mit vorgenommen hatte, nach der Novemberrevolution 1918 schließlich sogar preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Berühmt sein Ausspruch: „Ich will hier weniger Minister als Ausmister sein!“

Hoffmann  Adolph

Der Sozialdemokrat Adolph Hoffmann und (rechts) seine berühmte Schrift über die Trennung von Staat und Kirche

In einem programmatischen Artikel „Neue Bahnen im preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ erklärte Hoffmann: „Die Bürgschaft für die Erhaltung und Festigung des durch die Revolution geschaffenen neuen Staates ist die Jugend. Darum werden die Reformen mit der Schule beginnen. … Frei von jeder Bevormundung, frei von traditioneller Geschichtsverfälschung und frei von konfessioneller Beeinflussung wird der Unterricht sein. Vollkommene Trennung von Schule und Kirche wird gewährleistet.“ Unter ihm wurde die kirchliche Schulaufsicht in Preußen abgeschafft. Per Verordnung vom 27. November 1918 schaffte er die geistliche Ortsschulaufsicht und das obligatorische Schulgebet ab, gab dem Religionsunterricht eine freiwillige Grundlage und entfernte Religion als Prüfungsfach. Hoffmann wurde eine „gottentfremdeten Kulturpolitik“ unterstellt, wobei er eigentlich nur bürgerlich-demokratische Forderungen von 1848 verwirklichte.

Tatsächlich geht die Trennung von Staat und Kirche zu einem großen Teil auf Hoffmanns beharrliches Wirken zurück. Wegen des Sozialistengesetzes in Preußen, das die SPD über zehn Jahre verboten hatte, war Hoffmann nach Sachsen umgesiedelt. Dort hatte er 1891 als Redakteur des sozialdemokratischen Zeitzer „Volksboten” seine berühmt gewordene Schrift „Die Zehn Gebote und die besitzende Klasse” herausgebracht, in der er die Doppelmoral der Herrschenden und die Rolle der Religion als Herrschaftsinstrument anprangerte. Bis 1922 verkaufte er in 15 Auflagen mehr als 100.000 Exemplare. Das motivierte den gelernten Graveur und Vergolder zur Gründung einer Verlagsbuchhandlung, die sozialistische und freidenkerische Literatur herausgab.

Große Teile seiner Reden und Schriften wie ebenso seine Gedichte kamen in Vogelsdorf zustande, jener Gemeinde am Stadtrand Berlins, die heute zu Fredersdorf-Vogelsdorf gehört. Dort hatte sich der Politiker, der aus armen Verhältnissen stammte, das Haus „Waldesfrieden“ bauen lassen, weil er als Stadtverordneter von Berlin den Besitz eines Hauses nachweisen musste.

VillaSo bietet sich derzeit noch die Villa „Waldesfrieden“  in Vogelsdorf, in der Fröbelstraße 32, dar

Der Mitbegründer und Vorsitzende des Freireligiösen Berliner Vereins, aus dem der heutige Humanistische Verband hervorgegangen ist, hatte ein großes Herz für die Jugend. Er vererbte das Haus 1930 der sozialdemokratischen Jugend. Im Jahre 1950 fand Adolph Hoffmanns Urne einen Platz in der von den Nazis zerstörten und nach dem Krieg neu erbauten Gedenkstätte der Sozialisten.

Nachdem die Villa nach Hoffmanns Tod verschiedenen Zwecken, u.a. als Kinderheim, Kinderkrippe, Bibliothek und Jugendklub diente, steht es seit den Neunzigerjahren leer und ist dem Verfall preisgegeben, wenn nicht schnellstens gehandelt wird. Da ist es auch naheliegend, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg auf Initiative der Fraktion Die Linke von der Gemeindevertretung beauftragt wurde, konzeptionelle Überlegungen zur Instandsetzung des inzwischen denkmalgeschützten Hauses, zur Modernisierung sowie zur Erweiterung durch einen Anbau zu erarbeiten. Der Humanistische Verband, der sich bislang dem Erbe von Adolph Hoffmann verpflichtet fühlt, hat vorgearbeitet. Es existiert bereits eine Konzeption der Möglichkeiten.

Entwurf

Das Bild der künftigen Begegnungsstätte war bereits bis ins Detail entworfen und  der Bevölkerung  vorgestellt worden

Die Villa sollte eine Begegnungs- und Bildungsstätte für Jund und Alt und mit reichhaltigen kulturellen Angeboten ein Magnet für die Vogelsdorfer Bürger und ihre Gäste sein, ganz im Sinne von Adolph Hoffmann.+++

HoffApril15

Ein Foto vom April 2015. Leider ist der Zustand des Objektes noch unverändert. Adolph Hoffmann starb vor 85 Jahren.

Zu meiner großen Verwunderung über mangelnden Ehrgeiz entdeckte ich im Ortsblatt Fredersdorf-Vogelsdorf vom 18. Juli 2015 folgenden Leserbrief:

LeserbriefAdolph

Auf die Antwort darf man gespannt sein. Evtl. sogar auf eine Stellungnahme des Bürgermeisters.

In der MOZ vom 9. Dezember 2015 ist zu lesen, dass sich der Humanistische Verband still und leise aus den eingegangenen Verpflichtungen verabschieden möchte. Damit verschmähen sie zugleich das Erbe eines ihrer Vorkämpfer und Vorbilder. Allerdings sollte sich die Gemeinde Fredersdorf-Vogelsdorf einen so schmählichen Abschied aus der Verantwortung nicht gefallen lassen und das Objekt auf kieinen Fall aufgeben. Es gehört zum kulturellen Erbe des deutschen Humanismus und erinnert an eine respektable Lebensleitung eines namhaften deutschen Sozialdemokraten.

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