Dessauer Meisterhäuser wurden 90 Jahre alt – Ein Aufbruch der Moderne

Auf den ersten Blick mag die Architektur der Häuser gewöhnungsbedürftig gewesen sein. Als Walter Gropius, der Direktor der von ihm 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus-Kunstschule, am 4. Dezember 1926 die Meisterhäuser in Dessau der Öffentlichkeit übergab, war eine neue Architekturepoche eingeleitet. In einem kleinen Fichtenwäldchen an der heutigen Ebertallee entstanden mehrere Doppelhäuser sowie ein Einzelhaus, in denen namhafte Architekten und Künstler von Gropius über Kandinsky, Klee bis Feininger, Hannes Meyer und Mies van der Rohe die Idee einer neuen Architektur des Industriezeitalters lebten und praktizierten. Es war die Abkehr von Historismus und Eklektizismus zu Gunsten einer Schönheit durch praktisch-nützliche Formen, wie sie Kunst und Handwerk gemeinsam schufen. Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer formulierte: „Das Bekenntnis zur fortschrittlichen Architektur ist ein politisches Bekenntnis, denn ihre Geburtsstätte ist die Barrikade und nicht das Reißbrett.“ Womit er auf das Gründungjahr anspielte, in dem durch eine Revolution das deutsche Kaiserreich untergegangen und eine Republik geboren worden war. Selbst der gezwungenermaßen mehrmalige Neubeginn des Bauhauses nach Weimar, 1925 in Dessau und 1932 in Berlin, spricht für den zutiefst politischen Charakter einer neuen Architekturepoche.

Unter den Architekten und Künstlern wurde Dessau bis heute zu einem begehrten Wallfahrtsort, in dem Menschen aus aller Welt den Meisterhäusern und anderen Objekten des  UNESCO-Weltkulturerbes ihre Referenz erweisen.  

Eines der am meisten fotografierten Motive ist der Blick auf die „Dessau Bauhaus Hochschule für Gestaltung“, die ebenfalls am 4. Dezember vor 90 Jahren eingeweiht wurde und zu den berühmtesten Bauwerkes der zwanziger Jahre gehört. Viele sehr gefragte Fachleute für Gestaltung und Planung kommen heute aus dieser Bildungsstätte. Die Studienbedingungen sind exzellent, Hochschuldruckerei, Töpferwerkstatt, Computer-Labors laden zum Experimentieren ein. 47 Professoren kümmern sich um rund 1.400 Studierende. 

Zu den Sehenswürdigkeiten gehört auch die 1926 bis 1928 entstandene Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten von Walter Gropius. Im Auftrag der Stadt Dessau entwarf der Architekt unter dem Gedanken, Licht, Luft und Sonne in Wohnungen zu bringen, die für große Teile der Bevölkerung erschwinglich waren und in ihren Besitz übergingen. Es entstanden 314 Reihenhäuser mit jeweils  zwischen 57 und 75 qm Wohnfläche. Die Siedlung wurde so angelegt, dass zu jeder Wohnung ein Gärtchen von maximal 400 qm für Gemüseanbau und die Kleintierhaltung gehörte, der für eine  Selbstversorgung vorgesehen war.

Zu den weiteren Attraktionen der Moderne gehört das auf historischem Grund entstandene „Kornhaus“ am Ufer der Elbe. Der Architekt Carl Flieger gestaltete das mit Tageslicht durchflutete, 1930 eingeweihte  Restaurant wie ein Schiffsdeck.

Selbst Kleingarten- und Ferienanlagen, wie jene neben dem berühmten Luisium, waren nicht ohne Anlehnung an das Bauhaus errichtet worden.

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Ein dunkles Kapitel erlebte das Bauhaus über mehrere Jahnzehnte, in denen ihr Geist dennoch weltweite Beachtung fand. Die NSDAP, die schon frühzeitig im Dessauer Rathaus die Mehrheit errang, beendete den Bauhaus-„Spuk“ 1932, löste die Kunstschule auf und vertrieb deren brillante Köpfe. Später wurden die Häuser an führende Leute der Junkers-Werke vermietet, die mit ihrer Kriegsproduktion von den Nazis hofiert wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde Dessau als ein Hort der Rüstungsproduktion zu großen Teilen zerstört, wobei auch einige der Meisterhäuser in Mitleidenschaft gezogen wurden.

In der DDR war zwar mit dem Begriff der Moderne nicht allzu viel anzufangen. Die ersten Häuser für die damalige Stalinallee wurden im Bauhausstil entworfen und gebaut, doch unter Ulbricht zu Gunsten des Moskauer „Zuckerbäckerstils“ Stalins rasch verworfen. Die beiden Laubenganghäuser, die dem Stil des Bauhauses entsprachen und Muster für die Allee sein sollten, wurden abgelehnt. Walter Ulbricht wollte Paläste für die herrschende Klasse, die bald nicht mehr zu finanzieren waren und über die Jahre ihren Glanz verloren. Vor Bauarbeitern erwähnte Ulbricht 1970 einmal die beiden Laubenganghäuser, die bis heute wie ein Irrtum der SED-Führung zu betrachten sind, und sagte: „Wir haben schnell Pappeln davor gepflanzt, damit man sie nicht so sieht.“

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Laubenganghaus in der Berliner Karl-Marx-Allee. Die im Sil des Bauhauses 1950 gebauten Häuser fielen dem „Zuckerbäckerstil“ Stalins zum Opfer.

In diesem Stil sprang die DDR mit den Meisterhäusern in Dessau um, die bis zur Unkenntlichkeit verkamen. Erst ab den neunziger Jahren wurden durch die Stadt Dessau und viele ehrenamtliche Kräfte viel Kraft und Mittel in die Rekonstruktion der Meisterhäuser und anderer Objekte der Bauhaus-Ära gesteckt.

Am 16. Mai 2014 sagte Bundespräsident Joachim Gauck zur Wiedereröffnung der Meisterhäuser: „Es geht hier nicht um das – mit Kant zu sprechen – interesselose Wohlgefallen an der Schönheit, es geht nicht nur um die reine Bewunderung oder das schiere Staunen. Nein, der Ort, an dem wir uns befinden, Dessau, er steht für etwas anderes: für eine praktikable Ästhetik, eine besondere Schönheit, die benutzbar ist, eine Schönheit, die auch dem alltäglichen Leben des Menschen dient. Das ist die Botschaft des Bauhauses, und sie hat, wie ich finde, bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren. Es gibt eine Eleganz des Nützlichen, eine Ästhetik des Brauchbaren, die – jenseits von Ornament und Verhübschung – dem Gelingen des ganzen Lebens dienen soll.“

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Die Dessauer  haben beim Aufbruch der Moderne in der Architektur stets viel Mut bewiesen. Das mag auch diese Dessauer Sulptur veranschaulichen

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