Das Wunderkind an der DDR-Spitze

Wie Honecker seine Biografie forcierte

 

Es ist gut dreieinhalb Jahrzehnte her, als Erich Honecker glaubte die Weltliteratur der großen Biografien mit seinen eigenen Lebensdaten bereichern zu können. Termin war der 25. August 1980, und damit der 68. Geburtstag des Allmächtigen, Ort der Handlung das Haus des SED-Zentralkomitees in Ostberlin. Der Chef der Einheitspartei empfing den britischen Verleger Robert Maxwell vom Verlagshaus Pergamon Press Limited, Oxford, um von ihm das erste Exemplar seiner Biographie „Aus meinem Leben“ entgegenzunehmen, das in der Reihe „Leaders of the World“ erschien.

AusmeinemLeben

Die zuvor bereits veröffentlichten Breschnew-Memoiren hatten den DDR-Botschafter Karl-Heinz Kern in London bewogen, Maxwell die Herausgabe einer Honecker-Biografie vorzuschlagen. Wer weiß, mit welchen Befugnissen ein DDR-Diplomat ausgestattet war, ahnt, aus welcher Ecke der Wind wehte. Ohne Honeckers persönlichen Wunsch wäre so ein Vorschlag nicht möglich gewesen.

Er wurde ganz sanft

Nun lag das Werk also vor, und unter einem kurzen Blitzlichtgewitter wurde das erste Exemplar an den angeblichen Autor übergeben. Danach wurde der Verleger verabschiedet, denn ein weiterer Termin zur Vorstellung des Buches wartete in der Bundeshauptstadt Bonn auf Maxwell. Zu meinem Auftrag gehörte nicht nur die Berichterstattung über das Ereignis. „Komm ja nicht zurück, ohne dass wir ein ordentliches Foto von dem Buch haben“, hatte mein Chef von mir verlangt. Also musste ich das Buch in die Hände bekommen, damit es der im Foyer harrende Fotoreporter ablichten konnte.

Nachdem alle gegangen waren, blieb ich als einziger in Honeckers Arbeitszimmer zurück. Artig trug ich mein Anliegen vor, doch Honecker schien meinen Wunsch nicht wahrzunehmen. Er hielt den in Leinen gebundenen Band in den Händen und durchblätterte lose die fünfhundert Seiten. Dabei stellte er sich neben mich und erklärte mir einige Fotos. Er zeigte mir sein Geburtshaus, seine Eltern, das Foto, das ihn als jungen Rotfrontkämpfer mit Trommel zeigt, und andere Erinnerungen an Kindheit und Jugend im Saarland. Er wurde ganz sanft und geriet ins Schwärmen. „Kindheit und Jugend prägen einen Menschen fürs ganze Leben“, sagte er zu sich oder zu mir oder zu wem auch immer.

Mit Sechs ein klares Weltbild

Als ich einige Zeit später zu Hause in dieser Neuerwerbung blätterte, wunderte ich mich an manchen Stellen doch sehr. Ein Kollektiv unter Leitung des Politbüromitgliedes und Chefpropagandisten Kurt Hager mit ausgewählten Historikern sowie Honeckers persönlichem Staatssekretär Frank-Joachim Herrmann hatten ganze Arbeit geleistet. Zum Beispiel lassen sie Honecker schildern, wie ihn die Novemberrevolution 1918 geprägt habe. Damals, so heißt es, „erklärte mir mein Vater in seiner einfachen Art, warum die Reichen reich und die Armen arm sind, woher die Kriege kommen, wer an den Kriegen verdient und wer unter ihnen leidet. Für mich war das einleuchtend. Ich gewann ein klares Weltbild.“

Als Sechsjähriger schon ein klares Weltbild? Genial. War Honecker ein Wunderkind? Sicher, denn viele haben sich auch später noch über ihn gewundert. Vielleicht war es den Autoren zu gewagt, auch noch die russische Oktoberrevolution von 1917 als prägendes Erlebnis für den Fünfjährigen heranzuziehen.

Vier Jahre vor dieser Autobiographie hatten bereits drei ehemalige Mithäftlinge Honeckers im Zuchthauses Brandenburg-Görden mit dem Buch „Gesprengte Fesseln“ dem SED-Chef ein wohlgefälliges Denkmal gesetzt. Andere Mithäftlinge urteilten jedoch in anderen Büchern – natürlich nicht in der DDR erschienenen – ganz anders über den Arzt-Kalfaktor Honecker: „Der war farblos, scheu und wenig kameradschaftlich, kontrollierte unangenehm genau und spielte sich ein bisschen als zweiter Chef auf.“

Welches Land ist beschrieben?

Nicht ein einziges Mal wird in „Gesprengte Fesseln“ der Name Robert Havemann genannt. Den zum Tode verurteilten Kommunisten erwartete in Brandenburg die Hinrichtung. Weil der Physiker den Nazis jedoch als Wissenschaftler zu wertvoll war, hatte er in einem Labor zu forschen. Dabei bastelte er heimlich ein Radio und versorgte die Mithäftlinge mit Informationen über den Stand des Krieges. Kein Wort davon in den Erinnerungen, denn in der DDR war Havemann durch seine Kritik am real existierenden Sozialismus seit den Sechzigerjahren eine Unperson.

Im Übrigen erweckt die Autobiografie Honeckers den Eindruck, als spiele sie in einem anderen Land. Zumindest in einem, wie es das „Neue Deutschland“ tagtäglich beschrieb, das mit den Sorgen und Nöten, den Wünschen und Sehnsüchten der Bürgerinnen und Bürger zwischen Rügen und Fichtelberg nicht das Geringste zu tun hatte.

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SAM_0722Spitzenmeldungen im „Neuen Deutschland“ auf Seite 1. Erst die Honecker-Biografie, dann die DDR-Enzyklopädie

Am selben Tag von Honeckers Geburtstag hatte Maxwell in Bonn das Buch den westdeutschen Medien und zahlreichen Diplomaten vorgestellt und wider besseres Wissen betont: „Sie können mir glauben, es bedurfte einiger Überredung, Erich Honecker dazu zu bewegen, sich an eine so zeitraubende Arbeit wie das Schreiben einer Autobiographie zu machen. Soweit ich im Bilde bin, ist er einer der wenigen Staatsmänner, der während seiner Amtszeit so ein Buch persönlich geschrieben hat.“

Enzyklopädie blieb uns erspart

Übrigens hat Maxwell am 2. Oktober 1989, wenige Tage vor Honeckers Sturz, diesem eine zweibändige DDR-Enzyklopädie „Information GDR“ mit einem Geleitwort Honeckers übergeben, die aus Anlass des 40. Jahrestages der Gründung der DDR im Verlag Pergamon Press erscheinen sollte und in der ebenso das Wunschdenken als Abbild der Wirklichkeit diente. Maxwell war, wie wenige in jenen Tagen, noch davon überzeugt, „dass das Wirken Erich Honeckers ein äußerst wertvoller und unentbehrlicher Beitrag zum Bau des gemeinsamen europäischen Hauses ist“. In der realen Welt des zusammenbrechenden Sozialismus verschied das Werk bereits vor seinem Erscheinen.

Honecker hatte übrigens meinen Wunsch, mir sein Buch für kurze Zeit zu überlassen, genau registriert. Er drückte es mir nach einigen Minuten der Selbstbewunderung mit der Bemerkung in die Hand: „Nimm es aber nicht mit.“

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