Egon Bahr: „Ich fordere das Blut zurück!“

Auszug aus einem längeren Gespräch mit Egon Bahr, das ich im Sommer 1998 in Strausberg mit ihm führte

 

Frage: Lebten die Deutschen in Ost und West mit der Grenze einst vielleicht friedvoller nebeneinander?

Bahr: Wie leben ja jetzt nicht kriegerisch nebeneinander. Und die Probleme, die wir haben, haben wir uns ja eigentlich immer gewünscht. Dass sich die Einheit konfliktfrei vollziehen würde, konnte niemand glauben.

Frage: Mit dem Anspruch „Wandel durch Annäherung“ leiteten Sie in den 60er Jahren die neue Ostpolitik unter Brandt ein. Unter welchem Motto würden Sie heute Brücken über deutsch-deutsche Gräben bauen?

Bahr: Annäherung durch Respekt. Wandel durch Respekt vor den jeweils unterschiedlich gelebten 40 Jahren.

Frage: Wann, glauben Sie, werden die Deutschen die innere Einheit vollzogen haben?

Bahr: Ich glaube nicht mehr, dass die innere Einheit, die 1990 mal zum obersten Ziel deutscher Politik erklärt worden ist, in überschaubarer Zeit erreichbar ist, weil zu viele Fehler eben nicht mehr korrigierbar sind. Nachdem die ältere Generation im Durchschnitt mit ihren Renten besser versorgt ist als jemals zu DDR-Zeiten, die mittlere Generation sich teils anpassen, teils durchbeißen muss, wird die Jugend in die Selbstverständlichkeit der neuen Gesellschaft und des neuen Staates hineinwachsen und die innere Einheit vollziehen. Bis dahin sollten wir uns in Toleranz gegenübertreten, die die Unterschiedlichkeit der gelebten 40 Jahre in Ost und West akzeptiert.

 BahrEgon Bahr mit dem Autor Klaus Taubert im Strausberger Klub am See

Frage: Welchen drei Aufgaben würden Sie beim „Aufbau Ost“ als Kanzler Vorrang einräumen?

Bahr: Erste Aufgabe: Wieweit ist es möglich, Fehler zu korrigieren, die seit 1990 gemacht wurden. Zweite Aufgabe: Massive Investitionsförderung nicht nur für deutsche, sondern auch für andere europäische Unternehmen in Ostdeutschland, um den noch immer zunehmenden Unterschied zwischen der Produktion in Ost und West auszugleichen. Anders geht es überhaupt nicht. Das muss schließlich auf jahrelange Steuerfreistellungen hinauslaufen, das heißt auf die Erwartung, hier unter Umständen billiger als in Polen, Tschechien oder anderswo zu investieren. Dabei wird die Arbeit, die Wolfgang Thierse – soweit ich weiß als einziger – in der Zusammenstellung praktischer Vorschläge gemacht hat, besonderes Gewicht erhalten. Dritter Punkt: Ich predige seit Jahren von der Notwendigkeit eines Geschichtsbuches zur deutschen Geschichte seit 1945, das in Ost und West gleichermaßen in die Schulen kommen sollte. Es muss ein Schulbuch für ganz Deutschland sein, aus dem die Kinder verstehen, was ihre Eltern oder Großeltern bewegt hat. Und sie müssen, ohne sich schämen zu müssen, also erhobenen Hauptes nach Hause gehen können. Ich betone: in Ost und West, sonst bekommen wir die innere Einheit nie. Und ich würde die westdeutschen Kulturveranstalter darauf hinweisen, dass die deutsche Kultur nicht nur aus der westdeutschen Kultur besteht, die deutsche Literatur nicht nur aus der westdeutschen, die deutsche Malerei nicht nur aus der westdeutschen. Wenn ich sehe, dass gegenwärtig in Bonn Ausstellungen über deutsche Geschichte und deutsche Kultur gemacht werden, dann sieht das so aus, als gäbe es nur die westdeutsche. Dabei sind wir doch vereint, denke ich.

Frage: Kürzlich bemängelten Sie, dass der „scheinbar edle Kampf“ um die deutsche Vergangenheit vom nötigen Streit um Gegenwart und Zukunft des Landes ablenke. Heißt das: Vorwärts, Genossen, kein Blick zurück?

Bahr: Nein, das heißt es natürlich nicht. Ich sage nur, dass die Auseinandersetzung um die Vergangenheit uns nicht daran hindern darf, nach vorn zu sehen und nach vorn zu gehen. Ich rede jetzt einmal unter westdeutschen Gesichtspunkten: Wenn Ihr in Ostdeutschland unbedingt darauf besteht, Euch wegen Stasi etc. zu zerfleischen, dann können wir Euch daran nicht hindern. Aber das ist nicht die Zukunft. Das ist rückwärtsgewandt, und das macht auf Dauer keinen Sinn.

Frage: In Frankreich gibt es inzwischen ein Regierungsbündnis von Sozialisten und Kommunisten. Für Deutschland undenkbar?

Bahr: Lassen Sie mich dazu mit Erhard Eppler antworten: In Deutschland war der Antikommunismus immer stärker als der Kommunismus.

Frage: Hätte die SPD nach der Wende nicht Reformkommunisten wie Bisky, Gysi und andere in ihre Reihen holen sollen? Vielleicht gäbe es jetzt weniger Probleme mit der SED-Nachfolgepartei.

Bahr: Ja, das stimmt. Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht. Ich war – wie mein Freund Willy Brandt – der Auffassung, dass alle, die sich zum Programm bekennen, im Prinzip aufgenommen werden sollten, wo es natürlich der Einzelentscheidungen bedarf. Kurt Schumacher hat im Zusammenhang mit der Verschmelzung von SPD und KPD einmal vom Blutspender SPD gesprochen. Ich fordere das Blut zurück. Ich glaube, dass dies jedenfalls im Prinzip 1990 als Konsequenz daraus versäumt worden ist. Ich bin der Auffassung, dass jedes ehemalige Mitglied der SED, dass sich zum Programm bekennt – Schumacher hatte das seinerzeit sogar für die Waffen-SS gesagt – Mitglied der SPD werden können muss. Es liegt auch in der Toleranz und der Tradition der SPD. Schumacher und Brandt vertraten die Meinung, egal, ob jemand vom Marxismus kommt oder von der Bergpredigt oder von humanistischer Ethik – sofern er sich zum Programm bekennt, muss er Mitglied der Partei werden können. Dazu stehe ich.

Frage: Wie gut kennt der Privatmann Egon Bahr die neuen Bundesländer?

Bahr: Ich habe viele meiner Erinnerungen erneuert. So besuchte ich Treffurt an der Werra, wo ich geboren wurde. Ich war in Torgau, wo ich zehn Jahre als Junge gelebt habe. Außerdem erneuerte ich meine Erinnerungen an Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, besuchte Stralsund und Rostock. In Mecklenburg-Vorpommern habe ich meinen Bootsführerschein gemacht und in diesem Frühjahr die ersten Touren unternommen. Ich war in Magdeburg, Görlitz, Bautzen. Also, ich denke, ich kenne die neuen Bundesländer ganz gut.

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