Archiv der Kategorie: Dokumentation

Meine Beiträge für „Spiegel“ online

Die Asche des Stararchitekten Bruno Schmitz: Odyssee einer Urne

SPIEGEL ONLINE – einestages – 29.05.2014

Im Kaiserreich entwarf Bruno Schmitz wuchtige Nationaldenkmäler. Der DDR war er zu reaktionär. Sie wollte ihn loswerden – und verscherbelte die Urne des einstigen Stararchitekten Mitte der Achtzigerjahre heimlich an die Bundesrepublik.

Jugendkultur in der DDR: Tanzen, wie’s der SED gefiel

SPIEGEL ONLINE – einestages – 13.12.2013

Besser als Elvis: 1959 wollte die DDR die Welt retten – mit einem neuen Tanz. Der Lipsi sollte eine coole Alternative zum westlichen Rock’n’Roll sein. Mit viel Propaganda wurden die Schritte unters Volk gebracht, doch lange hielt sich die Mode nicht.

Walter Ulbrichts Ende: Gekränkt, gestorben, getilgt

SPIEGEL ONLINE – einestages – 01.08.2013

Sein Tod kam ungelegen: Mitten in die Ostberliner Weltjugendspiele platzte 1973 die Nachricht vom Ableben Walter Ulbrichts. Erst setzte sein Nachfolger Honecker alles daran, dass die Trauer nicht den inszenierten Jubel störte – dann ließ er den ehemaligen SED-Chef aus der Geschichte radieren.

DDR-Prachtboulevard: Schöner wohnen im Stalin-Chic

SPIEGEL ONLINE – einestages – 19.12.2012

Keramikfassaden, Parkettboden, Fernwärme – für nur 90 Pfennig pro Quadratmeter. Als Anfang der fünfziger Jahre die ersten Wohnungen in der Stalinallee vergeben wurden, rissen sich die DDR-Bürger um einen Platz in den Neubauten. Doch der Staat verlangte mehr als Miete. Und wer auszog, war verdächtig.

Notizen von DDR-Häftlingen: Die stummen Schreie von Hohenschönhausen

SPIEGEL ONLINE – einestages – 11.10.2011

Für Inhaftierte sind Gefängnisbibliotheken ein Fenster zur Außenwelt, doch für viele politische Gefangene der DDR waren sie noch mehr: Klaus Taubert las die Markierungen, die sie in den Büchern hinterließen – und mit denen sie das politische System des Staates anprangerten.

Geplanter Papstbesuch in der DDR: Katholizismus auf sozialistisch

SPIEGEL ONLINE – einestages – 16.09.2011

Der Papst kommt nach Deutschland, seine Messe wird Benedikt XVI. auf dem Domplatz in Erfurt lesen. Es ist historisches Gelände, vor 20 Jahren sollte schon Benedikts Vorgänger nach Thüringen reisen. Die Pläne scheiterten – der sozialistische Staat ging ein paar Monate zu früh unter.

Brunner-Akten der DDR: Hickhack um einen Kriegsverbrecher

SPIEGEL ONLINE – einestages – 09.08.2011

Stand der NS-Verbrecher Alois Brunner 1989 kurz vor der Auslieferung in die DDR? Mehrere Zeitungen spekulieren anhand von Stasi-Akten über dieses Szenario. Nichts habe darauf hingedeutet, schreibt nun Klaus Taubert, der die Unterlagen ebenfalls ausgewertet hat: Zu wertvoll sei dem Honecker-Staat die Syrien-Connection gewesen.

Erfurter Dombesetzung: Als die Orgel schweigen musste

SPIEGEL ONLINE – einestages – 01.07.2011

Er führte die Berliner Katholiken 1989 durch die politische Wende: Am 30. Juni starb der ehemalige Erzbischof Georg Sterzinsky. Klaus Taubert erinnert an eine fast vergessene gute Tat des Kirchenmannes. 1988 ließ dieser den Dom in Erfurt zur Baustelle herrichten, um geräuschlos dessen Besetzung zu beenden.

Unternehmen Barbarossa: Vater wollte nie darüber sprechen

SPIEGEL ONLINE – einestages – 24.06.2011

Leichen, Kadaver, ausgebrannte Panzer: 1500 Kilometer kämpfte sich die 6. Armee brutal durch Russland, bis sie 1943 in Stalingrad unterging. Der Vater von Klaus Taubert war bis zum Winter 1942 dabei und fotografierte, was um ihn herum geschah.

Deutsche Reichsbahn: Nächster Halt: Rundfunkstar!

SPIEGEL ONLINE – einestages – 15.04.2011

Was für ein Service! Bis in die sechziger Jahre leistete sich die DDR in Schnellzügen eigene DJs und Touristenführer. Die sogenannten Zugfunksprecher sagten nicht nur Bahnhöfe an, sondern moderierten die Fahrt. Der Job forderte Kreativität und Einfühlungsvermögen – und ebnete vielen den Weg in den staatlichen Rundfunk.

Ungesühntes DDR-Verbrechen: Tod an der Werra

SPIEGEL ONLINE – einestages – 05.04.2011

Noch bevor die DDR ihren Bürgern den Grenzübertritt in den Westen verbot, forderte die deutsche Teilung ein Opfer: Im April 1951 erschoss ein Grenzpolizist den Schneidermeister Paul Tippach. Das SED-Regime vertuschte den Fall. Für die Bewohner in Grenznähe hatte er dennoch dramatische Folgen.

Orte des Aufruhrs: Platz da für die Revolution!

SPIEGEL ONLINE – einestages – 07.02.2011

Pyramiden waren gestern. Mit dem Tahrir-Platz haben die Ägypter nun auch in der Neuzeit einen Ort, der Geschichte schrieb – und sich einreiht in eine eindrucksvolle Galerie von Schauplätzen revolutionären Aufbegehrens. Einestages zeigt die berühmtesten Orte der Revolte.

Unveröffentlichte Rede: Wie Ulbricht die DDR reformieren wollte

SPIEGEL ONLINE – einestages – 28.01.2011

Mehr Management-Initiative, mehr Effizienz: Was klingt wie ein Rezept der freien Marktwirtschaft, forderte Walter Ulbricht vor 40 Jahren in einer visionären Rede für die DDR. Doch veröffentlicht wurde sie nie. Klaus Taubert zitiert erstmals daraus und beschreibt, wie 13 Verschwörer den Staatschef danach abservierten.

Luxemburg-Liebknecht-Demo: Gedenkzug in eigener Sache

SPIEGEL ONLINE – einestages – 06.01.2011

Marschieren, frieren, inszenieren: In Berlin wurde vor 60 Jahren die Gedenkstätte der Sozialisten eingeweiht. Die DDR-Führung nutzte sie für ihren alljährlichen Januar-Aufmarsch – um eine Ehrung der Revolutionäre ging es dabei aber kaum. Stattdessen wurde die Demo zur PR-Aktion für die SED-Größen.

Margot Honeckers Chauffeur: In ihrer Handtasche steckte immer eine Pistole

SPIEGEL ONLINE – einestages – 29.12.2010

In der Öffentlichkeit war sie „Genossin Minister“, ihr Fahrer nannte sie einfach „die Margot“: 15 Jahre chauffierte Georg Melzer Margot Honecker und kam der First Lady der DDR so nahe wie wenige. Nach der Wende erinnerte er sich an West-Shopping in der Waldsiedlung und Schimpftiraden gegen Politiker-Frauen.

Hotelenteignungen in Oberhof: Rauswurf aus dem Paradies

SPIEGEL ONLINE – einestages – 11.11.2010

Marlene Dietrich lief in Oberhof Ski, die Welt der Reichen spielte dort Golf. Doch die DDR-Führung wollte kein „St. Moritz des Ostens“ – sie wollte einen Arbeiter- und Bauern-Kurort: 1950 enteignete die Staatsmacht in einer Blitzaktion private Hotels und Pensionen – und machte die Besitzer zu Aussätzigen.

Geburtstag der DDR: Das letzte Mahl

SPIEGEL ONLINE – einestages – 25.10.2010

Ein Abend der Erkenntnis: Als die Polit-Prominenz am 7. Oktober 1989 im Palast der Republik mit den Weltführern des Kommunismus das 40-jährige Bestehen der DDR feierte, saß Klaus Taubert mit am Tisch. Für den Gast auf Platz 406, Chefreporter der Nachrichtenagentur ADN, war das Festmahl ein Routinejob – doch mit dem Toast kam die Überraschung.

DDR-Versandhandel: Planwirtschaft wie aus dem Bilderbuch

SPIEGEL ONLINE – einestages – 08.10.2010

Schlangen vor den Kaufhäusern? Mangelwirtschaft? Nicht in der DDR, dachte sich die Staatsführung und wagte ein kapitalistisches Experiment. Der Versandhandel à la Quelle stieß zunächst auf Begeisterung – und wurde doch zum Desaster. Durchsetzen konnten sich einzig Sex-Utensilien.

SED-Kirchenspende: Wie Honecker sich am Volkseigentum vergriff

SPIEGEL ONLINE – einestages – 31.08.2010

Niemand durfte es erfahren: 1985 ließ Erich Honecker ein Stück aus einem Nationaldenkmal der DDR reißen – und schickte es in den Westen. Ausgerechnet, um damit den Bau einer Kirche im westdeutschen Hamm zu unterstützen. Seine Partei forderte Stillschweigen über die Angelegenheit.

Beitrittsbeschluss der Volkskammer: Die Nacht, als die DDR unterging

SPIEGEL ONLINE – einestages – 20.08.2010

Sofort, bald, viel später? Die Volkskammer war heillos zerstritten, als sie am 22. August 1990 eine Entscheidung über den Beitrittstermin zur Bundesrepublik finden sollte. Klaus Taubert war bei der legendären Sitzung dabei, auf der der historische Beschluss gefasst wurde – und die beinahe im Chaos geendet hätte.

Stasi-Entführung: Stiller Tod im Gelben Elend

SPIEGEL ONLINE – einestages – 25.06.2010

Hetzjagd auf einen Staatsfeind: Die Stasi entführte 1956 den SED-Kritiker Robert Bialek aus dem Westen in die DDR-Haftanstalt Hohenschönhausen. Bisher wurde angenommen, dass er dort kurz darauf starb. Doch neue Hinweise deuten auf eine weitere Verschleppung hin – und einen qualvollen Foltertod.

Reporter im Bahro-Prozess: Ich war der nützliche Idiot

SPIEGEL ONLINE – einestages – 24.06.2010

Die Verhandlung gegen DDR-Dissident Rudolf Bahro im Sommer 1978 war ein abgekartetes Spiel. Damit der Schein eines ordentlichen Verfahrens gewahrt blieb, saß Reporter Klaus Taubert im Gerichtssaal – als einziger Journalist. Auf einestages erinnert er sich an den merkwürdigen Prozess.

DDR-Affront gegen Moskau: Farbenlehre à la Honecker

SPIEGEL ONLINE – einestages – 26.05.2010

Es gibt nur einen Sozialismus – und der ist international. So hieß es in der DDR. Bis Erich Honecker Ende 1988 plötzlich in einer Rede vom „Sozialismus in den Farben der DDR“ sprach. Der Journalist Klaus Taubert war live dabei, als Honecker die gegen Moskau gerichtete Bombe platzen ließ.

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Die Konterrevolution saß im SED-Politbüro

Wenige Tage nach den schwülstigen und bombastischen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989 gab das SED-Politbüro unter immer noch Erich Honeckers Führung ein Pamphlet für die mündliche Agitation heraus, dass in den Parteiorganisationen verlesen, diskutiert und danach in seiner schriftlichen Form wieder an die SED-Kreisleitungen zurückgegeben werden musste. Die regelmäßig erscheinenden „Agitationshilfen“ für Funktionäre durften nicht verbreitet bzw. in Medien abgedruckt werden.
Die „Informationen“ mit der Nummer 261 aus jenen Oktobertagen trägt den Titel: Zum „Neuen Forum“ und zu anderen illegalen oppositionellen Gruppierungen in der DDR
Darin entlarvte sich das Politbüro einmal mehr als Vereinigung zur Niederschlagung aller oppositionellen Regungen und Bewegungen in der DDR. Aus den einstmaligen jungen Revolutionären gegen Kapitalismus und Hitlerdiktatur war eine verknöcherte, uneinsichtige Gruppe von Konterrevolutionären geworden, die die Zeit nicht mehr begriff und sich mit einem Vokabular aus unseligen Zeiten gegen den Untergang ihrer eigenen Ideologie zur Wehr zu setzen versuchte. Doch das Volk war ihnen nicht mehr hörig. (siehe auch: „Der letzte Versuch“)
Anbei das vertrauliche Dokument „1989/7“, das keiner weiteren Kommentierung bedarf:

Informationen

Nr. 261
Zum »Neuen Forum« und zu anderen illegalen
oppositionellen Gruppierungen in der DDR

Am 11.Oktober hat sich das Politbüro des Zentralkomitees der SED mit einer Erklärung an die Partei und das Volk der DDR gewandt. Darin wird betont, daß der politische Wille unserer Partei, ein für alle zukunftssicheres Leben aufzubauen, in den vier Jahrzehnten Deutsche Demokratische Republik zum bewußten Wollen von Millionen Werktätigen in Stadt und Land geworden ist. In diesem Miteinander hat sich unsere Republik entwickelt. Dieses Miteinander ist auch die entscheidende Gewähr für die Bewältigung aller bei der weiteren Gestaltung unserer sozialistischen Gesellschaft herangereiften und neu auftauchenden Probleme.
Die Parteiführung rief alle Bürger auf, den Sozialismus zu stärken und zu verteidigen, in einer öffentlichen, kritischen und konstruktiven Diskussion über alle grundlegenden Fragen zu beraten, die heute und morgen zu lösen sind. Alle Meinungsäußerungen und Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus in der DDR sind gefragt.
Für diesen schöpferischen Dialog verfügen wir mit den in der Nationalen Front der DDR vereinten Parteien und Massenorganisationen, mit den etwa 200 Vereinigungen, Verbänden, Komitees, Ligen und weiteren demokratischen Gremien über alle erforderlichen Formen und Foren. Sie gilt es noch umfassender zu nutzen, um – getragen von politischer Vernunft und staatsbürgerlichem Verantwortungsbewußtsein – die Antworten zu finden, mit denen wir dem Wohl des Volkes am besten dienen.

NeuesForum1

Seit längerem unternehmen äußere und innere sozialismusfeindliche Kräfte intensive Versuche, in der DDR oppositionelle Gruppierungen und Strukturen zu schaffen und sie zu legalisieren. Unter Bruch der Verfassung und des geltenden Rechts, zum Beispiel der Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen vom 6. November I975, wurden in jüngster Zeit mehrere oppositionelle personelle Zusammenschlüsse illegal gebildet. Bekannt wurden u.a. das »Neue Forum«, die sogenannte Sammelbewegung »Demokratischer Aufbruch«, die »Bürgerbewegung Demokratie jetzt« und die »Sozialdemokratische Partei«. Das geschieht nicht zufällig zur gleichen Zeit, da maßgebliche imperialistische Kräfte mit einer haßerfüllten Kampagne gegen die DDR den Sozialismus diffamieren und Zweifel an seiner Perspektive verbreiten. Eine zentrale Rolle ist dem »Neuen Forum« zugedacht, das sich illegal in Berlin sowie in den Bezirken Leipzig, Halle, Gera, Karl-Marx-Stadt und Frankfurt (Oder) »konstituiert« hat und in allen anderen Bezirken über sogenannte Kontaktstellen bzw. Kontaktadressen verfügt.
Die Autoren dieses »Neuen Forum« betreiben das Geschäft der Feinde des Sozialismus. Ihnen ist es gelungen – anknüpfend an reale Probleme und Widersprüche unserer sozialistischen Entwicklung – bei nicht wenigen Bürgern der DDR, darunter auch jungen Menschen, Gehör zu finden und Verwirrung zu stiften. Notwendig ist es, sich von jenen zu distanzieren, die den Sozialismus als System beseitigen wollen.
Wären sie, wie sie vorgeben, tatsächlich für den Sozialismus und seine weitere Ausgestaltung, wären sie also ehrlich, dann könnten sie im breiten Spektrum demokratischer Organisationen unseres Landes tatkräftig mitwirken.
Weiche eigentlichen Ziele verbergen sich hinter ihren hochtönenden Namen und Bezeichnungen?
Im sogenannten Gründungsaufruf «Aufbruch 89 – Neues Forum«, der mittlerweile unter Mißbrauch kirchlicher Einrichtungen republikweit verbreitet wurde, werden die antisozialistischen Ziele seiner Initiatoren deutlich sichtbar. Erklärte Absicht der über 30 »Gründungsmitglieder«, unter denen sich Intellektuelle, Studenten und Pfarrer befinden – bezeichnenderweise gehört zu ihnen ein einziger Arbeiter -, ist die Bildung einer politischen Plattform für die gesamte DDR.
Es wird behauptet, daß die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft gestört, die schöpferischen Potenzen der Gesellschaft gelähmt und die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben behindert seien. Angebote, wie real vorhandene Probleme im demokratischen Miteinander überwunden werden können, werden nicht gemacht. Im Gegenteil. Dem Staat wird keine Möglichkeit geboten, der beteuerten Verfassungstreue der Aufrufer Glauben zu schenken. Wie soll man zum Beispiel die Feststellung im »Gründungsaufruf« verstehen, das Machtmonopol des Staates zu beseitigen.
Damit wird der sozialistische Staat der Arbeiter und Bauern unerträglich diffamiert. Abgeordnete, Werktätige in den Staatsorganen und alle jene Bürger, die für ihren Staat einstehen und für das Wohl des Volkes wirken, werden in ihrer Würde verletzt. Der unermüdlichen ja aufopferungsvollen Tätigkeit der Rechtspflegeorgane unseres Landes ist es doch wohl ganz entscheidend zu danken, daß die Kriminalität, bezogen auf 100 000 Einwohner gegenüber der BRD zehnmal geringer ist und die DDR zu den Ländern mit der niedrigsten Kriminalitätsrate in der Welt gehört. Sicherheit und Geborgenheit sind zu Markenzeichen sozialistischen Lebensgefühls bei uns geworden.
Der planmäßigen Entwicklung der Volkswirtschaft und kontinuierlichem Wirtschaftswachstum als Grundlage für Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit und steigenden Lebensstandard wird die Forderung nach »Abkehr vom ungehemmten Wachstum, und nach «Spielraum für wirtschaftliche Initiative« entgegengestellt. Damit wird, wie Akteure der »Organisation« irnmer wieder auch bei anderer Gelegenheiten betonen, die sozialistische, auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln beruhende Planwirtschaft in Frage gestellt und einer »sozialer Marktwirtschaft«, also kapitalistischer Profitwirtschaft, das Wort geredet Dies wird zugleich mit der Abschaffung der führenden Rolle der Partei, der Bildung pluralistischer Strukturen in der gesamten Gesellschaft und weiteren, auf die Untergrabung der Arbeiter-und-Bauern-Macht zielenden Forderungen verbunden.
Es kann wohl auch kein Zufall sein, daß im Gründungsaufruf für eine »Umgestaltung der Gesellschaft« plädiert, aber keinerlei Bezug auf ihren sozialistischen Charakter genommen wird. Ja, das Wort Sozialismus oder sozialistisch sucht man in diesem Papier vergeblich. Sollen wir derartigem Gedankengut etwa »Pressefreiheit« gewähren?
Die erklärten Forderungen und die Praxis des »Neuen Forum« stehen im Widerspruch zu den Grundwerten und politischen Grundlagen des Sozialismus in der DDR, wie sie in der mit Volksentscheid 1968 angenommenen Verfassung ihren gesetzlichen Niederschlag gefunden haben. Darauf begründet sich seine Nichtzulassung.
Der antisozialistische Charakter des «Neuen Forum« wird auch dadurch verdeutlicht, daß seine Organisatoren im direkten Zusammenspiel mit führenden Vertretern der Bonner Regierung, politischen Parteien und Medien der BRD und Westberlins – also einer fremden Macht – handeln. Dafür spricht, daß noch vor dem Antrag auf Zulassung beim Ministerium des Innern, der am 22. September 1989 mit Datum vom 19. September 1989 gestellt wurde, bereits am 13. September 1989 der Gründungsaufruf in die großbürgerliche »Frankfurter Rundschau« lanciert worden war. Flankierend dazu gaben Gründungsmitglieder, wie Bärbel Bohley und Rolf Henrich, Interviews, zum Teil per Telefon, für verschiedene westliche Hörfunk- und Fernsehsender. Grundtenor ihres Auftretens war die Absicht, ungeachtet einer erwarteten Nichtzulassung als Vereinigung durch den Staat ihre Aktivitäten fortzuführen.
Noch unverhohlener in ihrer antisozialistischen und konterrevolutionären Programmatik und ihrem verfassungsfeindlichen Handelsind solche Gruppierungen wie die Sammlungsbewegung »Demokratischer Aufbruch« und die bezeichnenderweise am 7. Oktober – am 40. Jahrestag der DDR – im Untergrund gebildete »Sozialdemokratische Partei«. Unter einer »umgestalteten Gesellschaft« und einer »erneuerten demokratischen Republik« verstehen sie:
– Die »Pluralisierung der Eigentumsformen«,
– die Aufgabe »der Fiktion des Volkseigentums«,
– die «Gründung neuer Parteien mit konzeptionellen Alternativen«,
– eine »soziale Marktwirtschaft mit Monopolverbot«,
– die Beseitigung der führenden Rolle der SED mit der Begründung der
»Aufhebung des Machtmonopols der Partei«.
So weisen es ihre Dokumente aus.
Diese Gruppierungen, die aus gutem Grund die Öffentlichkeit in der DDR meiden und wohlweislich bisher keinen Antrag auf Zulassung gestellt haben, wirken ebenfalls außerhalb von Recht und Gesetz und daher illegal. Wer ihnen seine Sympathie bekundet, muß wissen, worauf er sich einläßt.

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Legenden und Wahrheiten

 zu Ereignissen des Zweiten Weltkrieges

In Schulbüchern, Vorlesungen und Se­minaren der Universitäten der DDR und in  politischen Sonntagsreden von Funktionären gab es über den 22. Juni 1941 eine Standartformulierung: Verbre­cherischer Überfall des räuberi­schen deutschen Imperialismus auf die friedliebende Sowjet­union. Alles Weitere leitete sich davon ab. Auch alles andere, was dem vorausging, wurde im Sinne des „großen Bruders“ Sowjetunion erklärt. Hier ein paar Legenden und die dazugehörigen Wahrheiten, die der Autor nach Gesprächen mit dem Historiker Werner Maser* zusammengestellt hat.

Legende:

Am 17. September 1939, nachdem Deutschland am 1. September Polen überfallen hatte, mar­schierten sowjetische Heeres­gruppen im Osten Polens ein. Sie begründen ihren „Befrei­ungszug“ damit, die von Deutschland bedrohten Men­schen in den Westgebieten der Ukraine und Belorusslands vor den Faschisten zu schützen.

Wahrheit:

Im Geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. Au­gust 1939 – unterschrieben von den Außenministern von Ribbentrop und Molotow – heißt es: „Für den Fall einer territorial­politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehö­renden Gebiete werden die In­teressensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.“ Am 25. September teilen Stalin und Molotow dem deutschen Bot­schafter Graf von der Schulen­burg mit, dass die „Belassung ei­nes selbständigen Restpolens abwegig“ erscheine.

In einem weiteren Geheimen Zusatzprotokoll vom 28. Sept. 1939 unterschreiben der deut­sche und sowjetische Außenmi­nister: „Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teiles hin­überwirkt. Sie werden alle An­sätze zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unter­binden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten.“ Bekannt ist die Erschießung von 14.000 polnischen Offizieren in Katyn auf Anweisung Stalins vom 5. März 1940. Insgesamt befan­den sich 217.000 polnische Kriegsgefangene in sowjeti­schem Gewahrsam.

Legende:

Am 30. November 1939 verüb­ten finnische Truppen eine Rei­he von provokatorischen Über­griffen an der sowjetischen Grenze. Die Rote Armee ging daraufhin zur Offensive über.

Wahrheit:

Finnland hatte sich beharrlich geweigert, durch einen Ge­bietsaustausch mit der Sowjet­union seine Grenze ein paar Kilometer nach Norden zu verlegen und einen Hafen als Flottenstütz­punkt zu verpachten. Am 27. November kündigte Molotow den sowjetisch-finnischen Nichtangriffs­pakt von 1932. Um einen Über­fall zu begründen, behaupteten die Sowjets, das kleine Finn­land, das bei weitem nicht so viel Einwohner hatte, wie Stalin Soldaten, habe seit Tagen ernsthafte Grenzzwischenfälle inszeniert und Grenzstellun­gen der Roten Armee unter Feuer genommen. Das war der An­lass zum Krieg der Sowjetunion gegen Finnland. Der Überfall war so offensichtlich, dass die Sowjetunion im Dezember 1939 aus dem Völkerbund aus­geschlossen wurde. Am 31. März 1940 wurde das russi­sche Karelien zusammen mit dem eroberten finnischen Territorium zur Karelo-Finnischen Unionsrepublik erklärt. Finnland musste zwar einen Teil seines Territoriums abtreten, bewahrte aber seine staatliche Unabhängigkeit.

Legende:

Die selbständigen baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland haben sich gegen die Sowjetunion verschworen. Ihre profaschistischen Regierungen würden das Land zum Auf­marschgebiet Deutschlands gegen die Sowjetunion machen. Mit Berufung auf Beistands­pakte musste die Sowjetunion notgedrungen in diesen Län­dern Truppen stationieren. Angeblich hätten „wirklich demokratische Kräf­te“ dieser Staaten 1940 den Obersten Sowjet ersucht, ihre Länder in die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken aufzunehmen.

Wahrheit:

Stalin nutzte die Westoffensive Hitlers aus. Als die deutsche Wehrmacht in Paris einmarschiert, wird die litauische Regierung in einem Ultimatum aus Moskau aufgefordert, einem Ein­marsch sowjetischer Truppen zuzustimmen. Am nächsten Tag rückten Truppen in Kowno und Wilna ein. Ab 17. Juni 1940 wa­ren auch Lettland und Estland unter sowjetischer Kontrolle. Bereits am 6. August waren al­le drei Staaten in die Sowjetuni­on eingegliedert. Im Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 wa­ren sich Ribbentrop und Molotow im Auftrag Hitlers und Stalins einig: „Für den Fall einer territorial-politischen Umge­staltung in den zu den balti­schen Staaten (Finnland, Est­land, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR.“

Legende:

Rumänischen Großgrund­besitzer herrschten seit 1918 in dem der Sowjetunion zustehen­den Bessarabien. Mit Hilfe deutscher Truppen hatten sie sich 1918 dieses Land angeeignet. Im Interesse eines dauerhaften Friedens müsse diese offene Frage schnell ge­klärt werden. Am 26. Juni 1940 forderte die Sowjetunion von Ru­mänien die Rückgabe von Bessarabien und der Nord-Bukowina. Nachdem sich die Rote Armee in Bewe­gung gesetzt hatte, gab Rumä­nien diese Gebiete heraus.

Wahrheit:

Die Sowjetunion war sich auch mit Deutschland über ihre Ein­flusssphäre in diesem Bereich einig. Deutschland leistete so­gar Schützenhilfe, nachdem Molotow die Hoffnung ausge­sprochen hatte, „dass Deutsch­land die sowjetischen Aktionen nicht stören, sondern unterstüt­zen“ würde. Hitler empfahl dar­auf dem rumänischen König Carlo II., auf militärischen Wi­derstand gegen die Sowjetuni­on zu verzichten, die ihre kampflose Besetzung am 1. Juli 1940 abschloss, um tags darauf den größten Teil Bessarabiens in die neugeschaffene Moldaui­sche SSR einzugliedern und Süd­bessarabien und die Nord-Bu­kowina der Ukrainischen Sowjetrepublik anzuschließen.

Legende:

Der verbrecherische Überfall Hitlerdeutschlands auf die friedliebende Sowjetunion er­folgte völlig überraschend, traf sie unvorbereitet.

Wahrheit:

Stalin wusste seit Dezember 1940 von Hitlers Kriegsvorberei­tungen gegen die Sowjetunion. Außerdem hatten die obersten Militärs seit Mai bereits kon­kret ausgearbeitete Pläne für einen sowjeti­schen Angriff auf Deutschland vorbereitet. Riesige Truppen­kontingente waren an den Grenzen zusammengezogen. Originaldokumente, die Prof. Maser in den Archiven gefun­den hat, belegen, dass sich Stalin mit Angriffsplänen gegen Deutschland beschäftigt hatte.

(*Prof. Dr. Werner Maser, 1922–2007, Historiker, Biograf von Adolf Hitler, Friedrich Ebert u.a. historischen Persönlichkeiten sowie der Weimarer Republik und des Dritten Reiches.)

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Good bye, Lenin!

Hundert Jahre nach der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ ein Blick auf deren Anführer Wladimir Iljitsch Lenin

 

Im diffusen Licht des Mau­soleums auf dem Roten Platz in Moskau liegt, wie eine Wachspuppe, die geschrumpfte Hülle Le­nins (1870-1924). Hunderttausende defilieren Jahr für Jahr am künstlich am Tod gehaltenen Staats­gründer der längst untergegangenen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken vorüber, jenem machtvollen Zwangsgebilde unterdrückter Völkerschaften. Oft genug hungrig, angstvoll und frierend. Immer aber hof­fend, wie auf einen neuen Messias.

Doch das Volk steht nicht mehr geschlossen hinter seinen Verführern. Stalin wurde vor Jahrzehnten bereits aus dem Mausoleum entfernt, nachdem seine blutige Diktatur nicht mehr zu vertuschen war. Mit gebührendem Abstand ist Wladimir Iljitsch Lenin, geborener Uljanow, bereits in mehreren ehemaligen Unionsrepubliken vom Denkmalsockel gesstürzt worden.

In Moskau war bereits eine Beerdigung Lenins ins Auge gefasst worden. Doch wer wäre dann das leuchtende Vorbild, der unerschrockene Kämpfer für das Volk? Chruschtschow und Breschnew sind vergessen, ebenso Jelzin als kurzzeitiger Auflöser der „Union“, und Putin ist noch nicht soweit, diesen Platz eines Alleinherrschers einzunehmen, so sehr er auch daran arbeitet. Noch fehlen ihm die „Erfolge“. Der Prophet Gorbatschow hingegen gilt nichts im eigenen Lande…

Noch also ist das Mausoleum am Roten Platz ein Heiligtum, eine Erinnerung an 75 Jahre Sow­jetmacht und für manche auch Sehnsucht nach einer Zukunft, in der das alte Reich wieder aufersteht. Doch Geschichte wiederholt sich allenfalls als Farce.

Vorerst ist Lenin in Mütterchen Russland noch der Säulenheilige, dessen Askese aus dem bescheidenen Glauben an die eigene Unfehlbarkeit und Macht besteht. Ein Blick auf Lenins diktatorische „Vorzüge“:

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Plakat: A. Strachow, 1924, „W. Uljanow (Lenin)“

DER ANFANG

Die von Lenin gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), die sich später Kommunistische Partei Russ­lands (Bolschewiki), KPR (B), dann Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) nannte, war mit dem eindeutigen Ziel angetreten, die revolutionäre Staatsgewalt zu errichten. Sie formierte sich als Elitetruppe. Das alleinige Sagen hatten die professio­nellen Funktionäre, die Mitglieder waren nichts als Anhängsel. Nach dem Sturz der Zarenherrschaft im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges nutzte Lenin die aus Protest gegen die Bolschewiki vereinbarte Abwesenheit der Sozialrevolutionäre auf dem „II. Allrussischen Sowjetkongress“ Anfang November, um  sich von der verbliebenen Minderheit zum Regierungschef wählen zu lassen. Mit diesem Putsch, der als Oktoberrevolution glorifiziert wird, wurde die aus der Februarrevolution hervorgegangene liberale Übergangsregierung unter Kerenski abgelöst. Damit verschmolz die Parteiherrschaft mit den Institutionen des Staates.

DER ANTIDEMOKRAT

Russland wählt am 12. No­vember 1917 erstmals frei ein Parlament. Lenins Bolschewiki erhielt 183 Sitze. Die  (sozialdemokra­tischen) Sozialrevolutio­näre hatten 412 Mandate. Am 6. Januar 1918 fand die konstituierende Sitzung statt. Doch Regierungs­chef Lenin ließ das Parla­ment auseinanderjagen, weil es sich weigerte, die von den Bolschewiken seit der „Oktoberrevolution“ praktizierten Gesetze nachträglich zu bestätigen.

DER VERFOLGER

Lenin hat als demokratischen Anstrich für seine diktatorische Regierung einige linke So­zialrevolutionäre für sein Kabinett geködert. Im März 1918 jagte er sie zum Teu­fel, und im Juli schmiss er deren Fraktion aus dem Par­lament. „Diktatur ohne Kompromisse“, lautete seine Devise. „Schläge gegen die Konterrevolution“ nannte er die Verfolgung der Ex-Bünd­nispartner, die vor Gericht gezerrt und als Verräter verurteilt wurden. Es waren Vorläu­fer stalinscher Schauprozesse.

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Plakat: W. Deni, 1920, „Genosse Lenin säubert die Welt von Unrat“

DER ALLEINHERRSCHER

Bei den Friedensverhand­lungen in Brest-Litowsk (Deutschland, Österreich, Bulgarien, Türkei gegen Russland 1917/18) bestimmte allein Lenin die Inhalte auf russischer Seite. Regie­rung und Parlament waren zu Befehlsempfängern degra­diert. Nur das ZK war von Lenin bevollmächtigt, „jederzeit alle Friedens­verträge mit imperialisti­schen und bürgerlichen Staaten zu zerreißen und ebenso ihnen den Krieg zu erklären“. Damit fungierte das ZK als höchstes staat­liches Exekutivorgan, jeg­licher Kontrolle durch Parlament und Volk entzo­gen. Die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ wurde zur Farce.

DER UNKONTROLLIERBARE

Das ZK der Bolschewiki wurde infolge Mitgliederzunahme immer größer. Der Hand­lungsspielraum der Führer wurde damit eingeengt. Um dies zu umgehen, wurde im März 1919 das allgewaltige Politbüro geschaffen, dem nur wenige ausgewählte Gefolgsleute und Speichellecker des Parteichefs angehörten. Die Kontrolle durch das ZK ging mehr und mehr zurück, be­schränkte sich auf eine Ovationskulisse für den Parteiführer. Dieses System wurde später von den „Bruderparteien“, bis hin zur SED, übernommen.

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Plakat: D. Moor, 1920, „1. Mai – allrussischer Subbotnik“

DER MACHTBESESSENE

Die Bolschewiki setzten mit grausamer Rücksichtslosig­keit zwischen Nord- und Mittelmeer, Weißrussland und Amur ihre Macht durch. Durch Hunger und Epidemien, Gefangenenerschießungen und massenhafte Exekutionen von angeblichen Gegnern verlo­ren in fünf Jahren Bürger­krieg 13 Millionen Menschen ihr Leben, weit mehr als durch die Schlachten des Ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Statt mit einer Ideologie ein Volk von vorwiegend Analphabeten für sich zu gewinnen, war pure Machtausübung des einzige Instrument der „Überzeugung“.

DER GULAG-ERBAUER

Während der Hungersnot 1918 pro­klamierte Lenin den „Kriegskommu­nismus“. Per Gesetz forderte er „einen scho­nungslosen und terroristi­schen Kampf und Krieg zu führen gegen die bäuerliche und sonstige Bourgeoisie“. Unmenschlicher Schachzug: Ausgehungerte Proletarier wurden aufs Land geschickt, um die Bauern zu einer staatstreuen Raison zu zwingen. Lenin verlangte, dass man „verdächtige Personen in Konzentrationslager außer­halb der Stadt einsperren“ möge, in die berüchtigten Gulags. 245 große Bauernauf­stände wurden im Blut er­stickt.

DER MATROSENKILLER

Im Frühjahr 1921 ließ Lenin nicht weniger brutal den Aufstand der Ma­trosen von Kronstadt nie­derschlagen, die Verant­wortlichen drakonisch be­strafen. Die Angehörigen der Baltischen Flotte, einst Stütze der Oktober­revolution, hatten die Forderung erhoben: „Für die Sowjets, aber ohne Kommunisten!“. Das hätte das Ende der „Diktatur des Proletariats“ und Übergang zu ersten Anfängen einer Demokratie bedeutet.

Plakat4

Plakat: N. Kotschergin, 1920, „Über die Trümmer des Kapitalismus zur Weltbrüderschaft aller Werktätigen!“

DER OPPOSITIONSFEIND

Auf dem 10. Parteitag der KPR (B) im März 1921 wurde die letzte Oppositionsbasis innerhalb der Partei vernichtet. Da­runter die sogenannte Arbeiteropposition, die den Gewerkschaften anfangs eine eigen­ständige Rolle bei der De­mokratisierung zugebilligt hatte. Lenin hingegen degradierte die Gewerkschaften zum „Transmissionsriemen“ der Partei und verweigert ihnen einen eigenen Handlungs­spielraum.

DER KGB—GRÜNDER

Auf Lenins Anweisung wurde im Dezember 1917 die „Außerordent1iche Kommis­sion zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabo­tage“ (Tscheka, später NKWD als Vorläufer des KGB) gegründet. Sie wurde unter Feliks Dzierschinski ohne jegliche Kontrolle zu einem sich ständig erweiternden allmächtigen Machtinstru­ment, das über Recht und Gesetz bestimmte, sich Staatsanwaltschaften und Gerichte unterordnete, den Strafvollzug ausbaute und verwaltete, flächen­deckend bespitzelte und verfolgte.

DER ILLUSIONIST

Lenin glaubte, dass die Ar­beiter ohne jegliche Bezah­lung eine „ungeheure Erhö­hung der Arbeitsproduktivität“ erreichten (dargestellt in seiner Broschüre von 1919 „Die große Initiative“). Ein Jahr später, im April 1920, for­dert er schon die Arbeitsdienstpflicht. Später gehen seine Forderungen bis hin zur Militarisierung der Arbeit. Die wurde unter Stalin mit Arbeitslagern perfektio­niert, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg auch Zehntausende Deutsche Unmenschliches erlitten.

DER WIRTSCHAFTSKOMMANDANT

Leinins oft gepriesene Neue ökonomische Politik (NöP) wird oft mit einem Einstieg Sowjetrusslands in die Marktwirtschaft vergli­chen. Das ist falsch. In Wirklichkeit drohte Lenin, wie aus Briefen an den Justizminister hervorgeht, jenen mit drakonischen Strafen, bis hin zur Todesstrafe, die mit Privatinitiative über den staatlichen Rahmen der Kapitalbildung hinausgehen. Tatsächlich führte Lenin mit Verordnungen und Be­fehlen von oben die Kommandowirtschaft ein, die Jahrzehnte später im ganzen ehemaligen sozialistischen Lager eingeführt wurde und gänzlich gescheitert ist.

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Die katholische Kirche in der DDR

Rückblick auf eine staatsnahe Zeit

Die katholische Kirche in der DDR habe laut Joachim Meisner, Bischof von Berlin bis Ende 1988, später Kardinal und Erzbischof von Köln und inzwischen verstorben, jeden Kontakt mit der Stasi gemieden. Prälat Gerhard Lange vom bischöflichen Ordinariat Berlin beteuerte in den Tagen der Wende, die katholische Kirche habe der DDR von Anfang an ihre Legitimität abgesprochen. Sie habe dem Bestehen der DDR im Sinne des heiligen Augustinus Rechnung getragen, wenn dieser von Staaten spricht, die den „Charakter von organisierten Räuberbanden“ hätten.  Auch habe die katholische Kirche die Rechtmäßigkeit der Wahlen stets angezweifelt. Im Übrigen habe man nicht laut protestiert, sich vielmehr auf die stille Hilfe für einzelne beschränkt.

PapstHoni

Erich Honecker wird 1985 von Papst Johannes Paul II. empfangen

Gegenüber der evangelischen Kirche mit rund sechs Millionen Mitgliedern hatte die katholische Kirche nur etwas über eine Million Mitglieder, also 6,5 Prozent der Bevölkerung der DDR. Sie gehörten den sechs Jurisdiktionsbezirken Ostberlin, Dresden-Meißen, Görlitz, Erfurt-Meiningen, Magdeburg sowie Schwerin an. Deren Bischöfe, zum Teil als Administratoren tätig, bildeten die Berliner Bischofskonferenz. Die „Basisarbeit“ fand in 811 Pfarreien bzw. Seelsorgestellen statt. Dafür standen rund 1.000 Weltpriester und über 120 Ordenspriester zur Verfügung.

Für den Staat DDR war die katholische Kirche nie ein Problem. Man arrangierte sich im Stillen. Der ehemalige Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR Hermann Kalb (CDU) bestätigte: „Die Loyalität der katholischen Kirche war für SED und Regierung eine feste Bank. Damit konnte sie rechnen.“ Es war ein Entgegenkommen des Staates, dass die von der evangelischen Kirche u.a. bei einer Spitzenbegegnung mit Erich Honecker am 6. März 1978 ausgehandelten sozialen Erleichterungen für kirchliche Mitarbeiter stillschweigend auch auf die katholische Kirche übertragen wurden. Sie musste nicht extra verhandeln.

Spitzengespräche

Förderlich für die guten Beziehungen waren zwei inhaltliche Gespräche auf höchster Ebene, an die man sich später nur ungern erinnern lässt. Sie wurden von den Staatsoberhäuptern der DDR 1974 (Willi Stoph) und 1981 (Erich Honecker) mit dem Vorsitzenden der Berliner Ordinarienkonferenz und späteren Bischofskonferenz Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran geführt.

Dipomatie

Nach Abschluss des Vier-Mächte-Vertrages 1971 und spezieller Abkommen zwischen Bonn und Berlin kam es zu offiziellen Kontakten zwischen dem Vatikan und der DDR. Erster Höhepunkt war im Sommer 1975 der Besuch von Erzbischof Agostino Casaroli, dem vatikanischen Außenminister, auf offizielle Einladung der Regierung der DDR.  Im Ergebnis der Gespräche erhob Papst Paul VI. nach einer Schamfrist von einem Jahr auf Wunsch der DDR-Führung die Berliner Ordinarienkonferenz in den Rang einer eigenständigen, territorialen Bischofskonferenz.

Papstaudienz

Für eine erhebliche Aufwertung Erich Honeckers und der DDR sorgte die offizielle Audienz des DDR-Partei- und Staatschefs anlässlich seines Italienbesuchs 1985 bei Papst Johannes Paul II. im Vatikan.  Erich Honecker sprach eine Einladung an den Papst zum Besuch der DDR aus.

Vorbereitungen

Spätestens seit dem katholischen Kirchentag 1987 in Dresden fanden Verhandlungen zwischen der DDR-Regierung und der katholischer Kirche zur Vorbereitung des Papst-Besuches in der DDR statt. Damit folgte die staatliche Seite dem Drängen der Bischöfe, denn die Politbürokratie war (mit Ausnahme Honeckers) von einem solchen Besuch nicht erbaut. Die wesentlichen Programmpunkte waren bereits festgelegt, Themen des Gesprächs des Papstes mit Honecker umrissen. Nach monatelangen Verhandlungen wurde der Termin des Besuchs von Johannes Paul II. für Juli 1990 vereinbart. Im Amtssitz des Staatsrates sollte ein Gegenbesuch bei Honecker stattfinden, bevor sich der Papst um die katholischen Christen in der DDR kümmern würde.

Für den Wunsch, dass der Papst für eine Messe per Hubschrauber nach Westberlin fliegt, gab es keine Zustimmung. Dafür sollten zu einer Messe vor der Hedwigskathedrale 50.000 Christen aus Westberlin in den Ostteil der Stadt kommen dürfen. Zum Programm gehörte ein Katholikentreffen in Erfurt, wofür Sonderzüge vorgesehen waren. Per Hubschrauber war auch ein Abstecher des Papstes in das katholische Eichsfeld eingeplant. (Stationen, die gut zwei Jahrzehzente später Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch in den neuen Bundesländern ähnlich absolvierte.)

Ehrerweisung

Zu den offiziellen Feierlichkeiten, zum Beispiel bei runden DDR-Jubiläen, waren stets hohe Repräsentanten der katholischen Kirche den Einladungen gefolgt. Sie reihten sich auch in die Schlange der Gratulanten zum 70. und 75. Geburtstag Erich Honeckers. Bei einer Gratulation wörtlich Bischof Bernhard Huhn: „Ich möchte mir erlauben, Ihnen im Namen des Vorsitzenden und der Mitglieder der Berliner Bischofskonferenz herzliche Segenswünsche auszusprechen… Und so möchte ich Ihnen ein christliches Geburtstagsgeschenk machen – unser Gebet.“

Vorbildwähler

Über Jahrzehnte ging bei jeder so genannten Volkswahl in der DDR für die Beobachter der Politbürokratie geradezu eine Faszination vom katholischen Eichsfeld im Norden Thüringens aus. Die Städte und Gemeinden dieser Region meldeten stets als erste fast hundertprozentige Wahlbeteiligung. Die  Gläubigen erkannten es als ihre Pflicht an, gemeinsam mit dem Pfarrer nach dem Frühgottesdienst die „Kandidaten der Nationalen Front“ zu wählen. Über gefälschte Wahlergebnisse ist nach der Wende aus dieser Region nichts zu hören gewesen.

Dankesworte

Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Staat und katholischer Kirche war das Katholikentreffen 1987 in Dresden mit 80.000 Gläubigen. Kardinal Joachim Meisner: „Unsere Gläubigen sind auch Bürger dieses Landes. Ihre gewährte Hilfe beim Katholikentreffen wird ihnen die Erfahrung vermitteln, als katholische Bürger akzeptiert zu sein, indem sie sich in der Art und Weise, wie wir unterstützt wurden, nicht als Almosenempfänger empfinden müssen, sondern als gleichberechtigte und gleichgeachtete Bürger.“ Kardinal Meisner sprach von einem „wichtigen Tag für die Kirche in unserem Land“.

Vor der Presse betonte Prälat Lange, dass es in der jahrelangen Vorbereitungszeit zu diesem Treffen zu einer „fachlichen und konstruktiven Kooperation“ zwischen Staat und Kirche gekommen sei.

Einladungen

Zur Verabschiedung des Berliner Bischofs Joachim Meisner 1988 aus Berlin wurden offizielle staatliche Repräsentanten zu einem Pontifikalamt in die Hedwigskathedrale eingeladen. Überdies erhielt der damalige DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen Kurt Löffler eine Einladung Meisners zur Amtseinführung im Februar 1989 als Erzbischof von Köln.  Für Meisners Übersiedelung nach Köln wurde in großzügiger Weise eigens ein Güterwagen der Deutschen Reichsbahn mit seinen Möbeln, Antiquitäten usw. verplombt.

Stasikontakte

Zwischen der katholische Kirche und staatlichen Dienststellen, darunter dem MfS, fanden regelmäßige Konsultationen statt. Die Verbindungen zur Regierung, namentlich zum Staatssekretär für Kirchenfragen, hielt Prälat Gerhard Lange. Als Gesprächspartner des Ministeriums für Staatssicherheit waren die Ordinariatsräte Paul Dissemond (bis 1987) und Josef Michelfeit benannt. Für individuelle Lösungen aufkommender Probleme wurde Rechtsanwalt Wolfgang Vogel bemüht.

Anwerbungen

Mit besonderer Sorgfalt befasste sich das Ministerium für Staatssicherheit mit der Anwerbung katholischer Geistlicher. Einzelheiten über die Methoden gehen aus einer Diplomarbeit des Stasi-Offiziers Bernd K., Deckname Meyer, aus Heiligenstadt im Eichsfeld hervor. Im Nachbarkreis Worbis wurden allein seit 1984 19 kirchliche Amts- und Würdenträger, darunter 13 Pfarrer, von der Stasi operativ bearbeitet. Sie wurden unter Decknamen wie „Prediger“ oder „Partner“ geführt. Die katholische Kirchenleitung in den Neunzigerjahren: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern… Bisher haben einige Personen ihre Kontakte eingestanden.“

Geheimdeal

Eine Woche vor Beginn eines evangelischen Kirchentags im Frühjahr 1988 besetzten 21 Personen, darunter mehrere Katholiken, den katholischen Marien-Dom in Erfurt. Nach einem Sonntagsgottesdienst blieben die vorwiegend jungen Leute mit Kindern über zwei Tage im Dom, wollten ein öffentliches Zeichen gegen Ausreiseverbot und Stasi-Schikane setzen. In einer Nacht- und Nebelaktion durften – nach langwierigen Verhandlungen u.a. mit dem damaligen Erfurter Generalvikar und späteren Berliner Bischof Georg Sterzinsky und der Einschaltung Honeckers – alle Besetzer in die Bundesrepublik ausreisen. Die Bedingung hieß: Schweigen! Und alle schwiegen. Ein Ehepaar war zur Absicherung des Schweigens, also gewissermaßen als Pfand, etwas länger in der DDR zurückgeblieben. Die Kirche schwieg sogar über 1990 hinaus, bis der Autor dieses Berichts den Fall in allen Einzelheiten u.a. auch für einen Fernsehbeitrag des mdr recherchierte.

Hilflos

Eine Woche nach der Dombesetzung übergaben junge katholische Christen in der Erfurter Luther-Kirche an den SPD-Politiker und Brandt-Vertrauten Egon Bahr ein Schreiben mit ihren Sorgen. Sie wurden anschließend verhaftet, einige in Karl-Marx-Stadt, dem früheren und heutigen Chemnitz, zu Haftstrafen verurteilt, in Bautzen eingesperrt und später in den Westen „verkauft“. Nach eigenen Aussagen versagte ihnen die katholische Kirche jeden Rechtsbeistand.

Alleingelassen

Katholische Schwestern der Caritas hatten 1988 die Versorgung der ausreisewilligen DDR-Bürger in der überfüllten Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Berliner Hannoverschen Straße mit Nahrungsmitteln usw. übernommen. Auf die Zuverlässigkeit dieser Hilfe war immer Verlass.

Auch als die evangelische Kirche ihre Häuser oppositionellen Gruppen und vielen anderen öffnete, die die Wende in der DDR herbeiführen halfen, hielten die katholischen Geistlichen ihre Kirchen geschlossen. Viele katholische Christen fühlten sich alleingelassen und schlossen sich in ihrem Protest den Protestanten an. Die katholische Kirchenleitung verweigerte sich, sprach sich gegen derartige Aktionen unter dem Dach der Kirche aus.

Einsicht

Kardinal Georg Sterzinsky sagte kurze Zeit nach dem Untergang der DDR: „Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift.“ +++

Kirche1

Wenige Tage nach den Festnahmen von 120 Bürgerrechtlern im Zusammenhang mit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 in Berlin richtete der Berliner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner an alle Priester und Diakone im Ostteil des Bistums einen Brief mit Datum vom 1. Februar. Die „FAZ“ druckte den Wortlaut, aus dem der abgebildete Ausschnitt stammt. Viele katholische Bürgerrechtler sahen darin eine Mahnung, die Kirche nicht für politische Veranstaltungen, Protestaktionen gegen das SED-Regime, gesellschaftskritische Diskussionsrunden und ähnliche „fragwürdige Unterfangen“ zu benutzen. Zahlreiche Katholiken schlossen sich ihren evangelischen Freunden an. Nicht zu Unrecht wird der demokratische Aufbruch 1989 in der DDR auch als protestantische Revolution bezeichnet.

Kirche2Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert am 30. März 1991 unter der Überschrift „Auf ein Bischofswort konnte sich der Staat verlassen“ aus einem Grußschreiben des ehemaligen Vorsitzenden der bis 1990 für das Gebiet der DDR bestehenden Berliner Bischofskonferenz, Georg Sterzinsky, an die Bundessynode der Evangelischen Kirchen im Februar 1990. Darin wird das Versagen der katholischen Kirche während der friedlichen Revolution in der DDR eingeräumt und eine Arbeitsstelle für Zeitgeschichte zur Aufarbeitung der Position der katholischen Kirche in der DDR eingerichtet. Was ist daraus geworden?

Kirche3In einer Presseerklärung der katholischen Kirche in Berlin vom 17. Dezember 1991 werden die Namen derer genannt, die beauftragt waren, mit Staat und Stasi zusammenzuarbeiten. Es wird darauf verwiesen, dass versucht wurde, kirchliche Mitarbeiter für das MfS zu gewinnen und betont: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern.“

Kirche4Unter der Überschrift „Dem SED-Staat zu keiner Zeit Rechtmäßigkeit zuerkannt“ verbreitet die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) am 7. Dezember 1989 eine Erklärung des kirchenpolitischen Beauftragten der Berliner Bischofskonferenz, Gerhard Lange, in der die DDR nach einem Ausspruch des heiligen Augustinus mit einer „organisierten Räuberbande“ verglichen wird. „Zu keinem Zeitpunkt hat die katholische Kirche diesem Staat Legitimität zuerkannt, der nicht auf der Grundlage freier und geheimer Wahlen – also mit rechtstaatlichen Mitteln – gebildet wurde“, heißt es darin. Offizielle Begegnungen mit dem Staatsoberhaupt der DDR habe man an der Spitze der Bischofskonferenz „konsequent verweigert“. Dabei wird übersehen, dass Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran als Vorsitzende dieses Gremiums offiziell vom Staatsoberhaupt der DDR empfangen wurden. Was die Hilfe für „betroffene Menschen“ betrifft, da können die Inhaftierten von Erfurt und Sömmerda anderes berichten.

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Tietelbild Geschichten

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Blick auf eine Besatzungszeit

Im Jahr 1994 verließen mehr als eine halbe Million ehemalige Sowjetbürger in Uniform und in Zivil den Osten Deutschlands und damit das Territorium der ehemaligen DDR. Die größte jemals in Friedenszeiten außer Landes stationierte Streitmacht zog sich zurück. Ein solcher Abzug war in der Militärgeschichte beispiellos. Das militärische Zeremoniell im Treptower Park in Berlin am 31. August 1994 markierte das Ende der sowjetischen Militärpräsenz auf deutschem Boden. Präsident Boris Jelzin  und Bundeskanzler Helmut Kohl verabschiedeten die Westgruppe der russischen Streitkräfte in einem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Am 1. September 1994 hat der letzte Oberkommandierende, Generaloberst Matwej Burlakow, vom Flugplatz Sperenberg aus das wiedervereinigte Deutschland verlassen.

Der erste Rotarmist hatte am 31. Januar 1945 bei Kienitz das heutige deutsche Territorium erreicht. Nach einer erbitterten Schlacht von 2,5 Millionen Soldaten, mit 6.250 Panzern, 41.600 Geschützen und 7.500 Kampfflugzeugen erzwang die Rote Armee am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation. Der verheerendste Krieg in der Menschheitsgeschichte mit über 50 Millionen Toten war in diesem Teil der Welt zu Ende. Am 31. August 1994 hat der letzte in Deutschland stationierte russische Soldat nach genau 18.012 Tagen seit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg das 1990 wiedervereinigte Land verlassen.

Die Besatzungsmacht

Am 9. Juni 1945 war die „Gruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland“ formiert worden. 1954 wurde mit der Souveränitätserklärung der UdSSR für die DDR das Wort „Besatzung“ gestrichen. Je nach politischer Großwetterlage gab es auch den Begriff der „Gruppe der zeitweilig in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte“ (GSSD) . Schließlich hieß es nach dem Zerfall des Sowjetimperiums nur noch „Westgruppe der russischen Streitkräfte“.

Für alle vier Siegermächte hatte es nur eine einzige gemeinsame Militärparade gegeben. Die fand am 7. September 1945 zwischen Brandenburger Tor und Reichstag statt und war auf sowjetischen Vorschlag zustande gekommen. Die Abschieds-Parade der Sowjetarmee fand am 11. Juni 1994 in Wünsdorf statt.

Dem Abzug vorausgegangen war die mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag politisch und rechtlich markierte Friedensregelung mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Vertrag, der am 15. März 1991 in Kraft trat,  beendete die Nachkriegszeit Deutschlands, einschließlich Berlins, sowie alle besatzungsrechtlichen Beschränkungen.

Die Truppenstärke

1945 bestand die sowjetische Besatzungsmacht in Ostdeutschland vor allem aus Formationen der Truppen der 1. Belorussischen und der 1. Ukrainischen Front, die – zusammen mit einigen Hunderttausend polnischen Soldaten – den Hauptanteil der Schlacht um Berlin getragen hatten.

Die sowjetische Besatzungsmacht war die größte und stärkste Gruppierung, die je ein Staat in Friedenszeiten außerhalb seines Territoriums unterhielt. Sie bildete den Kern der Ersten Strategischen Staffel der Warschauer Paktstaaten und stand den Hauptkräften der NATO in Europa direkt gegenüber.

Die Truppenstärke war stets ein Tabu. Zum Zeitpunkt des beginnenden Abzugs am 1. September 1991 wurde die Zahl mit 545.000 Personen angegeben. Diese Zahl setzte sich zusammen aus 340.000 Soldaten, der Rest waren Zivilangestellte und Familienmitglieder von Offizieren, Fähnrichen und länger dienenden Unteroffizieren. 1990 besuchten 70.000 Kinder dieser Familien eigene russische Schulen.

Die Standorte

Nach dem Kriegsende hatte die sowjetische Armee Berlin zunächst allein besetzt. Erst im Sommer 1945 waren laut Vereinbarungen der vier Siegermachte amerikanische, britische und französische Truppen in der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt eingetroffen, um in den ihnen zugeteilten Sektoren Besatzungsfunktionen auszuüben.

Die Sowjetarmee war in Ostdeutschland an 276 Standorten untergebracht. Sie verfügte über 777 Kasernen und Lager, 40 Truppenübungsplätze, 30 Flug- und Hubschrauberplätze für rund 1.500 Flugzeuge und andere Objekte auf einer Fläche von 250.000 Hektar, also knapp 2,5 Prozent des DDR-Territoriums. Das entsprach einem fünf Kilometer breiten Korridor von Rostock über Berlin und Leipzig bis zur Südgrenze der DDR, also ein Achtel des DDR-Territoriums. Um die militärische Stärke auf dem  108.000 Quadratkilometern DDR zu verdeutlichen: 1989 standen etwa eine Millionen Mann der Sowjetarmee, der NVA, der Volkspolizei, des Geheimdienstes und der Kampfgruppen unter Waffen.

Die DDR kosteten die 40 Jahre Stationierung sowjetischer Truppen insgesamt 140 Milliarden Mark eigener Währung.

WerHinterlassenschaft der 20.Gardearmee  nach ihrem Abzug aus Deutschland im Jahr 1994. Die Fotos zu diesem Beitrag entstanden zwanzig Jahre später rund um den ehemaligen Flugplatz der Sowjetarmee in Werneuchen bei Berlin 

Wern

Die Elitetruppen

In Ostdeutschland waren stets Elitetruppen stationiert, gegen die sich die NVA wie eine Hilfstruppe ausnahm. Die 1. Gardepanzerarmee hatte ihre Divisionen in Grimma, Riesa und Dresden. Die 2. Gardepanzerarmee konzentrierte sich auf Perleberg, Schwerin, Stendal und Neustrelitz im Norden. Die 3. Stoßarmee (ihre Angehörigen hissten am 30. April 1945 die Siegerfahne auf dem Reichstag) konzentrierte sich auf Roßlau, Altengrabow, Neuruppin und Hillersleben. Die 8. Gardearmee (Hauptverteidiger von Stalingrad) lag in Halle, Ohrdruf, Naumburg und Jena. Die 20. Gardearmee bildete einen Ring um Westberlin mit Sitz in Potsdam, Bernau und Berlin. Die 16. Luftarmee war auf Zerbst, Ribnitz-Damgarten, Rechlin und Großenhain verteilt.

Die Bewaffnung

Die Anzahl der Waffen und militärischen Großgeräte betrug 123.000, das Kernwaffenarsenal umfasste 940 Raketen, 492 Geschütze und 80 Jagdbomber. Über 2,6 Millionen Tonnen Material darunter Munition, Treib- und Schmierstoffe usw. waren vorhanden. Der Abzug von Mannschaften und Technik in diesem Umfang hatte in der Militärgeschichte bis dahin noch nicht gegeben. Nach dem Abzug der russischen Armee 1994 waren rund 3.000 Grundstücke, zum Teil hoch kontaminiert, zurückgegeben. Allein die Munitionsbergung kostete mehr als anderthalb Milliarden DM.

Die Befehlshaber

Über die Jahre der Besatzung gab es 19 Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland. Der erste war der legendäre Berlin-Stürmer Marschall Georgi Shukow (1896-1974), der letzte, der den Rückzug befehligte, ist der 1935 geborene Generaloberst Matwej Burlakow. Wünsdorf, der Sitz des Oberkommandierenden südlich von Berlin, war eine wichtige Sprosse auf der Karriereleiter sowjetischer Militärs. Kommandierende stiegen nach ihrer Abberufung aus der DDR zu Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber des Warschauer Vertrages, Stabschef der Sowjetarmee und in andere hohe Positionen auf.

Werneuchen (2)

Ab 1937 war Werneuchen Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe. Das Areal wurde nach 1945 durch die Sowjetarmee erheblich ausgebaut, die Landebahn ist 2.500 Meter lang und heute zu einem großen Teil mit Solarzellen zur Energiegewinnung bestückt. Der Tower (oben) gehörte der 16. russischen Luftarmee, die ihn bis 1993 nutzte.

Werneuchen (1)

Der Machterhalt

Die Vereinigung von SPD und KPD wäre ohne Schützenhilfe der Sowjets nicht möglich gewesen. Viele Sozialdemokraten, die sich der Zwangsvereinigung widersetzten, landete in Lagern wie Sachsenhausen und Buchenwald, die die Sowjets von den Faschisten übernommen hatten und einige Jahre weiterführten. Ab 1945 betrieb der sowjetische Geheimdienst fünf Jahre lang fünf  „Speziallager“ in Ostdeutschland, in denen 43.000 Menschen nicht überlebten.

Auch über die Zulassung von Parteien und Organisationen entschied die sowjetische Militärkommandantur. Als die DDR im Juni 1953 durch den Arbeiteraufstand auf wackeligen Füßen stand, retteten sowjetische Panzer das Ulbricht-Regime. In Feuerstellung standen sie, als in Ungarn der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, in der CSSR ein demokratischer Sozialismus aufzukommen drohte und in Polen die „Solidarnosz“ zu einer Gefahr für das sozialistische Lager wurde. Erst seit Gorbatschows Wahl an die Spitze der KPdSU 1985 hielt sich die Sowjetarmee aus nationalen Auseinandersetzungen heraus.

Kunst und Kultur

Das Oberkommando in Wünsdorf sowie die sechs Armeen unterhielten je ein Gesangs- und Tanzensemble. Eine Tageszeitung sowie der eigene Radiosender „Wolga“ arbeiteten in Potsdam. Enge Kontakte zur Bevölkerung gab es nicht. Bei offiziell verordneten Freundschaftstreffen traten die Armee-Ensembles auf. Beim Treffen mit dem „Regiment nebenan“ durften sich NVA- und Sowjetsoldaten nach vorgeschriebenem Zeremoniell u.a. über die Erfüllung ihres Kampauftrages zur stetigen Gefechtsbereitschaft für den Sieg des Sozialismus und Kommunismus unterhalten, ohne Details auszuplaudern.

Das Kasernenleben

Das Leben der Sowjetsoldaten in den Kasernen war kein Zuckerschlecken. Sie lebten zusammengepfercht bis zu 20 Mann in einer Stube, jeder hatte nur ein Eisenbett und einen kleinen Nachttisch. Schleiferei fand bis zur Leistungsgrenze statt. Über das Essen sagte ein in den Westen desertierter Soldat: „Als Mittagessen gab es eine kleine Kelle Buchweizengrütze, Graupen oder Haferbrei, oft sehr schlecht gekocht, dass es schwer war, es hinunterzuwürgen. Nach dem Essen war man stets hungrig, trank Wasser, um das Leeregefühl im Magen loszuwerden.“

Auf dem Kasernengelände gab es gerade mal eine Teestube, oft aber keinen Tee. Radio gab es nicht. Entdeckte man bei einem Soldaten ein Transistorradio, wurde es eingezogen. Der Sender der sowjetischen Streitkräfte „Wolga“ mit Sitz in Potsdam war nur auf dem Kasernenhof zu hören. Viele Soldaten flüchteten angesichts von zwei Jahren Dienst ohne Urlaub und Ausgang in den Alkohol. Auf zwanzig bis dreißig Prozent wurde der Anteil der Alkoholabhängigen geschätzt. An Alkohol gelangte man mit Diebstahl und Schwarzhandel außerhalb der Kasernen. Vergewaltigungen deutscher Frauen, etwa 40 bis 60 Fälle pro Jahr, wurden stets unter den Teppich gekehrt, weil sie nicht in das Bild verordneter deutsch-sowjetischer Freundschaft passten. Im Durchschnitt gab es jedes Jahr 2.000 Straftaten, von denen viele durch das Ministerium für Staatssicherheit „bereinigt“ wurden, um keine antisowjetische Stimmung aufkommen zu lassen.

Werne  HangarWerneu StartbahnEhemalige Start- und Landebahnen. Auf einem Teil davon wird inzwischen Sonnenenergie gewonnen.

Die Leistungen

Vertraglich wurde für den Abzug, der zunächst sieben Jahre dauern sollte, von Kohl jedoch auf vier Jahre heruntergehandelt wurde, der russischen Armee Hilfe durch die Bundesrepublik Deutschland zugesichert. An 40 Standorten in Russland, Belorussland und in der Ukraine wurden sogenannte Offiziersstädte errichtet. Dafür stellte die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Bonn 8,3 Milliarden DM zur Verfügung. Außerdem entstanden vier Bauteile-Fabriken mit jeweils einer Jahreskapazität von 100.000 Quadratmetern Wohnfläche. Durch internationale Ausschreibungen für den Wohnungsbau konnte der Preis für einen Quadratmeter Wohnfläche auf unter 1.000 Mark gesenkt werden, wodurch insgesamt 44.000 Wohnungen geschaffen wurden. Alles in allem sind als Gegenleistung 17 bis 20 Milliarden Mark laut Kohl-Berater Teltschik nach Russland geflossen, teils auch in Form von Lebensmitteln zur Minderung der Versorgungskrise in der ehemaligen Sowjetunion. Zu den Lieferungen gehörten für 1,5 Milliarden Mark Rinder und Schweine aus ehemaligen ostdeutschen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Außerdem legte Staatschef Gorbatschow Wert auf das politische Versprechen, nach dem Rückzug der russischen Armee keine Truppen der NATO in Berlin und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu stationieren.

GarnisSchule Kasern Inzwischen hat sich in Werneuchen viel getan. Ein Teil der Bauwerke der GSSD wurde saniert. Aus der alten Garnisonsschule wurde eine moderne, attraktive Grundschule. Aus einem Teil der ehemaligen Kasernen wurden Wohnungen im Grünen.  Aber noch ist viel zu tun, um die Wundmale der Besatzungszeit völlig zu beseitigen.

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Schau-Plätze der Geschichte

Bedeutende Plätze im Geschichtsbewusstsein der Menschheit

Besonders wichtige Ereignisse der Menschheitsgeschichte sind stets mit berühmten Örtlichkeiten verbunden. Seit der Französischen Revolution erinnern in der neueren Geschichte Plätze an gesellschaftliche Umwälzungen. Jüngst weltweit bekannt geworden ist der Maidan-Platz in Kiew. Ein Blick zurück auf mehr als 200 Jahre.

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Der 17. Juni 1953

Eine Dokumentation zum Arbeiteraufstand 1953 in der DDR

Klaus Taubert

9.-12. Juli 1952  Die SED verkündet auf ihrer 2. Parteikonferenz, „planmäßig und systematisch die Grundlagen des Sozialismus zu errichten“. Stalin hat diesen Weg angeordnet, um die DDR zum sicheren Satelliten seines Machtbereichs zu machen. Er duldet keinen „eigenständigen deutschen Weg“, von dem in der DDR die Rede war. Politbüromitglied Anton Ackermann fällt daraufhin als „Bauernopfer“ in Ungnade. Walter Ulbricht genießt Stalins Vertrauen und garantiert ihm den für die DDR untauglichen russischen Weg zum Sozialismus. Der heißt: Klare Absage an jede Form von Markt- und Privatwirtschaft, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Ausbau der Zentralgewalt, also der Diktatur einer Funktionärsriege, in deren Händen sich alle Macht konzentriert

23. Juli 1952 Zur Sicherung ihrer zentralen Macht löst die SED-Führung per Volkskammerbeschluss die Länder Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen als politische Körperschaften auf. Sie werden in 14 Bezirke zerstückelt, die keine eigenen Verfassungen mehr besitzen und von SED-Bezirkssekretären beherrscht werden. Zur größeren Einflussnahme werden die bis dahin existierenden 132 Kreise verkleinert. Es entstehen 217 neue mit jeweils eigenen Staatsapparaten, SED-Kreisleitungen, Geschäftsstellen der anderen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen, Polizei- und Sicherheitsorganen. Die Macht der SED ist allgegenwärtig. Die früher in einigen Landesparlamenten dominierenden so genannten Blockparteien, allen voran die CDU, werden  bedeutungslos

31. Dezember 1952 Seit der 2. SED-Parteikonferenz im Juli haben nahezu 100.000 Menschen die DDR verlassen. Die Aufnahmelager in der Bundesrepublik und in Westberlin reichen kaum aus

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