Der Fall der Mauer

Seit Günter Schabowski am frühen Abend des 9. November 1989 die Grenze zur Bundesrepublik öffnete, wird darüber gestritten, ob das durch ein Versehen oder bewusst geschah. Für die Geschichte zählt allein die Gewissheit, dass es ein anderer möglicherweise nicht einmal aus Versehen getan hätte.

Die Ereignisse am 9. November überraschten auch uns Journalisten. Niemand kann sagen, er habe es kommen sehen. Auch wenn man erkannt hatte, dass die DDR seit ihrer Gründung in der größten Krise steckte. Im Gegensatz zum 17. Juni 1953 gab es diesmal keine massenhaften Arbeitsniederlegungen, man ging nach Feierabend demonstrieren, mit Aufschriften: „Keine Gewalt!“. Hunderttausende blieben friedlich. Bei welcher Revolution gab es das schon einmal? Mit allem hatten SED-Führung und Staatssicherheit gerechnet, nicht aber mit Kerzen und Gebeten als Protest im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Und die Russenpanzer blieben in den Kasernen. Und die Polizei hielt sich zurück. Und Hunderte Kompanien der NVA wurden im angemessenen Abstand zu den „Unruheherden“ kreuz und quer durch das Land geschickt, ohne eingreifen zu dürfen. Die Einsatzpläne der Nationalen Volksarmee und die täglichen Situationsberichte an Honecker und Co. lesen sich wie Hilferufe, man möge doch endlich diesen widerlich-friedlichen Aufruhr verbieten. Die Leute randalierten ja nicht einmal.

Weltfremd „neue“ Führung gebastelt

Am 9. November, wir saßen im „Großen Haus“ und verfolgten eine Tagung des Zentralkomitees der SED, das aus alten Kadern eine neue Führung bastelte, da geschah das Unerwartete. SED-Politbüromitglied Günter Schabowski öffnete wenige Minuten vor 19 Uhr gegen alle Absprachen die Mauer. Nach einem angeblichen Missverständnis und einem großen Hickhack hinter den Kulissen, den Historiker zu klären haben, verkündete Schabowski als Sprecher der SED-Führung für DDR-Bürger die  Möglichkeit  „sofort“, „unverzüglich“ auszureisen, beispielsweise über die Berliner Grenzübergangsstellen. Das alles war erst ab den 10. November vorgesehen. Doch von einem Sperrvermerk wusste Schabowski, der einen entsürechenden Zettel von Krenz erhalten hatte, nichts.

Ich halte dieses „Versehen“ für wohlüberlegt. Man stelle sich vor, Hardliner wie Mielke, Stoph und die Generalität hätten in der Nacht zum 10. November den Beschluss zur Maueröffnung mit militärischer Gewalt rückgängig gemacht und die dafür Verantwortlichen aus dem Verkehr gezogen. Noch hatten der Staatssicherheits- und der Innenminister die Regelung nicht unterschrieben und dazugehörige Befehle erlassen. Eine „chinesische Lösung“ wäre immer noch möglich gewesen.

Schabowskis Entscheidung, wie immer man zu diesem Mann stehen mag, war die Tat eines klugen Kopfes, der unveränderliche Tatsachen schuf, als er für einen kurzen Augenblick das Heft des Handelns in der Hand hielt und über die nahe Zukunft einer Nation entschied. Es war nicht mehr, und es war nicht weniger.

„…von historischer Tragweite“

Als Diensthabender verfolgte ich minutiös die Geschehnisse des Wochenendes und schrieb am Sonntag eine Dokumentation über die ersten 50 Stunden seit Maueröffnung. Mir war klar, dass die DDR dieser Situation nicht gewachsen sein würde und wählte als Überschrift: „Eine Entscheidung von historischer Tragweite“.

In aller Welt wusste man, politisch brisante Nachrichten aus dem Hause ADN waren von der SED-Führung abgesegnet. Deshalb wunderte ich mich nicht, dass die großen Nachrichtenagenturen wie AP, Reuters, dpa auf diesen Beitrag wie auf eine Sensation reagierten und kommentierten: „ADN nennt die Maueröffnung eine Entscheidung von historischer Tragweite“. Tatsächlich war über diese Schlagzeile ganz oben, ganz oben in meinem eigenen Kopf entschieden worden. Wir waren so frei, endlich!

tragweite

So wie die CDU-Zeitung „Neue Zeit“ übernahmen zahlreiche Zeitungen den ADN-Kommentar mit der Formulierung der „historischen Tragweite“

Vieles hatte ich, hatten die meisten nicht vorhergesehen. Doch dass unter Gorbatschows Herrschaft plus Fall der Mauer eine Weltanschauung ihren Geist aufgab, das war zu erkennen. Man spürte, dass in diesen Tagen ein ganzer Überbau zusammenbrach, Gerüste einstürzten, Säulen kippten und Ruhmeshallen zerbarsten. Ein Weltsystem begann sich aufzulösen. In Wohlgefallen kann man nicht sagen, denn auch Tschetschenien, Jugoslawien, Äthiopien, Angola, Mocambique, Afghanistan und andere rechneten sich diesem System zugehörig. Und sie sind bis heute auf der Suche nach Zukunft.

Vieles kam zu spät

Als der Mauerfall weltweit noch Freude und Erstaunen  auslöste, Journalisten rund um den Erdball Flüge in die einstige deutsche Hauptstadt buchten, um Chronisten der Ereignisse zu sein, tauchte am späten Vormittag des 11. November in der ADN-Zentrale in der Berliner  Mollstraße ein Mann auf, etwa 1,65 Meter groß, schütteres Haupthaar, große Brille, und wünschte einen Verantwortlichen zu sprechen.

Da stand er wieder vor mir, zum zweiten Mal im Leben: Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi. Diesmal nicht als Verteidiger Rudolf Bahros, wie ich ihn 1978 kennengelernt hatte, sondern als Verteidiger eines reisedurstigen Volkes. Als Vorsitzender des Rates der Kollegien der Rechtsanwälte der DDR übergab er mir die Entwürfe für ein Reisegesetz sowie für ein Gesetz über die Verlegung des ständigen Wohnsitzes von Bürgern der DDR ins Ausland.

Ich ließ aus beiden Dokumenten längere Nachrichtenfassungen anfertigen und übergab sie der Öffentlichkeit. Doch sie waren so gut wie Makulatur, kamen um Stunden – ach, um Jahre zu spät.

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Tietelbild Geschichten

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Eine Antwort zu “Der Fall der Mauer

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