Was kostet die Welt?

Auf gute Nachbarschaft!

Das  Haus mit den verglasten Loggien und den Nummern 56 bis 59 in der Berliner Wilhelmstraße gehört zum Besten des ostdeutschen Wohnungsbaus. Anders als die einst monotonen Betonquader in Marzahn und Hellersdorf hat es etwas Großstädtisches. Zu DDR-Zeiten projektiert und 1992 fertiggestellt, soll der achtgeschossige Block mit seinen komfortablen Wohnungen nach nicht einmal 25 Jahren abgerissen werden. Investoren meinen, dass aus diesem Stück Land in unmittelbarer Nachbarschaft  zu Regierung und Parlament weit mehr zu machen ist. Zum Beispiel Superluxus für richtig Kohle, Penunse, Gewinn. Da sind ein paar Komfortwohnungen mit vertretbaren Mieten kein Gegenargument – zumal „DDR-Platte“. Man weine ihr keine Träne nach.

HausAbriss

Wilhelmstraße. Weg damit! Für diesen Standort viel zu billig.

Nach anfänglichen Protesten wurden die 44 Mietparteien, hoch abgefunden, aus ihren „Nestern“ gelockt. Dennoch ist aus dem Abriss noch nichts geworden. Bevor der Beton für den neuen Luxus angerührt werden kann, fordert der kleinste Mitbewohner zwischen Behren- und Französische Straße, der Passer domesticus, sein Recht. Ein paar Dutzend brütende Sperlingsfamilien behaupten sich mit Unterstützung von Ornithologen in den Fugen der Waschbeton-Fassade, hinter Fallrohren und in Dachluken. Bis zum Ende ihrer Brutzeit im September verhindern sie den Einsatz der Spitzhacke.

Eine beneidenswerte Spezies, diese Spatzen. Gelingt es ihnen doch, die Terminpläne von Großinvestoren auszuhebeln. Aber leider wird der Fortpflanzungsdrang des Haussperlings die Spekulanten nicht hindern, ihr Kapital kräftig Mehrwert hecken zu lassen. Dafür ist der Acker zu fruchtbar, auf dem Nobelherbergen für Manager von Weltkonzernen, Lobbyisten und andere Moneymaker ins Kraut schießen. Die Nähe zum Regierungsviertel wird für die Finanzgiganten, die sich dank mangelnder Transparenz trickreich aus den Steuern winden dürfen, einer gewissen Dankbarkeit nicht im Wege stehen.  

Wenn nicht plötzlich noch die grüne Steinlaus den Abriss verzögert, soll das rund hundert Millionen teure Luxus-Quartier 2018 fertig sein. Die bis zu 80 Quadratmeter großen Apartments sollen dem Vernehmen nach ab einer halben Million, die supergroßen Wohnungen mit eigenen Dachterrassen in den Obergeschossen für vier und mehr Millionen Euro zu haben sein. An Interessenten wird es nicht mangeln, solange das Eigentum derer, die weltweit über den größten Teil des Vermögens der Menschheit verfügen, von Jahr zu Jahr wächst. Allein in Berlin wird nach Expertenmeinung die Zahl der Millionäre in den nächsten Jahren auf  20.000 steigen. Das hat den Vorteil, dass man angesichts von 730.000 Berlinern, die unter der Armutsgrenze leben, und mit jedem dritten Kind, das von Hartz IV abhängt, den Vermögensdurchschnitt pro Kopf einigermaßen stabil halten kann.

Aber das alles kann unsere Verwunderung für die großen Vorhaben der Superreichen nicht trüben.

 Der Abriss in der Wilhelmstraße fand im Oktober 2016 statt.

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Ein Kommentar

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