Hinterhältig verleumdet – SED-Hetzkampagne gegen junge Christen

Vor 65 Jahren, am 27. Januar 1953, beschloss das SED-Politbüro mit drakonischen Maßnahmen gegen die christliche Jugend in der DDR eine der größten Hetz- und Verleumdungskampagnen gegen die eigenen Bürger. An diese hinterhältige Aktion können sich heute vielleicht nur noch Frauen und Männer erinnern, die sich zu jener Zeit der kirchlichen Arbeit gewidmet haben.

Protokoll

Der Grund für diese Hetzjagd bestand darin, dass sich Tausende Jugendliche der Mitgliedschaft in der FDJ verweigerten. Sie waren Kirchenmitglieder, die unorganisiert als Junge Gemeinde gemäß ihrer Konfession aktiv waren. Die Verleumdung ging so weit, dass sie laut Politbüro-Beschluss Nr. 5/53 „in der Öffentlichkeit als Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“ entlarvt werden sollten. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte in mehreren Städten (außer Berlin!) jeweils drei bis vier öffentliche Prozesse durchzuführen, „in denen klar die kriegshetzerische und Agenten- und Sabotagetätigkeit von Mitgliedern und Funktionären der Jungen Gemeinde“ nachgewiesen wird. Die Presse wurde angewiesen, Material über „die staatsfeindliche Tätigkeit der Jungen Gemeinde“ zu veröffentlichen. Stasi- und Innenministerium stellten Material zur Verfügung.

Honi

Erich Honecker, bis 1955 Vorsitzender der FDJ

Die Hetze unter maßgeblicher Federführung des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker ging soweit, dass in den Medien Namen von missliebigen Kirchenvertretern in den Schmutz gezogen wurden. Dazu drei Beispiele aus dem „Neuen Deutschland“:

„Ein typischer Rädelsführer dieser Art in der sogenannten ‚Jungen Gemeinde‘ ist der als ‚Studentenpfarrer‘ getarnte Agent Hamel. Seit der Zeit der Volkswahlen hetzte er systematisch gegen die demokratische Ordnung in der Deutschen Demokratischen Republik.”

Was nicht erwähnt wurde, Johannes Hamel war ein radikaler Gegner des Nationalsozialismus und fand daher keine Anstellung. Weil er jüdischen Gemeindegliedern half, wurde er 1941 zur Arbeit in den Leunawerken zwangsverpflichtet und später in die Wehrmacht eingezogen. 1946 wurde Hamel Studentenpfarrer an der Universität zu Halle. Als die SED-Führung ihren Kampf gegen die kirchliche Jugendarbeit forcierte, wurde er wegen Boykotthetze festgenommen. Nach heftigen Protesten gegen die Inhaftierung wies Erich Mielke kurz nach dem 17. Juni 1953 die Freilassung an. 1955 bis 1976 war Hamel Dozent und zeitweise Rektor des Katechetisches Oberseminar in Naumburg.

Ein weiteres Beispiel aus dem „ND“: „Im Burkhardt-Haus in Berlin-Dahlem, nahe dem amerikanischen Hauptquartier, werden Leute für ihre verbrecherische Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik ausgebildet. Einer der Leiter der ‚Jungen Gemeinde‘, Johannes Althausen, organisierte unter dem Deckmantel der religiösen Betätigung systematisch Spionage in der Deutschen Demokratischen Republik.“

Johannes Curt Theodor Althausen hatte Evangelische Theologie studiert. Während des Studiums in Halle geriet er 1952 in die Auseinandersetzungen zwischen derDDR-Regierung und den Jugendkreisen der evangelischen Kirchen, in denen er ehrenamtlich mitarbeitete. Er wurde zusammen mit anderen verhaftet und sollte wegen staatsfeindlicher Betätigung angeklagt werden. Nach der Korrektur dieser kirchenfeindlichen Attacken im Juni 1953 wurden die Ermittlungen eingestellt und keine Anklage erhoben. Von 1983 bis 1993 war er Leiter der evangelischen Ausbildungsstätte Paulinum in Berlin.  

Ein drittes Beispiel der Verunglimpfung eines ehrbaren Christen: „Unter dem Vorwand, ‚Pfarrer‘ der Berliner St. Marienkirche im demokratischen Sektor Berlin zu sein, scharte der Agent Reinhold George aus Westberlin junge Menschen christlichen Glaubens um sich und missbrauchte sie schändlich So missbraucht die religiös getarnte ‚Junge Gemeinde‘ den christlichen Glauben von Jugendlichen, um sie gegen die Deutsche Demokratische Republik und die Sowjetunion aufzuhetzen und auf diese Weise die schmutzige Sache Adenauers, die schmutzige Sache des Generalkriegsvertrages in unserer Republik zu besorgen und zu Verbrechen anzustiften.“

Tausende Mitglieder und Funktionäre der Jungen Gemeinde flogen von den Oberschulen und wurden an Universitäten und Hochschulen nicht zugelassen. Der Religionsunterricht in den neuen 10-Klassen-Schulen wurde abgeschafft. Zur Durchsetzung des Politbüro-Beschlusses wurden in allen Kreisen und Bezirken Kommissionen mit Beteiligung von FDJ und Stasi gebildet. Tausende DDR-Bürger flohen vor dieser Verfolgung und Verleumdung in den Westen.

Götting

CDU-Generalsekretär Gerald Götting (r.)

Ausgerechnet der CDU-Generalsekretär Gerald Götting, der 1946 der FDJ beitrat und bald schon dem Zentralrat des Jugendverbandes angehörte, sprach auf einer Hauptvorstandssitzung der CDU davon, dass die Agenten Adenauers auch in der DDR versuchen, christliche junge Menschen zu missbrauchen. Wörtlich: „Reaktionäre Kirchenführer, insbesondere evangelische, verhetzen die Jugendlichen, bilden die ‚Jungen Gemeinden‘ zu Widerstandszentren gegen die neue demokratische Ordnung, diskreditieren den Friedenskampf unseres Volkes und verhindern, dass die jungen christlichen Menschen, wie die übrige Jugend, in das Lager des Friedens und des Fortschritts finden.“  

Die Hetzjagd dauerte knapp fünf Monate. Am 2.-4. Juni 1953 holten sich die SED-Führung mit Ulbricht und Grotewohl in Moskau bei dem kurzzeitigen Stalin-Nachfolger Malenkow eine schallende Ohrfeige ab. In einer streng geheimen, wirklichkeitsgetreuen Analyse kommt der Kreml zur Auffassung, „die Propaganda über die Notwendigkeit des Übergangs der DDR zum Sozialismus ist als unrichtig zu betrachten“. Die Einschränkung der Privatinitiative, u.a. durch Entzug der Lebensmittelkarten für Privatunternehmer und Freischaffende, ist falsch. Die übereilte Schaffung von LPG hat zu ernsthaften Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung geführt, allein 500.000 Hektar Land lägen u.a. durch die Flucht der Bauern in die BRD brach. Die KPdSU fordert von der SED den Fünfjahrplan zu revidieren und vorrangig die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, zwangsweise geschaffene LPG aufzulösen, alle anderen zu überprüfen. Gesetzlichkeit und Gewährung der Bürgerrechte seien zu gewährleisten und die Repressalien gegen Bürger zu überprüfen. Die Einmischung der Behörden in kirchliche Angelegenheiten sind einzustellen wie ebenso die Verfolgung der Jungen Gemeinde.

Alle von Moskau geforderten Maßnahmen wurden durch die SED nicht publik gemacht und nur zu einem geringen Teil verwirklicht. Aber die Hetzjagd gegen die Junge Gemeinde in der geschilderten Grausamkeit wurde – nicht zuletzt wegen der Massenflucht ganzer Familien in die Bundesrepublik – am 11. Juni 1953 eingestellt. Zwischenzeitlich inhaftierte Jugend- und Studentenpfarrer wurden entlassen und eingezogene Gebäude zurückgegeben. Schüler, die von der Oberschule verwiesen worden waren, wurden wieder aufgenommen und zum Abitur zugelassen. Ein Erfolg der Nach-Stalin-Ära, der von der SED-Führung nur widerwillig akzeptiert wurde.

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