Die Mär vom Antifaschismus

 

Vor aller Welt gab sich die DDR als der wahre antifaschistische deutsche Staat aus. Doch die ganze Wahrheit sah anders aus. Deutsche Antifaschisten wurden in der DDR verfolgt, eingesperrt, des Landes verwiesen, ihre Organisation verboten.

Wann immer Zweifel am politischen System aufkamen, hatte man in jungen Jahren das Gefühl, politisch nicht ausreichend gebildet zu sei, um all die Dinge zu begreifen, die einen umtrieben. Du musst das dialektisch sehen, hieß es ohne große Erklärung, und man grübelte über das Besondere einer dialektischen Sicht. Vielleicht sorgte auch das anerzogene Minderwertigkeitsgefühl, ein wichtiges aber ganz kleines Teilchen in der Masse zu sein, dafür, dass man sich dumm vorkam, nicht nachfragte und lieber den Mund hielt. In Diktaturen – und vielleicht nicht nur da – ist so etwas willkommen und beugt der Aufmüpfigkeit vor.

Aber Fragen beantworten sich nicht von selbst, man trägt sie lange mit sich herum. So wie jene über die alten Genossen, die ich in jungen Jahren als Journalist in der DDR kennenlernte. Sie gehörten mehreren Opferverbänden an, die in politisch-ideologischer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus standen und sich zur Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) organisierten. Mit Argusaugen verfolgten sie im Osten die Politik in ihrer neuen, antifaschistischen Heimat, deren Machthaber von Ulbricht bis Pieck während der Nazizeit im Ausland sicher „überwintert“ hatten und nun von Stalins Gnaden regierten.

Mich irritierte zunächst ihre kritische Sicht auf die DDR und ihre Spitzenfunktionäre. Viele Mitglieder der VVN, darunter auch zahlreiche Juden, die vor der Nazidiktatur ins westliche Ausland geflohen waren, misstrauten den Stalinisten um Ulbricht. Sie wussten, wofür sie gekämpft, dem Tod ins Auge geschaut hatten und beobachteten die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Ihr Schicksal hatte viele von ihnen hart, kompromisslos und zugleich sensibel für vorgetäuschten Antifaschismus und Missbrauch einer falsch verstandenen „Diktatur des Proletariats“ gemacht.

In unseren Gesprächen hielten sie nicht hinter dem Berg mit ihrer Meinung. Sie konnten sich nicht anfreunden mit den Herrschaftsmethoden der SED-Führung. Beispielsweise war die Aufnahme von mehr als 70.000 ehemaligen NSDAP-Mitgliedern in die SED der schäbige Versuch, den Einfluss der alten Kommunisten ebenso wie der ehemaligen SPD-Mitglieder in der SED zu neutralisieren bzw. zurückzudrängen. Bis hinein in die Volkskammer wurden die ehemaligen Nazis willige und manipulierbare Gefolgsleute der SED-Führung. Während in den Fünfzigerjahren im Osten mit Fingern auf den Bundestag in Bonn und die  braune Vergangenheit vieler seiner Mitglieder gezeigt wurde, war mehr als jeder dritte Abgeordnete der Volkskammer ein ehemaliger Nazi.

Der ehemaliger Leiter einer VVN-Dienststelle Gerhard Söldner, der später als Verlagsmitarbeiter in der   von mir geleiteten Kreiszeitung in Apolda gehörte, hatte mich mit einigen der ehemaligen, einst sogar zum Tode verurteilten Antifaschisten bekanntgemacht. Bei diesen Begegnungen wurden mir die Augen über den Umgang mit den wahrhaft patriotischen Menschen geöffnet. Zunächst traute ich meinen Ohren nicht.

Offen und ehrlich nannten sie das Unrecht beim Namen. Sie waren den Allgewaltigen im SED-Politbüro als allzu ehrliches, kritisches und unwillkommenes Korrektiv ein Dorn im Auge. Sie waren keine Ja-Sager und katzbuckelten auch nicht. Sie bemängelten stalinistische Methoden der Parteiführung der SED, die sich als Alleinherrscher über alles, was in der DDR geschah oder zu geschehen hatte, rücksichtslos erhob. Wer einmal ein Todesurteil überlebt hat – zum  Beispiel Robert Havemann – den trieb so leicht nichts in die Enge. Dagegen half der SED nur die Zerschlagung der Vereinigung, aus der diese erfahrenen Kämpfer ihre Kraft schöpften. Im Frühjahr 1953 wurde zugeschlagen.

Auf Weisung des SED-Politbüros wurden über Nacht die VVN-Kreis- und Bezirksbüros geschlossen und versiegelt, die Konten beschlagnahmt, viele Antifaschisten, darunter jüdische VVN-Mitglieder als zionistische Agenten verhaftet oder ins Ausland vertrieben, darunter Volkskammerabgeordnete und Regierungsmitarbeiter, die den Staat mit aus der Taufe gehoben hatten. Die Vereinigung wurde kurzerhand und ohne vorherige Aussprache verboten.

Am 21. Februar 1953, einen Tag vor ihrem sechsjährigen Bestehen, hatte die VVN ihre Arbeit einzustellen. Die vom VVN-Mitbegründer Heinz Galinski herausgegebene jüdische Zeitschrift „Der Weg“ wurde verboten. An die Stelle der VVN trat ein von der SED gesteuertes und finanziertes Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer.

Ein Jahr zuvor hatten Pieck und Ulbricht mit geheuchelten Elogen noch Kampfesgrüße zum fünfjährigen Bestehen übermittelt.  Da wurde noch betont, dass diese Vereinigung  aus „den antifaschistischen Vorkämpfern der verschiedensten politischen und religiösen Auffassungen“ (!) besteht. Franz Dahlem, der das KZ Mauthausen überlebte, die Vereinigung mitgegründet hatte und dem Politbüro angehörte, wurde aus dem Politbüro entfernt und aller seiner  Ämter enthoben.

Das war die Situation kurz vor dem 17. Juni 1953.

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