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Geheimnis Weltall

Seit Mitte März auf dem Weg zum Mars – Kometen sollen unsere Herkunft offenbaren – Auf der Suche nach fremden Kulturen

 

Frühjahr 1910. In Berlin, Wien, den USA – Panik überall. Ein Komet namens Halley näherte sich der Erde, um diese zu vernichten. Vielleicht würde er auch nur vorbeifliegen, aber sein gewaltiger Schweif aus Zyangas würde zumindest alles Leben auslöschen. Massenhysterie, religiöser Wahnsinn, Selbstmorde steigen rapide an. Clevere Geschäftemacher verdienen Millionen an Pillen gegen Kometen-Nebeneffekte und Gasmasken. Vorratsflaschen mit Luft sind Verkaufsrenner. Das Geschäft mit der Angst boomt. Als die Nacht der Kometenbegegnung zum 19. Mai naht, erlebt Wien ein schwaches Erdbeben. Die letzten Tage der Menschheit scheinen angebrochen, fluchtartig verlassen ängstliche Naturen die Städte…

Heute weiß man, dass der nach dem Astronomen Edmond Halley  (1656–1742) benannte Schweifstern ein periodischer Komet ist, der alle 74 bis 79 Jahre wiederkehrt, zuletzt war es 1986. Das nächste Mal in den Sechzigerjahren unseres Jahrhunderts.

Oder – um in der jüngeren Zeit zu bleiben – auch der Selbstmord von 39 Mitgliedern der Heavens-Gate-Sekte im Frühjahr 1997 in Kanada hängt mit einem Kometen zusammen. Im 1995 entdeckten Kometen Hale-Bopp sahen sie die Botschaft einer fremden Zivilisation, der sie sich durch ihren Tod anschließen wollten. Diesem Irrglauben kam zugute, dass Hale-Bopp ein sehr heller und daher auch der am meisten beobachtete Komet des 20. Jahrhunderts ist. Der Komet konnte über einen Zeitraum von 18 Monaten mit bloßem Auge gesehen werden, was erst in mehr als zweitausend Jahren wieder möglich sein wird.

Ein Blick zurück

Astronomen sind im Grunde Weltraum-Historiker. Mit ihren Blicken in das Universum versuchen sie, die Geschichte der Erde zu erforschen. Woher kommen beispielsweise die chemischen Elemente, die das Leben auf der Erde ermöglichen? Bei der Erforschung des Kometen Halley mit Hilfe der Raumsonde Giotto, die sich 1986 in einem gigantischen Experiment bis fast an den Kern des Kometen annäherte und sensationelle Fotos zur Erde sendete, machte die Wissenschaft eine interessante Entdeckung: Im Schweif des Kometen befinden sich Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff, die Grundbausteine des Lebens.

Kometen gehören heute zu den entschleierten Geheimnissen der Natur. Was sie nicht ungefährlicher für die Erde macht. Doch ihre Bahnen sind berechenbar, und Generationen von Wissenschaftlern sitzen über Szenarien, eine rechtzeitig erkannte Gefahr für die Erde abzuwenden.

Das Ende der Dinos

Einmal wenigstens hat die Kollision der Erde mit einem Kometen verheerende Auswirkungen gehabt: Vor 65 Millionen Jahren löschte der Einschlag eines gigantischen Kometen höchstwahrscheinlich auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan 75 Prozent allen Lebens aus. Ihm fielen auch die Dinosaurier zum Opfer. Die Gewalt des Einschlages stellt die Wucht aller heute angehäuften atomaren Sprengsätze in den Schatten.

Zu den weiteren Zeugnissen von Kometeneinschlägen auf der Erde gehört der Krater an der Grenze zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb, dem Nördlinger Ries, dessen 23 Kilometer weiter Durchmesser erst in den 60er Jahren als himmlischen Ursprungs erkannt wurde. Der Einschlag liegt etwa 15 Millionen Jahre zurück.

Aus dem Jahr 1908 hingegen rührt ein riesiger Krater in der sibirischen Taiga. Mit einem weltweit registrierten Schlag bohrte sich am 30. Juni ein Meteor in die russische Erde, der, abgestürzt über dichtbesiedeltem Gebiet Westeuropas, Millionen Opfer gefordert hätte. Eine solche Katastrophe dürfte die Erde nur alle 200 bis 300 Jahre heimsuchen. Doch wer weiß das schon genau?

Nach neuesten Erkenntnissen kollidiert unsere Erde durchschnittlich alle zehn Wochen mit einem außerirdischen Körper von zehn bis 100 Meter Durchmesser. Fast immer explodieren diese Bestandteile aus interaktiven Kometenkernen in der oberen Lufthülle. Jährlich fallen rund 2200 Tonnen Meteoritenstaub auf die Erde.

Die Jupiter-Katastrophe

Ende der Neunzigerjahre ereignete sich eine der größten Explosionen, die je von Menschen in unserem Sonnensystem beobachtet wurden. Der  erstmals im März 1993 auf einem Foto nachgewiesene und nach den Entdeckern Shoemaker-Levy benannte Komet steuerte im Januar 1994 auf den Jupiter zu. Der Planet hatte ihn in seinen Bann gezogen, wobei der Komet in 20 Einzelteile zersprang. Nach  Berechnungen von Experten drohte Mitte Juni eine Kollision mit dem Jupiter. Verschiedene Szenarien wurden entwickelt, eines sah beispielsweise so aus, dass beim Zusammenprall riesige Materie aus dem Jupiter-Gasball herausgeschleudert werden könnte.

Doch es kam anders. Die Kometenteile drangen in die Jupiter-Atmosphäre ein, verursachten bis heute erkennbare Wunden und sanken allmählich in das Innere des Planeten. Wäre statt des Jupiters die Erde das Ziel des Kometen Shoemaker-Levy gewesen, hätte die gigantische Kollisionsenergie alles Leben auf der Erde ausgelöscht.

Die Tränen des Laurentius

Die Wildecker Herzbuben besingen sie als romantische Erscheinung: Die Tränen des Laurentius. Tatsächlich sind es Absplitterungen des Kometenkerns, Sternschnuppen genannt, die zu Hunderten in die Erdatmosphäre eindringen und zu meist in einer Höhe von 80 bis 90 km in einem Feuerstreif verglühen. Sie stammen von dem 1862 von Lewis Swift und Horace Tuttle entdeckten Kometen Swift-Tuttle, der die Umlaufbahn der Erde schneidet und dabei Meteorschauer, die Perseiden, auslöst. Das erfolgt im Monat August, in dem besonders viele Sternschnuppen am Himmel zu sehen sind.

Wer zum Himmel schaut, blickt in längst vergangene Zeiten. Denn das Licht der Sterne, die uns oft so nah und vertraut scheinen, braucht sehr lange, um unser Auge zu erreichen. Beispielsweise sehen wir den Antares, das ist der hellste Stern im Sternbild Skorpion, so, wie er sich Ende des 15. Jahrhunderts präsentierte. Vielleicht gibt es den gar nicht mehr, denn der Stern ist soweit von uns entfernt, dass sein Licht 500 Jahre braucht, um unser Auge zu erreichen.

Erfolgreiche Landung auf Kometen

Ein erfolgreiches, rund eine Milliarde Euro teures Experiment stellt die Entwicklung der Sonde Rosetta dar. Sie wurde von 17 Nationen, darunter Deutschland, entwickelt und am 2. März 2004 von der Europäischen Weltraumbehörde ESA mit einer Ariane-Rakete von Französisch Guyana aus gestartet. Die Sonde sollte mit Vorbeiflügen an Mars und Erde den notwendigen Schwung holen und sich danach dem 1969 im Institut für Astrophysik in Alma-Ata entdeckten Kometen Tschurjunow-Gerassimenko, annähern. Durch die ungewöhnliche Form des Kometen wird angenommen, dass „Tschuri“ aus zwei Teilen besteht, die vor 4,5 Milliarden Jahren mit geringer Geschwindigkeit zusammengestoßen sind, so dass sie in der Form einer Bade-Ente zusammenblieben.

Mit diesem Projekt wurde erstmals ein Komet von einer Raumsonde begleitet, die zudem erstmals einen so genannten Lander darauf platziert. Gesteuert wird die Sonde vom ESA-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt. Seit August 2014 umkreiste sie den Kometen und setzte am 12. November 2014 aus wenigen Kilometern Höhe den Lander „Philae“  ab, der auf der Kometenoberfläche aufsetzte. Die von dort übermittelten Daten sollen u.a. Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des frühen Sonnensystems  erlauben. Außerdem wird das Kometen-Eis auf organische Verbindungen wieAminosäuren untersucht, um dem Geheimnis nach der Herkunft des Lebens näher zu kommen. Zum Ende der Mission im September 2016 soll Rosetta als Verbindungsglied zur Erde auf der Kometenoberfläche niedergehen.

Auf zum Mars

Nach mehrerer Landungen technischen Gerätes sowie von Astronauten durch die UdSSR und den USA Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre auf dem Mond, haben die Weltraumforscher weitere Ziele ins Auge gefasst. Am 14. März 2016 startete die erste gemeinsame Mission „ExoMars“ der Europäischen Union (ESA) und Russlands (Roskosmos) zum Nachbarplaneten. Eine Proton-M-Rakete hat am 14. März 2016 planmäßig vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur abgehoben.

Die Proton-M-Rakete bringt eine Forschungssonde (Trace Gas Orbiter – TGO) zum Mars, die wertvolle Daten über die Atmosphäre des Roten Planeten sammeln und zur Erde senden soll. Der Landemodul soll in die Atmosphäre eintreten und von dort auf der Planetenoberfläche landen.

​Die Mission besteht aus zwei Etappen. Nach einem siebenmonatigen Flug soll der 3,5 Meter große, rund vier Tonnen schwere Sonde bis mindestens 2022 als Wissenschaftssatellit um den Mars kreisen und die Mars-Atmosphäre auf Spuren von Methan und die Verteilung von Wassereis auf dem Marsboden untersuchen.

2018 soll mit einer weiteren Proton-M-Rakete ein Forschungsfahrzeug zum Mars geschickt werden, das von der Erde aus gelenkt werden kann.

Abstecher zum Pluto

Im Juli 2015 sauste die im Januar 2006 vom Luftwaffenstützpunkt Cape Canaveral gestartete Nasa-Sonde „New Horizons“ am Zwergplaneten Pluto so nah wie bis dahin noch keine Sonde vorbei. 2007 hatte sie  bei einem „Flyby“-Manöver an Jupiter noch einmal richtig Tempo aufgenommen, was rund fünf Jahre Reisezeit zu Pluto sparte. Zur Energieversorgung nutzte sie eine Atombatterie, einen mit elf Kilogramm Plutonium-238 bestückten so genannten Radioisotopengenerator. Die Nasa-Sonde ist in einem Abstand von 12.500 Kilometern am Planeten vorbeigeflogen.

„New Horizons“ hat Pluto und den Mond Charon fotografiert. Sieben Messgeräte erkundeten Pluto, der etwas kleiner ist als unser Erdmond und dem der Status eines Planeten aberkannt worden war. Die Sonde lieferte aus einer Entfernung von 4,7 Milliarden Kilometer Fotos zur Erde und analysierte die chemische und mineralogische Zusammensetzung des Himmelskörpers. Rund viereinhalb Stunden brauchen die Funksignale bis zur Erde.

Die erste solide Größenbestimmung des Pluto ergab einen  Durchmesser von 2370 Kilometer, wobei die Fehlertoleranz bei 20 Kilometern liegt. Damit ist der Zwergplanet größer als alte Schätzungen annahmen. Die Messungen ergaben auch, dass der Anteil an Eis etwas größer ist als bisher vermutet, wobei das Material an den Polen sich sehr stark von dem in den dunklen Regionen unterscheidet, das aber noch nicht klar definiert werden kann.

Gruß an fremde Kulturen

Die kleinen grünen Männchen vom Mars gehören längst in das Reich der Fantasie. Auch auf anderen Planeten unseres Sonnensystems dürfte kaum intelligentes Leben zu finden sein. Soviel hat die Wissenschaft herausgefunden, dank auch zahlreicher Beobachtungsstationen und -geräte im All. Dennoch hat die Erde vor etwa 75 Jahren eigentlich unfreiwillig  begonnen,  mit seinen Radiowellen, die sich mit einer Geschwindigkeit von 300.000 km/Sekunde ausbreiten, Informationen in das All zu senden.  

Ein gezielter Versuch zur Kontaktaufnahme mit außerirdischer Intelligenz wurde 1974 eingeleitet, indem Informationen über unser Sonnensystem und die Erde vom größten Radioteleskop in Puerto Rico gesendet werden. Das Ziel ist ein Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules. Doch man wird sich in Geduld fassen müssen, denn der Weg dorthin dauert selbst mit Lichtgeschwindigkeit 25.000 Jahre. Und sollte wirklich eine Antwort kommen, dann frühestens in 50.000 Jahren. Zudem wurden mehrere Raumsonden mit ähnlichen Informationen ausgestattet und in das Universum geschickt. Andererseits wird der Weltraum mit riesigen Teleskopantennen abgelauscht, um eventuell Signale von fremden Kulturen aufzufangen. Bisher ohne Erfolg.

Leben bei den „Roten Zwergen“?

In die Suche nach Leben im Weltall mit Radiowellen werden derzeit weitere 20.000 Sternensysteme einbezogen. Dabei sind Planeten im Visier, die sogenannte Rote Zwerge umkreisen. Das sind kleine Sterne, in deren Inneren mittels Kernfusionen – die Energieerzeugung der Zukunft auf der Erde – Wasserstoff in Helium umgewandelt wird. Sie sind im Schnitt Milliarden Jahre älter als unsere Sonne. Das Umfeld der Roten Sterne galt bislang als nicht lohnendes Gebiet für die Suche nach Leben im All. Neue Daten haben die Forscher umdenken lassen. Aus einer Liste von 70.000 Roten Zwergen werden 20.000 ausgewählt und die sie umkreisenden Himmelskörper systematisch abgehört.

Die Forschung lässt sich davon leiten, dass die Planeten, die innerhalb dieser Zonen um einen Roten Zwerg kreisen, sich nicht gleichzeitig um sich selbst drehen. Danach wäre die eine Seite des Planeten konstant hell und heiß, die andere permanent dunkel und kalt. Dennoch könne die Hitze von der einen Hälfte  zum Teil auf die andere Seite übergeleitet werden, so dass ein größerer Teil dieser Planeten als bislang angenommen bewohnbar wäre.

 

 

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Wie die SED die Kunst „auf Linie“ zwang

Vor 65 Jahren wurde mit dem Formalismus „aufgeräumt“

Lange vor der berühmten „Kahlschlagrede“ Erich Honeckers auf dem berüchtigten Dezemberplenum der SED 1965 zur Disziplinierung der DDR-Künstler gab es bereits im März 1951 einen Rundumschlag gegen Kunst und Literatur in der jungen DDR. (siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2015/11/22/honeckers-kahlschlag-rede/)

Mit dem Kampf gegen Formalismus in Kunst und Literatur startete die SED vor 65 Jahren die bis dahin größte Attacke, um die Künstler des Landes „auf Linie“ einzuschwören. Unter dem Begriff des Formalismus war jedes auch nur im Detail vom „sozialistischen Realismus“ Moskauer Prägung abweichende Kunstwerk – sei es als Buch, Bild, Skulptur, Musik oder Inszenierung – als vom Kulturverfall des angloamerikanischen Imperialismus geprägt zu verunglimpfen.

Von den „Göttern“ lobend erwähnt

Natürlich war auf der Tagung des ZK der SED vom 15.-17- März erst einmal alles Positive zu nennen, bevor man die Abrechnung mit den „Abweichlern“ vornahm. Als positive Beispiele wurden die Werke von Arnold Zweig, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Bernhard Kellermann, Friedrich Wolf, Willy Bredel, Erich Weinert, Hans Marchwitza, Bodo Uhse, Stephan Hermlin, Kuba, Kantorowicz genannt, die zum Teil nach 1945, zum Teil während der Emigration geschrieben wurden. Diese Werke hätten an der Bewusstseinsänderung einen bedeutenden Anteil. In der Filmkunst nannte Hans Lauter als Partei-Referent die Streifen „Unser täglich Brot“ (Slatan Dudow), „Die Buntkarierten“ und „Der Rat der Götter“ (Kurt Maetzig), und die „Die Sonnenbrucks“ (Georg C. Klaren). Die Bühnenwerke „Du bist der Richtige“ (von Gustav von Wangenheim für die FDJ geschrieben) und „Golden fließt der Stahl“ (Karl Grünberg) fanden lobende Erwähnung. Mit dem „Mansfelder Oratorium“ (Stephan Hermlin, Ernst-Hermann Meyer) hätten seine Schöpfer sogar ein Werk geschaffen, das einen besonderen Platz im kulturellen Leben der DDR einnehme.

Zurückbleiben durch Formalismus

Andererseits seien viele Kulturschaffende in ihren künstlerischen Leistungen noch weit  „hinter den Forderungen des Tages, hinter den Forderungen der Epoche“zurückgeblieben. Die Hauptursache für das Zurückbleiben von Kunst und Literatur könne nicht in der ungenügenden Behandlung von Gegenwartsthemen gesucht werden. Die Ursache müsse in den Auffassungen der Kulturschaffenden selbst liegen. Als solle „Zurückbleiben“ das Unwort des Jahres werden, hieß es im Referat: „Wenn wir die Lage von Kunst und Literatur überprüfen, dann finden wir, dass die Hauptursache für das Zurückbleiben darin liegt, dass in der Kunst der Formalismus noch stark vorhanden ist und z. T. sogar herrscht. Die Hauptursache liegt also im Vorhandensein und in der Herrschaft des Formalismus in der Kunst. Daraus ergibt sich das Zurückbleiben der künstlerischen Leistungen hinter den Aufgaben des Volkes.“

„Viele der besten Vertreter der modernen deutschen Kunst“ stünden in ihrem Schaffen vor dem großen Widerspruch zwischen einem neuen Inhalt und den unbrauchbaren Mitteln der formalistischen Kunst. Um einen neuen Inhalt zu gestalten, müsse man den Formalismus überwinden. Formalismus bedeute nicht nur Verleugnung der grundlegenden Bedeutung des Inhalts, des Grundgedankens im Kunstwerk; Formalismus bedeute auch Zerstörung der künstlerischen Form und damit Zerstörung der Kunst selbst. Die Formalisten, so wird geschlussfolgert, leugneten die bedeutende Rolle des Inhaltes eines Kunstwerkes. Damit werde der Grundsatz verlassen, dass die Kunst eine Form der Erkenntnis der Wirklichkeit sei. „Die Leugnung der grundlegenden Bedeutung des Inhalts, des Gedankengutes eines Kunstwerkes führt weiter unweigerlich zur Abstraktion in der Form. Abstrakte Formen aber, ganz gleich ob es sich um Malerei, Plastik, Architektur, Musik, darstellende Kunst oder Literatur handelt, sind künstlerische Gestaltungsformen, die der Wirklichkeit widersprechen.“

Kitsch als imperialistischer Kulturzerstörer

Das wichtigste Merkmal des Formalismus bestehe darin, unter dem Vorwand. Neues zu entwickeln, den völligen Bruch mit dem klassischen Kulturerbe zu vollziehen. Das führe zur Entwurzelung der nationalen Kultur, zur Zerstörung des Nationalbewusstseins, fördere den Kosmopolitismus und bedeute damit eine Unterstützung der Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus. Für den Formalismus sei  die Abkehr von der Volkstümlichkeit der Kunst kennzeichnend, das Verleugnen des Prinzips, dass die Kunst Dienst am Volke sein müsse.

Und dann feste drauf: „Die imperialistischen Kulturzerstörer wenden als Waffe zur Vergiftung des Bewusstseins und des Geschmacks der werktätigen Massen in breitestem Maße den Kitsch an. Ich brauche nicht an die pornographischen Magazine, Verbrecherromane, Wildwestfilme usw. zu erinnern, obwohl gerade diese Mittel in einem Ausmaß hergestellt und verbreitet werden, wie das bisher noch nie der Fall war.“

Jazz verdirbt den Geschmack

„Wir dürfen aber nicht übersehen“, heißt es im Referat, „dass auch bei uns in der DDR der Kitsch noch eine sehr ernste Gefahr darstellt. Auch die Jazzmusik soll dazu beitragen, den Geschmack am Schönen zu verderben und die Pflege der alten Volkskunst und des klassischen Kulturerbes zu vernachlässigen. Es gibt auch einige Filme, die sehr stark an Kitsch erinnern.“ Als Beispiele werden genannt: „Träume nicht, Annette“ (E. Klagemann, H. Weiss), „Das Mädchen Christine“ (A.M. Rabenalt) und „Saure Wochen – frohe Feste“ (W. Schleif). „Diese Filme entsprechen nicht den Anforderungen, die wir an eine fortschrittliche Filmproduktion stellen. Wir müssen stets davon ausgehen, dass jeder Film, auch jeder Lustspielfilm, in Bezug auf die Beeinflussung der Massen eine hohe kulturell-erzieherische Aufgabe zu erfüllen hat. Vom Standpunkt des Kitsches aus müssen aber auch ernstlich die Filme überprüft werden, die noch aus der alten Ufa-Produktion stammen, oder die Filme, die wir im Austausch aus dem Westen übernehmen und bei uns aufführen.“

Aber noch viel mehr als im Film ist der Kitsch in der sogenannten Kleinkunst, im Kabarett, im Variete und besonders bei den Ansagern in sogenannten „Kulturveranstaltungen“ vorhanden. „Ich betone hier so genannte Kulturveranstaltungen. Die Veranstalter solcher Abende sollen sich nicht wundern, wenn sie eines Tages von den Werktätigen ausgepfiffen werden. Es gibt bereits solche Beispiele. Es ist notwendig, daß wir sie mehr als bisher in der Presse veröffentlichen.“ Am schlimmsten sei es auf dem Lande und in Ferien- und Erholungsheimen. Was da mitunter bei sogenannten Kulturveranstaltungen an widerlichen Sachen, die an die niedrigsten Instinkte appellieren, geboten werde, dürfe unter keinen Umständen mehr zugelassen werden.

Formalist Max Linger

Ein Beispiel des Formalismus in der Malerei sei das Wandbild von Horst Strempel im Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Bei den dort dargestellten Personen fehlten nicht nur die „charakteristischen Merkmale unserer besten Menschen“, die sich mit aller Kraft für die Erfüllung der Aufgaben einsetzen. Die dort dargestellten Personen seien unförmig proportioniert und wirkten sogar abstoßend. Solche Menschen existierten in Wirklichkeit nicht, sondern nur in der Vorstellung des Künstlers. So sehe, abstrakte Kunst aus.

„Weil es solche Menschen in Wirklichkeit gar nicht gibt, und weil solche Figuren wie auf dem Wandbild erst recht nicht als typische Verkörperung des Fortschritts und des Aufbaues dienen können, darum kann eine solche Kunst auch nicht den Fortschritt und den Aufbau zum Ausdruck bringen.“

Es gebe aber auch Arbeiten von Max Lingner, wie den Einband für den Volkskalender 1951, die formalistische Züge tragen.

„Unharmonischer“ Paul Dessau

Ein Beispiel des Formalismus auf dem Gebiete der Musik sei die im Jahre 1950 in Dresden aufgeführte Oper „Antigonae“, deren Musik  unmelodisch, sogar abstoßend und geräuschvoll mit Schlaginstrumenten ausgestattet gewesen sei. Was könne eine solche „Musik“ durch ihr Einwirken auf das Gefühl, auf das Empfinden, auf das Bewußtsein, auf den Willen der Menschen auslösen? „Sie kann nur den Geschmack der Menschen verwirren. Eine solche Musik ist nicht dazu angetan, unsere demokratische Kultur vorwärts zu bringen. Man habe es gar nicht nötig, Beispiele des vergangenen Jahres heranzuziehen. Die Musik der Oper „Das Verhör des Lukullus“ (Paul Dessau) sei ebenfalls ein Beispiel des Formalismus. Sie sei meist unharmonisch, mit vielen Schlagzeugen ausgestattet, und erzeuge ebenfalls Verwirrung des Geschmackes.

„Eine solche Musik, die die Menschen verwirrt, kann nicht zur Hebung des Bewußtseins der Werktätigen beitragen, sondern hilft objektiv denjenigen, die an der Verwirrung der Menschen ein Interesse haben. Das aber sind die kriegslüsternen Feinde der Menschheit. Durch eine solche Musik, die nicht an unser klassisches kulturelles Erbe anknüpft, kann man selbstverständlich nicht unsere neue demokratische Kultur entwickeln, die die Demokratie und den kämpferischen Humanismus zum Inhalt hat.“

Ein Beispiel dafür, wie durch die falsche Inszenierung einer klassischen Oper der Formalismus zum Ausdruck komme, sei die Aufführung der Oper „Ruslan und Ludmilla“ in der Deutschen Staatsoper Berlin. Wenn in einer Oper oder in einem anderen Bühnenwerk das Leben eines Volkes dargestellt werde, dann müssten die Charaktere auch für das Volk und die Zeit der Handlung typisch sein und den Ideen des Autors entsprechen. Ähnliche Fehler seien auch bei anderen Bühnenwerken, z. B. der Oper „Undine“ und dem Ballett „Don Quichotte“ gemacht worden. Darüber hinaus kommee der Formalismus auf der Bühne auch in der „unverständlichen, geheimnisvollen, ins Unwirkliche gehenden Gestaltung vieler Bühnenbilder“ zum Ausdruck.

Kunst unter staatliche Kontrolle

Es erhebe sich die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, die Bildung einer Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten vorzunehmen, schlussfolgert der Redner. Es zeige sich immer deutlicher, dass die Arbeit der Theater, der Einrichtungen für Musik und Gesang, der Institute der Bildenden Kunst und die Anleitung der Kunst-, Hoch- und Fachschulen im Rahmen eines Ministeriums für Volksbildung, das eine sehr breite Aufgabe hat, nicht zu bewältigen sei. Darum sei die Zeit gekommen, die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten zu bilden.

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Honeckers „Kahlschlag“-Rede

Vor 50 Jahren gingen die Gegner von Reformen in der DDR in die Offensive

 

Auszug aus Erich Honeckers „Kahlschlag“-Rede am 15. Dezember 1965 auf dem 11. Plenum des ZK der SED, die einer von Ulbricht eingeleiteten liberaleren Jugendpolitik ein Ende bereitete und dem „Tauwetter“ auf vielen Gebieten von Kunst und Kultur Einhalt gebot. Der orthodoxe Apparatschik-Flügel um „Kronprinz“ Honecker fürchtete um seinen Einfluss in der Wirtschaft, unter der Jugend, in Kultur und Gesellschaft insgesamt. Im Grunde zielten Honeckers Angriffe, die von seinem Jagdfreund, dem Kreml-Chef Leonid Breshnew unterstützt wurden, auf die von Ulbricht eingeleiteten Wirtschaftsreformen, die sich vom sowjetischen Weg einer strengen zentralistischen Regulierung unterschieden und in einem Land des Warschauer Vertrags der Volkswirtschaft erstmals Möglichkeiten marktwirtschaftlichen Wirkens eröffneten.

Da dieses 11. Plenum eigentlich den Perspektivplan der Volkswirtschaft behandeln sollte, suchte Honecker den Weg über Nebenschauplätze, um Ulbrichts Politik zu unterminieren. Wenige Tage zuvor hatte sich der Hauptakteur der Reformpolitik, der ehemalige Raketenspezialist unter Wernher von Braun und in der Sowjetunion, Erich Apel, das Leben genommen (siehe auch: „Das tragische Ende eines Reformers – Zum Freitod Erich Apels“ und „Das Ende einer Ära – Wie Honecker und Co. Wirtschaftsreformen  in der DDR  verhinderten“).

Anfang der Siebzigerjahre waren mit Honeckers Machtantritt die Reformen endgültig gescheitert. Eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die sich über Jahre mit der müsam geschaffenen Substanz über Wasser hielt, führte in Verbindung mit der zentralisierten Bevormundung eines unkontrollierten Parteiapparates zum Scheitern des Experiments „entwickelte sozialistische Gesellschaft“.

Hier der Auszug aus der mehrstündigen Rede Honeckers, die die DDR veränderte: (Zwischenüberschriften und Hervorhebungen im folgenden Rede-Ausschnitt Honeckers entstammen dem „Neuen Deutschland“ vom 16. Dezember 1965)

„Ein sauberer Staat mit unverrückbaren Maßstäben

Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte. Unsere Partei tritt entschieden gegen die von den Imperialisten betriebene Propaganda der Unmoral auf, die das Ziel verfolgt, dem Sozialismus Schaden zuzufügen. Dabei befinden wir uns in voller Übereinstimmung mit der Bevölkerung, der DDR und der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Westdeutschland. In den letzten Monaten gab es einige Vorfälle, die unsere besondere Aufmerksamkeit erforderten. Einzelne Jugendliche schlossen sich zu Gruppen zusammen und begingen kriminelle Handlungen; es gab Vergewaltigungen und Erscheinungen des Rowdytums. Es gibt mehrere Fälle ernster Disziplinverstöße beim Lernen und in der Arbeit. Studenten, die zum Ernteeinsatz waren, veranstalteten Saufgelage im Stile des westdeutschen reaktionären Korpsstudententums. Die Arbeitsmoral während des Einsatzes war bei einigen Gruppen von Studenten schlecht. Hier zeigt sich wiederum der negative Einfluss von Westfernsehen und Westrundfunk auf Teile unserer Bevölkerung. Wir stimmen jenen zu, die feststellen, dass die Ursachen für diese Erscheinungen der Unmoral und einer dem Sozialismus fremden Lebensweise auch in einigen Filmen, Fernsehsendungen, Theaterstücken, literarischen Arbeiten und in Zeitschriften bei uns zu sehen sind. Es häuften sich in letzter Zeit auch in Sendungen des Fernsehfunks, in Filmen und Zeitschriften antihumanistische Darstellungen. Brutalitäten werden geschildert, das menschliche Handeln auf sexuelle Triebhaftigkeit reduziert.

Den Erscheinungen der amerikanischen Unmoral und Dekadenz wird nicht offen entgegengetreten. Das gilt besonders für den Bereich der heiteren Muse und der Unterhaltung, für einzelne literarische Arbeiten und leider auch für viele Sendungen im „DT 64″. In einigen während der letzten Monate bei der DEFA produzierten Filmen, „Das Kaninchen bin ich“ und „Denk bloß nicht, ich heule“, im Manuskript des Bühnenwerkes „Der Bau“, veröffentlicht in „Sinn und Form“, in einigen Fernsehproduktionen und literarischen Veröffentlichungen zeigen sich dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen. In diesen Kunstwerken gibt es Tendenzen der Verabsolutierung der Widersprüche, der Missachtung der Dialektik der Entwicklung, konstruierte Konfliktsituationen, die in einen ausgedachten Rahmen gepresst sind. Die Wahrheit der gesellschaftlichen Entwicklung wird nicht erfasst. Der schöpferische Charakter der Arbeit der Menschen wird negiert. Dem einzelnen stehen Kollektive und Leiter von Partei und Staat oftmals als kalte und fremde Macht gegenüber. Unsere Wirklichkeit wird nur als schweres, opferreiches Durchgangsstadium zu einer illusionären schönen Zukunft — als „die Fähre zwischen Eiszeit und Kommunismus“ (Heiner Müller: „Der Bau“) angesehen. Einige „Philosophen des Widerspruchs“ behaupten, sie hätten die Fähigkeit für sich allein gepachtet, Konflikte aufzuspüren und zu verallgemeinern. Sie tun fast so, als könnten die Menschen durch die Popularisierung von Schwierigkeiten leben und satt werden. …

Kein Platz für spießbürgerlichen Skeptizismus

Im Namen einer „abstrakten Wahrheit“ konzentrieren sich diese Künstler auf die Darstellung von angeblichen Mängeln und Fehlern in der Deutschen Demokratischen Republik. Einige Schriftsteller sind der Meinung, dass die sozialistische Erziehung nur durch die summierte Darstellung von Mängeln und Fehlern erfolgreich sein kann. Sie bemerken nicht, dass die Wirkung ihrer Kunstwerke nach rückwärts zerrt und die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Werktätigen hemmt. Wie soll denn eine Ideologie des „spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer“ den Werktätigen helfen? Den Anhängern dieser Ideologie, die halbanarchistische Lebensgewohnheiten vertreten und sich darin gefallen, viel von „absoluter Freiheit“ zu reden, möchten wir ganzen offen erklären: Sie irren sich, wenn sie die Arbeitsteilung in unserer Republik so verstehen, dass die Werktätigen die sozialistisch Gesellschaftsordnung aufopferungsvoll aufbauen und andere daran nicht teilzunehmen brauchen, dass der Staat zahlt und andere das Recht haben, den lebensverneinenden, spießbürgerlichen Skeptizismus als alleinseligmachende Religion zu verkünden. Es gibt eine einfache Rechnung: Wollen wir die Arbeitsproduktivität und damit den Lebensstandard weiter erhöhen, woran doch alle Bürger der DDR interessiert sind, dann kann man nicht nihilistische, ausweglose und moralzersetzende Philosophien in Literatur, Film, Theater, Fernsehen und in Zeitschriften verbreiten. Skeptizismus und steigender Lebensstandard beim umfassenden Aufbau des Sozialismus schließen einander aus. Und umgekehrt: Eine von unserer sozialistischen Weltanschauung ausgehende vielfältige, lebensnahe, realistische Kunst und Literatur sind gute Weggefährten und Wegbereiter für die arbeitenden Menschen in unserer Deutschen Demokratischen Republik.

Die aktive Rolle der Kunst und Literatur besteht gerade darin, die Überwindung der Widersprüche auf der Grundlage unserer sozialistischen Bedingungen im bewussten Handeln der Menschen durch die konstruktive Politik von Partei und Staat künstlerisch zu erfassen.

Wir sind selbstverständlich nicht gegen die Darstellung von Konflikten und Widersprüchen, wie sie beim Aufbau des Sozialismus auftreten. Wir sind nicht für eine oberflächliche Widerspiegelung der Wirklichkeit. Uns geht es um den parteilichen Standpunkt des Künstlers bei der politischen und ästhetischen Bewertung unserer Wirklichkeit und damit auch um sein aktives Mitwirken bei der Darstellung der Konflikte und ihrer Lösungen im Sozialismus. Die Orientierung auf die Summierung von Fehlern, Mängeln und Schwächen wird von Kreisen genährt, die daran interessiert sind, gegenüber der Politik der DDR Zweifel zu erwecken und die Ideologie des Skeptizismus zu verbreiten. Zu diesen Kreisen gehört zum Beispiel Wolf Biermann. In einem Gedichtband, der im Westberliner WagenbachVerlag erschien, hat Biermann die Maske fallen lassen. Im Namen eines schlecht getarnten spießbürgerlich-anarchistischen Sozialismus richtet er scharfe Angriffe gegen unsere Gesellschaftsordnung und unsere Partei. Mit seinen von gegnerischen Positionen geschriebenen zynischen Versen verrät Biermann nicht nur den Staat, der ihm eine hochqualifizierte Ausbildung ermöglichte, sondern auch Leben und Tod seines von den Faschisten ermordeten Vaters. Biermann wird systematisch vom Gegner zum Bannerträger einer sogenannten literarischen Opposition der DDR, zur Stimme der „rebellischen Jugend“ gemacht. Davon zeugen Sendungen westdeutscher Rundfunkstationen, Berichte in der westdeutschen Presse und Rezensionen zu seinem in Westberlin erschienenen Gedichtband. Biermann wird dort als ein „äußerst freimütiger und kühner Kritiker des mitteldeutschen Regimes“ gefeiert. Biermanns sogenannte Gedichte kennzeichnen sein spießbürgerliches, anarchistisches Verhalten, seine Überheblichkeit, seinen Skeptizismus und Zynismus. Biermann verrät heute mit seinen Liedern und Gedichten sozialistische Grundpositionen. Dabei genießt er wohlwollende Unterstützung und Förderung einiger Schriftsteller, Künstler und anderer Intellektueller. Es ist an der Zeit, der Verbreitung fremder und schädlicher Thesen und unkünstlerischer Machwerke, die zugleich auch stark pornographische Züge aufweisen, entgegenzutreten. Es stärkt nicht die Autorität des Deutschen Schriftstellerverbandes und anderer Organisationen, wie zum Beispiel des Deutschen Kulturbundes, wenn sie sich nicht mit diesen Machwerken auseinandersetzen.

Die Partei – die führende Kraft

Werktätige haben in Briefen gegen Stefan Heym Stellung genommen, weil er zu den ständigen negativen Kritikern der Verhältnisse in der DDR gehört. Er ist offensichtlich nicht bereit, Ratschläge, die ihm mehrfach gegeben worden sind, zu beachten. Er benutzt sein Auftreten in Westdeutschland zur Propagierung seines Romans „Der Tag X“, der wegen einer völlig falschen Darstellung der Ereignisse des 17. Juni 1953 von den zuständigen Stellen nicht zugelassen werden konnte. Er schreibt Artikel für im Westen erscheinende Zeitschriften und Zeitungen, in denen er das Leben in der Sowjetunion und in der DDR falsch darstellt. Er gibt vor, nur der Wahrheit das Wort zu reden, womit er aber die westlich orientierte „Wahrheit“ meint. Die „Wahrheit“, die er verkündet, ist die Behauptung, dass nicht die Arbeiterklasse, sondern nur die Schriftsteller und Wissenschaftler zur Führung der neuen Gesellschaft berufen seien. Doch der Sozialismus ist und bleibt das Werk der von ihrer marxistisch-leninistischen Kampfpartei geführten Arbeiterklasse im Bunde mit allen anderen Werktätigen, einschließlich der Intelligenz.

Das Filmwissenschaftliche Institut der Deutschen Hochschule für Filmkunst hat in den letzten Monaten eine „bemerkenswerte“ Initiative zur theoretischen Rechtfertigung der Filme geleistet, die prinzipiell kritisiert werden mussten. In seinen Publikationen geht das Filmwissenschaftliche Institut nicht von den Aufgaben des Programms des Sozialismus, von den Problemen der Entwicklung unserer sozialistischen Filmkunst aus, sondern es propagiert unter dem Mantel der Weltoffenheit Filme, die in ihrem Wesen dem bereits dargelegten „spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer“, dem Nihilismus, Tür und Tor öffnen sollen.

In einigen Zeitschriften und Zeitungen erschienen in den letzten Wochen Romane und Romanauszüge, die mit unserem sozialistischen Lebensgefühl nichts gemein haben. Dazu gehört zum Beispiel der Roman „Sternschnuppenwünsche“, der als Fortsetzungsroman in der „Jungen Welt“ erschien und der Auszug „Rummelplatz“ aus einem Entwicklungsroman über Menschen in der Wismut von Werner Bräunig in der „Neuen Deutschen Literatur“. In diesem Abschnitt gibt es obszöne Details, gibt es eine falsche, verzerrte Darstellung des schweren Anfangs in der Wismut. Wir fragen die Redaktion der „Neuen Deutschen Literatur“, warum sie sich gerade für diesen Abschnitt aus dem Entwicklungsroman von Bräunig entschieden hat. Ernste Versäumnisse gibt es auch in der Zeitschrift „Freie Welt“, die ihre Aufgabe, das Leben und die Fortschritte in der Sowjetunion allseitig zu popularisieren, in letzter Zeit vernachlässigt und sich dafür der Darstellung der Unmoral in westlichen Ländern zuwendet.

Leider hat sich in den letzten Jahren eine neue Art Literatur entwickelt, die im Wesentlichen aus einer Mischung von Sexualität und Brutalität besteht. Ist es ein Wunder, wenn nach dieser Welle in Literatur, Film, Fernsehen und Zeitschriften manche Jugendliche nicht mehr wissen, ob sie richtig oder falsch handeln, wenn sie dort ihre Vorbilder suchen? Wir sind keine Anhänger des Muckertums und sind selbstverständlich für die realistische Darstellung aller Seiten des menschlichen Lebens in Literatur und Kunst. Aber das hat nichts damit zu tun, dass wir die neuesten Ergüsse der Enthemmung und Brutalität aus dem kapitalistischen Westdeutschland einschleusen lassen, um damit unsere Jugend zu verseuchen. In diesem Sinne legen wir entschieden Wert auf die Sauberkeit auch in der Produktion des Fernsehens und des Films. Hohe Qualität wird heute von jedem gefordert, auch vom Fernsehen, von der Literatur und vom Film unserer Republik.

Über eine lange Zeit hat „DT 64″ in seinem Musikprogramm einseitig die Beat-Musik propagiert. In den Sendungen des Jugendsenders wurden in nicht vertretbarer Weise die Fragen der allseitigen Bildung und des Wissens junger Menschen, die verschiedensten Bereiche der Kunst und Literatur der Vergangenheit und Gegenwart außeracht gelassen. Hinzu kam, dass es im Zentralrat der Freien Deutschen Jugend eine fehlerhafte Beurteilung der Beat-Musik gab. Sie wurde als musikalischer Ausdruck des Zeitalters der technischen Revolution „entdeckt“. Dabei wurde übersehen, dass der Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beat-Rhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. Der schädliche Einfluss solcher Musik auf das Denken und Handeln von Jugendlichen wurde grob unterschätzt. Niemand in unserem Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beatmusik. Sie kann jedoch nicht als die alleinige und hauptsächlichste Form der Tanzmusik betrachtet werden. Entschieden und systematisch müssen ihre dekadenten Züge bekämpft werden, die im Westen in letzter Zeit die Oberhand gewannen und auch bei uns Einfluss fanden. Daraus entstand eine hektische, aufpeitschende Musik, die die moralische Zersetzung der Jugend begünstigt.

In der Filmauswahl für die Sendungen des Deutschen Fernsehfunks gibt es besonders in diesem Jahr ernste Fehler. Unter dem Deckmantel der Gesellschaftskritik an den Verhältnissen im Westen wurden Erscheinungen der Unmoral und Dekadenz, der Brutalität der amerikanischen Lebensweise verbreitet.

Es gibt auch Mängel in der Erziehung der Jugend, vor allem der studierenden Jugend. Wir halten es für dringend notwendig, der Jugend das Verständnis für die Geschichte unseres Volkes und für den historischen Kampf der deutschen Arbeiterklasse und ihrer Partei zu vermitteln, sie zum vaterländischen Denken zu erziehen, in der gesamten Jugend die Liebe zur Deutschen Demokratischen Republik zu pflegen und an die Jugend hohe Anforderungen beim Lernen und im Beruf zu stellen. Es ist eine falsche Methode, sich mit jungen Menschen vor allem darüber zu unterhalten, was am Sozialismus alles falsch ist. Diese Methode wird offensichtlich in der Praxis nicht selten angewandt. Kürzlich wurde gesagt, daß bestimmte Erscheinungen bei einem Teil der Jugend auf eine gewisse Leere durch unsere mangelhafte offensive geistige Auseinandersetzung zurückzuführen sind. In diese – wie gesagt wurde – „Hohlräume“ seien dann schließlich feindliche Ideologie und dementsprechendes Verhalten bei uns eingedrungen. Das ist soweit richtig. Aber man kann diese – um bei dem Ausdruck zu bleiben – „Hohlräume“ nicht ausfüllen, wenn man in Diskussionen mit Jugendlichen selbst von der defensiven Fragestellung ausgeht, was ihnen in der DDR oder am Sozialismus alles nicht gefällt.

Unsere zwanzigjährigen Erfahrungen bei der Erziehung der jungen Generation haben bewiesen, dass junge Menschen dann zu überzeugten Sozialisten und aufrechten Staatsbürgern der DDR werden, wenn man ihnen einen klaren Weg zeigt, ihnen unsere marxistisch-leninistische Weltanschauung nahebringt und ihnen große Aufgaben in der Arbeit und beim Lernen überträgt. Dann schlägt entgegengebrachtes Vertrauen auch in verantwortungsbewusstes Handeln um.

Die ideologischen Ursachen fehlerhafter Erscheinungen und Tendenzen liegen vor allem:

– in einem unzureichend gefestigten marxistisch-leninistischen Weltbild einiger Kulturschaffender, Sie haben oft eine subjektivistische Sicht und Wertung, eine unhistorische Betrachtungsweise des Kampfes unserer Partei und der Volksmassen beim Aufbau des Sozialismus;

– in einer nicht genügend vorhandenen Kenntnis der Wissenschaftlichkeit und Kontinuität der Politik der Partei um die Erfüllung der nationalen Mission der Deutschen Demokratischen Republik;

– in Positionen des philosophischen Skeptizismus, der in Kreisen der Intelligenz besonders in Verkennung des schöpferischen Charakters der Beschlüsse des XX. Parteitages der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu wirken begann. Dieser Skeptizismus wird noch dadurch verstärkt, dass der Gegner die These des „Zweifels an allem, des Zweifels an jeder Autorität“ zu einer Hauptlosung seiner ideologischen Diversion macht.

Der Gegner fordert von den Kulturschaffenden der DDR nicht mehr die Absage an den Sozialismus, die Aufgabe sozialistischen Gedankengutes, sondern nur den „Zweifel an der Richtigkeit unseres sozialistischen Weges“.

Der Skeptizismus hat auch noch eine andere Ursache. Viele Kulturschaffende sind der Meinung, dass Deutschland einen etwaigen Krieg oder Atomkrieg nicht überleben könne. Sie sind bereife zur Verhinderung eines Atomkrieges politische Konzessionen an den westdeutschen Imperialismus zu machen; obwohl nur der entschlossene Kampf gegen die von den westdeutschen Imperialisten und Militaristen betriebene Politik der atomaren Rüstung und des Revanchismus den Frieden und die friedliche Zukunft des deutschen Volkes sichern können.

Das Charakteristische all dieser Erscheinungen besteht darin, dass sie objektiv mit der Linie des Gegners übereinstimmen, durch die Verbreitung von Unmoral und Skeptizismus besonders die Intelligenz und die Jugend zu erreichen und im Zuge einer sogenannten Liberalisierung die DDR von innen her aufzuweichen.

Um über die neuen Probleme beim umfassenden Aufbau des Sozialismus Klarheit zu schaffen, muss vor allem in den Parteiorganisationen der künstlerischen Institutionen und Verbände, an den Universitäten, Hochschulen und Schulen, im Rundfunk, Fernsehen, in der DEFA und In‘ den Presseorganen die ideologische Kampfbereitschaft und die Parteierziehung mit Unterstützung der leitenden Parteiorgane wesentlich verstärkt werden. Den Zirkeln für die marxistisch-leninistische Bildung der Künstler, Wissenschaftler und Studenten ist allseitige Unterstützung zu geben, um das marxistisch-leninistische Weltbild und das Verständnis für die Grundfragen unserer Politik weiterzuentwickeln.

Ernste Versäumnisse in der Entwicklung der ideologisch-politischen Führungsarbeit gibt es besonders seitens der leitenden Genossen des Ministeriums für Kultur, die die Aufgaben der Staatsmacht als Hauptinstrument beim Aufbau des Sozialismus verkennen. Die staatlichen Leitungen im Filmbereich und die Leitung des Deutschen Schriftstellerverbandes haben keinen prinzipiellen Kampf gegen die im Bericht aufgezeigten Erscheinungen geführt. Sie überließen die Entwicklung in ihrem Verantwortungsbereich dem Selbstlauf. Es ist notwendig, dass die verantwortlichen Genossen Schlussfolgerungen für die Verbesserung der Arbeit im ideologischen Bereich ziehen.“

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U-Bahn-Neubau in Berlin – Lückenschluss der Linie 5

     Dipl.-Ing. Torsten Schwenke, Planungsgemeinschaft U5, SSF Ingenieure AG, Berlin
     Dipl.-Ing. Torsten Brenner, Projektrealisierungs GmbH, Tochter der BVG

Neubau von drei unterirdischen Bahnhöfen und zwei Tunnelröhren im historischen Stadtzentrum Berlins zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor

Die Linie U5, erste Linie im Großprofil

Die Berliner U-Bahnlinie U5 erstreckt sich derzeit über rund 18 km und führt mit ins­gesamt 20 Stationen vom Alexanderplatz in der Mitte Berlins bis zur östlichen Stadtgren­ze am Bahnhof Hönow. Die Strecke wurde mit der Bezeichnung Linie E in den zwan­ziger Jahren als erste im neueren Großprofil der Berliner U-Bahn errichtet und ging 1930 zunächst mit zehn Stationen vom Alexan­derplatz bis nach Friedrichsfelde in Betrieb. 1973 konnte die Verlängerung um eine weitere Station bis zum Bahnhof Tier­park in Betrieb genommen werden. In den achtziger Jahren wurde die Strecke dann ober­irdisch bis nach Hönow verlängert, womit die dort entstandenen Neubaugebiete an das U-Bahnnetz angebunden werden konnten.

EI Logo

Der Beitrag erschien (mit fachspezifischen Bildern) in der Ausgabe 6/15 der international renommierten Zeitschrift „Der Eisenbahningenieur“

Der kurz vor dem Roten Rathaus auf Höhe der Jüdenstraße endende Tunnel wurde 1930 fertiggestellt und bereits für eine spä­tere Verlängerung der U-Bahnlinie in west­licher Richtung vorbereitet.

Im Rahmen der Bauvorhaben im zentralen Bereich Berlins mit dem Schwerpunkt des Berliner Hauptbahnhofes erfolgte die Er­richtung der U-Bahnstationen Hauptbahn­hof, Bundestag und Brandenburger Tor mit einem rund 1 km langen Tunnel als U55. Der eingleisige Pendelbetrieb auf dieser als „Kanzler-U-Bahn“ bezeichneten Linie wur­de 2009 aufgenommen.

LinieU5

Das jetzt im Rohbau befindliche Teilstück soll die Lücke zwischen Bahnhof Alex­anderplatz und Bahnhof Brandenburger Tor schließen, so dass nach der Fertig­stellung der durchgängige Betrieb der U5 von Hönow über die bevölkerungsreichen Stadtbezirke Hellersdorf, Lichtenberg, Friedrichshain und Mitte bis zum Berliner Hauptbahnhof auf einer Strecke von 22 km und 26 Stationen möglich sein wird. Die früher einmal angedachte weitere Ver­längerung der Linie U5 bis zum S-Bahn-Ring am Bahnhof Jungfernheide ist derzeit nicht geplant.

Lückenschluss U5, Baumaßnahme in Berlins historischer Mitte

Der Lückenschluss der Linie U5 ist insge­samt etwa 1 km lang und besteht aus den drei unterirdischen Bahnhöfen „Berliner Rathaus (BRH)“, „Museumsinsel (MUI)“ und „Unter den Linden (UDL)“ sowie zwei eingleisigen parallel verlaufenden Tunnel­röhren.

Die Bauarbeiten für den Lückenschluss der Linie U5 erfolgen im Herzen Berlins, in der historischen Mitte der Hauptstadt. Sie be­ginnen direkt vor dem Roten Rathaus und führen entlang der Straße Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor. Dabei werden die Spree, der Spreekanal (Kupfergraben), die Baustelle des Berliner Stadtschlosses (Humboldtforum), Baudenkmäler und Ge­bäude, wie die neue Kommandantur, ein al­ter Straßenbahntunnel sowie die Tunnel der U-Bahnlinie U6 und der S-Bahnlinie S1/S2 unterquert.

????????????????????????????????????Auf Grund des großen Interesses an der Thematik des U-Bahn-Baus in Berlin wurde der Beitrag inzwischen auch als Sonderdruck veröffentlicht.

Wegen der schwierigen Bodenverhältnisse sowie der Beschränkungen infolge der in­nerstädtischen Verhältnisse wurde für das ambitionierte Bauvorhaben eine Bauzeit von mindestens sieben Jahren bis zur Inbe­triebnahme einkalkuliert. Die Vergabe der Bauaufträge zur Erstellung des Tunnels und der Rohbauwerke für die Bahnhöfe erfolgte – aufgeteilt in Baulose – in den Jahren 2012 und 2013.

Die Bahnhöfe, Gestaltung und Bauweisen

Aufgrund der zentralen Lage der Bahnhöfe und der damit verbundenen städtebauli­chen Bedeutung erfolgen Planung und Er­richtung der Bahnhöfe nach Architektenentwürfen. Die Entwürfe stammen von:

Olliver Collignon (BRH)
Max Dudler (MUI)
Ingrid Hentschel und Axel Oestreich (UDL)

Auf der Basis der Architektenentwürfe er­folgten im Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in den Jahren 2010 bis 2012 die Erstellung der Entwurfsplanung und der Ausschreibungsunterlagen für den Rohbau der drei Bahnhöfe, der Baugruben sowie des Tunnels. Den Planungsauftrag dazu erhielt die Planungsgemeinschaft U5 Berlin (PGU5), einer Ingenieurgemein­schaft aus den Infrastrukturplanungsbüros SSF Ingenieure AG Berlin und München, ISP Ziviltechniker GmbH Wien und Am­berg Engineering AG Regensdorf-Watt (CH).

  UdL

Bahnhof Unter den Linden

MusIns

Bahnhof Museumsinsel

RotesRathaus

rotesrathaus2 Motive Bahnhof Rotes Rathaus

Alle drei Bahnhöfe werden, mit Ausnahme des Mittelteiles des Bahnhofes Museums­insel, innerhalb von tiefen, abgedeckelten Baugruben errichtet. Aus Gründen der Ausführungssicherheit haben sich Planer und Bauherr für Baugruben mit unverankerten, sogenannten tiefliegenden Dichtsoh­len entschieden. Die horizontalen Dichtsohlen können im Düsenstrahlverfahren in größeren Tiefen im Boden hergestellt werden. Sie dichten die Baugrube gegen das von unten zuströmende Grundwasser ab. Tiefliegende Dichtsohlen müssen in einer Tiefe hergestellt werden, bei der nach er­folgtem Baugrubenaushub die noch verblei­bende Auflast oberhalb der Dichtsohle grö­ber ist als die von unten auf die Dichtsohle wirkende Auftriebskraft. Dadurch kann bei dieser Art von Dichtsohlen im Unterschied zu höher liegenden, rückverankerten Baugrubensohlen ein Versagen in Form eines Aufbrechens der Baugrubensohle nicht eintreten. In Abhängigkeit der geplanten Baugrubentiefen müssen die Dichtsohlen beim Lückenschluss der U5 in Tiefen von ca. 30 m bis max. 42 m unter Gelände angeordnet werden. Dementsprechend müs­sen auch die Baugrubenwände bis in Tiefen von max. 43 m hergestellt werden. Die Baugrubenwände als seitliche Abdichtung und Stützung der Baugrube werden als Schlitzwände mit Dicken zwischen 0,8 m und 1,5 m gefertigt.

Zur Herstellung der tiefen Baugruben für die Bahnhöfe werden zunächst die um­schließenden Baugrubenwände von der Oberfläche bis in die erforderlichen Tiefen als gegreiferte Schlitzwände aus Stahlbeton hergestellt. Danach erfolgt ebenfalls von der Oberfläche aus die Herstellung der Dichtsohle mittels Bohrungen, die über die gesamte Baugrubenfläche in einem gleich­mäßigen Raster (z. B. 2 m x 2 m) bis in die Tiefe des Schlitzwandfußes abgeteuft wer­den. An jedem Bohrpunkt wird der Boden im Düsenstrahlverfahren in der benötigten Tiefe mit einer Zementsuspension durch­mischt. Das Boden-Zement-Gemisch er­härtet und bildet die Dichtsohle, welche eine planmäßige Dicke von 2 m hat.

Knapp unterhalb der späteren Aushubsohle wird eine zweite Bodenschicht ebenfalls im Düsenstrahlverfahren verfestigt. Diese Schicht dient später als Aussteifungsrost zur Stützung der Schlitzwände nach dem Baugrubenaushub und muss wasserdurchlässig sein.

Mit dem Einbau einer Wasserhaltungsanlage, bestehend aus Brunnen und Pegeln, ist die Herstellung der Baugrube zunächst ab­geschlossen.

Anschließend kann der Rohbau der Station beginnen. Dafür erfolgt zunächst die Her­stellung der endgültigen Bauwerksdecke auf einer auf dem Boden hergestellten Scha­lung, in der Regel nur wenig unter dem spä­teren Straßenaufbau. Diese Decke steift bau­zeitlich temporär die Schlitzwände am Kopf gegeneinander aus. Unter der temporär als „Deckel“ bezeichneten Bauwerksdecke kann nach erfolgter Grundwasserabsenkung innerhalb der Baugrube ausgehoben werden. Danach wird der Rohbau, beginnend mit der Sohlplatte, von unten nach oben bis an die schon vorhandene Bauwerksdecke her­an hergestellt. In der Bauwerksdecke befin­det sich temporär mindestens eine Öffnung, um Boden heraus und Baumaterial hinein transportieren zu können.

Dem Deckel verdankt diese Form unterir­dischen Bauens die Bezeichnung „Deckel­bauweise“. Die Deckelbauweise sorgt – im Unterschied zum Bauen in nach oben hin offenen Baugruben – für eine deutlich kurz­zeitigere Inanspruchnahme der Oberfläche und für ein emissionsärmeres Bauen (Lärm, Schmutz), zu dem es beim innerstädtischen Bauen oft keine Alternative gibt.

Bahnhof Berliner Rathaus

Es handelt sich um einen doppelstöckigen Bahnhofsbau mit markanten Pilzstützen und (vielleicht) einem archäologischen Fenster. Der Bahnhof Berliner Rathaus wird direkt vor dem Roten Rathaus in der be­schriebenen Deckelbauweise hergestellt. Der Bahnhof wird mit zwei Gleisebenen errichtet und direkt an den bestehenden Tunnel (Baujahr 1930) angeschlossen. In dem bestehenden Tunnel, der an den Bahn­hof Alexanderplatz anschließt, befindet sich derzeit eine viergleisige Aufstellanlage für Züge, welche auch weiterhin für den Betrieb benötigt wird. Aus diesem Grund wird spä­ter in der unteren Ebene des neuen Bahnho­fes eine ebenfalls viergleisige Aufstellanlage untergebracht sein.

BausteDurch kleinere Öffnungen in der Decke werden Geräte und Matriel ein- und ausgebracht. Dadurch wird eine offene Baugrube umweltschonend vermieden

Darüber befindet sich die U5-Ebene mit den beiden Seitenbahnsteigen. Beide Seitenbahnsteige werden für Fahrgäste über Verteilerbrücken jeweils an den Bahnhofs­enden erreichbar sein. Von den Verteiler­brücken führen Treppen und Fahrtreppen zu den Bahnsteigen und zur Oberfläche.

Besonderheit Archäologische Funde

Vorlaufend zu den Arbeiten im Baufeld BRH fanden archäologische Grabungen mit dem Ziel statt, die bekanntermaßen noch im Boden befindlichen Bauwerksres­te der ehemaligen Königsstraße sowie des alten Berliner Rathauses zu dokumentie­ren und anschließend zu bergen bzw. zu beseitigen. Nach dem Freilegen der Reste des mittelalterlichen Rathauses wurde der archäologische Bestand seitens der zustän­digen Stelle für dringend erhaltenswürdig eingestuft. Dies machte eine Umplanung der Zugangssituationen und damit eine komplette Neuplanung des Bahnhofes erforderlich. Die Sichtbarmachung des archäologischen Bestandes über ein „Ar­chäologisches Fenster“ am Ende der west­lichen Verteilebene ist angedacht aber noch nicht beschlossen.

Im Zuge der Umplanung entstand der Bahnhof mit den markanten, im Grundriss elliptischen Pilzstützen, deren Herstellung in Verbindung mit der oben genannten Deckenbauweise eine Besonderheit darstellt. Die Pilzstützenköpfe werden mit einer im Boden eingelassenen Schalung vor dem Deckel hergestellt und hängen bereits im Bauzustand an der Bauwerksdecke.

Bahnhof Museumsinsel

Aufgrund der Lage des Bahnhofes ist die Herstellung des Mittelteiles innerhalb ei­ner abgedeckelten Baugrube nicht mög­lich. Nur die Zugangsbauwerke werden in der oben beschriebenen Deckelbauweise hergestellt. Zwischen den beiden tiefen Baugruben wird der mittlere Teil des Bahn­hofes Museumsinsel (Bahnsteigbereich) unterhalb des Spreekanals und der Neuen Kommandantur im Schutz einer Boden-Vereisung in bergmännischer Bauweise auf­gefahren.

Um die östlich des Spreekanals gelegene Baugrube herstellen zu können, musste zu­nächst das Profil des Spreekanals in direk­ter Nachbarschaft zur Schlossbrücke durch den Einbau eines Spundwand-Fangedam­mes eingeengt werden.

Von der östlichen Baugrube aus werden über eine Länge von bis zu 105 m Bohrun­gen ausgeführt, in welchen die Vereisungs­anlage installiert wird. Der erforderliche Eiskörper, aus statischen Gründen etwa 2 m über den Ausbruchquerschnitt hinaus, wird mit einer Sole-Vereisung aufgefroren. In dem gefrorenen Boden wird analog zum Bauen im Festgestein der Bo­den/Fels abschnittsweise bergmännisch herausgebrochen und mittels einer Spritz­betonschale gesichert. Der Gesamtquer­schnitt des Bahnhofes wird in der Form von drei Stollen hergestellt. Zuerst werden der Mittelstollen und das Betonbauwerk darin hergestellt. Anschließend erfolgt die Her­stellung der beiden Seitenstollen in gleicher Weise. Mit dem Ausbruch des Querschnitts der Seitenstollen werden die dort vorhan­denen Tübbings des Schildtunnels zuruckgebaut.

Der Bahnhof Museumsinsel erhält als markantes Element einen tiefblauen Ster­nenhimmel über den beiden Bahngleisen.

Bahnhof Unter den Linden

An der Kreuzung der bekannten und be­liebten Flanier- und Einkaufsstraßen, der Friedrichstraße und der Straße Unter den Linden, entsteht als Kreuzungsbahnhof mit Umsteigemöglichkeit zwischen den Linien U5 und U6 der Bahnhof Unter den Linden.

Er wird ebenfalls in der oben beschriebe­nen Deckelbauweise errichtet. Wegen der verkehrlichen Zwänge im Kreuzungsbe­reich der beiden Straßen erfolgt die Pro­duktion der Schlitzwände, der Dichtsoh­len und der Decken abschnitts- und baufeldweise.

????????????????????????????????????Der Autor Torsten Schwenke (rote Weste) erläutert Fachleuten auf dem künftigen Bahnhof Rotes Rathaus den Fortgang der Arbeiten

Die vorhandene U-Bahnlinie U6 verläuft in der Friedrichstraße in Nord-Süd-Richtung unmittelbar unter der Straßenoberfläche. Im Jahr 2012 wurde begonnen, innerhalb der sehr beengten Verhältnisse in der Fried­richstraße eine über 120 m lange abgedeckelte Baugrube herzustellen. Das darin befindliche, ebenso lange Stück des alten U-Bahntunnels, wurde abgebrochen und an gleicher Stelle ein Tunnel für den zukünfti­gen Bahnhof mit Seitenbahnsteigen errich­tet. Der neu hergestellte U6-Abschnitt konnte im November 2013, nach nur 18 Monaten Streckenunterbrechung, wieder in Betrieb genommen werden. Nach der In­betriebnahme des Bahnhofes UDL wird der nur wenige Meter entfernte Bahnhof Fran­zösische Straße geschlossen werden.

Aktuell erfolgen die Arbeiten innerhalb der abgedeckelten Baugruben unterhalb der Straße Unter den Linden. Wenn diese Ar­beiten abgeschlossen sind, werden sich in der unteren Ebene die Gleise und der Mit­telbahnsteig der Linie U5 befinden.

Der Schildvortrieb

Die Tunnel für die beiden Gleise werden mittels einer Tunnelvortriebsmaschine (TVM) mit einer flüssigkeitsgestützten Ortsbrust aufgefahren. Die TVM besitzt einen Durchmesser von 6.80 m und ist insgesamt ca. 75 m lang. Sie bohrt sich un­terhalb des Grundwasserspiegels durch das Lockergestein und stellt gleichzeitig den Tunnel aus Betonsegmenten (Stahlbeton­fertigteile) zusammen und kann daher zu Recht als fahrende Tunnelfabrik bezeichnet werden. Ein jeweils 1,50 m breiter Ring des Tunnels besteht aus insgesamt 6 Betonseg­menten, den sogenannten Tübbings. Diese Tübbings werden von der Maschine inner­halb eines Schutzmantels aus Stahl, dem sogenannten Schildmantel, vollautomatisch versetzt. Auf dem jeweils so entstandenen neuen Ring drückt sich die TVM wieder um ein weiteres Stück nach vorn. Auf diese Weise sind in den wegen des Grundwassers nicht einfachen Verhältnissen Tagesleistun­gen von etwa 10 m im Drei-Schicht-Betrieb möglich.

Die Dicke der Tübbings beträgt 0,35 m. Die entstehende Tunnelröhre hat einen Innen­durchmesser von 5,70 m.

Start der Tunnelvortriebsmaschine

Neben den Bahnhöfen gehört ein weiteres Bauwerk zum Lückenschluss. Eine Gleis­wechselanlage (GWA), die als Tunnel in offener Bauweise auf der Hauptbaustellen­einrichtung auf dem Areal des Marx-En­gels-Forums im direkten Anschluss an den Bahnhof Berliner Rathaus errichtet wird. In der GWA befindet sich der Startschacht der TVM. Hier wurde die Maschine zusammen­gebaut und die Schildfahrt Richtung Bahnhof Brandenburger Tor (BRT) begonnen.

Unterqueren der Spree

Die TVM unterquert die Spree mit einer minimalen Uberdeckung von nur ca. 4 m. Eine ausreichende Überdeckung bzw. Auflast der TVM ist zwingend erforderlich, damit es aufgrund des Überdruckes in der Vortriebsmaschine nicht zu Ausbläsern und damit zu einem Druckabfall in der Abbaukammer kommt.

Geplant war deshalb die Spreesohle zu ballastieren. Um das Schifffahrtsprofil noch freihalten zu können, war eine Ballastierung mit Stahlplatten vorgesehen.

Abweichend hiervon wurde seitens der ausführenden Firmen vorgeschlagen, die Vortriebssicherheit während der Spreeunterquerung durch den Einsatz einer modifizierten Stützflüssigkeit mit höherer Dichte zu gewährleisten und so auf die Ballastierung verzichten zu können. Nach einem erfolgreichen Probebetrieb der modifizierten Stützflüssigkeit auf einer Strecke zwischen dem Startschacht und der Spree sowie der Zustimmung der Prüfingenieure konnte die Spree ohne eine Ballastierung sicher unterquert werden.

Durchfahren der Stationsbaugruben

Schlitzwände, Dichtsohlen und Aussteifungsroste für die späteren Baugruben der Bahnhöfe MUI und UDL mussten vor der Fahrt der TVM schon hergestellt sein. Aus Sicherheitsgründen haben sich Planer und Bauherr dafür entschieden, die TVM durch die nicht ausgehobenen und nicht gelenzten Baugruben hindurchfahren zu lassen und die Tübbings innerhalb der Bahnhofsbaugruben mit dem späteren Ausheben des Bodens abzubrechen

Die Schlitzwände sind in den Bereichen, die durchbohrt werden, anstelle einer Stahlarmierung mit Bewehrungsstäben aus Glasfaserkunststoff (GFK) bewehrt, welche mit dem Schneidrad der TVM problemlos durchfahren werden können.

Anschluss Bahnhof BRT

Die Tunnelfahrt für beide Röhren beginnt an der Startbaugrube der späteren Gleiswechselanlage und endet direkt am vorhandenen Bahnhof Brandenburger Tor an einer dortigen Zielschlitzwand. die bereits in der Bauphase der U55 mit erstellt wurde. Um zwischen Schildmantel und Schlitzwand vor dem Bahnhof BRT gegen Grundwasser abdichten zu können, wurden vor Ankunft der TVM von der Oberfläche aus zwei Einfahrblöcke mittels DSV-Verfahren hergestellt und eine Vereisungsanlage installiert. Da die TVM nicht bis in den in Betrieb befindlichen Bahnhof BRT hineinfahren kann und damit kein Zielschacht zur Verfügung steht, ist es erforderlich, die TVM nach Ankunft am Bahnhof BRT soweit möglich auseinanderzubauen, zum Startschacht am Marx-Engels-Forum zu­rück zu transportieren und dort für das Auffahren der zweiten Tunnelröhre wieder zusammenzubauen. Der im Außendurchmesser 6,80 m messende und etwa 10 m lange Schildmantel der Maschine verbleibt im Boden vor dem Bahnhof BRT. Das Schneidrad wird zertrennt und verschrottet. Schildmantel und Schneidrad müssen für die zweite Schildfahrt neu gefertigt werden.

Die nördliche der beiden Tunnelröhren wurde 2014 bereits fertiggestellt.

Zusammenfassung und Ausblick

Mit dem Lückenschluss der Linie U5 wird die Verbindung des Berliner U-Bahnnetzes mit dem Berliner Hauptbahnhof und der direkte Anschluss einer der meist frequentierten U-Bahnlinien an den überregiona­len Fernverkehr hergestellt. Das steigert die Attraktivität des hauptstädtischen Nahver­kehrsnetzes sowohl für Berliner als auch für Berlinbesucher.

Der Lückenschluss ist ein technisch an­spruchsvolles Bauvorhaben. Zur Errichtung der unterirdischen Bauwerke im schwierigen Baugrund kommen Bauverfahren und Baumethoden zum Einsatz, die durch ein hohes Sicherheitsniveau gekennzeich­net sind. Die maßgebende Planung, vom Entwurf über die Erstellung der Ausschrei­bungsunterlagen bis zur vollständigen Ausführungsplanung und deren baubegleiten­der Fortschreibung, wird ganzheitlich vom Planer des Bauherrn erstellt und nach der Prüfung und Freigabe durch den Bauherrn den Baufirmen zur Ausführung übergeben. Als Komplikationen in Hinsicht auf Termi­ne und Kosten haben sich mit Stand Ende 2014 ergeben:

*Am Bahnhof MUI ergaben sich Kom­plikationen bei der Herstellung der DSV-Aussteifungsroste. Hier konnten die benötigten Qualitäten nicht erreicht werden, so dass die Aussteifungsroste schließlich durch Bodenausbau und Be­toneinbau mittels Großbohrgeräten her­gestellt wurden. Bis zur Fertigstellung der Aussteifungsroste MUI musste die TVM mehrere Monate vor dem Ostschacht des Bahnhofes MUI stehen bleiben.

*Beim Anschluss der Tunnelbohrmaschi­ne an die Baugrubenwand des Bahnho­fes BRT ereignete sich im Sommer 2014 trotz der Herstellung des Einfahrblockes und der Vereisung der Anschlussfuge ein Wasser- und Bodeneintrag in die Ab­raumkammer der TVM. Die Klärung der Ursachen sowie die gutachterliche Be­weissicherung nahmen Zeit in Anspruch.

*Andere Komplikationen, wie z.B. das Antreffen eines Findlings mit einer Kan­tenlänge von mindestens 3 m in ca. 16 m Tiefe bei den Schlitzwandarbeiten UDL konnten zeitnah beseitigt werden.

Aufgrund der vorgenannten Schwierigkei­ten wird die voraussichtliche Inbetriebnahme der Linie U5 etwa mit Mitte 2020 erfol­gen können. Ursprünglich war 2019 geplant. Als Kosten bis zur Inbetriebnahme sind nach aktuellem Stand 525 Mio. Euro veranschlagt. Darin enthalten sind alle Kosten zur Erstellung der Rohbauwerke für die drei Bahnhöfe, einschließlich der erforderlichen Baugruben und Baubehelfe, die Gleiswechselanlage und das Tunnelbauwerk sowie die Kosten für den gesamten Innenausbau, die Betriebstechnik und -instaliationen sowie für den Gleisbau und die Zugsicherung.

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Die Wahrheit über den „Prager Frühling“

Als in der Nacht zum 21. August 1968 die Armeen der UdSSR, Polens, Ungarns, Bulgariens mit ein paar wenigen Helfershelfern aus der DDR (die „Fünf“) in die CSSR marschierten, um den Prager Frühling niederzuschlagen und die Dubcek-Ära zu beenden, hatten Ulbricht und Honecker ihre Finger tiefer drin, als sie je zugegeben haben. Die Wissenschaftler Lutz Prieß, Vaclav Kural und Manfred Wilke haben bereits in den Neunzigerjahren in einem Buch (Die SED und der „Prager Frühling“ 1968 – Politik gegen den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“) im Akademie Verlag GmbH Berlin ihre umfangreichen Recherchen u.a. in den SED-Archiven zusammengefasst, deren Erkenntnisse in den folgenden Jahren allenfalls weiter vertieft wurden. Eine zusammenfassende Übersicht:

PragerFrühling

Das Vorspiel. Erste Warnsignale setzte die Wahl Alexander Dubceks zum Chef der KPC, also der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, im Januar 1968. Dubcek signalisierte mit der Ablösung des Altstalinisten Antonin Novotny einen Generationswechsel, der in der befreundeten Alt-Herren-Riege von Ulbricht über Gomulka, Kadar, Shiwkow und Breshnew schwere Besorgnis auslöste. Reformkräfte in der CSSR hatten Auftrieb bekommen, wollten einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz schaffen und ganz einfach mehr Demokratie wagen, wie es der deutsche Kanzler Willy Brandt für in der Bundesrepublik proklamiert hatte. Ende Januar wurden die ersten Befürchtungen in der SED-Spitze laut: Der im SED-Politbüro für Außenpolitik zuständige Hermann Axen erklärte, dass die Entwicklung der CSSR für die SED und die DDR von Lebensbedeutung sei, zumal beide Länder auf Friedenswacht an der Westgrenze des Sozialismus stünden.

Die Vorboten. Die Ängste in der SED nahmen zu. Als eine verbotene Zeitschrift der CSSR-Schriftsteller wieder zugelassen, das Parteimonopol an der Presse aufgegeben, die Pressezensur aufgehoben wurde und sich alle geistigen Strömungen, darunter Reformbefürworter und Systemkritiker, öffentlich artikulieren, war das für die SED ein untragbarer Zustand. Zudem erschreckte die Abrechnung mit der Parteibürokratie Novotnys Ulbricht und Genossen. Ulbricht fürchtete als Hüter der reinen Lehre des Marxismus und als geistiger Vater des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft durch CSSR-Wirtschaftsreformer wie Ota Sik um den Nimbus der Unfehlbarkeit gebracht zu werden, wenngleich er mit großem Interesse die Wirtschaftsreformen im Nachbarland verfolgte.

Der harte Kurs. Nachdem Novotny im März auch das Präsidentenamt aufgeben musste, nahm die SED kein Blatt mehr vor den Mund. Auftritte tschechoslowakischer Reformer im West-Fernsehen wurden als Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR betrachtet. Ulbricht: Denn wir müssen ja die gegnerischen Argumente widerlegen, weil ein großer Teil der Bevölkerung auch die gegnerischen Radiostationen hört. Nach einem Interview des Reformers Josef Smrkovsky im ARD-Weltspiegel belehrte Ulbricht Dubcek beim Treffen der KP-Führer am 23. März 1968 in Dresden laut Mitschrift: Wenn er so ein Interview beabsichtigt, dann hätte er ins ZK gehen und sagen müssen, Genossen ZK-Mitglieder, irgendeine Gesellschaft bittet mich um ein Interview für die Bundesrepublik. Kann ich das tun, oder darf ich das tun? Wenn ich es tun soll, dann seid so nett und helft mir, was ich den Imperialisten sagen soll. Aber das ist ja nicht geschehen, er hat einfach gesprochen.

Die Pressefreiheit in der CSSR führte nach Ansicht der SED-Führung zur Verbreitung revisionistischen und konterrevolutionären Gedankengutes. Zumal über die DDR-Volksabstimmung zur neuen Verfassung in der deutschsprachigen „Prager Volkszeitung“ ein junger Dresdner zitiert wurde: Der Daumen und der Zeigefinger wären in der Republik die wichtigsten Finger. Der Zeigefinger gehöre auf den Mund als Ausdruck dessen, dass er nicht frei seine Meinung äußern könne, der Daumen als Zeichen dessen, dass sie nach hinten sehen müssten, ob nicht ein Spitzel auf sie aufpassen würde. Ähnlich wie 20 Jahre später der „Sputnik“, wurde die „Prager Volkszeitung“ von der Postzeitungsliste der DDR gestrichen.

Die Kadersuche. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) verstärkte die Aktivitäten in der CSSR, legte eine Studie über die Situation in Innenministerium, insbesondere in der Staatssicherheit, und in der Armee der CSSR vor. Intensiv betrieben SED-Funktionäre eine konspirative Aufklärung vor Ort, suchten nach gesunden Kräften. Über alle Bereiche, die Gewerkschaften, Verbände, Eisenbahn, Post sowie über Industriebetriebe, gingen im ZK der SED Lageberichte mit persönlichen Einschätzungen über linientreue oder revisionistische Führungskader der KPC ein. Während Tourismus-Reisen eingeschränkt wurden, forcierte man gezielte Aufklärungsfahrten ins Nachbarland. Zuverlässige DDR-Bürger, auch aus den Blockparteien, Verwandte und Urlaubsbekanntschaften wurden genutzt, um im Sinne der SED die „gesunden Kräfte“ ausfindig zu machen. Am 14. Juni legte auch die MfS-Hauptverwaltung Aufklärung unter Markus Wolf einen Einsatzplanung von eigenen Mitarbeitern und IMs vor, die in den Zentren des Gegners, also den USA und der BRD, Aktivitäten hinsichtlich der CSSR zu erkunden hatten. Allein im „Operationsgebiet BRD“ waren 23 informelle MfS-Mitarbeiter in Aktion, vom Auswärtigen Amt über den SPD-Parteivorstand bis hin zur Wirtschaft und zur katholischen Kirche. Die SED speicherte alle Informationen über gesunde wie negative Kräfte in der CSSR. Sie wurden im Zuge der „Normalisierung“ 1969 und 1970 den Reformfeinden und Staatssicherheitsorganen in der CSSR für Säuberungen zur Verfügung gestellt.

Das Säbelrasseln. Als alle Beschwichtigungen nichts bewirkten, machte sich Ulbricht auf einer Tagung der Fünf am 8. Mai in Moskau stark: Er sehe keinen anderen Weg. Die militärische Übung (von der UdSSR geplante Militärmanöver in der CSSR) müsse so schnell wie möglich durchgeführt werden, aber dann auch richtig. Honecker als Sicherheitschef der SED und Verteidigungsminister Hoffmann waren die treibenden Kräfte, die entgegen ursprünglichen sowjetischen Planungen die Einbeziehung der NVA in das Manöver Sumava (Böhmerwald) durchsetzten. Am 18. Juni begann das Manöver. Der sowjetische Hauptstab war in dem Städtchen Milovice untergebracht, das am 21. August Sitz des Stabes der Interventionsarmeen wurde. Das Manöver endete zwar am 30. Juni, doch der Abzug der sowjetischen Teilnehmer verzögerte sich. Und in den Grenzgebieten zur CSSR fanden weitere Übungen in der UdSSR, in Polen und in der DDR statt. Die 7. Panzerdivision und die 11. Motorisierte Schützendivision der NVA wurden für die mögliche Beteiligung an einer Intervention vorbereitet. Unter der Bezeichnung Dunaj (Donau) planten die Militärs streng geheim die Intervention.

Die Okkupations-Vorbereitung. Auf dem Warschauer Tribunal der Fünf am 14. Juli war der Eindruck von offener Konterrevolution in der CSSR unumstößlich. Die Breshnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität eines Landes der sozialistischen Gemeinschaft war geboren. Für Ulbricht stand fest, dass die Konterrevolution in der CSSR von Bonn und Washington geleitet wurde. Er forderte, die tschechoslowakischen Kampfgruppen (Arbeitermilizen) als Parteiinstrument der revolutionären Gewalt zur Säuberung der Massenmedien in der CSSR einzusetzen. Ferner schlug er vor, die nächsten Manöver in der Slowakei durchzuführen. Auf diese Weise werde man den ersten Schritt tun und dann weitersehen. Ab 26. Juli unterstanden die beiden NVA-Verbände dem sowjetischen Befehlskommando ebenso wie Truppen aus Polen, Ungarn und Bulgarien. Mielke ordnete die Bildung spezieller Einsatzgruppen an und sperrte den Urlaub für leitende Kader. Das Innenministerium erfasste alle DDR-Bürger mit tschechischen Sprachkenntnissen für die eventuelle Betreuung zu internierender tschechoslowakischer Staatsbürger.

Für den Ätherkrieg mit der CSSR wurde aus Mangel an Rundfunktechnik der mobile Sender der Ferienwelle Rügen-Radio von der Ostsee nach Dresden beordert, von wo er ab 22. Juli mit täglichen Sendungen morgens und abends in tschechischer und slowakischer Sprache in die CSSR einwirkte. Ab 21. August gab er sich mit dem Namen Vltava (Moldau) als tschechoslowakischer Sender aus, der mit Verleumdungen von Reformkräften, Lügen und stalinistischer Propaganda die Okkupanten und ihre Handlanger unterstützte. Der Sender arbeitete auf Weisung Honeckers und unterstand dem Chef der Auslandsinformation der SED Manfred Feist, dem Bruder Margot Honeckers.

Der Einmarsch. Am 17. August fiel in Moskau die Entscheidung für den Einmarsch. Von der SED waren nur Ulbricht, Honecker, Stoph und Axen eingeweiht. Doch die schwiegen sogar in der Politbürositzung am 20. August. Ulbricht gab den Einsatzbefehl für die NVA-Truppen. Die Zustimmung für den Einsatz war bedingungslos, selbst die Erinnerung an die deutsche Besetzung des Protektorats Böhmen und Mähren 1938/39 bis 1945 rief keine Skrupel hervor. Am Abend wurde die gesamte Militärmaschinerie gegen die CSSR in Gang gesetzt. Nach wenigen Tagen waren eine halbe Million Soldaten der Okkupationsarmeen dem fingierten Hilferuf altstalinistischer Reformgegner mit 7500 Panzern, 1000 Flugzeugen und ca. 2000 Geschützen in die CSSR marschiert. Obwohl die ganze Besetzung ohne militärische Auseinandersetzung verlief, verloren 72 Tschechen und Slowaken ihr Leben, 267 wurden schwer, 222 leicht verletzt. In den folgenden Tagen stieg die Zahl der Toten auf 94. Entgegen allen Behauptungen bis zum Ende der Honecker-Ära haben die NVA-Truppen, bis auf 30 Mann einer Nachrichten-Einheit in Milovice, nicht an der militärische Besetzung teilgenommen. Das war allein die Entscheidung der sowjetischen Militärführung.

Die Proteste. Nach Archivunterlagen meldete das Ministerium des Innern der DDR bis 4. September 1802 Vorkommnisse staatsfeindlicher Hetze. Von 1075 Tätern fasste die Polizei 412 auf frischer Tat, erließ 468 Haftbefehle und überstellte 479 Personen an das MfS. Die Bilanz des MfS fiel noch höher aus. Die Strafgerichte der SED in Gestalt der Parteikontrollkommissionen beschlossen gegen SED-Mitglieder bis Dezember 223 Ausschlüsse, 55 Streichungen, 109 strenge Rügen und 135 Rügen. Zu den von Gerichten Verurteilten gehörten Thomas Brasch (Sohn des stellvertretenden Kulturministers) sowie Florian und Frank Havemann (Söhne des  Regimekritikers Robert Havemann). Politischer Protest wurde mit Strafjustiz rigoros beantwortet.

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Die weisen Worte eines unvergessenen Politikers – Herbert Wehner

Am 19. Januar 2015 jährte sich zum 25. Mal der Tod des legendären Parlamentariers und SPD-Politikers Herbert Wehner. Über viele Jahre hatte er an der Seite Willy Brandts als Fraktionschef im Deutschen Bundestag die Politik mitbestimmt. Herbert Wehner war einer der wortgewaltigsten deutschen Politiker des 20. Jahrhunderts. Der „Zuchtmeister“ der SPD, wie ihn manche nannten, gehörte 34 Jahre zum Bonner Parlament und handelte sich in dieser Zeit 78 Ordnungsstrafen für seine „ungebührlichen“ aber mitunter so treffenden Zwischenrufe ein. Berühmt sind in diesem Zusammenhang seine eigenwilligen Sprachschöpfungen, seine von vielen Kolleginnen und Kollegen gefürchteten Geistesblitze.

Dafür einige Beispiele:

„Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen unterworfen! Dies gilt nicht für Minister, die haben keines!“

(Am 4. Mai 1956 über Mitglieder aus dem Kabinett Adenauer)

„Sie werden noch die Maulsperre kriegen. Das ist auch eine Krankheit.“

(Am 30. Januar 1970 zu Jürgen Wohlrabe, CDU/CSU)

„Übelkrähe“

(Am 14. Oktober 1970 zu Jürgen Wohlrabe, CDU/CSU)

„Sie sind ein Spöckenkieker.“

(Am 23. August 1971 zu Hermann Höcherl, CDU/CSU)

„Ihr Charme und mein sozialisti­sches Herz, das passt zusammen.“

(Am 19. Januar 1972 zu Margot Kalinke, CDU/CSU)

„Sie reden, als hätten Sie Theaterrezensent werden wollen.“

Wrangel (CDU): „Theaterrezensent ist ein ehrenwerter Beruf.“

Wehner: „Des­halb sind Sie es auch nicht geworden.“

(Am 26. April 1972 zu Olaf Baron von Wrangel, CDU/CSU)

„Sie machen heute Ihre Reifeprü­fung in Demagogie.“

(Am 21 Juni 1972 zu Paul Mikat, CDU/CSU)

„Schönen Dank. Herr Präsident, dass Sie erwacht sind.“

(Am 6. April 1973 zu Bundestagsvizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen, SPD)

„Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen so ungewaschen aus.“

(Am 20. März 1975 zu Reiner Möller, CDU/CSU)

„Hodentöter“

Am 11. Mai 1976 zu Jürgen Todenhöfer CDU/CSU)

„Der Mann ist eine völlige Null!“

(Am 10. November 1977 zu Friedrich-Adolf Jahn, CDU/CSU)

„Sie haben höchstens ein Hinterteil, aber kein Gegenteil.“

(Am 16. März 1978 zu Albrecht Hasinger, CDU/CSU)

„Wenn man Sie sieht, vergeht einem die Lust am Kinderkriegen.“

(Am 25. Januar 1979 zum Michael Gloß, CDU/CSU)

„Lassen Sie mich doch in Ruhe, Sie Gnom.“

(am 8. November 1979 zu Volker Rühe, CDU/CSU)

„Nun lassen Sie mich doch ausre­den, Sie Düffel-Doffel da.“

(Am 20. März 1980 zur CDU/CSU-Fraktion)

„Morgenstunde hat Schaum im Munde.“

(Am 2. Juni 1981 zu Erich Riedl, CDU/CSU)

„Sie verwechseln wohl den Bundes­tag mit der Oktoberwiesn, Sie Fla­schenkopf!“

(am 12. November 1981 zu Erich Riedl, CDU/CSU)

„Nehmen Sie wenigstens die Hand aus der Tasche! Sie Taschenspieler.“

(Am 19. Januar 1982 zu Manfred Abelein, CDU/CSU)

„Sie sind doch ein misslungener Con­ferencier.“

(Am 14.Dezember 1982 über Bundestagsvizepräsident Richard Wurbs, FDP)

 

Wie weit vorausschauend Herbert Wehner als ehemaliger kommunistischer Spitzenfunktionär, der während des Zweiten Weltkrieges aus dem berüchtigten Hotel Lux in Moskau in die Emigration nach Schweden geschickt wurde und dort zur deutschen Sozialdemokratie wechselte, die Situation im Ostblock und speziell in der DDR einschätzte, belegt ein Interview, das Günter Gaus mit ihm 1964 führte. Darin sagte er:

„Das SED-Experiment wird fürch­terlich enden, mit einem moralischen Katzengejammer und einer sittlichen Vernichtung derer, die einmal aus ehrlichen Absichten kommunistische oder sozialistische Vorstellungen sol­cher Art zu realisieren versucht ha­ben.“

{Am 8. Januar 1964 im Gespräch mit Günter Gaus im ZDF)

 

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Die DDR in Zahlen

In der DDR lebten in den knapp 41 Jahren ihrer Existenz, Geburten und Sterbefälle einbezogen, rund 25 Millionen Menschen.

Vor 25 Jahren, am 31. Dezember 1989, hatte die DDR genau 16.433.796 Einwohner. Das war der niedrigste Stand seit Gründung der DDR im Jahr 1949.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen 4,3 Millionen so genannte Umsiedler bzw. Vertriebene aus den östlichen Ländern bzw. ehemaligen deutschen Ostgebieten in die sowjetische Besatzungszone, so dass ein Viertel aller Bewohner „Neubürger“ waren, wie sie bald genannt wurden.

Seit der Gründung der DDR im Jahr 1949 bis Mitte 1990 verlegten 3,8 Millionen DDR-Bürger ihren Wohnsitz, nach DDR-Recht überwiegend illegal, in die Bundesrepublik Deutschland. 420.000 von ihnen durften legal auswandern. 400.000 der geflohenen DDR-Bürger kehrten zurück.

An der innerdeutschen Grenze starben mehrheitlich durch Schussverletzungen 1.135 Personen, darunter 200 DDR-Grenzer durch Schüsse bzw. Suizide.

Ab 1963 wurden in der DDR die Suizide generell nicht mehr veröffentlicht, weil die SED auf solche Rekorde keinen Wert legte. Sie lagen nach Expertenschätzungen bei etwa 5.000 bis 6.000 pro Jahr, im Verhältnis zur Bundesrepublik pro 100.000 Einwohner um ein Drittel höher.

75.000 Bürgerinnen und Bürger der DDR wurden wegen Fluchtversuchs oder wegen geplanter „Republikflucht“ überwiegend zu Haftstrafen verurteilt.

Mehr als 12.000 politisch unliebsame Personen, überwiegend ganze Familien, wurden in Nacht-und Nebelaktionen zwangsweise aus dem Grenzgebiet zur Bundesrepublik ausgesiedelt und in vielen Fällen entschädigungslos um Haus, Hof und Land gebracht.

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