Wie die SED die Kunst „auf Linie“ zwang

Vor 65 Jahren wurde mit dem Formalismus „aufgeräumt“

Lange vor der berühmten „Kahlschlagrede“ Erich Honeckers auf dem berüchtigten Dezemberplenum der SED 1965 zur Disziplinierung der DDR-Künstler gab es bereits im März 1951 einen Rundumschlag gegen Kunst und Literatur in der jungen DDR.

(siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2015/11/22/honeckers-kahlschlag-rede/)

Mit dem Kampf gegen Formalismus in Kunst und Literatur startete die SED vor 65 Jahren die bis dahin größte Attacke, um die Künstler des Landes „auf Linie“ einzuschwören. Unter dem Begriff des Formalismus war jedes auch nur im Detail vom „sozialistischen Realismus“ Moskauer Prägung abweichende Kunstwerk – sei es als Buch, Bild, Skulptur, Musik oder Inszenierung – als vom Kulturverfall des angloamerikanischen Imperialismus geprägt zu verunglimpfen.

Von den „Göttern“ lobend erwähnt

Natürlich war auf der Tagung des ZK der SED vom 15.-17- März erst einmal alles Positive zu nennen, bevor man die Abrechnung mit den „Abweichlern“ vornahm. Als positive Beispiele wurden die Werke von Arnold Zweig, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Bernhard Kellermann, Friedrich Wolf, Willy Bredel, Erich Weinert, Hans Marchwitza, Bodo Uhse, Stephan Hermlin, Kuba, Kantorowicz genannt, die zum Teil nach 1945, zum Teil während der Emigration geschrieben wurden. Diese Werke hätten an der Bewusstseinsänderung einen bedeutenden Anteil. In der Filmkunst nannte Hans Lauter als Partei-Referent die Streifen „Unser täglich Brot“ (Slatan Dudow), „Die Buntkarierten“ und „Der Rat der Götter“ (Kurt Maetzig), und die „Die Sonnenbrucks“ (Georg C. Klaren). Die Bühnenwerke „Du bist der Richtige“ (von Gustav von Wangenheim für die FDJ geschrieben) und „Golden fließt der Stahl“ (Karl Grünberg) fanden lobende Erwähnung. Mit dem „Mansfelder Oratorium“ (Stephan Hermlin, Ernst-Hermann Meyer) hätten seine Schöpfer sogar ein Werk geschaffen, das einen besonderen Platz im kulturellen Leben der DDR einnehme.

Zurückbleiben durch Formalismus

Andererseits seien viele Kulturschaffende in ihren künstlerischen Leistungen noch weit  „hinter den Forderungen des Tages, hinter den Forderungen der Epoche“zurückgeblieben. Die Hauptursache für das Zurückbleiben von Kunst und Literatur könne nicht in der ungenügenden Behandlung von Gegenwartsthemen gesucht werden. Die Ursache müsse in den Auffassungen der Kulturschaffenden selbst liegen. Als solle „Zurückbleiben“ das Unwort des Jahres werden, hieß es im Referat: „Wenn wir die Lage von Kunst und Literatur überprüfen, dann finden wir, dass die Hauptursache für das Zurückbleiben darin liegt, dass in der Kunst der Formalismus noch stark vorhanden ist und z. T. sogar herrscht. Die Hauptursache liegt also im Vorhandensein und in der Herrschaft des Formalismus in der Kunst. Daraus ergibt sich das Zurückbleiben der künstlerischen Leistungen hinter den Aufgaben des Volkes.“

„Viele der besten Vertreter der modernen deutschen Kunst“ stünden in ihrem Schaffen vor dem großen Widerspruch zwischen einem neuen Inhalt und den unbrauchbaren Mitteln der formalistischen Kunst. Um einen neuen Inhalt zu gestalten, müsse man den Formalismus überwinden. Formalismus bedeute nicht nur Verleugnung der grundlegenden Bedeutung des Inhalts, des Grundgedankens im Kunstwerk; Formalismus bedeute auch Zerstörung der künstlerischen Form und damit Zerstörung der Kunst selbst. Die Formalisten, so wird geschlussfolgert, leugneten die bedeutende Rolle des Inhaltes eines Kunstwerkes. Damit werde der Grundsatz verlassen, dass die Kunst eine Form der Erkenntnis der Wirklichkeit sei. „Die Leugnung der grundlegenden Bedeutung des Inhalts, des Gedankengutes eines Kunstwerkes führt weiter unweigerlich zur Abstraktion in der Form. Abstrakte Formen aber, ganz gleich ob es sich um Malerei, Plastik, Architektur, Musik, darstellende Kunst oder Literatur handelt, sind künstlerische Gestaltungsformen, die der Wirklichkeit widersprechen.“

Kitsch als imperialistischer Kulturzerstörer

Das wichtigste Merkmal des Formalismus bestehe darin, unter dem Vorwand. Neues zu entwickeln, den völligen Bruch mit dem klassischen Kulturerbe zu vollziehen. Das führe zur Entwurzelung der nationalen Kultur, zur Zerstörung des Nationalbewusstseins, fördere den Kosmopolitismus und bedeute damit eine Unterstützung der Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus. Für den Formalismus sei  die Abkehr von der Volkstümlichkeit der Kunst kennzeichnend, das Verleugnen des Prinzips, dass die Kunst Dienst am Volke sein müsse.

Und dann feste drauf: „Die imperialistischen Kulturzerstörer wenden als Waffe zur Vergiftung des Bewusstseins und des Geschmacks der werktätigen Massen in breitestem Maße den Kitsch an. Ich brauche nicht an die pornographischen Magazine, Verbrecherromane, Wildwestfilme usw. zu erinnern, obwohl gerade diese Mittel in einem Ausmaß hergestellt und verbreitet werden, wie das bisher noch nie der Fall war.“

Jazz verdirbt den Geschmack

„Wir dürfen aber nicht übersehen“, heißt es im Referat, „dass auch bei uns in der DDR der Kitsch noch eine sehr ernste Gefahr darstellt. Auch die Jazzmusik soll dazu beitragen, den Geschmack am Schönen zu verderben und die Pflege der alten Volkskunst und des klassischen Kulturerbes zu vernachlässigen. Es gibt auch einige Filme, die sehr stark an Kitsch erinnern.“ Als Beispiele werden genannt: „Träume nicht, Annette“ (E. Klagemann, H. Weiss), „Das Mädchen Christine“ (A.M. Rabenalt) und „Saure Wochen – frohe Feste“ (W. Schleif). „Diese Filme entsprechen nicht den Anforderungen, die wir an eine fortschrittliche Filmproduktion stellen. Wir müssen stets davon ausgehen, dass jeder Film, auch jeder Lustspielfilm, in Bezug auf die Beeinflussung der Massen eine hohe kulturell-erzieherische Aufgabe zu erfüllen hat. Vom Standpunkt des Kitsches aus müssen aber auch ernstlich die Filme überprüft werden, die noch aus der alten Ufa-Produktion stammen, oder die Filme, die wir im Austausch aus dem Westen übernehmen und bei uns aufführen.“

Aber noch viel mehr als im Film ist der Kitsch in der sogenannten Kleinkunst, im Kabarett, im Variete und besonders bei den Ansagern in sogenannten „Kulturveranstaltungen“ vorhanden. „Ich betone hier so genannte Kulturveranstaltungen. Die Veranstalter solcher Abende sollen sich nicht wundern, wenn sie eines Tages von den Werktätigen ausgepfiffen werden. Es gibt bereits solche Beispiele. Es ist notwendig, daß wir sie mehr als bisher in der Presse veröffentlichen.“ Am schlimmsten sei es auf dem Lande und in Ferien- und Erholungsheimen. Was da mitunter bei sogenannten Kulturveranstaltungen an widerlichen Sachen, die an die niedrigsten Instinkte appellieren, geboten werde, dürfe unter keinen Umständen mehr zugelassen werden.

Formalist Max Linger

Ein Beispiel des Formalismus in der Malerei sei das Wandbild von Horst Strempel im Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Bei den dort dargestellten Personen fehlten nicht nur die „charakteristischen Merkmale unserer besten Menschen“, die sich mit aller Kraft für die Erfüllung der Aufgaben einsetzen. Die dort dargestellten Personen seien unförmig proportioniert und wirkten sogar abstoßend. Solche Menschen existierten in Wirklichkeit nicht, sondern nur in der Vorstellung des Künstlers. So sehe, abstrakte Kunst aus.

„Weil es solche Menschen in Wirklichkeit gar nicht gibt, und weil solche Figuren wie auf dem Wandbild erst recht nicht als typische Verkörperung des Fortschritts und des Aufbaues dienen können, darum kann eine solche Kunst auch nicht den Fortschritt und den Aufbau zum Ausdruck bringen.“

Es gebe aber auch Arbeiten von Max Lingner, wie den Einband für den Volkskalender 1951, die formalistische Züge tragen.

„Unharmonischer“ Paul Dessau

Ein Beispiel des Formalismus auf dem Gebiete der Musik sei die im Jahre 1950 in Dresden aufgeführte Oper „Antigonae“, deren Musik  unmelodisch, sogar abstoßend und geräuschvoll mit Schlaginstrumenten ausgestattet gewesen sei. Was könne eine solche „Musik“ durch ihr Einwirken auf das Gefühl, auf das Empfinden, auf das Bewußtsein, auf den Willen der Menschen auslösen? „Sie kann nur den Geschmack der Menschen verwirren. Eine solche Musik ist nicht dazu angetan, unsere demokratische Kultur vorwärts zu bringen. Man habe es gar nicht nötig, Beispiele des vergangenen Jahres heranzuziehen. Die Musik der Oper „Das Verhör des Lukullus“ (Paul Dessau) sei ebenfalls ein Beispiel des Formalismus. Sie sei meist unharmonisch, mit vielen Schlagzeugen ausgestattet, und erzeuge ebenfalls Verwirrung des Geschmackes.

„Eine solche Musik, die die Menschen verwirrt, kann nicht zur Hebung des Bewußtseins der Werktätigen beitragen, sondern hilft objektiv denjenigen, die an der Verwirrung der Menschen ein Interesse haben. Das aber sind die kriegslüsternen Feinde der Menschheit. Durch eine solche Musik, die nicht an unser klassisches kulturelles Erbe anknüpft, kann man selbstverständlich nicht unsere neue demokratische Kultur entwickeln, die die Demokratie und den kämpferischen Humanismus zum Inhalt hat.“

Ein Beispiel dafür, wie durch die falsche Inszenierung einer klassischen Oper der Formalismus zum Ausdruck komme, sei die Aufführung der Oper „Ruslan und Ludmilla“ in der Deutschen Staatsoper Berlin. Wenn in einer Oper oder in einem anderen Bühnenwerk das Leben eines Volkes dargestellt werde, dann müssten die Charaktere auch für das Volk und die Zeit der Handlung typisch sein und den Ideen des Autors entsprechen. Ähnliche Fehler seien auch bei anderen Bühnenwerken, z. B. der Oper „Undine“ und dem Ballett „Don Quichotte“ gemacht worden. Darüber hinaus kommee der Formalismus auf der Bühne auch in der „unverständlichen, geheimnisvollen, ins Unwirkliche gehenden Gestaltung vieler Bühnenbilder“ zum Ausdruck.

Kunst unter staatliche Kontrolle

Es erhebe sich die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, die Bildung einer Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten vorzunehmen, schlussfolgert der Redner. Es zeige sich immer deutlicher, dass die Arbeit der Theater, der Einrichtungen für Musik und Gesang, der Institute der Bildenden Kunst und die Anleitung der Kunst-, Hoch- und Fachschulen im Rahmen eines Ministeriums für Volksbildung, das eine sehr breite Aufgabe hat, nicht zu bewältigen sei. Darum sei die Zeit gekommen, die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten zu bilden.

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