Das entsorgte Denkmal der Einheit

Im Palast der Republik fielen historische Entscheidungen

Den Palast der Republik in der Mitte Berlins gibt es nicht mehr. An seiner Stelle wächst inzwischen die Nachbildung des ehemaligen Stadtschlosses der Hohenzollern empor und wird in wenigen Jahren als Humboldt-Forum dem Zentrum der Stadt ein neues Antlitz und eine neue Bestimmung geben. Dennoch sei unvergessen, dass im Palast der Honecker-Ära die entscheidenden Beschlüsse für das vereinigte Deutschland gefasst wurden. Heute sind Wissenschaft und Technik zwar in der Lage, einen Saal, in dem der Kaiser einst gefrühstückt hat, unbeschädigt an einen anderen Ort zu befördern und in neue Bauwerke einzugliedern (siehe Anhang), doch den Plenarsaal der Volkskammer zu erhalten, hätte möglicherweise den Ruhm einer Bonner Regierungsäre, die die Einheit an ihre Fahne geheftet hat, geschmälert. Hier eine kleine museale Erinnerung an den Ort, an dem  am 23. August 1990 der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland beschlossen wurde, den Palast der Republik.

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Blick in den Volkskammer-Saal, als alles seinen „sozialistischen Gang“ ging

Im März 1973 beschloss das SED-Politbüro den Bau eines Palastes der Republik auf dem Marx-Engels-Platz, dem früheren Standort des 1950 weggesprengten Stadtschlosses der Hohenzollern-Dynastie. Bereits im August 1973 begannen die Tiefbauarbeiten. Zum Beschluss über den Bau gehörte, dass die Volkskammer der DDR, die bis dahin über kein eigenes Gebäude verfügte und vorübergehend in einem alten Hörsaal in der Luisenstraße sowie später in der Kongresshalle am Alexanderplatz getagt hatte, mit einem eigenen Plenarsaal künftige Nutzerin das Palastes sein würde.

PalastOffizieller Werbeprospekt

Bauherr des Gebäudes, für dessen Errichtung keine Ausschreibung erfolgte, war die Partei- und Staatsführung der DDR. Das Ziel bestand darin, den 9. Parteitag der SED im Mai 1976 in dem neuen Gebäude abzuhalten. Chefarchitekt wurde mit Heinz Graffunder einer der profiliertesten Architekten der DDR, die Gesamtleitung des „Sonderbauvorhabens“ hatte Erhardt Gißke. Die Baukosten wurden angegeben mit rund 500 Millionen Mark, Insider sprechen jedoch von einer Summe, die nahe an die Milliarde reicht.

PdR2Links der in den Palast integrierte Plenarsaal der Volkskammer, in dem der Beitritts-Beschluss gefasst wurde

Mit Hilfe von Soldaten der NVA wurde zunächst eine 180 m lange, 100 m breite und 12 m tiefe Baugrube ausgehoben. Am 2. November 1973 nahm Erich Honecker die Grundsteinlegung vor. Richtfest wurde bereits ein Jahr später am 18. November 1974 gefeiert. Nach rund 1.000 Tagen Bauzeit wurde der Palast am 23. April 1976 mit einem Fest der Erbauer eröffnet. Ab 25. April 1976 war das „Haus des Volkes“, wie er gern umschrieben wurde, der Öffentlichkeit zugänglich. Angebliche Spitznamen wie „Palazzo protzi“ oder „Erichs Lampenladen“ entsprangen der Fantasie von Journalisten, wurden aber im Alltag nie verwendet.

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Der Große Saal des Palastes diente als Ort für große Kulturveranstaltungen. Hier fanden u.a. auch der 9., 10. und 11. SED-Parteitag, FDJ-Parlamente und FDGB-Kongresse statt. Der auf dem neuesten Stand der Technik gestaltete Große Saal hatte die Form eines symmetrischen Sechsecks, war 67 Meter breit und 18 Meter hoch. Hubeinrichtungen ermöglichten verschiedene Höhen der Bühne für die unterschiedlichsten Zwecke. Sechs schwenkbare Parkettteile, abzusenkende Deckenplafonds und flexible Trennwände ermöglichten eine äußerst variable Gestaltung für 1.000 bis 4.500 Besucher. Im Großen Saal wurden viele Aufzeichnungen des DDR-Fernsehens mit zahlreichen Weltstars vorgenommen. Zu ihnen gehörten Santana, Harry Belafonte, Mireille Mathieu, Katja Ebstein, Miriam Makeba, Helen Schneider, Hermann van Veen, Mikis Theodorakis, Mercedes Sosa, Udo Lindenberg…

PalastAMeine erste Eintrittskarte

Im Haus gab es ein breites gastronomisches Angebot von der Milchbar, dem Espresso und der Moccabar über ein Lindenrestaurant, das Spreerestaurant und das Palastrestaurant bis zur Foyerbar, zur Bier- oder Weinstube, zum Jugendtreff mit Disco und zum Spreebowling. Eine Gemäldegalerie mit Werken namhafter Künstler der DDR fand das besondere Interesse vieler Besucher. Ein „theater im palast“ (TiP) in der 5. Etage bot Inszenierungen klassischer Theaterstücke aber auch Gegenwartsdramatik, musikalisch-literarische Abende, Kammer- und Gitarrenkonzerte oder Schriftstellerlesungen.

PdRFoyerBlick in das Foyer des Palastes der Republik mit der gläsernen Blume

Der Palast hatte 1.800 Angestellte, die in den Jahren von 1976 bis 1989 rund 60 Millionen Besucher empfingen, betreuten und bewirteten.

Die Volkskammer der DDR hatte im Palast einen eigenen Trakt. Er befand sich auf der linken Seite gegenüber dem Berliner Dom und verfügte über 787 Plätze, davon 541 Plätze im Parkett für Abgeordnete und Präsidium, 246 Plätze standen im Rang für Gäste zur Verfügung. Jeder Abgeordnetensitz war mit einer Schreibplatte, einem Fremdsprachen- und Mikrofonanschluss sowie einem Konferenzlautsprecher ausgestattet. Die ehrenamtlich tätigen Abgeordneten trafen sich nur zwei- bis dreimal im Jahr zu Plenartagungen, in denen sie die von der SED vorgegebenen Beschlüsse durch Handzeichen in Gesetzesform brachten. Gegenstimmen gab es nicht, nur einmal, als der so genannte Abtreibungsparagraph behandelt wurde, aber da waren sie zum Vorzeigen für die Kirchen organisiert.

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Als Anstecknadel ist das Haus der Volkskammer noch ganz gut erhalten

Die Abgeordneten hatten auch keine Arbeitszimmer, lediglich dem Präsidenten der Volkskammer stand ein solcher Raum zur Verfügung. Auf beiden Seiten des Plenarbereichs befanden sich sechs variabel teilbare Konferenzräume, so dass den Fraktionen und Ausschüssen insgesamt zwölf Räume zur Verfügung standen.

Die demokratisch gewählte DDR-Volkskammer, die aus den Wahlen vom 18. März 1990 hervorgegangen war, ratifizierte am 18. Mai 1990 in ihrem Plenarsaal im Palast der Republik den Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der Bundesrepublik Deutschland.
Am 23. August 1990 beschloss die Oberste Volksvertretung der DDR ebenfalls im Palast der Republik den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik  zum Geltungsbereich des Grundgesetzes  und führte somit die Einheit Deutschlands herbei.

Auf Anordnung der Bezirkshygieneinspektion Berlin und auf Beschluss des Ministerrats der DDR wurde der Palast der Republik aufgrund von Asbestkontamination am 19. September 1990 geschlossen. Besucher aus der Politik, vornehmlich aus der alten Bundesrepublik legten sich demonstrativ wie ebenso dümmlich einen Mundschutz an, wenn sie den Palast besichtigten. Bei einem Besuch im ICC verzichteten sie bis heute auf solchen Utensilien, wenngleich auch das ICC mit großen Mengen Asbest erbaut wurde.

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Die Reste des Palastes der Republik im Jahr 2008

Im November 1998 wurde mit der Asbestbeseitigung des Palastes begonnen, der in den Siebzigerjahren ebenso wie das ICC nach einem englischen Verfahren mit Asbest als Bandschutzmittel versehen worden war. 2006 beschloss der Bundestag den Abriss des Palasts der Republik, dessen Demontage unmittelbar begann und im Jahr 2009 abgeschlossen wurde.

Die insgesamt 78.000 Tonnen des abgetragenen Baumaterials wurden neuen Verwendungszwecken zugeführt. Der schwedische Stahl der Grundkonstruktion wurde eingeschmolzen und in die Vereinigten Arabischen Emirate verkauft, wo er in Dubai für den Bau des 830 Meter hohen Wolkenkratzers Buri Khalifa (163 Etagen) Verwendung fand. Weiterer Stahl wurde von VW für den Bau von Motorenblöcken des Golf VI verwendet.

(Anhang:

Der gut erhaltene Kaisersaal aus dem einst berühmten Grand Hotel Esplanade, in dem Kaiser Wilhelm II. exklusive Herrenabende veranstaltete und das im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört worden war, wurde im März 1996 um 75 Meter verschoben und in das Sony-Center integriert. Möglich war das dank moderner Technik mit Computersteuerung und einer Luftkissen-Konstruktion. Die Kosten für den spektakulären „Umzug“ betrugen umgerechnet rund 50 Millionen Euro. Der ebenfalls noch erhaltene Frühstückssaal des Hotels wurde in 500 Einzelteile zerlegt und später wieder zusammengebaut.)

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