Wie Honecker mit Lassalle die SPD austricksen wollte

Ferdinand Lassalle sollte Lockvogel für die DDR-Hauptstadt sein

Am 11. April 2015 jährte sich der 190. Geburtstag von Ferdinand Lassalle. Bevor vierzig Jahre zuvor sein 150. Geburtstag begangen wurde, wollte SED-Chef Erich Honecker Anfang 1975 das Grab des Begründers der deutschen Sozialdemokratie zu einer Pilgerstätte deutscher und internationaler Sozialdemokraten machen. Damit sollte verhindert werden, dass westliche Politiker – wie beispielsweise Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 – bei Besuchen in der DDR einen Aufenthalt in Ostberlin als der Hauptstadt der DDR umgehen konnten.

Diese Vermutung drängt sich auf wenn man weiß, dass Erich Honecker ernsthaft bemüht war, das Grabmal Ferdinand Lassalles (1825-1864) vom jüdischen Friedhof im polnischen Wroclaw (Breslau) nach Berlin umzusiedeln. In seiner Sitzung am 5. Februar 1975, zwei Monate vor Lassalles 150. Geburtstag, war die Verlegung der bis dahin in der Volksrepublik Polen wenig gepflegten Grabstätte in die DDR ein streng geheimer Tagesordnungspunkt des Politbüros, dem höchsten Führungsgremium der SED.

Unmut unter Intelektuellen

Als neuer Standtort für die Grabanlage, kunstvoll aus großen dunklen Marmorblöcken gebaut, war der Dorotheenstädtische Friedhof vorgesehen. Dicht an der Berliner Mauer gelegen, hätte er mitsamt dem „antifaschistischem Schutzwall“ zum Anziehungspunkt der Sozialdemokraten werden sollen, die bei DDR-Besuchen kaum umhingekommen wären, ihres großen Vorbildes an dessen Grab zu gedenken.

Auf dem Dorothenstädtischen Friedhof, der seit Jahrzehnten vor allem namhaften Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern vorbehalten ist, sind Größen wie Hufeland, Schinkel, Schadow, Heartfield, Hans von Dahnanyi, Brecht, Weigel, Bonhoeffer und viele andere beerdigt. Da die Platzkapazität beschränkt ist, waren viele Persönlichkeiten, die sich zu Lebzeiten bereits um einen Platz bemühten, mit Absagen enttäuscht worden. Nachdem Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann SED-Chef Honecker darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass es in entsprechenden Kreisen Unverständnis über die Umbettung eines Grabes aus Wroclaw auf diesen Friedhof gäbe, gab Honecker klein bei, um nicht den Unmut weiterer Intelektueller auf sich zu ziehen.

„Ausweichquartier“ Friedrichsfelde

Der SED-Chef entschied neu, dass für Lassalle ein geeigneter Platz in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde auszuwählen sei. Das mag ihm einige Überwindung gekostet haben, weil Ferdinand Lassalle in der ostdeutschen Geschichte der Arbeiterbewegung im Gegensatz zu August Bebel und Wilhelm Liebknecht nur eine Nebenrolle spielen durfte. Schließlich sollte Lassalle zwischen den sozialdemokratischen Reichstagabgeordneten der Weimarer Republik Adolf Braun und Hermann Müller-Franken, der zeitweilig auch Reichskanzler war, beigesetzt werden.

Letztlich musste das größenwahnsinnige Unterfangen der SED-Führung scheitern. In der Volksrepublik Polen war das lange Zeit vernachlässigte Grabmal möglicherweise auf Druck von Sozialdemokraten aus der Bundesrepublik Deutschland inzwischen unter Denkmalschutz gestellt worden. Außerdem hatten die Breslauer keinerlei Grund, einen der berühmtesten Söhne ihrer Stadt „auszubürgern“, wie es in der DDR selbst mit lebenden Mitbürgern praktiziert wurde.

Am 23. Juli 1975 wurde der Politbürobeschluss über die Umbettung des geistigen Vaters der deutschen Sozialdemokratie in die Hauptstadt der DDR zurückgenommen.

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