Bauen in der DDR – als Legende untauglich

Wenn in der DDR so genannte Volkswahlen vor der Tür standen und die Bürger die Gelegenheit nutzten, um in erwartungsvoller Hoffnung ihren Frust über die haarsträubende Wohnungsmisere zu äußern, schlug der Staat zurück. Zum Beispiel mit Zahlen und Fakten, die mehr verdrängten als offenbarten. Und dann mit einem Wohnungsbauprogramm, das am Ende nicht mehr zu bezahlen war, das Land weiter in die Schulden trieb, so dass es – wie Anfang der Achtzigerjahre – so gut wie zahlungsunfähig wurde und erst mit bundesdeutscher Milliarden-Hilfe überlebte.

Der Unmut über die Wohnungssituation in der „Hauptstadt der DDR“, also in Ostberlin, war fünf Jahre nach Honeckers Krönung zum SED-Chef so groß, dass es mit Blick auf die Wahlen im Oktober 1976 „Aufklärungsarbeit“ zu leisten galt. Über erkennbar schlechte Wohnungsverhältnisse zu meckern war schließlich kein Delikt, für das man Bürger verhören oder einsperren konnte. Aber es warf Schatten auf die „sozialistische Menschengemeinschaft“. Zumal viele Beschwerden und Eingaben Honecker persönlich trafen, der bei seinem Machtantritt 1971 verkündet hatte, die Lebensbedingungen in den Altbaugebieten zu verbessern. Dabei sollte keine Initiative der Bürger, keine Bereitschaft zum Mitwirken bei der Wohnraumwerterhaltung ungenutzt bleiben. Vielleicht hatte er nicht berücksichtigt, dass dafür auch Arbeitskräfte, Material und Baustoffe gebraucht wurden. Durch die von ihm persönlich betriebene Enteignung Tausender kleiner und mittlerer Privatunternehmen, darunter vieler örtlicher Baubetriebe, mangelte es diesbezüglich an allem.

Also musste die Propaganda Auswege schaffen. Das Berliner Bezirksbauamt bekam den Auftrag, ein vertrauliches Material zu erarbeiten, mit dem Parteisekretäre, Abgeordnete oder Kandidaten die Bürger über die Situation aufklären und für die Wahl der „Kandidaten der Nationalen Front“ gewinnen konnten. Um einen Sündenbock für das bestehende Dilemma benennen zu können, ging man in der Analyse dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vom „hinterlassenen kapitalistischen Erbe“ aus, das „schrittweise zu überwinden“ sei.

Fast eine Bankrotterklärung

Unter dem Titel „Hinweise zur Entwicklung der Altbaugebiete“ wurde mitgeteilt: „Wir verfügten in der Hauptstadt Ende 1975 über 472.000 Woh­nungen. Von ihnen wurden 144.000 seit der Gründung der DDR neu gebaut. 223.000 Wohnungen stammen bereits aus der Zeit von vor 1918. Das heißt, annähernd 50 Prozent der Wohngebäude stehen schon an die 60 Jahre oder länger. Rund 80.000 Wohnungen entstanden zur Zeit des Mietskasernen­baus der Gründerjahre des vorigen Jahrhunderts. Oftmals bieten sie nicht genügend Licht, wenig frische Luft und haben eine schlechte Bausubstanz. Von den Wohnungen in der Hauptstadt verfügen 85 Prozent nicht über Fern- und Zentralheizung, etwa 40 Prozent nicht über Bad oder Dusche, etwa 60 Prozent nicht über Warmwas­serversorgung und etwa 19 Prozent nicht über eine Innen­toilette.“

Man musste natürlich auch darauf eingehen, warum es immer noch so viele Mängel an Tausenden von Wohnungen gab. Daher das zögerliche Eingeständnis: „Der erreichte Stand bei der Instandsetzung und Instandhaltung wird von der Partei insgesamt als unbefriedigend eingeschätzt. Trotz wachsender Mittel konnten die zu reparierenden Schäden an der Wohnraumsubstanz insgesamt nicht beseitigt werden. Zurzeit wird im Wesentlichen der hinzukommende Verschleiß ersetzt, der Nachholbedarf aus der Vergangenheit jedoch noch nicht in genügendem Maße abgebaut. Um dies Schritt für Schritt zu erreichen, muss die Baurepara­turkapazität erhöht werden. Im Vordergrund stehen dabei: Die Vergrößerung der Leistungsfähigkeit und Effektivität des stadtbezirksgeleiteten Bauwesens sowie die tatkräftige Förderung des Bauhandwerks.“ Als dürftiger Beweis für diese kühne Behauptung wird angeführt, dass den Berliner Baureparaturbetrieben 1975 Kleinmechanismen für mehr als eine Million Mark zur Verfügung gestellt wurden. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Bauboom – egal was es kostet

Für den Ausgang der Wahlen am 17. Oktober 1976 hat das alles offenbar keine Rolle gespielt. 99,86 Prozent der Wähler stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front und nur 15.432, also 0,14 Prozent dagegen. In der ostdeutschen Hauptstadt waren es „nur“ 99,61 Prozent, die den aufgestellten Kandidaten angeblich ihr Ja-Wort gaben, 0,39 Prozent aber nicht. Wie viele von diesen 3.102 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern in heruntergekommenen Altbauwohnungen lebten, ist nicht überliefert. Das Fälschen der Wahlergebnisse aber schon.

Nachdem Erich Honecker sein Wohnungsbauprogramm verkündet hatte, stand er in der Pflicht. Drei Millionen neue Wohnungen sollten zumeist auf der grünen Wiese gebaut werden. Tatsächlich setzte ein Bauboom ein, wie ihn das Land noch nicht erlebt hatte. An den Stadträndern wuchsen einfallslose „Schlafsiedlungen“ aus dem Boden, die nach dem abgewaschenen Glanz billiger Farben auf den Betonplatten bald einer steinernen Einöde glichen, der es an einer adäquaten städtischen Infrastruktur fehlte.

Die Wohnungen wurden immer dürftiger

Komfort wie Dachterrassen, Aufzug und Müllschlucker in den Etagen, Parkettfußboden, Diele mit Wandschränken und Fassaden aus Meissner Keramik, wie sie in den ersten „Zuckerbäcker“-Bauten der Stalinallee zum Standard gehörten, waren nicht mehr zu bezahlen, zumal nicht bei staatlich festgelegten Mieten von 0,90 Mark pro Quadratmeter, die nur einen Bruchteil der Kosten deckten. Die Wohnungen wurden nach und nach immer kleiner, der Komfort geringer, Fliesen und Steckdosen reduziert. Der einfallsreiche Volksmund nannte sie „Arbeiterschließfächer“.

KMAllee 1998 (2)

So ähnlich präsentierten sich in vielen neuen Siedlungen der DDR die Plattenbauten 1990

Damals waren ernsthafte Wissenschaftler bis hin zur Bauakademie unablässig bemüht, mit immer weniger Material Wohnungen zu bauen. Zu Ehren von Parteitagen und Republikgeburtstagen verkündeten sie ihre Ziele und sorgten dafür, dass die Wohnungen billiger produziert wurden. Nicht etwa besser. 1980 zum Beispiel wurde eine Drei-Raum-Wohnung von 60 Quadratmetern Wohnfläche mit 2,1 Tonnen Stahl, 14,6 Tonnen Zement, 85 Quadratmeter Dämmstoff, 16 Quadratmeter Glas und 118 Meter Alu- und Kupferkabel gebaut. Ein Wettbewerbsziel bestand darin, nur noch 1,4 Tonnen Stahl und 11 Tonnen Zement je Wohnung zu verwenden.

Jeder 4. DDR-Bürger zog in die „Platte“

Am Ende der DDR lebte jeder vierte Bürger in der „Platte“, während es in den alten Bundesländern gerade mal jeder sechzigste war. Im Osten gab es zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung 300 städtische Siedlungen mit jeweils mindestens 1.000 Wohnungen aus vorgefertigten Bauelementen. Etliche davon sind inzwischen mit Milliardenaufwand „zurückgebaut“, aufgelockert, gedämmt und ansehnlich gestaltet worden. Bevor die Wohnung, in der meine Familie nahe dem Alexanderplatz wohnte, nach 1990 saniert wurde, waren die Fenster vorn und hinten so undicht, dass bei Sturm der Läufer im Korridor Wellen schlug. Die Heizungskörper waren nicht regulierbar, so dass man auch bei kaltem Wetter die Fenster öffnen musste, wenn es zu warm wurde. Der Müllschlucker war oft verstopft, der Fahrstuhl sehr anfällig, vom Boiler flog ab und zu der Drehknopf weg und die Flammen gingen aus…

KMAllee 1998 (1)

So und ähnlich sah bis in die Neunzigerjahre die einstige Vorzeigestraße Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin aus

Dennoch darf nicht übersehen werden, dass eine Neubauwohnung für viele, die in unsanierten, vom Krieg gezeichneten Häusern mit Toilette auf halber Treppe lebten, ein riesiger Fortschritt war. Denn Innentoilette, Bad oder Dusche und Fernheizung gehören ab den Siebzigerjahren zum Standard. Der Eigenheimbau war keine Alternative, weil es dafür kaum Material gab. Wer sich ein Häuschen im Grünen baute, musste schon über außerordentliche Beziehungen verfügen oder einen guten Job in der Baubranche haben.

Wunderschöne alte Stadtkerne zerbröselten

Der Bauboom hatte eine schockierende Kehrseite. Zur selben Zeit verfielen viele historischen Innenstädte mit ihrem architektonischen Reichtum aus Jahrhunderten zwischen Greifswald, Zittau und Eisenach. Während sich beispielsweise Erfurt mit monotonen Neubauten bis weit über seine alten Ränder im Norden und Süden ausdehnte, stand der historische Stadtkern, durch den bereits Martin Luther als Student gegangen ist, auf der Abrissliste. Jahr für Jahr war eine bestimmte Anzahl heruntergekommener historischer Fachwerkbauten sowie andere architektonisch wertvolle Bausubstanz aus vergangenen Epochen für den Abriss vorgesehen.

Ein Glück, dass dieser Plan nicht erfüllt wurde. Zu viele örtliche Baukapazitäten waren nach Berlin beordert worden, um neue Stadtteile wie Marzahn und Hellersdorf in den märkischen Sand zu setzen. In den späten Achtzigerjahren waren es auch die Proteste aufgebrachter Bürger und Denkmalschützer, die den Abriss verhinderten. Im Oktober 1989 lautete eine Forderung der Montagsdemos in Erfurt: „Rettet die Altstadt!“.

SAMSUNG DIGITAL CAMERA

Cafe am Fischersand in der Erfurter Altstadt. Viel wäre davon ohne die friedliche Revolution 1989 nicht geblieben.

Wer heute durch das traumhaft schöne, denkmalgeschützte Zentrum von Erfurt spaziert, dem muss in Erinnerung an die einstigen Abrisspläne nachträglich noch übel werden. Selbst als Einheimischer ahnte ich damals nur, welche wunderbaren Fassaden, welche Schätze spätmittelalterlicher Baukunst sich in den heruntergekommenen Bauten und hinter dem Grau von Jahrzehnten Sozialismus verbargen.

Mehr über die Jahre der DDR in
“Geschichten aus 14.970 Tagen und einer Nacht”
(als eBook bei Amazon, Kindle-Edition)

Tietelbild Geschichten

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Historisches

Eine Antwort zu “Bauen in der DDR – als Legende untauglich

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s