Der Streit um die „Volksbühne“ eskaliert

Die Zweckbestimmung des Theaters geht auf seine Gründer zurück

Will der derzeitige Berliner Kultur-Staatssekretär, Tim Renner, die Volksbühne nach Castorfs Abgang tatsächlich zu einem „Event-Schuppen“ (Peymann) umfunktionieren? Mehrere Intendanten großer deutscher Theater warnen in einem in der „Berliner Zeitung“ abgedruckten Brief an Renner vor einer solchen Entwicklung, die diese berühmte Bühne – zu Beginn des vorigen Jahrhunderts aus Arbeitergroschen finanziert – entweihen würde. Die Geschichte der Volksbühne sowie ihre Zweckbestimmung sind untrennbar verbunden mit ihrer Entstehung, die so einzigartig ist wie ihr nationales und internationales Renommee.

Die Einweihung des Hauses am einstigen Bülowplatz fand am vorletzten Tag im Kriegsjahr 1914 statt. Ausgewählt war Goethes „Götz von Berlichingen“, geprobt wurde im Theater am Schiffbauerdamm. Doch bei einer Dekorationsprobe am 29. Dezember vor Ort hatte ein Unfall die „Götz”-Vorstellung vereitelt. Ein Gerät, mit dem das Versenken und Drehen eines Teils der Bühne erfolgte, war gebrochen. Man hätte die Gäste wieder nach Hause schicken oder ein technisch weniger anspruchsvolles Stück des Neuen Operetten-Theaters auszuwählen müssen. Man entschied sich für Letzteres. So wurde die Volksbühne mit Björnsons Lustspiel „Wenn der junge Wein blüht“ eröffnet.

Volksbühne

Volksbühne am damaligen Bülowplatz 1914, Innenraum, Baumeister Oscar Kaufmann

Vor der Aufführung am 30. Dezember trat der Dramaturg und Theaterkritiker Julius Bab vom Verein der Freien Volksbühne an die Rampe, um der festlichen Versammlung, darunter Oberbürgermeister Wermuth und Repräsentanten des geistigen und künstlerischen Lebens sowie aus Wirtschaft und Politik, Kenntnis von dem Unfall und der Notwendigkeit der Spielplanänderung zu geben „Dies Haus“, so sagte er, „gehört so wahrhaft dem Volke, wie kein anderes, der Kunst geweihtes Gebäude in der ganzen Welt.“ Er betonte, dass die Groschenbeiträge von 50.000 Kunstenthusiasten aus der Arbeiterschaft den Bau finanziert hätten.

Julius Bab  GeorgSpringer

Julius Bab und Georg Springer, führende Köpfe der Bewegung Freie Volksbühne

Georg Springer, namhafter Verleger und maßgeblicher Initiator der Volksbühne, schrieb in der Zeitschrift des Vereins: „Nie und nirgends in der Welt hat das Volk in dieser Weise tätig am geistigen Leben mitgearbeitet, nie und nirgends so stark sein Verlangen nach geistigem Besitz gezeigt wie hier … Das Volk schuf dieses Werk. Denn die Aufbringung des Bauvermögens, das war die Tat! … Und deshalb ist dies Haus niemandes Werk, nie­mandes Verdienst, es ist im vollsten Sinne des Wortes: vom Volk geschaffen … Wir aber wollen ans Werk gehen, wollen mit Zuversicht und Inbrunst wirken, solange die Kraft reicht, dass dieses Haus werde, was bei seiner Planung versprochen wurde: eine Pflegstätte der Kunst vorbild­licher Art, ein Eckstein für alle künstlerischen Bestrebungen des Volkes!“

Vielleicht sollte Castorf als letztes Stück seiner Intendanz speziell für den Berliner Senat den „Götz von Berlichingen“, laut und deutlich, inszenieren.

artibelvb

Die Volksbühne hat es sich nie leicht gemacht mit ihrem Verständnis für Kunst und Volksverbundenheit.  Das zeigt auch der obige Artikel in der Beilage der „Die Welt am Abend“ vom 22. März 1929

Volksbühne210616

Ein Artikel in der „Berliner Zeitung“ am 21. Juni 2016:

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