Die Festung Güstrow

Nach dem Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in Erfurt war der Besuch von Helmut Schmidt 1981 in der Schorfheide bei Berlin und in Güstrow ein weiterer Schritt zur Annäherung beider deutscher Staaten. Im Sinne der strategischen Losung „Wandel durch Annäherung“ führte er ein Stück näher zum Ende der DDR.

Der Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war ohne Zweifel einer der Höhepunkte der deutsch-deutschen Beziehungen. In der Barlach-Stadt Güstrow wurden ihm Freude und Begeisterung entgegengebracht, jedoch erkennbar weniger als seinem Gastgeber Erich Honecker. Das war bis ins Detail einstudiert. Eine ähnliche Peinlichkeit wie 1970 in Erfurt, als Tausende vor dem Hotel „Erfurter Hof“ nach Willy Brandt riefen, sollte Honecker erspart bleiben. Noch ein solches Debakel hätte Stasiminister Erich Mielke politisch nicht überlebt.

In Dokumentationen über den Schmidt-Besuch, die bisher im Fernsehen präsentiert wurden, ist nichts übertrieben. Alles, was man sich mit blühender Fantasie an Sicherheitsleistungen hätte einfallen lassen können, war dem MfS eingefallen.

Hinter Schmidt und Honecker schritt ich über den Weihnachtsmarkt und erlebte die bittere Komödie, von der nur einer der beiden Hauptdarsteller die Regieanweisungen kannte. Kaum eine Familie mit Kindern, die sich amüsierten, auffallend viele junge Männer bevölkerten den verschneiten Marktplatz. Honecker hatte befürchtet, Schmidt wolle in Güstrow „eine politische Show“ abziehen. Dem wurde derart vorgebeugt, dass das am selben Tag in Polen verhängte Kriegsrecht ein schwacher Abglanz der Belagerung von Güstrow war.

Vor dem Besuch hatten zudem über tausend Familiengespräche stattgefunden. „Zwielichtige“ Personen wurden eingeschüchtert, Schulen als „Zuführungspunkte“ hergerichtet. Tage vorher weilten Parteischüler aus Berlin in Güstrow, um sich Westreportern, die sich auf den Besuch vorbereiteten, als Bürger der Stadt in Interviews zu präsentieren.

Auch wir Journalisten hatten uns mit dem 750 Jahre alten Städtchen vertraut gemacht. Wir erfuhren, dass das von einem italienischen Baumeister geschaffene Renaissanceschloss mit großem Aufwand restauriert wurde, Güstrow eine Pädagogische Hochschule besaß sowie 200 wunderschöne alte Haustüren, von denen 60 unter Denkmalschutz, aber alle am Besuchstag unter Beobachtung standen.

Am Tag der Ankunft von Schmidt und Honecker waren ab sechs Uhr morgens die Zufahrtsstraßen dicht, ab acht Uhr war ein militärischer Außenring geschlossen. Nur ausgewählte Bürger wurden für den Besuch des Weihnachtsmarktes zugelassen, darunter auch Mitglieder aus anderen Parteien, die zuvor von der SED „geschult“ worden waren.  

Die Stasi-Aktion „Dialog“ klappte. Die Güstrower Bürger waren zwischen neun und achtzehn Uhr in ihre Häuser verbannt, vor denen Polizeiketten aufgefädelt waren. Sie durften kein Fenster zur Straße öffnen.

Ich hatte befürchtet, Schmidt breche angesichts des Kriegsrechts in Polen den Besuch in der DDR ab. Doch eisern galt die Devise: „Wandel durch Annäherung“, wenn es auch schwerfiel. In Gedanken versunken betrachtete Helmut Schmidt im Güstrower Dom Ernst Barlachs Bronzeplastik „Der Schwebende“ mit den Gesichtszügen der leidenschaftlichen Kriegsgegnerin Käthe Kollwitz. Allerdings verzichtete er in Anbetracht der politischen Zuspitzungen im Nachbarland darauf die Orgel zu spielen, wie das ursprünglich vorgesehen war.

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