18. Weihnachten und die alten Säcke

Weihnachten 1985 stand vor der Tür. Während der Vorbereitungen auf den familiären Stress der friedlichen Feiertage traf mich ein Auftrag wie aus heiterem Himmel. Ich solle über Weihnachten mit Kurt Hager, dem Ideologiepapst des SED-Politbüros, zur Einweihung einer von der DDR gebauten Brauerei nach Kuba fliegen und für die Medien darüber berichten. Bei aller Freude über den Geburtstag des Heilands – eine fast komplette arbeitsfreie Woche! – flogen wir ausgerechnet am Dienstag, dem Tag des Heiligen Abends, über den Atlantik in Richtung der Karibikinsel unseres großen Freundes Fidel Castro.

Die Brauerei steht in Camaguey, wohin wir von Havanna mit einer einheimischen russischen Transportmaschine im Kofferraum oder wie sich der große Raum hinter der Pilotenkabine auch nennen mag, angstvoll weiterflogen. In Camaguey hörte ich mir übrigens eine vierstündige Rede Castros an, in der er meiner eigenen Behauptung neue Nahrung gab, dass Bier ein Grundnahrungsmittel sei.

Nun gut, die Überraschung gab es aber schon auf dem Hinflug nach Kuba in der luxuriös ausgestatteten Regierungsmaschine IL 62 mitten über dem Atlantischen Ozean. Etwa zu der Zeit, in der zu Hause die Bescherungen vollzogen wurden, marschierte der alte Marxist Kurt Hager mit einem kleinen beleuchteten Weihnachtsbaum in der rechten Hand großväterlich durch die Sondermaschine und wünschte uns als seiner Begleitung ein frohes Weihnachtsfest. Er schlug vor, gemeinsam ein Weihnachtslied zu singen. Da wir im Flugzeug saßen, meinte er noch, es müsse ja nicht unbedingt „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ sein.

Auf unsere Plätzen, wo gewöhnlich eine Schachtel HB oder eine andere westliche Zigarettensorte lag und aus eben jener Richtung Säfte, Bier oder etwas ähnlich Schmackhaftes serviert wurde, hatte der SED-Chefideologe große Weihnachtsmänner ebensolcher Herkunft auslegen lassen. Er scheute sich auch nicht, uns dafür  einen guten Appetit zu wünschen. In Produktion und Handel der DDR hatte man Mühe mit den richtigen Bezeichnungen solcher Figuren aus Schokolade. Die althergebrachten Engelchen zum Beispiel hießen Jahresendflügelfiguren, um ganz oben, wo beispielsweise ein Kurt Hager das Sagen hatte, nicht anzuecken.

So schizophren war der ganze Machtapparat – nicht nur zu Weihnachten. Die Weihnachtspyramide war beispielsweise ein “thermisches Flügelkaraussel“. Ein Rind war nicht einfach ein Rind, eine Kuh oder ein Ochse, sondern eine „Raufutter verzehrende Großvieheinheit, RVG“. Ein Sack war nicht einfach nur ein Sack, wie ihn die Menschheit seit Jahrhunderten kennt, ein Sack war ein „Transportabler Schüttgutbehälter“, Särge wurden als  „Erdmöbel“ bezeichnet und Briefträger in den vielen neuen Schlafstädten am Rande der Großstädte waren „Neubaublockzusteller“, wenngleich sie keine Neubaublöcke, sondern Briefe und Zeitungen zustellten. Walter Ulbrichts Mauerwerk in Richtung Westberlin war nicht einfach eine Mauer, sondern ein „antifaschistischer Schutzwall“. Und so weiter.

Privat war natürlich ein Sack immer ein Sack. Wer haut einem alten Kumpel schon auf die Schulter mit den Worten „Na, du transportabler Schüttgutbehälter!“. Und eine Mauer blieb immer eine Mauer,  bis schließlich mit der Mauer auch die alten Säcke verschwanden und die seltsamsten Wortschöpfungen aus dem Amts- und Propaganda-Deutsch getilgt wurden.

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