Die russische Zwecklüge

Im Januar 2016 behauptete der russische Außenminister Lawrow, die Berliner Polizei würde die Vergewaltigung einer 13-jährigen Russland-Deutschen in Berlin-Marzahn vertuschen.

Erstens hat der Kreml wenig Grund, von Vertuschungen zu reden. Dafür hat er genügend politisch motivierte Morde an missliebigen Personen aufzuklären. Und zweitens hat die Berliner Polizei bis ins Detail ermittelt und wird die vermeintliche Straftat auch zu Ende aufklären. Es gibt keinen erkennbaren Grund, warum dies nicht geschehen sollte.

Hat Moskau die so genannten Russland-Deutschen wiederentdeckt und liebgewonnen? Einst waren sie die schlimmste Heimsuchung, die es für Diktator Stalin in der Sowjetunion geben konnte. Neben den Nazis natürlich, die sein Land überfallen hatten. Die Russland-Deutschen oder Wolga-Deutschen, die sich über viele Generationen im russischen Reich und später noch in der Sowjetunion angesiedelt und kaum noch eine Beziehung zu Deutschland hatten, außer der Pflege der Sprache und anderer Traditionen, wurden in den Vierzigerjahren wie menschlicher Abschaum behandelt.

Auf Erlass des Obersten Sowjets wurden ab 1941 rund 900.000 Russland-Deutsche von ihren angestammten Wohnorten deportiert, Familien auseinandergerissen, die Menschen in Viehwaggons abtransportiert und irgendwo in der kasachischen Taiga abgeladen, wo sie sehen mussten, wo sie eine Bleibe fanden, zum Teil sogar in Erdhütten lebten. Andere wurden zu Zwangsarbeit in Kolchosen verpflichtet. Ihnen wurden die staatsbürgerlichen Rechte aberkannt und das Eigentum konfisziert. Hunderttausende im arbeitsfähigen Alter waren in Lagern unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt, die meisten von ihnen starben in dieser Zeit vor allem an schlechten Arbeits-, Lebens- oder medizinischen Bedingungen.

Die Russland-Deutschen waren rechtlose Arbeitssklaven in der Sowjetunion. Obwohl viele von ihnen einst Stalin-Anhänger waren, fürchtete der Diktator Diversanten, Verräter, Spione und was sonst seinem kranken Gehirn entsprang unter ihnen. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Stalins Tod wurden die willkürlichen Verbannungen nicht zurückgenommen.

Und jetzt sollen die so genannten Russland-Deutschen politischen Zwecken dienen, in ihrer neuen Heimat Unruhe stiften und zur Destabilisierung beitragen. Rache gegen die Wirtschaftssanktionen gegen das Putin-Regime infolge der widerrechtlichen Einverleibung der Krim? Es wäre ratsam, wenn sich die nachgeborenen der Russland-Deutschen, die inzwischen gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland sind, an die Zeit ihrer Eltern und Großeltern erinnerten und der Wahrheit auf den Grund gingen.

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