Meine Zeit als Schütze Arsch

1956 wurde in der DDR die Nationale Volksarmee gegründet. Mühevoll wurde eine Stärke von 100.000 Mann angestrebt. Erst mit Einführung der Wehrpflicht 1962 wurde eine Truppenstärke von 170.000 erreicht. Aber da gehörte ich schon nicht mehr dazu.

Bevor im Januar 1962 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, hatten die Werber der Wehrkreiskommandos alle Hände voll zu tun, die Truppenstärke der NVA auf hunderttausend Mann zu halten. Mich suchten sie Anfang 1958 im Erfurter Funkwerk auf, wo ich in einem Forschungslabor an Fernsehröhren experimentierte und die 18 erst noch vor mir hatte.

Ich hatte als ausgebildeter Chemiefacharbeiter die Böden der Glaskolben von innen so zu beschichten, dass sich darauf später einmal die Konturen von Fernsehbildern abzeichnen würden. Die Kunst bestand darin, die angesetzte Brühe so aus der Röhre zu kippen, dass der auf der Flüssigkeit schwimmende Film faltenlos an der Mattscheibe hängen blieb und die abgesetzte gelbe Farbschicht fixierte.

Dreimal hatten mich die Werber zu Gesprächen gebeten. Sie priesen meine proletarische Herkunft, die zur Militärkarriere geradezu verpflichte. Wenn ich soweit sei, würde ich mich melden, gab ich an und zeigte kein Verständnis dafür, schon jetzt die Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen. Noch wollte ich sie mehren helfen. Enttäuscht ließen sie von mir ab.

Einige Wochen später zog ich nach dem Motto „Dann hast du es hinter dir!“ mit einem Köfferchen in die Erfurter Löberfeldkaserne und wurde unter der Truppenfahne einer Spezialeinheit für chemische und atomare Aufklärung im Korridor unseres Quartiers vereidigt. Zur feierlichen Einstimmung brüllte der Spieß laut durch den Flur. „Schuster, machen Sie mal die Scheißhaustür zu.“

Als das erledigt war, musste ich die Fahne berühren und schwören, mein Vaterland „unter Einsatz meines Lebens“ zu verteidigen. Nach Einführung der Wehrpflicht vier Jahre später wurde der Schwur geändert, da genügte es, dem Vaterland treu zu dienen. Man durfte leben bleiben.  

Die „Grundausbildung“ hielt ich mir weitgehend vom Hals. Warum sollte ich über Holzwände klettern und unter Drahtverhauen entlang kriechen? Meine Finger waren durch die Arbeit in den Laboratorien so mitgenommen, dass ich sie auf ärztliche Anordnung sorgfältig pflegen, regelmäßig cremen und in Verbände legen musste. Fortan lief ich mit „weißen Handschuhen“ durch die Gegend, war also nur bedingt einsatzfähig und arbeitete zeitweise in der Bibliothek für Dienstvorschriften. Bei den unumgänglichen Schießübungen gelang es mir, die Kalaschnikow mit ausklappbarer Armstütze so zu halten, dass sie zumindest die Zielscheibe traf.

Das musste genügt haben, dass der Politstellvertreter im Range eines Hauptmannes meinte, die SED sei wie geschaffen für mich. Tagelang führte er mit mir während der Grundausbildung politische Gespräche. Es schien, als habe er eine Angel ausgeworfen und testete, bei welchem Köder ich anbeißen würde. Ich tat mich schwer, seinen Würmern zu folgen, denn je länger unserer Gespräche dauerten, umso seltener musste ich marschieren.

Die letzte Rettung, mich den Werbungen des Hauptmannes zu entziehen, war die Bibel. Als Richtschnur meines Handelns pries ich die zehn Gebote, legte das Neue Testament auf meinen Nachttisch und verlangte, sonntags zum Gottesdienst gehen zu dürfen. Alles wohlüberlegte Dinge, die man mir nach menschenrechtlichem Ermessen nicht abschlagen konnte. Nach langen Gesprächen einigten wir uns darauf, dass ich das Neue Testament unter die Socken schiebe und auf den Kirchgang verzichte. Alle Seiten waren zufrieden, bis ein Lapsus den Zorn des Politoffiziers für immer und ewig auf mich zog.

Kurz vor einem Appell bemerkte ich an meiner Uniformjacke einen fehlenden Knopf. Ich steckte einen Reserveknopf in das Loch und schob durch die Metallschlaufe der Rückseite ein SED-Abzeichen mit langer Nadel aus meinem Nähbeutel. Mein Vater hatte es mir geschenkt, falls ich doch einmal schwach werden sollte. Der Politnick bemerkte den abstehenden Knopf und sah, als er lächelnd den alten Trick entlarven wollte, den andere mit einem Streichholz praktizierten, das verhängnisvolle Corpus Delicti. Sein Blick verfinsterte sich, vor versammelter Kompanie hagelte es eine Standpauke über die Verunglimpfung von Symbolen der Partei der Arbeiterklasse. Bei ihm hatte ich es bis in die Steinzeit verschissen. Als ich bald darauf ganz unvermittelt meine Bereitschaft zur Mitgliedschaft in der SED bekundete, ließ der Parteisekretär abstimmen. 28 von 32 Genossen stimmten mit Nein. Das hatte ich davon.

Kurze Zeit später landete ich im Armeeknast, der sich damals auf dem Erfurter Petersberg befand, weil ich zusammen mit dem Bruder des Hauptfeldwebels die Ausgangszeit erheblich überschritten hatte. Eigentlich hatte ich nur auf ihn gewartet, weil er nicht von seiner Freundin loskam. Doch ich nahm die Schuld auf mich, denn im Gegensatz zu mir wollte er Unteroffizier werden. Drei Tage Arrest sollte ich absitzen. Als ich mich nach drei Stunden aus der Arrestanstalt zurückmeldete, glaubte mein Kompaniechef ein Gespenst zu sehen, das mir ähnelte. Ein Unteroffizier im Arrest hatte mich beim Gang in die Zelle treppauf angebrüllt, ich möge gefälligst rennen. „Tut mir leid“, sagte ich, „meine Füße sind ebenso beschädigt wie meine Hände. Ich kann nicht schnell laufen. Besonders Treppen machen mir zu schaffen. Und dann muss ich alle zwei Stunden Augentropfen gegen eine chronische Bindehautentzündung nehmen.“

„Wir sind hier nicht im Lazarett“, brüllte der Schleifer, „im Gegenteil.“ Er brachte mich zu einem Feldscher, der mit meinen damaligen und kurzzeitigen Haut- und Augenproblemen total überfordert war. Also fuhr man mich als „arrestuntauglich“ zurück in die Kaserne. Sie konnten mich nicht einmal richtig bestrafen.

Danach endete meine Zeit als „Schütze Arsch“ vorzeitig im Militärlazarett in Gotha. Zwischen einem Haufen lebenslustiger Burschen in der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten schien ich der einzige mit Hautproblemen gewesen zu sein, denn niemand wollte wissen, wie ich sie mir zugezogen hatte. Alle anderen berichteten ausführlich über solche Details.

Für diese Kumpels war ich ein Aussätziger.

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Tietelbild Geschichten

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