Und die „Gloriosa“ blieb stumm

Über die Besetzung des Erfurter Doms

Es war der erste Sonntag im Juni 1988. Nach dem Gottesdienst im katholischen Marien-Dom zu Erfurt gingen am späten Vormittag die meisten Besucher nach Hause. Doch 21 Besucher blieben, darunter sieben Kinder, eng zusammengerückt auf der Kirchenbank sitzen. Auch nach dem Hinweis des Pfarrers, dass der Gottesdienst beendet sei, verharrten sie – und erklärten den Dom für besetzt.

Der damalige Kirchenmusikdirektor und Dom-Organist Wilhelm Kümpel, der 2000 starb, schilderte die Begebenheit so: „Ich hatte aufgehört zu spielen, die Besucher gingen. Ich stellte fest, dass in einer Reihe junge Leute mit ihren Kindern sitzen blieben. Unwissend verließ ich die Kirche. Danach durfte ich den Dom zwei Tage lang nicht betreten, obwohl ich mich dringend auf Konzerte in der Bundesrepublik vorbereiten musste. Die Stasi hatte das Gelände um den Dom abgeriegelt.“

In der Kirche saßen auch Kerstin und Rainer Römhild mit ihrem achtjährigen Sohn. Die Besetzung sei geplant gewesen“, sagt Rainer Römhild Jahre später. „Wir, Katholiken und Protestanten aus Sömmerda, waren angereist, um mit dieser Aktion die Öffentlichkeit auf die Not und Verfolgung von ausreisewilligen DDR-Bürgern aufmerksam zu machen.“ Seit drei und mehr Jahren hatten die Dombesetzer Ausreiseanträge laufen, „die alle abschlägig beantwortet wurden.“

Alle Seiten schwiegen

Eine von der Staatssicherheit in Betracht gezogene gewaltsame Räumung wurde von kirchlicher Seite abgelehnt. Doch die Menschen in der Kirche hatten auch vorgesorgt und bei Freunden Informationen für das ZDF und die Vereinten Nationen hinterlegt. Zusätzlich war Rainer Römhild bereit, auch ganz Erfurt mit Hilfe eines besonderen Glockenspiels über den Skandal zu informieren. „Wenn die Situation eskaliert wäre, hatte ich mich an den Schaltanlagen in der Sakristei darauf vorbereitet, die berühmte ‚Gloriosa‘ zu läuten, deren unverwechselbarer Klang nur zu ganz besonderen Anlässen bis weit über die Stadtgrenzen hinaus wahrzunehmen ist“, sagt Römhild.

Rainer Römhild.tif

Er wollte die „Gloriosa“ läuten: Rainer Römhild

Die Kathedrale wurde offiziell „wegen Bauarbeiten“ gesperrt. Für die kühlen Nächte stellte das Priesterseminar Liegen und Decken zur Verfügung. Die Caritas sorgte für Verpflegung, für die Kinder gab es sogar Bananen und Orangen. Zu den wenigen, die Zugang hatten, gehörte neben Weihbischof und Dompfarrer Hans-Reinhard Koch auch Georg Sterzinsky, der damals Generalvikar im Bischöflichen Amt Erfurt-Meiningen war.

Die Politiker in Berlin waren in heller Aufregung. Erich Honecker persönlich schaltete sich ein, um eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden. Nach intensiven Verhandlungen, in die auch die Berliner Anwaltskanzlei des Honecker-Vertrauten Wolfgang Vogel einbezogen war, wurde zunächst die beabsichtigte gemeinsame Ausreise der Dombesetzer per Bus abgelehnt. Nach zwei Tagen gab es endlich eine Entscheidung. Am Dienstagabend ab 19.30 Uhr wurden die Familien im Abstand von jeweils fünfzehn Minuten per Taxi nach Hause gefahren.

37 ErfurtDomplatzMorgens

Die Bestzung des Erfurter Doms blieb über Jahre ein Geheimnis der Beteiligten

Sie hatten im Beisein von Georg Sterzinsky vom Staat die Zusicherung erhalten, innerhalb von zehn bis dreißig Tagen in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen. Diese Zusicherung war jedoch mit der Drohung verbunden, dass der „Fall“ nicht in die Medien gelangen dürfe, sonst würde es kein Wiedersehen mit den Verwandten geben. Außerdem wurde das Ehepaar B. als „Pfand“ zurückgehalten und erst in den Westen entlassen, nachdem über Wochen nichts von der Besetzung an die Öffentlichkeit gelangt war. Tatsächlich ging die Dom-Besetzung an den bundesdeutschen Korrespondenten vorbei.

Weite Wege zur Erkenntnis

Die katholische Kirche hielt den Protest der Ausreisewilligen unter der Decke, um kein Beispiel für andere zu schaffen. Diszipliniert hielt sie sich an ihre Stillschweige-Übereinkunft mit dem Staat. Als der inzwischen zum Vorsitzenden der Berliner Bischofskonferenz ernannte Sterzinsky im Februar 1990 der Evangelischen Kirche in der DDR für ihr Engagement bei der Demokratisierung dankte, stellte er allerdings selbstkritisch fest: „Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift.“

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