Das vergessene Paradies

Ein unverständlicher Leerstand

Der proletarische Internationalismus wurde an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee, 15 Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze, immer großgeschrieben. Eine Tatsache, die heute vergessen zu sein scheint, obwohl die Stadt Berlin als Eigentümerin des riesigen Areals verzweifelt nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber sucht.

Wilhelm Pieck, erster und letzter Präsident der DDR, der der hier ansässigen Jugendhochschule 1950 seinen Namen verlieh, wäre stolz, Verfolgten, Gequälten und Erniedrigten aus zahlreichen Ländern hier eine neue Heimstatt geben zu können.

Eigentlich waren der Bogensee und das Gut Lanke in adeligem Besitz, bis es die Stadt Berlin 1919 für zwanzig Millionen Reichsmark kaufte.

1936 zeigte sich die Stadt richtig großzügig, indem sie den See und knappe 500 Hektar Land dem Reichspropagandaminister Hitlers, Joseph Goebbels, auf Lebenszeit zum Geschenk machte. In seiner 30-Zimmer-Villa beglückte der „Bock von Babelsberg“ viele berühmte Schauspielerinnen, die ihrer Karriere neuen Auftrieb verliehen. Nachdem die Lebenszeit des Berliner Gauleiters der NSDAP verstrichen war, nutzten die vier Alliierten Siegermächte das Objekt als Lazarett, doch schon im März 1946 übergab es die sowjetische Militäradministration der eben gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) als Ort für eine Jugendhochschule.

JHS1

JHS2

Aus vielen Ländern der Erde, Ost und West, reisten – mitunter unter falschem Namen und mit fadenscheinigen Ortsangaben – junge Leute in das heute zu Wandlitz gehörende Lanke, um sich im revolutionären Kampf bilden zu lassen. Zu den ersten Lehrern gehörte bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik der später als „Kreml-Astrologe“ bezeichnete Historiker und Schriftsteller Wolfgang Leonhardt.

JHS3

JHS4

Der Chef-Architekt der Berliner Stalinallee, Hermann Henselmann, bekam den Auftrag zum weiteren Ausbau des riesigen Geländes. Dafür schuf er im Stil des aus Moskau übernommenen „sozialistischen Klassizismus“ riesige Internatsbauten, einen Hörsaalkomplex mit 560 Sitzen und 18 Fremdsprachenkabinetten für eine der damals modernsten Simultananlagen, Sporthalle, Heizhaus, Kindergarten, gastronomische Einrichtungen usw. Die Jugendhochschule wurde zu einer kleinen Stadt für sich mit der dazugehörigen Infrastruktur. Für viele waren das paradiesische Zustände.

JHS5

Bundeskanzler Helmut Schmidt lernte das Objekt im Herbst 1981 kennen, als er für die internationalen Medien, die seinen Besuch in der DDR begleiteten, dort eine Pressekonferenz gab.

Nach der friedlichen Revolution 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde die Jugendhochschule abgewickelt, seitdem findet das große Objekt, das sich in einem baulich hervorragenden Zustand befindet, keine langfristige Verwendung mehr. Zeitweise war ein Internationales Bildungszentrum untergebracht. Aber eine Nutzung auf Dauer wird bis heute gesucht. Jährlich kostet die Unterhaltung der Anlage für die Stadt Berlin rund 250.000 Euro.

JHS6

Der Zustand des Parks, der die Größe eines Fußballfeldes einnimmt, täuscht über die hohe Qualität der Bauwerke hinweg, die gut und gerne geeignet sind, eine vierstellige Zahl an Flüchtlingen vorübergehend menschenwürdig unterzubringen. Woran es scheitern mag, das kann nur der Wille des Eigentümers, des Berliner Senats sein.

Die im Gestrüpp auszumachenden Skulpturen jedenfalls stehen für internationale Solidarität und Barmherzigkeit.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Meinung

Eine Antwort zu “Das vergessene Paradies

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s