Der Künstler mit der Schere

Zu Besuch im Heartfield-Haus in Waldsieversdorf

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Ein bescheidenes Holzhaus, zwei Zimmer, Küche, Dachterrasse, Veranda. Gebaut in den Fünfzigerjahren aus Holz von abgerissenen Baracken sowjetischer Militärs auf dem Flugplatz Strausberg. Rundum Wald und hinter dem Häuschen die steile Ufertreppe zum Großen Däbersee. Schwarzer Weg Nummer zwölf.

Der Künstler John Heartfield in den Fünfzigerjahren

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Das 1957 aus Abrissholz des Strausberger Flughafens entstandene Sommerhäuschen von John Heartfield in Waldsieversdorf

Eine der in den Originalfarben erhaltenen Vitrinen Heartfields sowie sein von ihm selbst entworfener Kamin

Das ist das Sommerhaus vom Mitglied der Akamenie der Künste der DDR Professor John Heartfield (1891-1968), dem Begründer der politischen Fotomontage, Mitinitiator des Dadaismus als Antikriegskunst während des Ersten Weltkrieges in Deutschland. Er war zusammen mit seinem Bruder Wieland Herzfelde als Waisenkind in Salzburg und Wiesbaden aufgewachsen und hatte sehr früh den Wunsch, Maler zu werden.

Während des zügellosen Fremdenhasses und der nationalistischen Kriegspropaganda gegen England veränderte Helmut Herzfeld 1916 seinen deutschen Namen in John Heartfield. Im selben Jahr gründete er mit seinem Bruder Wieland und dem Grafiker George Grosz die Zeitschrift „Neue Jugend“ und nach deren Verbot den Malik-Verlag, der durch seine konsequenten Antikriegs-Schriften weit über Deutschland hinaus bekannt wurde. In den Zwanzigerjahren bekämpfte er als ständiger Mitarbeiter der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ) mit seinen inzwischen klassischen Fotomontagen den aufkommenden Nationalsozialismus. Für die Bühnen von Max Reinhardt und Erwin Piscator schuf er Bühnenbilder für Aufführungen u.a. von Sternheim, Toller, Hauptmann und Shaw. Sein politisches Engagement trieb ihn nach der Machtergreifung Hitlers in die Emigration.

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Mit diesem Schreiben „lockte“ Brecht den in Leipzig lebenden Heartfield in seine Gegend in der Märkischen Schweiz./ Rechts : Heartfield auf dem Dachgarten seines 1957, ein Jahr nach Brechts Tod, fertiggestellten Sommerhäuschens

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Blick von der Dachterrasse über den Großen Däbersee. Unten: Blick vom Häuschen in den Garten mit einem ehemaligen Springbrunnen

Aus London kehrte er 1950 zurück nach Leipzig zu seinem Bruder, den Publizisten und Verleger Wieland Herzfelde. Auf Anraten Bertolt Brechts ließ sich der gesundheitlich angeschlagene Profressor während der Sommermonate oft in Buckow und Waldsieversdorf nieder, wo er 1957 sein Sommerhäuschen errichtete, das er bis zu seinem Tod nutzte. Ein kleines Hexenhäuschen hatte er als Schlafraum für seine beiden Enkel gebaut, die ihn oft besuchten. Als Naturliebhaber pflanzte er Magnolien, Flieder, Rhododendron, Goldregen und auch Obstbäume. Von der Dachterrasse hatte er einen wunderschönen Blick auf den Großen Däbersee.

dsc_0783Dieses Häuschen baute Heartfield für seine beiden Enkel, die ihn oft besuchten

Das Objekt war nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik über mehrere Jahre einem Rechtsstreit durch die früheren Besitzer ausgeliefert, bis die Gemeinde Waldsieversdorf das Objekt 2008 kaufen konnte und es vor wenigen Jahren mit Unterstützung der Europäischen Union sowie der Akademie der Künste und  Handwerkern  vor Ort sanierte und im weitgehenden Urzustand  der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Mit originalem Inventar und zahlreichen Sammelstücken Heartfields sowie mit Beispielen seiner Kunst ist der Sommersitz von Mai bis Anfang Oktober freitags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr zu besichtigen.

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In der Heartfield-Ausstellung des Museums von Waldsieversdorf: Bühnenbildmodell Heartfields zu Arno Holz´ „Sozialaristokraten“, Kammerspiele Berlin, 1955

Fotomontagen Heartfields aus der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“

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Zu Kurt Tucholskys satirischem  Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ sorgte John Heartfield für die grafischen Details

Siehe auch:
https://klaustaubert.wordpress.com/2014/03/23/komm-wir-wollen-sterben-gehen/
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