Görlitz – ein Bilderbuch der Baugeschichte

Ein Spaziergang durch Jackie Chans tausendjähriges „Görliwood“

Die Geschichte der Stadt Görlitz ist neben allen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gleichsam eine Spur der Steine durch die Jahrhunderte. Von der mittelalterlichen Handelsmetropole an der Via Regia bis hin zum bevorzugten Wohnort für Beamte, Pensionäre und begüterte Geschäftsleute reicht ihr Ruf. Schon im 19. Jahrhundert bekam Görlitz den Beinamen „Pensionopolis“, weil es vor allem bei preußischen Beamten als Alterssitz beliebt war. Auch heute ziehen zahlreiche Pensionäre, ünerwiegend aus den alten Bundesländern, in die Altstadt von Görlitz. Von Kriegen weitgehend verschont, ist die Stadt harmonisch gewachsen und stellt heute mit rund 4000 schützenswerten Bau- und Kunstwerken das größte zusammenhängende Flächendenkmal in Deutschland dar.  

Görlitz wurde 1071 erstmals von König Heinrichs IV. in einer Urkunde erwähnt, welche die Übergabe des slawischen Dorfes „Goreliz“ als Geschenk an den Bischof von Meißen bestätigt. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelte sich an der Via Regia, der privilegierten Handelsroute von Spanien bis Moskau, eine Ansiedlung von Kaufleuten rund um die Nikolaikirche. Um 1200 entstand im Bereich der heutigen Altstadt eine Stadtanlage.  

Die heutige Ober- und Niederlausitz stand ab 1075 unter der Herrschaft der böhmischen Herzöge und späteren Könige, die mit Unterbrechungen bis 1635 damit auch Stadtherren von Görlitz waren. 1636 wurde Görlitz zusammen mit der Oberlausitz, deren Stände sich im Dreißigjährigen Krieg den aufständischen Böhmen angeschlossen hatten, zum Ausgleich für Kriegsschulden des Kaisers an das Kurfürstentum Sachsen vergeben.  

Zu den bis heute gepflegten humanistischen Leistungen zählt die im Jahr 1779 in Görlitz gegründete „Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften“ als eine der ältesten regionalen deutschen Gelehrtengesellschaften, die zur größten bürgerlichen Gesellschaft ihrer Art in Deutschland heranwuchs.

Eine neue politische Zuordnung gab es nach den Befreiungskriegen. Da das Königreich Sachsen auf Seiten des Franzosen-Kaisers am Krieg teilnahm und erst nach der Niederlage Napoleons zu den Alliierten überlief, wurde es 1815 vom Wiener Kongress ausgeschlossen und musste große Gebietsverluste hinnehmen. So gelangten Görlitz und große Teile der Oberlausitz an Preußen. Diese Zugehörigkeit hatte erheblichen Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt. 1833 wurde das preußische Stadtrecht eingeführt. Unter dem ersten Oberbürgermeister Gottlob Ludwig Demiani, nach dem ein Platz benannt ist, gelangte die Stadt zu neuer Blüte.

Neben den historischen Fakten sind die Bauwerke dieser östlichsten Stadt Deutschlands ein Bilderbuch der Kunstgeschichte, in dem lückenlos die Bauepochen seit dem späten Mittelalter nebeneinander und bisweilen durcheinander aufgereiht sind. Selbst nach Jahrzehnten der Vernachlässigung der alten Bausubstanz sowie eines drohenden und schließlich verhinderten Abrisses zu DDR-Zeiten sind die vielen Profan- und Sakralbauten in einer außerordentlichen architektonischen Qualität erhalten bzw. wiederhergestellt worden. Damit ist Görlitz geradezu ein dreidimensionales Lehrbuch der Architekturgeschichte, ein städtebauliches Kunstwerk von höchster Vollkommenheit, wie es in Deutschland kein zweites Mal zu finden ist.

Das harmonische Miteinander von Gotik, Renaissance und Barock, von Historismus, Gründerzeit und Jugendstil ist auf Schritt und Tritt erlebbar. Wo Requisiteure für historische Filme aufwändig Kulissen bauen lassen, um der Wirklichkeit vergangener Zeiten nahezukommen, nutzen Filmgesellschaften von Hollywood bis Babelsberg das originale Flair von „Görliwood“, um sich den Kulissenbau zu ersparen.

Ein Spaziergang durch die Stadt ist wie der Besuch einer Ausstellung zur Bau- und Kunstgeschichte.

Gö1Hotherturm

Der Hotherturm gehörte zu den 30 Basteien der Stadtmauer von Görlitz und ist die letzte noch erhaltene Eckbastion vor Ort. Entstanden ist der zweigeschossige Turm mit seinem dreiviertelrunden Grundriss in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Gö3AufFelsengebaut

Die alte Stadtbefestigung wurde einst gebaut, als sei sie aus dem felsigen Untergrund, dem so genannten Lausitzer Granitmassiv, herausgewachsen.

Gö4ÜberdieNeiße

Blick über die Neiße in das polnische Zgorzelec

Gö6aPeterskirche

Weithin sichtbar die Pfarrkirche St. Peter und Paul als Wahrzeichen der Stadt. Sie gehört zu den ältesten Kirchenbauten, die  viele andere Kirchen in Sachsen baulich beeinflusst hat.

Gö6RestaurantMühle

Wenn Görlitz die östlichste Stadt Deutschlands ist, dann ist die Vierradenmühle an der Neiße die östlichste Gastwirtschaft. Sie war seit dem 14. Jahrhundert  eine von drei großen Getreidemühlen der Stadt und diente Tuchmachern und Gerbern als Walkmühle. Im Restaurant kann man durch einen gläsernen Fußboden eine Turbine bei der Stromerzeugung beobachten. Bei schönem Wetter wird natürlich auf der Terrasse, hoch über der Neiße serviert.

Gö7Gassen

Auch in den alten kleinen Gassen stehen Häuser aus unterschiedlichen Bauepochen nebeneinander und vermitteln ein Bild des Wandels der Baukunst über die Jahrhunderte.

Gö8Neptunbrunnen

Der Neptunbrunnen auf dem Untermarkt geht auf das Jahr 1756 zurück und wurde vom Steinmetz Johann Georg Mattausch nach einer Zeichnung von Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier gefertigt.

Gö9abrechtsDreifalt

Rechts, neben dem Rathausturm, der Turm der Dreifaltigkeitskirche am Obermarkt. Im Jahr 1234 als Kirche des Franziskanerordens gegründet, stammt der heutige Kirchenbau aus dem 14. Und 15. Jahrhundert. In der Kirche befinden sich einzigartige Kunstwerke. Währe3nd des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR fand auf dem Obermarkt eine Kundgebung mit 30.000 Menschen statt. Der Aufstand wurde, wie überall im Land, durch die sowjetische Besatzungsmacht und von Staatssicherheit und Volkspolizei niedergeschlagen.

Gö10Dreifalt

Blick in das Hauptschiff der gotischen Dreifaltigkeitskirche mit einer Orgel von 1873 aus der berühmten Werkstatt von Friedrich Ladegast, dessen Instrumente im Wiener Musikverein, in der Schlosskirche zu Wittenberg, im Schweriner Dom und anderswo im In- und Ausland stehen. 

Gö11SinnierenderChristus1500

Die Statue des sinnierenden Christus aus dem Jahr 1500 gehört zu den besonderen Kostbarkeiten der Dreifaltigkeitskirche.

Gö12EvangFrauenkirche

Die evangelische Frauenkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche im spätgotischen Stil. Die Kirche lag einst vor den Toren der Stadt, heute inmitten des Zentrums. Die Grundsteinlegung fand 1459 statt. Im Herbst 1989 war sie vor der politischen Wende in der DDR Ausgangspunkt der Friedensgebete in der Stadt.

Gö13BlicküberObermarktmitReichenbacherTurm

Blick über den Obermarkt mit dem 51 Meter hohen Reichenbacher Turm. 1376 wurde der Turm zum Schutz des westlichen Stadttores erstmals urkundlich erwähnt. 1782 wurde die gotische Turmspitze, zu der 165 Stufen führen,  durch eine kupferne Barockhaube ersetzt. Der Turm wird durch die Städtischen Kunstsammlungen betrieben, die auf sieben Etagen Ausstellungen veranstaltet. Bei guter Sicht reicht der Blick von oben bis in das Riesengebirge. 

Gö14Napoleonhaus

Das so genannte Napoleon-Haus. Vom Balkon in der ersten Etage hat Napoleon Bonaparte während seines europäischen Feldzuges 1813 Truppenparaden abgenommen.

Ansichten, in denen die Geschichte der Stadt über die Jahrhunderte erkennbar ist

Gö16Rathaus

Das Görlitzer Rathaus erinnert mit den goldenen Städtenamen Bautzen, Lauban, Löbau, Kamenz und Zittau an den 1346 zusammen mit Görlitz gegründeten Oberlausitzer Sechsstädtebund. Die Gemeinsamkeit der Städte sollte den Landfrieden vor allem gegen das adlige Raubrittertum sichern. Dies war auch im Sinne von Kaiser Karl IV., der die Städte mit zahlreichen Privilegien unterstützte. Die Städte konnten sich in der Folgezeit erfolgreich gegen den Adel durchsetzen, wobei durch ihre wirtschaftliche Prosperität auch ihr politischer Einfluss wuchs.

Der Flüsterbogen befindet sich auf dem Untermarkt und geht auf Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Das beliebte spätgotische Portal besteht aus Krabben, mittigen Kreuzblumen und jeweils einer seitlichen Maske. Durch die Konstruktion des gewölbten Bogens werden Schallwellen gut weitergeleitet. Wer an einem Ende seinem Gegenüber etwas ins Ohr flüstert, wird am anderen Ende verstanden, ohne dass der möglicherweise in der Mitte Stehende davon etwas hört. Für viele Touristen eine Möglichkeit, den Effekt praktisch auszuprobieren.Gö19aJustitia

Das alte Rathaus in Görlitzer Untermarkt mit der weltbekannten Rathaustreppe, einem Kleinod der Renaissance, wurde 1369 erstmals erwähnt. Die freistehende Justitia auf einer gekrönten Säule aus dem 16. Jahrhundert galt als Wahrzeichen der hohen Gerichtsbarkeit des Rates. Weil die Gerichts-Dame keine Augenbinde trägt, behaupten die Görlitzer nicht ohne Stolz, ihre Justitia sei nicht blind.

Gö19AstronUhraltesRathaus

Der alte Rathausturm wurde 1742 durch Blitzeinschlag zerstört. Beim Wiederaufbau wurden zwei Uhren auf der Marktseite angebracht. Die untere Uhr ist in der Mitte des Zifferblattes mit dem Kopf eines Kriegers besetzt. Die darüber befindliche Mondphasenuhr ist Teil des Lunarkalenders.

Die ehemalige Ratsapotheke am Untermarkt zählt zu den bekanntesten Bürgerhäusern in der historischen Altstadt. Der Renaissancebau trägt auf der dem Markt zugewandten Seite zwei Sonnenuhren. Bis 1832 war die Rathausapotheke die einzige Apotheke der Stadt. Im Jahr 1999 begannen die umfangreichen Sanierungsarbeiten im und am Gebäude. Dabei wurde auch das alte schmuckvolle Eingangsportal freigelegt, das über Jahrzehnte zugemauert war. 

In der Landskron-Brauerei am Ufer der Neiße wird seit 1869 Bier gebraut. Damit gehört sie zu den ältesten produzierenden Industriedenkmälern in Deutschland. Das Bier reift 40 Tage lang, länger als üblich, in 18 Metern tiefen Gärungsräumen von 1869, die unter Denkmalschutz stehen. Der typische Gründerzeitbau eignet sich auch gut als Filmkulisse. So drehte Jackie Chan hier Szenen seines Filmes „In 80 Tagen um die Welt“, wobei die Gassen des alten Ziegelbaus als New Yorker Hafenviertel dienten. Der Name Jackie-Chan-Gasse erinnert an die Dreharbeiten.

Das berühmte Jugendstil-Warenhaus Görlitz ist eines der besterhaltenen Warenhäuser aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. 1912 begann der Neubau in Stahlskelettbauweise. Nach neun Monaten Bauzeit wurde das Kaufhaus im September 1913 eröffnet und bis 2009 als Warenhaus betrieben. Nach Aussagen des neuen Besitzers soll das Kaufhaus ab 2018 in alter Schönheit wieder eröffnet werden. Der Regisseur Wes Anderson drehte im Warenhaus 2014 Szenen für seinen Film „Grand Budapest Hotel“.

Gö26Börse

Das Team für den Film „Grand Budapest Hotel“, darunter die Schauspielerin Tilda Swinton und die Schauspieler Willem Dafoe und Ralph Fiennes, quartierte sich während der mehrmonatigen Dreharbeiten im benachbarten Hotel Börse ein.

Gö28Straßburg-Passage

Im Dezember 1908 erfolgte nach sechsmonatiger Bauzeit die feierliche Eröffnung der ebenfalls im Jugendstil errichteten 115 Meter langen Straßburg-Passage zwischen Berliner- und Jakobstraße. Dieses bis heute beliebte Einkaufszentrum der Görlitzer hatte selbst in der DDR als „HO-Passage“ ihren Ruf bewahrt. Nach 1990 übernahm der Enkel des Firmengründers Wolfgang Straßburg die Passage und schuf in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege ein historisches Einkaufszentrum, das den Erfordernissen moderner Verkaufskultur entspricht und sich bei den Kunden und Besuchern großer Beliebtheit erfreut.

Gö29CafeBerlinerStr

Seit April 2012 lädt am sogenannten „Tortenstück“ das traditionsreiche Cafe Central mit seinen zwei gemütlichen Etagen wieder zum Besuch ein.

Gö30abSpätklassiz

Blick auf ein spätklassizistisches Geschäftshaus, vor dem sich die „Muschelminna“ – hier noch in Winterverkleidung – erhaben streckt. Der Entwurfe stammt von Robert Toberentz, einem Breslauer Bildhauer. In der Kunstgießerei Lauchhammer wurde die Bronzefigur gegossen und 1887 auf dem Postplatz eingeweiht. Die „Muschelminna“ wurde 1942 für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Erst 1987 erhielt der Dresdener Bildhauer Friedemann Klos den Auftrag, nach historischen Fotos ein neues Modell zu schaffen. Den Bronzeguss übernahm wieder die Kunstgießerei Lauchhammer, und seit dem 1. Mai 1994 steht die Nachbildung der ursprünglichen Brunnenfigur auf dem Sockel und krönt das architektonische Ensemble.

Gö31HistorPostamt

Zwischen den Jahren 1851 und 1855 wurde auf der Ostseite des Postplatzes, der damals noch ein unbefestigter Rummelplatz war, das erste Postgebäude errichtet. Doch 1887 bekam das Postamt einen repräsentativeren Neubau. Der prunkvolle und mit figürlichem Schmuck verzierte Klinkerbau sollte das wilhelminische Kaiserreich repräsentieren.

Gö31iPostplatz

Im Jahr 1865 zog das Königliche Kreisgericht in den Neubau auf dem Postplatz. Die sachliche Klinkerfassade gegenüber dem Postamt deutet auf die von Schinkel geprägte preußischen Baukultur. Hinter dem Gericht befand sich einst das Gefängnis, auf dessen Hof bis etwa 1900 Hinrichtungen mit dem Handbeil stattfanden.

Gö32JugendstilBahnhof

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der am 1.September 1847 eröffnete Jugendstil-Bahnhof Görlitz ein bedeutender Knotenpunkt im deutschen Fernverkehr. Heute ist der Bahnhof Görlitz nur noch ein Regionalknoten im Personennahverkehr . Auch den Fernverkehr in der einst bedeutsamen Relation (Paris–)Dresden–Breslau(–Warschau) gibt es seit 2004 nicht mehr.

Gö33Gymnasium

Aus einer Bildungsstätte des Franziskanerklosters für Konventsmitglieder wurde infolge der Reformation im Jahr 1530 eine evangelische Lateinschule, die sich Philipp Melanchton verpflichtet fühlte. Der heutige Bau geht auf Karl Friedrich Schinkel zurück, der 1837 mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV.  die alten Klostermauern besichtigte. Dabei fiel die Entscheidung für einen kompletten Neubau der Schule am Standort des Klosters. 1854 wurde der Grundstein für das im Stil des Historismus errichtete Gymnasium gelegt. In der DDR war die Schule nach dem antifaschistischen Künstler Johannes Wüsten  benannt. Seit 1993 heißt sie wieder Augustum und hat den Status eines Gymnasiums mit musischem Profil.

Gö34MarienplatzmitdickemturmFrauenturm

Der 46 Meter hohe Dicke Turm oder Frauenturm auf dem Marienplatz ist ein Teil der historischen Görlitzer Stadtbefestigung. Er wurde im Rahmen der Stadterweiterung 1250 errichtet. Seine Mauerstärke beträgt im unteren Teil bis zu 5,34 Meter. Da die Stadt während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert treu zur Krone stand, wurde ihr vom römisch-deutschen Kaiser Sigismund ein Stadtwappen verliehen. Das Sandsteinrelief am Turm stellt dieses Wappen zusammen mit den zwei Figuren Maria und Barbara dar. Von den ehemals vier großen Wach- und Wehrtürmen sind außerdem noch der Nikolaiturm und der Reichenbacher Turm erhalten.  

Gö37ältestesRenaissancehausDeutschl

Der Schönhof ist das älteste Renaissance-Bauwerk in Görlitz. Das Haus in der Brüderstraße wurde nach einem Stadtbrand im Jahr 1526 von Ratsbaumeister Wendel Roskopf dem Älteren gebaut. Im 15. und 16. Jahrhundert diente es als Repräsentationsgebäude für fürstliche Gäste. Bis heute sind im Obergeschoss noch bauliche Reste einer mittelalterlichen Toilettenanlage mit Wasserspülung zu sehen. 2006 wurde das Haus nach umfassender Restaurierung Sitz des Schlesischen Museums zu Görlitz.

Gö39Handwerk

Alte Handwerkskunst vor dem Hintergrund des schönsten Renaissansbaus der Stadt. Wie eine Szene aus dem späten Mittelalter.

Gö41Nikolaiturm

Der Nikolaiturm, Bestandteil der einstigen Stadtbefestigung, prägte bereits vor der ersten Stadterweiterung im Jahr 1250 das Bild der Stadt. Nach dem Stadtbrand 1717 wurde die ehemals schlanke, steile Spitze durch eine barocke Haube ersetzt. Der Zugang zum Turm erfolgte über die Stadtmauer bzw. über eine außen liegende Treppe. Erst 1752 entstand der ebenerdige Eingang durch die 2,86 Meter dicke Mauer. Von 1969 bis 2015 wurde der Bau von Görlitzer Heimatforschern als Ausstellungs- und Aussichtsturm bewirtschaftet, so wurde eine umfangreiche Sammlung historischer Schlösser, Beschläge und Leuchten aufgebaut. Seit Herbst 2016 betreiben der Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec e.V.  und das Kulturhistorische Museum Görlitz  gemeinsam den Turm.

Gö42HausKirschgrün

Ein Hingucker ist auf jeden Fall die Werbeagentur „Kirschgrün“. Und welche Farbe hat das wunderbar erhaltene Gebäude? Nicht wundern: In der von zwei Damen geleiteten Agentur liebt man Kopfarbeit, die Hand und Fuß hat.

Gö44Bauepochen

Ein Blick über die Stadt, wobei viele unterschiedliche Bauepochen erkennbar sind.

Gö43JesusBäckerei

1992 kaufte Bäckermeister Tschirch zwei Häuser am Nikolaigraben um eine Filiale zu eröffnen. Den Namen „Jesusbäckerei“ hat sich der Bäckermeister nicht ausgedacht, zumal er die Geschichte des Hauses damals nicht kannte. 1489 wurde am Nikolaifriedhof ein Kapellchen gebaut, das 1625 neben den Eingang der Bäckerei versetzt wurde. Da entstand der Name „Kapellenbackhaus“. Es brannte mehrmals ab und wurde immer wieder neu aufgebaut. „Jesusbäcker“ nennen nun die Görlitzer den Bäcker, neben dessen Haustür ein nachgestalteter Bildstock eine Station des Passionsweges Christi darstellt. Alljählich am Tag der Kreuzigung Christi hält die Gemeinde auf dem Weg zum Heiligen Grab in Andacht vor dem Bildstock inne. Dabei reicht der Bäckermeister den Gläubigen ein Salzbrot, auch  „Tränenbrot“ genannt, als Wegzehrung.

Gö46Jägerkas

Die Jägerkaserne am südlichen Rand der Görlitzer Nikolaivorstadt  wird heute von städtischen Ämtern genutzt. An diesem Standort befanden sich bis in die 1840er Jahre Teile der  Stadtbefestigung – darunter der sogenannte Bauzwinger und der Stadtgraben. Nachdem die städtischen Wehranlagen abgetragen worden waren, um das Wachstum der Stadt nicht zu unterdrücken, forderte der preußische Staat die Stadt auf, den Verlust an Wehranlagen durch eine massive Kaserne zu kompensieren. Zwischen 1854 und 1858 errichtete die Stadt schließlich die heutige Jägerkaserne für das 1. Schlesische Jäger-Bataillon Nr. 5. 1990 begann die Stadt mit der denkmalpflegerischen Sanierung und Umgestaltung zu einem modernen Bürokomplex, der heute als zweites Rathaus die technischen Dienste der Stadt beherbergt.

Gö48Kaisertrutz

Im Jahr 1490 wurde das „große Reichenbacher Rondell“, das später den Namen Kaisertrutz erhielt, als eine Bastion der doppelzüngigen Stadtmauer  zur Sicherung der von Westen durch die Stadt verlaufenden Handelsstraße Via Regia gebaut. Im Dreißigjährigen Krieg  kam der Kaisertrutz zu seinem Namen. Die Stadt wurde von den Schweden besetzt und trotzte während einer mehrwöchigen Belagerung den kaiserlichen und sächsischen Truppen. 1932 wurden die Abteilungen Stadtgeschichte und Ur- und Frühgeschichte der Oberlausitz  des damaligen Kaiser-Friedrich-Museums im Kaisertrutz eröffnet. 1948 erfolgte die Wiedereröffnung des Kaisertrutzes. Die archäologische Ausstellung wurde zugunsten der neuen Gemäldegalerie verlegt. Von 1998 bis 1999 wurde unter den Fundamenten ein mittelalterlicher Holzbrunnen aus dem 13. Jahrhunderts entdeckt.

Gö49Filmkulisse

Aus propagandistischer Hoch-Zeit  der DDR stammte der Film zum 100. Geburtstag Ernst Thälmanns, der 1985 gedreht wurde. Für eine Szene des Wahlkampfes Anfang der Dreißigerjahre wurde eine Mauer in der Görlitzer Bergstraße entsprechend hergerichtet. Die Görlitzer haben sich an den Schriftzug gewöhnt, während die jüngeren unter ihnen kaum noch etwas mit dem Namen anzufangen wissen.

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Die Pyramide von Döbern

Ein  ungewöhnlicher Glaspavillon in der Niederlausitz

Was haben Paris und Döbern gemein? Die Einwohnerzahl kann es nicht sein, die liegt in Paris bei mehr als 2,2 Millionen und in Döbern bei 3400. Paris liegt an der Seine, Döbern an der Malxe und zudem an der Bundesstraße 115 zwischen Forst und Bad Muskau. Paris hat sich seit Mitte des 3. Jahrhunderts v.u.Z. aus einer keltischen Siedlung entwickelte. Die Gründung Döberns gehört zu den ungelüfteten Geheimnissen der Geschichte.  Paris ist übrigens immer schon eine Stadt. Döbern, zumindest  urkundlich, seit 1969.

Zu Paris gehören neben Eiffelturm und Notre-Dame der Louvre. Millionen Touristen begeistert im Louvre die 1989 eröffnete 21,65 Meter hohe Glaspyramide, durch die man in die weltberühmte Gemäldegalerie gelangt. Bei der Einweihung war Frankreichs Präsident Francois Mitterand dabei. Die Glaspyramide von Döbern – endlich also die Gemeinsamkeit! – ist mit 18 Metern zwar nicht ganz so hoch, aber ebenso eindrucksvoll. Bei ihrer Einweihung 2013 war Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke zugegen.

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Bis zum Ende der DDR gehörte Döbern zu den größten europäischen Produktionsstandorten für Glaswaren. Das Glaswerk, heute Cristalica GmbH, bot einst 2500 Mitarbeiter  der Region Arbeit und Brot. Jeden Tag wurden bis zu 50 Tonnen Glaswaren produziert, geblasen, handgeschliffen und in alle Welt exportiert. Nach der Einführung der Marktwirtschaft stiegen die Preise auf internationales Niveau, der Absatz ging zurück, viele Glasmacher mussten entlassen werden.

Nach mehreren Eigentümerwechseln und einer Insolvenz besteht die Belegschaft heute aus 50 Mitarbeitern. Doch an der  erlesenen Qualität der Erzeugnisse hat sich nichts zum Negativen verändert – im Gegenteil. Döbern sucht, wie viele ehemalige DDR-Unternehmen, denen nach Einführung der Marktwirtschaft der Absatz weggebrochen war, neue Kunden. Dafür bietet die Pyramide als Europas größtes Glaskaufhaus mit seinem erlesenen Ausstellungs- und Verkaufsprogramm auf zweitausend Quadratmetern Fläche in zwei Etagen einen eindrucksvollen Beitrag. Zu den Vorzügen dieser Verkaufsshow mit über 4500 Exponaten gehört, dass im Angebot auch erlesene Leuchter aus Italien gehören, Glasfiguren aus Thüringer Werken, Bleikristall aus Weißwasser und Erzeugnisse aus weiteren Unternehmen der Branche.

Der Zufall führte mich in das architektonische Kleinod aus Glas und Holz. Doch der Aufenthalt währte länger als  beabsichtigt, zumal es nicht allzu schwer fällt, bei der Gelegenheit auch etwas für den eigenen Geschmack mit nach Hause zu nehmen.

Die Verkaufsshow ist – mit fünf Ausnahmen – das ganze Jahr über täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Hier ein kleiner Rundgang: (Übrigens ist der 2,20 Meter hohe Tiger am Eingang der Pyramide aus 420.000 Glassteinen gebaut worden.)

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Unbequem und wegweisend

Ein Sozialdemokrat, der die Welt verändern half – Adolph Hoffmanns Zwischenrufe waren wie Peitschenhiebe

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Mehr als ein halbes Jahrhundert war Adolph Hoffmann eine der schillerndsten Personen unter den fortschrittlichen deutschen Politikern. Über den Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörte er zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Sozialdemokratie. Die Spuren seines kämpferischen, ideenreichen und mitunter auch bizarren Wirkens reichen bis in unsere Tage, wenngleich der Name möglicherweise nicht mehr den ihm gebührenden Ruf besitzt.

HoffSammel

Adolph Hoffmann ermittelte als Berliner Stadtverordneter untercover gegen die Drangsalierung von Obdachlosen. Er trickste die Schnüffler der Geheimpolizei aus, er war ein gefürchteter Zwischenrufer in den Parlamenten. Schließlich war er Mitbegründer der II. Internationale 1889 in Paris. An der Seite Karl Liebknechts stimmte er gegen die Bewilligung von Kriegskrediten im Ersten Weltkrieg, er gründete die USPD mit, und während der Novemberrevolution wurden unter seiner Führung  das Rote Rathaus und der Preußische Landtag in Berlin besetzt. Es war nicht seine Absicht, den alten bürgerlich-preußischen Beamtenstaat zu zerschlagen, er wollte das Unmögliche – ihn demokratisieren.  

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So steht die Villa, die nach 1945 im Sinne Hoffmanns Kindergarten wurde, heute leer.

Hoffmann war ein humanistischer Aufklärer, zutiefst der Gerechtigkeit verpflichtet. Trotz aller Widrigkeiten war er seinen Grundüberzeugungen stets treu. Als preußischer Bildungs- und Wissenschaftsminister setzte er unmittelbar nach dem Sturz der Monarchie Zeichen für die Trennung von Staat und Kirche, die bis in unser heutiges Grundgesetz nachwirken. Auf der Grundlage seines Bestsellers „Die zehn Gebote und die besitzende Klasse“ beendete er den Einfluss der Kirchen auf die Schule und sorgte dafür, dass der  Religionsunterricht als Pflichtfach abgeschafft wurde. Sein vornehmstes Ziel war es, allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von den Familienverhältnissen und der Religion, Bildung und Ausbildung zukommen zu lassen.

HoffVillaNeu

Der Humanistische Verband, der den Traditionen Hoffmanns verpflichtet ist, wollte die Villa als Kulturzenhtrum nutzen und gestalten. Das Projekt wurde für alle sichtbar vorgestellt. Plötzlich kam das Aus

Adolph Hoffmanns Sommersitz in Fredersdorf-Vogelsdorf, den er zum notwendigen Nachweis von Grundbesitz als Berliner Stadtverordneter bauen ließ, steht derzeit zum Verkauf. Alle bisherigen Möglichkeiten des authentischen Erhaltens gemäß Denkmalschutz haben, möglicherweise auch durch halbherziges Handeln der Gemeinde, versagt. Der Humanistische Verband, dessen Mitgründer und Vorsitzender Adolph Hoffmann war, hatte zwar ein gutes Konzept vorgestellt, um die Villa in der Vogelsdorfer Fröbelstraße als kulturelles Zentrum der Gemeinde zu erhalten und auszubauen, hat sich schließlich aber aus dem Projekt wieder zurückgezogen. Es scheint, als solle das Haus jetzt in private Hände privat verkauft werden. Und nicht mehr als eine Tafel soll und den großen Sozialdemokraten erinnern. Dabei böte genau dieser Ort als eine gute  Möglichkeit, sich durch tätiges Miteinander von Jung und Alt an dieser Stelle den hohen Zielen des großen Humanisten anzuschließen.

Adolph Hoffmanns Leben in den wichtigsten biografischen Daten:

Am 23. März 1858 wird Johann Franz Adolph Hoffmann in Berlin geboren. Seine Mutter war Dienstmagd im Hause des berühmten Komponisten Giacomo Meyerbeer, der weltweit  als Schöpfer der Grande Opéra von Paris gefeiert wurde und in Deutschland u.a. von Friedrich-Wilhelm III. als Generalmusikdirektor der preußischen Schauspiele berufen wurde. Hoffmanns Vater ist namentlich nicht bekannt, allen Indizien nach soll es sich um eine höhere Persönlichkeit handeln, die im Hause Meyerbeer verkehrte.

1872 beginnt er eine Lehre als Graveur und Vergolder, die er später aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Seit er neun Jahre war – seine Mutter war wenige Monate nach seiner Geburt verstorben -, musste er selbst für den seinen Unterhalt aufkommen. Für Schulbildung blieb wenig Raum. Doch er fand sich nicht ab mit seinem Schicksal und nicht mit den herrschenden politischen Verhältnissen. Er eignete sich autodidaktisch das Wissen an, das ihm aufgrund seiner proletarischen Herkunft vorenthalten war.

1876 wird er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der späteren SPD. Sie war 1875 auf dem Gothaer Vereinigungsparteitag aus den marxistischen „Eisenachern“ mit den gemäßigteren „Lassalleanern“ hervorgegangen.

1879 Hochzeit mit der Arbeiterin Auguste Streitner. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

1881 nahm er teil am Gründungskongress des Deutschen Freidenkerbundes in Frankfurt/Main.

1883 hatte Adolph Hoffmann unter den Bedingungen von Bismarcks Sozialistengesetz, wie viele andere Genossen auch, regelmäßig einen Spitzel vor seinem Haus stehen. Eines Tages sprach dieser Hoffmann an: „Sehen Sie, Sie könnten sich so leicht einen hübschen Nebenverdienst verschaffen. Überlegen Sie sich ruhig, ob es nicht klug wäre, mein Angebot, uns Nachrichten über Parteiangelegenheiten zukommen zu lassen, anzunehmen.“

Der Polizeiminister Puttkamer hatte im Reichstag derartige Spitzeleien abgestritten. Hoffman ging zum Schein auf das Angebot ein. Aber er erreichte durch geschicktes Argumentieren, dass erstens das entscheidende Gespräch in seiner Wohnung stattfand und zweitens sogar der Vorgesetzte des Spitzels, der Kriminalkommissar Weinert, bei ihm erschien. Vor diesem Treffen hatte er sich mit Mitgliedern der Reichstagsfraktion beraten. Als Zeuge versteckte sich der Reichstagsabgeordnete, Schriftsteller und Historiker Wilhelm Blos in der Kammer von Hoffmanns Ein-Zimmer-Wohnung. Dann erschien Weinert. Und tatsächlich bot dieser ihm an: „Sie sollen ohne jede Leistung zwanzig Mark pro Woche erhalten und für jede Mitteilung besonders honoriert werden.“ Da deckte Hoffmann die Falle auf. Wilhelm Blos schrieb das Erlebte sofort auf und fertigte eine Pressemitteilung. Der Bericht erschien unter der Überschrift: „Ein Geheemer in Nöten.“

Oder: Als Mitglied des Berliner Obdachlosenkuratoriums hatte Hoffmann gehört, Obdachlose würden im städtischen Obdach grundlos mit Gummischläuchen geprügelt. Als er dies in einer Kuratoriumssitzung ansprach, wurde vom Vorsitzenden sofort ein Ortstermin im städtischen Obdach einberufen. Aber Gummischläuche wurden dort nicht gefunden. Hoffmann musste seine Behauptung widerrufen. Zusammen mit einem anderen Genossen verkleidete er sich eines Abends als Obdachloser. Tatsächlich wurden sie wie die anderen Obdachsuchenden grundlos mit Gummischläuchen verprügelt. Da enttarnte sich Hoffmann, holte die Polizei und brachte das Geschehen in die Presse.

1889 ist er neben Wilhelm Liebknecht Delegierter beim Gründungskongress der II. Sozialistischen Internationale in Paris, in deren Tradition sich die heutige Sozialistische Internationale sieht.

1890 wird er Redakteur und Herausgeber des sozialdemokratischen Blattes „Der Volksbote“ in Zeitz. Es gelingt ihm, besonders in der Landbevölkerung weniger gebildete Menschen mit den Zielen der Sozialdemokratie vertraut zu machen. Rhetorisches Talent sowie seine Schlagfertigkeit machen ihn zum populären Redner. Aus Artikelserien im „Zeitzer Volksboten“ entstehen Broschüren, die er im eigenen Verlag herausbringt.

HoffLesebuch 

1891 gehört Adolph Hoffmann neben Georg Büchner und Wilhelm Bölsche zu den Mitbegründern des Deutschen Freidenkerbundes. Schon als Jugendlicher hatte er 1873 zur Freireligiösen Gemeinde gefunden, deren Vorsitz er 1913 übernahm. Als Freidenker ist er einer der bekanntesten Kirchenkritiker seiner Zeit. Seine Schrift „Die Zehn Gebote und die besitzende Klasse“, in der er die Doppelmoral der Herrschenden und die Rolle der Religion als Herrschaftsinstrument anprangert, wird weit über 200.000 Mal verkauft. Zudem bringt sie ihm den Spitznamen „Zehn-Gebote-Hoffmann“ ein.

HoffZehnGebote

Hoffmanns erster Bestseller, der mehr als 200.000 mal verkauft wurde.

1890 ist er Delegierter des SPD-Parteitages in Halle und von da an auf den meisten Parteitagen der SPD bis 1913. Adolph Hoffmann lässt sich in seiner gesamten politischen Tätigkeit von den Inhalten des auf dem Parteitag in Erfurt 1891 (Luxemburg: „Wir sind wieder bei Marx.“) beschlossenen Programms leiten, das die demokratische und soziale Umgestaltung der Gesellschaft fordert.

HoffParlament

1891 gründet er seinen eigenen Verlag A. Hoffmann. Ab 1893 führt er den Verlag,  ab 1895 mit angeschlossener Buchhandlung, in Berlin weiter und ist als Buchhändler und Verleger von freigeistigen Publikationen, sozialdemokratischen Agitationsbroschüren, Bilderbüchern, Theaterstücken für Laiengruppen, Witzen, Parodien, Musikalien und Gedichten tätig. Unter den kleinen Theaterstücken aus seinem Verlag befinden sich auch solche, die Hoffmann unter dem Pseudonym F. A. Volkmann selbst verfasst oder bearbeitet hat.  

1896 Zweite Ehe mit Emma Kricke, die aus einer sozialdemokratischen Familie stammt. Aus dieser Ehe geht ein Sohn hervor

HoffzweiteFrau

Adolph Hoffmann mit seiner zweiten Ehefrau, Emma Kricke, an einem Bücherstand seines eigenen Vetrlages

1900 Stadtverordneter in Berlin (bis 1921)

1891 seine antiklerikale Schrift „Die zehn Gebote und die besitzende Klasse“ erscheint in seinem eigenen Verlag. Die Broschüre verkauft sich mehr als 200.000 mal. Zwei Zitate aus dem Inhalt:

„Das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen – Ich erinnere nur an die unzähligen Bankerotte, Zusammenbrüche der Darlehnskassen, Banken, schwindelhaften Gründungen von Aktiengesellschaften, welche Zausende und Abertausende um ihr Hab und Gut gebracht haben. …

Das 9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus – Würde das neunte Gebot von dem größten Teil der Vertreter des Geldsacks befolgt; dann wären diese selbst sowie die heutige privatkapitalistische Produktionsweise überhaupt die längste Zeit gewesen, denn ihre ganze Existenz ist fast ausschließlich auf das Begehren des Nächsten Hab und Gut aufgebaut.“

1904 wurde er zum ersten Mal Reichstagsabgeordneter bis 1906, später nochmal von 1920 bis 1924. Gefürchtet waren seine Zwischenrufe, über die in der Wochenschrift „Der Drache“ 1928 geschrieben wurde: „In Hoffmanns Zwischenrufen steckt mehr als Witz. Da ist tiefere Bedeutung. Es sind einzeilige Epigramme, die besten Reden, die je in einem deutschen Parlament gehalten wurden.

HoffmVerlag  HoffZwischenrufe

Ein Beispiel: „Mit wurde hier soeben von dem Redner der Konservativen vorgeworfen, dass ich mir und mich verwechsle. Das stimmt leider; und es ist ein trauriges Zeichen für den Zustand der Volksschulen, den die Konservativen zu verantworten haben. Die Herren von der rechten Seite verwechseln auch Mein und Dein, und wenn sie das auf ihren hohen Schulen gelernt haben sollten, dann sind die Hochschulen noch reformbedürftiger als die Volksschulen.“

1908 Landtagsabgeordneter in Preußen bis 1921 erneut 1928-1930. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung erreicht er Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter des Vieh- und Schlachthofes und setzt im Obdachlosenheim „Die Palme“ Änderungen der dortigen menschenunwürdigen Zustände durch. Im Reichstag beteiligt er sich 1905 aktiv an den Debatten zu einem Toleranzgesetz, das jeden Zwang  auf religiöse Bekenntnisse abschaffen soll. Im preußischen Landtag bekämpf er das Dreiklassenwahlrecht und fordert die Reform und Demokratisierung des preußischen Verwaltungswesens.

1913 Delegierter beim Internationalen Freidenkerkongress in Lissabon. Seine Broschüre „Los von der Kirche“ von 1908 fand bereits massenhaft Verbreitung. Als sich 1910 die Kirchenaustrittsbewegung mit dem überparteilichen „Komitee Konfessionslos“ eine organisatorische Form gibt, ist er beteiligt. Dabei kritisiert Hoffmann weniger die Religion an sich, als vielmehr die Verquickung der Kirchen mit dem Staat und den Interessen der Herrschenden. Er kämpft für Gewissensfreiheit und gegen religiösen Zwang.

1915 Hoffmann gehört im September zu den 38 Teilnehmern aus 18 Ländern während der Internationalen sozialistischen Friedenskonferenz in Zimmerwald (Schweiz). Im Streit mit  Lenin und Trotzki trug Hoffmann dazu bei, linksradikale Parolen im „Zimmerwalder Manifest“ zu verhindern.  

1917 war er in Gotha Mitbegründer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und gehörte ihrem Zentralkomitee unter Vorsitz von Hugo Haase an. Die Abspaltung von der SPD war der Burgfriedenspolitik der SPD sowie der Bewilligung der Kriegskredite geschuldet. Unter maßgeblichen Aktionen der USPD führte die Revolution am 9. November 1918 zum Sturz der Monarchie und zur Flucht des Kaisers.

Am 23. Oktober 1918, nach der Ankunft Karl Liebknechts nach der Haftentlassung  auf dem Anhalter Bahnhof, hielt Adolph Hoffmann am Abend in den Sophiensälen die offizielle Begrüßungsrede für Liebknecht.

9. November 1918 Adolph Hoffmann steht als führender Funktionär der USPD am Tag der Novemberrevolution in Berlin mit an der Spitze der Aufständischen und besetzt das Berliner Rote Rathaus sowie das Preußische Abgeornetenhaus.

HoffRevolut

Am 14. November 1918 wird Adoph Hoffmann in paritätischer Besetzung mit dem Mehrheitssozialoisten Konrad Haenisch Minister für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung in Preußen. Die Funktion hat er nur bis Anfang Januar 1919 inne.

Auszüge aus dem Erlass des Ministerium Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 29. November 1918:

„(…) In diesem Sinne verordnen wir für sämtliche uns unterstellten Lehranstalten der Republik Preußen

  1. Das Schulgebet vor und nach dem Unterricht wird, wo es bisher noch üblich war, aufgehoben.
  2. Eine Verpflichtung der Schüler seitens der Schule zum Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen ist unzulässig. Auch hat die Schule keine gemeinsamen religiösen Feiern (z. B. Abendmahlsbesuche) zu veranstalten. Schulfeiern dürfen keinen religiösen Charakter tragen.
  3. Religionslehre ist kein Prüfungsfach.
  4. Kein Lehrer ist zur Erteilung von Religionsunterricht oder zu irgendwelchen kirchlichen Verrichtungen verpflichtet, auch nicht zur Beaufsichtigung der Kinder beim Gottesdienst.
  5. Kein Schüler ist zum Besuch des Religionsunterrichtes g e z w u n g e n. Für Schüler unter 14 Jahre entscheiden die Erziehungsberechtigten, ob sie einen Religionsunterricht besuchen sollen, für Schüler über 14 Jahre gelten die allgemeinen Bestimmungen über Religionsmündigkeit. (…)“

HoffGarten

Adolph Hoffmann in den späten Zwanzigerjahren u.a.  mit seiner dritten Ehefrau im Garten seiner Vogelsdorfer Villa

1920 Dritte Ehe mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Martha Peege.

1922 Rückkehr in die SPD

HoffmannZeichnung

Adolph Hoffmann, der selbst auch gern zeichnete, mit einer eigenen Illustration aus seinen „Reise-Erlebnissen“ von 1924, wobei er sich (rechts) selbstdarstellte

1930 stirbt Adolph Hoffmann in Berlin. Er wird auf dem Friedhof Friedrichsfelde beigesetzt, 1951 wird seine letzte Ruhestätte in die Gedenkstätte der Sozialisten  zu vielen anderen historischen Gräbern umgebettet.

Ein Nachruf in der Berliner Lehrerzeitung belegt, dass auch das liberale Bürgertum das Wirken Hoffmanns, der zeitlebens aus kirchennahen Kreisen heftig angefeindet wurde, zu würdigen wusste.

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Geschichte eines Mordes

Fredersdorf-Vogelsdorfer Theaterkreis „Traumland“ mit einer beachtenswerten Inszenierung in Kirchen der Region

Man mag bei der Beurteilung eines Mordes voreingenommen sein, ihn abscheulich, widernatürlich und höchst verurteilungswürdig finden – nachdenken über die Motive einer Mörderin kann so falsch nicht sein. Der Theaterkreis Traumland e.V. in Fredersdorf-Vogelsdorf tritt den Beweis dafür an, hat sich mit wenigen Aufführungen seines kleinen Theaterstückes „Mea culpa? Geschichte einer Mörderin“ dieser Aufgabe angenommen und als Spielorte Kirchen in der eigenen Gemeinde sowie in Petershagen, Neuenhagen und Strausberg gewählt. Das Stück hat die Traumland-Leiterin Susanne Ebert nach einer Reihe authentischer Fälle geschrieben und inszeniert. Darstellerinnen und Darsteller sind Laien, denen die Bretter die Welt ihres Hobbys bedeuten.

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Die 1910 errichtete Petruskirche in Petershagen war erste Spielstätte für das neue Stück

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Autorin Susanne Ebert, die auch die Inszenierung übernahm, und (links) ihre beeindruckende Hauptdarstellerin Dorothea Stöcklein

In einer Gefängniszelle sitzend, überdenkt Eva Nemo (Dorothea Stöcklein) ihre grausame Tat. Mit Gift hat sie ihren Ehemann aus dem zerstörten Familienleben entfernt, weil dieser die eigene Tochter auf  grausame Weise demütigte und missbrauchte. Sie schwankt in der eigenen Beurteilung des Verbrechens zwischen Schuld und Gewissenspflicht. Vertreterinnen beider Gattungen sitzen schwarz bzw. weiß verhüllt an ihrer Seite und wirken kompromisslos auf sie ein. Du hast Schuld auf dich geladen! Du hast aus Liebe gehandelt!

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Der Pflichtverteidiger (Michael Lenuweit) bringt mit seinen Fragen nach Herkunft, Kindheit, Ehe und Familie etwas Licht in die gestrauchelte Persönlichkeit. Aufgewachsen in so genannten gutbürgerlichen Verhältnissen, mit preußischen Tugenden und religiösem Zubehör entspricht sie einer überlebten Zeit, die dem Schein vor dem Sein den Vorrang gab. Danach vertraute man  Sorgen und Nöte, die auch nur einen kleinen Schatten auf die Idylle werfen könnten, nicht Eltern noch Anverwandten an. Eher ging man daran zugrunde. Das war einer der Hintergründe ihrer Verzweiflungstat, mit der sie retten wollte, was längst nicht zu retten war – der „gutbürgerliche“ Ruf einer verfehlten Beziehung.

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Die Seelsorgerin (Veronika Lenuweit) scheint hilflos der Mörderin gegenüber. Sie gesteht das Scheitern einer eigenen Ehe und stellt die Frage nach Gott? Nein, bekennt die Mörderin, Gott ist tot. Wieso auch nicht? Wo war er, als er gebraucht wurde? Die Seelsorgerin will ihr Gott nicht einreden, glaubt aber, dass es helfen mag, wenn man sich in seine Obhut begibt und ihm vertraut. Und immer wieder geraten Schuld und Gewissen in Widerstreit, wirken auf sie ein, verwirren sie, machen sie orientierungslos und einsam.

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Schließlich werfen ihr die eigenen Eltern (Helgard Kamin, Martin Chadde) vor, dass sie als Mörderin die Familie in Verruf gebracht habe. Die weinende Mutter, der aufbrausende Vater – Personen aus dem Tagebuch der Zeitgeschichte. Sie werden bei allem Verständnis für die Untat mit dem Makel, eine Giftmörderin erzogen zu haben, leben müssen.

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Der Bruder und Apotheker (Markus Chadde), der das angebliche Rattengift lieferte, die alte Freundin Maria (Beate Petzka) – auch sie können nur schweren Herzens vergeben. Sie beteuern ihr  Vertrauen zu einem nahen Menschen, doch das  Verhältnis hat Risse bekommen, die kaum zu kitten sind.

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In einer Wolke schwebt abschließend der Ermordete (Hardy Gudzinski) in die Zelle und in die Gedanken seiner Mörderin. Bin ich nicht ebenso von Gott geschaffen, mit allen meinen Begierden, sexuellen Neigungen und… Keine Selbstanklage, keine Reue, kein Verständnis für die Tat einer liebenden Frau und Mutter. Er verschwindet mit seiner Wolke, wie er gekommen war, mit wenig Hoffnung, Sympathien erworben zu haben.

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Zum Schluss singen noch einmal sehr einfühlsam von der Empore herunter  a capella Mitglieder des Chores der evangelischen Kirchengemeinde Mühlenfließ unter der musikalischen Leitung von Johannes Voigt. Auch davon hätte es noch etwas mehr sein können.

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Mitglieder des Chors der evangelischen Kirchengemeinde Mühlenfließ. Die musikalische Leitung hat Johannes Voigt (2.v.r.)

Nach einer guten Stunde bleibt der Zuschauer nach einer großartigen Ensembleleistung und dem gebührenden großen Beifall mit noch größeren Fragen über die moralische Zerrissenheit eines Menschen zurück, der zwischen die Mühlsteine des Lebens gerät und verzweifelt versucht, sich irgendwie daraus zu befreien. Wegweiser gibt es da nicht.

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Die Story aus dem Löwengarten

Die Geschichte ist ziemlich alt.  Ein gewisser Friedrich Schiller, seines Zeichens Arzt und Historiker, hat sie niedergeschrieben und einfallslos „Der Handschuh“ genannt. Der Inhalt ist  kaum der Rede wert, die lyrische Verarbeitung antiquiert.

Schon der unspektakulären Beginn: „Vor seinem Löwengarten, das Kampfspiel zu erwarten, saß König Franz…“ Na und? Soll er doch. Wen lockt das hinter dem Ofen hervor?

Eine moderne Berichterstattung über einen derartigen Vorfall  sähe heute ganz anders aus.

Die Nachrichtenagentur würde berichten: 

Eklat bei Kampfspielen

dpa – Zu einem spektakulären Eklat kam es am Wochenende im Löwengarten. Während der traditionsreichen Kampfspiele in Anwesenheit von König Franz und führenden Persönlichkeiten der Krone ließ eine Besucherin vom Rand ihrer Loge einen Handschuh in die Arena fallen, in der sich ein Löwe, ein Tiger und zwei Leoparden befanden.

Besagte Dame, die offenbar gehobenen Kreisen angehört, wandte sich mit der Bitte an einen Hofangestellten mittlerer Laufbahn, der einschlägigen Quellen zufolge in die junge Frau verliebt sein soll, ihr den Handschuh aufzuheben. Ohne Zögern kam dieser der Aufforderung nach.

Während das Publikum den Zwischenfall mit angehaltenem Atem verfolgte, zeigte der junge Mann keinerlei Scheu vor den wilden Tieren, die vor so viel Dreistigkeit wie gelähmt schienen. Er nahm den Handschuh, verließ den Käfig und warf ihn der Besitzerin mit der Bemerkung ins Gesicht: „Den Dank, Dame, begehr´ ich nicht!“ +++

Die „Berliner Zeitung“ schriebe auf Seite 5: 

Machen die „Kampfspiele“ noch Sinn?

 (BZ/Eig.-Ber.) Da haben wir es wieder – alte Zöpfe gehören abgeschnitten. Ohne Wenn und Aber. Mehrfach schon charakterisierten wir diese anachronistischen Spiele, die an die Blütezeit des Kolosseums erinnern, als Relikt der untergehenden Feudalaristokratie. Das rudimentäre Festhalten daran wurde unlängst einem jungen Bediensteten aus der Umgebung des Regierenden zum Verhängnis. Eine Dame des Hofes ließ während der so genannten Kampfspiele einen Handschuh vom Balkon in den Käfig mit den wilden Tieren fallen und forderte ihren stillen Verehrer, den erwähnten Bediensteten, hochmütig auf, ihr das Utensil zu bringen.

Zu einem Fauxpas entwickelte sich die Angelegenheit, als der junge Mann unter Missachtung der Gefahr todesmutig den Käfig mit dem Löwen, dem Tiger und zwei Leoparden betrat, das Kleidungsstück an sich nahm und der jungen Dame mit den Worten „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“ ins Gesicht warf.

Vielleicht sollte den Veranstaltern dieses üblen Spiels mit den Gefühlen von Menschen einmal mehr die Unsinnigkeit solcher „Events“ klar werden.

Die BILD-Zeitung druckte:

Hofschranze in der Höhle des Löwen! – Publikum betrogen?

Von Fritz Schill

Sie sitzen wie zum Sprung. Ihre Mordlust ist ungezügelt. Ein Löwe, ein Tiger, zwei Leoparden! Gerade sollen die Kampfspiele beginnen, da wirft eine junge Dame aus ihrer Loge einen Handschuh zwischen die Bestien. Ihr Name: Edelgunde (24). Sie fordert den Hofangestellten Delorges (28) auf, ihr den Handschuh zu bringen. Edelgunde (101-61-91) will so einen Beweis seiner Liebe erzwingen.

Dann das Unfassbare! Die Besucher halten den Atem an. Delorges betritt furchtlos den Käfig. In den Augen der wilden Katzen ein gefährliches Funkeln. Im Bruchteil einer Sekunde könnten sie den jungen Mann zerreißen. (Siehe Seite 7: Die schlimmsten Fälle, in denen wilde Tiere Menschen zerfleischten.) Delorges, unbeeindruckt von der Gefahr, ergreift den Handschuh, verlässt aufrecht und stolz den Käfig. Das Publikum steht unter Schock, atmet auf, als Delorges die Käfigtür hinter sich schließt. Dann – Entsetzen auf den teuren Plätzen – wirft Delorges besagter Dame den Handschuh mit den Worten an den Kopf: „Den Dank, du gemeines Weibsstück, kannst du dir sonst wohin schieben!“

Jetzt wird zu klären sein, welches üble Spiel hier getrieben wurde. War die Sache mit dem Handschuh ein Fake? Waren die Tiere so satt und der junge Mann in Wirklichkeit nie in Gefahr?

Verärgerte Zuschauer fordern ihre Eintrittsgelder zurück. BILD kämpft für Sie.

Die „Bunte“ steht ganz neutral auf Seiten der Reichen und Schönen:

Ein bisschen Spaß muss sein! Das beherzte Interview der Woche

Verehrte Edelgunde, es wird behauptet, Ihr Handschuh sei nicht zufällig in die Arena mit den wilden Tieren gefallen. Was sagen Sie dazu?

Ich bitte Sie, das war ein reines Vergnü… äh, Versehen. Ich hänge an den Handschuhen, die hat mir der König geschenkt, als ich…, äh, als wir… äh…, also, äh… 

Das verstehe ich sehr gut. War das auch der Grund, weshalb Sie einen aufdringlichen Angestellten bei Hofe baten, er möge ihn aufheben?

Nichts anderes als das. Sie sagen es. Und dieser Delorges stand mir sehr nahe, also mehr so in meiner Nähe…

Es heißt, Delorges – Sie kennen ihn offenbar – sei unsterblich in Sie verliebt. Wussten Sie davon?

Also, ich bitte Sie, ich führe doch kein Buch. Ich meine, ich kann doch nicht wissen, wer alles in mich verliebt ist. Da müsste ich ja Dutzende Handschuhe fallen lassen… äh, aus Versehen fallen lassen… Und wenn Sie meinen, er sei unsterblich verliebt, dann wundert es mich auch nicht, dass diese süßen Tierchen ihm nichts getan haben. Außerdem sollte man das nicht so hoch sterilisieren, bloß weil dieser Spielverderber keinen Spaß versteht.

Wird die rüde Rückgabe des Handschuhs an Sie Konsequenzen haben?

Aber nicht doch. Der König selber hat alles mit angesehen. Was könnte ich da noch tun sollen? Außerdem hat ihn der König bereits in die tiefste Provinz versetzt. Ich glaube, er ist bereits auf dem Weg nach München…

Danke  für das Gespräch.

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Lieder und Gedichte

Der Angstverkäufer

(Vertont von den PUHDYS für die LP/CD „Das Buch“)

Es war eine Stadt im Tal der Neumanen.
Die Stadt war bekannt unter vielen Namen.
Port Wohlstand, Bad Reichtum, Hoffnungstal.
Die Stadt lag in Frieden, ihr Ruf war geachtet,
die Händler kamen in Scharen
Auch der mit den Sternen und Streifen am Hut
kam in die Stadt gefahren.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

In den Gärten der Stadt sproß Zufriedenheit.
Die Stammtische waren mit Lorbeer drapiert.
Die Bäder gekachelt, die Zäune lackiert.
Der Überfluß lähmte die Aufmerksamkeit,
es gähnte die Langeweile.
Der Mann mit der Angst bot zum Sonderpreis
Geschäfte zum Vorzug bei Eile.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Er versprach Feuersbrunst, Erdbeben und Sintflut
als Zugabe Streik durch die Müllabfuhr
fürs schlaffe Gemüt die passende Kur
Doch sie lachten ihn aus denn sie waren gefeit
durch hohe Versicherungspolicen.
Gegen Hunger und Not, gegen Elend und Tod
hielten sie dem Händler entgegen
.
Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Was er dann empfahl, war die Krone des Handels.
Und die Kunden die bissen auch an.
Das Geschäft hieß der Krieg, der Feldherr total.
Die Stadt hielt die Sache für durchaus normal.
Im Nu war die Stadt im Tal der Neumanen
gestrichen aus Atlas und Lexikon.
Der alles gewann, zog weiter geschwind
denn es gab noch sehr viel zu tun.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!
+++

Stoßgebet eines Abgeordneten

Ich bin ganz neutral,
der Verfassung verpflichtet,
über Nebenverdienste
recht gut unterrichtet.
Auch bin ich kein Unmensch
und helfe gern
zum Beispiel meinem alten Konzern.
Der dankt es mir ganz unbürokratisch,
pro Monat ein Scheck,
das geht automatisch.
Ich nehme ihn,
ganz dem Schicksal ergeben,
denn allein von Diäten
kann man nicht leben

Ich bin ganz neutral
und halte mich raus
aus Talk-Show-Runden
und Plauderstunden
über Moral und Ethik,
was soll das beweisen?
Auch wenn sich Reporter die Mäuler zerreißen,
wir wollen uns doch nicht selber bescheißen.
Die Nebeneinkünfte
widerlegen den Schein
der Mensch lebt nicht von Brot allein.
Und damit hat sich wieder ergeben:
ganz allein von Diäten
kann man nicht leben.

Ein Scheck ist neutral,
und Papier ist geduldig,
ich bin doch kein Krösus
und keinem was schuldig,
nur dem Volke verpflichtet,
das mich einst gewählt,
für das man sich schindet
für das man sich quält.
Drum lasst mich im Jenseits vor den Richter treten,
und bis dahin weiter Gott Mammon anbeten.
Es lebe das Volk
und es lebe der Wein,
mit beidem kann man glücklich sein,
dazu noch Gottes reicher Segen,
denn allein von Diäten
kann man nicht leben.

Und bin ich einmal
kein Volksvertreter mehr,
steig ich hinab ins Beamtenheer
und sage als erfahrner Tribun,
so wie das Tausend andere tun:
Allein vom Gehalt
wird man nicht alt!
+++

Talkshow

Biste solo – geh´ in de Disco
Biste pleite – geh´ in de Kneipe
Biste reich – flieg übern Teich
Rieselt der Kalk – geh´ zum Talk

Biste beim Talk
Mach auf kalt
Verlang Johnny Walker
Schmeichle dem Talker
Wenn er ´s probiert
Und dich provoziert
Hau auf den Tisch
Fürchte dich nicht
Auch wenn er dich hasst
Du bist sein Gast
Talker erwarten
Um durchzustarten
Geist und Esprit
Weil laut Regie
Meistens nur Gäste
Mit dunkler Weste
Schwadronieren
Und abkassieren
Ein wirklicher Star
Macht sich rar

Biste solo – geh´ in de Disco
Biste pleite – geh´ in de Kneipe
Biste reich – flieg übern Teich
Rieselt der Kalk – geh´ zum Talk

Wo Promis schweigen
Und Talkshows meiden
Holt man zum Palaver
Ohne Wenn und Aber
Und ganz ohne Schmu
Gäste ohne IQ
Ob das geht?
Na wie man sieht
Seit Jahr und Tag
Im Fernsehen
Jeden Nachmittag
+++

Wunschbild

Am Dorfteich melkt die Bäuerin
Die Lieblingskuh Burglinde
Im Wasser ist es umgekehrt
Deswegen ist es sehenswert
Wie schade, denkt der Blinde
+++

Überzeugung

Der Wetterwart im Fernseh´n spricht:
wenn’s heute schneit, dann regnet´s nicht.
Und scheint die Sonne, meint er keck,
dann ist das schlechte Wetter weg.

Doch neulich, als er dienstfrei hatte,
lag er in seiner Hängematte
und hat aus purer Überzeugung
missachtet die Gewitterneigung.

Hinweggerafft nach kurzem Schmerz
(ich glaub es war am zwölften März),
hat posthum ihn man hoch geehrt,
weil er des Zweifels sich erwehrt.
+++

Das Partysanin

Wollnse berühmt wer´n? Gehnse zur Party
von ´ner bunten Illustrierten oder ´ner reichen Lady.
Gehn se anfangs mit ´nem schwulen Promi hin,
der darf Sie mitbringen, und schon sind se drin.
An seine unverdächtge Seite hängen sie sich dran
und zieh sie sich ganz ungewöhnlich an.
´n Ausschnitt dezent, höchstens bis zum Nabel.
Sagen sie ganz gebildet «formidabl»
mit ´nem Piersing mitten auf der Zunge,
bis der erste Playboy ruft: Junge, Junge!
Trinken Sie vorsichtshalber immer alles mit,
sonst gelten Sie als Spielverderberin.
Greifense Promis nicht gleich in den Schritt,
sonst nennt man Sie eine Hochstablerin.
Denn noch sind Sie nicht aufgenommen hier,
doch die Party hat Sie längst im Visier.
Mit wem ist denn der Dingsbums gekommen?
Die Gesellschaft gerät fast außer sich:
Sonst hat er doch immer nur Männer genommen?
In dem Moment steigen Sie rasch auf´n Tisch.
Sagen Sie laut den Leuten von der Zeitung,
denn das reizt die Jungs mit der Kamera:
„Von dem Foto dulde ich keine Verbreitung!“
Für ein winziges Bildchen sagen Sie dann ja,
„aber wehe es kommt ganz vorn auf die Zeitung!“
Na wohin denn sonst, bei dieser Kleidung!
Man wird sie nach ihrem Namen fragen.
Nun sagen Sie ja nicht, sie hießen Barbara,
sondern Babsi, aber mehr woll´n sie nicht sagen,
oder Muschi oder Vroni oder Tralala.
Nun werden Sie höchst neugierig,
die Damen und Herren Klatsch-Reporter
und auch die Party-Gäste fragen begierig:
Was soll denn das? Und sie rufen empört:
Wer ist denn die? So dass es jeder hört.
Sehn Sie, und wenn Promis das fragen,
dann werden se ganz sicher berühmt.
Nun machen Sie was draus.
Gehen Sie erst mal mit ´nem Reichen
und dann mal mit ´nem Schönen aus.
Dabei entdeckt Sie die Werbebranche
die sucht gerade ein Model für Kenner
denn die wolln ihre fade Food-Melange
verknüpfen mit edlem Festtags-Glamour
So sahnen Sie ab ´ne halbe Million
und schon kennt sie die ganze Nation.
Nun lassen Sie noch ein Bilderbuch schreiben
und plärren ein Lied in die Tontechnik,
dann brauchen Sie nur noch das Geld einzutreiben
und lachen über den Neid der Kritik.
Na, was ist? Wolln Sie berühmt werden?
Ist doch gar nicht so schwer.
Die Sache hat nur einen Haken:
Se dürfen von nichts, aber auch von gar nichts
auch nur en bisschen Ahnung haben
+++

Die Blattmacher

An einem verregneten Sonntag,
die Straße war still und leer,
da klingelt es an der Wohnung
bei Hans-Peter Meyer – Friseur.
Kaum dass er die Tür geöffnet,
brach Blitzlicht über ihn rein.
Er hatte keinerlei Chance,
eine Frage hinaus zu schrein.

Sind Sie der Hans-Peter Meyer?
Der Friseur nickte nur.
Und wie ist das mit der Steuer –
aha, Sie stellen sich stur?
Wie wurde das Geld gewaschen
vom Mädchen-Handel Fernost?
Was sagt Ihre Gattin zu allem?
Ich bin von der Morgenpost!

Die Zeitungen druckten in Balken
das Bild Meyers und von seinem Haus.
Die Nachbarn erzählten der Presse:
Der ging bei uns ein und aus!
Seit Tagen ist Meyer verschwunden,
der Staatsanwalt sagte nur:
Das war eine dumme Verwechslung.
Doch von Meyer fehlt jede Spur

Meyers Geschäft ist längst pleite,
im Haus wohnt die geschiedene Frau.
Und Meyer selbst, dessen Freunde
den Umgang mit ihm vermieden,
ist an einem langen Strick
im Wäldchen am Stadtrand verschieden.
Schade, sagte der Chefredakteur,
aber die Story war gut geschrieben!
+++

Halbwahrheit

Am Mittag wirbt die Kellnerin:
Heut Nacht geht ´s oben ohne
Der Saal war voll
Der Umsatz toll
Der Kellner ein muskulöser Teutone
+++

Verwunderung

Ein Ätsch kam in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei
Erst merkte er es nicht
Dann wunderte er sich:
Waren derlei nicht früher mal zwei?
+++

Altersleisheit

Jahre machen dich,
mit Glück, leiser.
Älter ganz gewiss,
doch selten weiser.
+++

Irgendwo

Satelliten kreisen um die Erde,
Funksignale füllen unser All.
Irgendwo da wird ein Kind geschlagen,
niemand nimmt Notiz von diesem Fall.

Weltraumfahrer fliegen zu den Sternen,
schweben schwerelos im weiten Raum.
Irgendwo erfriert ein Obdachloser,
seine Umwelt aber merkt es kaum.

Vernetzte Computer im Internet
verletzte Gefühle durch on line check
Per Daten-Highway auf Suche nach Liebe
exit für Romantik, die für Memory bliebe

Makrokosmos, Mikroelektronik,
faszinierend ist der Forscherdrang.
Irgendwo stellt sich ein kleiner Einstein
an die Arbeitslosenschlange an.

Tausendmal sind glänzende Erfolge
auch ein Kissen der Bequemlichkeit.
Irgendwas bleibt immer auf der Strecke,
viel zu oft ist es die Menschlichkeit.

Vernetzte Computer im Internet
verletzte Gefühle durch on line check
Per Daten-Highway auf Suche nach Liebe
exit für Romantik, die für Memory bliebe
+++

Der Stammtisch

Sie sitzen schon seit Jahren
am Stammtisch im Cafe Monique
und reden mit Inbrunst und Eifer
Obszönes und von Politik.
Sie reden vom großen Frieden
und analysier´n jeden Krieg,
steh´n stets auf der Seite der Guten
und begießen deren Sieg.

So wetzen sie ihre Zungen
bei Klarem und Gerstensaft,
verdammen den Ehrgeiz der Jungen,
die im Leben noch nichts geschafft.
Doch fordert ihr sie zu Taten,
da fehlt es an Wollen und Schwung.
Es schützen sie ihre Wehwehchen
vor kühner Aufopferung.

So sitzen sie seit Jahren
am Stammtisch im Cafe Monique
und reden mit Inbrunst und Eifer
Obszönes und von Politik.
Wer kann ihre Namen nennen?
Es lohnt der Mühe nicht.
Am Stammtisch könnt ihr sie erkennen,
denn sie haben kein Gesicht.
+++

Gen Gen Gen

Gen, Gen, Gen
Gen, Gen, Gen

Ach gehn ´se mir weg mit den Genen
Die machen mich ganz konfus
Längst hab ich das Zeug in den Venen
Von Gen-Mais und Apfelmus
Mein Kühlschrank ist ein Chemielabor
Darin sind die Gene versteckt
Mal in der echten Salami
Mal im zuckersüßen Konfekt

Wir sind doch alle, alle Gen-besessen
Wir haben alle, alle schon davon gegessen
Weil wir mit Genen haschen ohne Strafverfahren
Drum sind wir nicht mehr die, die wir mal waren

Ich hab ein Auto-Gen
Und mag es halo-Gen
Mein Schatz ist foto-Gen
steckt voller Östro-Gen
Sie liebt es exo-Gen
Denn ich bin hetero-Gen
So sind wir ero-Gen
Und furchtbar homo-Gen
Seit wir zusammen gehen

Gen, Gen, Gen
Gen, Gen, Gen

Ach gehen ´se mir weg mit den Genen
Die machen mich ganz blümerant
Die stecken in jedem Radieschen
In Starkbier und frischem Schmand
Meinem Hund sind die Gene Schnuppe
Der pfeift auf die Pietät
Nur eines ist mir ein Rätsel,
Früher hat er um fünf nie gekräht

Wir sind doch alle, alle Gen-besessen
Wir haben alle, alle schon davon gegessen
Weil wir mit Genen haschen ohne Strafverfahren
Sind wir nicht mehr die, die wir mal waren

Ich hab ein Auto-Gen
Und mag es halo-Gen
Mein Schatz ist foto-Gen
steckt voller Östro-Gen
Sie liebt es exo-Gen
Denn ich bin hetero-Gen
So sind wir ero-Gen
Und furchtbar homo-Gen
Seit wir zusammen gehen
Ach gehn ´se mir doch weg mit den Genen
+++

Das Angebot

Gnädige Frau, ich muss gestehn,
mein Wunsch ist sicher etwas sonderbar,
doch seit ich Sie zum ersten Mal gesehn,
erscheint die Welt mir plötzlich wunderbar.

Nein, nein, es ist nicht Ihre fulminante Robe
und nicht die exquisite Haarfrisur.
Auch nicht ihr Cabrio, wie es gerade Mode,
und auch nicht die brillantgeschmückte Uhr.

Es ist auch nicht die große schmucke Villa,
die Ihr Verblichner hinterlassen hat aus Dank.
Auch nicht das Weingut dort in Dingsda
und nicht die Sümmchen auf den Konten Ihrer Bank.

Mein eigenes Vermögen? Oh, ich bitte,
ich bin ganz selbstlos unvermögend aus Passion.
Ein großes Herz und wunderschöne Träume,
so ist des Künstlers Dasein als Mission.

Wir würden beide uns recht gut ergänzen,
Ihr materielles Polster und mein Mut,
mal wieder ganz von vorne anzufangen –
halt, bleiben Sie, ich mein es doch nur gut…

So sind Sie, diese bourgeoisen Weiber,
nur Kohle, Schmuck und amouröses Spiel im Sinn.
Auf diese Weise kommt die Kunst nicht weiter,
schon wieder ist ein schöner Traum dahin.
+++

Konsequenz

Der Doktor schrieb ihn grippekrank,
da baute er die Gartenbank.
Er hat sie grün gestrichen
und ist auf ihr verblichen.
+++

Gleiches Recht

Zu Hause hing der Segen schief,
nur weil er mit ´ner anderen schlief.
Jetzt hat sie sich besonnen
und auch ´ne Frau genommen.
+++

Diplomatie

Der Bürgermeister von Staats* ist kokett
Ein Besäufnis seines Rates
Das nennt er Staatsbankett

*Gemeinde bei Stendal
+++

Osterlämmer

Osterlämmer hüpfen auf der Wiese,
ausgelassen und sehr lebensfroh,
laben sich an frischen Frühlingsgräsern
und an Butterblumen sowieso.

Osterlämmer üben sich im Reigen,
spielen Vater, Mutter, Lamm und so,
schmieden kleine Pläne für die Zukunft
kuscheln abends sich ins warme Stroh

Osterlämmer haben keine Ahnung,
denn ihr Sein ist nichts als Träumerei.
Überraschend kommt das lange Messer
und ihr kurzes Dasein ist vorbei.

Osterlämmer liegen in der Pfanne,
Kannibalen haben sie zum Fressen gern,
bitten vorher mit dem Blick zum Himmel
um die Gnade ihres auferstandnen Herrn
+++

Der alte Mime

Auf der Bühne war er ein König,
Hamlet, Othello und Lear.
Zwei Vorstellungen gab er täglich,
an Feiertagen auch vier.
Die Moral der großen Dichter
brachte er den Menschen nah.
Das Publikum war begeistert,
wenn es den Mimen sah.

Er hieß Walter Schmidt
und wohnte
drei Treppen
im Hinterhaus.
Eine alte Dame fegte
jeden zweiten Tag
bei ihm aus.

Die Jahre gingen vorüber,
das Publikum wurde alt,
dessen wundersame Verehrung
dem großen Künstler einst galt.
Seine Rollen wurden spärlich,
das Feuer war aus ihm heraus.
Die Gagen waren ärmlich,
immer früher kam er nach Haus.

Er hieß Walter Schmidt
und wohnte
drei Treppen
im Hinterhaus
Die alte Dame fegte
auch ohne Lohn
bei ihm aus.

Der Kreislauf hat seine Grenze,
der König von einst war tot.
In der Zeitung ganz klein die Annonce,
neben knalliger Werbung in Rot.
Von seinen Kollegen vergessen
fand die Beerdigung statt.
Die einst in den Logen gesessen,
übersahen des Künstlers Schachmatt.

Er hieß Walter Schmidt
und lag nun
im billigen Fichtensarg.
Und nur eine uralte Dame,
folgte ihm still
bis zum Grab.
+++

Hurra, ein Arbeits-Los

Ick hab mir´n Arbeits-Los jekoft
bei de Arbeitsagentur, Mensch, die loft!
War gar nich mal so teuer wie jedacht,
beim Boss nur mal de Schnauze uffjemacht.
Det hat uff Anhieb jeklappt,
schon hab ick det Arbeits-Los jehabt.

Bin zur Agentur gleich hin,
womöglich hab ick en Hauptjewinn.
Auf alle Fälle jibt et keene Niete
un ick muss mir nich sorjen um de Miete.
Zur Not muss ick sparsamer leben,
kauf ick den Lachs bei Aldi eben.

Un det Auto mit dem blau-weißen Zeichen
muss einem klenen Japaner weichen.
Tut ja och nich weh. Hauptsache neu
und fürn Tank en bisken weniger Heu.
Det Benzin hol ick mir in Polen
von wejen EU und wejen die Kohlen.

Die Nachbarn – Asozialhilfeempfänger,
wat immer dat ist, aber det schon länger,
gucken janz neidisch durch de Gardinen:
Der arbeitet nicht, wat mag der verdienen?
Vielleicht hat der mehr als wie wir?
Det sachen´se natürlich nicht zu dir.

Aber denken – nee, denken tunset och nicht.
Haben ja kaum Zeit für sich,
denn er jeht malern, für cash auf die Kralle.
Sie steht uffn Strich mang de Mädels alle,
verkleidet als Witwe, det schafft Pietät
und steigert den Umsatz wejen de Frivolität

So kommt janz schön wat in de Kasse,
könnse fast leb´n wie de herrschende Klasse.
Dat mit dem Arbeits-Los is so ne Sache,
seit dat die Sozis ham in ihrer Mache.
Die Lotterie wird immer knausriger,
die Gewinne werden immer lausiger.

Da hilfts, wenn man wat dagegen tut,
damit unsre Wir-AG noch stärker boomt.
So jeht die Post ab mit der Arbeits-Lotterie.
Aber nur janz heimlich, sonst klappt dat nie.
Erzähl´n och Sie nischt weiter,
sonst wird aus dem Arbeits-Los ne Hühnerleiter:
Kurz, beschissen und ziemlich teuer.

Und ick müsste wieder malochen,
en halbet Jahr für die Steuer.
Na, dat wär vielleicht en Arbeits-Los
+++

Der Umweg

Wir haben als Kinder zusammen
im Sandkasten gespielt,
das Unrecht der Erwachsnen
gemeinsam oft gefühlt.
Der Blutschwur jener Tage
war sicher Spielerei,
das Versprechen ewiger Liebe –
aus und vorbei.

Es trennten sich unsere Wege,
du hast sehr bald studiert.
Ich wurde Heizer im Kraftwerk,
hab´ das Leben probiert.
Dein Umgang war philosophisch –
Fichte, Hegel und Kant,
ich habe von all diesen Leuten
keinen gekannt.

Du hast einen Mann dir genommen,
Doktor der Psychiatrie.
Als wir uns einmal getroffen,
sagtest du zu mir Sie.
Dein Doktor rümpfte die Nase,
da meintest du galant,
ich sei ein Bekannter von früher –
einer vom Land.

Als ich gestern vom Kraftwerk nach Hause
in meine Bude kam,
warst weinend du und zitternd
mit deinem Koffer da.
Dein Doktor hat sich verändert,
zerriss das Liebesband.
So sei mir gegrüßt erste Liebe –
aus zweiter Hand.
+++

Die Grillen

Im Garten lag dereinst ´ne alte Brille
mit einem Glas nur und das war sehr stark.
Da kam des Wegs ´ne ziemlich junge Grille
die sah hindurch, erblasste und erschrak.

Wie ist das Gras so riesengroß geworden,
ein jeder Halm so dick fast wie ein Baum?
Der sonst so zirpgewandten fehlt´s an Worten,
sie will sich ihrem Grillrich anvertrau´n.

Sieh an, da kommt auch schon Herr Grille
durchs Gras gehoppelt, wie das Grillen tun.
Er nähert sich der starken alten Brille,
in ihrem Wärmestrahl sich auszuruh´n.

Da lähmt der Schreck der beiden Grillen Glieder,
entsetzt schau´n sie durchs dicke Glas sich an.
Das ist nicht meine Frau im engen Mieder!
Und das ist nicht mein kleiner zarter Mann!

Die riesenhafte Größe beider Grillen,
in der sie ihren Partner nun geseh´n,
erweckte gleichermaßen ihren Willen,
einander künftig aus dem Weg zu gehen.

Was bleibt zu sagen diesen dummen Grillen,
die falsch erkannte Größe hat entzweit?
Wählt ihr den Partner aus nach freiem Willen,
dann setzt die Brille ab und nehmt euch Zeit.

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„Wenn hinten, weit, in der Türkei…“

Etwas mehr als neun Millionen ausländische Bürgerinnen und Bürger leben in Deutschland. Neben anderthalb Millionen Türken sind es rund eine dreiviertel Million Polen, über eine halbe Million Italiener, knapp ebenso viele Rumänen sowie jeweils ein paar Hunderttausend Russen, Syrer, Serben, Bulgaren, Ungarn und Spanier und viele Tausend Angehörige anderer Völker Europas und darüber hinaus. Die Mehrheit von ihnen hat sich den Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuchen der gastgebenden Deutschen angepasst und lebt problemlos unter und mit ihnen.

In der Regel nimmt sich keine Regierung der Welt, deren Bürger in Deutschland leben, heraus, ihren Wahlkampf bis in unser Land zu tragen. Eine Ausnahme bildet der bald jenseits aller demokratischen Prinzipien allein herrschende Türkenpräsident, der seine Machtgelüste mit seinen Vasallen wie eine üble Krankheit über die Länder Europas zu verbreiten gedenkt. Dabei missachtet er schamlos das über ihn 1998 gesprochene Gerichtsurteil,   das ihm wegen Volksverhetzung zeitlebens verbietet,  Politik zu betreiben. Da er das mit den Gerichten inzwischen auf seine Weise geregelt hat, unter anderem durch die Suspendierung von 3000 Richtern und Staatsanwälten, die zudem um ihr privates Vermögen gebracht wurden, muss er eine Anklage momentan nicht fürchten.

Leider findet dieser „Patriot“ bei seinen Landsleuten, die sich in Deutschland wohler als in ihrem eigenen Land zu fühlen scheinen, viele offene Ohren, so dass sie auf das Gastrecht inmitten einer demokratischen Gesellschaft pfeifen. Sie glauben den Lügen ihres Ersatz-Propheten, dass Deutschland ein undemokratischer Staat sei, der den Terror bis in die Türkei trage. Der Gipfel der Unverfrorenheit: Deutschland praktiziere Nazi-Methoden. Begründung: Die deutsche Regierung stelle sich schützend vor einen deutsch-türkischen Journalisten, der in Wahrheit seinem Berufsethos entsprechend nichts als die Wahrheit verbreitet und gerade deshalb in der Türkei des Terrors und der Agententätigkeit angeklagt wird.

Die Ähnlichkeiten mit der DDR sind verblüffend. Wann immer Gewalt und Unrecht in der DDR von außen angeprangert wurde, ergoss sich aus Ostberlin eine Flut an Beschimpfungen, Unterstellungen, falschen Verdächtigungen und Beleidigungen gegen jene, die zum großen Teil mit besseren Argumenten die Wahrheit auf ihrer Seite hatten. Doch alles hat seine Grenzen. Letztlich glaubte das eigene Volk den Lügen ihrer Führung nicht mehr und jagte die SED zum Teufel. Ein solcher Weg ist folgerichtig und wird in der Türkei nicht anders enden. Hoffen wir, dass es glimpflicher abgeht, als Goethe schreibt: „Wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen…“.

Mit den gut neun Millionen ausländischen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland wird das wenig zu tun haben.

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