Majestät ham laut jelacht!

Eine Revue

von Klaus Taubert

Wilhelm Voigt

 zum Gedenken an die Köpenickiade des Schusters Wilhelm Voigt

 am 16. Oktober 1906

Vor Beginn, in der Pause und am Schluss der Vorstellung wird eine ununterbrochene Folge der bekanntesten Berliner Melodien leise und ohne Gesang als Hintergrundmusik eingespielt. Die Stimmung wird „aufgeheizt“, es gibt keinen akustischen Leerlauf.  

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Hauptmann und Garde (bestehend aus dem Hauptmann und allen Mitwirkenden des Programms): Der Hauptmann von Köpenick befehligt die Garde, die zum Indra-Marsch (Flotow) durch das Publikum zur Bühne marschiert und sich ausgerichtet aufstellt. Alle Mitwirkenden tragen ihre Auftrittskleidung, haben aber zur Charakterisierung der Garde die gleichen Uniformmützen auf dem Kopf.

Hauptmann: (berlinert)  Nun aber mal ordentlich im Gleichschritt. He, Sie da, wohl lange nicht mehr richtig marschiert, was? Hier wird nicht aus der Reihe getanzt. Das können Sie bei der Politik oder im Rathaus machen, aber nicht bei´s Militär. Das Ganze halt! Rührt euch! Und weggetreten! Nach hinten wenn ich bitten darf! 

Ein Garde-Mitglied bleibt, ersetzt die Mütze durch einen Zylinder und tritt als Bürgermeister  vor den Hauptmann.

Hauptmann: Was wollen Sie denn, Sie Zivilist?

Bürgermeister: Ich bin Dr. Georg Langhans, Bürgermeister von Köpenick, dem kleinen wunderschönen Städtchen hinter dem Stadtrand von Berlin, wenn Herr Hauptmann gestatten.

Hauptmann: Na, ausnahmsweise. Sie sind also der Köpenicker Bürgermeister, der als komische Figur in die Geschichte…

Bürgermeister: (entrüstet) Herr Hauptmann, ich darf doch höflich bitten…

Hauptmann: Ach ja, soweit sind wir ja noch gar nicht in der Geschichte. Also, Bürgermeisterchen, vergessen wir das mal ganz schnell und halte er sich zum Abmarsch in die Neue Wache nach Berlin Unter den Linden bereit. Er ist auf allerhöchsten Befehl verhaftet. Hat er das begriffen, oder wofür hat er den Doktortitel? Wohl auch nur abgeschrieben…?

Bürgermeister: Wenn ich bitten darf, Herr Hauptmann, Dr. jur., höchstpersönlich in Jena erworben. Habe mir diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Mein Schwager im Kriegsministerium kann das bezeugen…

Hauptmann: Keine Sorge, überlassen Sie das Vorwerfen mal anderen, die finden immer was. Wenn Sie sich auf nichts verlassen können, darauf können´se. Und was den Schwager betrifft… Vetternwirtschaft kommt erst in der zweiten Hälfte unseres eben erst begonnenen zwanzigsten Jahrhunderts groß raus. Da wollen wir mal nicht vorgreifen. Also, keine Fisimatenten, setzen er sich auf seinen Arsch und warten auf das Schicksal, wie gebildete Leute das zu tun pflegen. Und denke er an etwas Schönes,  zum Beispiel an das bunte Leben in der Reichshauptstadt, damit er einen Eindruck von unsere Zeit bekommt … (beide ab)

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Medley Lincke-Melodien u.a. aus der ersten Berliner Operette „Frau Luna“. Dazu Einspielung auf Video-Wand Bilder aus dem alten Berlin, buntes Treiben im Zentrum, Bilder von Paul Lincke.

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Hauptmann: (zum Publikum)  Ja, damals in Köpenick. Der Spaß ist mich teuer zu stehen gekommen. Dabei hatte ich das Rathaus an jenem 16. Oktober anno 1906 mit den unterwegs von mir abkommandierten Grenadieren nur besetzt, um endlich an einen Pass zu gelangen, einen ganz  simplen Pass, der mich als Mensch ausweist. Sie müssen wissen, eigentlich stamme ich aus dem ostpreußischen Tilsit. Dreiundzwanzig Jahre lang hat mir der Staat wegen unbedeutender Kleinigkeiten – Diebstahl, Urkundenfälschung, Passvergehen und so – großzügig Kost und Logis angedeihen lassen. Nun mit 57 Jahren wollte ich endlich selber für mich sorgen, hatte allerdings keinen Pass und war so gesehen illegal in Berlin. Ich bekam keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keinen Pass und ohne Pass keine Arbeit usw. Können Sie sich das vorstellen? Sicher nicht …

Bürgermeister: (kommt aus dem Hintergrund langsam auf den Hauptmann zu) Sagen Sie mal, Herr Voigt, wie waren Sie eigentlich auf unser schönes Köpenick gekommen?

Hauptmann: Gute Frage. Ursprünglich wollte ich das Rathaus in Nauen, äh, inspizieren, um mir dort einen Pass sozusagen zu organisieren. Dann fiel mir ein, dass das viel zu nahe an der Festung Spandau liegt. Von dort hätte das Militär sehr rasch nach dem Rechten sehen können. Außerdem: Wie hätte das in der Literatur geklungen: „Der Hauptmann von Nauen“? Nee, nee, mein lieber Bürgermeister, seien Sie froh, dass ich mir noch rechtzeitig umentschieden hatte. Köpenick wurde berühmt, Sie haben nicht groß leiden müssen, und Willem zwo, unser aller Kaiser, soll laut gelacht haben. Erinnern Sie sich noch an das alte Berlin? 

Bürgermeister:  Na klar. Das zwanzigste Jahrhundert steckte noch in den Kinderschuhen. Der Kaiser, dessen Lieblingsspielzeug die Marine war,  hatte die Losung verkündet: „Mit Volldampf voraus!“

Hauptmann: Das klang ja wie ein Programm. Sagen Sie das mal den Regierenden von heute: Mit Volldampf voraus, wo die Mühe haben, hinterherzukommen. Geschweige mit dem Schuldenabbau. Von wegen Volldampf!

Bürgermeister: Damals ging es tatsächlich mit Volldampf in die Zukunft. Können Sie sich an die  technischen Highlights zu unserer Zeit erinnern? Das Auto, das elektrische Licht, das Kino. Alles fast neu auf dem Markt. Im Sog der Wirtschaft gediehen Kunst und Kultur. Am Alexanderplatz gab es das erste deutsche Kabarett. Die Leute konnten nicht genug davon bekommen. Mindestens 50 weitere Kabaretts schossen wie viel, viel später die Dönerbuden aus dem Boden. 

Hauptmann: Was für Buden?

Bürgermeister: Das würde jetzt so weit führen, lieber Hauptmann. Ja damals…. Auf den Straßen pfiffen die Bäckerburschen  beim Austragen der Schrippen die Hits jener Jahre, von denen viele von Paul Lincke stammten. Wissen Sie noch, dass das  Jahrhundert mit der ersten Berliner Operette, „Frau Luna“, begonnen hatte, uraufgeführt 1899 im Apollo-Theater? Als hätte Lincke gewusst, dass in ein paar Jahrzehnten der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzt. Damals baute man sich noch  „Schlösser, die im Monde liegen…“

Hauptmann: Bringen Kummer, lieber Schatz.“

Bürgermeister: „Um im Glück dich einzuwiegen, hast du auf der Erde Platz!“ Ja, das war Linckes Welterfolg. Wenige Jahre später machte sein  „Glühwürmchen-Idyll“ Furore.

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„Glühwürmchen“ mit Tanzeinlage

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Bürgermeister: Ach, wissen Sie, lieber Hauptmann, das erste Jahrzehnt, das wir beide miterleben durften, die so genannte Belle Epoche, war das wohl erfolgreichste des ganzen Jahrhunderts.

Hauptmann: Wie kommen Sie darauf, Herr Doktor? Vergessen Sie nicht, zwei Jahre Knast für mich ist weniger erfolgreich.

Bürgermeister: Für Sie schon, Hauptmann. Aber für Deutschland purzelten die Nobelpreise. Ich nenne nur den Historiker Theodor Mommsen, den Chemiker Emil Fischer, den Bakteriologen Robert Koch, den Chemiker Adolf von Baeyer und es sollten bald noch mehr hinzukommen. Krieg und Frieden lagen dicht beieinander. Die Siegesallee wurde fertig mit ihren vielen Kriegerdenkmalen. Die Berliner sagten schnodderig, wenn sie spazieren gingen, sie gehen bis in die Puppen. Die Stadt überschritt in der Einwohnerzahl die zwei Millionen. Lichtenberg erhielt sein eigenes Stadtrecht, Kaiser Wilhelm II. eröffnete das Luxushotel Adlon, Kunst und Kultur wurden vermarktet wie nie zuvor und – nicht zu vergessen – die Berliner Stadtverordnetenversammlung bewilligte dem Magistrat die Anschaffung eines Automobils.

Hauptmann: Das wurde ja auch langsam Zeit. Obwohl wir damals dachten, diese Stinker sind nur eine Zeiterscheinung, werden gegen die Pferdedroschke nicht bestehen können.

Bürgermeister: So kann man sich irren. Übrigens, wer es sich damals leisten konnte, „hielt“ sich eine Bühne. Die unvergessene Fritzi Massary feiert als Revue- und Operettenstar Triumphe im Berliner Metropoltheater,  Max Reinhardt inszenierte erstmals den »Jedermann« von Hugo von Hofmannsthal im Berliner Zirkus Schumann…

Hauptmann: Ich habe gelesen, 1910 soll es in Berlin 30 größere Theater, ein Dutzend Singspielhallen und dreihundert Lokale gegeben haben, in denen mehr oder weniger kunstvolle Unterhaltung geboten wurde. 

Bürgermeister: Klar, lieber Hauptmann, damals gab es noch kein Fernsehen. Aber dafür  um die 900 Ballhäuser, von denen eines der bekanntesten wohl Clärchens Ballhaus war.  Wer was erleben wollte, musste schon hinaus in das pulsierende Leben.

Hauptmann: Das sagen Sie so. Mein  pulsierendes Leben war über viele Jahre sehr eingeschränkt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Da war nicht viel mit ausgehen und so. Dabei hätte ich mir die Trude Hesterberg auch gern mal aus der Nähe betrachtet.

Bürgermeister: Das glaube ich Ihnen gern, aber dennoch war die Stadt mit Promis noch nicht so reich gesegnet wie später in den Zwanzigern. Aber auf den Plakaten las man immerhin schon Namen wie Hans Albers, Grete Weiser, Wilhelm Bendow, Ihre Trude Hesterberg, Rosa Valetti und Hubert von Meyerinck. An der Hofoper dirigierte Richard Strauss, Otto Brahm leitete das Deutsche Theater, Oscar Straus schrieb in Berlin seine Operette „Ein Walzertraum“. Wollen wir mal reinhören?

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Eingespielt mit Gesang: „Leise, ganz leise klingt’s durch den Raum, liebliche Weise…“

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Bürgermeister: (schwelgt) Klingt es nicht wunderschön? Gesungen von Richard Tauber! Die Frauen waren hin. Aber uns Männern ging das auch wie Honig runter. Mein  absoluter Topstar war die „Nachtigall“ der Operette – Fritzi Massary. Erinnern Sie sich, Herr Voigt, wer neben Caruso und der Massary damals noch zu  großer Berühmtheit gelangte?

Hauptmann: Die Bescheidenheit verbietet es mir, mich hier einzureihen, lieber Herr Bürgermeister.

Bürgermeister: Von Ihnen, lieber Hauptmann, natürlich einmal abgesehen. Ich denke an ein kleines hässliches Entlein.

Hauptmann: Na, da lag ich doch gar nicht so falsch …

Bürgermeister: … mit rotem Haarschopf. Die Kleene mit der großen Klappe war das elfte von 16 Kindern einer Gelsenkirchener Gastwirtsfamilie. Sie kam 1904, mit neunzehn, in das berühmte Kabarett „Zum Roland von Berlin“ in der Potsdamer Straße und sang dem Chef beherzt und unbekümmert vor. Rudolf Nelson engagierte sie vom Fleck weg, setzte ihren Namen quasi über Nacht auf die Plakate und – drei Jahrzehnte lang war sie Liebling der Berliner.

Hauptmann: Lassen Sie mich raten: Cläre Waldoff?

Bürgermeister: Volltreffer!

Hauptmann: Man erzählte sich, die Waldoff hätte es abgelehnt, mit der Massary in Leo Falls Operette „Madame Pompadour“ zu spielen. Denn das Duett „Ach, Joseph, ach Joseph, was bis du so keusch…“ war ursprünglich für die Waldoff als Kammerzofe geschrieben. Doch die Massary schnappte ihr das Lied vor der Nase weg und sang es selbst.

Bürgermeister: Ja, ja, Zoff zwischen Superstars gab es damals schon reichlich.   

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Waldoff-Interpretin singt das frühe Lied der Waldoff   „Wer schmeißt denn da mit Lehm“. Gleich anschießend Duett „Ach Joseph, ach Joseph…“ im Stil der Waldoff. Dazu Einspielung mehrere Bilder Massary, Caruso,  Waldoff  usw.

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Bürgermeister: Zeitweise wurde die Waldoff am Klavier von einem völlig unbekannten Musiker namens Kollodzieyski begleitet. Drei Jahre später kannte ihn die ganze Stadt und bald auch das Land. Seine erste Revue hieß „Wie einst im Mai“, die Lieder daraus wurden zu Gassenhauern: „Es war in Schöneberg…“ und „Die Männer sind alle Verbrecher“.

Hauptmann: Außerdem hat sich der junge Mann fortan auf die erste Hälfte seines komplizierten Namens beschränkt und sich nicht mehr  Kollodzieyski, sondern nur noch Kollo genannt. Walter Kollo. 

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Medley mit Melodien von Walter Kollo „Es war in Schöneberg…“, „Die Männer sind alle Verbrecher…“, „Das ist der Frühling…“ und „Warte, warte nur ein Weilchen…“

Dazu die Mitspieler singend oder tanzend, mit typischen Requisiten (zur Auswahl stehen: Leierkastenmann, Eckensteher, Blumenfrau, Schutzmann, Droschkenkutscher mit Peitsche usw.) als Berliner Figuren.

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Bürgermeister: Wenn wir schon an die Großen jener Zeit erinnern, dürfen wir den Kulissenschieber aus Gardelegen nicht vergessen, der in seiner freien Zeit kleine Texte verfasste. Tucholsky beschrieb ihn so: „Ein schlecht rasierter Mann mit Stielaugen, der aussieht wie ein Droschkenkutscher, betritt in einem unmöglichen Frack und ausgelatschten Stiefeln das Podium.“ Na… dämmerts? Mit beißender Ironie, Witz und manchem Seitenhieb auf die Obrigkeit  trug er seine berühmten Couplets vor: Otto Reutter. Er begann bescheiden mit 240 Mark Gage im Monat und brachte es zu einem der am höchsten bezahlten Künstler seiner Zeit.

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Künstler mit Couplet von Otto Reutter, evtl. das Lied vom Überzieher oder vom Maurer “Da fang´n wa gleich an” 

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Bürgermeister: Überhaupt hatten die Berliner  die Lieder und Chansons über die kleinen Leute richtig lieb gewonnen. So zum Beispiel ein kleines Lied von Rudolf Nelson. Selbst der Kaiser konnte sich dem Charme dieser Lieder nicht entziehen. „Das Ladenmädel“ beispielsweise von Nelson – na, kennen Sie es: „Erst kommen die Blusen und Kleider und dann die Jupons voller Pli“ – ließ sich Wilhelm der Zweite während eines Jagdvergnügens 1908 fünfmal hintereinander vortragen, wobei er sich königlich und sogar kaiserlich amüsierte. 

Hauptmann: Oder brauchte er so lange, bis er es kapiert hatte? Aber ich will über Majestät nichts Schlechtes sagen, schließlich hat er mich, den Schuster Wilhelm Voigt, im August 1908 begnadigt. Nach zwanzig Monaten durfte ich das Gefängnis in Tegel als freier Mann verlassen. Vier Jahre hatten es laut Gerichtsurteil eigentlich werden sollen.

Bürgermeister: Wobei Sie, verehrter Hauptmann, nicht viel auszustehen hatten. Noch nie zuvor hat ein Strafgefangener so viele Sympathiebekundungen, Geldspenden und Pakete aus allen Schichten des Volkes in den Knast bekommen. Für eine Weile hatten Sie ausgesorgt.

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Eine Künstlerin als typisches Ladenmädchen in damaliger Ausstattung singt das „Ladenmädel“. Ein weiterer Mitspieler mit Umhang und Hut skizziert dabei als Zeichner Zille das Ladenmädel.

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Bürgermeister: Haben Sie ihn erkannt, den „Pinsel-Heinrich“? Einer der bekanntesten Berliner Künstler, der – wie die meisten Originale der Stadt – zugereist war.       

Hauptmann: Sogar als Professor und Akademiemitglied zog er mit seiner Zeichenmappe in die Kneipen, Varietés und Kabaretts und malte die Armut und das Laster, die kleinen Leute und ihre großen Gefühle. Wie kein anderer sah er die Gören, skizzierte die Hinterhöfe, hörte den Marktweibern zu und hielt die resolute Hauswartsfrau mit dem Zeichenstift fest, wenn sie die Kinder aufforderte: „Jeht weg von de Blumen, spielt mit de Mülltonnen.“ 

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Interpretin singt „Das is sein Milljöh“. Dazu  Einspielung Zeichnungen Heinrich Zilles aus dem Berliner „Milljöh“. 

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Bürgermeister: Vergessen wir nicht die Jahre des Ersten Weltkrieges, lieber Hauptmann. Sie selber waren ja nicht eingezogen, wenngleich Sie sich im Militärischen einiges angeeignet hatten, bis hin zur falschen Uniform. Wissen Sie es noch? Weihnachten 1914 sollten alle Soldaten siegreich wieder zu Hause sein.

Hauptmann: Na ja, das hatte Seine Majestät vorausgesagt. Manche nannten ihn ja später auch die größte Fehlbesetzung seiner Zeit.

Bürgermeister: Aber immerhin, erstmals in der deutschen Geschichte hat er Anfang Oktober 1918, als der Krieg für das Deutsche Reich verloren war, Sozialdemokraten in eine Regierung aufnehmen lassen.

Hauptmann: Nachdem er vorher verlangt hatte: „Die Sozialdemokratie muss in der Schule bekämpft werden.“ Aber die Niederlage im Krieg warf mit Hunger, Not und Tod ihre grausamen Schatten voraus. Ohne Sozialdemokratie war kein Frieden im Land mehr möglich.  Das Entgegenkommen von Willem zwo ging so weit, dass er erst zwanzig Jahre nach dem Bau des protzigen Reichstagsgebäudes gestattete, dass über dem Portal stehen durfte: „Dem Deutschen Volke“. Da ging es mit den deutschen Kriegserfolgen bereits rapide bergab.

Bürgermeister: Überhaupt haben die Sozialdemokraten damals einiges möglich gemacht. Und stellen Sie sich vor, Hauptmann, ab 1908 dürfen Frauen an Universitäten studieren! Aber erst sehr viel später ernennt die Kaiser-Wilhelm-Universität ihren ersten weiblichen Professor: Lise Meitner, eine Mitarbeiterin von Otto Hahn und Kernphysikerin von Weltruf.

Hauptmann: Na also, Berlin auf dem Weg zur Weltstadt.

Bürgermeister: So richtig Weltstadt wurde Berlin aber erst 1920. Da gehörte dann endlich auch Köpenick dazu. Mit einer Mehrheit von 16 Stimmen wurde in der Preußischen Landesversammlung Groß-Berlin aus der Taufe gehoben. Die Linken hatten dafür die entscheidenden Stimmen geliefert, während sich die Konservativen sehr zurückhielten.

Hauptmann: Wenn es um Entscheidungen über die Zukunft Berlins geht, sind die Zustimmungen im Parlament immer ziemlich knapp. Nach der Wiedervereinigung gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts – um einmal kurz vorzugreifen – wurde Berlin ebenfalls nur dank der Stimmen der Linken gesamtdeutscher Regierungssitz. Es war doch nicht alles falsch…

Bürgermeister: Berlin verzehnfachte damals auf einen Schlag sein Territorium, war plötzlich die größte Hauptstadt der Welt und kam mit einer Bevölkerung von 3,8 Millionen Menschen gleich nach New York und London. Übrigens: Die 200 Millionen Mark Schulden Berlins wurden auf die eingemeindeten acht Städte und 59 Gemeinden mit übertragen. Damit sind alle zusammen ganz gut gefahren. Wenn wegen der Schulden die Vereinigung  misslungen wäre – ade Weltstadt.

Hauptmann:  Sagen Sie das mal den Brandenburgern, die viel, viel später aus Angst vor den Berliner Schulden eine  Länderfusion ablehnen werden… Kurzsichtig oder…?

Bürgermeister: Sie sagen es. Berlin jedenfalls wurde Weltstadt. Die Theater, Varieté- und Kabarettszene suchte in Europa ihresgleichen. So labil die Weimarer Republik auch politisch war, so reich waren Kunst und Kultur…  

Hauptmann: …vielleicht deswegen? Aber das sollen Historiker untersuchen. Den Glanz der Stadt bestimmten Leute wie Max Reinhardt, der die Komödie am Kurfürstendamm eröffnete. In den Opernhäuser und Konzertsälen wirkten Dirigenten wie Nikisch, Furtwängler und Abendroth. Der große Enrico Caruso gastierte 27mal in Berlin und auch der russische Jahrhundertbass Fjodor Schaljapin, der aus dem roten Russland nach Frankreich emigriert war, wurde stürmisch gefeiert.

Bürgermeister: Der amerikanische Wunderknabe Yehudi Menuhin bezauberte mit der Geige, Louis Armstrong mit der Trompete und Anna Pawlowa mit ihren Beinen als berühmtester „sterbender Schwan“, die  Donkosaken mit ihren Stimmen, und bald auch die Comedian Harmonists als populärste „Boygroup“ ihrer Zeit.

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Zwei Lieder der Comedian Harmonists gesungen: „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Ich wollt ich wär ein Huhn“.

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Hauptmann: Vergessen Sie Bertolt Brecht nicht. Der  war schon eine Sensation für sich. 1921 hatte er zusammen mit Carl Zuckmayer als Dramaturg am Deutschen Theater begonnen. Sein großer Durchbruch war am 31. August 1928. Im Theater am Schiffbauerdamm wurde die „Dreigroschenoper“ uraufgeführt. In den Hauptrollen Stars wie Harald Paulsen, Lotte Lenya, Rosa Valetti und Ernst Busch.

Bürgermeister: Man sollte aber hinzufügen, lieber Hauptmann, die Sprache Brechts und die Musik von Kurt Weill waren gewöhnungsbedürftig. Das Publikum war schockiert und blieb stumm sitzen. Brecht ahnte Fürchterliches, richtete sich auf ein Pfeifkonzert und Pfui-Rufe ein, denn die Berliner halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Plötzlich kommt der Kanonensong – das Eis brach, Stürme der Begeisterung folgten. Die Moritat von Mackie Messer wurde weltweit bekannt.

Bürgermeister: Was hätte ich gegeben, dieses Ereignis, die Geburt eines Welthits, miterleben zu können. Fortan durfte man als gebildeter Mensch mit Brechts Worten laut sagen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral… 

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Künstler singt den Kanonensong aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill. Einspiel Brecht in verschiedenen Lebenssituationen.

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Bürgermeister:  Das größte Denkmal für Sie,  mein lieber Hauptmann, hat Ihnen Carl Zuckmayer gesetzt. Mit seiner Tragikomödie „Der Hauptmann von Köpenick“.

Hauptmann: Ich konnte es leider nur „von oben“ verfolgen. Die Uraufführung war 1931, fünfundzwanzig Jahre  nach meinem Einzug in Ihr Rathaus und neun Jahre, nachdem ich das Zeitliche gesegnet hatte. Danke auch, Herr Zuckmayer, falls Sie mich da oben hören sollten. Sie haben mich zwar ein bisschen besser gemacht, als ich tatsächlich war, aber meinem Ruf hat das nicht geschadet. Als ich durch einen schmalen Schlitz in den Wolken die Aufführung mit Werner Krauß im Deutschen Theater sah und bald auch die Verfilmung mit Max Adalbert in der Titelrolle, der mir so verdammt ähnlich sah, kullerten mir ein paar Tränen über die Backen. Zum Beispiel an der Stelle, wo mein Schwager Friedrich als kleiner Beamter enttäuscht vom Kaiser-Manöver zurückkommt, weil er die erwartete Beförderung nicht erhalten hat. Helfen Sie mir doch mal, Herr Doktor.

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Hauptmann und Bürgermeister lesen den folgenden Dialog aus Zuckmayers Drama. Der Bürgermeister setzt eine Pickelhaube auf und spricht den Schwager Friedrich.

Voigt: Ick zieh m’r nur um un dann jeh ick.
Fr.:  Wohin denn? – Willem? Willst nich etwa fort?
Voigt:  Ob ick will, is nich jefragt. Ick muss fort.
 Fr.: Ja Herrjott, Willem! Hast‘ denn keene Einjabe jemacht?
Voigt: Zwee! Für die erste hattense keene Zeit, für die zweite keen Interesse!
Fr.:  Ja un nu – wo willst nu hin?
Voigt: [lacht] Ja nirjends!
Fr.: Willem, du willst doch keene Dummheiten machen!
Voigt: Nee, Dummheiten? Nee! Ausjeschlossen! Ick wer‘ nu langsam helle! Haa, haa…
Fr.: Nu lach doch nich immer! Det is doch ernst! Is halt’n Unglück, was hier passiert.
Voigt:  Wat is det? ’n Unglück? Nee, det is’n janz sauberes, glattes, ausjewachsenes Unrecht, is det! Un det muss man nur wissen, und ick weeß nu.
Fr.:  Willem, det musste tragen wie’n Mann.
Voigt: Wohin soll ick denn tragen, ohne Pass und ohne Aufenthalt!  Muss doch ’n Platz jeben, wo der Mensch leben kann!
Fr.:   ’n Mensch biste doch nur, wenn de dich in ’ne menschliche Ordnung stellst. Leben tut ooch ne Wanze.
Voigt:  Sehr richtig, die lebt. Un‘ weeste, warum die lebt? Erst kommt de Wanze, Friedrich, un‘ dann de Wanzenordnung – erst der Mensch, Friedrich, und dann de Menschenordnung!
Fr.:  Willem, du fährst auf’m janz falschen Jleis. Bei uns in Deutschland jib’t jar kein Unrecht. Bei uns jeht Recht un Ordnung über  allet.
Voigt: So… meine Ausweisung? Is det Recht un Ordnung? Und deine Beförderung? Is det recht un Ordnung? Wenn, dann muss de Ordnung richtig sein, un det isse nich!!!
Fr.:  Willem, ick sage dir: vor det Jeld, dat se an meiner Löhnung sparen, wird vielleicht ’ne Kanone jebaut.
Voigt: Ja, un dann jeht se los, un dann trifft et wieder dich, bumm-bumm, da liegste –
Fr.:  Jawoll. Da lieg‘ ick. Wenn’s ma losjeht. Un denn weeß ick aber ooch, wofür. Vor’s Vaterland, vor de Heimat.
Voigt: Mensch, ick häng‘ an meiner Heimat jenau wie du, jenau wie jeder, aber erst soll’n se m’r  ma drin leben lassen in der Heimat, dann kann ick auch sterben für, wenn’s sein muss! Wo isse denn, die Heimat? Im Polizeirevier? Oder hier im Papier? – Ick seh jar keene Heimat mehr vor lauter Bezirke…
Fr.:  Ick will det nich hören, Willem…un‘ ick darf’s nich hören. Ick bin Soldat un…ick bin Beamter. Haste denn jar keene innere Stimme, die dir sagt…
Voigt: Vorhin im Dunkeln, wie ick hier allene im Zimmer saß,  da hab‘  ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen, da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder ’n Arsch zu – du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein‘ Leben, un dann muß ick sagen: Fußmatte… Fußmatte, muß ick sagen, die hab ick jeflochen in Gefängnis, un da sind se alle drauf rumjetrampelt. Un Gott der Vater sagt zu mir: Jeh weg, sagt er, Ausweisung, sagt er, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste m’r schuldig, sagt er, wo isset? Wat haste ‚mit jemacht? … Un denn, Friedrich, denn isset wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis…
Fr.:  Du pochst an de Weltordnung, Willem. Det is Versündigung.
Voigt: Nee nee. So knickrig will ich mal nicht vor meinem Schöpfer stehen. Ick wer‘ noch wat machen… mit mein‘ Leben… Is jut, Friedrich. Bist’n braver Kerl. Dank d’r für alles. Ick jeh.

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Bürgermeister: (setzt die Pickelhaube wieder ab und den Zylinder auf.) Ja, Herr Voigt, kriminell sind Sie ja später nicht wieder geworden. Sie schrieben ein Buch über Ihr Leben, dass sich gut verkaufte, Sie reisten durch das Land, traten auf Jahrmärkten auf, verteilten Postkarten mit Ihrem Autogramm. Sie wurden in Amerika wie ein Star gefeiert, in Frankreich lachte man mit Ihnen über Ihre Köpenickiade, in London standen Sie gedoubelt im Wachsfigurenkabinett der Frau Toussot, bis Sie schließlich in Luxemburg ein Haus kauften und sich endgültig zur Ruhe setzten und gut lebten. Als es mit Ihnen zu Ende ging, im Januar 1922, waren sie völlig pleite. Aber auf Kosten der Armenkasse bekamen sie eine schöne Begräbnisstätte auf dem Luxemburger Friedhof Notre Dame, die für zwanzig Jahre gepachtet war. 

Hauptmann: Mensch, was Sie alles wissen.

Bürgermeister: Vieles aus der Zeit ist heute vergessen. Nicht aber die Melodien der zwanziger  Jahre mit Inflation und Armut, Aufschwung und politischen Querelen, Weltwirtschaftskrise und Saalschlachten, Straßenkämpfen, Millionen Arbeitslosen und industriellem Niedergang…. In diesen Jahren der Wirrnis sind unvergängliche Evergreens entstanden, die der Stadt  ein  Denkmal setzten. 

Mehrere Künstler bieten ein Medley von bekannten Berliner Komponisten von damals Jean Gilbert  (Puppchen, die bist…/Wenn der Vater mit dem Sohne…), Adolph Spahn (Komm Karlineken, komm…), Otto Teich (Im Grunewald ist Holzauktion…/Ach. Isabella…) sowie Berliner Volksmund auf uralte Melodien  (In Rixdorf ist Musike…/Denkste denn, du Berliner Pflanze…)

Hauptmann: Der Stummfilm gehört inzwischen zum Alltag, seit 1910 in der Münzstraße nahe dem Alexanderplatz das erste Kino, das Union-Theater, öffnete. Die Kintopps, wie der Berliner sagt, schossen wie Pilze aus der Erde. Der Film brachte Stars hervor, die nicht nur ein Theaterpublikum, sondern von nun an ein ganzes Volk kannte und verehrte. Namen wie Asta Nielsen, Henny Porten, Paul Wegener, Greta Garbo und Emil Jannings, Filme wie „Der Golem“, „Nosferatu“ und „Metropolis“ prägen die Filmgeschichte jener Jahre.

Bürgermeister: Der eigentliche Durchbruch des Films in Deutschland kam mit dem Tonfilm. Und das mit einem Paukenschlag. Die Schauspielerin Maria Magdalena von Losch, die Ende der zwanziger Jahre mit Hans Albers Theater spielte, legte mit einem Lied von Friedrich Hollaender das Fundament für ihren Weltruhm: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt…“? Im „Blauen Engel“  spielte sie 1929 neben dem großen Emil Jannings – ihr Künstlerame war fortan: Marlene  Dietrich.

Hauptmann: Haben Sie gewusst, dass die Hauptrolle eigentlich Trude Hesterberg spielen sollte, die Geliebte des Schriftstellers Heinrich Mann, dessen Roman „Professor Unrat“ die Vorlage für den Film bildete? Doch Regisseur Josef von Sternberg hatte sich für seine Geliebte entschieden. So ist das offensichtlich beim Film.

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Künstlerin singt  „Ich bin von Kopf bis Fuß…“ dazu Einspielung von Bildern der Dietrich.

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Bürgermeister: Dann brach die Nacht des Faschismus herein, das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Aus war es mit dem freien Spiel der freien künstlerischen Kräfte im Deutschen Reich. Kunst und Kultur wurden gleichgeschaltet. Tendenzfilme dominierten. Aufmüpfige Kabaretts und Varietés wurden geschlossen. Die besten Bücher wurden verbrannt, die klügsten Köpfe ins Ausland vertrieben oder eingesperrt, nicht wenige ermordet. Tucholsky nimmt sich in Schweden das Leben. Einige Künstler – man werfe es ihnen nicht vor – versuchen mit Unterhaltungsfilmen zu überleben. Andere arrangieren sich mit dem Regime. Tucholsky mutmaßte: Wo Bücher verbrannt werden, verbrennt man auch bald Menschen.

Dazu Einspielung von nichts weiter als den Flammen der Bücherverbrennung ohne Ton. Abschließend ein Blick in das heutige Mahnmal der Bücherverbrennung mit leeren, weißen Regalen sowie Bilder vom Holocaust-Denkmal.

Hauptmann: Als Berlin in Trümmern lag, fassten Millionen Menschen, darunter viele Künstler, die überlebt hatten oder zurückgekehrt waren, neuen Mut. Lessings „Nathan der Weise“ war die erste Aufführung nach dem Krieg. Im Deutschen Theater spielte der große Paul Wegener die Titelrolle. Ergriffen und nachdenklich war das Publikum vom Gleichnis über die Religionen..

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Bürgermeister liest aus der Ringparabel. Dazu stumme  Einspielung von Bildern des zerstörten Berlin.

Bürgermeister: (Text aus „Nathan…“) Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: Geht nur! – Mein Rat ist aber der: Ihr nehmt die Sache völlig wie sie liegt. Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: So glaube jeder sicher seinen Ring den echten. – Möglich; dass der Vater nun die Tyrannei des e i n e n Rings nicht länger in seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss; dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, um einen zu begünstigen. – Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring´ an Tag zu legen!

Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott, zu Hülf´! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euren Kindes-Kindeskindern äußern: So lad´ ich über tausend tausend Jahre, sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich; und sprechen. Geht! – so sagte der bescheidne Richter.

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Hauptmann: 1942 war übrigens die Zeit für mein Grab in Luxemburg abgelaufen. Ein anonymer Spender bezahlte für weitere dreißig Jahre. 1961 jedoch, als das Grab verfallen war, hat sich der Zirkus Sarrasani darum gekümmert und eine Marmorplatte spendiert, auf der allerdings als Geburtsjahr 1850 statt 1849 steht. Als 1974 nach luxemburgischem Gesetz das endgültige Aus kam, verlängerte die Stadt Luxemburg wegen der internationalen Proteste das Grabrecht auf unbegrenzte Zeit.

Bürgermeister: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Berlin gleich zweimal. Aber nicht, weil die Berliner das so wollten, es war der Plan der Alliierten, die Deutschen als die Schuldigen an zwei verheerenden Kriegen so zu behandeln, dass sie zu einem dritten Krieg nicht fähig wären. Also zerteilte man das Land.

In jedem Teil entwickelte sich eine eigene Kultur. Im kalten Krieg mischten vor allem die Kabaretts tüchtig mit.

Bürgermeister: Im Westen gründete Günter Neumann 1948 beim RIAS „Die Insulaner“. Die Sendungen, die auch im Osten begeistert gehört wurden, waren öffentliche Auftritte und hielten sich bis nach dem Mauerbau 1963: Mit dem Passierscheinabkommen über Besuchsmöglichkeiten von Westberlinern bei ihren Verwandten im Osten der Stadt setzte leichtes Tauwetter ein.

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Interpret mit einer berühmten Erinnerung an den „Kabarettkrieg“ der Fünfzigerjahre. Das Erkennungslied der „Insulaner“.

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Hauptmann: Im Osten dominierte ab 1952 „Die Distel“ in der mageren Kabarettszene. Die SED hatte es nicht gern, wenn man Kritik übte, auch nicht durch die Blume oder zwischen den Zeilen. Ihre Zensoren passten auf wie Schießhunde, dennoch gab es recht annehmbare Programme. Dem Distel-Ensemble am Bahnhof Friedrichstraße gehörten über viele Jahre prominente Schauspieler wie Otto Stark, Gustav Müller, Ellen Tiedke, Lutz Stückrath, Heinz Draehn, Herbert Köfer und andere an.  

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Künstler mit einer frühen „Distel“-Nummer.  

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Bürgermeister: In Berlin wuchs eine neue Generation von Künstlern heran. Viele von ihnen waren von bitterer Kriegserfahrung geprägt. In Westberlin brillierten Werner Finck und Heinz Erhardt, Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner und andere, die über das neue Medium Fernsehen weithin bekannt und beliebt wurden. Populär waren mit vielen Berlin-Liedern auch Bully Bulahn und Paul Kuhn, die Schauspieler und Kabarettisten Jo Herbst, Günther Pfitzmann, Walter Groß, Edith Hancke, Inge Wolffberg, Beate Hasenau.

Hauptmann: In Ostberlin wurde der Friedrichstadt-Palast das neue Revue-Theater, Brecht bekam seine eigene  Bühne am Schiffbauerdamm, aufsässige Künstler wie Biermann wurden aus dem Land geschmissen, Künstler wie Müller-Stahl, Krug, Domröse, Thate and andere folgten aus eigenem Antrieb. Andere, wie der unvergleichliche Conferencier und Humorist O.F. Weidling, blieben, löckten wider den Stachel und mussten dafür büßen.  Weidling früher Todbekam hing ganz sicher mit seinem Auftritts- und Fernsehverbot zusammen.

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Interpreten mit Berliner Liedern, die nach 1945  entstanden sind. („Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, „Kleiner Bär von Berlin“, „Durch Berlin fließt immer noch die Spree.)

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Hauptmann:  Seit 1990 ist die Teilung vorbei, ohne großes diplomatisches Geschick, vom einfachen Volk überwunden. Ostberliner Künstler waren nicht unerheblich beteiligt. Sie stellten am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz die bis dahin größte oppositionelle Kundgebung auf die Beine, die zugleich das Aufbruchsignal in ein neues Zeitalter war. Fast eine Millionen Menschen traten auf dem Alex für die Freiheit der Kunst, für Meinung- und Pressefreiheit ein und gegen die Bevormundung durch eine Partei.

Dazu Einspielung dieser Kundgebung, bei der als Redner nur Künstler gezeigt werden.

Bürgermeister: Diesen Aufbruch erlebte auch die leider bald darauf gestorbene Künstlerin Helga Hahnemann, die mit ihren Liedern zu einem der ersten gemeinsamen Stars unserer viel zu lange geteilten Stadt wurde, ein Original, von dem man einst nicht mehr wissen wird, ob sie ursprünglich zum Osten oder Westen gehörte.

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Interpretin eines Hahnemann-Liedes. Dazu Bilder, die an die „Henne“ erinnern.

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Bürgermeister: Ja, Herr Hauptmann, nun wird es Zeit für uns. (setzt einen Helm auf). Doch diesmal werden wir den Spieß umdrehen.

Hauptmann: Wenn es denn sein muss. Schon wegen der Gerechtigkeit. Tschüss denn, Ihr Leute. 

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Finale – Medley neuerer Berliner Lieder und Chansons. Das letzte singt der Hauptmann, der dabei mit Handschellen in Begleitung der Garde abgeführt wird…

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