Die Antibabypille in der DDR

Wie in der Volkskammer vor 1989 einmalig mit Nein gestimmt wurde

Es war wie ein Donnerschlag. In die „oberste Volksvertretung“ der DDR war ein Hauch von Demokratie eingezogen. Vor jenem 9. März 1972 und auch danach waren alle Gesetze von allen rund 500 Abgeordneten in trauter Einigkeit abgenickt worden. Bei der Frage nach Gegenstimmen und Enthaltungen hob der Präsident nicht einmal den Kopf, um nachzuschauen, ob tatsächlich jemand aus der Reihe tanzte. Natürlich nicht.

An diesem 9. März war alles ganz anders. Auf der Tagesordnung stand das „Gesetz zur Unterbrechung der Schwangerschaft“. Nicht einmal gegen den Blödsinn der Bezeichnung des Gesetzes hatte sich eine Stimme erhoben. Als könne man eine Schwangerschaft unterbrechen – und später fortsetzen. Natürlich ging es um die gesetzliche Möglichkeit einer legalen Abtreibung bis zum 3. Monat. Zudem war vorgesehen, dass es die seit 15. November 1965 erhältliche schwangerschaftsverhütende Pille, also die Antibabypille oder auch Wunschkindpille genannt, unentgeltlich auf Rezept geben wird.

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Schlagzeie des „Neuen Deutschland“

Wenn das kein Fortschritt ist, von dem die Welt sprechen wird! Monate zuvor hatten Frauen der Bundesrepublik mit Alice Schwarzer an der Spitze im „Stern“ ihre illegale Abtreibung öffentlich gemacht und längst fällige neue gesetzliche Regelungen gefordert.

Für die Kirchen in der DDR war das neue Gesetz eine Herausforderung. Im Januar 1972 veröffentlichte die evangelische Kirche ein „Wort der Bischöfe“, in dem es heißt: „Der Abbruch einer Schwangerschaft ist Tötung menschlichen Lebens.“ Die Würdenträger forderten schon vor der Verabschiedung des Gesetzes dazu auf, keinen Gebrauch von der Regelung zu machen und niemanden zu drängen. Auch die katholische Kirche schlug zu: Eine Gesellschaft, die auf den Schutz werdenden Lebens verzichte, werde „mit ihrem Bemühen um wahren Humanismus“ unglaubwürdig. Womit sie der DDR immerhin „Bemühen um wahren Humanismus“ bescheinigte, was ja auch nicht so übel war.

Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger schwang vor der Volkskammer die revolutionäre Keule: „Solche gesetzlichen Regelungen … wurden insbesondere von der revolutionären Arbeiterbewegung gefordert. Dieses Problem hat sowohl in der gesellschaftspolitischen Literatur der vergangenen Jahrzehnte wie auch in der Kunst und in der Dramatik einen beredten Ausdruck gefunden.“ Er hatte einen Beschlussantrag der KPD-Reichstagsfraktion vom Oktober 1931 ausgegraben, in dem die Möglichkeit einer Unterbrechung der Schwangerschaft gefordert wird. „Sie prangerte damit die Doppelmoral der Ausbeutergesellschaft an, die den Frauen der herrschenden Klasse kostspielige Schwangerschaftsunterbrechungen ermöglichte, während sie die Arbeiterinnen mit verlogenen Phrasen und kalten Paragraphen in ihrer Not und Gewissensqual sich selbst überließ.“

Dann kam die Abstimmung. Wir Journalisten, die über das Ereignis berichteten, waren vorgewarnt. Vielleicht glaubte man, uns vor einem Schock bewahren zu müssen, obwohl uns jede Abkehr von der Norm willkommen war. Mit 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen hatten sich 22 Abgeordnete der Volkskammer dem von SED-Politbüro und Ministerrat eingebrachten Gesetz verweigert. Mitglieder der CDU-Fraktion, die in besonderer Weise kirchlich gebunden waren, wollten aus ihrem Herzen offenbar keine Mördergrube machen.

Abtrei2Verschämte Passage im „ND“ über Gegenstimmen und Enthaltungen, die nicht weiter kommentiert wurden. Es sollten sich keine „schlechten Gewohnheiten“ einbürgern.

Glaubte ich. Bis ich das damalige Mitglied des Fraktionsvorstandes der CDU in der Volkskammer Hermann Kalb zwanzig Jahre später während eines längeren Gesprächs meinen Respekt für jene Abweichler von der vorgegebenen Linie bekundete. Woher, so fragte ich, hatten diese Leute den Mut genommen?

Mein Gesprächspartner, der unter Ministerpräsident Lothar de Maiziere Staatssekretär für Kirchenfragen war, lachte und gab zu, dass er ungern meine Illusionen zerstören möchte. Dann schilderte er, welche Mühe er und seine Freunde im damaligen CDU-Fraktionsvorstand hatten, die 14 Nein-Stimmen und acht Enthaltungen zu organisieren. „Wir mussten den Abgeordneten mit dem abweichenden Abstimmungsverhalten versichern, dass ihnen daraus keinerlei Nachteile erwachsen würden. Die Ablehnung hatte den schönen Effekt, dass die Kirchen zufrieden waren und die Demokratie Triumphe feierte.“

Es war eine Farce.

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