Wie Strauß Honecker die Minen „abkaufte“

Schon Jahre vor dem Untergang der DDR wurden die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze abgebaut

Ende Juli 1985 hatte die DDR-Führung das Versprechen an den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß eingelöst: Die Minen an der innerdeutschen Grenze waren abgebaut. Es war der intern ausgehandelte Preis für den im Juni 1983 vermittelten Milliardenkredit an die DDR. Damals stand der Arbeiter-und-Bauern-Staat kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und war international kaum noch kreditwürdig. Zinsen und Tilgung für ihre Westschulden verbrauchten die gesamten Exportgewinne der DDR, die jährlich bei mehr als fünf Milliarden D-Mark lagen.

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Natürlich erfuhren die DDR-Bürger durch ihre eigenen Medien kein Wort über die tatsächliche Lage, zumal in monatlichen Lügenstatistiken stets von den großen Erfolgen bei der Planerfüllung die Rede war. Die Fälscherwerkstatt von SED-Wirtschaftssekretär Günter Mittag malte die Volkswirtschaft der DDR in den rosigsten Farben. Ein guter Grund, den Kredit vom „Klassengegner“ zu verschweigen.

Günstiges Moskauer „Tauwetter“

Das Geldgeschäft war möglich geworden, weil wenige Monate zuvor Kremlchef Leonid Breshnew gestorben war, der als Gegner jeglicher deutsch-deutscher Beziehungen ein solches Geschäft höchstwahrscheinlich verboten hätte. Die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland waren allein ihm vorbehalten. Schon die Jahre zuvor unter Ulbrichts Herrschaft inszenierten Begegnungen zwischen DDR-Regierungschef Willi Stoph und Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt und Kassel hatten nicht die Billigung Moskaus gefunden und die Ablösung des SED-Chefs beschleunigt. Breshnews kurzzeitiger Nachfolger Juri Andropow, der ein gewisses Tauwetter einleitete, war hingegen mit dem Karl-Marx-Orden, den Honecker dem Todkranken in Moskau persönlich anheftete, besänftigt worden.

Vorbereitet hatte den Kredit DDR-Staatssekretär, KoKo-Chef und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski zusammen mit Strauß, der bei einer der ersten Begegnungen das menschenunwürdige Regime an der innerdeutschen Grenze bemängelte. In den folgenden Wochen erlebten Westbesucher entlang der Grenze von Schleswig-Holstein bis Bayern ein anscheinend gewandeltes Regime, bei dem sich die DDR-Grenzer an Höflichkeit geradezu überboten. Das war wie ein Prüfstein für die Ernsthaftigkeit, mit der die DDR  in die Verhandlungen über Kredite einstieg.

Shakehand mit dem Klassenfeind

Schließlich kam die Begegnung Erich Honeckers mit dem Bayernführer im Jagdschloss Hubertusstock in der Schorfheide am 24. Juli 1983 einer Sensation gleich. Das Fernsehen zeigte Erich Honeckers Shakehand mit dem bis dahin übelsten Hetzer gegen die DDR und kältesten kalten Krieger des Westens – Franz Josef Strauß. Viele in Ost und West verstanden die Welt nicht mehr.

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BöserStrauß.pgSo sah man in der SED-Führung Franz Josef Strauß vor 1983: Kriegstreiber, Revanchist, DDR-Feind

Bei diesem „Privatbesuch“ im Schloss Hubertusstock in der Schorfheide, etwa 50 Kilometer nördlich von Berlin, wurde das Kreditgeschäft besiegelt. Honecker sagte zu, die (von ihm bis dahin stets geleugneten) Minen und Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze abzubauen, Familienzusammenführungen zu erleichtern und Kinder und Jugendliche vom Zwangsumtausch bei Besuchen in der DDR zu befreien. Im „Neuen Deutschland“ zum großen Foto auf Seite eins hingegen kein Wort zum Kredit. Zwei Politiker machten sich angesichts der NATO-Nachrüstung Sorgen um den Frieden in der Welt. „Trotz unterschiedlicher Auffassungen zu bestimmten Problemen wurde die Nützlichkeit des politischen Ost-West-Dialogs gerade in einer komplizierten Weltlage unterstrichen“, hieß es viel- und nichtssagend im Begleittext zum Foto. Zu Hause erklärte Strauß jedem, der danach fragte: „Wir wollen die DDR sicherlich mit kritischen Augen betrachten, aber die pragmatische Zusammenarbeit im Interesse der Menschen war immer unsere Politik.“ 

Übrigens: Honecker, der stets geleugnet hatte, dass es an der DDR-Grenze zur Bundesrepublik Minen gäbe, hätte die Rede seines Vorgängers Walter Ulbricht lesen sollen, als dieser 1964 vor Funktionären der SPD und des DGB sagte: „Manche Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen müssen — z. B. zur Sicherung der Grenze —, brauchten wir dann gar nicht so durchzuführen. Ja, es sind Minen an der Grenze gelegt, Minen gegen den westdeutschen Revanchismus.“

Was allerdings Strauß nicht mitgeteilt wurde ist, dass laut Minister Heinz Hoffmann „in der Tiefe des Schutzstreifens“ zuerst in den von Minen beräumten Abschnitten und schließlich über 450 Kilometer ein neuer „Grenzsignal- und Sperrzaun“ aufgerichtet wurde.

So entstanden die „Republikaner“

Im März 1984 gab es am Rande der Leipziger Messe eine erneute Begegnung Honeckers mit Strauß, bei der bereits ein erfolgreicher Zwischenbericht über die im Osten eingeleiteten Maßnahmen gegeben werden konnte. Es mag kein Zufall sein, dass Erich Honecker in der „ND“-Messeausgabe am nächsten Tagt auf 44 Fotos abgebildet ist, zumeist in Gesprächen mit westlichen Geschäftsleuten an deren Messeständen. Man war wieder zahlungsfähig, musste sich nicht verstecken!

Im Westen, insbesondere in Bayern, war der wahre Grund des überraschenden Techtelmechtels zwischen Honecker und Strauß nicht zu verschleiern, zumal auch Kanzler Kohl im Hintergrund bestens informiert und einbezogen war, denn der Bund hatte die Bürgschaft für den Kredit übernommen. Kohl hatte jedoch die Chance, seinen Konkurrenten und Widersacher etwas mehr ins Abseits zu rücken. So traf denn auch der Ärger über die Milliardenhilfe für die DDR hauptsächlich den CSU-Vorsitzenden Strauß. Er spürte das bei einer Wahlklatsche auf dem folgenden CSU-Parteitag sowie mit zahlreichen Austritten aus der CSU. Die Gründung der „Republikaner“ durch Schönhuber und Co. war eine der Reaktionen ehemaliger Parteifreunde.

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Verteidigungsminister Heinz Hoffman gab dem SED-Chef Rechenschaft über den Abbau der Minen

Ein Kredit, den es nie gab, ist zurückgezahlt

Was selten erwähnt wird: Dem Kredit folgte bald ein weiterer. Dazu schrieb der einstige Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR Gerhard Schürer in den Neunzigerjahren: „Immerhin war dieser Kredit der westdeutschen Banken mit Bundesbürgschaft, dem ein weiterer in Höhe von 950 Millionen folgte (damit dieser nicht so schlagzeilenträchtig war wie der „Milliardenkredit“), ein wichtiges Signal an die internationale Finanzwelt, das gleichzeitig die Kreditwürdigkeit und das internationale Image der DDR aufbesserte.“

Obwohl über den Milliarden-Kredit in der DDR nie berichtet wurde, verbreitet die Nachrichtenagentur ADN am 6. Dezember 1988 die ihr aus der SED-Zentrale vorgegebene Meldung: „Die DDR hat ihren 1983 aufgenommenen Milliardenkredit voll zurückgezahlt, erklärte DPA zufolge ein Sprecher der Bayerischen Landesbank Girozentrale, München. Die Bayerische Landesbank war zusammen mit der Deutschen Bank AG, Frankfurt, Korsortialführer des Kredits, der am 1. Juli 1983 in Kraft trat und vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mitinitiiert wurde. Die mittlere Laufzeit des Kredits habe bei 2,75 Jahren gelegen.“

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