Sudel-Edes letzte Worte

Am 30. Oktober 1989 erschien im DDR-Fersehen zum letzten Mal eine der meistgehassten Sendungen auf dem Bildschirm: „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler. (Viele glaubten, der heiße nur Schnitz, weil sie viel zu schnell auf einen anderen Kanal umschalteten.) Die Nachrichtenagentur dpa gab wesentliche Ausschnitte aus dieser letzten Sendung von „Sudel-Ede“ (Biermann) heraus, damit wenigstens dieser lichte Augenblick des politischen DDR-Fernsehens nicht aus der Erinnerung schwindet.

SchwarzeKanal  LetzteSdg.

Im Folgenden zeige ich die von mir sorgsam aufbewahrte dpa-Nachricht und komplettiere durch kursiv eingefügte Passagen den gasamten Wortlaut Schnitzlers, weil jeder einzelne Satz für eine vom Stalinismus geprägte Denkweise steht, wie sie dem Auftraggeber des Kommentators, dem  SED-Politbüro über Jahrzehnte zu eigen war.

Hier die dpa-Nachricht mit meiner eingefügten kursiven Ergänzung:

DDR (Dokumentation) Wortausauszüge der letzten Schnitzler-Sendung:

Berlin (dpa) – Karl-Eduard von Schnitzler sagte in seiner­ letzten Sendung „Der schwarze Kanal“ am Montagabend im DDR—Fernsehen:

Guten Abend, meine Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Genossinnen und Genossen. Diese Sendung heute wird nach fast 30 Jahren die kürzeste sein, nämlich die letzte. Eben hat sich noch einmal im Vorspann der Bundesadler, wie 1.518mal zuvor, auf unsere Fernsehantennen gesetzt, und statt der im Arrangement meines Genossen Martin Hartwig verfremdeten Vorspannmelodie von der Maas bis an die Memel wird dieser großdeutsche Anspruch nur noch auf Staatsakten und in Schulen der BRD und bei der Bundeswehr-Macht erklingen. So ernst wie von Männern wie Waigl und Dregger und Damen wie Süssmuth und Wilms gemeint.

(Will heißen: Der Revanchismus bleibt uns erhalten, der Klassenkampf geht weiter. Also auch die aktuelle streitbare Polemik. Der Sozialismus auf deutschem Boden, die Deutsche Demokratische Republik – sie sollen beseitigt werden. Deshalb ist es das Vordringliche, Erstrangige, Wichtigste: Der Frieden, die friedliche Koexistenz und die Erneuerung und Kontinuität unseres Vaterlandes, des ersten deutschen Friedensstaates. Kontinuität: Das sind Gründung, Existenz und Leistungen unserer Republik. In wenigen Jahrzehnten – früher sagte man für vierzig Jahre: ein Menschenleben plus zehn Jahre -, in einem guten Menschenalter also haben wir soziale und politische Ergebnisse erarbeitet und erkämpft, wie noch kein deutscher Staat zuvor. Auf Neuland – also auch mit Irrtümern und Fehlern, die jedoch unsere Erfolge nicht ungeschehen machen, nicht verblassen lassen. Erneuerung: Das bedeutet nicht zurück, sondern vorwärts – zu einem besseren, attraktiveren, noch mehr erlebbaren und letztlich siegreichen Sozialismus. Dem muss unsere ganze Kraft gelten. Nichts darf uns dabei hindern, nichts die Politik der Wende beeinträchtigen. Zuviel Gereimtes und Ungereimtes, Geglücktes und Missglücktes, Richtiges und Falsches müssen in Wort und Tat im freimütigen Dialog und in unverzüglichem gemeinsamen Handeln ausgewogen werden. Das erfordert Maß und Geduld, Gründlichkeit und Ehrlichkeit, Eingeständnis und Standhaftigkeit. Und viel Vernunft, die verständliche Emotionen und Kontrolle hält. Mein Feld ist die Außenpolitik im Allgemeinen, die ideologische Klassenauseinandersetzung Sozialismus-Kapitalismus am Beispiel des Fernsehens der BRD im Besonderen.)

Einige mögen jubeln, wenn ich diese Fernseharbeit nun auf andere Weise fortsetze. Nicht, dass ich etwas zu bereuen hätte. Der Umgang mit der oft unbequemen Wahrheit ist schwer, aber er befriedigt. In meiner Lebensbeschreibung steht der Satz „Für oder gegen den Menschen, für seine Freiheit, sein Recht, sein Leben, oder gegen sie“. Das ist das Kriterium für mein Freund- und Feindbild. Aber an anderer Stelle steht auch, wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, dürfen wir nicht die Umkehrung zulassen. Das Sein verstimmt das Bewusstsein. Es bedarf also der Kunst, das Richtige richtig und schnell und glaubhaft zu machen. In diesem Sinne werde ich meine Arbeit als Kommunist und Journalist für die einzige Alternative zum unmenschlichen Kapitalismus fortsetzen, als Waffe im Klassenkampf zur Förderung und Verteidigung meines sozialistischen Vaterlandes. Und in diesem Sinne, meine Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Genossinnen und Genossen, auf Wiederschau’n.

dpa mg gs 311520 okt 89 …

P.S. Übrigens lag die Einschaltquote für diese Sendung, die knapp fünf Minuten dauerte, im Osten mit 12,3 Prozent und einer Sehbeteiligung von 4,77 Millionen so hoch wie nie zuvor. Wir Zuschauer – ich weiß nicht, ob ich jemals zuvor eine komplette Sendung gesehen hatte – erwarteten das längst überfällige Ende von „Sudel-Ede“ und wollten es unbedingt miterleben.

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