1918

Vom Kaiserreich

zur Republik

Ein Konzert in der Volksbühne am damaligen Bülowplatz leitete das Jahr 1918 ein. Das Philharmonischen Orchester und der Berliner Volkschor unter Dirigent Siegmund von Hausegger boten Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie. Zu den Solisten gehörten Elisabeth Schumann (später von den Nazis mit Berufsverbot belegt und in die USA ausgewandert) und Ottilie Metzger-Lattermann (eine Gesangspartnerin Enrico Carusos, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde).
Im Publikum mögen manche Erinnerung zurückgegangen sein. Frenetisch hatte man noch vor vier Jahren in das „Hurra“ eingestimmt, in den zügellosen Völkerhass und die feste Entschlossenheit, sich der „angelsächsischen Vettern“ und des „französischen Erbfeindes“ zu erwehren.
Der Größenwahn Deutschlands und seines Kaisers Wilhelm II., von Historikern als größte Fehlbesetzung bezeichnet, führte in den Untergang des 1871 gegründeten zweiten Deutschen Reiches. Seine militärische Stärke hatte erkennbare Blessuren erhalten, doch dem obersten Kriegsherrn und seinen Generälen schien das Reich unüberwindlich.


1914 Jubel auf den Straßen über den Beginn des Großen Krieges. Wie viele dieser Kinder mögen ihren Vater verloren und den Krieg sowie den Hunger nicht überlebt haben?

Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich führten als so genannte Mittelmächte einen Krieg gegen 30 Länder mit einem 18mal größeren Territorium als Deutschland und mit 1,3 Milliarden Menschen. Am Beginn des fünften Kriegsjahres hatte die Zahl der Toten des Weltkrieges bereits die aller rund siebzig Kriege seit der Französischen Revolution von 1789 zusammen übertroffen

Preußen bis zum Kaukasus

Deutschlands „Platz an der Sonne“ – von Reichskanzler Bernhard von Bülow in einer Rede zur deutschen Kolonialpolitik gefordert – hieß Eroberung Frankreichs, Belgiens, Polens, der baltischen Länder, der Ukraine, des Kaukasus, des Nahen Ostens bis zum Persischen Golf sowie Indiens und großer Teile Afrikas – ein Deutsches Reich vom Ärmelkanal bis St. Petersburg.

Postkarte, Oktober 1914. Handschriftlich auf der Rückseite: „So viel Feinde hatten wir 1870 freilich nicht, aber Dresche kriegen sie alle.“

Der Wissenschaftler Ernst Jäckh schrieb über eine Unterredung mit Krupp-Direktor Alfred Hugenberg im Berliner Hotel Adlon: „Nach Tisch holte Hugenberg einen Atlas heran, schlug die Karte auf, die das Schwarze Meer zeigt, legte den Finger auf das Kaukasusgebiet und rechnete vor, was dort alles an Erzen und Kohlen usw. vorhanden sei…


Die Deutschen waren da. Kriegsschauplätze in Russland (links), und Frankreich

Auf meine Frage, wieso gerade jetzt dieses von besonderem Interesse sei, kam die Antwort: der Krieg dürfe nicht zu Ende gehen, ohne dass diese Naturschätze des Kaukasus für die deutsche Industrie gesichert werden – dadurch, dass der Kaukasus eine preußische Provinz werde! Ebenso die Ukraine – als Kornkammer!“

August Thyssen formulierte in einer Kriegszieldenkschrift vom September 1914: „Was zunächst das westliche Gebiet anbelangt, so bin ich der Meinung, dass Belgien, die Departements du Nord und Pas de Calais mit den Häfen Dünkirchen und Boulogne das Departement Meurthe und Moselle mit dem französischen Festungsgürtel und der Maas als Grenze bis zur Höhe von Givet und im Süden die Departements Vosges und Haut-Saone mit der Festung Beifort dem deutschen Reiche als Reichsland einverleibt werden müssen. Russland muss man die Ostseeprovinzen, vielleicht Teile von Polen und das Don-Gebiet mit Odessa, die Krim sowie asowsche Gebiet mit dem Kaukasus abtreten, um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu erreichen.“

Die Unternehmerorganisation „Deutscher Handelstag“ erwartete mit der „Eingliederung der baltischen Provinzen“ einen „besonderen Machtzuwachs“. In einem Schreiben heißt es: „Wenn es gelänge, diese Gebietsteile Deutschland einzuverleiben, so würde dadurch ein land- und forstwirtschaftlich reich ausgestattetes Gebiet von mehr als einem Viertel des heutigen Reichsgebietes gewonnen.“

Bernhard von Bülow hielt fest: „Der württembergische Herzog von Urach wollte König von Litauen werden … Der Prinz Friedrich Karl von Hessen, ein Schwager des Kaisers, bewarb sich um die Krone von Finnland. Kaiser Wilhelm, dem man von prächtigen Auerochsen in den Wäldern von Kurland gesprochen hatte, wünschte für sich selbst als Hausgut und Jagdgrund das Herzogtum Kurland. Der Kaiser zeichnete recht hübsch und hatte schon das Wappen entworfen, das er als Herrscher von Kurland führen wollte.“

Der „Frieden“ aus dem Offizierskasino

In Russland hatte im Herbst 1917 die Bolschewiki mit einem später als Oktoberrevolution aufgebauschten Putsch die Macht an sich gerissen. Eigens dafür hatte der deutsche Generalstab Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, aus dem Schweizer Exil mit einem Koffer voller Geld per Eisenbahn nach Russland befördert, um von seiner linksradikalen Innenpolitik zu profitieren. Die Militärs hofften, innere russische Unruhen nach der Abdankung des Zaren im Frühjahr 1917 würde das Militär weiter schwächen. Dadurch könnten die deutschen Kriegsziele leichter verwirklicht werden.

Lenin, der die liberalen Sozialrevolutionäre und die sozialdemokratische Menschewiki aus dem Parlament drängte, in dem sie nach dem Sturz des Zaren die Mehrheit hatten, stand an der Spitze eines totalitären Regimes der Bolschewiki. Diese Machte versuchte er als Regierungschef zu retten, indem er alle kriegführenden Völker und deren Regierungen aufforderte, „sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden zu beginnen…“

Waffenstillstandsverhandlungen in Brest-Litowsk. Prinz Leopold von Bayern unterschreibt, ihm gegenüber der russische Verhandlungsführer Adolf Joffe

Als England, Frankreich, Italien und die USA als Verbündete Russlands dieses so genannte Dekret über den Frieden ignorierten, witterte Deutschland fette Beute im Osten und die Möglichkeit, die dortigen Armeen der Westfront zuführen zu können, wo alle deutschen Offensiven scheiterten.

Die Friedensverhandlungen im weißrussischen Brest-Litowsk fanden in einem flachen Holzhaus, dem Offizierskasino, statt. Die westlichen Alliierten blieben den Verhandlungen fern, so dass die sowjetrussische Delegation allein den Mittelmächten gegenüber saß. Auf der Grundlage des am 15. Dezember vereinbarten Waffenstillstandsvertrages eröffnete der Befehlshaber der Ostfront, Prinz Leopold von Bayern, am 22. Dezember die erste Sitzung, um gleich darauf das Kasino zu verlassen.

Tagungsort in Brest-Litowsk: Ein Offizierskasino

Die Leitung übernahm der deutsche Außenminister Richard von Kühlmann. Tonangebend aber war der Stabschef der Ostfront, Generalmajor Max Hoffmann. In einem Zeitungsbericht – rund 400 Pressevertreter waren angereist – hieß es: „Die erste Kältewelle lief durch den Saal, als die Sowjetdelegation verlangte, die Sitzungen sollten öffentlich sein…“

Vertreter der Mittelmächten in Brest Litowsk (v.l.): der deutsche Generalmajor Hoffmann, der österreichische Außenminister Graf Czernin, der türkische Innenminister Pascha und der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen von Kühlmann

Tagelang stritten die Vertreter der Mittelmächte untereinander, wer sich welche Territorien einverleiben wolle. Die sowjetrussische Delegation drohte angesichts der Gebietsforderungen die Konferenz zu verlassen. Die Mittelmächte versicherten daraufhin, auf die Besetzung russischer Territorien zu verzichten. Danach vertagte man sich bis in das neue Jahr.

Ein Fazit zog der Wiener Außenminister Graf Ottokar Czernin am 27. Dezember in seinem Tagebuch: „Zunehmende Verschlechterung der Lage. Wütende Telegramme von Hindenburg über ´Verzicht´ auf alles, Ludendorff telephoniert alle Stunden; neue Wutanfälle. Hoffmann sehr gereizt.“

Die Spaltung der Linken

Was aus Brest-Litowsk wird, das bewegte mehr Menschen, als die deutsche Generalität ahnte. Die Spartakusgruppe – eine aus linken Sozialdemokraten entstandene Gruppierung, die sich der 1917 neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) anschloss – brachte es Anfang Januar mit einem Flugblatt auf den Punkt: „Der allgemeine Friede lässt sich ohne Umsturz der herrschenden Macht in Deutschland nicht erreichen.“ Nur im offenen Massenkampfe um die politische Macht lasse sich das erneute Auflodern des Völkermordes verhindern. Doch die Kraft, die einen solchen Massenkampf zu führen vermochte, gab es noch nicht.

Die USPD unter Hugo Haase, der bis zur Spaltung einer der Vorsitzenden der SPD war, stand auf dem Boden des sozialdemokratischen Friedenskongresses von 1912 in Basel. Dort hatten Redner aus 23 Ländern vor einem drohenden imperialistischen Raubkrieg gewarnt. Doch sie vertraten die Hoffnung, dass es dem internationalen Proletariat, allen voran der deutsche Sozialdemokratie, gelingen werde, den Kriegsausbruch zu verhindern.

Doch die einst von aller Welt bewunderte und von den konservativen Kräften gefürchtete SPD hatte diesen Weg verlassen. Am 4. August 1914 waren die führenden Sozialdemokraten im Berliner Schloss zugegen, als der Kaiser in einer Thronrede sagte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“

Feierlich gelobten die Führer der SPD dem Kaiser gegenüber den „Burgfrieden“. Im Mittelalter hieß das, in einer umfriedeten Burg (oder Stadt) dürfen keine Streitigkeiten ausgetragen werden. Es war die Abkehr der vier Jahrzehnte alten Arbeiterpartei vom Klassenkampf. Das fand mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten seinen beredten Ausdruck.

Keine Garantie für deutsche Revolution

Am 9. Januar 1918 wurden die Verhandlungen in Brest-Litowsk fortgesetzt. Die sowjetrussische Delegation leitete von nun an Leo Trotzki, Volkskommissar für Internationale Angelegenheiten. Vom Zentralkomitee der Bolschewiki hatte er den Auftrag, unter allen Umständen einen Frieden zu schließen, um das Überleben der bolschewistischen Herrschaft zu sichern.

Hingegen versuchte Trotzki Zeit zu gewinnen, weil er mit dem Ausbruch der Revolution in Deutschland rechnete. Der deutsche Generalstabschef Erich Ludendorff seinerseits bestand auf Beschleunigung der Verhandlungen, da er ein „weiteres Sinken unserer geistigen Kriegsfähigkeit“ befürchtete.

Der Schwäche seines Systems bewusst, schrieb Lenin am 7. Januar 1918: „Es besteht kein Zweifel, dass unsere Armee im gegenwärtigen Augenblick und in den nächsten Wochen (wahrscheinlich auch in den nächsten Monaten) absolut nicht imstande sein wird, eine deutsche Offensive erfolgreich abzuwehren.“

Kaiser Wilhelm II. mit seinen obersten Militärs Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (l.) und Generalstabschef Erich Ludendorff (r.)

Er gab zu bedenken: „Wenn die deutschen linken Sozialdemokraten uns vorschlagen wollten, den Separatfrieden auf eine bestimmte Frist hinauszuzögern und uns eine revolutionäre Aktion in Deutschland zu dieser Frist garantierten, dann könnte die Frage anders gestellt werden.“ Doch diese Garantien konnte niemand geben.

In einem Brief an Kaiser Wilhelm II. beschwerte sich Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg über die Vorgänge in Brest-Litowsk. Er bemängelte die Erklärung, auf russische Territorien zu verzichten.

Als die sowjetrussische Delegation erneut verlangte, Deutschland und Österreich-Ungarn mögen ihren Verzicht auf Gebiete des früheren russischen Reiches erklären, schien General Hoffmann auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Rüde entgegnete er: „Die russische Delegation spricht mit uns, als ob Sie siegreich in unserem Lande ständen. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Tatsachen umgekehrt sind – das siegreiche deutsche Heer steht in Ihrem Gebiet.“ Schroff lehnte er eine Räumung der russischen Westprovinzen ab.

März 1918: Deutsche Besatzungstruppen in Kiew

Kaiser Wilhelm II. erklärte dazu: „Hoffmann hat sehr richtig und brillant geantwortet. So ist es, und nach meinen Befehlen wird es so bleiben. Die Bolschewisten haben sich damit abzufinden.“

Größter Massenstreik in Deutschland

Arbeiter der Wiener Neustadt traten im Januar 1918 aus Protest gegen die Verhandlungsführung in Brest-Litowsk in den Streik. Innerhalb weniger Tage schlossen sich Hunderttausende in Wien, Prag, Brünn, Budapest und anderen Städten an. In Wien konstituierte sich ein Arbeiterrat.

Massenaktionen für Frieden gab es auch in England, Frankreich und in anderen am Krieg beteiligten Ländern. In Deutschland drängte die USPD mit ihren inzwischen mehr als 100.000 Mitgliedern zum Handeln: „Die deutschen Arbeiter sind jetzt berufen, die Botschaft der Revolution vom Osten nach dem Westen zu tragen. Hier hilft kein Mundspitzen, hier muss gepfiffen werden.“

Ende Januar hieß es auf deutschen Flugblättern: „Auf zum Massenstreik! – Soeben hat das österreichisch-ungarische Proletariat ein mächtiges Wort gesprochen. In schlotternder Angst vor der drohenden Revolution war die Zentralregierung gezwungen, den Wiener Arbeiterrat anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln. Die Entscheidung der Friedensfrage liegt beim deutschen Proletariat!“

Am 28. Januar, einem Montag, begann schließlich in Deutschland der bis dahin größte Massenstreik während des Weltkrieges. Mehr als eine halbe Million Männer, Frauen und Jugendliche aus Berlin und vielen Vororten legten die Arbeit nieder und versammelten sich auf Straßen und Plätzen. Auch in Halle, Leipzig, Magdeburg, Düsseldorf, Hamburg, Kiel und anderen Orten verließen Tausende ihre Betriebe, um sich an den Streiks zu beteiligen.

Im Gewerkschaftshaus am Berliner Engelufer bildeten 414 Vertrauensleute den Groß-Berliner Arbeiterrat. Seine wichtigsten Forderungen: Schleunige Herbeiführung des Friedens nach den russischen Forderungen in Brest-Litowsk, ausgiebige und gerechte Versorgung mit Nahrungsmitteln, Aufhebung des Belagerungszustandes, Freiheit für alle politischen Gefangenen…

Aus Angst, ihren schwindenden Einfluss bei den Massen zu Gunsten der USPD weiter einzubüßen, ließen sich die beiden SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann in die Leitung des Arbeiterrates wählen. Über die wahren Gründe gaben sie später vor Gericht Auskunft.

Säbelattacken gegen Streikende

Mitte der Woche standen in Deutschland über eine Million Beschäftigte im Ausstand. Kriegswichtige Betriebe – Werften, Gruben, Rüstungsfabriken – in Berlin wie auch an Rhein und Ruhr, in Sachsen und Mitteldeutschland standen still. Die Berliner Polizei wurde um 5000 Unteroffiziere aus dem Feldheer verstärkt. Mit Säbel und Karabiner gingen sie gegen Streikende vor.

Über die Reichshauptstadt Berlin wurde der verschärfte Belagerungszustand verhängt, der Arbeiterrat verboten und das Gewerkschaftshaus besetzt. Kriegswichtige Betriebe wurden unter militärische Leitung gestellt. Am Kleinen Tiergarten ritt die Polizei Säbelattacken, Blut floss auch am Alexanderplatz, in Charlottenburg, am Treptower Park und an anderen Orten. Das 100. Polizeirevier legte ein „Verzeichnis derjenigen Personen an, welche gelegentlich der Tumulte am 31. 1. 1918 im Kleinen Tiergarten verletzt sind“. In den langen Reihen heißt es beispielsweise:

„Wuschke, Robert, Arbeiter… kleinen Finger der rechten Hand durch Säbelhieb verloren / Berndt, Bernhard, Maler… Säbelhieb auf den Kopf / Hausbalk, Therese, geb. Kutzner, Arbeiterin… Schuss durch rechten Unterarm / Pommerenke, Ernst, Arbeiter… Säbelhieb linke Schulter und Hinterkopf / Reich, Emil, Einrichter… Oberschenkelschuss“

Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Freiherr Hilmar von dem Bussche forderte das Oberkommando der Ostfront auf: „Bitte täglich Gräuelnachrichten, Morde, politische Freiheitsberaubungen usw. hierher telegraphieren, damit wir Material haben, um unsere Presse mit abschreckenden Bildern aus Russland zu erfüllen. Zweck, Gegenwirkung in öffentlicher Meinung gegen den gegenwärtig hier herrschenden Streik.“

Die „geregelten Bahnen“ der SPD

Ganz in diesem Sinne druckte ausgerechnet der sozialdemokratische „Vorwärts“ am 7. Februar den Brief der Rittergutsbesitzerin Marie-Luise von Oppen aus dem märkischen Tornow. Darin heißt es: „Ich habe voriges Jahr eine Kolonie eingerichtet. Eine größere Schar Berliner Kinder haben sich satt gegessen, ich habe ihnen Liebe geschenkt und nun – soll ich dieses Jahr wieder Kinder von Leuten nehmen, die vielleicht zu den Vaterlandsverrätern gehören, die dafür sorgen und ihr Möglichstes dazu tun, dass unsere Männer und Söhne an der Front durch das sinnlose, feige Versagen ihrer Brüder daheim hingeopfert werden?“

Die Militärs verfügten landesweit: „Feststellen in den Fabriken, wer als Hetzer bekannt ist, damit die betreffenden gleich verhaftet oder eingezogen werden können. Wichtig ist es, dass sofort die Führer verhaftet werden.“

Außerordentliche Kriegsgerichte verurteilten Hunderte von Vertrauensleuten der Arbeiter zu hohen Freiheitsstrafen, 40.000 bis 50.000 Streikteilnehmer wurden mit verschärftem Fronteinsatz bestraft. Etwa jeder zehnte von ihnen folgte den Gestellungsbefehlen nicht und tauchte unter.

Am 4. Februar ging die Masse der Streikteilnehmer wieder an die Arbeit. Anteil daran, dass die Aktionen niedergeschlagen werden konnten, hatte die SPD-Führung. Ebert erklärte später vor Gericht: „Ich bin mit der bestimmten Absicht in die Streikleitung eingetreten, den Streik zum schnellsten Abschluss zu bringen und eine Schädigung des Landes zu verhüten.“ Scheidemann gab zu Protokoll: „Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären, dann wäre der Krieg und alles andere meiner festen Überzeugung nach schon im Januar erledigt gewesen. … Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt.“

In diesen „geregelten Bahnen“ verloren noch Tausende ihr Leben, im Durchschnitt 77.000 jede Woche. Viele deutsche Opfer trugen einen codierten Vermerk in den Papieren, der auf ihre Streikteilnahme deutete.

Kaiser will Bolschewiki „totschlagen“

Am 10. Februar wurde Trotzki in Brest-Litowsk ein Vertragsentwurf vorgelegt, der unter anderem vorsah, dass 150.000 Quadratkilometer russischen Gebietes an die Mittelmächte fallen sollten. Trotzki verweigerte seine Unterschrift, erklärte den Kriegszustand Sowjetrusslands für beendet und die alte Armee für aufgelöst. Noch immer glaubte er an die unmittelbar bevorstehende Revolution in Deutschland.

Lenin sah die Situation realistischer: „Deutschland geht mit der Revolution schwanger, wir dagegen haben ein ganz gesundes Kind zur Welt gebracht – die sozialistische Republik, die wir möglicherweise ums Leben bringen werden, wenn wir den Krieg beginnen…“

Die Quittung für Trotzkis Eigenmächtigkeit folgte auf dem Fuß. Als am 13. Februar in Bad Homburg der Deutsche Kronrat das weitere Vorgehen beriet, sagte Hindenburg laut Protokoll: „Kriegszustand besteht noch. Politisch ist Krieg nicht zu Ende, sondern Fortsetzung. … Wir müssen rasch und sofort handeln. Kampf im Westen wird lange dauern. Müssen Regierung umwerfen.“

Die maßgebliche Entscheidung des Kaisers als dem obersten Kriegsherrn liest sich so: „Bolschewiki wollen Revolution, wollen großen Arbeiterbrei machen. Diese Bestrebungen schlagen über Grenzen. …. Wir müssen also Bolschewiki so schnell wie möglich totschlagen. … Wir marschieren ein.“

Auf die Bedenken des Reichskanzlers Graf Georg von Hertling wusste Generalstabschef Ludendorff angesichts jüngster Erfahrungen nur kurz zu reagieren, wie aus dem Protokoll hervorgeht: „Reichskanzler: Wir riskieren Streik. Ludendorff: Streik macht nichts.“

Damit waren die Würfel gefallen. Das deutsche Oberkommando erklärte am 16. Februar den Waffenstillstand mit Sowjetrussland ab 18. Februar, 12 Uhr mittags, für beendet. Zu dieser Stunde drangen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 52 deutsche Divisionen und 13 Batterien in die unbesetzten sowjetrussischen Gebiete vor, ohne zunächst auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Die in aller Eile aufgestellten Roten Garden gerieten in eine verlustreiche Feuertaufe. Der 23. Februar, an dem sie mit Petrograd die Wiege ihrer Revolution verteidigten, wurde zum Geburtstag der Roten Armee.

Nach einem deutschen Ultimatum und heftigen Auseinandersetzungen im Zentralkomitee der Bolschewiki stimmten in der Nacht zum 24. Februar 116 von 227 anwesenden Mitgliedern des Gesamtrussischen Zentralen Exekutivkomitees für Lenins Vorschlag, den von Deutschland diktierten Friedensvertrag zu unterzeichnen. In der „Prawda“ begründete Lenin: „Es ist unglaublich, unerhört schwer, einen unglückseligen, maßlos schweren, unendlich erniedrigenden Frieden zu unterzeichnen, wenn der Starke dem Schwachen das Messer an die Kehle setzt.“ Tatsächlich hatte Lenin – was kaum jemand wusste – die Millionen-„Spenden“ der deutschen Militärführung an die Bolschewiki und ihren Führer in dieser Form zurückzuzahlen.

Mit dem am 3. März unterzeichneten Friedensdiktat verlor Sowjetrussland über eine Million Quadratkilometer Land mit mehr als 50 Millionen Menschen, die besten Getreideanbaugebiete, fast alle Ölquellen, den größten Teil der Bahnlinien und vier Fünftel seiner Kohle- und Eisenproduktion. Später wurde noch ein Zusatzabkommen über die Lieferungen von Hunderten Tonnen Gold erpresst.

Die „Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung“ frohlockte am 15. März über eine „Beute“ von 800 Lokomotiven, 8000 Eisenbahnwaggons mit allerlei Schätzen und Lebensmitteln. … Gott wusste, dass wir es brauchten.“ Weiter heißt es: „Und weiter brauchten wir Geschütze und Munition zum Schlag gegen die Feinde im Westen. Auch das wusste Gott. So schenkte er uns aus freier Hand, denn Gott ist reich: 2600 Geschütze, 5000 Maschinengewehre, zwei Millionen Schuss für die Artillerie, Gewehre, Flugzeuge, Kraftwagen und ungezähltes andere. … Erst als Russland das alles hergegeben, durfte es und nun musste es auch Frieden machen. So war das von Gott beschlossen.“

Der Vertrag von Brest-Litowsk wurde schließlich am 11. November 1918 annulliert.

Kopfprämien für Linke

Eine der wesentlichsten Schlussfolgerungen für die radikalen Linken in Deutschland nach dem niedergeschlagenen Januarstreik lautete, „dass die Arbeiterklasse ohne Gewaltanwendung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung nichts auszurichten vermag“.

Andererseits arbeitete der deutsche Machtapparat auf Hochtouren, um alle „Störenfriede“, „Hetzer“ und „Linke“ hinter Schloss und Riegel oder in die vordersten Frontlinien zu bringen. Spitzel schlichen sich in Arbeiterkreise ein, hoffend, einmal einen gutbezahlten „Treffer“ zu landen, denn hohe Kopfprämien waren auf die führenden Männer und Frauen ausgesetzt. Viele von ihnen saßen bereits hinter Gittern. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg seit 1916.

Liebknechts Nein am 2. Dezember 1914 im Reichstag gegen die Kriegskredite sowie auch bei späteren Entscheidungen war nicht vergessen. „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ hatte der Rechtsanwalt und Sohn des SPD-Mitgründers Wilhelm Liebknecht verkündete. Als noch Sieg um Sieg auf den „Feldern der Ehre“ gefeiert wurde, sagte Karl Liebknecht voraus, „dass der Tag bald kommen wird, an dem die Proletarier im Felde erklären werden, wir schießen nicht mehr aufeinander! Wo sie sich über die blutgetränkten Schlachtfelder die Hände reichen…“ Sein Urteil lautete auf Hoch- und Landesverrat.

Konspiration war angesichts des verschärften Polizeiterrors im Frühjahr 1918 eine der ersten Regeln. Die Linken trafen sich in verschiedenen Wohnungen, nie alle maßgeblichen Männer und Frauen zugleich. Andererseits konnte man nicht jedem neu Hinzugekommenen misstrauen. Einer der Spitzel war der Grenadier Degen, der sogar im Bericht des militärischen Oberbefehlshabers in Berlin, Generaloberst Gustav von Kessel, erwähnt wird und sich eine beachtliche Prämie verdiente.

Degen hatte am 22. Februar gemeldet, einer „Verschwörung gegen Kaiserhaus, Regierung und Militärmacht auf die Spur gekommen“ zu sein. Schließlich gelang es der Polizei am 24. März, eine Zusammenkunft der Neuköllner Spartakisten in der Wohnung eines Technikers in der Manitiusstraße 1 zu überrumpeln. In Kessels Bericht heißt es: „Unter den in Untersuchungshaft genommenen Personen befindet sich ein Ausländer, der … seit Herbst 1915 in Neukölln, Schwarzastr. 9, nur durch einen schweizerischen Pass ausgewiesen, unter dem Namen Leo Jogiches wohnt.“ Jogiches war ein enger Freund und über viele Jahre auch der Lebenspartner von Rosa Luxemburg.

Hunger wurde zur Epidemie

In Berlin prallten die sozialen Gegensätze aufeinander. In den Villen des „grünen“ Westens und Südens lebten rund zweitausend Millionärsfamilien. Ihnen bekam der Krieg – um Hindenburg zu zitieren – „wie eine Badekur“. In den Geschäftsbüchern der deutschen Konzerne und Banken schlug sich der „verlorene Krieg“ mit fünfzig Milliarden Reichsmark Gewinn nieder. Bezeichnenderweise öffnete am 8. November 1918 nach vierjähriger Pause wieder die Berliner Börse.

Im feinen Hotel Adlon amüsieren sich Abend für Abend jene, die am Weltkrieg gewinnen

In einem Bericht des Berliner Polizeipräsidenten an den Kaiser heißt es 1918: „Dem Kriegsgewinnler ist für Gattin und Tochter kein Pelz und kein Geschmeide zu teuer. Die Schmuckwarenhändler setzen ihre ältesten Ladenhüter ab, und die vielen neuentstandenen ´Kunstläden´ schlagen selbst die kitschigsten Bilder los…“

Der Kaiser selbst gehörte zu den größten Grundbesitzern im Reich. Sein Privatvermögen wurde auf 140 Millionen geschätzt.

Weiter schreibt der Polizeichef: „Trotzdem viele gewerbsmäßigen Dirnen – im Jahre 1918 bisher 610 – wegen Abgangs zu ordentlicher Beschäftigung aus der Aufsicht entlassen werden konnten, steigt die Zahl der unter Aufsicht gestellten weiblichen Wesen dauernd und erheblich, freilich zum Teil auch durch Verschärfung der Überwachung. Im August 1914 betrug sie 3800, im August 1918 schon 6100.“

Kinder waren durch Hunger und Wohnungsnot besonders betroffen

Berlin war geteilt, denn im Osten und Norden hungerte das Volk. Die Lebensmittelrationen waren seit dem Kohlrübenwinter 1916/17 noch knapper geworden. Der Hunger wurde zur Epidemie, er begünstigte Ruhr, Typhus, Wassersucht, Knochenweiche und Tuberkulose, Krankheiten, die Hunderttausende hinwegrafften. Nach ärztlichen Angaben starben allein im letzten Kriegsjahr in Deutschland 294.000 Menschen den Hungertod. Die Grippe forderte im Spätsommer mehr als 200.000 Tote.

Die dänische Schauspielerin Asta Nielsen schilderte ein Erlebnis aus dieser Zeit in Berlin: „Eines Tages sah ich ein klapperdürres Pferd auf der Straße tot umfallen. Im Nu, als hätte man darauf gelauert, stürmten die Frauen, mit langen Küchenmessern bewaffnet, aus den umliegenden Häusern auf den Kadaver. Man schrie und schlug sich um die besten Stücke, das dampfende Blut spritzte ihnen über Gesicht und Kleider.“

  Viel größer konnten die Gegensätze im Osten und Westen Berlins kaum sein

Der österreichische Sozialdemokrat Jakob Meinl schrieb in einem Brief aus dem Erzgebirge: „Sie können sich von diesem Elend keine Vorstellung machen, und man kann es auch nicht beschreiben. Sehr viele Fälle, wo die Leute auf der Straße tot umfallen, sind zu verzeichnen.“

Geschäftstüchtige Fabrikanten und Spekulanten ersannen rund elftausend Ersatznährmittel. Wurst wurde mit Semmelmehl gestreckt, Brotteig mit Spreumehl verlängert, Mus aus Rüben gequetscht und Pflanzenschleim als Öl verkauft. Hunde, Spatzen und Nebelkrähen verhießen geradezu Schlemmermahlzeiten. In einem Zeitungsbericht ist gar die Rede davon, wie ein Dr. Hans Friedenthal von der Berliner Universität das von ihm erfundene „Kunstfleisch“ aus Baumrinde vorstellte.

Viele Zeitungen priesen 1918 „Zweihundert Jahre Hoffmannstropfen“, eine Medizin – wie ausgerechnet der sozialdemokratische „Vorwärts“ schrieb -, die sich bewähre, „um den revolutionierenden Dickdarm zur Ruhe und zur ordnungsgemäßen Dienstwilligkeit“ zu bringen. Hoffmannstropfen gegen Streiks…

Frauen an der „Arbeitsfront“

Die Frauen und Mütter führten ihren Krieg in der Heimat. Tagsüber schufteten sie zwölf und mehr Stunden an der „Arbeitsfront“ in der Rüstungsindustrie für einen Lohn, der bis zur Hälfte unter dem der Männer lag. Viele Nächte verharrten sie in langen Schlangen vor Läden, um vielleicht morgens ein paar Gramm Butter, einen halben Hering oder ein paar Kartoffeln zu erlangen. So versuchten sie Kinder, Alte und Kranke durchzubringen.

Im Frühjahr 1918 betrug die auf Lebensmittelkarten zugeteilte Ration für einen Großstadtbewohner 3000 g Kartoffeln, 1500 g Brot, 325 g Zucker, 250 g Fleisch und 62,5 g Butter oder anderes Fett. Aber es war nicht sicher, dass es das Wenige auch gab. Der schwarze Mark blühte auf, Spekulanten boten lebenswichtige Dinge zu Wucherpreisen an, so dass sich diese nur leisten konnte, wer am Krieg verdiente.

Frauen in damals vorwiegend Männer vorbehaltenen Berufen

Vor den öffentlichen Gebäuden, wo täglich die neuen Verlustlisten von den Fronten aushingen, brachen Frauen ohnmächtig zusammen. Hunderttausende Kinder, viele noch nicht einmal vierzehn Jahre alt, halfen durch Mitverdienen die Familienlage zu erleichtern. Ein Pfarrer schrieb nach dem Besuch einer Geschoßfabrik in Siegburg: „In dieser Hölle, aus der wir möglichst rasch wieder herauszukommen suchten, arbeiteten sie 10, 12, ja oft 14 Stunden. Wahrlich, wenn man die Möglichkeiten, leben zu dürfen, mit solch teurem Preis erkaufen muss, da kann man sich fragen, ob nicht der Preis zu hoch ist für das Leben selbst!“

Damals entstand das „Lied der Granatendreherin“, in dem es heißt: „Mir ist der Kopf, das Herz so schwer / Ich denke, ich fühle, ich hoffe nicht mehr / ich drehe Granaten, Granaten…“

Das Wohnungselend in Deutschland war kaum zu überbieten. Der Schöneberger Stadtrat Dr. Licht teilte in einem Vortrag Anfang 1918 mit, laut Wohnungszählung gäbe es in 24.925 Berliner Wohnungen kein beheizbares Zimmer, in fast 400.000 sei nur ein Raum heizbar. Kohlen waren kaum aufzutreiben, die Belieferungen klappten schon lange nicht mehr. Im ganzen Jahr 1918 wurden in Berlin neun Wohnungen gebaut!

Im November 1918, nachdem der Kaiser geflohen war, warf ein Redakteur einen Blick in die Speisekammer der kaiserlichen Familie und schrieb darüber: „In großen, weiß getäfelten Kammern stand hier alles, was man sich überhaupt an Lebensmittelvorräten denken kann… Da finden wir Fleisch auf Eis, ebenso Geflügel, Dosenschinken in großen Kisten, blütenweißes Mehl, in Säcken bis an die hohe Decke gestapelt, Riesenbassins mit Schmalz, Kaffee, Tee, Schokolade, Gelees und Konserven jeder Art, aufgeschichtet in unendlich scheinenden Reihen, Hunderte von blauen Zuckerhüten, Hülsenfrüchte, Dörrobst, Keks, Zwieback, Gewürze usw. usw. Man ist sprachlos… Wenn diese Lebensmittelvorräte im Augenblick nicht besser zu gebrauchen wären, so möchte man vorschlagen, sie unberührt dem deutschen Volk in einem Nationalmuseum als ein ewiges Zeichen zu erhalten, damit Kinder und Kindeskinder noch sehen können, wie in Deutschland, während Millionen hungerten, ´Gottbegnadete´ durchgehalten haben.“

„Immer feste druff!“

Als das Elend in der Heimat und das Gemetzel an den Fronten immer dicker kamen, hieß es umso schriller: Durchhalten! Dabei sollte auch die 1917 auf Betreiben der Heeresführung gegründete Ufa als erster deutscher Filmkonzern helfen. Die Militärs erkannten den Einfluss des jungen Mediums auf das Massenbewusstsein, die Banken witterten gute Geschäfte und streckten der Universalfilm AG 25 Millionen Mark vor. Obwohl in Berlin wegen Energiemangels nur noch jede fünfte Gaslaterne angezündet werden durfte, flimmerten in über zweihundert Kinos der Stadt Streifen wie „Ein Überfall in Feindesland“, „Auf dem Felde der Ehre“ oder „Die Wacht am Rhein“ über die Leinwände. Ähnliches geschah in allen deutschen Städten. Zusätzlich überschwemmten Groschenhefte mit ähnlichen Heldenmärchen den Markt.

Auf Operetten-, Revue- und Kabarettbühnen wurde das Säbelrasseln verniedlicht. In einem Duett, das Claire Waldoff und Guido Thielscher an vielen Abenden im Metropol-Theater sangen, hieß es: „Waldemar, Waldemar, Waldemar/Mein süßes Miezchen? -/Waldemar, ach es liebt sich wunderbar auch in Galizien!“

Walter Kollo schrieb eine Kriegsoperette nach der anderen, so „Immer feste druff“, „Die Gulaschkanone“ und 1917 das Singspiel „Drei alte Schachteln“, das mit der Waldoff im Theater am Nollendorfplatz herausgebracht wurde. Da war das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ eingebaut, und selbst am Abend, als der deutsche Kaiser mit Sack und Pack das Weite suchte, sang man noch: „Ins Feld muss ich heut‘ noch marschieren, denn dem König, dem gab ich mein Wort.“

Max Winterfeld – er hatte mit Kriegsbeginn seinen allzu französisch klingenden Künstlernamen Jean Gilbert abgelegt – schuf „kernige“ Lieder wie: „Hoch soll die Fahne schweben, /die Fahne schwarz-weiß-rot! /Wir geben Gut und Leben, /wir fürchten nicht den Tod!“.

Claire Waldoff / Jean Gilbert alias Max Winterfeld

In der Revue „Bilder aus großer Zeit“ für das Metropol wurden im Schützengrabenlied nach Winterfelds Vertonung jene verhöhnt, die nach den großen Streikaktionen an die Front geschickt wurden: „Als Höhlenmensch im Schützengraben/verleb‘ ich eine sel’ge Zeit/statt Untern Linden ‚rumzutraben,/sitz ich in stiller Einsamkeit/fern von den Chefs, die mich entließen,/weil ich der Arbeit abgeneigt; /brauch‘ nichts zu tun, als bloß zu schießen,/wenn mal der Feind sein Köpfchen zeigt.“

Sogar Gerhart Hauptmann, der Dichter sozialkritischer Dramen wie „Die Weber“ und „Der Bibelpelz“, erlag dem Nationalismus jener Tage. In einem seiner Gedichte heißt es: „Komm wir wollen sterben gehen/in das Feld, wo Rosse stampfen, /wo die Donnerbüchsen steh´n,/und sich tote Fäuste krampfen … Diesen Leib, den halt ich hin/Flintenkugeln und Granaten:/Eh ich nicht durchlöchert bin,/kann der Feldzug nicht geraten.“

„… das Röcheln der Freiheit“

Hingegen protestierten zahlreiche Künstler und Intellektuelle, zutiefst erschüttert von der Zerstörung humanistischer Werte, auf unterschiedlichste Weise gegen den Massenmord. Max Reinhardts Deutsches Theater in der Berliner Schumannstraße brachte humanistisches Gedankengut der Weltliteratur auf die Bühne. Es gab spontanen Szenenapplaus bei „Don Carlos“ auf die Worte von Posa: „Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit, und säen Tod? Ein so erzwungnes Werk wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern.“

Der Leipziger Inselverlag brachte erstmalig Georg Büchners Gesamtwerk, das Revolutionsdrama „Dantons Tod“ eingeschlossen, heraus mit Sätzen wie: „Jeder Atemzug eines Aristokraten ist das Röcheln der Freiheit.“

Franz Pfemfert druckte in seiner politisch-literarischen Wochenschrift „Die Aktion“ Arbeiten antiimperialistischer Intellektueller. Den Schauspieler Erwin Piscator erreichte diese Zeitschrift in einem Schützengraben der Westfront. Er schöpfte Hoffnung: „Wie oft hatte ich nachts ´Die Aktion´ in der Hand – wollte sie hinüberbringen in die Gräben zu den Engländern, Kanadiern. Seht ihr, das gibt es auch! Ein anderes Deutschland!“

Heinrich Mann, dessen „Untertan“ in Preußen noch verboten war, Bernhard Kellermann, Erich Weinert, Arthur Holitscher und viele andere Schriftsteller engagierten sich gegen den Krieg. Die Schauspielerin Tilla Durieux gab Antikriegsabende, der junge Johannes R. Becher las Gedichte gegen den Völkermord.


Beliebt in der Boulevard-Presse waren Gedichte von der Front

Wieland Herzfelde – er hatte seinem eigentlichen Namen ein e angehängt – und sein Bruder Helmuth, der sich aus Protest gegen den deutschen Chauvinismus John Heartfield nannte, gründeten mit geschickter Übertölpelung der Behörden den Malik-Verlag, der viele bedeutende Dichter und Kriegsgegner vereinte.

Max Liebermann wurde vom Kaiser „Anarchist“ genannt, Hans Baluschek (siehe Titelzeichnung) gar „Rinnsteinkünstler“. George Grosz, Heinrich Zille und viele andere hielten das Unglück des Volkes in unvergänglichen Gemälden, Zeichnungen und Karikaturen fest. Käthe Kollwitz, deren Sohn Peter seit 1914 auf einem Schlachtfeld in Flandern begraben liegt, engagierte sich in einem Maße gegen den Krieg, dass es ihr ganzes weiteres Schaffen bestimmen sollte.

Krupp-Zünder für Freund und Feind

Seit März 1918 bemühte sich die Oberste Heeresleitung erneut um erfolgreiche Offensiven im Westen. Dazu sollten auch die im Osten abgezogenen Divisionen ihren Teil beitragen. Von März bis Juli startete das deutsche Heer vier gewaltige Angriffe mit zweifelhaften Erfolgen und Scheinsiegen für die Propaganda. Allein die Offensive „Michael“ im März/April kostete das Deutsche Reich die größten „Monatsausfälle“ seit Kriegsbeginn.

Der Oberst im Generalstab Albrecht von Thear schrieb in sein Tagebuch: „Persönlich habe ich mich davon überzeugen müssen, dass durchweg die Truppen jetzt unter der Depression einer sehr großen Enttäuschung standen. Es ist nicht mehr der Angriffsgeist des 21. März und der unmittelbar folgenden Tage, wie ich es südlich von Arras vor 4 bis 6 Wochen noch miterlebt habe. … Allgemeine Zunahme von Drückebergerei. Man greift als vorgesetzte Instanz hiergegen scharf ein, aber das ist doch zum Teil ein Kurieren an Symptomen, aber nicht der Grund der Krankheit.“

Im Juli erlebte Erich Ludendorff sein Debakel. In der Nacht zum 17. war er gezwungen, die fehlgeschlagene vierte strategische Offensive bei Reims abzubrechen. In dieser Zeit standen den nicht ganz 3,3 Millionen zumeist abgekämpften deutschen Soldaten an der Westfront zwischen Nordsee und Mittelmeer 3,6 Millionen Franzosen, Engländer, Kanadier, Australier, Belgier, Portugiesen und Italiener gegenüber. Hinzu kamen frische Reserven aus dem Millionenheer der im April 1917 in den Krieg eingetretenen USA.

Die USA, die lange ihre Neutralität zu wahren suchten, mussten handeln, denn sie fürchteten um ihre Darlehen von 2,7 Milliarden Dollar an Frankreich. Hinzu kamen der gewaltige Rückgang der englischen und französischen Importe aus den USA und der Verfall des Sterlings als der damaligen wichtigsten Währung.

Dem französischen Marschall Foch, der seit 26. März das Oberkommando führte, standen zwei Drittel mehr Kanonen als Deutschland zur Verfügung, außerdem bedeutend mehr Flugzeuge und erheblich mehr Panzer. Noch verschloss die deutsche Heeresleitung die Augen vor den Tatsachen. Hindenburg und Ludendorff planten sogar einen neuen gewaltigen Angriff in Flandern. Doch bevor es soweit kommen sollte, begann die strategische Offensive der Alliierten.

Die Kriegsmoral der völlig erschöpften, dezimierten und unter einer furchtbaren Grippe leidenden deutschen Truppen sank von Woche zu Woche. Hinzu kam, dass die von der Ostfront herbeigeschafften Soldaten, die, wenn auch nur flüchtig, mit dem Geist der russischen Revolution in Berührung gekommen waren, nicht gerade vor Kampfgeist sprühten. Ebenso wenig wie jene, die wegen Beteiligung an den jüngsten Streikaktionen zum Fronteinsatz verurteilt waren.

Immer mehr Menschen in Deutschland wurde klar, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Kaum einer der Soldaten ahnte, dass der neben ihm zerfetzte Kamerad einer Granate zum Opfer gefallen war, auf der das Kürzel KPZ für Krupp-Patent-Zeitzünder stand. Die „Waffenschmiede“ des Reichs verdiente doppelt. Der britische Waffenkonzern Vikkers zahlte bis Kriegsende an Krupp 400 Millionen Goldmark Lizenzgebühren. Darüber sprach niemand. Jedoch von russischer Seite seien „die entschiedensten Versuche gemacht worden, deutsche Soldaten durch sozialistische Propaganda und Literatur irrezuleiten“, wie Generalleutnant Wilhelm Groener, damals noch Stabschef der Heeresgruppe im besetzten Kiew, Ende Juni feststellte.

Ein Landsturmbataillon aus Gotha hatte sich geweigert, revolutionäre Unruhen in Swenigorodka mit Waffengewalt zu ersticken. Immer mehr Soldaten zogen es vor, auf eigene Weise mit dem Krieg Schluss zu machen. In einem Agentenbericht vom 3. August heißt es: „Die deutschen Soldaten ergeben sich im allgemeinen leicht und erklären als Gefangene, dass sie die Leiden des Krieges nicht länger ertragen konnten.“

Nicht für alle Soldaten war der Krieg eine „Badekur“ (Hindenburg), wenn Illustrierte mit Fotos auch einen solchen Eindruck zu erwecken suchten

Dann kam der 8. August. Das englische Oberkommando startete östlich von Amiens einen überraschenden Großangriff. Am frühen Morgen, um 5.20 Uhr, ging ein gewaltiger Feuerhagel nieder. Infanterie und Tanks durchbrachen in einer Breite von zwanzig Kilometern die deutschen Linien, bevor dort der Kampf aufgenommen werden konnte. Als der Nebel sich lichtete, griff die alliierte Luftwaffe ein. Die Legende von der Unbesiegbarkeit des deutschen Heeres war endgültig zerstört.

Die Siegeszuversicht der Alliierten wurde zur Siegesgewissheit. In wenigen Stunden verlor das kaiserliche Heer 50.000 Soldaten, davon 30.000 als Gefangene. Ludendorff sprach von einem „schwarzen Tag“. Im darauffolgenden Bericht des Kriegsministeriums heißt es: „Die Stimmung der Bevölkerung hat im Berichtsmonat einen Tiefstand erreicht, wie er im Verlaufe des Krieges noch nicht dagewesen ist.“

Generalstabsoffiziers von Thaer schrieb unter Hinweis auf einen Bericht, den die Oberste Heeresleitung dem Kaiser erstattete, in sein Tagebuch: „Die OHL und das deutsche Heer seien am Ende; der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen, vielmehr stehe die endgültige Niederlage bevor. Bulgarien sei abgefallen, Österreich und die Türkei am Ende ihrer Kräfte, würden wohl bald folgen. Unsere eigene Armee sei leider auch schon schwer verseucht durch das Gift spartakistisch-sozialistischer Ideen. Auf die Truppen sei kein Verlass mehr.“

SPD beharrte auf „Burgfrieden“

Die SPD-Führung hielt beharrlich am „Burgfrieden“ fest, allein die linken Kräfte in der USPD forderten Massenaktionen. Eine besonders enge Zusammenarbeit entwickelte sich seit dem Januarstreik mit den Obleuten in den Betrieben. Deren Vorsitzender war der erfahrene Gewerkschafter Emil Barth. Die Obleute zählten in der Mehrheit zum linken Flügel der USPD und vertraten mehr als hunderttausend Arbeiter in der Metall- und Rüstungsindustrie Berlins und seiner Vororte. Die Masse der Arbeiter hielt die großen Aktionen der zurückliegenden Monate, insbesondere den Januarstreik, der USPD zugute.

Im Sommer begann die USPD einen Teil der Arbeiter zu bewaffnen. Die Mitglieder der geheimen Organisation zur Waffenbeschaffung hatten die Tarnbezeichnung „Schwarze Katzen“. Zu ihnen gehörte der junge Mechaniker Hans Pfeiffer. Er erinnert sich: „Aus den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken Wittenau gelang es durch geschickte Arbeit, viele hundert Parabellum-Pistolen zu besorgen. Die Gewehrfabrik in Spandau lieferte uns die Gewehre. Aus dem Waffenwerk Oberspree kamen Karabiner. Aus Thüringen erhielten wir Pistolen.“ In mehr als dreißig Betrieben versteckten Lageristen Waffen und Munition. Auch Dachböden, Kellerräume und Gartenlauben dienten als Verstecke. Bis zum Herbst wurden so in und um Berlin rund dreieinhalb tausend Arbeiter bewaffnet.

Abenteuerlich gingen auch Druck und Vertrieb der Schriften vor sich. Dabei wurde die Druckerei „W. Büxenstein“ in der Zimmer-/Ecke Wilhelmstraße, die inzwischen Hugenberg gehörte, genutzt. Da dort regierungsamtliche Dokumente gedruckt wurden, bestanden technisch die besten Voraussetzungen. Mit viel List wurden bei „Büxenstein“ quasi auf Staatskosten die Propaganda-Schriften gedruckt. Monteure der polygraphischen Reparaturfirma Clauberg lehrten die Drucker den Umgang mit der modernen Technik und übernahmen den Transport der gefährlichen Fracht. Ihre Werkstattwagen, mit denen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit bei technischen Defekten oder wenn diese vorgetäuscht wurden, anrollten, fielen nicht auf und waren die Kurierfahrzeuge.

Das geheime Kuriersystem erhielt im Gegensatz zu den Waffentransporteuren die Tarnbezeichnung „Weiße Katzen“. Den Stamm bildeten die sogenannten Handtuchfahrer. Das waren Arbeiter, die mit Fahrzeugen von Wäschereien schmutzige Kleidung, Handtücher und ähnliches aus Berliner Betrieben zum Reinigen abholten und wieder zurückbrachten. Viele Bündel Flugblätter und mitunter sogar Waffen erreichten auf diese Weise, ohne auch nur einmal entdeckt zu werden, ihre Ziele und Verstecke.

In jener Zeit tauchten vermehrt auch Geldscheine auf, die mit Losungen bedruckt oder handbeschrieben worden waren. Die Militärs legten eine ganze Sammlung davon an. Auf einem Zwei-Mark-Schein stand: „Ohne Revolution kein Friede! Es lebe die soziale Republik!“, ein im Ersatz-Bataillon der Grenadier-Landwehr in Bischofswerda aufgetauchter Geldschein forderte: „Soldaten, desertiert!“, auf einer Fünfzig-Mark-Note, die in einem Ersatzbataillon in Magdeburg „aufgegriffen“ wurde, hieß es: „Sehnsucht nach Frieden!“ und im Zentralpferdedepot in Torgau stand auf einem Zwei-Mark-Schein: „Rechtsfrieden, Völkerverständigung. Mutter, mich hungert. Mutter, mich friert.“

Gewerkschaften „stehen den Streiks fern“

Not und Elend hatten weiter zugenommen. Das Sterben der Väter, Männer und Söhne an den Fronten erschien den meisten Menschen immer unsinniger. Die Auswirkungen des Krieges wurden für das Volk geradezu unerträglich. Eine Welle großer Streikaktionen erfasste im Sommer 1918 wiederum Deutschland. Für Frieden, für die Verbesserung der Lebensbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne legten Hunderttausende die Arbeit nieder. Im Juni streikten die Arbeiter der schlesischen Bergbau-, Hütten- und Textilindustrie. In Oberschlesien traten für vier Wochen deutsche und polnische Arbeiter gemeinsam in den Ausstand – bis zu 20.000 aus mehr als 60 Hütten und Gruben. 1600 schlesische Arbeiter wurden von Militärgerichten abgeurteilt.

Im Ruhrgebiet gab es von Juni bis September über 70 Streiks. Allein am 13. Juli legten 35.000 Beschäftigte der Mülheimer Maschinenfabrik Thyssen die Arbeit nieder und forderten unter anderem eine wöchentliche Arbeitszeit von 53 Stunden. Ende Juli streikten 20.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Rüstungsindustrie von Remscheid und Wuppertal. Im Ruhrbergbau kam es Mitte August auf vielen Zechen ebenfalls zu Arbeitsniederlegungen, an denen bis zu 12.000 Bergleute beteiligt waren. Im sächsischen Bergbaugebiet gaben die Arbeiter aller Werke des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers mit Streiks von Ende Juli an ihren Forderungen Nachdruck.

Den Aktionen schlossen sich Arbeiter großer Rüstungsbetriebe in Berlin, Görlitz, Hamburg, Magdeburg, Mannheim, Saarbrücken, Torgau, Zeitz und vielen anderen Städten an. Vergebens versuchten Militär und Polizei durch Terrorurteile und Einberufungen der Lage Herr zu werden. Wenn an der einen Stelle etwas „geglättet“ war, brach es an einer anderen auf.

Die Gewerkschaften hielten sich heraus. Ihre Zentralverbände hatten sich nach dem Januarstreik beeilt zu erklären: „Die Gewerkschaften stehen diesen Streiks fern. Ihre Leitungen sind an diesen in keiner Weise beteiligt. … Die Vertreter der Gewerkschaften werden nach wie vor ihre Kraft einsetzen, die Landesverteidigung zu sichern.“ Doch das war nur auf Kosten der Bevölkerung möglich.

Die Industrie in Deutschland produzierte fast nur noch die Hälfte gegenüber dem Vorkriegsjahr 1913. Die Konsumgüterindustrie und andere wichtige Zweige für die Versorgung des Volkes waren eingeschränkt oder weitgehend stillgelegt. Auch die Landwirtschaft erzeugte nur noch etwa halb so viel wie vor dem Krieg.

Je deutlicher die Niederlage des Krieges erkennbar wurde, umso mehr machte sich die Wirtschaft Gedanken, einigermaßen heil aus dieser Situation herauszukommen. Der Geschäftsführer des Vereins der Deutschen Eisen- und Stahlindustrie, Johann Reichert, formulierte: „Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahestehenden Revolution bewahren? … Inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung gibt es für die Industrie nur auf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen, das sind die Gewerkschaften.“

Am 2. Oktober vereinbarte AEG-Präsident Walther Rathenau mit Gewerschaftsführer Carl Legien (SPD) Verhandlungen. Eine Woche später schlossen sich weitere Industrielle, u.a. aus dem Ruhrgebiet, an. Mitte Oktober waren Siemens, Rathenau, Borsig, Stinnes, Hugenberg, Kirdorf und andere bereit, die Gewerkschaften in ihren Werken anzuerkennen, wenn diese zusicherten, dass die Betriebsordnungen eingehalten würden.

Am 30. Oktober berieten Konzernvertreter, Gewerkschaftsführer und Militärs über die Verhinderung von „Revolten“ in den Betrieben und für den nahtlosen Übergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, ohne die Besitz- und Machtverhältnisse anzutasten. Der Deal sah vor, dass die Gewerkschaften als alleinige Tarifpartner anerkannt werden und Lohnerhöhungen sofort ausgezahlt werden.
Die Gewerkschaftsführer verpflichteten sich, dafür zu sorgen, dass die Betriebsordnung gewissenhaft eingehalten wird. Wie wichtig die Gewerkschaften für die Konzernführungen wurden, zeigte sich auch bei der Realisierung des von Rathenau ausgearbeiteten „Demobilisierungsplanes“, in dessen Mittelpunkt detaillierte organisatorische Maßnahmen zur Verhinderung und Niederschlagung von „Revolten“ standen.

SPD-Minister schwören Kaisertreue

Das ganze Deutsche Reich steckte Ende des Sommers 1918 bis zum Hals in der Krise. Am 21. September erklärte Ludendorff, dass der Krieg verloren sei und verlangte wenige Tage später den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes. Deutschlands Verbündete führten bereits Friedensverhandlungen, Ende September unterzeichnete Bulgarien einen Waffenstillstandsvertrag, die Türkei verhandelte ebenfalls einen Waffenstillstand mit den westlichen Alliierten, der Ende Oktober abgeschlossen wird.

Reichkanzler von Hertling erklärte noch am 25. September im Hauptausschuss des Reichstages: „Die Lage ist ernst, aber wir haben keinen Grund, kleinmütig zu sein.“ Nach der militärischen Bankrotterklärung durch die Oberste Heeresleitung entließ der Kaiser den Reichskanzler.

So präsentierten sich Kriegsverlierer

Jetzt galt es einen Kanzler mit liberalem Anstrich zu finden, der den Westmächten für Friedensverhandlungen präsentiert werden konnte. Der war am 3. Oktober gefunden: Zum Reichskanzler ernannt wurde ein Neffe des Kaisers, der großherzogliche badische Thronfolger und preußische General a.D. Prinz Maximilian Alexander Friedrich Wilhelm von Baden, kurz Prinz Max.

Die Militärs drängten nachdrücklich auf den Abschluss eines Waffenstillstandes, um die von ihnen noch besetzten fremden Gebiete als politisches Druckmittel ins Feld führen zu können. Über zwei Millionen deutsche Soldaten waren bisher gefallen oder vermisst. Mit den Verwundeten und in der Heimat an Hunger und anderen Seuchen Gestorbenen, verloren etwa 6,5 Millionen Deutsche Leben oder Gesundheit. Fast die Hälfte der Gefallenen und Vermissten war zwischen 19 und 25 Jahren alt. Die deutschen Kriegskosten beliefen sich bereits auf 161 Milliarden Reichsmark.

Die Stunde war gekommen, die der SPD-Führung den Lohn für den „Burgfrieden“ bringen sollte. In seinem Erlass zum Rausschmiss von Hertlings vom 30. September hatte Wilhelm II. dies bereits angedeutet: „Es ist daher Mein Wille, dass Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weitem Umfange teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung.“


So sah die „Gartenlaube“ die Aufnahme führender Sozialdemokraten 1918 in die Regierung

Mit anderen Worten: Die „Sozis“ sollten die Karre aus dem Dreck ziehen. Als Prinz Max am 5. Oktober dem Reichstag sein neues Kabinett vorstellte, gehörten ihm aus der SPD-Fraktion im Reichstag Philipp Scheidemann und der Gewerkschaftsführer Gustav Bauer als Staatssekretäre im Ministerrang an.

Ergeben standen die bis dahin vom Kaiser als „vaterlandslosen Gesellen“ bezeichneten Sozialdemoraten am 21. Oktober im Berliner Schloss Bellevue dem Kaiser gegenüber, der die neue Regierung begrüßte: „Mit Ihnen, meine Herren, die ich heute zum ersten Male als meine Mitarbeiter begrüße, weiß ich mich eins in dem heiligen Willen, das Deutsche Reich aus der Not dieser Zeit zu einer ruhigen und friedlichen Entwicklung zurückzuführen! … Daran wollen wir alle unsere Kraft setzen, bereit, den Weg des Friedens zu gehen, bereit aber auch zu kämpfen bis auf den letzten Hauch und den letzten Hieb, wenn unsere Feinde es nicht anders wollen.“

Reichskanzler Prinz Max von Baden

Des Kaisers Wunschträume

Allmählich erkannte der Kaiser, dass er allein nicht mehr aus dem verheerenden Untergang dieses Krieges herauskommen würde und war zu Zugeständnissen an das Volk bereit. Während er Jahre zuvor den Reichstag noch als „Saubude“ bezeichnet, gestattete er 1916, fast zwei Jahrzehnte nach der Fertigstellung des Reichstagsgebäudes, über dem Hauptportal des Bauwerkes die Inschrift: „Dem Deutschen Volke“.

Was die Verlässlichkeit der sozialdemokratischen Führer betraf, so hatte Prinz Max keinen Grund zur Klage. Im Gegenteil. Am 15. Oktober schrieb er in einem Brief an seinen großherzoglichen Vetter: „Wir stehen mitten in einer Revolution. Gelingt es mir, diese friedlich zu gestalten, so können wir noch als Staat nach Friedensschluss weiter bestehen. … Heute noch hoffe ich, den Kaiser und die Dynastie der Hohenzollern zu retten. … Gottlob, dass ich in den Sozialdemokraten Männer auf meiner Seite habe, auf deren Loyalität wenigstens gegen mich ich mich vollkommen verlassen kann. Mit ihrer Hilfe werde ich hoffentlich imstande sein, den Kaiser zu retten. Welche Ironie des Schicksals.“

Zwei Tage nach diesem Brief tagte das Kriegskabinett. Kriegsminister General Heinrich Scheüch sicherte der Front einen Nachschub von 600.000 Mann zu und – so wörtlich im Protokoll – den „Rest des Jahrgangs 1900, von dem noch 50.000 Köpfe in den Betrieben stecken“.

Generalstabschef Ludendorff kritisierte in dieser Sitzung die Kriegsverdrossenheit im Lande. Barsch wandte er sich an Scheidemann: „Packen Sie das Volk, reißen Sie es hoch. Kann das nicht Herr Ebert tun?“

Einer der bekanntesten Kriegsgegner war Karl Liebknecht, der von 1916 bis August 1918 im Gefängnis saß

Herr Ebert konnte. Noch am selben Tag gab die Führung der SPD einen Aufruf „An Deutschlands Männer und Frauen!“ heraus. Darin wurde behauptet, Deutschland sei auf dem Weg vom Obrigkeits- zum Volksstaat, und Streiks und Demonstrationen gegen die Regierung behinderten die Herbeiführung von Frieden und Demokratie. „Was wir am 4. August 1914 erklärt haben: In der Stunde der Gefahr lassen wir unser Vaterland nicht im Stich, gilt heute in verstärktem Maße.“ Noch am 27. Oktober forderte der sozialdemokratische „Vorwärts“ dazu auf, Kriegsanleihen zu zeichnen.

Auf Ludendorffs Vorschlag, die SPD möge dafür sorgen, die Stimmung der Massen für den Krieg zu heben, antwortete Philipp Scheidemann: „Das ist eine Kartoffelfrage. Fleisch haben wir nicht mehr. Kartoffeln können wir nicht liefern… Fett haben wir überhaupt nicht mehr. Die Not ist so groß, dass man vor einem völligen Rätsel steht, wenn man sich fragt, wovon lebt Berlin-Nord und wovon lebt Berlin-Ost?“

Scheidemann: „Einfach wieder einsperren!“

Im Reichstag rief Friedrich Ebert zum beharrlichen Widerstand an allen Fronten auf, warnte vor Bürgerkrieg und Diktatur des Proletariats als einem „bolschewistischen Chaos“. Mit versöhnlerischem Blick sagte er: „Die besitzenden Klassen sollten froh sein, wenn der deutsche Volksstaat sich im Wege friedlicher politischer Reformen entwickelt. Blicken Sie nach Russland und seien Sie gewarnt.“

In den Aufzeichnungen Prinz Max von Badens ist nachzulesen: „Auf heute, den 4., sind Unruhen in Berlin angesagt, das hatte der Abgeordnete Ebert Wahnschaffe (Chef der Reichskanzlei, K.T.) mitgeteilt und hinzugefügt: die Gewerkschaften täten alles, was sie könnten, um die Massen im Zaum zu halten. … In der Kabinettsitzung glaubte Scheidemann beruhigen zu können: In Berlin sei alles geschehen, um die Sache für den Augenblick unschädlich zu machen.“

Am 7. Oktober führten die Spartakisten in Berlin ihre erste Reichskonferenz durch. Sie konstatierten eine Situation, die „den Zeitpunkt des unmittelbaren Beginns der Revolution herangeführt“ habe. Am selben Tag hatte sich auf Druck der Straße die Regierung der Frage einer Begnadigung Liebknechts angenommen.

Prinz Max verlangte zu wissen: „Ist Entlassung mit Sicherheit des Landes vereinbar?“ Darauf laut Protokoll Scheidemann: „Ja, im Gefahrfall eben einfach wieder einsperren.“ Und dann meinte der SPD-Führer noch, man solle Liebknecht Gelegenheit geben, „sich anständig zu betragen“.

Am 23. Oktober war es soweit. Die Polizei ließ von Eisenbahnern das Gerücht verbreiten, Karl Liebknecht komme nach seiner Haftentlassung in Berlin auf dem Görlitzer Bahnhof an. Doch die Finte nützte nichts: Ein paar Tausend Männer, Frauen und Jugendliche füllten den Platz vor dem Anhalter Bahnhof und drängten noch aus den Seitenstraßen heran. Als Liebknecht auf den Bahnsteig trat, erschollen Hochrufe und Liebknecht wurde spontan von Soldaten aus dem Bahnhof hinaus auf den Vorplatz getragen. Die dortigen Polizeiketten wurden durchbrochen, die Menschen drängten mit Liebknecht durch die Königgrätzer Straße zum Potsdamer Platz. Dort hielt er eine begeisternde Rede gegen den Krieg. Diesmal stimmte die Masse ein: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“ Es waren derselben Rufe, die Liebknecht am 1. Mai 1916 an dieser Stelle ausgebracht hatte und im Gefängnis landete.

Über den Chef seines Geheimen Zivilkabinetts, Clemens von Delbrück, ließ der Kaiser am 28. Oktober dem Kanzler die Frage nahelegen, ob es sich bei den Reden Liebknechts nach dessen Ankunft in Berlin nicht abermals um den Tatbestand des Landesverrates handele. „Seine Majestät, der die Begnadigung nicht ohne Bedenken vorgenommen hat, wollen einer Äußerung Eurer Großherzoglichen Hoheit entgegensehen, ob die Frage eines neuen Strafverfahrens bereits zur Entscheidung geführt hat.“

Zwei Tage später leitete der Oberreichsanwalt ein Verfahren gegen Liebknecht wegen „Hoch- und Landesverrates“ ein. Doch Liebknecht war nicht zu fassen. Er mied sein Zimmer im „Habsburger Hof“, das er genommen hatte, um seine Familie nicht in Gefahr zu bringen. Er schlief nachts mal hier und mal da, bezog sogar Quartier in einem abgestellten Möbelwagen. Ein anderes Mal entging er der Festnahme nur knapp mit einem Fischerkahn.

Zahl der Kriegsgegner wächst

Die Bewegung der Kriegsgegner war mittlerweile weit über den Rahmen der Arbeiterschaft hinausgewachsen. Der im Herbst 1914 von bürgerlichen Intellektuellen gegründete Antikriegsbund Neues Vaterland aktivierte seine verbotene Tätigkeit wieder. Am 8. Oktober richtete der Bund ein Telegramm an Kanzler Max von Baden, in dem die sofortige Freilassung aller Personen gefordert wurde, die wegen des Kampfes für Frieden und Demokratie eingekerkert waren. Das Telegramm trug die Unterschriften des Physikers und Telefunken-Direktors Georg Graf von Arco, des Gelehrten Max Lehmann, des Schriftstellers Arthur Holitscher und des populären Reiters und Rennstallbesitzers Kurt von Tepper-Laski.

Der Schriftsteller Arthur Holitscher gehörte zu den Demokraten im Antikriegsbund Neues Vaterland, die mit der Revolution und dem Sturz des Kaisers sympathisierten

Eine Woche später erklärte Tepper-Laski, der Kampf des Bundes müsse gegen Militarismus, Kapitalismus und Monarchismus gerichtet sein. Am 19. Oktober erhob eine Bundesversammlung eine Reihe demokratischer Forderungen. Dabei verlangte der Herausgeber der „Welt am Sonntag“, Hellmut von Gerlach, einen Umbau des Fundaments der Verfassung. Allmählich wich die in diesen Kreisen lange verbreitete Angst vor einer Revolution, allerdings blieb der Glaube an eine gesetzgebende Nationalversammlung. Namen wie Albert Einstein, Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Helene Stöcker, Magnus Hirschfeld und Rudolf Breitscheid sind eng mit dem Wirken des Bundes Neues Vaterland verbunden.

Fünf mutige Berliner Pfarrer der evangelischen Kirche, deren „Oberhirte“ der Kaiser selbst war, wandten sich mit einer Friedenserklärung an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: „Wir deutschen Protestanten reichen im Bewusstsein der gemeinsamen christlichen Güter und Ziele allen Glaubensgenossen, auch in den feindlichen Staaten, von Herzen die Bruderhand. … Wir fühlen angesichts dieses fürchterlichen Krieges die Gewissenspflicht, im Namen des Christentums fortan mit aller Entschiedenheit dahin zu streben, dass der Krieg als Mittel der Auseinandersetzung unter den Völkern aus der Welt verschwindet.“

160 kaisertreue Pfarrer wurden aufgeboten, um in einer Gegenerklärung jenen abtrünnigen Glaubensbrüdern zu unterstellen, sie stärkten den Siegeswillen der Feinde. Für das deutsche Volk zähle nur zweierlei: Sieg oder Untergang. Es waren dieselben Geistlichen, die von den Kanzeln herab die Streikaktionen der Werktätigen Vaterlandsverrat nannten, die sich dem „auserwählten Volk“ zugehörig fühlten, dem Gott zur Verteidigung seiner heiligen Güter das Schwert in die Hand gegeben hätte.

In diesen Oktobertagen formulierte der USPD-Vorsitzende Hugo Haase die Forderungen vor dem Reichstag: „Wir wollen, dass die ganze Verfassung von Grund auf geändert wird. Ein Wirbelsturm geht durch die Welt, und in dieser Zeit, in der alles von unten nach oben sich kehrt, wo die tiefgreifendsten Umwälzungen vor sich gehen, da wollen wir keinen Kaiser, keinen Bundesrat, keinen Reichstag mit geringen Befugnissen haben, die in der gegenwärtigen Verfassung enthalten sind. Es muss zur Republik kommen, aber eine Republik, die eine kapitalistische ist, ist keineswegs unser Ideal…“

Alles drängte zum offenen Konflikt, zumal in diesen Tagen die Einberufungen zum Militär verstärkt wurden. In diesem Zusammenhang versuchten die Militärs, „aufrührerische“ Personen aus der Hauptstadt des Reiches zu entfernen. Viele Linke, aber auch andere, denen nicht mehr nach Krieg zumute war, kamen den Einberufungsbefehlen nicht nach. Das musste zu empfindlichen Repressalien führen, falls die Aktionen der Massen ausblieben.

Des Kaisers „Wundergeneral“ Erich Ludendorff zog aus der militärischen Niederlage die einzig mögliche Konsequenz: Er trat ab von seinem Posten. Als Nachfolger ernannte der Kaiser und Oberste Befehlshaber den Generalleutnant Wilhelm Groener. Dieser hatte sich seine Verdienste beim Überfall auf Sowjetrussland und bei der Besetzung der Ukraine erworben. Noch Anfang September hatte er in Kiew vor Offizieren betont, es sei ein Unsinn, heutzutage überhaupt von Frieden zu reden. „Denken Sie doch nach: Der Friede ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Alles ist Kampf, und dieser Kampf wird ewig sein…“

Ein weiteres Zitat des neuen Generalstabschefs und späteren Ebert-Vertrauten: „Der Krieg ist die größte demokratische Welle, die jemals über den Planeten gegangen ist. Wer sich ihr entgegenstellt, den wird sie über den Haufen werfen; es handelt sich darum, auf ihr zu steuern.“

Zuschlagen: Jetzt oder nie!

Als dem Kaiser Ende Oktober in Berlin der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, begab er sich unter dem Vorwand, der grassierenden Grippe zu entgehen, in das Große Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im besetzten belgischen Spa.

Am 31. Oktober tauchte in Berlin ein Flugblatt auf, das zum Sturz der Monarchie aufrief und dazu aufforderte, alles einzusetzen „für Frieden und Freiheit … in einer sozialistischen Republik“. Unterzeichnet war das Dokument mit: „Der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates“. Dieser setzte sich aus der Leitung der Berliner Betriebsobleute sowie aus Funktionären der USPD zusammen.

Die Obleute drängten auf Massenaktionen. Zunächst war der Aufstand in Berlin auf Montag, den 4. November, festgesetzt. Doch am Abend des 2. November wurde noch einmal darüber abgestimmt. Die Obleute im Vollzugsausschuss, die 75.000 Arbeiter vertraten, waren für Generalstreik am Montag und bewaffnete Demonstrationen am Dienstag. Die Obleute, die die kleineren Betriebe mit nur 48.000 Werktätigen repräsentierten, aber wegen der Vielzahl der Betriebe im Ausschuss die Mehrheit hatten, sprachen sich für Aufschieben aus.

Am 4. November beriet der Vollzugsausschuss in einem kleinen Fabrikraum in der Köpenicker Straße den ganzen Tag über. Da erfuhr man von den Aktionen der Matrosen in Kiel. Einer ihrer Kuriere hatte Georg Ledebour, der die USPD mitgegründet hatte, aufgesucht, um in seiner Person die Führung der Unabhängigen für die Leitung des Aufstandes zu gewinnen. Ledebour vertröstete ihn, man müsse erst im Parteivorstand darüber reden.

Für Liebknecht dagegen gab es nur eins: sofort zuschlagen, sich mit den Matrosen solidarisieren – jetzt oder nie! Er drängte darauf, nun endlich am 8. und 9. November mit dem Aufstand in Berlin zu beginnen. Aber die USPD-Führer meinten, diese Tage seien ungünstig, weil da Löhne gezahlt würden. Der Ausschuss vertagte sich auf Freitag, den 8. November.

Doch diese Sitzung kam wegen umfangreicher Polizeiaktionen nicht zustande. Ernst Däumig, einer der Linken in der USPD, war verhaftet worden. Er trug die Pläne für den Aufstand, der für den 11. November ins Auge gefasst worden war, bei sich. Alle Beteiligten wussten: Das ist das Ende, wenn nicht sofort gehandelt wird. Liebknecht schrieb in sein Tagebuch: „Die Regierungssozialisten werden uns sicher noch zuvorkommen und uns vor der Geschichte und uns selbst in alle Ewigkeit blamieren!“

Kein Anker wurde gelichtet

Ende Oktober hatte die Seekriegsleitung die Flotte nahe der ostfriesischen Insel Wangeroog angeblich zum Auslaufen in ein Manöver zusammengezogen. Da entdeckten die Matrosen, dass auf dem Panzerkreuzer „Moltke“ der hintere Schornstein rot angestrichen wurde. Das signalisiert Gefechtsbereitschaft. Der Befehl lautete in Wahrheit: Auslaufen zum Gefecht gegen eine englische Übermacht.

Tatsächlich hatte die Seekriegsleitung unter Prinz Heinrich, einem Bruder des Kaisers, am 27. Oktober den Befehl erlassen, die Flotte in einen aussichtslosen Kampf gegen England zu schicken. Das „Lieblingsspielzeug“ des Kaisers, die Flotte, sollte nicht dem Gegner in die Hände fallen, lieber wolle der Monarch sie mit Mann und Maus opfern. Außerdem erhoffte man, dass die zu erwartende Volkstrauer um 80.000 deutsche Matrosen revolutionäre Gedanken in den Hintergrund drängen würde. Erfahrene Seeleute, die sich ganz gut an die Hinrichtung der Anführer des Matrosenaufstandes von 1917, Albin Köbis und Max Reichpietsch, erinnerten, erkannten dieses üble Spiel und riefen zum Widerstand auf.

Kaum ein Schiff bunkerte Kohle, kein Anker wurde gelichtet, Rufe wurden laut: „Reißt das Feuer aus den Kesseln!“ Auf dem Panzerkreuzer „Thüringen“ rührte die über tausend Mann starke Besatzung keinen Finger. Dreimal verweigerte sie den Befehl zum Ankerlichten. Auf der Flaggenbrücke wehte die rote Fahne. Die Mannschaft hatte sich verbarrikadiert. Admiral von Hipper ließ die Geschütze eines Torpedobootes auf die „Thüringen“ richten und das Schiff stürmen. Die Besatzung wurde in Kiel, wo sich der Sitz der Hauptmarinestation befand, wegen Meuterei inhaftiert.

Im Kieler Gewerkschaftshaus forderten am Sonnabend, es war der 2. November, die Matrosen der „Markgraf“ nachdrücklich die Freilassung ihrer Kameraden. Ein Bataillon Soldaten wurde herangeführt. Offiziere brüllten Befehle – die Soldaten verweigerten den Gehorsam.


Gustav Noske stellte sich in Kiel an die Spitze des Aufstandes

Der junge Oberheizer Karl Artelt forderte die Matrosen und die Arbeiter von Kiel auf, sich am nächsten Tag auf dem Exerzierplatz hinter der Waldwiese zu versammeln. Viele kamen, Matrosen und Werftarbeiter marschierten nach der Kundgebung gemeinsam durch die Stadt in Richtung Marinearrestanstalt, um die Kameraden zu befreien. Da eröffneten reaktionäre Offiziere das Feuer. Es gab acht Tote und viele Verwundete auf Seiten der Aufständischen.

Noch in der Nacht zum Montag wurden in Betrieben, auf den Werften und auf den Schiffen Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Für den 5. November wurde der Generalstreik ausgerufen. Kiel war in den Händen der Aufständischen. Ein Kurier wurde nach Berlin geschickt, um erfahrene Funktionäre für die Leitung des Kampfes zu gewinnen. Doch Ledebour zögerte…

Die SPD-Führung hingegen verlor keine Zeit. Mit Zustimmung des Reichskanzlers schickte sie Gustav Noske mit dem Auftrag nach Kiel, die dort entflammte Revolution „zurückzurollen“. Als Arbeitervertreter erhielt er das Vertrauen der Matrosen, ließ sich an die Spitze des Arbeiter- und Soldatenrates von Kiel wählen und ernannte sich Tage später sogar zum Gouverneur der Stadt. Als solcher zerbricht er den Widerstand „gewaltrevolutionärer Fanatiker“, die eine rite Armee bewaffnen wollen und hält mit fester Hand die Ordnung aufrecht. Weiter schreibt Paul Kampffmeyer in seinem Buch „Ein Lebendbild“ über Friedrich Ebert: „Mit großer Menschenkenntnis hat Ebert den Mann entdeckt, der die demokratische Republik vor dem Ansturm des spartakistischen Radikalismus retten kann.“ Übrigens ließ die SPD-Führung nach dem Kapp-Putsch im Jahr 1920 Noske wegen „Begünstigung der Konterrevolution“, als neuen Reichswehrminister ablösen. Sein Beiname „Bluthund“ rührt aus der Niederschlagung der Arbeiteraufstände in den Monaten heftiger Auseinandersetzungen nach der Novemberrevolution, in denen auch die linksradikalen Führer der Linken, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden.

Die USPD entschloss sich erst am 7. November, ihren Vorsitzenden Hugo Haase ebenfalls nach Kiel zu entsenden. Doch da hatte Noske bereits alle Fäden in der Hand. Später erklärte Noske stolz: „Von Kiel wäre, wenn ich die rote Sturmfahne ergriffen und vorangetragen hätte, eine Flut über Deutschland hinweggebraust, deren Ausmaße man sich heute kaum ausdenken kann.“

Dennoch pflanzte sich die Revolution wie ein Lauffeuer im Lande fort. Am 7. November wehten rote Fahnen über Wilhelmshaven, Rostock, Schwerin, Hannover, Braunschweig, Köln und München. Tags darauf auch über Oldenburg, Magdeburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Magdeburg, Halle, Leipzig, Stuttgart und anderen Städten. Fürsten flohen, Königsthrone stürzten – der erste am 7. November in München.

Der Trick mit der Kurier-Kiste

Ein Dorn im Auge der kaiserlichen Regierung war die sowjetrussische Botschaft Unter den Linden, die in einem engen Verhältnis zu den revolutionären Kräften in Berlin stand. Botschafter war seit Februar 1918 Adolf Joffe, der im Dezember 1917 in Brest-Litowsk auf sowjetrussischer Seite die Waffenstillstandsverhandlungen geleitet hatte.

Am Tag nach der Rückkehr Liebknechts aus dem Gefängnis am 24. Oktober hatte der Botschafter einen Empfang für den Anwalt und dessen Ehefrau Sophie gegeben. Daran nahmen zahlreiche Funktionäre der Spartakisten und der USPD, Schriftsteller, zahlreiche Intelektuelle, darunter Mitglieder des Bundes Neues Vaterland, teil.

Telegramm von Lenin, Swerdlow und Stalin für Karl Liebknecht

Joffe verlas ein Schreiben von Lenin, Volkskommissar Stalin und Staatsoberhaupt Swerdlow, in dem es heißt: „Übermitteln Sie unverzüglich Karl Liebknecht unseren heißesten Gruß. Die Befreiung des Vertreters der revolutionären Arbeiter Deutschlands aus dem Gefängnis ist das Zeichen einer neuen Epoche des siegreichen Sozialismus, die sich jetzt Deutschland wie der ganzen Welt öffnet.“

Im engeren Kriegsrat trug der preußische Innenminister Bill Drews Anfang November vor, dass „die russische Botschaft planmäßig für die Revolution arbeite“, jedoch „schlüssige Beweise seien schwer zu bekommen.“

Ausgerechnet Philipp Scheidemann wusste laut Protokoll Rat: „Die Beweismittel reichten zu einem schärferen Einschreiten gegen die russische Botschaft nicht aus. Einen offenbaren Eingriff in die Exterritorialität müsse man vermeiden; aber wenn z.B. eine verdächtige Kurierkiste auf dem Transport zufällig entzwei ginge, so lasse sich vielleicht die Abberufung des jetzigen Botschafters verlangen…“

In seinen Memoiren schildert Scheidemann, als wäre er besonders stolz auf diese Idee gewesen, man hätte „einige Dienstleute üben lassen, wie sie eine Kiste beim Heruntertragen auf einer steinernen Treppe derart von der Schulter auf eine Ecke fallen lassen, dass sie bestimmt zerbrechen müsse. Dann würden Flugblätter herausquellen, der Beweis, dass die Botschaft ihre Exterritorialität in unzulässiger Weise missbrauche, und man könne die entsprechenden Konsequenzen ziehen.“

Am Abend des 4. November wurde auf Anweisung des Berliner Gouverneurs Generaloberst Alexander von Linsingen das sowjetische Kuriergepäck unauffällig geöffnet und mit belastendem Material aus den polizeilichen Asservaten versehen. Am Morgen des 5. November erfuhren die Teilnehmer an der Sitzung des Kriegsrates laut Protokoll vom Staatssekretär im Auswärtigen Amt Wilhelm Solf, „dass eine Kiste von dem Gepäck des russischen Kuriers sich geöffnet habe und darin aufreizende Flugschriften gefunden worden seien. Er habe sofort eine Note an die Sowjetregierung in Moskau gesandt und Abschrift persönlich an Joffe gegeben und ihn aufgefordert, morgen Abend im Sonderzug Berlin zu verlassen.“

Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Redakteure der Berliner Außenstelle der eben erst gegründeten sowjetrussischen Nachrichtenagentur ROSTA (die spätere TASS) nach Durchsuchung und Schließung des Büros in der Friedrichstraße 217 ausgewiesen.

Wenige Tage später telegrafierte der deutsche Gesandte in Holland aus Den Haag über ein wichtiges Gespräch an das Auswärtige Amt: „Die Engländer seien sehr erfreut über Abschiebung Joffe. Die Bekämpfung der Bolschewisten wird ein gemeinsames Band für die jetzt feindlichen Länder bilden.“

„Ich hasse sie wie die Sünde“

Am Mittwoch, dem 6. November, nahm Ludendorffs Nachfolger als Generalstabschef Wilhelm Groener an einer Kabinettssitzung teil und schilderte die „hoffnungslose militärische Lage. Das Kräfteverhältnis an der Westfront verschlechtere sich von Tag zu Tag. Viele Soldaten verließen ihre Einheiten und warteten versteckt auf das Ende der Kampfhandlungen. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer schätzte er vorsichtig auf 200.000 und bedauerte, dass man nicht in der Lage sei, diese „Drückeberger … im Namen Gottes totzuschießen“.

Am selben Tag traf Groener auch mit Ebert, Scheidemann, Bauer, David und anderen Sozialdemokraten zusammen. Die Sozialdemokraten forderten, dass der Kaiser als Hauptschuldiger am Krieg abdanken müsse. Dennoch würden große Teile der Sozialdemokratie mit einer Monarchie mit sozialem Einschlag und parlamentarischem System einverstanden sein.

Am 7. November hatten Prinz Max und Ebert eine vertrauliche Unterredung. Bei einem Spaziergang durch den Garten hinter der Reichskanzlei sprach der Kanzler von seiner beabsichtigten Reise nach Spa, wo er dem Kaiser die Abdankung nahelegen wolle. Er fragte Ebert: „Wenn es mir gelingt, den Kaiser zu überzeugen, habe ich Sie dann an meiner Seite im Kampf gegen die soziale Revolution?“ Eberts Antwort kam ohne Zögern: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“

Die Lage spitzte sich zu. Am Abend des 8. November telefonierte Max von Baden gegen 20 Uhr mit Wilhelm II. in Spa: „Deine Abdankung ist notwendig geworden, um den Bürgerkrieg in Deutschland zu vermeiden und um deine Mission als Friedenskaiser bis zum Schluss zu erfüllen. Das Blutvergießen würde dir zur Last gelegt werden. Eine große Mehrheit glaubt, du seiest schuld an der heutigen Lage. … Man mag vielleicht in der Lage sein, die Unruhen zuerst gewaltsam zu unterdrücken, ist aber erst einmal Blut geflossen, so wird überall der Schrei nach Rache erklingen. Die Haltung der Truppen ist nicht zuverlässig. In Köln ist die Macht in den Händen des Arbeiter- und Soldatenrates. In Braunschweig weht die rote Fahne auf dem Schloss. In München ist die Republik ausgerufen. In Schwerin tagt ein Arbeiter- und Soldatenrat. Das Militär hat sich nirgends bewährt. Wir steuern unfehlbar dem Bürgerkrieg zu. Ich habe mich gegen den Gedanken gewehrt, aber die Situation ist heute unhaltbar, die Abdankung würde überall dankbar als befreiende und heilende Tat begrüßt werden.“

Der Kaiser hingegen bekundete den festen Entschluss, nicht nachzugeben. Er wollte an der Spitze des Heeres die Ordnung in der Heimat wiederherstellen. Die nötigen Befehle seien bereits erteilt. Von Badens Vorschläge wies er entrüstet und heftig zurück.

Als Friedrich Ebert am frühen Morgen des 9. November erneut zu einem geheimen Treffen mit Max von Baden in der Reichskanzlei zusammentraf, da sich absehen ließ, dass die SPD-Führung den Aufstand nicht aufzuhalten vermochte, kam er der Bitte des Reichskanzlers nach, an die Offiziere des 4. Naumburger Jägerbataillons, die zum Schutz der Regierung gerade aus Potsdam eingetroffen waren, ein paar Worte zu richten.

Im trüben Schein zweier Straßenlaternen zog Eber seinen Hut mit der breiten Krempe tief ins Gesicht als wolle er unerkannt bleiben, und sagte: „Die Garde hat stets in vorderster Front gestanden wenn das Vaterland rief… Von euch hängt es ab, ob Deutschland in diesen kritischen Tagen untergehen oder zu neuer Blüte erwachen wird. Noch nie hat das Vaterland an den Patriotismus und an die Tapferkeit seiner Garde vergeblich appelliert.“

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz, einer der Offiziere, erinnert sich, dass Eber von Schillers „einzig Volk von Brüdern“ redete, das gefährdet sei durch einige „gewissenlose Rowdys, die im trüben fischen und das Chaos verewigen wollen“. Diese meuternden Banden zu zerschlagen sei heiligste Aufgabe.

Doch die Revolution hatte bereits auf weite Teile des Reichs übergegriffen, erste Herrscherthrone waren gestürzt, und vielerorts war die Macht auf Arbeiter- und Soldatenräte übergegangen. In einer Notiz der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“ erfuhren die Leser über den Oberbefehlshaber der Ostseeflotte und Bruder des Kaisers: „Prinz Heinrich ist gestern in einem Automobil mit roter Flagge entflohen. Er trug eine rote Binde am Arm.“

Selbst General Groener erreichte am Abend des 6. November nur mit Mühe das Hauptquartier in Spa. Ein Zufall bewahrte ihn vor der Festnahme durch Aufständische.

Brot gegen „Unbesonnenheit“

Der 9. November 1918 gehört zu den ereignisreichsten Tagen der neueren deutschen Geschichte. Nicht allein deshalb, weil die halbtausendjährige Herrschaft der Hohenzollern in der Mark Brandenburg wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Alle, die sich politisch engagierten, hatten an diesem Sonnabend Farbe zu bekennen. Sie hatten Rechte zu erstreiten oder Privilegien zu verteidigen, in jedem Falle mussten sie handeln – so oder so.

Die Linken in der USPD wandten sich mit einem Flugblatt an die Massen: „Arbeiter und Soldaten! Nun ist eure Stunde gekommen. Nun seid ihr nach langem Dulden und stillen Tagen zur Tat geschritten. Es ist nicht zu viel gesagt: In diesen Stunden blickt die Welt auf euch und haltet ihr das Schicksal der Welt in euren Händen.“ Der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates seinerseits rief auf, in der Entscheidungsstunde der historischen Aufgabe gerecht zu werden.

Tags zuvor, am 8. November, hatte der sozialdemokratische „Vorwärts“ die Erhöhung der Brotrationen angekündigt und dabei vor „Unbesonnenheiten“ gewarnt. Doch es nützte nichts mehr.

Bis tief in die Nacht hatten Kuriere Hunderte Vertrauensleute der Arbeiter über die für Sonnabend festgesetzten Aktionen informiert. Zwischen Nacht und Dämmerung begaben sich die „Schwarzen Katzen“ zu den Waffenverstecken, holten Gewehre und Pistolen hervor, bestückten sie mit Munition und verteilten sie an festgelegten Stützpunkten.

Patrouillen-Auto des Arbeiter- und Soldatenrates am Vormittag des 9. November vor dem Brandenburger Tor

Nach einer morgendlichen Sitzung des Vollzugsrates in einer Schöneberger Wohnung marschierte der erste Zug von Demonstrierenden in Richtung Stadtzentrum. Ein Teilnehmer berichtete: „Am 9. November versammelte sich die Belegschaft frühmorgens im Betrieb. Einige Kollegen hatten bereits Transparente angefertigt mit der Losung: Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Monarchie! Wir wollen Frieden und Brot! Es bildete sich ein Demonstrationszug, der etwa 4000 Menschen umfasste und dem sich später noch die Arbeiter der AEG Brunnenstraße und der AEG Ackerstraße anschlossen.“

Ein weiterer Teilnehmer: „Wir hatten den Auftrag, uns mit den Zügen aus Moabit und aus Charlottenburg zu vereinigen und die Soldaten der Kasernen am Lehrter Bahnhof zu gewinnen. Das Tor der Kaserne war verschlossen. Die Massen riefen daraufhin: ´Brüder, schießt nicht auf uns! Macht Schluss mit dem Krieg! Weg mit Kaiser Wilhelm!´. Wir, die wir bewaffnet waren, rechneten mit Schießereien und waren in Feuerstellung gegangen. Aber unsere Unterhändler haben auch diese Soldaten überzeugt und unter riesigem Jubel veranlasst, am Zug zur Maikäferkaserne teilzunehmen.“

Der Schriftsteller Bernhard Kellermann beschrieb seine Eindrücke vom Morgen des 9. November in Berlin: „Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert – die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt überflutet…

Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den Schmutzflügeln, auf Gewehren und Handgranaten…

Aus den Vorstädten, aus den Fabriken waren sie gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen Kartoffeln nährten… Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch die Frauen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu feilschen, dem General hingegeben hatten, die Frauen, deren Männer längst in den Massengräbern moderten, auch die Mütter, die ihre Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen…“

In einer der ersten Reihe eines Demonstrationszuges in Richtung Stadtmitte schritt der junge Metallarbeiter und Obmann des Schwartzkopff-Betriebes in der Schlegelstraße Erich Habersaath. Die Soldaten des 4. Garde-Grenadier-Regiments in der Maikäferkaserne waren eingesperrt, schauten durch vergitterte Fenster und wiesen auf schwerbewaffnete Offiziere. Die Demonstrierenden nahmen das Tor zum Kasernenhof im Sturm, drückten es auf und verschafften sich Einlass. Da peitschten Schüsse auf. Drei Arbeiter fielen tot auf das Pflaster: Unter ihnen Erich Habersaath. Ihr Tod sollte noch ein dramatisches Nachspiel haben…

Auch Militär und Polizei waren vorbereitet. Am frühen Sonnabendmorgen war man der Meinung, in Berlin könne es nicht soweit kommen wie in Kiel, München und vielen anderen Städten. Seit Tagen war der Zugverkehr von und nach Berlin unterbrochen oder wurde stark kontrolliert. Telefonieren nach außerhalb war so gut wie unmöglich.

Früh um sechs Uhr zogen Gardeschützen zum Lehrter Bahnhof, um dort 240 revolutionäre Matrosen in „Empfang“ zu nehmen und abzuführen. Noske hatte sie persönlich zur „Unterstützung der Revolution“ nach Berlin geschickt. Es kann als sicher gelten, dass er sie zugleich beim militärischen Oberbefehlshaber von Berlin denunzierte, um so etliche der mutigsten aufständischen Matrosen aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Noch auf dem Bahnhof wurden sie von Gardeschützen mit aufgepflanzten Seitengewehren entwaffnet und streng eskortiert abgeführt. In Zossen, wo bereits über tausend Matrosen festgesetzt waren, sollten sie inhaftiert werden.

   

Von Kiel über Berlin erfasste die revolutionäre Erhebung am 8. und 9. November das ganze Land

Auf dem Weg zum Görlitzer Bahnhof umringten Arbeiter die Matrosen und drängten die Gardeschützen ab, denen nicht nach einem Blutbad zumute war, und nahmen die Matrosen in ihren Demonstrationszügen mit. Sie gehörten Tage später zur so genannten Volksmarinedivision, die sich anfangs zum Schutz der linken Revolutionäre im kaiserlichen Marstall etabliert hatte, jedoch in letzter Konsequenz versagte.

Emil Barth koordinierte als Vorsitzender der Obleute die Aktionen dieses Tages. Er hatte sein „Hauptquartier“ in der alten Sozialistenkneipe „Musik-Fuchs“ in der Jostystraße. Die Pläne sahen vor, dass beispielsweise Karl Liebknecht die Besetzung des Schlosses leitet und der USPD-Funktionär Emil Eichhorn das Polizeipräsidium in der Alexanderstraße. Der linke USPD-Funktionär Adolph Hoffmann, Mitbegründer der II. Internationale 1889 in Paris und gefürchteter Zwischenrufer in den Parlamenten, besetzte das Rote Rathaus und den Preußischen Landtag in Berlin. Übrigens ist seiner kurzen Amtszeit als preußischer Kultusminister ist die Trennung von Staat und Kirche zu verdanken.

Alles lief reibungslos. Polizei und Militär hatten es mit der Angst zu tun bekommen. Viele von ihnen ließen sich widerstandslos entwaffnen oder machten sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

„Feldgrau schießt nicht auf Feldgrau“

Seit zehn Tagen befand sich Kaiser Wilhelm II. im sicheren Schutz des Großen Hauptquartieres der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa. Noch am frühen Morgen war der Monarch entschlossen, gegen Berlin zu marschieren, um in der Stadt – und sei es durch Beschuss oder Bombardements – Ruhe und Ordnung herzustellen, auch wenn die ganze Stadt „zusammengeschossen“ werden müsse.

Hindenburg und Groener fürchteten im Falle eines Bürgerkrieges um den Bestand der Monarchie. Um den Plan des Kaisers zu verhindern, hatten sie am Abend des 8. November 39 maßgebliche Generäle und hohe Offiziere der Westfront nach Spa befohlen. Ihnen teilte Hindenburg am frühen Sonnabendmorgen im Hotel „Britannique“ mit, dass Revolution im Gange sei und von der Straße der Rücktritt des Kaisers gefordert werde. Die Heeresleitung wolle zuverlässige Truppen der Westfront – die Soldaten der Ostfront seien vom Bolschewismus verseucht – mit dem Kaiser nach Berlin schicken, um dort die Revolution niederzuschlagen.

Hindenburg formulierte drei Fragen, auf die er nach einer kurzen Bedenkzeit klare Antworten haben wollte: Steht die Truppe noch zum Kaiser? Würde sie ihm im Kampf gegen die Heimat nach Berlin folgen? Würde sie die Volksrevolution mit der Waffe in der Hand bekämpfen? Ein einziger Offizier äußerte ein klares Ja auf die Frage, ob die Truppe dem Kaiser zum Kampf gegen die Heimat folgen würde, 15 hatten Zweifel, 23 verneinten. Anderen antworteten ausweichend.

Der Generalfeldmarschall informierte den Kaiser in dessen Villa „Fraineuse“ über das niederschmetternde Ergebnis der Umfrage. Als Friedrich Graf von der Schulenburg, Flügeladjutant des Kaisers, die Bedeutung der Befragung herabmindern wollte, legten Hindenburg und Groener weitere Fakten auf den Tisch. Große Teile des Eisenbahnnetzes sowie die meisten Munitions- und Verpflegungsdepots seien in den Händen der Aufständischen. Selbst die 2. Gardedivision, die den Rücken des Hauptquartiers gegen die Aufständischen aus der Heimat schützt, ist nicht mehr zuverlässig. Die Soldaten verweigerten den Gehorsam und machten sich auf den Weg nach Hause. Das Garde-Grenadier-Regiment „Kaiser Franz“ verweigere den Gehorsam, das Regiment „Kaiser Alexander“ fordere den Abtransport in die Heimat, und Soldaten des Sturmbataillons Rohr, dem der Schutz des Kaisers anvertraut ist, würden aufsässig…

Des Kaisers Generaladjutant Hans Georg von Plessen beschwichtigte: „Die deutsche Armee, der vier Jahre lang die Bewunderung der Welt galt, wird jederzeit mit einer Bande ruchloser Matrosen fertig.“ Das war Wasser auf des Kaisers Mühlen, der nicht leicht von seinem Vorhaben abließ, Berlin notfalls zusammenzuschießen.

Die Alliierten ließen erkennen, dass eine Abdankung des Kaisers die Friedensbedingungen für das Reich erträglicher machen würde. Deutschland solle bis 11. November erklären, ob es sich den Bedingungen seiner Kriegsgegner unterwerfen oder den Kampf fortsetzen wolle. Die SPD machte auf Druck der Linken und großer Teile des Volkes von der Abdankung des Kaisers abhängig, ob sie im Kabinett des Prinzen Max bleiben würden. Die so genannten Mehrheitssozialisten fürchteten um ihren entscheidenden Einfluss bei den Arbeiter- und Soldatenräten.

Der Reichskanzler verstand das Dilemma der SPD und warnt den Kaiser: Sollten die Sozialdemokraten aus der ersten parlamentarischen Regierung ausscheiden, dann bleibe nur noch die Militärdiktatur; eine solche Regierung sei jedenfalls für die Alliierten kein Verhandlungspartner. Der Krieg wäre sicher bis weit ins Land fortgesetzt worden.

Unter allen diesen Einflüssen beschloss Wilhelm II. als deutscher Kaiser abzudanken. Niemals aber wollte der 21. Nachfahre des Großen Kurfürsten in der Mark Brandenburg, der 6. preußische Herrscher nach Friedrich dem Großen auf die Königskrone verzichten.

Am frühen Morgen des 9. November bewegten sich in Berlin elf große Demonstrationszüge in Richtung Stadtmitte

Staatssekretär Paul von Hintze, des Kaisers Außenminister, nahm nach einer knappen Verbeugung das Wort. „Euer Majestät, die Lage ist besorgniserregend, wie es scheint, nicht mehr aufzuhalten. Exzellenz Max von Baden hat den Rücktritt Eurer Majestät verkündet. Er sieht dies als einzigen Weg, einen Bürgerkrieg zu vermeiden.“

Ausdruckslos sah der Kaiser aus dem Fenster auf die bewaldeten Berge. „So, hat er, der liebe Neffe. Einfach so!“ Um Beherrschung bemüht, fuhr er fort: „Nun gut, wenn es nützt. Soll die Kaiserkrone dem Schicksal des Reiches nicht weiter im Wege liegen. Aber Rücktritt als König von Preußen – nein, das liegt außerhalb seines Bereiches.“

Von Hintze musste dem Kaiser die ganze Wahrheit sagen: „Euer Majestät, ich bedaure. Auch als König von Preußen…“

Wilhelm von Hohenzollern ließ sich in einen seidenen Sessel fallen. Für einen Augenblick schien es, als lasse er sich gehen. „Das also ist das Ende. Was bildet sich dieser badische Prinz eigentlich ein? Heben die Sozis so auf ihn angefärbt? Ich hätte ihre Regierungsbeteiligung niemals zulassen sollen. Wer sich mit Hunden hinlegt, steht mit Flöhen auf.“

Schneidig erhob sich der Kaiser wieder, fasste sich und sagte: „Hindenburg, Sie haben drei Kaisern treu gedient, was meinen Sie?“

In devoter Haltung warf der große Heerführer eines verlorenen Krieges kleinlaut ein: „Euer Majestät, alle Hafenstädte sind seit Tagen in den Händen der aufständischen Matrosen. In vielen deutschen Städten und Ländern wehen rote Fahnen, erlauchte Fürsten sind gestürzt…“

Der Kaiser winkte brüsk ab: „Wir werden mit den zuverlässigsten Truppen in die Reichshauptstadt marschieren. Wir werden das Ruder wieder in die Hände nehmen.“

Hindenburg zuckte zusammen. Er wusste, es würde fürchterlich ausgehen: „Niemals, Euer Majestät, könnte ich verantworten, dass der deutsche Kaiser von Meuterern verschleppt und den Rebellen ausgeliefert wird.“ Von der Westfront waren immer neue Meldungen über Auflösungserscheinungen, Meutereien, Gehorsamsverweigerungen und die Wahl von Soldatenräten eingetroffen. Wer sollte mit dem Kaiser nach Berlin marschieren? Hindenburg musste Seine Majestät nicht an die Ermordung des kaiserlichen Cousins, den Zaren Nikolaus II. von Russland und dessen Familie im zurückliegenden Sommer durch die Bolschewiki erinnern.

Den letzten Zweifel an der Loyalität der Truppe verursachte die Mitteilung, dass eine für besonders zuverlässig gehaltene Frontdivision, die den Rücken des Großen Hauptquartiers gegen Aufständische decken sollte, den Offizieren den Gehorsam gekündigt und sich gegen deren ausdrücklichen Befehl in Marsch nach Hause gesetzt hatte.

Von Hintze raffte alle seine Energie zusammen, um dem Kaiser zu empfehlen, sich in das neutrale Ausland zurückzuziehen. Nach Holland beispielsweise, wo fürstliche Freunde ihn sicher gern aufnehmen würden. Das Notwendige sei eingeleitet, fügte er etwas leiser hinzu.

Vielleicht dachte von Hintze in diesen Augenblicken auch an die kaiserliche „Hunnenrede“ vom Juli des Jahres 1900, als dieser nach der Ermordung eines deutschen Diplomaten eine Strafexpedition mit den Worten nach China verabschiedete: „Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen!“ Sollte es so auf dem kaiserlichen Marsch gegen Berlin zugehen? Unvorstellbar.

Der Kaiser stolzierte durch den Salon. Es schien, als wisse er, dass ihm kein anderer Weg blieb und betonte: „Als äußersten Ausweg, von Hintze, als äußersten Ausweg. Man möge vorbereiten.“

Die Abdankung als Kaiser und König

Während der vertraulichen Besprechung mit Ebert in der Nacht zuvor waren die Weichen bereits gestellt und die Übergabe des Kanzleramtes an den SPD-Vorsitzenden um zwölf Uhr mittags vereinbart. Dafür hatte Ebert zugesichert, dass seine Partei bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Aktionen der Massen unterstützen würde. Um nach außen hin ein Zeichen zu setzen, traten die beiden sozialdemokratischen Minister am Vormittag des 9. November aus der Regierung aus. Es war eine überflüssige Geste, zumal Eber wenige Stunden später die Kanzlerschaft übernehmen würde.

Max von Baden schrieb in seinen Erinnerungen: „Ich sagte mir: die Revolution ist im Begriff, siegreich zu sein; wir können sie nicht niederschlagen, vielleicht aber ersticken. Jetzt heraus mit der Abdankung, mit der Berufung Eberts, mit dem Appell an das Volk, durch die verfassunggebende Nationalversammlung seine eigene Staatsform zu bestimmen. Wird Ebert mir von der Straße präsentiert, dann kommt die Republik, ist es Liebknecht, auch der Bolschewismus.“

Gegen elf Uhr vormittags teilte Wilhelm II. dem Reichskanzler mit, dass er sich entschlossen habe abzudanken und in einer halben Stunde ein entsprechendes Schriftstück unterzeichnen werde.

„Wir versuchten einmal über das andere, den deutschen Kaiser zu erreichen“, heißt es in den Erinnerungen Prinz Max von Badens. „Ein Telephon in der Villa Fraineuse war abgehängt, das andere besetzt. Ich sah mich vor die Wahl gestellt, entweder abzuwarten oder nichts zu tun, oder auf eigene Verantwortung zu handeln. Ich wusste, dass ich formell nicht berechtigt war, ohne Einverständniserklärung des Kaisers die Veröffentlichung vorzunehmen. Aber ich hielt es für meine Pflicht, den mir feststehenden Entschluss des Kaisers bekanntzugeben, solange es noch einen Sinn hatte.“

Da der Rücktritt Wilhelms als Kaiser und nicht auch als König laut Reichsverfassung nicht möglich war, handelte der Prinz eigenständig. „Ich war mir der Schwere der Verantwortung wohl bewusst, als ich dem Wolffschen Telegraphenbüro die nachstehende Erklärung zugehen ließ.

´Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Thron zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des deutschen Volkes, einschließlich der Volksteile, die ihren Eintritt in die Reichsgrenzen wünschen sollten, endgültig festzustellen.´ „

Die Machtübergabe an die SPD

Nachdem die Meldung kurz nach zwölf Uhr mittags die Straßen erreicht hatte, „wurde mir eine sozialdemokratische Abordnung der sozialdemokratischen Partei gemeldet“, schrieb Prinz Max in seinen Erinnerungen.

„Ich empfing die Herren in Gegenwart des Vizekanzlers, der Staatssekretäre Solf, Graf Roedern, Haußmann und des Botschafters Graf Bernstorff. … Herr Ebert begann: `Damit die Ruhe und Ordnung gewahrt werden, haben unsere Parteigenossen uns beauftragt, dem Herrn Reichskanzler zu erklären, dass wir es zur Vermeidung von Blutvergießen für unbedingt erforderlich halten, dass die Regierungsgewalt an Männer übergeht, die das volle Vertrauen des Volkes besitzen. Wir halten es deshalb für nötig, dass das Amt des Reichskanzlers und das des Oberkommandierenden in den Marken durch Vertrauensmänner unserer Partei besetzt werden. Wir haben in dieser Sache sowohl unsere Partei als auch die Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten geschlossen hinter uns. Auch die Truppen sind für uns gewonnen.“

Prinz Max von Baden fragte Friedrich Ebert, ob er bereit sei, den Posten des Reichskanzlers anzunehmen.

Ebert antwortete: „Es ist ein schweres Amt, aber ich werde es übernehmen.“

Ebert, laut Max von Baden „immer noch bemüht, den organisatorischen Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht zu lösen“, gab am Nachmittag zwei Aufrufe heraus, die er als Reichskanzler unterzeichnete. Der erste warb für Ruhe und Ordnung auf den Straßen, der zweite forderte die Mitarbeiter des Staatsapparates auf, weiter ihre Pflicht zu tun.

Nach zwei Uhr traf die schriftliche Erklärung des Kaisers mit der Unterschrift „Wilhelm I.R.“ in der Berliner Reichskanzlei ein. In den fünf Punkten heißt es unter Nummer zwei: „Um Blutvergießen zu vermeiden, sind seine Majestät bereit, als deutscher Kaiser abzudanken, aber nicht als König von Preußen. Seine Majestät wollen auch aus dem Grunde König von Preußen bleiben, um zu vermeiden, dass durch den bei Abdankung erfolgenden gleichzeitigen Abgang der Mehrzahl der Offiziere die Armee führerlos wird und sich auflöst.“

Am frühen Abend des 9. November „zwischen fünf und sechs Uhr ging ich zu Ebert“, schrieb Prinz Max in seinen Erinnerungen. „Ebert sagte zu mir: ´Ich bitte Sie dringend zu bleiben´.

Ich fragte zurück: ´Zu welchem Zweck?´

Ebert: ´Ich möchte, dassSie als Reichsverweser bleiben´. Diese Bitte war in den letzten Stunden von meinen früheren Mitarbeitern wiederholt an mich gerichtet worden.

Ich erwiderte Herrn Ebert: ´Ich weiß, dass Sie im Begriff sind, mit den Unabhängigen ein Abkommen zu treffen, und mit den Unabhängigen kann ich nicht zusammenarbeiten´.

An der Tür wandte ich mich noch einmal zurück: ´Herr Ebert, ich lege Ihnen das Deutsche Reich ans Herz!´

Er antwortete: ´Ich habe zwei Söhne für dieses Reich verloren´.“

Nach Aussage Groeners war dem Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, dem der Kaiser in seinem Schreiben den Oberbefehl über das deutsche Heer anvertraut hatte, das Bündnis mit dem am Schreibtisch Bismarcks sitzenden Vorsitzenden der SPD durchaus nicht sympathisch. Ähnlich empfanden das auch viele Offiziere, die den gelernten Sattler Ebert später als „Matratzeningenieur“ beschimpften und auf Traditionstreffen grölten, Deutschland sei „verebert“ und „versaut“.

In seiner Schrift „Aus meinem Leben“ erinnert sich Paul von Hindenburg 1934 zur Novemberrevolution: „Die befürchtete Erschütterung kündigte sich an. In der Heimat regt es sich mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. Novembereilt General Groener in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muss, wenn man jetzt in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein und schildert die Folgen, wenn man dem Heer sein Haupt nimmt. Umsonst! Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November. Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze, sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen.“

Geheimgespräche im „Continental“

Die SPD-Führung hatte der Abdankung des Kaisers und Königs eine volle Kehrtwendung vollzogen. Sie forderte von ihren Vertrauensleuten, sich an die Spitze der Demonstrationszüge zu stellen und die Aktionen in ihre Hände zu nehmen. Der „Vorwärts“ beeilte sich, nachdem die Betriebe bereits leer standen, mit dem Aufruf zum Generalstreik.

Die Gewerkschaftsführer hatten anderes zu tun, als mit auf die Straßen zu gehen. Der Schriftsteller Arthur Holitscher schrieb, dass er am Vormittag an der Ecke Unter den Linden/Neustädtische Kirchstraße einen von einem Offizier befehligten MG-Posten bemerkt habe. Was er nicht wusste: Genau zu dieser Stunde war im Hotel „Continental“, das sich in besagter Seitenstraße der Lindenallee befand, eine von Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens geleitete Unternehmergruppe mit der Gewerkschaftsführung unter Carl Legien, dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, zusammengetroffen. Sie berieten über ein Bündnis von Gewerkschaften und Wirtschaft, das wenige Tage später von beiden Seiten unterzeichnet wurde.


Nachdem das Volk bereits auf den Straßen war, meldete der sozialdemokratische „Vorwärts“ die Abdankung. Kein Wort vom Generalstreik, der bereits im Gange war. Als die Revolution nicht mehr aufzuhalten war, „schlug“ auch die SPD mit einem Aufruf

Allein der Tatsache wegen, dass Philipp Scheidemann aus einem Fenster des Reichstages auf Drängen führender Sozialdemokraten gegen vierzehn Uhr das Kaiserreich verabschiedete und die „deutsche Republik“ verkündete, soll Ebert einen Wutanfall bekommen haben. Scheidemann beschwichtigte ihn mit dem Hinweis, er habe das Ausrufen der Republik nicht den Linken überlassen wollen. An diesem Tag wurde an vielen Orten die Republik ausgerufen, doch dies durch einen kaiserlichen Staatssekretär im Range eines Ministers und zudem führenden Kopf der SPD, das war ernst zu nehmen. Und er war Liebknecht tatsächlich zuvor gekommen.

Vor dem Stadtschloss der Hohenzollern hatten sich zehntausende Menschen versammelt, die sternförmig in das Zentrum marschiert waren. Gegen 16 Uhr traf Liebknecht ein und rief, auf einem Lastkraftwagen zwischen Schloss und Lustgarten stehend, der Menge zu: „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.“

   

Gewerkschaftschef Karl Legien und Großunternehmer August Thyssen „schmiedeten“ zusammen mit anderen Gewerkschaftsführern und Industriellen an der Zukunft der deutschen Wirtschaft

Rechtsanwalt Karl Liebknecht mit seinem Sohn Wilhelm im Dezember 1918 im Berliner Tiergarten

Indes bereiteten Hermann Duncker und Ernst Meyer die Herausgabe der ersten Ausgabe der Zeitung „Die rote Fahne“ vor. Dazu hatten sie mit bewaffneten Arbeitern Druckerei und Redaktion der Hugenberg-Zeitung „Berliner Lokal-Anzeiger“ besetzt. Zu den im Sitzungssaal versammelten Redakteuren sagte Duncker: „Meine Herren, das Blatt hat sich gewendet. Ihr Blatt muss sich auch wenden!“

An vielen Berliner Litfaßsäulen klebte an diesem Tag auch ein Plakat des Bundes Neues Vaterland, unterschrieben von Rene Schickle, Magnus Hirschfeld, Helene Stöcker und Kurt von Tepper-Laski. Im Text hieß es: „Die bisherige Gesellschaftsordnung hat uns in den Abgrund geführt. … Nur die sozialistische Gesellschaft kann die Völker vor dem Verfall in die Barbarei retten.“ Der Aufruf endete mit den Worten: „Es lebe die demokratische sozialistische Republik!“

Regierungsverweigerer Liebknecht

Am Nachmittag begann die SPD-Führung damit, die Führer der USPD, denen die Massen Verantwortung und Organisation des Aufstandes zuschrieben, für eine Teilnahme an der Regierung zu gewinnen. Sie erkannte die führende Rolle der USPD in der Novemberrevolution an und wusste zudem, welche Bedeutung das Wort des linksradikalen Spartakisten Liebknechts bei den Massen hatte.

Dittmann, Barth und andere Funktionäre der USPD lehnten eine Beteiligung an der Regierung nicht strikt ab, verwiesen aber darauf, dass sich der Parteivorsitzende Hugo Haase noch in Kiel befinde. Da die SPD-Führung auf eine schnelle Lösung dieser Frage drängte, wurde Haase noch am selben Abend per Kurierfahrzeug aus Kiel geholt.

Einer der entscheidenden Fehler Liebknechts bestand darin, dass er von Anfang an ein Zusammengehen mit der SPD in einer sogenannten Volksregierung ablehnte. Damit überließ er das Feld voll und ganz der SPD und widersetzte sich einer dringend notwendigen Aktionseinheit aller linken Kräfte im Land. Als er abends im Reichstagsgebäude von Arbeitern, Soldaten und Matrosen gedrängt wurde, in eine Regierung einzutreten, stellte er konkrete Forderungen: Deutschland solle eine sozialistische Republik sein, die Macht müsse voll in den Händen von gewählten Vertrauensmännern des ganzen Volkes liegen und alle bürgerlichen Mitglieder seien aus der Regierung auszuschließen. Unter diesen Bedingungen würde er bis zum Abschluss eines Waffenstillstandes in eine gemeinsame Regierung eintreten. Forderungen, die weit über die Möglichkeiten zu dieser Stunde hinausgingen.

Nachdem der Parteivorstand der SPD diese Forderungen ablehnte, distanzierten sich USPD-Funktionäre allmählich von Liebknecht. Noch am Abend des 9. November gingen sie auf die Angebote von Ebert und Scheidemann ein. Haase, Barth und Dittmann standen zur Mitarbeit in einer provisorischen Regierung bereit. Auf einer Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am nächsten Tag sollte über die künftige Regierung entschieden werden.

Die SPD setzte ihren in fünfzig Jahren gewachsenen Parteiapparat in Bewegung, um Delegierte wählen oder benennen zu lassen. Viele Unteroffiziere und Feldwebel wurden in der Nacht und am Sonntagmorgen im „Vorwärts“-Gebäude zu Mandatsträgern.

Die Flucht des Kaisers

Der Kaiser indes hatte die Nacht vom 9. zum 10. November vorsichtshalber in seinem Hofzug verbracht, der sich im Morgengrauen in die Niederlande bewegte. Ihm folgte, da flüchtende Monarchen eine Menge mitzunehmen haben, ein zweiter Zug mit Offizieren, Gefolge und Dienerschaft nebst den Hofautomobilen. Zunächst wurde Wilhelm II. in Maastricht begrüßt, wo in Holland im Exil lebende Belgier für eine Protestkundgebung sorgten. Der Zug fuhr weiter nach Maarn, und von dort ging es per Pkw zum Schloss „Huise te Amerongen“, dem Asyl des gestürzten letzten deutschen Kaisers, der bis zu seinem Tod im Jahr 1941 nie wieder nach Deutschland kam, jedoch immer hoffte, wieder in kaiserliche  Ehren eingesetzt zu werden.

Aus einem Fenster des Reichstages (hier nachgestellt) verkündete Staatssekretär und SPD-Vorsitzender Scheidemann am 9. November gegen 14 Uhr die deutsche Republik

Trotz Hunger, Not und Elend für Millionen Frauen, Männer und Kinder im Reich äußerte sich der Evangelische Oberkirchenrat in jenen Tagen: „Wir haben den Weltkrieg verloren. Unerhört grausame Waffenstillstandsbedingungen der übermütigen Feinde haben wir annehmen müssen. Kaiser und Reich, wie es in einer Geschichte ohnegleichen uns teuer und wert geworden war, ist dahin.“

Auch das Ansehen kaiserlichen Hoflieferanten war dahin. Mitleidvoll stellte der „Vorwärts“ zwei Tage später fest: „Jedem zart empfindenden Menschenfreund musste es zu Herzen gehen, wenn er gestern Vormittag die Linden passierte und an zahlreichen Fassaden eleganter Geschäftshäuser fleißige Hände in Tätigkeit sah, die im Auftrag der Inhaber die dort angebrachten Hoflieferantenwappen zu entfernen eifrigst bemüht waren, um an ihrer Stelle rote Fahnen anzubringen.“

Rund dreitausend Arbeiter und Soldaten kamen am Sonntag um 17 Uhr zur Vollversammlung in den Kuppelbau des Zirkus Busch am Bahnhof Börse. Zu den Versammelten sprachen Ebert, Haase und Liebknecht. Doch wie nicht anders zu erwarten, ging die Rechnung der SPD-Führung voll auf. Es wurde ein aus 24 Mitgliedern bestehender Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte gewählt.

  

Mit diesem „Freifahrtschein“. unterschrieben von Liebknecht und Scheidemann, wurde USPD-Vorsitzender Hugo Haase am 9. November von Kiel nach Berlin geholt

Wieder verzichteten die Spartakisten um Liebknecht auf eine Mitarbeit. Da in vielen Orten des Deutschen Reiches die Räte die Macht ausübten, war dieser Verzicht besonders folgenreich. Die Räte verloren überall an Einfluss und gerieten in das Fahrwasser sozialreformistischer Politik. Die Vollversammlung wählte – es gab nur wenige Gegenstimmen – einen „Rat der Volksbeauftragten“, also die Regierung, deren angeblich gleichberechtigte Vorsitzende Friedrich Ebert für die SPD und Hugo Haase für die USPD sein sollten.

Walter Oehme, der in der Reichskanzlei arbeitete, erinnerte sich: „In der Praxis lag die Führung der Regierungsgeschäfte und auch die Leitung der Kabinettssitzungen ausschließlich in Eberts Händen. … Haase machte in Eberts Anwesenheit niemals von seinem Recht, die Kabinettssitzung zu leiten, Gebrauch. … Alle Angelegenheiten, die die Innenpolitik und die Armee betrafen, hatte sich Ebert vorbehalten. … Bei Scheidemann lagen zeitweilig die finanziellen Fragen und dazu die gesamte Arbeit der Presse.“

Kundgebung am Nachmittag vor dem Berliner Schloss. Gegen 16 Uhr rief Karl Liebknecht (hier ein anderer Redner) die sozialistische Republik aus

Für die SPD-Führung und die von ihr dominierte Regierung gab es nichts Wichtigeres, als den erreichten Zustand zu erhalten. Unbehindert betrieb die Berliner Börse am Spreeufer die Geschäfte für das Kapital, das sie bezeichnenderweise bereits am 8. November wieder aufgenommen hatte. Schließlich übergaben Gewerkschaftsführer Carl Legien und Konzernvertreter Raumer vom Zentralverband der elektrotechnischen Industrie am 16. November das am Vortag unterzeichnete Abkommen über die „Arbeitsgemeinschaft“ von Gewerkschaftsführung und Unternehmertum an den Rat der Volksbeauftragten.

Walther Rathenau, einer der Initiatoren dieser Interessengemeinschaft, forderte den Generalsekretär der christlichen Gewerkschaften, Adam Stegerwald, auf, einige tausend Soldaten anzuwerben „zum Schutze von Berlin“. Mittel seien genügend vorhanden. Ende November entstanden so die ersten Freikorps. Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte beschäftigte sich derweil mit der im Augenblick unbedeutenden Frage der militärischen Kleiderordnung.

In der Nacht vom 9. zum 10. November teilte Generalstabschef Wilhelm Groener Ebert telefonisch mit, dass Hindenburg an der Spitze der Obersten Heeresleitung bleibe und Unterstützung des Offizierskorps für Aufrechterhaltung der Disziplin, Verpflegung und bei der Bekämpfung des Bolschewismus erwarte. Ebert ließ dem Generalfeldmarschall danken.

Das letzte Fotos von Wilhelm II. auf deutschem Boden, kurz bevor er mit seinem Hofzug das Land verlässt

Jenes Gespräch wurde am nächsten Abend fortgesetzt und gipfelte in einer Vereinbarung. Jeden Abend zwischen elf und ein Uhr berieten beide per Telefon die unmittelbar nächsten Aktionen. Für diese Gespräche ließen sie sich eine eigene, abhörsichere Leitung legen. Groener erklärte später dazu: „Der Zweck unseres Bündnisses … war die restlose Bekämpfung der Revolution, Wiedereinsetzung geordneter Regierungsgewalt, Stützung dieser Regierungsgewalt durch die Macht der Truppe und baldigste Einberufung einer Nationalversammlung.“

Die Westmächte, allen voran die USA, fürchteten, Ebert könne – ähnlich wie Kerenski in Russland – gestürzt werden und die Macht auf die Räte übergehen. In einer Note bot USA-Präsident Thomas Woodrow Wilson Hilfe an, verbunden mit der Forderung, den Bolschewismus zu verhindern. Die Idee „Bolschewismus oder Brot“ hatte Ebert suggeriert, als er die USA um Nahrungsmittel bat und daran die Verpflichtung band, „dass die öffentliche Ordnung in Deutschland aufrechterhalten und eine gleichmäßige Verteilung der Lebensmittel garantiert wird“.

Ebert lehnte sowjetrussische Getreidelieferungen ab sowie mehrere Angebote nach Herstellung diplomatischer Beziehungen, die am 5. Oktober von deutscher Seite Nach dem „Kistentrick“ brüsk mit der Ausweisung der Diplomaten beendet worden waren. Seine Regierung widerrief nicht einmal den Frieden von Brest-Litowsk, der von sowjetrussischer Seite für null und nichtig erklärt wurde.

Außenpolitisch war zunächst ein Waffenstillstand vereinbart. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger unterschrieb am 11. November in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiegne bei Paris die Kapitulationsurkunde. Der Waffenstillstand trat 11.55 Uhr in Kraft, also fünf Minuten vor zwölf – bis heute ein geflügeltes Wort für „allerhöchste Zeit“. Kirchenglocken läuteten in Berlin die Nachkriegszeit ein.

Die bürgerliche Presse verbreitete Schreckensbilder über eine Spartakusherrschaft. Ein „Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus“ wurde installiert, finanziert u.a. von Großbankier Karl Helffrich. Kaum waren die ersten Opfer der Revolution vom 9. November unter Anteilnahme Hunderttausender auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain beigesetzt, gab es weitere Tote. Am 6. Dezember schossen in der Chausseestraße, Ecke Invalidenstraße, Gardefüseliere aus der berüchtigten „Maikäferkaserne“ einige MG-Salven in eine Demonstration von Arbeitern, die von einer Versammlung aus den Germaniasälen kamen und sich mit weiteren Arbeitern im Zentrum vereinen wollten. 14 Arbeiter wurden getötet, weitere schwer verletzt, unter ihnen der Vorsitzende des Roten Soldatenbundes Willi Budich. Eine Welle von Demonstrationen und Kundgebungen erfasste daraufhin die Stadt.

Auf in die Weimarer Republik

Die Regierung versicherte, sie werde die Schuldigen finden und bestrafen. Doch nichts geschah. Am 10. Dezember begrüßten Ebert, der preußische Kriegsminister Heinrich Scheüch und Berlins Oberbürgermeister Adolf Wermuth in die Stadt einmarschierende Frontsoldaten. Doch die erste Aktion zur „Säuberung der Stadt“ scheiterte, da den Soldaten der Sinn nicht nach „vaterländischer Pflichterfüllung“ stand. Sie wollten nichts weiter als nach Hause.

Schon lange war es Groeners Idee, eine Freiwilligenarmee aufzustellen, um mit ihr ans Ziel zu gelangen. Später schrieb er dazu: „In Wilhelmshöhe wurde nun der Plan wieder aufgegriffen und im Einvernehmen mit Ebert unter der Decke weiterentwickelt.“ Weitere Freikorps entstanden. Groener erklärte später offen, die Herrschenden und ihre Helfershelfer hätten während der Novemberrevolution „die Zügel … aus der Verborgenheit heraus zu lenken verstanden.“

Für den 16. Dezember war ein Reichsrätekongress nach Berlin einberufen, um endgültig die Frage der künftigen Regierungsform zu entscheiden. Wieder ließ die SPD-Führung die Delegierten „handverlesen“, so dass eine starke Mehrheit für die Einberufung einer Nationalversammlung gesichert war. Liebknecht, Luxemburg und andere Spartakusführer wurden nicht delegiert.

So kam es schließlich zu Max Cohens Antrag, am 19. Januar 1919 Wahlen für eine verfassunggebende Nationalversammlung durchzuführen. Auch Gegenstimmen vermochten daran nichts zu ändern. Der Beschluss wurde angenommen, die Absage an die Räterepublik war perfekt.

Mit der Entstehung der Freikorps Ende 1918 verstärkte sich der Mordterror gegen die Linken. Zu den Opfern zählen Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches

Berlin schien Ebert jedoch ein zu unruhiges, deshalb ungeeignetes Pflaster zu sein. In einer Sitzung des „Rates“ am 22. Dezember hatte er davon gesprochen, das aufständische Berlin als Hauptstadt aufzugeben. „Kollegen, so geht es nicht mehr. Das halten ja die stärksten Nerven nicht aus“, akzentuierte er, jedes Wort betonend, in gereizter Stimmung. „Wir müssen heute noch nach Weimar oder Rudolstadt.“ Doch noch fand er dafür keine Mehrheit.

Am 23. Dezember startete das Generalkommando Lequis einen Angriff auf die Volksmarinedivision, die im Marstall ihren Sitz hatte. Das Vorhaben misslang. Einen Tag später, Heiligabend, wurde Artillerie herangeführt und der Marstall beschossen. Wieder gab es Tote, wieder mussten die Militärs zurückstecken.

In seinem letzten Artikel für die „Rote Fahne“, der am 15. Januar 1919, dem Tag seiner Ermordung erschien, kritisierte Karl Liebknecht den Verrat der bewaffneten Arbeiterschaft im Dezember 1918, namentlich auch durch die Volksmarine-Division, welche die kämpfenden Arbeiter im Stich gelassen hatten.

Dennoch hielt die SPD-Führung die Zeit für gekommen, die Männer der USPD aus dem „Rat der Volksbeauftragten“ hinauszudrängen. Am 27. Dezember erklärten Haase, Barth und Dittmann ihren Austritt. Groener, durch seine Vertrautheit mit Ebert einer der bestinformierten Kenner der inneren Vorgänge, schrieb: „Ich muss sagen, die Hinausdrängung der unabhängigen Sozialdemokraten aus der Regierung vollzog Ebert mit einer Geschicklichkeit, die alles, was je ein Kriegsreichskanzler geleistet hatte, in den Schatten stellte und Hochachtung vor seinem politischen Ingenium abnötigte.“

Neue Regierungsmitglieder wurden die SPD-Funktionäre Noske und Wissell.

Angesichts dieser Entwicklung forderten die Linken um Liebknecht und Luxemburg erneut, die USPD möge einen Parteitag einberufen. Weil dies nicht geschah, begann am 29. Dezember im Festsaal des Preußischen Landtages in Berlin die Reichskonferenz des Spartakusbundes. Es wurde beschlossen, eine eigene Partei zu gründen, die Kommunistische Partei Deutschlands – KPD. Danach vertagte sich das Forum, um an der Beisetzung der Matrosen der Volksmarinedivision teilzunehmen. Indes bereitete die SPD die Nationalversammlung in Weimar vor.

Das Jahr 1918 war noch nicht vorbei, als die SPD (u.a. mit diesem Plakat) bereits Kurs auf Weimar nahm

Nach dem Friedensruf aus der Berliner Volksbühne am Beginn des Jahres 1918 endete dieses letzte Jahr des Großen Krieges, der später als Erster Weltkrieg in die Geschichte einging, sowie das Jahr des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik am Silvesterabend mit einem Konzert im Gewandhaus für Arbeiterinnen und Arbeiter in den Leipziger Albert-Hallen. Arthur Nikisch dirigierte die 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens. Das Hauptthema „An die Freude“ ist seit 1985 die Hymne der Europäischen Union, deren höchste Werte diese Musik symbolisiert – Frieden, Freiheit und Solidarität.

Klaus Taubert

(P.S.
Eine Betrachtung der Geschehnisse im Jahr 1918 verdeutlicht, wo die Wurzeln für die unheilvollen nächsten Jahre und den aufkommenden Nationalsozialismus liegen. Einerseits in der beharrlichen Weigerung der linksradikalen Kräfte, Bündnisse für die Herstellung einer Aktionseinheit mit der SPD und anderen demokratischen Kräften einzugehen, andererseits in der „Burgfriedens“-Politik der SPD. Daraus gilt es Lehren zu ziehen.)

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Unsortiert

Immer treu und redlich?

„Üb´ immer Treu´ und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab.“ So erklang die preußische Kaiserhymne per Glockenspiel vom Turm der Potsdamer Garnisonkirche.  Das auch noch am Abend, als Seine Majestät Wilhelm II., den Historiker die größte Fehlbesetzung des 20. Jahrhundert bezeichnen, mit seinen sieben (oder siebentausend?) Sachen, begleitet von einem voll beladenen Güterzug, die Flucht nach Holland antrat. Von der Bühne des Theaters am Nollendorfplatz klang es zur selben Zeit nach der Melodie von Walter Kollo: „Ins Feld muss ich heut noch marschieren, den dem König, dem gab ich mein Wort.“

Nun ist es soweit. Der Aufbau der Potsdamer Garnisonkirche hat begonnen. Feierlich wurde am 29. Oktober 2017 der Grundstein in den Märkischen Sand gelegt. Im Juli 2013 bereits war die Baugenehmigung für die Militär- bzw. Garnisonkirche erteilt worden. Ministerpräsident von Brandenburg war der vormalige SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck. Das Für und Wider zum Turmbau zu Potsdam erfasste die ganze Stadt, die Türmer trugen den Sieg davon.

21-Tempo.jpg

Die Baugenehmigung erfolgte 80 Jahre nach dem berühmt-berüchtigten „Tag von Potsdam“. Im März 1933 begann die nationalsozialistische Regierung in Deutschland ihr Terrorregime zu errichten. Das von den Nazis dominierte Parlament traf sich bezeichnenderweise in der Garnisonkirche, wo Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg per Handschlag Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Die Berliner Abend-Zeitung „Tempo“ (anbei das Titelblatt) bezeichnete dieses Geschehen in der und rund um die Garnisonkirche als „Ausdruck eines geschichtlichen Ereignisses, das den Ausgangspunkt einer neuen Zeit für das deutsche Volk bilden soll.“ Treffender hätte man es nicht formulieren können. Zwei Dinge wäre nachzufragen: Wird Friedrich der Großemit Blick auf die ehemalige Militärkirche wieder seinen alten Platz beziehen? Wir vom Turm bald wieder die Hymne erklingen „Üb´ immer Treu´ und Redlichkeit“, bis in das Parlament…?

2GarnisonkirchePotsd

Nachdem nun auch die Schlösser der Hohenzollern in Berlin und Potsdam wieder stehen, fügt sich die Garnisonkirche lückenlos in das Konzept wiedererstehender preußischer Ruhmeshallen ein. Ich befürchte, dass irgendwer bald den Vorschlag unterbreiten wird, die alte Reichskanzlei wieder aufzubauen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Unsortiert

Abbruchreifes ICC

Dem ICC, jener gewöhnungsbedürftige „Panzerkreuzer“ am Berliner Funkturm, soll der Abriss erspart bleiben. Dafür steht seltsamerweise die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Popp. Mit Geschick wird aus der Berichterstattung der Begriff Asbest ausgespart, um nicht auf das Schicksal des Palastes der Republik verweisen zu müssen, der wegen einer angeblichen Asbest-Gefahr abgerissen wurde. Dabei weiß man längst, dass der in aller Welt gepriesene Mehrzweckbau als Statusobjekt der Honecker-Ära gegen jede Vernunft weichen musste. Im ICC wurde das gleiche englische Asbestspritz-Verfahren genutzt, wie beim Bau des Palastes. Wie mir der Ostberliner Stadtbaudirektor erklärte, habe man viel sparsamer mit dem teuren Asbest umgehen müssen als beim ICC.

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik liefen selbsternannte Wessi-Experten demonstrativ mit Mundschutz durch den Palast der Republik, um sich durch Asbest nicht zu gefährden. Da fragt man sich, warum hatten die von 2015 bis 2017 im ICC untergebrachten Flüchtlinge keinen Mundschutz? Das  1979 für rund eine Milliarde DM, inzwischen technisch verschlissene ICC ist abbruchreif. Statt mehrere hundert Millionen Euro in das Wrack zu stecken, sollte sich die Stadtplanung für dieses Terrain Neues und Zeitgemäßes einfallen lassen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Meinung

Sekt und Soli

Die FDP kämpft in der Koalitionsgesprächen um die Abschaffung des Solibeitrages. Gut so! Bei seiner Einführung hieß es, dass er für wenige Jahre den Aufbau Ost fördern solle. Die Abschaffung des Solibeitrages habe etwas mit Ehrlichkeit gegenüber dem Volk zu tun, heißt es. Zahlreiche Abgeordnete fühlen sich an des einstige Versprechen gebunden und vertreten die Interessen ihrer Wähler.

Vielleicht erinnern sich die Liberalen in diesem Zusammenhang an die hiustorische Beispiele. Zum Beispiel die so genannte Sektsteuer. Kaiser Wilhelm II und sein Kanzler von Bühlow haben die Schaumweinsteuer – so der exakte Name – im Jahr 1902  eingeführt, um das kaiserliche „Lieblingsspielzeug“, die Kriegsflotte, zu finanzieren. Das machte 1905 einen Erlös bei 11 Millionen Sektflaschen von nur 5,5 Millionen Reichsmark aus, die nur zu einem halben Prozent die Rüstungskosten finanzierten. Hitler hat 1939 mit der Sektsteuer die U-Bootflotte stärken wollen, doch auch das brachte so gut wie nichts.

1949 ging die Sektsteuer anstandslos auf den Bund über, der damit z.B. im Jahr 2013 ganze 449 Millionen Euro einkassiert. Trotzdem hält er das alte „vorübergehende“ kaiserliche Gesetz am Leben. Warum also den Soli abschaffen, der dem Bund so viel mehr bringt? An der Sektsteuer sieht man, wie die zu einem bestimmten Zweck eingeführte Pflichtabgabe, nach Fortfall des Zwecks nicht wieder beseitigt wird.

Das muss man der FDP noch beibringen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Meinung, Unsortiert

Was soll die Wippe auf dem Schlossplatz?

Das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal zur Erinnerung an die Reichseinigung von 1871 vor dem alten Berliner Stadtschloss, eingeweiht 1897 durch Wilhelms Enkel Wilhelm, war seiner Zeit geschuldet. Mit Reiterstandbild, Siegesgöttin zu Kaisers Füßen und den schwungvollen Kolonaden hatte es etwas erhaben Majestätisches. Angesichts eines Jahrtausends kleinstaatlicher Trennung deutscher Stämme und Völkerschaften ein wahrlich respektables Bauensemble. Nun gut, es ist weg und wird gottlob auch nicht nachgebaut. Eine Wippe für die Einheit unseres Vaterlandes soll es nun sein, die daran erinnern will, dass ein vorübergehender – historisch: klitzekleiner – Zeitraum der Trennung beendet wurde. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Ohne diesen schaukelnden Zirkuseffekt? „Komm´ auf die Schaukel, Luise“, sang Hans Albers treffend zum Denkmalentwurf.

Als die Einheit von oben feierlich zelebriert wurde, hatte man das einstige Volk der DDR vorsichtshalber nicht gefragt, wenngleich Artikel 65 der damals gültigen Verfassung es geboten hatte: „Entwürfe grundlegender Gesetze werden vor ihrer Verabschiedung der Bevölkerung zur Erörterung unterbreitet. Die Ergebnisse der Volksdiskussion sind bei der endgültigen Fassung auszuwerten“. „Für unser Land“ lautete damals ein Aufruf, dem sich viele Tausend DDR-Bürger angeschlossen hatten, die eine deutsch-deutsche Annäherung auf Augenhöhe forderten. Zudem war es in der DDR ein Straftatbestand, das Land einem anderen Staat einzugliedern. Für Bonn, von wo die Vorgabe für den Anschluss der DDR an die BRD samt Termin der regierenden Ost-CDU vorgegeben wurde, ohne Bedeutung.  Ketzerisch sei darauf verwiesen, dass selbst die Bevölkerung der Krim 2014 die Möglichkeit hatte, sich per Volksentscheid für Russland oder die Ukraine zu entscheiden, wobei 95 Prozent Russland bevorzugten.

Nun soll also eine Wippe daran erinnern, wie die „Ossis“ verschaukelt wurden. Bei aller Freude über die Einheit – ein wirkliches Denkmal, das diesen Namen verdient, sollte an den friedlichen Aufstand der Ostdeutschen erinnern, die erstmals in der deutschen Geschichte eine Revolution siegreich zu Ende gebracht haben. Davon kann im alten Westen keine Rede sein.   

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Meinung

Görlitz – ein Bilderbuch der Baugeschichte

Ein Spaziergang durch Jackie Chans tausendjähriges „Görliwood“

Die Geschichte der Stadt Görlitz ist neben allen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gleichsam eine Spur der Steine durch die Jahrhunderte. Von der mittelalterlichen Handelsmetropole an der Via Regia bis hin zum bevorzugten Wohnort für Beamte, Pensionäre und begüterte Geschäftsleute reicht ihr Ruf. Schon im 19. Jahrhundert bekam Görlitz den Beinamen „Pensionopolis“, weil es vor allem bei preußischen Beamten als Alterssitz beliebt war. Auch heute ziehen zahlreiche Pensionäre, ünerwiegend aus den alten Bundesländern, in die Altstadt von Görlitz. Von Kriegen weitgehend verschont, ist die Stadt harmonisch gewachsen und stellt heute mit rund 4000 schützenswerten Bau- und Kunstwerken das größte zusammenhängende Flächendenkmal in Deutschland dar.  

Görlitz wurde 1071 erstmals von König Heinrichs IV. in einer Urkunde erwähnt, welche die Übergabe des slawischen Dorfes „Goreliz“ als Geschenk an den Bischof von Meißen bestätigt. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelte sich an der Via Regia, der privilegierten Handelsroute von Spanien bis Moskau, eine Ansiedlung von Kaufleuten rund um die Nikolaikirche. Um 1200 entstand im Bereich der heutigen Altstadt eine Stadtanlage.  

Die heutige Ober- und Niederlausitz stand ab 1075 unter der Herrschaft der böhmischen Herzöge und späteren Könige, die mit Unterbrechungen bis 1635 damit auch Stadtherren von Görlitz waren. 1636 wurde Görlitz zusammen mit der Oberlausitz, deren Stände sich im Dreißigjährigen Krieg den aufständischen Böhmen angeschlossen hatten, zum Ausgleich für Kriegsschulden des Kaisers an das Kurfürstentum Sachsen vergeben.  

Zu den bis heute gepflegten humanistischen Leistungen zählt die im Jahr 1779 in Görlitz gegründete „Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften“ als eine der ältesten regionalen deutschen Gelehrtengesellschaften, die zur größten bürgerlichen Gesellschaft ihrer Art in Deutschland heranwuchs.

Eine neue politische Zuordnung gab es nach den Befreiungskriegen. Da das Königreich Sachsen auf Seiten des Franzosen-Kaisers am Krieg teilnahm und erst nach der Niederlage Napoleons zu den Alliierten überlief, wurde es 1815 vom Wiener Kongress ausgeschlossen und musste große Gebietsverluste hinnehmen. So gelangten Görlitz und große Teile der Oberlausitz an Preußen. Diese Zugehörigkeit hatte erheblichen Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt. 1833 wurde das preußische Stadtrecht eingeführt. Unter dem ersten Oberbürgermeister Gottlob Ludwig Demiani, nach dem ein Platz benannt ist, gelangte die Stadt zu neuer Blüte.

Neben den historischen Fakten sind die Bauwerke dieser östlichsten Stadt Deutschlands ein Bilderbuch der Kunstgeschichte, in dem lückenlos die Bauepochen seit dem späten Mittelalter nebeneinander und bisweilen durcheinander aufgereiht sind. Selbst nach Jahrzehnten der Vernachlässigung der alten Bausubstanz sowie eines drohenden und schließlich verhinderten Abrisses zu DDR-Zeiten sind die vielen Profan- und Sakralbauten in einer außerordentlichen architektonischen Qualität erhalten bzw. wiederhergestellt worden. Damit ist Görlitz geradezu ein dreidimensionales Lehrbuch der Architekturgeschichte, ein städtebauliches Kunstwerk von höchster Vollkommenheit, wie es in Deutschland kein zweites Mal zu finden ist.

Das harmonische Miteinander von Gotik, Renaissance und Barock, von Historismus, Gründerzeit und Jugendstil ist auf Schritt und Tritt erlebbar. Wo Requisiteure für historische Filme aufwändig Kulissen bauen lassen, um der Wirklichkeit vergangener Zeiten nahezukommen, nutzen Filmgesellschaften von Hollywood bis Babelsberg das originale Flair von „Görliwood“, um sich den Kulissenbau zu ersparen.

Ein Spaziergang durch die Stadt ist wie der Besuch einer Ausstellung zur Bau- und Kunstgeschichte.

Gö1Hotherturm

Der Hotherturm gehörte zu den 30 Basteien der Stadtmauer von Görlitz und ist die letzte noch erhaltene Eckbastion vor Ort. Entstanden ist der zweigeschossige Turm mit seinem dreiviertelrunden Grundriss in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Gö3AufFelsengebaut

Die alte Stadtbefestigung wurde einst gebaut, als sei sie aus dem felsigen Untergrund, dem so genannten Lausitzer Granitmassiv, herausgewachsen.

Gö4ÜberdieNeiße

Blick über die Neiße in das polnische Zgorzelec

Gö6aPeterskirche

Weithin sichtbar die Pfarrkirche St. Peter und Paul als Wahrzeichen der Stadt. Sie gehört zu den ältesten Kirchenbauten, die  viele andere Kirchen in Sachsen baulich beeinflusst hat.

Gö6RestaurantMühle

Wenn Görlitz die östlichste Stadt Deutschlands ist, dann ist die Vierradenmühle an der Neiße die östlichste Gastwirtschaft. Sie war seit dem 14. Jahrhundert  eine von drei großen Getreidemühlen der Stadt und diente Tuchmachern und Gerbern als Walkmühle. Im Restaurant kann man durch einen gläsernen Fußboden eine Turbine bei der Stromerzeugung beobachten. Bei schönem Wetter wird natürlich auf der Terrasse, hoch über der Neiße serviert.

Gö7Gassen

Auch in den alten kleinen Gassen stehen Häuser aus unterschiedlichen Bauepochen nebeneinander und vermitteln ein Bild des Wandels der Baukunst über die Jahrhunderte.

Gö8Neptunbrunnen

Der Neptunbrunnen auf dem Untermarkt geht auf das Jahr 1756 zurück und wurde vom Steinmetz Johann Georg Mattausch nach einer Zeichnung von Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier gefertigt.

Gö9abrechtsDreifalt

Rechts, neben dem Rathausturm, der Turm der Dreifaltigkeitskirche am Obermarkt. Im Jahr 1234 als Kirche des Franziskanerordens gegründet, stammt der heutige Kirchenbau aus dem 14. Und 15. Jahrhundert. In der Kirche befinden sich einzigartige Kunstwerke. Währe3nd des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR fand auf dem Obermarkt eine Kundgebung mit 30.000 Menschen statt. Der Aufstand wurde, wie überall im Land, durch die sowjetische Besatzungsmacht und von Staatssicherheit und Volkspolizei niedergeschlagen.

Gö10Dreifalt

Blick in das Hauptschiff der gotischen Dreifaltigkeitskirche mit einer Orgel von 1873 aus der berühmten Werkstatt von Friedrich Ladegast, dessen Instrumente im Wiener Musikverein, in der Schlosskirche zu Wittenberg, im Schweriner Dom und anderswo im In- und Ausland stehen. 

Gö11SinnierenderChristus1500

Die Statue des sinnierenden Christus aus dem Jahr 1500 gehört zu den besonderen Kostbarkeiten der Dreifaltigkeitskirche.

Gö12EvangFrauenkirche

Die evangelische Frauenkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche im spätgotischen Stil. Die Kirche lag einst vor den Toren der Stadt, heute inmitten des Zentrums. Die Grundsteinlegung fand 1459 statt. Im Herbst 1989 war sie vor der politischen Wende in der DDR Ausgangspunkt der Friedensgebete in der Stadt.

Gö13BlicküberObermarktmitReichenbacherTurm

Blick über den Obermarkt mit dem 51 Meter hohen Reichenbacher Turm. 1376 wurde der Turm zum Schutz des westlichen Stadttores erstmals urkundlich erwähnt. 1782 wurde die gotische Turmspitze, zu der 165 Stufen führen,  durch eine kupferne Barockhaube ersetzt. Der Turm wird durch die Städtischen Kunstsammlungen betrieben, die auf sieben Etagen Ausstellungen veranstaltet. Bei guter Sicht reicht der Blick von oben bis in das Riesengebirge. 

Gö14Napoleonhaus

Das so genannte Napoleon-Haus. Vom Balkon in der ersten Etage hat Napoleon Bonaparte während seines europäischen Feldzuges 1813 Truppenparaden abgenommen.

Ansichten, in denen die Geschichte der Stadt über die Jahrhunderte erkennbar ist

Gö16Rathaus

Das Görlitzer Rathaus erinnert mit den goldenen Städtenamen Bautzen, Lauban, Löbau, Kamenz und Zittau an den 1346 zusammen mit Görlitz gegründeten Oberlausitzer Sechsstädtebund. Die Gemeinsamkeit der Städte sollte den Landfrieden vor allem gegen das adlige Raubrittertum sichern. Dies war auch im Sinne von Kaiser Karl IV., der die Städte mit zahlreichen Privilegien unterstützte. Die Städte konnten sich in der Folgezeit erfolgreich gegen den Adel durchsetzen, wobei durch ihre wirtschaftliche Prosperität auch ihr politischer Einfluss wuchs.

Der Flüsterbogen befindet sich auf dem Untermarkt und geht auf Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Das beliebte spätgotische Portal besteht aus Krabben, mittigen Kreuzblumen und jeweils einer seitlichen Maske. Durch die Konstruktion des gewölbten Bogens werden Schallwellen gut weitergeleitet. Wer an einem Ende seinem Gegenüber etwas ins Ohr flüstert, wird am anderen Ende verstanden, ohne dass der möglicherweise in der Mitte Stehende davon etwas hört. Für viele Touristen eine Möglichkeit, den Effekt praktisch auszuprobieren.Gö19aJustitia

Das alte Rathaus in Görlitzer Untermarkt mit der weltbekannten Rathaustreppe, einem Kleinod der Renaissance, wurde 1369 erstmals erwähnt. Die freistehende Justitia auf einer gekrönten Säule aus dem 16. Jahrhundert galt als Wahrzeichen der hohen Gerichtsbarkeit des Rates. Weil die Gerichts-Dame keine Augenbinde trägt, behaupten die Görlitzer nicht ohne Stolz, ihre Justitia sei nicht blind.

Gö19AstronUhraltesRathaus

Der alte Rathausturm wurde 1742 durch Blitzeinschlag zerstört. Beim Wiederaufbau wurden zwei Uhren auf der Marktseite angebracht. Die untere Uhr ist in der Mitte des Zifferblattes mit dem Kopf eines Kriegers besetzt. Die darüber befindliche Mondphasenuhr ist Teil des Lunarkalenders.

Die ehemalige Ratsapotheke am Untermarkt zählt zu den bekanntesten Bürgerhäusern in der historischen Altstadt. Der Renaissancebau trägt auf der dem Markt zugewandten Seite zwei Sonnenuhren. Bis 1832 war die Rathausapotheke die einzige Apotheke der Stadt. Im Jahr 1999 begannen die umfangreichen Sanierungsarbeiten im und am Gebäude. Dabei wurde auch das alte schmuckvolle Eingangsportal freigelegt, das über Jahrzehnte zugemauert war. 

In der Landskron-Brauerei am Ufer der Neiße wird seit 1869 Bier gebraut. Damit gehört sie zu den ältesten produzierenden Industriedenkmälern in Deutschland. Das Bier reift 40 Tage lang, länger als üblich, in 18 Metern tiefen Gärungsräumen von 1869, die unter Denkmalschutz stehen. Der typische Gründerzeitbau eignet sich auch gut als Filmkulisse. So drehte Jackie Chan hier Szenen seines Filmes „In 80 Tagen um die Welt“, wobei die Gassen des alten Ziegelbaus als New Yorker Hafenviertel dienten. Der Name Jackie-Chan-Gasse erinnert an die Dreharbeiten.

Das berühmte Jugendstil-Warenhaus Görlitz ist eines der besterhaltenen Warenhäuser aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. 1912 begann der Neubau in Stahlskelettbauweise. Nach neun Monaten Bauzeit wurde das Kaufhaus im September 1913 eröffnet und bis 2009 als Warenhaus betrieben. Nach Aussagen des neuen Besitzers soll das Kaufhaus ab 2018 in alter Schönheit wieder eröffnet werden. Der Regisseur Wes Anderson drehte im Warenhaus 2014 Szenen für seinen Film „Grand Budapest Hotel“.

Gö26Börse

Das Team für den Film „Grand Budapest Hotel“, darunter die Schauspielerin Tilda Swinton und die Schauspieler Willem Dafoe und Ralph Fiennes, quartierte sich während der mehrmonatigen Dreharbeiten im benachbarten Hotel Börse ein.

Gö28Straßburg-Passage

Im Dezember 1908 erfolgte nach sechsmonatiger Bauzeit die feierliche Eröffnung der ebenfalls im Jugendstil errichteten 115 Meter langen Straßburg-Passage zwischen Berliner- und Jakobstraße. Dieses bis heute beliebte Einkaufszentrum der Görlitzer hatte selbst in der DDR als „HO-Passage“ ihren Ruf bewahrt. Nach 1990 übernahm der Enkel des Firmengründers Wolfgang Straßburg die Passage und schuf in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege ein historisches Einkaufszentrum, das den Erfordernissen moderner Verkaufskultur entspricht und sich bei den Kunden und Besuchern großer Beliebtheit erfreut.

Gö29CafeBerlinerStr

Seit April 2012 lädt am sogenannten „Tortenstück“ das traditionsreiche Cafe Central mit seinen zwei gemütlichen Etagen wieder zum Besuch ein.

Gö30abSpätklassiz

Blick auf ein spätklassizistisches Geschäftshaus, vor dem sich die „Muschelminna“ – hier noch in Winterverkleidung – erhaben streckt. Der Entwurfe stammt von Robert Toberentz, einem Breslauer Bildhauer. In der Kunstgießerei Lauchhammer wurde die Bronzefigur gegossen und 1887 auf dem Postplatz eingeweiht. Die „Muschelminna“ wurde 1942 für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Erst 1987 erhielt der Dresdener Bildhauer Friedemann Klos den Auftrag, nach historischen Fotos ein neues Modell zu schaffen. Den Bronzeguss übernahm wieder die Kunstgießerei Lauchhammer, und seit dem 1. Mai 1994 steht die Nachbildung der ursprünglichen Brunnenfigur auf dem Sockel und krönt das architektonische Ensemble.

Gö31HistorPostamt

Zwischen den Jahren 1851 und 1855 wurde auf der Ostseite des Postplatzes, der damals noch ein unbefestigter Rummelplatz war, das erste Postgebäude errichtet. Doch 1887 bekam das Postamt einen repräsentativeren Neubau. Der prunkvolle und mit figürlichem Schmuck verzierte Klinkerbau sollte das wilhelminische Kaiserreich repräsentieren.

Gö31iPostplatz

Im Jahr 1865 zog das Königliche Kreisgericht in den Neubau auf dem Postplatz. Die sachliche Klinkerfassade gegenüber dem Postamt deutet auf die von Schinkel geprägte preußischen Baukultur. Hinter dem Gericht befand sich einst das Gefängnis, auf dessen Hof bis etwa 1900 Hinrichtungen mit dem Handbeil stattfanden.

Gö32JugendstilBahnhof

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der am 1.September 1847 eröffnete Jugendstil-Bahnhof Görlitz ein bedeutender Knotenpunkt im deutschen Fernverkehr. Heute ist der Bahnhof Görlitz nur noch ein Regionalknoten im Personennahverkehr . Auch den Fernverkehr in der einst bedeutsamen Relation (Paris–)Dresden–Breslau(–Warschau) gibt es seit 2004 nicht mehr.

Gö33Gymnasium

Aus einer Bildungsstätte des Franziskanerklosters für Konventsmitglieder wurde infolge der Reformation im Jahr 1530 eine evangelische Lateinschule, die sich Philipp Melanchton verpflichtet fühlte. Der heutige Bau geht auf Karl Friedrich Schinkel zurück, der 1837 mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV.  die alten Klostermauern besichtigte. Dabei fiel die Entscheidung für einen kompletten Neubau der Schule am Standort des Klosters. 1854 wurde der Grundstein für das im Stil des Historismus errichtete Gymnasium gelegt. In der DDR war die Schule nach dem antifaschistischen Künstler Johannes Wüsten  benannt. Seit 1993 heißt sie wieder Augustum und hat den Status eines Gymnasiums mit musischem Profil.

Gö34MarienplatzmitdickemturmFrauenturm

Der 46 Meter hohe Dicke Turm oder Frauenturm auf dem Marienplatz ist ein Teil der historischen Görlitzer Stadtbefestigung. Er wurde im Rahmen der Stadterweiterung 1250 errichtet. Seine Mauerstärke beträgt im unteren Teil bis zu 5,34 Meter. Da die Stadt während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert treu zur Krone stand, wurde ihr vom römisch-deutschen Kaiser Sigismund ein Stadtwappen verliehen. Das Sandsteinrelief am Turm stellt dieses Wappen zusammen mit den zwei Figuren Maria und Barbara dar. Von den ehemals vier großen Wach- und Wehrtürmen sind außerdem noch der Nikolaiturm und der Reichenbacher Turm erhalten.  

Gö37ältestesRenaissancehausDeutschl

Der Schönhof ist das älteste Renaissance-Bauwerk in Görlitz. Das Haus in der Brüderstraße wurde nach einem Stadtbrand im Jahr 1526 von Ratsbaumeister Wendel Roskopf dem Älteren gebaut. Im 15. und 16. Jahrhundert diente es als Repräsentationsgebäude für fürstliche Gäste. Bis heute sind im Obergeschoss noch bauliche Reste einer mittelalterlichen Toilettenanlage mit Wasserspülung zu sehen. 2006 wurde das Haus nach umfassender Restaurierung Sitz des Schlesischen Museums zu Görlitz.

Gö39Handwerk

Alte Handwerkskunst vor dem Hintergrund des schönsten Renaissansbaus der Stadt. Wie eine Szene aus dem späten Mittelalter.

Gö41Nikolaiturm

Der Nikolaiturm, Bestandteil der einstigen Stadtbefestigung, prägte bereits vor der ersten Stadterweiterung im Jahr 1250 das Bild der Stadt. Nach dem Stadtbrand 1717 wurde die ehemals schlanke, steile Spitze durch eine barocke Haube ersetzt. Der Zugang zum Turm erfolgte über die Stadtmauer bzw. über eine außen liegende Treppe. Erst 1752 entstand der ebenerdige Eingang durch die 2,86 Meter dicke Mauer. Von 1969 bis 2015 wurde der Bau von Görlitzer Heimatforschern als Ausstellungs- und Aussichtsturm bewirtschaftet, so wurde eine umfangreiche Sammlung historischer Schlösser, Beschläge und Leuchten aufgebaut. Seit Herbst 2016 betreiben der Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec e.V.  und das Kulturhistorische Museum Görlitz  gemeinsam den Turm.

Gö42HausKirschgrün

Ein Hingucker ist auf jeden Fall die Werbeagentur „Kirschgrün“. Und welche Farbe hat das wunderbar erhaltene Gebäude? Nicht wundern: In der von zwei Damen geleiteten Agentur liebt man Kopfarbeit, die Hand und Fuß hat.

Gö44Bauepochen

Ein Blick über die Stadt, wobei viele unterschiedliche Bauepochen erkennbar sind.

Gö43JesusBäckerei

1992 kaufte Bäckermeister Tschirch zwei Häuser am Nikolaigraben um eine Filiale zu eröffnen. Den Namen „Jesusbäckerei“ hat sich der Bäckermeister nicht ausgedacht, zumal er die Geschichte des Hauses damals nicht kannte. 1489 wurde am Nikolaifriedhof ein Kapellchen gebaut, das 1625 neben den Eingang der Bäckerei versetzt wurde. Da entstand der Name „Kapellenbackhaus“. Es brannte mehrmals ab und wurde immer wieder neu aufgebaut. „Jesusbäcker“ nennen nun die Görlitzer den Bäcker, neben dessen Haustür ein nachgestalteter Bildstock eine Station des Passionsweges Christi darstellt. Alljählich am Tag der Kreuzigung Christi hält die Gemeinde auf dem Weg zum Heiligen Grab in Andacht vor dem Bildstock inne. Dabei reicht der Bäckermeister den Gläubigen ein Salzbrot, auch  „Tränenbrot“ genannt, als Wegzehrung.

Gö46Jägerkas

Die Jägerkaserne am südlichen Rand der Görlitzer Nikolaivorstadt  wird heute von städtischen Ämtern genutzt. An diesem Standort befanden sich bis in die 1840er Jahre Teile der  Stadtbefestigung – darunter der sogenannte Bauzwinger und der Stadtgraben. Nachdem die städtischen Wehranlagen abgetragen worden waren, um das Wachstum der Stadt nicht zu unterdrücken, forderte der preußische Staat die Stadt auf, den Verlust an Wehranlagen durch eine massive Kaserne zu kompensieren. Zwischen 1854 und 1858 errichtete die Stadt schließlich die heutige Jägerkaserne für das 1. Schlesische Jäger-Bataillon Nr. 5. 1990 begann die Stadt mit der denkmalpflegerischen Sanierung und Umgestaltung zu einem modernen Bürokomplex, der heute als zweites Rathaus die technischen Dienste der Stadt beherbergt.

Gö48Kaisertrutz

Im Jahr 1490 wurde das „große Reichenbacher Rondell“, das später den Namen Kaisertrutz erhielt, als eine Bastion der doppelzüngigen Stadtmauer  zur Sicherung der von Westen durch die Stadt verlaufenden Handelsstraße Via Regia gebaut. Im Dreißigjährigen Krieg  kam der Kaisertrutz zu seinem Namen. Die Stadt wurde von den Schweden besetzt und trotzte während einer mehrwöchigen Belagerung den kaiserlichen und sächsischen Truppen. 1932 wurden die Abteilungen Stadtgeschichte und Ur- und Frühgeschichte der Oberlausitz  des damaligen Kaiser-Friedrich-Museums im Kaisertrutz eröffnet. 1948 erfolgte die Wiedereröffnung des Kaisertrutzes. Die archäologische Ausstellung wurde zugunsten der neuen Gemäldegalerie verlegt. Von 1998 bis 1999 wurde unter den Fundamenten ein mittelalterlicher Holzbrunnen aus dem 13. Jahrhunderts entdeckt.

Gö49Filmkulisse

Aus propagandistischer Hoch-Zeit  der DDR stammte der Film zum 100. Geburtstag Ernst Thälmanns, der 1985 gedreht wurde. Für eine Szene des Wahlkampfes Anfang der Dreißigerjahre wurde eine Mauer in der Görlitzer Bergstraße entsprechend hergerichtet. Die Görlitzer haben sich an den Schriftzug gewöhnt, während die jüngeren unter ihnen kaum noch etwas mit dem Namen anzufangen wissen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitgeschichte

Die Pyramide von Döbern

Ein  ungewöhnlicher Glaspavillon in der Niederlausitz

Was haben Paris und Döbern gemein? Die Einwohnerzahl kann es nicht sein, die liegt in Paris bei mehr als 2,2 Millionen und in Döbern bei 3400. Paris liegt an der Seine, Döbern an der Malxe und zudem an der Bundesstraße 115 zwischen Forst und Bad Muskau. Paris hat sich seit Mitte des 3. Jahrhunderts v.u.Z. aus einer keltischen Siedlung entwickelte. Die Gründung Döberns gehört zu den ungelüfteten Geheimnissen der Geschichte.  Paris ist übrigens immer schon eine Stadt. Döbern, zumindest  urkundlich, seit 1969.

Zu Paris gehören neben Eiffelturm und Notre-Dame der Louvre. Millionen Touristen begeistert im Louvre die 1989 eröffnete 21,65 Meter hohe Glaspyramide, durch die man in die weltberühmte Gemäldegalerie gelangt. Bei der Einweihung war Frankreichs Präsident Francois Mitterand dabei. Die Glaspyramide von Döbern – endlich also die Gemeinsamkeit! – ist mit 18 Metern zwar nicht ganz so hoch, aber ebenso eindrucksvoll. Bei ihrer Einweihung 2013 war Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke zugegen.

DSC_1374

Bis zum Ende der DDR gehörte Döbern zu den größten europäischen Produktionsstandorten für Glaswaren. Das Glaswerk, heute Cristalica GmbH, bot einst 2500 Mitarbeiter  der Region Arbeit und Brot. Jeden Tag wurden bis zu 50 Tonnen Glaswaren produziert, geblasen, handgeschliffen und in alle Welt exportiert. Nach der Einführung der Marktwirtschaft stiegen die Preise auf internationales Niveau, der Absatz ging zurück, viele Glasmacher mussten entlassen werden.

Nach mehreren Eigentümerwechseln und einer Insolvenz besteht die Belegschaft heute aus 50 Mitarbeitern. Doch an der  erlesenen Qualität der Erzeugnisse hat sich nichts zum Negativen verändert – im Gegenteil. Döbern sucht, wie viele ehemalige DDR-Unternehmen, denen nach Einführung der Marktwirtschaft der Absatz weggebrochen war, neue Kunden. Dafür bietet die Pyramide als Europas größtes Glaskaufhaus mit seinem erlesenen Ausstellungs- und Verkaufsprogramm auf zweitausend Quadratmetern Fläche in zwei Etagen einen eindrucksvollen Beitrag. Zu den Vorzügen dieser Verkaufsshow mit über 4500 Exponaten gehört, dass im Angebot auch erlesene Leuchter aus Italien gehören, Glasfiguren aus Thüringer Werken, Bleikristall aus Weißwasser und Erzeugnisse aus weiteren Unternehmen der Branche.

Der Zufall führte mich in das architektonische Kleinod aus Glas und Holz. Doch der Aufenthalt währte länger als  beabsichtigt, zumal es nicht allzu schwer fällt, bei der Gelegenheit auch etwas für den eigenen Geschmack mit nach Hause zu nehmen.

Die Verkaufsshow ist – mit fünf Ausnahmen – das ganze Jahr über täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Hier ein kleiner Rundgang: (Übrigens ist der 2,20 Meter hohe Tiger am Eingang der Pyramide aus 420.000 Glassteinen gebaut worden.)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Meine Region, Unsortiert