Immer treu und redlich?

„Üb´ immer Treu´ und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab.“ So erklang die preußische Kaiserhymne per Glockenspiel vom Turm der Potsdamer Garnisonkirche.  Das auch noch am Abend, als Seine Majestät Wilhelm II., den Historiker die größte Fehlbesetzung des 20. Jahrhundert bezeichnen, mit seinen sieben (oder siebentausend?) Sachen, begleitet von einem voll beladenen Güterzug, die Flucht nach Holland antrat. Von der Bühne des Theaters am Nollendorfplatz klang es zur selben Zeit nach der Melodie von Walter Kollo: „Ins Feld muss ich heut noch marschieren, den dem König, dem gab ich mein Wort.“

Nun ist es soweit. Der Aufbau der Potsdamer Garnisonkirche hat begonnen. Feierlich wurde am 29. Oktober 2017 der Grundstein in den Märkischen Sand gelegt. Im Juli 2013 bereits war die Baugenehmigung für die Militär- bzw. Garnisonkirche erteilt worden. Ministerpräsident von Brandenburg war der vormalige SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck. Das Für und Wider zum Turmbau zu Potsdam erfasste die ganze Stadt, die Türmer trugen den Sieg davon.

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Die Baugenehmigung erfolgte 80 Jahre nach dem berühmt-berüchtigten „Tag von Potsdam“. Im März 1933 begann die nationalsozialistische Regierung in Deutschland ihr Terrorregime zu errichten. Das von den Nazis dominierte Parlament traf sich bezeichnenderweise in der Garnisonkirche, wo Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg per Handschlag Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Die Berliner Abend-Zeitung „Tempo“ (anbei das Titelblatt) bezeichnete dieses Geschehen in der und rund um die Garnisonkirche als „Ausdruck eines geschichtlichen Ereignisses, das den Ausgangspunkt einer neuen Zeit für das deutsche Volk bilden soll.“ Treffender hätte man es nicht formulieren können. Zwei Dinge wäre nachzufragen: Wird Friedrich der Großemit Blick auf die ehemalige Militärkirche wieder seinen alten Platz beziehen? Wir vom Turm bald wieder die Hymne erklingen „Üb´ immer Treu´ und Redlichkeit“, bis in das Parlament…?

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Nachdem nun auch die Schlösser der Hohenzollern in Berlin und Potsdam wieder stehen, fügt sich die Garnisonkirche lückenlos in das Konzept wiedererstehender preußischer Ruhmeshallen ein. Ich befürchte, dass irgendwer bald den Vorschlag unterbreiten wird, die alte Reichskanzlei wieder aufzubauen.

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