Die Lüge, die keine war

Ulbrichts berühmtester Satz entsprach damals den Tatsachen

Alljährlich am 13. August wird gebetsmühlenartig von der “Lüge des Jahrhunderts” gesprochen und Walter Ulbricht mit dem Satz zitiert: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, weiß, dass das – zum Leidwesen Ulbrichts – keine Lüge war.

Anfang der Fünfzigerjahre beabsichtigte Stalin (1878-1953), ganz Berlin in seinen Machtbereich einzugliedern. Die Berlin-Blockade von 1948 bis 1949 durch die Sowjets, die Antwort auf die auch für West-Berlin geltende westliche Währungsreform, wurde dank der Luftbrücke überwunden. Nach dem Tod des Diktators hatte Kremlchef Nikita Chruschtschow die gleiche Absicht und inszenierte mit der Forderung, die Westmächte sollten aus Berlin abziehen, 1958 eine Berlin-Krise, die dazu führen sollte, West-Berlin in eine entmilitarisierte selbstständige politische Einheit umzuwandeln. In den DDR-Medien wurde West-Berlin fortan als „selbständige politische Einheit“ bezeichnet. Doch die Westmächte beharrten auf dem Alliierten-Status der geteilten Stadt.

SED-Generalsekretär Ulbricht war seit 1952 bemüht, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin dicht zu machen, scheitert aber mehrfach am Veto der Sowjets. Chruschtschow verlangte vielmehr, der Osten solle so attraktiv gemacht werden, dass mehr Menschen aus dem Westen in die DDR kommen als weggehen. Ost-Berlin sollte das Schaufenster dafür sein. Ulbrichts Verheißung, die DDR werde die BRD im Pro-Kopf-Verbrauch, im Lebensniveau usw. „überholen ohne einzuholen“, blieb allerdings ein Wunschtraum.

Anfang Juni 1961 versuchte Chruschtschow bei einem Gipfeltreffen mit John F. Kennedy in Wien, den gerade mal 44-jährigen neuen USA-Präsidenten über den Tisch zu ziehen und ihm Westberlin abzuluchsen. Chruschtschow hielt Kennedy für geschwächt, weil erst im April der von Kennedy und der CIA unterstützte Versuch von Exil-Kubanern, Fidel Castro zu stürzen, grandios gescheitert war. Der Kreml-Chef drohe mit Krieg und versuchte, dem Präsidenten mit einer 100-Megatonnen-Atombombe das Fürchten zu lehren.

Doch Kennedy blieb cool und stellte für gewisse östliche Vorhaben an der Berliner Grenze drei Bedingungen: Freiheit der Westberliner, ihr eigenes politisches System zu wählen, gesicherte Anwesenheit westlicher Truppen sowie ungehinderten Zugang von der BRD aus nach West-Berlin. Dem stimmte Chruschtschow schließlich zu. Über diese Verabredung gab es keinerlei Veröffentlichung. Kennedys Pressesprecher Pierre Salinger antwortete auf die Frage nach West-Berlin während der abschließenden Pressekonferenz: „Das ist eine Frage, auf die wir nicht antworten.“ Chruschtschows Sprecher Michail Charlamow bestätigte diese Antwort mit ähnlichen Worten.

Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni in Ost-Berlin, auf der es um einen Friedensvertrag mit Deutschland und die Wiedervereinigung ging, antwortete Ulbricht auf eine Frage der „Frankfurter Rundschau“ nach einer Grenze am Brandenburger Tor aus innerer Überzeugung: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Er hätte noch einfügen können „…außer mir, aber ich darf nicht“.

Erst am 20. Juli 1961 fiel bei Ulbrichts Besuch in Chruschtschows Urlaubsdomizil auf der Krim die Entscheidung für den Mauerbau. Die Situation in der DDR hatte sich, u.a. durch die Flucht von mehr als 200.000 Bürgerinnen und Bürgern seit Jahresbeginn, darunter vielen Ärzten, Spezialisten und Fachkräften u.a. der Mikroelektronik, derart zugespitzt, dass ohne geeignete Maßnahmen eine Stabilität nicht mehr gewährleistet war.

Chruschtschow setzte Ulbricht darüber in Kenntnis, was er mit Kennedy besprochen hatte und war überzeugt – so der Dolmetscher Werner Eberlein in seinen Memoiren – dass auch Adenauer über die beabsichtigte Absperrmaßnahmen durch Ost-Berlin von Kennedy in Kenntnis gesetzt worden war. Wie bekannt, hat sich Adenauer in der Nacht zum 13. August auch nicht wecken lassen. 

In Wünsdorf, wo der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland seinen Sitz hatte, wurde der Plan für den Mauerbau ausgearbeitet, die DDR hatte ihn auszuführen. Mit den Einzelheiten war in Ulbrichts Auftrag Erich Honecker befasst. Dem kam zugute, dass Ulbricht seit Jahresbeginn insgeheim einen Expertenstab daran arbeiten ließ, wie die Grenze am sichersten anzulegen sei.   

Um den Plan bis zur letzten Minute geheim zu halten, hatte Ulbricht am Abend des 12. August die Mitglieder des Politbüros, des Präsidiums des Ministerrates sowie des Staatsrates in seinen Sommersitz am Döllnsee bestellt, von wo keine Möglichkeit bestand, inoffizielle Fernmelde-Kontakte herzustellen. Nur Erich Honecker, der Stasi-, der Verteidigungs- und der Verkehrsminister waren aus naheliegenden Gründen nicht zugegen. Niemand ahnte den Grund des Beisammenseins. Nach dem Abendessen begann eine Sitzung, in der Ulbricht den Beschluss über den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ verlas. Ohne Diskussion wurde dieser bestätigt. Auf der Rückfahrt passierten die führenden Partei- und Staatsfunktionäre sowjetische Panzerkolonnen, die weit hinter den Kampfgruppen und der Nationalen Volksarmee die Aktion des Mauerbaus absicherten.

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