Als die DDR den Reformationstag strich

In der DDR war der Reformationstag am 31. Oktober, wenn er auf einen Wochentag fiel, bis 1967 ein arbeitsfreier Feiertag. Das änderte sich mit einem Gesetz, das die Fünf-Tage-Arbeitswoche einführte. Zwar blieb der Tag, an dem Luther seine Papst-Kritik an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, für die Lutheraner ein Feiertag, doch das Volk musste brav zur Arbeit gehen.

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Lutherrose der Wartburg bei Eisenach, wo der Reformator die Bibel ins Deutsche übertrug

Nach einem Großversuch seit April 1966, als mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 45 Stunden zunächst jeder zweite Sonnabend arbeitsfrei war, wurde im August 1967 zum generellen arbeitsfreien Sonnabend übergegangen. Um die damit ausfallende Arbeitszeit zu kompensieren, wurden aus arbeitsfreien Feiertagen normale Werktage. Dazu gehörten der Ostermontag, Himmelfahrt, der Reformationstag, der Buß- und Bettag und – damit es nicht nur die Kirchen trifft – der  „Tag der Befreiung“ am 8. Mai, wenn er nicht auf ein Wochenende fiel.

Originalton Ulbricht auf dem 7. SED-Parteitag im April 1967: „Mit Einführung der durchgängigen Fünf-Tage-Arbeitswoche müsste unter den gegenwärtigen Bedingungen die tägliche Arbeitszeit um etwa eine halbe Stunde verlängert werden. Das würde für viele Werktätige eine Mehrbelastung darstellen. Andererseits gehört die DDR zu den Ländern mit den meisten Feiertagen, von denen der größte Teil auf Werktage fällt. (Heiterkeit)“

Etwas unbeholfen sahen manche Regelungen aus. Beispielsweise wurde vor Ostern von Montag bis Donnerstag und nach Ostersonntag von Montag bis einschließlich Sonnabend, in der Woche nach Pfingsten von Dienstag bis Sonnabend gearbeitet. Der Schulunterricht fand bis 1989 auch weiter sonnabends statt, so dass viele Eltern mit schulpflichtigen Kindern an einer großzügigen Gestaltung der Wochenenden gehindert waren.

In der Bundesrepublik gehörte damals die Fünf-Tage-Arbeitswoche mit vierzig Stunden bei vollem Lohnausgleich seit 1955 zu den Forderungen des DGB. Auf tariflicher Grundlage hatten zahlreiche Betriebe, schon aus Rentabilitätsgründen, die Fünf-Tage-Woche eingeführt, doch gesetzlich geregelt wurde das nur in der DDR. Im Übrigen war die Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche im sozialistischen Lager ein Alleingang Ulbrichts. In der UdSSR und den anderen sozialistischen Ländern wurde nach wie vor sechs Tage in der Woche gearbeitet.

Pflichtgemäß trugen wir Journalisten Meinungen zusammen und priesen die „großzügigen Maßnahmen von Partei und Regierung“. Bei der Befragung von Bürgern stießen wir angesichts der freien Sonnabende auf Zustimmung, ärgerlich für viele war der Wegfall vor allem des Ostermontags, aber solche Meinungen hatten ohnehin keine Chance gedruckt zu werden. Das Volk bedankte sich artig für das, was es selbst erarbeitet hatte.

Die Kirchen halfen der SED und dem Staat, obwohl sie am meisten von diesen sozialpolitischen Maßnahmen betroffen waren. Ein Pfarrer aus Schwerin äußerte sich, mit dem Wegfall der Feiertage werde „auf reformatorische Anschauungen zurückgegriffen“. Er verwies auf Martin Luther, der sich entschieden gegen die Unzahl von Feiertagen gewandt und deren Beseitigung verlangt habe: „Doch nach ihm verfiel auch die evangelische Kirche allmählich ins Festefeiern und belastete damit die Wochentage.“ Damals war Luther schon 421 Jahre tot.

Inzwischen ist der Reformationstag – mit Ausnahme von 2017, dem 500 Jahrestag des Thesenanschlages, da er in ganz Deutschland ein Feiertag ist – Jahr für Jahr in allen ostdeutschen Ländern – außer in  Berlin – sowie in Baden-Württemberg ein gesetzlicher Feiertag.

Übrigens begründete 1967 ein Mitglied des CDU-Hauptvorstandes den Wegfall der kirchlichen Feiertage damit, der Himmelfahrtstag sei in den vergangenen Jahren einer „zunehmenden Verweltlichung“ ausgesetzt gewesen, die Neuregelung könne dazu führen, sich auf seinen geistlichen Inhalt zu besinnen.

Das hatte das SED-Politbüro ganz sicher nicht gewollt.

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