Die Story aus dem Löwengarten

Die Geschichte ist ziemlich alt.  Ein gewisser Friedrich Schiller, seines Zeichens Arzt und Historiker, hat sie niedergeschrieben und einfallslos „Der Handschuh“ genannt. Der Inhalt ist  kaum der Rede wert, die lyrische Verarbeitung antiquiert.

Schon der unspektakulären Beginn: „Vor seinem Löwengarten, das Kampfspiel zu erwarten, saß König Franz…“ Na und? Soll er doch. Wen lockt das hinter dem Ofen hervor?

Eine moderne Berichterstattung über einen derartigen Vorfall  sähe heute ganz anders aus.

Die Nachrichtenagentur würde berichten: 

Eklat bei Kampfspielen

dpa – Zu einem spektakulären Eklat kam es am Wochenende im Löwengarten. Während der traditionsreichen Kampfspiele in Anwesenheit von König Franz und führenden Persönlichkeiten der Krone ließ eine Besucherin vom Rand ihrer Loge einen Handschuh in die Arena fallen, in der sich ein Löwe, ein Tiger und zwei Leoparden befanden.

Besagte Dame, die offenbar gehobenen Kreisen angehört, wandte sich mit der Bitte an einen Hofangestellten mittlerer Laufbahn, der einschlägigen Quellen zufolge in die junge Frau verliebt sein soll, ihr den Handschuh aufzuheben. Ohne Zögern kam dieser der Aufforderung nach.

Während das Publikum den Zwischenfall mit angehaltenem Atem verfolgte, zeigte der junge Mann keinerlei Scheu vor den wilden Tieren, die vor so viel Dreistigkeit wie gelähmt schienen. Er nahm den Handschuh, verließ den Käfig und warf ihn der Besitzerin mit der Bemerkung ins Gesicht: „Den Dank, Dame, begehr´ ich nicht!“ +++

Die „Berliner Zeitung“ schriebe auf Seite 5: 

Machen die „Kampfspiele“ noch Sinn?

 (BZ/Eig.-Ber.) Da haben wir es wieder – alte Zöpfe gehören abgeschnitten. Ohne Wenn und Aber. Mehrfach schon charakterisierten wir diese anachronistischen Spiele, die an die Blütezeit des Kolosseums erinnern, als Relikt der untergehenden Feudalaristokratie. Das rudimentäre Festhalten daran wurde unlängst einem jungen Bediensteten aus der Umgebung des Regierenden zum Verhängnis. Eine Dame des Hofes ließ während der so genannten Kampfspiele einen Handschuh vom Balkon in den Käfig mit den wilden Tieren fallen und forderte ihren stillen Verehrer, den erwähnten Bediensteten, hochmütig auf, ihr das Utensil zu bringen.

Zu einem Fauxpas entwickelte sich die Angelegenheit, als der junge Mann unter Missachtung der Gefahr todesmutig den Käfig mit dem Löwen, dem Tiger und zwei Leoparden betrat, das Kleidungsstück an sich nahm und der jungen Dame mit den Worten „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“ ins Gesicht warf.

Vielleicht sollte den Veranstaltern dieses üblen Spiels mit den Gefühlen von Menschen einmal mehr die Unsinnigkeit solcher „Events“ klar werden.

Die BILD-Zeitung druckte:

Hofschranze in der Höhle des Löwen! – Publikum betrogen?

Von Fritz Schill

Sie sitzen wie zum Sprung. Ihre Mordlust ist ungezügelt. Ein Löwe, ein Tiger, zwei Leoparden! Gerade sollen die Kampfspiele beginnen, da wirft eine junge Dame aus ihrer Loge einen Handschuh zwischen die Bestien. Ihr Name: Edelgunde (24). Sie fordert den Hofangestellten Delorges (28) auf, ihr den Handschuh zu bringen. Edelgunde (101-61-91) will so einen Beweis seiner Liebe erzwingen.

Dann das Unfassbare! Die Besucher halten den Atem an. Delorges betritt furchtlos den Käfig. In den Augen der wilden Katzen ein gefährliches Funkeln. Im Bruchteil einer Sekunde könnten sie den jungen Mann zerreißen. (Siehe Seite 7: Die schlimmsten Fälle, in denen wilde Tiere Menschen zerfleischten.) Delorges, unbeeindruckt von der Gefahr, ergreift den Handschuh, verlässt aufrecht und stolz den Käfig. Das Publikum steht unter Schock, atmet auf, als Delorges die Käfigtür hinter sich schließt. Dann – Entsetzen auf den teuren Plätzen – wirft Delorges besagter Dame den Handschuh mit den Worten an den Kopf: „Den Dank, du gemeines Weibsstück, kannst du dir sonst wohin schieben!“

Jetzt wird zu klären sein, welches üble Spiel hier getrieben wurde. War die Sache mit dem Handschuh ein Fake? Waren die Tiere so satt und der junge Mann in Wirklichkeit nie in Gefahr?

Verärgerte Zuschauer fordern ihre Eintrittsgelder zurück. BILD kämpft für Sie.

Die „Bunte“ steht ganz neutral auf Seiten der Reichen und Schönen:

Ein bisschen Spaß muss sein! Das beherzte Interview der Woche

Verehrte Edelgunde, es wird behauptet, Ihr Handschuh sei nicht zufällig in die Arena mit den wilden Tieren gefallen. Was sagen Sie dazu?

Ich bitte Sie, das war ein reines Vergnü… äh, Versehen. Ich hänge an den Handschuhen, die hat mir der König geschenkt, als ich…, äh, als wir… äh…, also, äh… 

Das verstehe ich sehr gut. War das auch der Grund, weshalb Sie einen aufdringlichen Angestellten bei Hofe baten, er möge ihn aufheben?

Nichts anderes als das. Sie sagen es. Und dieser Delorges stand mir sehr nahe, also mehr so in meiner Nähe…

Es heißt, Delorges – Sie kennen ihn offenbar – sei unsterblich in Sie verliebt. Wussten Sie davon?

Also, ich bitte Sie, ich führe doch kein Buch. Ich meine, ich kann doch nicht wissen, wer alles in mich verliebt ist. Da müsste ich ja Dutzende Handschuhe fallen lassen… äh, aus Versehen fallen lassen… Und wenn Sie meinen, er sei unsterblich verliebt, dann wundert es mich auch nicht, dass diese süßen Tierchen ihm nichts getan haben. Außerdem sollte man das nicht so hoch sterilisieren, bloß weil dieser Spielverderber keinen Spaß versteht.

Wird die rüde Rückgabe des Handschuhs an Sie Konsequenzen haben?

Aber nicht doch. Der König selber hat alles mit angesehen. Was könnte ich da noch tun sollen? Außerdem hat ihn der König bereits in die tiefste Provinz versetzt. Ich glaube, er ist bereits auf dem Weg nach München…

Danke  für das Gespräch.

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