„Sozialistischer Frühling“ in der DDR

So siegten die „sozialistischen Produktionsverhältnisse“ auf dem Land

Die SED befahl 1952 die Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in der DDR. Ihre Gründung erfolgte repressiv auf angeblich freiwilliger Grundlage. Doch der Druck war so groß, dass ein Widersetzen fast unmöglich war und Tausende Bäuerinnen und Bauern, die mit ihrem Acker seit vielen Generationen eng verbunden waren, außer Landes und schlimmstenfalls in den Selbstmord getrieben wurden. Im April 1960 war es soweit: Die SED sprach zynisch von der „Bauernbefreiung“.

AlleLPGAlle Fraktionen der DDR-Volkskammer, von CDU bis SED, feierten die „Bauernbefreiung“

Mein Vater nannte sich in den Fünfzigerjahren eine Zeitlang Agitator. Agitatoren trinken Alkohol und locken die Bauern in die LPG, reimte ich mir zusammen. Denn immer, wenn dies der Fall war, roch er nach Schnaps. Zu meiner Mutter sagte er über einen uns gut bekannten Bauern im Ort: „Der weiß, dass es ihn eines Tages auch trifft …“. Und dann sagte er: „Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihren russischen Kolchosen.“

Dennoch trottete mein Vater, ehemals SPD- und inzwischen zwangsvereinigtes SED-Mitglied, nach Feierabend los, um mit den Bauern zu reden, zu trinken und seinen Parteiauftrag zu erfüllen. Im Dorf kannte jeder jeden. Da stand dem Agitator ein alteingesessener Bauer näher als die Partei in der Stadt. Tradition und Parteidisziplin mussten unter einen Hut, das ging nur mit Schnaps.

Die meisten LPG waren anfangs aus ehemals kleinen Bauernhöfen entstanden, deren Besitzer ihr Land durch die Bodenreform erhalten hatten, bei der 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche entschädigungslos enteignet und neu verteilt worden waren. Der Stolz auf die eigene Scholle währte nicht lange, da wurde sie ihnen wieder abgenommen.

Unwort „Kollektivierung“

Noch im April 1952 ließ die SED Gerüchte über eine beabsichtigte Kollektivierung dementieren, doch die war längst beschlossene Sache. Dem Wort Kollektivierung hafteten die Gräueltaten der Zwanziger- und Dreißigerjahre in der Sowjetunion an, die mit Gewalt, Erschießungen und grausamen Hungersnöten verbunden waren.

Im Juli 1952 wurde die Katze aus dem Sack gelassen: Die 2. Parteikonferenz der SED forderte unter Berufung auf „werktätige Bauern“ nachdrücklich die Kollektivierung der Landwirtschaft. Als Vorbild diente die am 8. Juni, also wenige Wochen zuvor gegründete erste LPG der DDR im thüringischen Merxleben. Von nun an gab es keine Rücksicht mehr auf gegenteilige Meinungen zu diesem Thema, selbst wenn sie aus der SED-Führungsetage kamen. Die künstlich entfachte Euphorie einer Kollektivierung erfasste jeden Bezirk, jeden Kreis und jedes Dorf wie in einem Wettbewerb, in dem es um den ersten Platz geht.

„Wir kriegen sie alle!“

Jeder Kreis wollte als erster „vollgenossenschaftlich“ sein. Ich erlebte, wie Funktionäre aus Erfurt in unser Dorf kamen, um bei Gesprächen mit Bauern, die sich dem „Fortschritt“ widersetzten, zu helfen. Vorweg fuhren Lautsprecherwagen durch das Dorf, in denen FDJ-Mitglieder lauthals die Vorzüge der LPG hinaus schrien, ihnen folgten Kolonnen von Agitatoren, vor denen die Bauern kaum zu flüchten vermochten. Nach dem Besuch auf einem der Höfe sagte ein Instrukteur aus der Stadt zu meinem Vater: „Da habt Ihr einen ziemlich harten Brocken weich zu klopfen. Keine Sorge, Genosse, wir kriegen sie alle.“ Gegen Abend trank mein Vater mit dem „harten Brocken“ im Wirtshaus ein Bier, und gemeinsam schimpften sie auf die LPG und auf die Genossen aus der Stadt, die nicht wüssten, wo Barthel den Most holt. Der Bauer spendierte mir ein Bier und riet: „Werde du nur kein Bauer!“

Selbstherrlich hatte die SED 1953 den Auftrag aus Moskau ignoriert, wonach alle durch Zwang entstandenen LPG aufzulösen und alle anderen auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu überprüfen seien. Aus eigenen unheilvollen Erfahrungen gelernt, sollte vielmehr mit großzügigen Krediten die Privatinitiative in der Landwirtschaft gefördert werden. Denn mehr als eine halbe Million Hektar Land in der DDR lagen brach, und die Versorgung der Bevölkerung war nahe am Zusammenbrechen. Doch solche Ratschläge wurden ignoriert, bis schließlich im April 1960 verkündet wurde, „die sozialistischen Produktionsverhältnisse auf dem Land haben gesiegt“. Die Bauern hatten verloren. Es waren 19.345 LPG mit 962.000 Mitgliedern und rund 5,4 Millionen Hektar Land gegründet worden.

Das dicke Ende: Mangelhafte Versorgung

Auf dem Weg der Kollektivierung wurden rund 8000 Schauprozesse mit größtenteils fadenscheinigen Begründungen gegen Verweigerer inszeniert, die Furcht und Schrecken unter jenen verbreiten sollten, die sich einer LPG-Mitgliedschaft widersetzten. Zehntausende Bauern flohen in den Westen, Hunderte begingen Selbstmord. In den Darstellungen über den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 bleibt oft unberücksichtigt, dass es bereits ab 12. Juni manchenorts auf den Dörfern zu Widerstandsaktionen gegen örtliche SED-Funktionäre kam, mit denen sich die Hoffnung vieler Landwirte verband, dass die Zwangskollektivierung rückgängig gemacht wird.

Nicht berichtet wurde auch darüber, dass nach Einzug des „sozialistischen Frühlings“, wie das Jahr 1960 prosaisch beschrieben wurde, die Produktionszahlen weit hinter den Erwartungen zurückblieben. So wurden bis Ende Mai 1960 29 Millionen Tonnen Fleisch weniger als geplant abgeliefert. Frischobst und Frischgemüse gab es fast überhaupt nicht in den Geschäften und der Bedarf an Hülsenfrüchten wurde nur zu zwei Dritteln gedeckt.

Auf in die „Ernteschlachten“

Zu Beginn der Sechzigerjahre berichtete ich als junger Redakteur einer Lokalzeitung, eingeteilt für den Bereich Landwirtschaft, um den sich andere gern drückten, Tag für Tag über Ackerbau und Viehzucht im Kreis Bad Langensalza. Von der Frühjahrsbestellung bis zur Ernte schlugen wir „Schlachten“. Die SED-Kreisleitung war das Oberkommando, die Dörfer wurden zu Hauptkampflinien. In langen Artikeln forderten wir die Bauern auf, rechtzeitig die Kartoffeln in die Erde zu bringen, als wenn die das nicht besser wüssten als wir Klugscheißer.

Zehn Jahre nach dem Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft waren viele LPG in einer prekären Lage. Beispielsweise reichten die Saatkartoffeln nicht aus, um auf den vorgegeben vierzehn Prozent der Ackerfläche Kartoffeln anzubauen. In der Zeitung beschrieb ich einen Trick, wie man dem abhelfen könne. Die Kartoffeln wurden vorgekeimt, und wenn die Keime lang genug waren, wurden die Kartoffeln in mehrere Teile zerschnitten. Die Teile mit den Keimen wurden von den Bäuerinnen per Hand in die Erde gelegt.

Der Maisspleen Chruschtschows

Kurt, mein cholerischer SED-Kreissekretär, rief mir damals nach einer Sitzung zu: „Morgen früh fünf Uhr vor der Kreisleitung.“ Das war so gut wie ein Befehl. „Wir fahren auf die Dörfer, sind Mittag zurück. Kannst einen langen Bericht schreiben“, fügte er noch hinzu.

Als es soweit war, ging es zunächst auf die Felder, wo der Kreissekretär höchstpersönlich ein Thermometer in den Boden rammte. Dann fuhren wir zur Wohnung des LPG-Vorsitzenden. Er klingelte ihn aus dem Bett und hielt ihm das Thermometer unter die Nase: „Sag` mal, Genosse, warum sind deine Bauern nicht auf den Feldern?“

Zwar war der Vorsitzende kein Genosse, er war Parteifreund der Bauernpartei, doch das störte den SED-Kreischef wenig. Der erklärte dem Landwirt, dass der Boden genau die richtige Temperatur besitze, um den Mais anzubauen. Bis zu fünfzehn Prozent der Ackerfläche waren laut Planvorgabe in unserem Kreis mit Mais zu bestellen. Dann ging es ins nächste Dorf, um zu kontrollieren, ob die „Königin aller Futterpflanzen“ schon im Saatbett liegt. Doch in den Betten lagen um diese Zeit nur die Bauern. Das war Anfang der Sechzigerjahre, als Nikita Chruschtschow in Moskau noch seinen Maisspleen auslebte und seinem Lieblings-Fußballverein drohte: „Wenn Ihr verliert, lasse ich Mais in eurem Stadion anbauen!“

Chancenlos ohne freien Markt

In jenen Tagen lernte ich Ernst Großmann kennen, den Vorsitzenden der ersten LPG der DDR in Merxleben. Ein hagerer, bescheidener Mann mit glatt nach hinten gekämmten dunklen Haaren und einer freundlichen Ausstrahlung. Sein Betrieb war ein Vorzeigeunternehmen für Gäste aus aller Welt. Die LPG „Walter Ulbricht“ gehörte möglicherweise zu den wenigen, die effektiv wirtschafteten, der nur noch ein freier Markt fehlte. Die Bauern vertrauten ihrem Vorsitzenden und gewannen der Entwicklung unter solchen Bedingungen viel ab. Sie hatten feste Arbeitszeiten, Urlaub, Rentenansprüche und waren weiterhin Bauern.

Damals verfügte die Genossenschaft über 600 Hektar Ackerland, die von 138 Mitgliedern bearbeitet wurden. Der genossenschaftliche Reichtum lag bei mehr als 4,5 Millionen DM, und der Wert einer Arbeitseinheit, die auch als Grundlage für die Leistungsbewertung jedes Mitgliedes stand, wurde mit rund zehn DM abgerechnet. Das war bei weitem nicht überall so.

Ein Vorbild mit falscher Biografie

Leider nahm das Land ab 1959 wenig Notiz davon, denn Großmann hatte in einem Fragebogen seine Zugehörigkeit zur SS verschwiegen. Nach Veröffentlichungen in der Bundesrepublik darüber ließ man ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Dank seiner wegbereitenden Initiative durfte er in der SED bleiben, aber die LPG fand in den großen Zeitungen nicht mehr statt, wenngleich er ihr Vorsitzender geblieben war.

Meine Achtung vor Großmann war groß, ich habe ihn mehrfach besucht, gern interviewt und mit meinen Fragen zu landwirtschaftlichen Dingen viel von ihm gelernt. Für die zehntausend Mark, die er persönlich als „Held der Arbeit“ bekam, hatte er Waschmaschinen gekauft und für die Frauen seiner Genossenschaft einen Waschstützpunkt eingerichtet, den er mir stolz zeigte. 1965 wurde er nach 13 Jahren als Vorsitzender abgelöst. Mit der LPG ging es langsam bergab. 1990 war die zuerst gegründete LPG der DDR auch eine der ersten, die sich wieder auflöste.

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