Geschichte eines Mordes

Fredersdorf-Vogelsdorfer Theaterkreis „Traumland“ mit einer beachtenswerten Inszenierung in Kirchen der Region

Man mag bei der Beurteilung eines Mordes voreingenommen sein, ihn abscheulich, widernatürlich und höchst verurteilungswürdig finden – nachdenken über die Motive einer Mörderin kann so falsch nicht sein. Der Theaterkreis Traumland e.V. in Fredersdorf-Vogelsdorf tritt den Beweis dafür an, hat sich mit wenigen Aufführungen seines kleinen Theaterstückes „Mea culpa? Geschichte einer Mörderin“ dieser Aufgabe angenommen und als Spielorte Kirchen in der eigenen Gemeinde sowie in Petershagen, Neuenhagen und Strausberg gewählt. Das Stück hat die Traumland-Leiterin Susanne Ebert nach einer Reihe authentischer Fälle geschrieben und inszeniert. Darstellerinnen und Darsteller sind Laien, denen die Bretter die Welt ihres Hobbys bedeuten.

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Die 1910 errichtete Petruskirche in Petershagen war erste Spielstätte für das neue Stück

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Autorin Susanne Ebert, die auch die Inszenierung übernahm, und (links) ihre beeindruckende Hauptdarstellerin Dorothea Stöcklein

In einer Gefängniszelle sitzend, überdenkt Eva Nemo (Dorothea Stöcklein) ihre grausame Tat. Mit Gift hat sie ihren Ehemann aus dem zerstörten Familienleben entfernt, weil dieser die eigene Tochter auf  grausame Weise demütigte und missbrauchte. Sie schwankt in der eigenen Beurteilung des Verbrechens zwischen Schuld und Gewissenspflicht. Vertreterinnen beider Gattungen sitzen schwarz bzw. weiß verhüllt an ihrer Seite und wirken kompromisslos auf sie ein. Du hast Schuld auf dich geladen! Du hast aus Liebe gehandelt!

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Der Pflichtverteidiger (Michael Lenuweit) bringt mit seinen Fragen nach Herkunft, Kindheit, Ehe und Familie etwas Licht in die gestrauchelte Persönlichkeit. Aufgewachsen in so genannten gutbürgerlichen Verhältnissen, mit preußischen Tugenden und religiösem Zubehör entspricht sie einer überlebten Zeit, die dem Schein vor dem Sein den Vorrang gab. Danach vertraute man  Sorgen und Nöte, die auch nur einen kleinen Schatten auf die Idylle werfen könnten, nicht Eltern noch Anverwandten an. Eher ging man daran zugrunde. Das war einer der Hintergründe ihrer Verzweiflungstat, mit der sie retten wollte, was längst nicht zu retten war – der „gutbürgerliche“ Ruf einer verfehlten Beziehung.

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Die Seelsorgerin (Veronika Lenuweit) scheint hilflos der Mörderin gegenüber. Sie gesteht das Scheitern einer eigenen Ehe und stellt die Frage nach Gott? Nein, bekennt die Mörderin, Gott ist tot. Wieso auch nicht? Wo war er, als er gebraucht wurde? Die Seelsorgerin will ihr Gott nicht einreden, glaubt aber, dass es helfen mag, wenn man sich in seine Obhut begibt und ihm vertraut. Und immer wieder geraten Schuld und Gewissen in Widerstreit, wirken auf sie ein, verwirren sie, machen sie orientierungslos und einsam.

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Schließlich werfen ihr die eigenen Eltern (Helgard Kamin, Martin Chadde) vor, dass sie als Mörderin die Familie in Verruf gebracht habe. Die weinende Mutter, der aufbrausende Vater – Personen aus dem Tagebuch der Zeitgeschichte. Sie werden bei allem Verständnis für die Untat mit dem Makel, eine Giftmörderin erzogen zu haben, leben müssen.

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Der Bruder und Apotheker (Markus Chadde), der das angebliche Rattengift lieferte, die alte Freundin Maria (Beate Petzka) – auch sie können nur schweren Herzens vergeben. Sie beteuern ihr  Vertrauen zu einem nahen Menschen, doch das  Verhältnis hat Risse bekommen, die kaum zu kitten sind.

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In einer Wolke schwebt abschließend der Ermordete (Hardy Gudzinski) in die Zelle und in die Gedanken seiner Mörderin. Bin ich nicht ebenso von Gott geschaffen, mit allen meinen Begierden, sexuellen Neigungen und… Keine Selbstanklage, keine Reue, kein Verständnis für die Tat einer liebenden Frau und Mutter. Er verschwindet mit seiner Wolke, wie er gekommen war, mit wenig Hoffnung, Sympathien erworben zu haben.

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Zum Schluss singen noch einmal sehr einfühlsam von der Empore herunter  a capella Mitglieder des Chores der evangelischen Kirchengemeinde Mühlenfließ unter der musikalischen Leitung von Johannes Voigt. Auch davon hätte es noch etwas mehr sein können.

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Mitglieder des Chors der evangelischen Kirchengemeinde Mühlenfließ. Die musikalische Leitung hat Johannes Voigt (2.v.r.)

Nach einer guten Stunde bleibt der Zuschauer nach einer großartigen Ensembleleistung und dem gebührenden großen Beifall mit noch größeren Fragen über die moralische Zerrissenheit eines Menschen zurück, der zwischen die Mühlsteine des Lebens gerät und verzweifelt versucht, sich irgendwie daraus zu befreien. Wegweiser gibt es da nicht.

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