Der geheime Kali-Deal

Klaus Taubert

Bischofferode wurde zum  Fanal für die Abwicklung ostdeutscher Arbeitsplätze

Vor 25 Jahren, Im Juli 1993, traten Kali-Kumpel des Werkes „Thomas Münzer“ in Bischofferode in den Hungerstreik, der 81 Tage lang im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand. Die Bergarbeiter protestierten gegen den von der Treuhandanstalt inszenierten Kali-Deal. Mit der Mitteldeutschen Kali AG (MdK), die zu den größten Exporteuren der Welt gehört, wird die westdeutsche BASF-Tochter Kali und Salz vor dem Untergang gerettet. Mehr als zwanzigtausend Kumpel fliegen aus ihren Jobs. Ein Rückblick mit neuen, bisher unbekannten Details aus dem Fusionsvertrag.

Die Kali und Salz AG (K+S), die zu 80 Prozent der BASF gehört, ist schwer angeschlagen. Jahr für Jahr schreibt sie rote Zahlen im zweistelligen Millionenbereich. Die westdeutschen Lagerstätten sind nicht mehr ergiebig, der Abbau ist nicht mehr effizient genug, und auf dem Weltmarkt herrscht ein Überangebot an Kaliumoxid (K2O) zu Niedrigpreisen. Um weiter wirtschaftlich mithalten zu können, sind gewaltige Rationalisierungen nötig…

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Der Marshallplan und die DDR

Vor 70 Jahren, am 16. April 1948, wurde in Paris der Marshallplan unterzeichnet. Er umfasste ein Hilfsprogramm für Westeuropa im Umfang von 12,4 Mrd. Dollar (heute 131 Mrd. Dollar). Damit leistete die USA 16 westeuropäischen Ländern mit Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und anderen Waren Aufbauhilfe. Von den auf vier Jahre angelegten 14 Milliarden Dollar erhielt Westdeutschland 1,4 Mrd. (heute ein Wert von 9 Mrd. Dollar). Das „European Recovery Program“ (ERP) war erstmals vom damaligen US-Außenminister George C. Marshall in einer Rede an der Harvard-Universität 1947 verkündet worden und trägt daher seinen Namen. Ohne diese Hilfe wäre der wirtschaftliche Aufschwung in der 1949 gegründeten Bundesrepublik nicht so erfolgreich verlaufen.

Die Sowjetunion lehnte auf der Londoner Außenministerkonferenz Ende 1947 eine Beteiligung am Marshallplan ab, bezeichnete ihn als Versuch der Einmischung in die Souveränität der europäischen Staaten. Das Interesse Bulgariens, der Tschechoslowakei, Polens und Ungarns am Marshallplan hatte unter den Sowjets keine Chance. Die Gründung des  Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) im Januar 1949 war da nur ein schwacher Trost.

 Im Osten erfolgte die Hilfe in umgekehrter Richtung. Durch die UdSSR wurden in Ostdeutschland 2.000 bis 2.400 der wichtigsten und bestausgerüsteten Betriebe demontiert. Zudem 11.800 Kilometer Eisenbahnschienen in die Sowjetunion verbracht und damit das Schienennetz um die Hälfte reduziert.

Ab Juni 1946 erfolgte die Entnahme aus der laufenden Produktion. Rund 200 SAG-Betriebe in der DDR  (SAG: Sowjetische Aktiengesellschaft. Das waren Betriebe im Osten, die in das Eigentum der UdSSR übergegangen waren) produzierten von 1946 bis 1953 im Maschinenbau, in der Chemie, der Metallurgie und in anderen Betrieben  mit rund 300.000 Beschäftigten jährlich durchschnittlich fast ein Viertel des DDR-Bruttosozialprodukts. Zu diesen Unternehmen gehörten bis zu ihrer Rückgabe Ende 1953 so bekannte Betriebe wie Eisen- und Hüttenwerk Thale, Schwermaschinenbau Magdeburg, Transportanlagen Leipzig, Pressen- und Scherenbau Erfurt, Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow, Filmfabrik Wolfen und Chemische Werke Schkopau.  Auf der Grundlage von Archivmaterialien kamen Experten der Berliner Humboldt-Universität auf eine Gesamtsumme von mindestens 54 Milliarden Reichsmark bzw. Ost-Mark an Reparationsleistungen allein der SAG-Betriebe für die UdSSR.

Hinzu kamen die von der DDR getragenen anteiligen Besatzungskosten für die Sowjetarmee, die einen Anteile an den Einnahmen des Staatshaushaltes der DDR von zwölf Prozent 1949 ausmachte, das waren rund 2,2 Milliarden DM. Dieser Anteil ging bis 1958 auf unter fünf Prozent zurück. Ab 1959 wurde der DDR die jährliche Zahlung  in Höhe von 600 Millionen DM, was einem Anteil von 25 Prozent der Besatzungskosten entsprach, erlassen.

Mit all diesen Maßnahmen für die Entschädigung der UdSSR hatte die Ostzone/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekannten Reparationsleistungen erbracht. Sie betrugen 99,1 Mrd. DM – die der  damaligen Bundesrepublik Deutschland hingegen nur 2,1 Mrd. DM. Laut  Experten betrug die Reparationslast der DDR 97–98 Prozent Gesamtdeutschlands. Das ist pro Person in der DDR das 130-fache gegenüber einer Person der Bundesrepublik. 

Über einen weiterern Umstand, der der Bundesrepublik zugute kam, ihr aber nicht vorgeworfen werden kann, schrieb Walter Ulbricht am 30. Dezember 1961 in der Moskauer „Prawda“. Er bezifferte den wirtschaftlichen Schaden für die DDR durch Abwerbung durch die BRD und Massenflucht von Bürgerinnen und Bürgern der DDR bis zum Mauerbau mit rund 30 Milliarden DM. Von 1952 bis 1961 wechselten mehr als 20.000 Ingenieure und Techniker, 4.500 Ärzte und über 1.000 Hochschullehrer aus der DDR in die Bundesrepublik.

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Wohin mit Marx und Engels?

Schon die SED nahm sich viel Zeit  mit ihren Gallionsfiguren – Willkommen im Volkspark Friedrichshain… oder?

Die Berliner Landesregierung steht auf dem Schlauch. So weiß nicht so recht, wohin mit Marx und Engels. Jedenfalls was das Denkmal betrifft. Die in doppelter Lebensgröße gegossenen Bronzefiguren mussten wegen der neuen U5 (vom Rathaus zum Brandenburger Tor) ihren Platz räumen und verharren nun an der Seite auf ihr neues Domizil, um nicht ganz und gar in Vergessenheit zu geraten. Dabei gibt es keinen Grund sich schwerzutun mit einer Entscheidung, zumal die SED-Führung mehr als fünfunddreißig Jahre brauchte, um sich über ein Denkmal für die Begründern ihrer Weltanschauung klar zu werden.

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Marx-Engels-Denkmal  – in der DDR ein  unnahbares Monument, an dem man allenfalls ein paar Blumen hinterlassen konnte

Zunächst war alles ganz anders geplant. Es fing an am 17. Januar 1951. Die 4. Tagung des SED-Zentralkomitees riet dem Magistrat von Groß-Berlin (also Ostberlin), am Lustgarten ein Marx-Engels-Denkmal zu errichten. Da die Klassiker des Sozialismus, besonders Karl Marx, der Lust nie abhold gewesen waren und beide ganz in der Nähe studiert haben, kann man sich gut und gerne mit einem solchen Vorschlag anfreunden. Das Monument sollte an der westlichen Seite des Lustgartens, zwischen Schlossbrücke und Werderstraße, stehen.

Natürlich bedurfte es dazu eines Denkmal-Komitees, dem keine Geringeren als Präsident Wilhelm Pieck als Vorsitzender sowie Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Friedrich Ebert und noch ein paar andere aus der Kaderelite angehörten. Von diesem Komitee hat man später nie wieder etwas gehört. Es mag untergegangen sein unter der Unmenge von Denkmalen, die in Stadt und Land zwischen Rostock und Thüringer Wald aus dem Boden schossen und immer auch irgendwen ehrten – von Agricola über Lenin bis Zille.

Als die Euphorie um Marx und Engels halbwegs abgeklungen war, meldete sich der stellvertretende Bauminister Gerhard Kosel im September 1958 zu Wort. Er skizzierte ein Marx-Engels-Forum auf dem freigesprengten Schlossplatz, dessen Größe an Vorhaben eines größenwahnsinnigen Diktators wenige Jahre zuvor erinnerte. Kosel: „Bei der Bedeutung des Berliner Zentrums gilt es, der kapitalistischen Ausbeuterwelt des `Brückenkopfes Westberlin` die siegreichen Ideen des Sozialismus in einem groß angelegten Werk der Baukunst entgegenzustellen…“. Kern des Forums waren „das Marx-Engels-Denkmal mit der Ehrentribüne und das Marx-Engels-Haus. Hier werden in einer Ehrenhalle solche Kleinodien der internationalen Arbeiterbewegung aufbewahrt wie die Manuskripte vom ´Manifest der Kommunistischen Partei` und Erstdrucke des `Kapital`.“ Dort sollte übrigens auch die Volkskammer der DDR ihre Unterkunft finden, die fast dreißig Jahre ohne festes Domizil ihre wahre Bedeutung erfuhr.

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Mammutprojekt aus den fünfziger Jahren mit Denkmal, Tribüne für Massenaufmärsche, Ruhmeshalle, Museum, Marx-Engels-Turm

Zu den mehr als 50 Entwürfen aus sieben Ländern, die in einem Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Ostberliner Stadtzentrums bis 1959 eingereicht wurden, befand sich kein Projekt, das einen ersten Platz hätte belegen können. Der Entwurf eines Architektenkollektivs aus der Stadt Halle an der Saale schlug sogar vor, „den Dom zu entfernen, der nicht zu den Ruhmestaten vergangener Bautraditionen gehört, und an seine Stelle die Kundgebungshalle zu setzen.“

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Projekt aus den sechziger Jahren, in dem der Dom bereits durch eine Kundgebungshalle (links zwischen 3 und 4) als Bestandteil des Marx-Engels-Forums (Mitte) ersetzt wird

Nachdem auch diese gigantischen Projekte allesamt gescheitert waren, forderte der Magistrat nach einer Schamfrist im Juni 1967 zu einem Ideenwettbewerb für ein Marx-Engels-Denkmal auf dem Marx-Engels-Platz  auf. Entwürfe für die künstlerische Gestaltung seien bis 30. November einzusenden. Die Wahl der künstlerischen Mittel war den Teilnehmern des Wettbewerbes freigestellt, jedoch war eine „repräsentative und monumentale Gestaltung angestrebt“. Dafür wurden Preise bis zu 20.000 Mark ausgelobt. Die Jury war diesmal etwas kleiner, ihr gehörten Oberbürgermeister Friedrich Ebert, SED-Kultursekretär Kurt Hager und der Berliner SED-Chef Paul Verner an. Auch dieses Unternehmen verlief im märkischen Sande.

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Erster Entwurf aus Pappmasché und Gips, das der Bildhauer Ludwig Engelhardt in seinem Atelier Erich Honecker präsentierte

Weitere sechs Jahre später – die Macht an der SED-Spitze hatte sich um 13 Jahre verjüngt – empfahl des SED-Politbüro, im Zusammenhang mit dem Bau eines Palastes der Republik, eine „würdige und repräsentative Ehrung“ für Marx und Engels zu schaffen. Der Bildhauer Ludwig Engelhardt bekam den Auftrag, einen Vorschlag für das Denkmal auszuarbeiten. Zwei Jahre später stand das Konzept. Einbezogen waren die Bildhauerin Margret Middell und der Bildhauer Werner Stötzer sowie ein paar Gesellschaftswissenschaftler, die auf die politische Linie des Vorhabens zu achten hatten. 1976 betrachtete Erich Honecker im Atelier von Engelhardt den aus Pappmaschè und Gips gefertigten Entwurf einer Plastik mit Marx und Engels und gab dem Ganzen sein o.k.

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Skizze von 1983 über die Standorte der Skulpturen und Reliefs des Marx-Engels-Forums zwischen Liebknecht-Straße und Nikolaiviertel

In den Jahren 1982/83 beginnen die baulichen Arbeiten in einer Kreisfläche von 64 Meter Durchmesser an der Spandauer Straße. Um die Figuren wurden vier 4,90 Meter hohe Doppelstelen aus Edelstahl gruppiert, in die nach einem neuen Verfahren Dokumentarfotos aus der Geschichte der Arbeiterbewegung unzerstörbar eingebrannt wurden.

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SED-Chef Erich Honecker und Bildhauer Ludwig Engelhardt begutachten bei der Einweihung die in Edelstahl eingebrannten historischen Fotos

Zum Ensemble gehört Stötzers fünfteiliges Marmorrelief mit Szenen zu Unterdrückung, Unfreiheit und Not. Außerdem ein Bronzerelief von Middell, auf dem Schönheit und Würde des befreiten Menschen dargestellt sind. Die Einweihung des Marx-Engels-Forums zwischen Palast der Republik, Karl-Liebknecht-Straße und Nikolaiviertel erfolgte mit riesigem Propagandaaufwand durch SED-Chef Erich Honecker am 4. April 1986.

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In der Bundesrepublik viel fotografiertes Denkmal. Die Hände von Marx zeigen, dass es mit der Unnahbarkeit vorbei war

Nun müssen all diese künstlerisch wertvollen Details des Marx-Engels-Forums irgendwann irgendwo wieder aufgestellt werden. Mein Vorschlag ist, den Volkspark Friedrichshain dafür zu nutzen und ihm damit endlich die Bedeutung für alle (Ost)Berliner zukommen zu lassen, die der grünen Oase zukommt, wenn man die wechselvolle Geschichte von den Gräbern der Märzgefallenen bis zum Bunkerberg in Betracht zieht. Ich würde im Volkspark Friedrichshain – den wir mit unseren Kindern oft besuchten – dem alten verehrten Marx gern ein Blümchen zu Füßen legen.

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Liebhaber und Diktator – Das geheime Doppelleben Walter Ulbrichts

Ein neuer Dokumentarfilm von Sonja von Behrens

„Walter Ulbricht – sein geheimes Doppelleben“. Den Liebhaber und Diktator, der sich in Ostdeutschland und der DDR über lange Zeit als gelehriger Schüler Stalins erwies und jede Konkurrenz brutal ausschaltete, hat die Historikerin und Autorin Sonja von Behrens mit überraschend neuen Details porträtiert. Der Dokumentarfilm, an dem mitzuarbeiten ich die Freude hatte, offenbart eine bisher nicht bekannte Seite des langjährigen SED-Chefs. Der Film lief erstmals am 4. März 2018 in der ZDF-Reihe „History“.

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Rosa Michel im Kreis von Freunden / Aus ihren unveröffentlichten Memoiren

Das Mitglied der französischen KP Rosa Michel (1901-1990) war Mitarbeiterin des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und von 1925 an intim mit Ulbricht befreundet.  Beide hatten ihr Verhältnis während der Emigration Ulbrichts in Paris begonnen und später im berüchtigten Moskauer Emigranten-Hotel „Lux“ fortgesetzt. Mitte der dreißiger Jahre, nachdem Rosa Michel 1931 die gemeinsame Tochter Mimi geboren hatte, beendete der KPD-Funktionär die Beziehung, hielt aber bis zu seinem Tod Kontakt zu ihr. Rosa Michel war bis 1969 Korrespondentin der „Humanité“ in Ostberlin und danach Korrespondentin des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) in Paris. Ulbrichts Verhältnis und seine Vaterschaft blieben für die Öffentlichkeit ein Geheimnis.

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Alain Picard, Enkel von Rosa Michel und Walter Ulbricht

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Gestelltes Foto von Lotte und Walter Ulbricht mit Adoptivtochter Beate

Erstmals schildert der 1952 geborene und bisher unbekannte Enkel Ulbrichts, Alain Picard, was seine Großmutter Rosa Michel in ihren unveröffentlichten Memoiren über ihre Liebe zum deutschen Kommunistenführer schrieb, wie sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verbrachte und über die bittere Trennung fast zerbrach. Alain Picard selbst hat erst mit 18 Jahren  erfahren, wer sein Großvater ist, seine Mutter aber verhinderte, dass er ihn je traf. Für den Enkel war die Berliner Mauer, mit der Ulbricht ein ganzes Volk einsperrte, Grund genug, auf eine Nähe zu ihm zu verzichten.
Neue Geliebte Ulbrichts seit Mitte der dreißiger Jahre war die ebenfalls im Hotel „Lux“ lebende Komintern-Mitarbeiterin Lotte Kühn (1903-2002), deren Lebenspartner Erich Wendt als Stalin-Opfer in einem der Gulags überlebte, in denen mehr führende deutsche Kommunisten umgebracht wurden als in den Konzentrationslagern der Nazis.

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Einer der letzten Besuche Ulbricht in der sowjetischen Botschaft mit Botschafter Abrassimow. Im Hintergrund rechts der Autor dieses Beitrages

Tatsächlich war der Tischler Ulbricht seit 1920 mit seiner Jugendliebe, der Leipziger Näherin Martha Schmellinsky (1892-1976) bis 1950 verheiratet. Aus der Beziehung ging 1920 die Tochter Dora hervor, die später ohne Verbindung zu Ulbricht mit ihrer Familie in der Bundesrepublik lebte. Von den zwei Seiten Ulbrichts berichtet in der Dokumentation auch Ulbrichts Adoptivtochter Beate Matteoli, die vor ihrer rätselhaften Ermordung im Dezember 1991 einer Journalistin ein bewegendes Tonband-Interview gab, aus dem der Film Ausschnitte übernommen hat. Darin akzeptiert Beate Ulbricht als ihren Vater, schildert die Mutter aber als lieblos,  kalt und herrschsüchtig.
Die Dokumentation über Ulbricht, den ich mehrere Jahre als Reporter begleitete, zeigt dessen Karriere und das Privatleben aus neuer Sicht. Der DDR-Diktator war auch Geliebter, Ehemann und Vater. Und er war durchaus lernfähig, was die Entwicklung in der DDR betraf. Die Abwendung vom alten System der starren zentralistischen Planung nach sowjetischem Vorbild und die Hinwendung zu Methoden der Marktwirtschaft führten zu einem Bruch mit der Politik des Kreml-Chefs Leonid Breschnew und schließlich 1971 zum Sturz durch die sowjethörigen Apparatschicks um Erich Honecker.

Der Umgang seiner Genossen und Zöglinge mit Ulbricht, der bis zu seinem Tod Staatsratsvorsitzender blieb, war nach meinen eigenen Erlebnissen ungebührlich, kränkend und bar jeder Verehrung. In seiner lieblosen 133 Zeilen langen Trauerrede, die Honecker sich nicht nehmen ließ, kein einziges Wort zu der bereits weitgediehenen Reformpolitik der Wirtschaft in den Sechzigerjahren, mit der eine Wende hätte vollzogen werden können, in deren Folge auch politische Veränderungen möglich gewesen wären.

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Hinterhältig verleumdet – SED-Hetzkampagne gegen junge Christen

Vor 65 Jahren, am 27. Januar 1953, beschloss das SED-Politbüro mit drakonischen Maßnahmen gegen die christliche Jugend in der DDR eine der größten Hetz- und Verleumdungskampagnen gegen die eigenen Bürger. An diese hinterhältige Aktion können sich heute vielleicht nur noch Frauen und Männer erinnern, die sich zu jener Zeit der kirchlichen Arbeit gewidmet haben.

Protokoll

Der Grund für diese Hetzjagd bestand darin, dass sich Tausende Jugendliche der Mitgliedschaft in der FDJ verweigerten. Sie waren Kirchenmitglieder, die unorganisiert als Junge Gemeinde gemäß ihrer Konfession aktiv waren. Die Verleumdung ging so weit, dass sie laut Politbüro-Beschluss Nr. 5/53 „in der Öffentlichkeit als Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“ entlarvt werden sollten. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte in mehreren Städten (außer Berlin!) jeweils drei bis vier öffentliche Prozesse durchzuführen, „in denen klar die kriegshetzerische und Agenten- und Sabotagetätigkeit von Mitgliedern und Funktionären der Jungen Gemeinde“ nachgewiesen wird. Die Presse wurde angewiesen, Material über „die staatsfeindliche Tätigkeit der Jungen Gemeinde“ zu veröffentlichen. Stasi- und Innenministerium stellten Material zur Verfügung.

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Erich Honecker, bis 1955 Vorsitzender der FDJ

Die Hetze unter maßgeblicher Federführung des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker ging soweit, dass in den Medien Namen von missliebigen Kirchenvertretern in den Schmutz gezogen wurden. Dazu drei Beispiele aus dem „Neuen Deutschland“:

„Ein typischer Rädelsführer dieser Art in der sogenannten ‚Jungen Gemeinde‘ ist der als ‚Studentenpfarrer‘ getarnte Agent Hamel. Seit der Zeit der Volkswahlen hetzte er systematisch gegen die demokratische Ordnung in der Deutschen Demokratischen Republik.”

Was nicht erwähnt wurde, Johannes Hamel war ein radikaler Gegner des Nationalsozialismus und fand daher keine Anstellung. Weil er jüdischen Gemeindegliedern half, wurde er 1941 zur Arbeit in den Leunawerken zwangsverpflichtet und später in die Wehrmacht eingezogen. 1946 wurde Hamel Studentenpfarrer an der Universität zu Halle. Als die SED-Führung ihren Kampf gegen die kirchliche Jugendarbeit forcierte, wurde er wegen Boykotthetze festgenommen. Nach heftigen Protesten gegen die Inhaftierung wies Erich Mielke kurz nach dem 17. Juni 1953 die Freilassung an. 1955 bis 1976 war Hamel Dozent und zeitweise Rektor des Katechetisches Oberseminar in Naumburg.

Ein weiteres Beispiel aus dem „ND“: „Im Burkhardt-Haus in Berlin-Dahlem, nahe dem amerikanischen Hauptquartier, werden Leute für ihre verbrecherische Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik ausgebildet. Einer der Leiter der ‚Jungen Gemeinde‘, Johannes Althausen, organisierte unter dem Deckmantel der religiösen Betätigung systematisch Spionage in der Deutschen Demokratischen Republik.“

Johannes Curt Theodor Althausen hatte Evangelische Theologie studiert. Während des Studiums in Halle geriet er 1952 in die Auseinandersetzungen zwischen derDDR-Regierung und den Jugendkreisen der evangelischen Kirchen, in denen er ehrenamtlich mitarbeitete. Er wurde zusammen mit anderen verhaftet und sollte wegen staatsfeindlicher Betätigung angeklagt werden. Nach der Korrektur dieser kirchenfeindlichen Attacken im Juni 1953 wurden die Ermittlungen eingestellt und keine Anklage erhoben. Von 1983 bis 1993 war er Leiter der evangelischen Ausbildungsstätte Paulinum in Berlin.  

Ein drittes Beispiel der Verunglimpfung eines ehrbaren Christen: „Unter dem Vorwand, ‚Pfarrer‘ der Berliner St. Marienkirche im demokratischen Sektor Berlin zu sein, scharte der Agent Reinhold George aus Westberlin junge Menschen christlichen Glaubens um sich und missbrauchte sie schändlich So missbraucht die religiös getarnte ‚Junge Gemeinde‘ den christlichen Glauben von Jugendlichen, um sie gegen die Deutsche Demokratische Republik und die Sowjetunion aufzuhetzen und auf diese Weise die schmutzige Sache Adenauers, die schmutzige Sache des Generalkriegsvertrages in unserer Republik zu besorgen und zu Verbrechen anzustiften.“

Tausende Mitglieder und Funktionäre der Jungen Gemeinde flogen von den Oberschulen und wurden an Universitäten und Hochschulen nicht zugelassen. Der Religionsunterricht in den neuen 10-Klassen-Schulen wurde abgeschafft. Zur Durchsetzung des Politbüro-Beschlusses wurden in allen Kreisen und Bezirken Kommissionen mit Beteiligung von FDJ und Stasi gebildet. Tausende DDR-Bürger flohen vor dieser Verfolgung und Verleumdung in den Westen.

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CDU-Generalsekretär Gerald Götting (r.)

Ausgerechnet der CDU-Generalsekretär Gerald Götting, der 1946 der FDJ beitrat und bald schon dem Zentralrat des Jugendverbandes angehörte, sprach auf einer Hauptvorstandssitzung der CDU davon, dass die Agenten Adenauers auch in der DDR versuchen, christliche junge Menschen zu missbrauchen. Wörtlich: „Reaktionäre Kirchenführer, insbesondere evangelische, verhetzen die Jugendlichen, bilden die ‚Jungen Gemeinden‘ zu Widerstandszentren gegen die neue demokratische Ordnung, diskreditieren den Friedenskampf unseres Volkes und verhindern, dass die jungen christlichen Menschen, wie die übrige Jugend, in das Lager des Friedens und des Fortschritts finden.“  

Die Hetzjagd dauerte knapp fünf Monate. Am 2.-4. Juni 1953 holten sich die SED-Führung mit Ulbricht und Grotewohl in Moskau bei dem kurzzeitigen Stalin-Nachfolger Malenkow eine schallende Ohrfeige ab. In einer streng geheimen, wirklichkeitsgetreuen Analyse kommt der Kreml zur Auffassung, „die Propaganda über die Notwendigkeit des Übergangs der DDR zum Sozialismus ist als unrichtig zu betrachten“. Die Einschränkung der Privatinitiative, u.a. durch Entzug der Lebensmittelkarten für Privatunternehmer und Freischaffende, ist falsch. Die übereilte Schaffung von LPG hat zu ernsthaften Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung geführt, allein 500.000 Hektar Land lägen u.a. durch die Flucht der Bauern in die BRD brach. Die KPdSU fordert von der SED den Fünfjahrplan zu revidieren und vorrangig die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, zwangsweise geschaffene LPG aufzulösen, alle anderen zu überprüfen. Gesetzlichkeit und Gewährung der Bürgerrechte seien zu gewährleisten und die Repressalien gegen Bürger zu überprüfen. Die Einmischung der Behörden in kirchliche Angelegenheiten sind einzustellen wie ebenso die Verfolgung der Jungen Gemeinde.

Alle von Moskau geforderten Maßnahmen wurden durch die SED nicht publik gemacht und nur zu einem geringen Teil verwirklicht. Aber die Hetzjagd gegen die Junge Gemeinde in der geschilderten Grausamkeit wurde – nicht zuletzt wegen der Massenflucht ganzer Familien in die Bundesrepublik – am 11. Juni 1953 eingestellt. Zwischenzeitlich inhaftierte Jugend- und Studentenpfarrer wurden entlassen und eingezogene Gebäude zurückgegeben. Schüler, die von der Oberschule verwiesen worden waren, wurden wieder aufgenommen und zum Abitur zugelassen. Ein Erfolg der Nach-Stalin-Ära, der von der SED-Führung nur widerwillig akzeptiert wurde.

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Der Trick mit der falschen Fibel – Verleger täuscht Kunden

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Im Werbeangebot ist angebliche die Fibel, nach der  die Kinder in der DDR das Lesen in der Schule gelernt haben. „Beliebt und begehrt wie früher“ heißt es völlig zu Unrecht, denn keines der DDR-Kinder  hat bis 1990 diese Fibel gekannt. Es wäre auch zu schön gewesen, wie die Bilder zeigen:

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Tatsächlich gab es bis 1990, als das SED-Regime bereits untergegangen war und die DDR unmittelbar vor dem Beitritt zur Bundesrepublik stand, über Jahrzehnte eine andere Fibel. Nicht „Meine“, sondern ganz kollektivistisch „Unsere Fibel“. Der sozialistische Kollektivgeist wurde auch gleich auf der Innenseite belegt mit einem Fahnenappell mit Halstüchern und gehisster Fahne vor dem Schulunterricht. Sowie auch mit anderen Themen, die den Kindern seit 1974 bis 1990 mit dieser Fibel den sozialistischen Alltag nahebrachten. Ein paar Beispiele:

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Letztere Fibel, die 1989 schon 15 Jahre alt war, als Reprint-Ausgabe neu aufzulegen, würde der falschen Werbung gerecht, aber 9.99 Euro würde wohl kein Mensch dafür ausgeben. Da muss man schon tricksen und so tun, als hätten Millionen von ostdeutschen Erstklässlern mit einer Fibel, die der Untergang der DDR erst möglich gemacht hat und die in den Neunzigerjahren für viele ostdeutsche Schulanfänger galt, das Lesen gelernt. „Warum also die Tradition brechen?“, fragt die Werbung. Und bleibt die Antwort schuldig. Hauptsache der verarschte Kunde bezahlt.

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Der Angstverkäufer

(Vertont von den PUHDYS für die LP/CD „Das Buch“)

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Die LP „Das Buch“,  1984  in der DDR und in der BRD mit „Der Angstverkäufer“ erschienen

Es war eine Stadt im Tal der Neumanen.
Die Stadt war bekannt unter vielen Namen,
Port Wohlstand, Bad Reichtum, Hoffnungstal.
Die Stadt lag in Frieden, ihr Ruf war geachtet,
die Händler kamen in Scharen
Auch der mit den Sternen und Streifen am Hut
kam in die Stadt gefahren.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

In den Gärten der Stadt sproß Zufriedenheit.
Die Stammtische waren mit Lorbeer drapiert.
Die Bäder gekachelt, die Zäune lackiert.
Der Überfluß lähmte die Aufmerksamkeit,
es gähnte die Langeweile.
Der Mann mit der Angst bot zum Sonderpreis
Geschäfte zum Vorzug bei Eile.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Er versprach Feuersbrunst, Erdbeben und Sintflut
als Zugabe Streik durch die Müllabfuhr
fürs schlaffe Gemüt die passende Kur
Doch sie lachten ihn aus denn sie waren gefeit
durch hohe Versicherungspolicen.
Gegen Hunger und Not, gegen Elend und Tod
hielten sie dem Händler entgegen
.
Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Was er dann empfahl, war die Krone des Handels.
Und die Kunden die bissen auch an.
Das Geschäft hieß der Krieg, der Feldherr total.
Die Stadt hielt die Sache für durchaus normal.
Im Nu war die Stadt im Tal der Neumanen
gestrichen aus Atlas und Lexikon.
Der alles gewann, zog weiter geschwind
denn es gab noch sehr viel zu tun.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!
+++

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