Zu treuer Hand (ein Krimi)

(Auch das war die Treuhandanstalt

Vor 25 Jahren wurde in der DDR die Treuhandanstalt gegründet. Zahlen und Fakten werden zur Genüge dargestellt. Mein Beitrag besteht darin, das Typische jener aufregenden wie ebenso kriminellen Treuhandzeit an einem Beispiel zu demonstrieren, dessen Details aus vielen Fällen zusammengetragen sind.)

 *

„Unter fünf Millionen läuft nichts. Wenn schon, dann muss es sich lohnen.“

      Hans-Georg Holbein hat lange auf seinen Freund und Geschäftspartner Hasso von Dengel eingeredet. Ein Millionen-Konzept hat er ihm erläutert, ein Konzept, das Millionen einbringen soll.

    Beide sind um die 40, studierten in den siebziger Jahren zusammen Jura. Hans-Georg Holbein war nach vier Semestern abgesprungen, um in der Wirtschaft das schnelle Geld zu machen. Hasso von Dengel wurde Anwalt, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht.

    Holbein hat vor Jahren, aus Steuergründen in Zürich, eine Marketing Consult GmbH angemeldet. Mehrfach schlug er hier und da einen kühnen Haken, beruhigte einen Gläubiger mit dem Geld eines anderen. Nach und nach gründete er Tochterfirmen, so auch die H & D in Hessen. Die Firmen bestehen zumeist nur aus Adressen, die es erschweren, Transaktionen zu durchschauen. Marketing-Arbeit, Vermittlung von Geschäften, Vertrieb alles Möglichen, Innen- und Außenhandel sind seine offiziellen Unternehmensziele. Stets hielt er sich gerade mal so über Wasser. Seinen Freund Hasso von Dengel hatte er vor Jahren in den Vorstand berufen. Einmal um einen Anwalt in Reichweite zu haben und außerdem, um auch ein bisschen mit Highsnobiety zu brillieren.

    Als Generalbevollmächtigter der Holding wolle er für die hessische H & D GmbH einen Baumaschinenbetrieb bei Potsdam kaufen. „Mit der Treuhandanstalt bin ich bereits im Gespräch. Das Angebot ist günstig, der Vertrag bietet alle Möglichkeiten… Glaube mir, Hasso, die sind froh, wenn ihnen einer die Klitsche abnimmt.“

    Er schilderte dem Freund das Terrain: „15 Hektar Werksgelände, zugleich bestes Bauland in schönster Gegend. Noch läuft die Produktion, der Verkauf in Richtung Osten und Dritte Welt bringt noch paar dicke Millionen. 120 Leute arbeiten dort, aber das muss ja nicht auf ewig so sein.“

    Holbein lacht genüsslich, greift zum Glas und kippt einen Whisky hinunter. „Aber Hans-Georg, was verstehst du von Baumaschinen? Überleg` es dir gut.“ „Habe ich, bis ins Detail“, antwortet Holbein und grinst.

*

Über die Empfehlung eines Geschäftspartners, der gute Beziehungen zur Treuhandanstalt in der ehemaligen DDR hat, kommt eine Verbindung zu einem gewissen Max Renner zustande. Mit ihm handelt er einen Kaufvertrag aus. Abends lädt Holstein seinen Treuhandpartner zum „Geschäftsessen“ in eines der besten Restaurants nach Potsdam ein, gibt sich generös und schwelgt gelegentlich davon, als Baumaschinen-Hersteller die Konkurrenz das Fürchten zu lehren.

    Renner ist von seinem Kaufinteressenten angetan, hält ihn für seriös und vertrauenswürdig. Um diesen Eindruck zu verstärken, gibt Holbein den selbstlosen Rat, Renner möge sich beim Vorstand seiner Mutterfirma über ihn informieren. „Ich bitte förmlich darum, damit auch Sie sich keinen Vorwurf machen müssen, falls etwas schief gehen sollte, was wir aber beide nicht hoffen.“ Dabei lacht Holbein wie über einen Witz.

    In einem Schreiben an den Vorstand der Schweizerischer Marketing Consult GmbH, Zürich, verlangt die Treuhand höflich Auskunft über die unternehmerischen Initiativen des Generalbevollmächtigten der Tochterfirma H & D. Wenige Tage später kommt die Ehrenerklärung. Man nennt Holbein einen „sehr integren, pflichtbewussten Manager, dessen achtenswerte Vorhaben und Initiativen in geschäftlicher Richtung mit den Zielen und Vorstellungen des Unternehmens voll im Einklang stehen“. Mit schwungvoller Unterschrift entbietet Vorstandsmitglied Hasso von Dengel der Treuhandanstalt freundliche Grüße und schließt weitere Engagements bei der „dringlichen Privatisierung der heruntergekommenen Industrie im Osten Deutschlands“ nicht aus.

    Die Treuhand ist zufrieden. Der Vertrag fällt über Gebühr günstig aus. Zwei Millionen Mark kostet der Betrieb. Zu zahlen sind erst einmal 500.000 DM, und in zwei Jahren, wenn sich das Unternehmen gefestigt hat, ist der Rest fällig. Holbein verspricht, in den nächsten vier Jahren 60 Millionen Mark zu investieren, 100 Arbeitnehmer sofort zu übernehmen und später auf 250 aufzustocken.

    Bei soviel Großmut zeigt sich die Treuhand erkenntlich. Sie übernimmt die Altschulden des Betriebes und sichert Holbein zudem noch eine Anschubfinanzierung von sieben Millionen Mark in bar zu. Diese könne er – soviel Verständnis müsse er haben – erst erhalten, wenn die erste Rate des Preises, also die halbe Million, überwiesen sei.

    Als man mit Sekt auf den Kaufvertrag anstößt, meint der Treuhand-Partner, dass es nun Zeit sei, die Belegschaft von der großartigen Perspektive in Kenntnis zu setzen. Und als hätte der Treuhand-Mann ein schlechtes Gewissen, fügt er hinzu: „Den Geschäftsführer der BauMa GmbH, Herrn – wie heißt er doch gleich … ach – Eberhard Müller, ein erfahrener Ingenieur, sollten Sie, Herr Holbein, rasch informieren. Und auch die Belegschaft, Sie wissen ja, die Betriebsräte im Osten sind sehr empfindlich geworden.“

*

Geschäftsführer Eberhard Müller war mehrfach bei der Treuhand vorstellig, um von einem Verkauf an Holbein abzuraten, der nichts von Baumaschinen verstünde. Doch auf dem Ohr war die Privatisierungsbehörde taub.

„Wenn Sie den ehrenwerten Herrn Holbein nicht ablehnen, müssen sie damit rechnen, abgewickelt zu werden. Und für Ihr Vorhaben, den Betrieb aus eigener Kraft als Management bye out weiterzuführen, fehlt Ihnen, mit Verlaub, Herr Müller, jede marktwirtschaftliche Erfahrung. Und das Kapital. Oder haben Sie ein paar Millionen?“

    So hatte man den Ingenieur, der wenige Monate nach der Wende von der Belegschaft zum Geschäftsführer gewählt worden war, abgekanzelt.

    Holbein indes fährt am Tag nach der Unterzeichnung des Vertrages mit einem Mercedes der S-Klasse im Betrieb vor. Vor Müller und einigen Herren der engeren Leitung erläutert er großspurig, wie man künftig mit BauMa-Produkten auf dem Markt auftrumpfen wolle. „Allerdings sind einige organisatorische Veränderungen vonnöten“, erklärte er der überraschten Leitung. So müsse man Produktion und Verwaltung aus steuerlichen und Kostengründen voneinander trennen, jeweils eine eigene GmbH gründen. Für die Verwaltungs GmbH habe er bereits eine erfahrene Wirtschaftskauffrau aus Ostberlin mitgebracht… „also eine Ossi-Frau, wogegen Sie wohl nichts einzuwenden haben“, fügt er gönnerhaft hinzu. Damit hofft er der Betriebsleitung jeden Einblick in die Geldgeschäfte zu nehmen.

    Holbein hatte Angelika Kurz in einer Berliner Bar kennen gelernt. Sie ist jung, blond und schlank, steht auf gut aussehende Männer und schnelle Autos, hatte in einem DDR-Außenhandelsbetrieb gearbeitet. Seit einigen Wochen ist sie das Ziel abendlicher Besuche Holbeins. Und sie ist Teil seines strategischen Konzepts. In der Chefetage des Betriebes richtet er ihr ein Büro ein. Die Aufschrift an der Tür: „BauMa Verwaltungs GmbH, Geschäftsführerin Frau Kurz“. Sie erhält einen schnellen Firmenwagen und ist so dankbar, dass sie alles, was ihr Chef verlangt, widerspruchslos ausführt. Tage später gibt Holbein sogar seine Verlobung mit Angelika Kurz bekannt. Er lädt eine Abordnung der Belegschaft zur Feier ein, die er als „Arbeitnehmertreffen“ mit Firmengeldern finanziert.

    Eine der nächsten Aufgaben Angelikas besteht darin, eine halbe Million Mark vom Firmenkonto über den Kontenumweg einer hessischen Bank auf das Treuhandkonto zu überweisen. Indes wächst der Unmut in der Belegschaft. Bestellungen bei Zulieferbetrieben unterbleiben. Aufträge sind nicht in Sicht. Als der Betriebsrat mit Aktionen droht, winkt Holbein mit einem sich anbahnenden Großauftrag aus China. Notwendig sei, eine Musteranlage nach Shanghei zu schicken, um sie auf einer Industriemesse zu präsentieren. Das bindet Kraft und Zeit.

    Tage später geht eine bereits fertige Anlage für einen russischen Abnehmer, der inzwischen zahlungsunfähig ist, auf die Reise nach Südostasien. Geschäftsführung und Betriebsrat der BauMa Fertigungs GmbH schöpfen Hoffnung. Ein Kredit über vier Millionen DM von der städtischen Bank sichert die nächsten Löhne.

Die Belegschaft wurde auf 60 Leute reduziert. „Das ist nur vorübergehend“, begründet der Boss gegenüber dem Betriebsrat. „Wir werden die Leute sehr bald zurückholen, wenn die Auftragslage boomt.“

    Die ersten 20 Millionen Investitionen von der Mutterfirma aus Zürich, so erklärt Holbein, würden gerade auf den Weg gebracht. Erst aber müsse man sich über die künftige Fertigungsstruktur einigen. Geschäftsführer Eberhard Müller ist unruhig. Er wirft Holbein Verschleppungs- und Hinhaltetaktik vor. Strukturen seien längst klar, neue Produkte entwickelt, jetzt brauche man Geld, um sie auf den Weg zu bringen. Auch habe man neue Kunden aus früherer Zusammenarbeit in Ägypten, Polen und der Tschechischen Republik gewonnen.

    Für Holbein wird es eng. Er schlägt auf den Tisch: Was man sich einbilde, selbständig Kunden zu gewinnen. Er sei an einem Großauftrag, der Arbeit auf Jahre garantiere. Da könne man sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Am nächsten Morgens liest die Belegschaft am Anschlagbrett, Holbein habe sich von seinem Geschäftsführer Müller wegen „unüberbrückbarer unternehmerischer Differenzen“ getrennt.

*

Inzwischen sind fast 30 „Banktage“ nach der Überweisung der ersten Kaufrate vergangen. In diesem Zeitraum will die Treuhandanstalt vertragsgemäß die zugesicherten sieben Millionen Mark in bar an Holbein übergeben. Zusammen mit der offiziellen Verwaltungs-Chefin seines Unternehmens, Angelika Kurz, begibt sich Holbein zur Treuhand. Wieder klopft er markige Sprüche über die Zukunft. Renner übergibt Holbein den Barscheck über 7 Millionen Mark. Holbein reicht ihn, als interessiere ihn das Geld überhaupt nicht, an Angelika Kurz mit den Worten weiter: „Bitte, zu treuen Firmenhänden.“

    Die Ereignisse der nächsten Tage überschlagen sich. Müller kommt von einer privat finanzierten Reise aus dem Hessischen zurück, trifft sich abends mit dem Betriebsrats-vorsitzenden. Dieser stellt am nächsten Tag bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Holbein wegen Untreue an Firmenvermögen. Einen besorgten Anruf aus der Treuhand-Anstalt, den Holbein mit markigen Worten zerstreuen kann („Sonst wäre ich doch wohl nicht mehr hier!“), behält er drei bange Tage für sich, bis Angelika Kurz aus Zürich zurück ist. Dort hat sie auftragsgemäß die Treuhand-Millionen auf das Bankkonto einer Marketing Consult/BauMasch Holding mit Holbeins Namen eingezahlt.

    Vor dem aufgeregten Betriebsrat hält Holbein am Mittwochabend noch einen langen Vortrag. Nun sei es endlich soweit, jetzt gelte es, die Ärmel aufzukrempeln. Gerade habe er ein Fax aus China erhalten, dass spätestens in drei Tagen der erste Großauftrag eingehen werde. Alle Vorwürfe des Betriebsrates wischt Holbein vom Tisch: „Meine Herren, solange ich bei Ihnen bin, können Sie sich meiner Worte sicher sein.“

    Als am nächsten Morgen Staatsanwalt und Kripo in der Firma auftauchen, ist das Nest leer. Von Holbein keine Spur. Dicke Bündel von Akten werden mitgenommen, die Computer gesichert, die Zimmer versiegelt. Die Geschäftsführerin der BauMa Verwaltungs GmbH, Angelika Kurz, wird verhaftet. In der Treuhand gibt man sich überrascht. Ein gewisser Herr Renner sei nicht zu sprechen, der habe sich nach erfolgreicher Arbeit wieder in die Wirtschaft verabschiedet.

    Just an diesem Tag klingelt in einer hessischen Anwaltskanzlei das Telefon. „Hallo Hasso! Sagte ich es nicht, unter fünf läuft nichts. Jetzt kannst Du dem Staatsanwalt Dein Liedchen über einen unzuverlässigen Generalbevollmächtigten singen. Aber trage nicht so dick auf. Ach, vielleicht kannst du Angelika noch einen guten Anwalt besorgen – kleiner Scherz am Rande. Also, wir sehen uns am Samstag. Ein Flugticket auf deinen Namen liegt bereit. Also, bis bald, das Ferngespräch wird zu teuer, ha, ha, ha!“

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