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Die katholische Kirche in der DDR

Rückblick auf eine staatsnahe Zeit

Die katholische Kirche in der DDR habe laut Joachim Meisner, Bischof von Berlin bis Ende 1988, später Kardinal und Erzbischof von Köln und inzwischen verstorben, jeden Kontakt mit der Stasi gemieden. Prälat Gerhard Lange vom bischöflichen Ordinariat Berlin beteuerte in den Tagen der Wende, die katholische Kirche habe der DDR von Anfang an ihre Legitimität abgesprochen. Sie habe dem Bestehen der DDR im Sinne des heiligen Augustinus Rechnung getragen, wenn dieser von Staaten spricht, die den „Charakter von organisierten Räuberbanden“ hätten.  Auch habe die katholische Kirche die Rechtmäßigkeit der Wahlen stets angezweifelt. Im Übrigen habe man nicht laut protestiert, sich vielmehr auf die stille Hilfe für einzelne beschränkt.

PapstHoni

Erich Honecker wird 1985 von Papst Johannes Paul II. empfangen

Gegenüber der evangelischen Kirche mit rund sechs Millionen Mitgliedern hatte die katholische Kirche nur etwas über eine Million Mitglieder, also 6,5 Prozent der Bevölkerung der DDR. Sie gehörten den sechs Jurisdiktionsbezirken Ostberlin, Dresden-Meißen, Görlitz, Erfurt-Meiningen, Magdeburg sowie Schwerin an. Deren Bischöfe, zum Teil als Administratoren tätig, bildeten die Berliner Bischofskonferenz. Die „Basisarbeit“ fand in 811 Pfarreien bzw. Seelsorgestellen statt. Dafür standen rund 1.000 Weltpriester und über 120 Ordenspriester zur Verfügung.

Für den Staat DDR war die katholische Kirche nie ein Problem. Man arrangierte sich im Stillen. Der ehemalige Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR Hermann Kalb (CDU) bestätigte: „Die Loyalität der katholischen Kirche war für SED und Regierung eine feste Bank. Damit konnte sie rechnen.“ Es war ein Entgegenkommen des Staates, dass die von der evangelischen Kirche u.a. bei einer Spitzenbegegnung mit Erich Honecker am 6. März 1978 ausgehandelten sozialen Erleichterungen für kirchliche Mitarbeiter stillschweigend auch auf die katholische Kirche übertragen wurden. Sie musste nicht extra verhandeln.

Spitzengespräche

Förderlich für die guten Beziehungen waren zwei inhaltliche Gespräche auf höchster Ebene, an die man sich später nur ungern erinnern lässt. Sie wurden von den Staatsoberhäuptern der DDR 1974 (Willi Stoph) und 1981 (Erich Honecker) mit dem Vorsitzenden der Berliner Ordinarienkonferenz und späteren Bischofskonferenz Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran geführt.

Dipomatie

Nach Abschluss des Vier-Mächte-Vertrages 1971 und spezieller Abkommen zwischen Bonn und Berlin kam es zu offiziellen Kontakten zwischen dem Vatikan und der DDR. Erster Höhepunkt war im Sommer 1975 der Besuch von Erzbischof Agostino Casaroli, dem vatikanischen Außenminister, auf offizielle Einladung der Regierung der DDR.  Im Ergebnis der Gespräche erhob Papst Paul VI. nach einer Schamfrist von einem Jahr auf Wunsch der DDR-Führung die Berliner Ordinarienkonferenz in den Rang einer eigenständigen, territorialen Bischofskonferenz.

Papstaudienz

Für eine erhebliche Aufwertung Erich Honeckers und der DDR sorgte die offizielle Audienz des DDR-Partei- und Staatschefs anlässlich seines Italienbesuchs 1985 bei Papst Johannes Paul II. im Vatikan.  Erich Honecker sprach eine Einladung an den Papst zum Besuch der DDR aus.

Vorbereitungen

Spätestens seit dem katholischen Kirchentag 1987 in Dresden fanden Verhandlungen zwischen der DDR-Regierung und der katholischer Kirche zur Vorbereitung des Papst-Besuches in der DDR statt. Damit folgte die staatliche Seite dem Drängen der Bischöfe, denn die Politbürokratie war (mit Ausnahme Honeckers) von einem solchen Besuch nicht erbaut. Die wesentlichen Programmpunkte waren bereits festgelegt, Themen des Gesprächs des Papstes mit Honecker umrissen. Nach monatelangen Verhandlungen wurde der Termin des Besuchs von Johannes Paul II. für Juli 1990 vereinbart. Im Amtssitz des Staatsrates sollte ein Gegenbesuch bei Honecker stattfinden, bevor sich der Papst um die katholischen Christen in der DDR kümmern würde.

Für den Wunsch, dass der Papst für eine Messe per Hubschrauber nach Westberlin fliegt, gab es keine Zustimmung. Dafür sollten zu einer Messe vor der Hedwigskathedrale 50.000 Christen aus Westberlin in den Ostteil der Stadt kommen dürfen. Zum Programm gehörte ein Katholikentreffen in Erfurt, wofür Sonderzüge vorgesehen waren. Per Hubschrauber war auch ein Abstecher des Papstes in das katholische Eichsfeld eingeplant. (Stationen, die gut zwei Jahrzehzente später Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch in den neuen Bundesländern ähnlich absolvierte.)

Ehrerweisung

Zu den offiziellen Feierlichkeiten, zum Beispiel bei runden DDR-Jubiläen, waren stets hohe Repräsentanten der katholischen Kirche den Einladungen gefolgt. Sie reihten sich auch in die Schlange der Gratulanten zum 70. und 75. Geburtstag Erich Honeckers. Bei einer Gratulation wörtlich Bischof Bernhard Huhn: „Ich möchte mir erlauben, Ihnen im Namen des Vorsitzenden und der Mitglieder der Berliner Bischofskonferenz herzliche Segenswünsche auszusprechen… Und so möchte ich Ihnen ein christliches Geburtstagsgeschenk machen – unser Gebet.“

Vorbildwähler

Über Jahrzehnte ging bei jeder so genannten Volkswahl in der DDR für die Beobachter der Politbürokratie geradezu eine Faszination vom katholischen Eichsfeld im Norden Thüringens aus. Die Städte und Gemeinden dieser Region meldeten stets als erste fast hundertprozentige Wahlbeteiligung. Die  Gläubigen erkannten es als ihre Pflicht an, gemeinsam mit dem Pfarrer nach dem Frühgottesdienst die „Kandidaten der Nationalen Front“ zu wählen. Über gefälschte Wahlergebnisse ist nach der Wende aus dieser Region nichts zu hören gewesen.

Dankesworte

Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Staat und katholischer Kirche war das Katholikentreffen 1987 in Dresden mit 80.000 Gläubigen. Kardinal Joachim Meisner: „Unsere Gläubigen sind auch Bürger dieses Landes. Ihre gewährte Hilfe beim Katholikentreffen wird ihnen die Erfahrung vermitteln, als katholische Bürger akzeptiert zu sein, indem sie sich in der Art und Weise, wie wir unterstützt wurden, nicht als Almosenempfänger empfinden müssen, sondern als gleichberechtigte und gleichgeachtete Bürger.“ Kardinal Meisner sprach von einem „wichtigen Tag für die Kirche in unserem Land“.

Vor der Presse betonte Prälat Lange, dass es in der jahrelangen Vorbereitungszeit zu diesem Treffen zu einer „fachlichen und konstruktiven Kooperation“ zwischen Staat und Kirche gekommen sei.

Einladungen

Zur Verabschiedung des Berliner Bischofs Joachim Meisner 1988 aus Berlin wurden offizielle staatliche Repräsentanten zu einem Pontifikalamt in die Hedwigskathedrale eingeladen. Überdies erhielt der damalige DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen Kurt Löffler eine Einladung Meisners zur Amtseinführung im Februar 1989 als Erzbischof von Köln.  Für Meisners Übersiedelung nach Köln wurde in großzügiger Weise eigens ein Güterwagen der Deutschen Reichsbahn mit seinen Möbeln, Antiquitäten usw. verplombt.

Stasikontakte

Zwischen der katholische Kirche und staatlichen Dienststellen, darunter dem MfS, fanden regelmäßige Konsultationen statt. Die Verbindungen zur Regierung, namentlich zum Staatssekretär für Kirchenfragen, hielt Prälat Gerhard Lange. Als Gesprächspartner des Ministeriums für Staatssicherheit waren die Ordinariatsräte Paul Dissemond (bis 1987) und Josef Michelfeit benannt. Für individuelle Lösungen aufkommender Probleme wurde Rechtsanwalt Wolfgang Vogel bemüht.

Anwerbungen

Mit besonderer Sorgfalt befasste sich das Ministerium für Staatssicherheit mit der Anwerbung katholischer Geistlicher. Einzelheiten über die Methoden gehen aus einer Diplomarbeit des Stasi-Offiziers Bernd K., Deckname Meyer, aus Heiligenstadt im Eichsfeld hervor. Im Nachbarkreis Worbis wurden allein seit 1984 19 kirchliche Amts- und Würdenträger, darunter 13 Pfarrer, von der Stasi operativ bearbeitet. Sie wurden unter Decknamen wie „Prediger“ oder „Partner“ geführt. Die katholische Kirchenleitung in den Neunzigerjahren: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern… Bisher haben einige Personen ihre Kontakte eingestanden.“

Geheimdeal

Eine Woche vor Beginn eines evangelischen Kirchentags im Frühjahr 1988 besetzten 21 Personen, darunter mehrere Katholiken, den katholischen Marien-Dom in Erfurt. Nach einem Sonntagsgottesdienst blieben die vorwiegend jungen Leute mit Kindern über zwei Tage im Dom, wollten ein öffentliches Zeichen gegen Ausreiseverbot und Stasi-Schikane setzen. In einer Nacht- und Nebelaktion durften – nach langwierigen Verhandlungen u.a. mit dem damaligen Erfurter Generalvikar und späteren Berliner Bischof Georg Sterzinsky und der Einschaltung Honeckers – alle Besetzer in die Bundesrepublik ausreisen. Die Bedingung hieß: Schweigen! Und alle schwiegen. Ein Ehepaar war zur Absicherung des Schweigens, also gewissermaßen als Pfand, etwas länger in der DDR zurückgeblieben. Die Kirche schwieg sogar über 1990 hinaus, bis der Autor dieses Berichts den Fall in allen Einzelheiten u.a. auch für einen Fernsehbeitrag des mdr recherchierte.

Hilflos

Eine Woche nach der Dombesetzung übergaben junge katholische Christen in der Erfurter Luther-Kirche an den SPD-Politiker und Brandt-Vertrauten Egon Bahr ein Schreiben mit ihren Sorgen. Sie wurden anschließend verhaftet, einige in Karl-Marx-Stadt, dem früheren und heutigen Chemnitz, zu Haftstrafen verurteilt, in Bautzen eingesperrt und später in den Westen „verkauft“. Nach eigenen Aussagen versagte ihnen die katholische Kirche jeden Rechtsbeistand.

Alleingelassen

Katholische Schwestern der Caritas hatten 1988 die Versorgung der ausreisewilligen DDR-Bürger in der überfüllten Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Berliner Hannoverschen Straße mit Nahrungsmitteln usw. übernommen. Auf die Zuverlässigkeit dieser Hilfe war immer Verlass.

Auch als die evangelische Kirche ihre Häuser oppositionellen Gruppen und vielen anderen öffnete, die die Wende in der DDR herbeiführen halfen, hielten die katholischen Geistlichen ihre Kirchen geschlossen. Viele katholische Christen fühlten sich alleingelassen und schlossen sich in ihrem Protest den Protestanten an. Die katholische Kirchenleitung verweigerte sich, sprach sich gegen derartige Aktionen unter dem Dach der Kirche aus.

Einsicht

Kardinal Georg Sterzinsky sagte kurze Zeit nach dem Untergang der DDR: „Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift.“ +++

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Wenige Tage nach den Festnahmen von 120 Bürgerrechtlern im Zusammenhang mit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 in Berlin richtete der Berliner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner an alle Priester und Diakone im Ostteil des Bistums einen Brief mit Datum vom 1. Februar. Die „FAZ“ druckte den Wortlaut, aus dem der abgebildete Ausschnitt stammt. Viele katholische Bürgerrechtler sahen darin eine Mahnung, die Kirche nicht für politische Veranstaltungen, Protestaktionen gegen das SED-Regime, gesellschaftskritische Diskussionsrunden und ähnliche „fragwürdige Unterfangen“ zu benutzen. Zahlreiche Katholiken schlossen sich ihren evangelischen Freunden an. Nicht zu Unrecht wird der demokratische Aufbruch 1989 in der DDR auch als protestantische Revolution bezeichnet.

Kirche2Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert am 30. März 1991 unter der Überschrift „Auf ein Bischofswort konnte sich der Staat verlassen“ aus einem Grußschreiben des ehemaligen Vorsitzenden der bis 1990 für das Gebiet der DDR bestehenden Berliner Bischofskonferenz, Georg Sterzinsky, an die Bundessynode der Evangelischen Kirchen im Februar 1990. Darin wird das Versagen der katholischen Kirche während der friedlichen Revolution in der DDR eingeräumt und eine Arbeitsstelle für Zeitgeschichte zur Aufarbeitung der Position der katholischen Kirche in der DDR eingerichtet. Was ist daraus geworden?

Kirche3In einer Presseerklärung der katholischen Kirche in Berlin vom 17. Dezember 1991 werden die Namen derer genannt, die beauftragt waren, mit Staat und Stasi zusammenzuarbeiten. Es wird darauf verwiesen, dass versucht wurde, kirchliche Mitarbeiter für das MfS zu gewinnen und betont: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern.“

Kirche4Unter der Überschrift „Dem SED-Staat zu keiner Zeit Rechtmäßigkeit zuerkannt“ verbreitet die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) am 7. Dezember 1989 eine Erklärung des kirchenpolitischen Beauftragten der Berliner Bischofskonferenz, Gerhard Lange, in der die DDR nach einem Ausspruch des heiligen Augustinus mit einer „organisierten Räuberbande“ verglichen wird. „Zu keinem Zeitpunkt hat die katholische Kirche diesem Staat Legitimität zuerkannt, der nicht auf der Grundlage freier und geheimer Wahlen – also mit rechtstaatlichen Mitteln – gebildet wurde“, heißt es darin. Offizielle Begegnungen mit dem Staatsoberhaupt der DDR habe man an der Spitze der Bischofskonferenz „konsequent verweigert“. Dabei wird übersehen, dass Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran als Vorsitzende dieses Gremiums offiziell vom Staatsoberhaupt der DDR empfangen wurden. Was die Hilfe für „betroffene Menschen“ betrifft, da können die Inhaftierten von Erfurt und Sömmerda anderes berichten.

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Blick auf eine Besatzungszeit

Im Jahr 1994 verließen mehr als eine halbe Million ehemalige Sowjetbürger in Uniform und in Zivil den Osten Deutschlands und damit das Territorium der ehemaligen DDR. Die größte jemals in Friedenszeiten außer Landes stationierte Streitmacht zog sich zurück. Ein solcher Abzug war in der Militärgeschichte beispiellos. Das militärische Zeremoniell im Treptower Park in Berlin am 31. August 1994 markierte das Ende der sowjetischen Militärpräsenz auf deutschem Boden. Präsident Boris Jelzin  und Bundeskanzler Helmut Kohl verabschiedeten die Westgruppe der russischen Streitkräfte in einem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Am 1. September 1994 hat der letzte Oberkommandierende, Generaloberst Matwej Burlakow, vom Flugplatz Sperenberg aus das wiedervereinigte Deutschland verlassen.

Der erste Rotarmist hatte am 31. Januar 1945 bei Kienitz das heutige deutsche Territorium erreicht. Nach einer erbitterten Schlacht von 2,5 Millionen Soldaten, mit 6.250 Panzern, 41.600 Geschützen und 7.500 Kampfflugzeugen erzwang die Rote Armee am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation. Der verheerendste Krieg in der Menschheitsgeschichte mit über 50 Millionen Toten war in diesem Teil der Welt zu Ende. Am 31. August 1994 hat der letzte in Deutschland stationierte russische Soldat nach genau 18.012 Tagen seit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg das 1990 wiedervereinigte Land verlassen.

Die Besatzungsmacht

Am 9. Juni 1945 war die „Gruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland“ formiert worden. 1954 wurde mit der Souveränitätserklärung der UdSSR für die DDR das Wort „Besatzung“ gestrichen. Je nach politischer Großwetterlage gab es auch den Begriff der „Gruppe der zeitweilig in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte“ (GSSD) . Schließlich hieß es nach dem Zerfall des Sowjetimperiums nur noch „Westgruppe der russischen Streitkräfte“.

Für alle vier Siegermächte hatte es nur eine einzige gemeinsame Militärparade gegeben. Die fand am 7. September 1945 zwischen Brandenburger Tor und Reichstag statt und war auf sowjetischen Vorschlag zustande gekommen. Die Abschieds-Parade der Sowjetarmee fand am 11. Juni 1994 in Wünsdorf statt.

Dem Abzug vorausgegangen war die mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag politisch und rechtlich markierte Friedensregelung mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Vertrag, der am 15. März 1991 in Kraft trat,  beendete die Nachkriegszeit Deutschlands, einschließlich Berlins, sowie alle besatzungsrechtlichen Beschränkungen.

Die Truppenstärke

1945 bestand die sowjetische Besatzungsmacht in Ostdeutschland vor allem aus Formationen der Truppen der 1. Belorussischen und der 1. Ukrainischen Front, die – zusammen mit einigen Hunderttausend polnischen Soldaten – den Hauptanteil der Schlacht um Berlin getragen hatten.

Die sowjetische Besatzungsmacht war die größte und stärkste Gruppierung, die je ein Staat in Friedenszeiten außerhalb seines Territoriums unterhielt. Sie bildete den Kern der Ersten Strategischen Staffel der Warschauer Paktstaaten und stand den Hauptkräften der NATO in Europa direkt gegenüber.

Die Truppenstärke war stets ein Tabu. Zum Zeitpunkt des beginnenden Abzugs am 1. September 1991 wurde die Zahl mit 545.000 Personen angegeben. Diese Zahl setzte sich zusammen aus 340.000 Soldaten, der Rest waren Zivilangestellte und Familienmitglieder von Offizieren, Fähnrichen und länger dienenden Unteroffizieren. 1990 besuchten 70.000 Kinder dieser Familien eigene russische Schulen.

Die Standorte

Nach dem Kriegsende hatte die sowjetische Armee Berlin zunächst allein besetzt. Erst im Sommer 1945 waren laut Vereinbarungen der vier Siegermachte amerikanische, britische und französische Truppen in der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt eingetroffen, um in den ihnen zugeteilten Sektoren Besatzungsfunktionen auszuüben.

Die Sowjetarmee war in Ostdeutschland an 276 Standorten untergebracht. Sie verfügte über 777 Kasernen und Lager, 40 Truppenübungsplätze, 30 Flug- und Hubschrauberplätze für rund 1.500 Flugzeuge und andere Objekte auf einer Fläche von 250.000 Hektar, also knapp 2,5 Prozent des DDR-Territoriums. Das entsprach einem fünf Kilometer breiten Korridor von Rostock über Berlin und Leipzig bis zur Südgrenze der DDR, also ein Achtel des DDR-Territoriums. Um die militärische Stärke auf dem  108.000 Quadratkilometern DDR zu verdeutlichen: 1989 standen etwa eine Millionen Mann der Sowjetarmee, der NVA, der Volkspolizei, des Geheimdienstes und der Kampfgruppen unter Waffen.

Die DDR kosteten die 40 Jahre Stationierung sowjetischer Truppen insgesamt 140 Milliarden Mark eigener Währung.

WerHinterlassenschaft der 20.Gardearmee  nach ihrem Abzug aus Deutschland im Jahr 1994. Die Fotos zu diesem Beitrag entstanden zwanzig Jahre später rund um den ehemaligen Flugplatz der Sowjetarmee in Werneuchen bei Berlin 

Wern

Die Elitetruppen

In Ostdeutschland waren stets Elitetruppen stationiert, gegen die sich die NVA wie eine Hilfstruppe ausnahm. Die 1. Gardepanzerarmee hatte ihre Divisionen in Grimma, Riesa und Dresden. Die 2. Gardepanzerarmee konzentrierte sich auf Perleberg, Schwerin, Stendal und Neustrelitz im Norden. Die 3. Stoßarmee (ihre Angehörigen hissten am 30. April 1945 die Siegerfahne auf dem Reichstag) konzentrierte sich auf Roßlau, Altengrabow, Neuruppin und Hillersleben. Die 8. Gardearmee (Hauptverteidiger von Stalingrad) lag in Halle, Ohrdruf, Naumburg und Jena. Die 20. Gardearmee bildete einen Ring um Westberlin mit Sitz in Potsdam, Bernau und Berlin. Die 16. Luftarmee war auf Zerbst, Ribnitz-Damgarten, Rechlin und Großenhain verteilt.

Die Bewaffnung

Die Anzahl der Waffen und militärischen Großgeräte betrug 123.000, das Kernwaffenarsenal umfasste 940 Raketen, 492 Geschütze und 80 Jagdbomber. Über 2,6 Millionen Tonnen Material darunter Munition, Treib- und Schmierstoffe usw. waren vorhanden. Der Abzug von Mannschaften und Technik in diesem Umfang hatte in der Militärgeschichte bis dahin noch nicht gegeben. Nach dem Abzug der russischen Armee 1994 waren rund 3.000 Grundstücke, zum Teil hoch kontaminiert, zurückgegeben. Allein die Munitionsbergung kostete mehr als anderthalb Milliarden DM.

Die Befehlshaber

Über die Jahre der Besatzung gab es 19 Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland. Der erste war der legendäre Berlin-Stürmer Marschall Georgi Shukow (1896-1974), der letzte, der den Rückzug befehligte, ist der 1935 geborene Generaloberst Matwej Burlakow. Wünsdorf, der Sitz des Oberkommandierenden südlich von Berlin, war eine wichtige Sprosse auf der Karriereleiter sowjetischer Militärs. Kommandierende stiegen nach ihrer Abberufung aus der DDR zu Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber des Warschauer Vertrages, Stabschef der Sowjetarmee und in andere hohe Positionen auf.

Werneuchen (2)

Ab 1937 war Werneuchen Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe. Das Areal wurde nach 1945 durch die Sowjetarmee erheblich ausgebaut, die Landebahn ist 2.500 Meter lang und heute zu einem großen Teil mit Solarzellen zur Energiegewinnung bestückt. Der Tower (oben) gehörte der 16. russischen Luftarmee, die ihn bis 1993 nutzte.

Werneuchen (1)

Der Machterhalt

Die Vereinigung von SPD und KPD wäre ohne Schützenhilfe der Sowjets nicht möglich gewesen. Viele Sozialdemokraten, die sich der Zwangsvereinigung widersetzten, landete in Lagern wie Sachsenhausen und Buchenwald, die die Sowjets von den Faschisten übernommen hatten und einige Jahre weiterführten. Ab 1945 betrieb der sowjetische Geheimdienst fünf Jahre lang fünf  „Speziallager“ in Ostdeutschland, in denen 43.000 Menschen nicht überlebten.

Auch über die Zulassung von Parteien und Organisationen entschied die sowjetische Militärkommandantur. Als die DDR im Juni 1953 durch den Arbeiteraufstand auf wackeligen Füßen stand, retteten sowjetische Panzer das Ulbricht-Regime. In Feuerstellung standen sie, als in Ungarn der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, in der CSSR ein demokratischer Sozialismus aufzukommen drohte und in Polen die „Solidarnosz“ zu einer Gefahr für das sozialistische Lager wurde. Erst seit Gorbatschows Wahl an die Spitze der KPdSU 1985 hielt sich die Sowjetarmee aus nationalen Auseinandersetzungen heraus.

Kunst und Kultur

Das Oberkommando in Wünsdorf sowie die sechs Armeen unterhielten je ein Gesangs- und Tanzensemble. Eine Tageszeitung sowie der eigene Radiosender „Wolga“ arbeiteten in Potsdam. Enge Kontakte zur Bevölkerung gab es nicht. Bei offiziell verordneten Freundschaftstreffen traten die Armee-Ensembles auf. Beim Treffen mit dem „Regiment nebenan“ durften sich NVA- und Sowjetsoldaten nach vorgeschriebenem Zeremoniell u.a. über die Erfüllung ihres Kampauftrages zur stetigen Gefechtsbereitschaft für den Sieg des Sozialismus und Kommunismus unterhalten, ohne Details auszuplaudern.

Das Kasernenleben

Das Leben der Sowjetsoldaten in den Kasernen war kein Zuckerschlecken. Sie lebten zusammengepfercht bis zu 20 Mann in einer Stube, jeder hatte nur ein Eisenbett und einen kleinen Nachttisch. Schleiferei fand bis zur Leistungsgrenze statt. Über das Essen sagte ein in den Westen desertierter Soldat: „Als Mittagessen gab es eine kleine Kelle Buchweizengrütze, Graupen oder Haferbrei, oft sehr schlecht gekocht, dass es schwer war, es hinunterzuwürgen. Nach dem Essen war man stets hungrig, trank Wasser, um das Leeregefühl im Magen loszuwerden.“

Auf dem Kasernengelände gab es gerade mal eine Teestube, oft aber keinen Tee. Radio gab es nicht. Entdeckte man bei einem Soldaten ein Transistorradio, wurde es eingezogen. Der Sender der sowjetischen Streitkräfte „Wolga“ mit Sitz in Potsdam war nur auf dem Kasernenhof zu hören. Viele Soldaten flüchteten angesichts von zwei Jahren Dienst ohne Urlaub und Ausgang in den Alkohol. Auf zwanzig bis dreißig Prozent wurde der Anteil der Alkoholabhängigen geschätzt. An Alkohol gelangte man mit Diebstahl und Schwarzhandel außerhalb der Kasernen. Vergewaltigungen deutscher Frauen, etwa 40 bis 60 Fälle pro Jahr, wurden stets unter den Teppich gekehrt, weil sie nicht in das Bild verordneter deutsch-sowjetischer Freundschaft passten. Im Durchschnitt gab es jedes Jahr 2.000 Straftaten, von denen viele durch das Ministerium für Staatssicherheit „bereinigt“ wurden, um keine antisowjetische Stimmung aufkommen zu lassen.

Werne  HangarWerneu StartbahnEhemalige Start- und Landebahnen. Auf einem Teil davon wird inzwischen Sonnenenergie gewonnen.

Die Leistungen

Vertraglich wurde für den Abzug, der zunächst sieben Jahre dauern sollte, von Kohl jedoch auf vier Jahre heruntergehandelt wurde, der russischen Armee Hilfe durch die Bundesrepublik Deutschland zugesichert. An 40 Standorten in Russland, Belorussland und in der Ukraine wurden sogenannte Offiziersstädte errichtet. Dafür stellte die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Bonn 8,3 Milliarden DM zur Verfügung. Außerdem entstanden vier Bauteile-Fabriken mit jeweils einer Jahreskapazität von 100.000 Quadratmetern Wohnfläche. Durch internationale Ausschreibungen für den Wohnungsbau konnte der Preis für einen Quadratmeter Wohnfläche auf unter 1.000 Mark gesenkt werden, wodurch insgesamt 44.000 Wohnungen geschaffen wurden. Alles in allem sind als Gegenleistung 17 bis 20 Milliarden Mark laut Kohl-Berater Teltschik nach Russland geflossen, teils auch in Form von Lebensmitteln zur Minderung der Versorgungskrise in der ehemaligen Sowjetunion. Zu den Lieferungen gehörten für 1,5 Milliarden Mark Rinder und Schweine aus ehemaligen ostdeutschen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Außerdem legte Staatschef Gorbatschow Wert auf das politische Versprechen, nach dem Rückzug der russischen Armee keine Truppen der NATO in Berlin und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu stationieren.

GarnisSchule Kasern Inzwischen hat sich in Werneuchen viel getan. Ein Teil der Bauwerke der GSSD wurde saniert. Aus der alten Garnisonsschule wurde eine moderne, attraktive Grundschule. Aus einem Teil der ehemaligen Kasernen wurden Wohnungen im Grünen.  Aber noch ist viel zu tun, um die Wundmale der Besatzungszeit völlig zu beseitigen.

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Schau-Plätze der Geschichte

Bedeutende Plätze im Geschichtsbewusstsein der Menschheit

Besonders wichtige Ereignisse der Menschheitsgeschichte sind stets mit berühmten Örtlichkeiten verbunden. Seit der Französischen Revolution erinnern in der neueren Geschichte Plätze an gesellschaftliche Umwälzungen. Jüngst weltweit bekannt geworden ist der Maidan-Platz in Kiew. Ein Blick zurück auf mehr als 200 Jahre.

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Der 17. Juni 1953

Eine Dokumentation zum Arbeiteraufstand 1953 in der DDR

Klaus Taubert

9.-12. Juli 1952  Die SED verkündet auf ihrer 2. Parteikonferenz, „planmäßig und systematisch die Grundlagen des Sozialismus zu errichten“. Stalin hat diesen Weg angeordnet, um die DDR zum sicheren Satelliten seines Machtbereichs zu machen. Er duldet keinen „eigenständigen deutschen Weg“, von dem in der DDR die Rede war. Politbüromitglied Anton Ackermann fällt daraufhin als „Bauernopfer“ in Ungnade. Walter Ulbricht genießt Stalins Vertrauen und garantiert ihm den für die DDR untauglichen russischen Weg zum Sozialismus. Der heißt: Klare Absage an jede Form von Markt- und Privatwirtschaft, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Ausbau der Zentralgewalt, also der Diktatur einer Funktionärsriege, in deren Händen sich alle Macht konzentriert

23. Juli 1952 Zur Sicherung ihrer zentralen Macht löst die SED-Führung per Volkskammerbeschluss die Länder Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen als politische Körperschaften auf. Sie werden in 14 Bezirke zerstückelt, die keine eigenen Verfassungen mehr besitzen und von SED-Bezirkssekretären beherrscht werden. Zur größeren Einflussnahme werden die bis dahin existierenden 132 Kreise verkleinert. Es entstehen 217 neue mit jeweils eigenen Staatsapparaten, SED-Kreisleitungen, Geschäftsstellen der anderen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen, Polizei- und Sicherheitsorganen. Die Macht der SED ist allgegenwärtig. Die früher in einigen Landesparlamenten dominierenden so genannten Blockparteien, allen voran die CDU, werden  bedeutungslos

31. Dezember 1952 Seit der 2. SED-Parteikonferenz im Juli haben nahezu 100.000 Menschen die DDR verlassen. Die Aufnahmelager in der Bundesrepublik und in Westberlin reichen kaum aus

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