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Unbequem und wegweisend

Ein Sozialdemokrat, der die Welt verändern half – Adolph Hoffmanns Zwischenrufe waren wie Peitschenhiebe

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Mehr als ein halbes Jahrhundert war Adolph Hoffmann eine der schillerndsten Personen unter den fortschrittlichen deutschen Politikern. Über den Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörte er zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Sozialdemokratie. Die Spuren seines kämpferischen, ideenreichen und mitunter auch bizarren Wirkens reichen bis in unsere Tage, wenngleich der Name möglicherweise nicht mehr den ihm gebührenden Ruf besitzt.

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Adolph Hoffmann ermittelte als Berliner Stadtverordneter untercover gegen die Drangsalierung von Obdachlosen. Er trickste die Schnüffler der Geheimpolizei aus, er war ein gefürchteter Zwischenrufer in den Parlamenten. Schließlich war er Mitbegründer der II. Internationale 1889 in Paris. An der Seite Karl Liebknechts stimmte er gegen die Bewilligung von Kriegskrediten im Ersten Weltkrieg, er gründete die USPD mit, und während der Novemberrevolution wurden unter seiner Führung  das Rote Rathaus und der Preußische Landtag in Berlin besetzt. Es war nicht seine Absicht, den alten bürgerlich-preußischen Beamtenstaat zu zerschlagen, er wollte das Unmögliche – ihn demokratisieren.  

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So steht die Villa, die nach 1945 im Sinne Hoffmanns Kindergarten wurde, heute leer.

Hoffmann war ein humanistischer Aufklärer, zutiefst der Gerechtigkeit verpflichtet. Trotz aller Widrigkeiten war er seinen Grundüberzeugungen stets treu. Als preußischer Bildungs- und Wissenschaftsminister setzte er unmittelbar nach dem Sturz der Monarchie Zeichen für die Trennung von Staat und Kirche, die bis in unser heutiges Grundgesetz nachwirken. Auf der Grundlage seines Bestsellers „Die zehn Gebote und die besitzende Klasse“ beendete er den Einfluss der Kirchen auf die Schule und sorgte dafür, dass der  Religionsunterricht als Pflichtfach abgeschafft wurde. Sein vornehmstes Ziel war es, allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von den Familienverhältnissen und der Religion, Bildung und Ausbildung zukommen zu lassen.

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Der Humanistische Verband, der den Traditionen Hoffmanns verpflichtet ist, wollte die Villa als Kulturzenhtrum nutzen und gestalten. Das Projekt wurde für alle sichtbar vorgestellt. Plötzlich kam das Aus

Adolph Hoffmanns Sommersitz in Fredersdorf-Vogelsdorf, den er zum notwendigen Nachweis von Grundbesitz als Berliner Stadtverordneter bauen ließ, steht derzeit zum Verkauf. Alle bisherigen Möglichkeiten des authentischen Erhaltens gemäß Denkmalschutz haben, möglicherweise auch durch halbherziges Handeln der Gemeinde, versagt. Der Humanistische Verband, dessen Mitgründer und Vorsitzender Adolph Hoffmann war, hatte zwar ein gutes Konzept vorgestellt, um die Villa in der Vogelsdorfer Fröbelstraße als kulturelles Zentrum der Gemeinde zu erhalten und auszubauen, hat sich schließlich aber aus dem Projekt wieder zurückgezogen. Es scheint, als solle das Haus jetzt in private Hände privat verkauft werden. Und nicht mehr als eine Tafel soll und den großen Sozialdemokraten erinnern. Dabei böte genau dieser Ort als eine gute  Möglichkeit, sich durch tätiges Miteinander von Jung und Alt an dieser Stelle den hohen Zielen des großen Humanisten anzuschließen.

Adolph Hoffmanns Leben in den wichtigsten biografischen Daten:

Am 23. März 1858 wird Johann Franz Adolph Hoffmann in Berlin geboren. Seine Mutter war Dienstmagd im Hause des berühmten Komponisten Giacomo Meyerbeer, der weltweit  als Schöpfer der Grande Opéra von Paris gefeiert wurde und in Deutschland u.a. von Friedrich-Wilhelm III. als Generalmusikdirektor der preußischen Schauspiele berufen wurde. Hoffmanns Vater ist namentlich nicht bekannt, allen Indizien nach soll es sich um eine höhere Persönlichkeit handeln, die im Hause Meyerbeer verkehrte.

1872 beginnt er eine Lehre als Graveur und Vergolder, die er später aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Seit er neun Jahre war – seine Mutter war wenige Monate nach seiner Geburt verstorben -, musste er selbst für den seinen Unterhalt aufkommen. Für Schulbildung blieb wenig Raum. Doch er fand sich nicht ab mit seinem Schicksal und nicht mit den herrschenden politischen Verhältnissen. Er eignete sich autodidaktisch das Wissen an, das ihm aufgrund seiner proletarischen Herkunft vorenthalten war.

1876 wird er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der späteren SPD. Sie war 1875 auf dem Gothaer Vereinigungsparteitag aus den marxistischen „Eisenachern“ mit den gemäßigteren „Lassalleanern“ hervorgegangen.

1879 Hochzeit mit der Arbeiterin Auguste Streitner. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

1881 nahm er teil am Gründungskongress des Deutschen Freidenkerbundes in Frankfurt/Main.

1883 hatte Adolph Hoffmann unter den Bedingungen von Bismarcks Sozialistengesetz, wie viele andere Genossen auch, regelmäßig einen Spitzel vor seinem Haus stehen. Eines Tages sprach dieser Hoffmann an: „Sehen Sie, Sie könnten sich so leicht einen hübschen Nebenverdienst verschaffen. Überlegen Sie sich ruhig, ob es nicht klug wäre, mein Angebot, uns Nachrichten über Parteiangelegenheiten zukommen zu lassen, anzunehmen.“

Der Polizeiminister Puttkamer hatte im Reichstag derartige Spitzeleien abgestritten. Hoffman ging zum Schein auf das Angebot ein. Aber er erreichte durch geschicktes Argumentieren, dass erstens das entscheidende Gespräch in seiner Wohnung stattfand und zweitens sogar der Vorgesetzte des Spitzels, der Kriminalkommissar Weinert, bei ihm erschien. Vor diesem Treffen hatte er sich mit Mitgliedern der Reichstagsfraktion beraten. Als Zeuge versteckte sich der Reichstagsabgeordnete, Schriftsteller und Historiker Wilhelm Blos in der Kammer von Hoffmanns Ein-Zimmer-Wohnung. Dann erschien Weinert. Und tatsächlich bot dieser ihm an: „Sie sollen ohne jede Leistung zwanzig Mark pro Woche erhalten und für jede Mitteilung besonders honoriert werden.“ Da deckte Hoffmann die Falle auf. Wilhelm Blos schrieb das Erlebte sofort auf und fertigte eine Pressemitteilung. Der Bericht erschien unter der Überschrift: „Ein Geheemer in Nöten.“

Oder: Als Mitglied des Berliner Obdachlosenkuratoriums hatte Hoffmann gehört, Obdachlose würden im städtischen Obdach grundlos mit Gummischläuchen geprügelt. Als er dies in einer Kuratoriumssitzung ansprach, wurde vom Vorsitzenden sofort ein Ortstermin im städtischen Obdach einberufen. Aber Gummischläuche wurden dort nicht gefunden. Hoffmann musste seine Behauptung widerrufen. Zusammen mit einem anderen Genossen verkleidete er sich eines Abends als Obdachloser. Tatsächlich wurden sie wie die anderen Obdachsuchenden grundlos mit Gummischläuchen verprügelt. Da enttarnte sich Hoffmann, holte die Polizei und brachte das Geschehen in die Presse.

1889 ist er neben Wilhelm Liebknecht Delegierter beim Gründungskongress der II. Sozialistischen Internationale in Paris, in deren Tradition sich die heutige Sozialistische Internationale sieht.

1890 wird er Redakteur und Herausgeber des sozialdemokratischen Blattes „Der Volksbote“ in Zeitz. Es gelingt ihm, besonders in der Landbevölkerung weniger gebildete Menschen mit den Zielen der Sozialdemokratie vertraut zu machen. Rhetorisches Talent sowie seine Schlagfertigkeit machen ihn zum populären Redner. Aus Artikelserien im „Zeitzer Volksboten“ entstehen Broschüren, die er im eigenen Verlag herausbringt.

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1891 gehört Adolph Hoffmann neben Georg Büchner und Wilhelm Bölsche zu den Mitbegründern des Deutschen Freidenkerbundes. Schon als Jugendlicher hatte er 1873 zur Freireligiösen Gemeinde gefunden, deren Vorsitz er 1913 übernahm. Als Freidenker ist er einer der bekanntesten Kirchenkritiker seiner Zeit. Seine Schrift „Die Zehn Gebote und die besitzende Klasse“, in der er die Doppelmoral der Herrschenden und die Rolle der Religion als Herrschaftsinstrument anprangert, wird weit über 200.000 Mal verkauft. Zudem bringt sie ihm den Spitznamen „Zehn-Gebote-Hoffmann“ ein.

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Hoffmanns erster Bestseller, der mehr als 200.000 mal verkauft wurde.

1890 ist er Delegierter des SPD-Parteitages in Halle und von da an auf den meisten Parteitagen der SPD bis 1913. Adolph Hoffmann lässt sich in seiner gesamten politischen Tätigkeit von den Inhalten des auf dem Parteitag in Erfurt 1891 (Luxemburg: „Wir sind wieder bei Marx.“) beschlossenen Programms leiten, das die demokratische und soziale Umgestaltung der Gesellschaft fordert.

HoffParlament

1891 gründet er seinen eigenen Verlag A. Hoffmann. Ab 1893 führt er den Verlag,  ab 1895 mit angeschlossener Buchhandlung, in Berlin weiter und ist als Buchhändler und Verleger von freigeistigen Publikationen, sozialdemokratischen Agitationsbroschüren, Bilderbüchern, Theaterstücken für Laiengruppen, Witzen, Parodien, Musikalien und Gedichten tätig. Unter den kleinen Theaterstücken aus seinem Verlag befinden sich auch solche, die Hoffmann unter dem Pseudonym F. A. Volkmann selbst verfasst oder bearbeitet hat.  

1896 Zweite Ehe mit Emma Kricke, die aus einer sozialdemokratischen Familie stammt. Aus dieser Ehe geht ein Sohn hervor

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Adolph Hoffmann mit seiner zweiten Ehefrau, Emma Kricke, an einem Bücherstand seines eigenen Vetrlages

1900 Stadtverordneter in Berlin (bis 1921)

1891 seine antiklerikale Schrift „Die zehn Gebote und die besitzende Klasse“ erscheint in seinem eigenen Verlag. Die Broschüre verkauft sich mehr als 200.000 mal. Zwei Zitate aus dem Inhalt:

„Das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen – Ich erinnere nur an die unzähligen Bankerotte, Zusammenbrüche der Darlehnskassen, Banken, schwindelhaften Gründungen von Aktiengesellschaften, welche Zausende und Abertausende um ihr Hab und Gut gebracht haben. …

Das 9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus – Würde das neunte Gebot von dem größten Teil der Vertreter des Geldsacks befolgt; dann wären diese selbst sowie die heutige privatkapitalistische Produktionsweise überhaupt die längste Zeit gewesen, denn ihre ganze Existenz ist fast ausschließlich auf das Begehren des Nächsten Hab und Gut aufgebaut.“

1904 wurde er zum ersten Mal Reichstagsabgeordneter bis 1906, später nochmal von 1920 bis 1924. Gefürchtet waren seine Zwischenrufe, über die in der Wochenschrift „Der Drache“ 1928 geschrieben wurde: „In Hoffmanns Zwischenrufen steckt mehr als Witz. Da ist tiefere Bedeutung. Es sind einzeilige Epigramme, die besten Reden, die je in einem deutschen Parlament gehalten wurden.

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Ein Beispiel: „Mit wurde hier soeben von dem Redner der Konservativen vorgeworfen, dass ich mir und mich verwechsle. Das stimmt leider; und es ist ein trauriges Zeichen für den Zustand der Volksschulen, den die Konservativen zu verantworten haben. Die Herren von der rechten Seite verwechseln auch Mein und Dein, und wenn sie das auf ihren hohen Schulen gelernt haben sollten, dann sind die Hochschulen noch reformbedürftiger als die Volksschulen.“

1908 Landtagsabgeordneter in Preußen bis 1921 erneut 1928-1930. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung erreicht er Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter des Vieh- und Schlachthofes und setzt im Obdachlosenheim „Die Palme“ Änderungen der dortigen menschenunwürdigen Zustände durch. Im Reichstag beteiligt er sich 1905 aktiv an den Debatten zu einem Toleranzgesetz, das jeden Zwang  auf religiöse Bekenntnisse abschaffen soll. Im preußischen Landtag bekämpf er das Dreiklassenwahlrecht und fordert die Reform und Demokratisierung des preußischen Verwaltungswesens.

1913 Delegierter beim Internationalen Freidenkerkongress in Lissabon. Seine Broschüre „Los von der Kirche“ von 1908 fand bereits massenhaft Verbreitung. Als sich 1910 die Kirchenaustrittsbewegung mit dem überparteilichen „Komitee Konfessionslos“ eine organisatorische Form gibt, ist er beteiligt. Dabei kritisiert Hoffmann weniger die Religion an sich, als vielmehr die Verquickung der Kirchen mit dem Staat und den Interessen der Herrschenden. Er kämpft für Gewissensfreiheit und gegen religiösen Zwang.

1915 Hoffmann gehört im September zu den 38 Teilnehmern aus 18 Ländern während der Internationalen sozialistischen Friedenskonferenz in Zimmerwald (Schweiz). Im Streit mit  Lenin und Trotzki trug Hoffmann dazu bei, linksradikale Parolen im „Zimmerwalder Manifest“ zu verhindern.  

1917 war er in Gotha Mitbegründer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und gehörte ihrem Zentralkomitee unter Vorsitz von Hugo Haase an. Die Abspaltung von der SPD war der Burgfriedenspolitik der SPD sowie der Bewilligung der Kriegskredite geschuldet. Unter maßgeblichen Aktionen der USPD führte die Revolution am 9. November 1918 zum Sturz der Monarchie und zur Flucht des Kaisers.

Am 23. Oktober 1918, nach der Ankunft Karl Liebknechts nach der Haftentlassung  auf dem Anhalter Bahnhof, hielt Adolph Hoffmann am Abend in den Sophiensälen die offizielle Begrüßungsrede für Liebknecht.

9. November 1918 Adolph Hoffmann steht als führender Funktionär der USPD am Tag der Novemberrevolution in Berlin mit an der Spitze der Aufständischen und besetzt das Berliner Rote Rathaus sowie das Preußische Abgeornetenhaus.

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Am 14. November 1918 wird Adoph Hoffmann in paritätischer Besetzung mit dem Mehrheitssozialoisten Konrad Haenisch Minister für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung in Preußen. Die Funktion hat er nur bis Anfang Januar 1919 inne.

Auszüge aus dem Erlass des Ministerium Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 29. November 1918:

„(…) In diesem Sinne verordnen wir für sämtliche uns unterstellten Lehranstalten der Republik Preußen

  1. Das Schulgebet vor und nach dem Unterricht wird, wo es bisher noch üblich war, aufgehoben.
  2. Eine Verpflichtung der Schüler seitens der Schule zum Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen ist unzulässig. Auch hat die Schule keine gemeinsamen religiösen Feiern (z. B. Abendmahlsbesuche) zu veranstalten. Schulfeiern dürfen keinen religiösen Charakter tragen.
  3. Religionslehre ist kein Prüfungsfach.
  4. Kein Lehrer ist zur Erteilung von Religionsunterricht oder zu irgendwelchen kirchlichen Verrichtungen verpflichtet, auch nicht zur Beaufsichtigung der Kinder beim Gottesdienst.
  5. Kein Schüler ist zum Besuch des Religionsunterrichtes g e z w u n g e n. Für Schüler unter 14 Jahre entscheiden die Erziehungsberechtigten, ob sie einen Religionsunterricht besuchen sollen, für Schüler über 14 Jahre gelten die allgemeinen Bestimmungen über Religionsmündigkeit. (…)“

HoffGarten

Adolph Hoffmann in den späten Zwanzigerjahren u.a.  mit seiner dritten Ehefrau im Garten seiner Vogelsdorfer Villa

1920 Dritte Ehe mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Martha Peege.

1922 Rückkehr in die SPD

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Adolph Hoffmann, der selbst auch gern zeichnete, mit einer eigenen Illustration aus seinen „Reise-Erlebnissen“ von 1924, wobei er sich (rechts) selbstdarstellte

1930 stirbt Adolph Hoffmann in Berlin. Er wird auf dem Friedhof Friedrichsfelde beigesetzt, 1951 wird seine letzte Ruhestätte in die Gedenkstätte der Sozialisten  zu vielen anderen historischen Gräbern umgebettet.

Ein Nachruf in der Berliner Lehrerzeitung belegt, dass auch das liberale Bürgertum das Wirken Hoffmanns, der zeitlebens aus kirchennahen Kreisen heftig angefeindet wurde, zu würdigen wusste.

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Der erste Deutsche im All wurde 80 – Was Sigmund Jähn alles „mitschleppen“ musste

Es gibt kaum jemanden, der dem ersten Deutschen im Weltall, Sigmund Jähn, nicht höchste Ehren und Würdigungen gönnt. Seine persönliche Zurückhaltung und Bescheidenheit sind bekannt, doch gegen seine „Vermarktung“ zum Ruhme Honeckers war er machtlos. Am 13. Februar 2017 wurde Sigmund Jähn 80 Jahre alt. Eine kleine Erinnerung an die Tage nach seinem Weltraumflug, über die ich als Nachrichtenjournalist berichtete und mir natürlich die Autogramme von Bykowski und Jähn sicherte:

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Als die DDR noch um weltweite Anerkennung rang, waren lange Menschenspaliere durch Städte und Dörfer gang und gäbe. Ob bei den Kremlführern Nikita Chruschtschow und Leonid Breshnew, dem nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung und dem jugoslawischen Oberpartisan Josip Broz Tito, der indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi und anderen Gästen – stets standen in Berlin Hunderttausende Menschen mit „Winkelementen“ an der Fahrstrecke zum Schloss Niederschönhausen, in dem die meisten Staatsgäste residierten.

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Vielleicht waren es nie so viele wie beim propagandistischen Rummel um den deutschen Kosmonauten, Sigmund Jähn, der zusammen mit Walerie Bykowski nach dem gemeinsamen Weltraumflug vom 26. August bis 3. September 1978 kurze Zeit später in der DDR eintraf. Und vielleicht waren auch nie zuvor so viele gern an die Fahrstrecke gekommen.

Zunächst gab es aber erst einmal den Weltraumflug selbst. Schon Tage vor dem Start des Vogtländers aus Morgenröte-Rautenkranz saßen wir abgeschottet als Sonderredaktion zusammen, ohne den Namen des DDR-Kosmonauten bereits zu erfahren, denn der wurde erst nach erfolgreichem Start gelüftet. In meinem Notizbuch lese ich die aufmunternden Worte unseres ADN-Chefs , dass man „die Höchstleistung des Jahres“ von uns erwarte. Wir sähen einem „historischen Ereignis im Leben der DDR“ entgegen, einem „neuen Höhepunkt in den brüderlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Sowjetunion zum Nutzen der gesamten Menschheit“, schrieb ich mit. Das Raumschiff sei schließlich nicht einfach nur ein Raumschiff schlechthin, es sei vielmehr – und jetzt wieder wörtlich – „eine sozialistische Außenstation der Erde“. Wenn es uns dann noch gelänge, eine Beziehung zum 30. Jahrestag der DDR herzustellen, der vierzehn Monate später ins Haus stand, dann seien wir gut.  

Am 21. September 1978, einem Donnerstag, als nach dem Flug von Sojus 31 und der Raumstation Salut 6 die erfolgreichen „Himmelsbrüder“ in Berlin empfangen wurden, war mir die Aufgabe zugefallen, vom Flughafen Berlin-Schönefeld bis zum Schloss in Niederschönhausen vor einem offenen „Tschaika“ mit den beiden Kosmonauten und Ehrenbegleiter Honecker herzufahren und zu beschreiben, was sich über die rund zwanzig Kilometer abspielte. Zunächst wurden Jähn und Bykowski mit großem Hallo auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld empfangen. Soweit hat das auch jeder verstanden. Was dann folgte, war nicht mehr zu überbieten. An den Drehbüchern dafür war offenbar schon seit dem Start des ersten Sputniks 1957 gearbeitet worden. Allein an den offiziellen fünf Haltepunkten entfaltete sich eine Spontaneität, wie sie nur langfristig zu planen ist. 

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Entlang der Strecke waren aus Betrieben, Instituten, Verwaltungen, Schulen und Kindergärten mindestens 300.000 Frauen, Männer und Kinder für Beifall und Hochrufe an die Straße beordert worden, um die Helden zu begrüßen. Das waren fünfzehn Personen auf jedem Meter dieser Strecke bzw. siebeneinhalb pro Meter beidseitig. Für fröhliche Stimmung sorgten nicht zehn, nicht zwanzig und auch nicht fünfzig Musikgruppen, laut Drehbuch waren es 353 Orchester, Fanfarenzüge und Singegruppen. Alle 56 Meter ein Highlight. Souvenirs und Imbiss, vorzugsweise Bock-, Brat- und Currywurst sowie Buletten, Bier und Brause wurden für die Zeit der Durchfahrt der Kosmonauten an 540 Ständen angeboten. Ein Volksfest wäre ein untertriebene Umschreibung.

Je länger die Fahrt dauerte, desto mehr erschien es mir, dass Jähn und Bykowski nur die uniformierten Maskottchen für eine Triumphfahrt Honeckers durch Ostberlin waren. Ganze Bündel von Verpflichtungen wurden ihm von den Straßenrändern übergeben. Die Creme de la Creme der ostdeutschen Wissenschaft, der Bildenden Künste, von Bühne, Funk und Fernsehen, die bedeutendsten Ordensträger aus der Arbeiterschaft und der technischen Intelligenz standen wie Schulkinder an der Strecke und jubelten. Vielleicht ist das auch alles der Zeit geschuldet, in der dieser Flug stattfand. Andererseits waren zwölf Amerikaner schon sechsmal auf dem Mond gelandet. Aber diesmal war es eben ein Bürger der DDR, der die Erde umkreist hatte. Soweit wie er hatte vorher noch nie jemand die DDR verlassen dürfen, nicht einmal ein Künstler. 

Sigmund Jähn, bescheiden und zurückhaltend wie eh und je, bei einer Veranstaltung auf dem Flugplatz Strausberg im Jahr 2015

Bald danach wurde den beiden Raumfahrern im Amtssitz des Staatsrates der neu geschaffene Orden „Fliegerkosmonaut der DDR“ angeheftet. Die runde Medaille aus vergoldetem Silber misst drei Zentimeter im Durchmesser, hängt an einer blauen Spange und wird auf der rechten Brustseite getragen. Dazu gab es den Ehrentitel „Held der Deutschen Demokratischen Republik“ und obendrein auch noch den Karl-Marx-Orden und  25.000 Mark Prämie. Da Jähn das Foto Honeckers mit im Weltall hatte, hätte ich mich nicht gewundert, wenn dieser sich selbst auch noch den Titel eines Fliegerkosmonauten verliehen hätte. Persönlich geflogen ist er allerdings erst elf Jahre später. Zusammen mit anderen „Helden“ aus allen Ämtern. 

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Orden „Fliegerkosmonaut der DDR“

Ich habe Sigmund Jähn einige Zeit später in Dresden erlebt, als er im Verlag Zeit im Bild einen Bildband über seinen Kosmosausflug begutachtete. Zufällig war ich auch dort, um ein Buch zu beenden. Schon am Morgen herrschte helle Aufregung im Haus. Siegmund Jähn kommt! Vor dem Verlagshaus wurden mobile Halteverbotsschilder aufgestellt, damit der erste Deutsche im All auch bequem vorfahren und parken kann. Die Verlagsleitung erwartete den Kosmonauten um zehn Uhr im Foyer. Nach einigen unruhigen Blicken des Verlagschefs auf die Uhr kam der Kosmonaut etliche Minuten später als vereinbart, was ihm sichtlich peinlich war. Sigmund Jähn entschuldigte sich mit den Worten: „Bei euch vor dem Haus ist Halteverbot. Ich habe mir erst in der Nähe einen Parkplatz suchen müssen.“

Was Sigmund Jähn alles „mitschleppen“ musste

Es wirft übrigens ein bezeichnendes Bild auf die propagandistische Absicht, die die SED mit dem Weltraumflug eines DDR-Bürgers verband, wenn man sieht, was der ernsthafte Wissenschaftler Dr. Sigmund Jähn in seinem „Rucksack“ im Auftrag der Partei alles in das Weltall mitschleppen musste. Vielleicht ist heute einiges davon in Museen zu betrachten, anderes vielleicht hier und da verschwunden. Hier die (bisher unveröffentlichte) Liste der Gegenstände, die sich mit Sigmund Jähn an Bord von Sojus 31 und Salut 6 befanden:

  1. Farb-Porträt des Generalsekretärs des ZK der SED (246 x 200 mm)
  2. Staatsemblem der DDR (massiv 900er Gold, Durchmesser 40 mm, Rückseite glatt)
  3. Fünf Gedenkmedaillen (Einzelporträts von Marl Marx, Friedrich Engels, W.I. Lenin, Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck. Tombak, bronzefarben, Durchmesser 60 mm)
  4. Miniausgabe „Manifest der Kommunistischen Partei“ (Lebereinband rot, Abmessungen: 65 x 45 x 25 mm)
  5. Miniausgabe Goethes „Faust“ (Sonderausgabe, Spezialanfertigung von Goethes „Faust“ in 3 Bänden, Ledereinband rot, Abmessungen: 65 x 45 x 75 mm)
  6. Miniausgabe „Bildband DDR“ (Ledereinband rot, Abmessungen 65 x 45 x 25 mm)
  7. Bilaterales und multilaterales Symbol in Meissener Porzellan (Relief aus Meissener Porzellan mit dem Symbol „Interkosmos“ und dem Symbol „Gemeinsamer bemannter Weltraumflug UdSSR/DDR“. Die Grundplatte des Reliefs (45 x 90 mm) ist aus braunem Porzellan gefertigt. Die beiden Symbole (Durchmesser 40 mm) sind aus weißem Porzellan und mit der Grundplatte fest verbunden. Auf einer Metallplatte an der Rückseite sind der Tag des Starts sowie die Bezeichnungen der Raumschiffe Salut und Sojus eingeprägt.)
  8. Beschriftete Ersttagsbriefe (Weißer Briefumschlag mit Goldeindruck „Gemeinsamer Weltraumflug UdSSR/DDR“ (deutsch oben, russische unten) und stilisierter Weltraumstation „Salut-Sojus“, darüber im farbigen Aufdruck das bilaterale und multilaterale Symbol, rechts oben 20 Pfennig-Sonderbriefmarke. Darunter die Anschrift des Generalsekretärs des ZK der SED, Erich Honecker.)
  9. Sonderstempel der Deutschen Post (Datumsstempel aus Metall mit Holzgriff. Unter dem Datum steht das Wort „Interkosmos“. In der oberen Hälfte des Stempels steht in Russisch und in der unteren Hälfte steht in Deutsch der Text:„Kosmos–Post Sojus-Salut Gemeinsamer Weltraumflug UdSSR–DDR“)
  10. Staatsflaggen der DDR als Wettbewerbswimpel (Staatswimpel mit schwarz-rot-goldener Kordel eingefasst. Abmessungen 260 x 180 mm, spitz auslaufend. Für Betriebe, die im sozialistischen Wettbewerb zu Ehren des 30. Jahrestages der DDR auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik Spitzenleistungen vollbrachten. Vorderseite: schwarz, rot, gold mit Staatswappen der DDR und dem Text: „Für hervorragende Leistungen im sozialistischen Wettbewerb“. Rückseite: Gleicher Untergrund mit dem Text: „Ehrenwimpel der Besatzung des Raumschiffes Sojus 31. An Bord von Salut 6“, Datum)
  11. Leibnitz-Medaille der Akademie der Wissenschaften der DDR (Silber geprägt, Durchmesser 40 mm. Vorderseite: Porträt von G.W. Leibnitz mit folgender Inschrift: „Akademie der Wissenschaften der DDR 1700 – 1975“. Rückseite: Inschrift: „Man müsste gleich Anfangs das Werk samt der Wissenschaft auf den Nutzen richten. Wäre demnach der Zweck THEORIA CUM PRAXI zu vereinigen. G.W. Leibnitz“. Darunter befindet sich das Staatswappen der DDR.)
  12. Sandmännchen des Kinderfernsehens der DDR (Figurengruppe des Fernsehens der DDR im Raumanzug, 18 cm groß. Auf dem rechten Oberarm befindet sich das bilaterale Symbol, auf der rechten Brustseite das multilaterale Symbol und auf dem linken Oberarm die Staatsflagge der DDR.)
  13. Abzeichen zum 30. Jahrestag der DDR (Massenabzeichen, das die Bürger der DDR zum 30. Jahrestag der DDR tragen werden, aus Metall mit Kunstharzüberzug.)
  14. Wimpel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. (Auf beiden Seiten befindet sich auf weißem Grund mit einer gelben Kordel eingefasst das Emblem der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Maße: 260 x 180 mm, spitz auslaufend.)
  15. Halstuch der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ (Rotes Dederon, dreieckig. Maße: 950 x 570 x 570 mm.)
  16. Fünfzehn Wimpel mit Wappen der Hauptstadt der DDR und der 14 Bezirksstädte (Stoff, roter bzw. blauer Rand, mit schwarz-rot-goldener Kordel eingepasst. Vorderseite: weißer Grund mit jeweiligem Stadtwappen.) Rückseite: weißer Grund, in der Mitte schwarz-rot-goldener Streifen, darauf das Staatswappen der DDR. Abmessung: 140 x 220 mm.)
  17. DDR-Staatswimpel (Rechteckig, schwarz, rot, gold mit Staatswappen der DDR auf Seide gedruckt, Vorder- und Rückseite gleich. Abmessung: 240 x 160 mm)
  18. Zwei Staatsflaggen der DDR (Stockfahne aus Dederon, Abmessung: 1000 x 600 mm.)

 

 

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Dessauer Meisterhäuser wurden 90 Jahre alt – Ein Aufbruch der Moderne

Auf den ersten Blick mag die Architektur der Häuser gewöhnungsbedürftig gewesen sein. Als Walter Gropius, der Direktor der von ihm 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus-Kunstschule, am 4. Dezember 1926 die Meisterhäuser in Dessau der Öffentlichkeit übergab, war eine neue Architekturepoche eingeleitet. In einem kleinen Fichtenwäldchen an der heutigen Ebertallee entstanden mehrere Doppelhäuser sowie ein Einzelhaus, in denen namhafte Architekten und Künstler von Gropius über Kandinsky, Klee bis Feininger, Hannes Meyer und Mies van der Rohe die Idee einer neuen Architektur des Industriezeitalters lebten und praktizierten. Es war die Abkehr von Historismus und Eklektizismus zu Gunsten einer Schönheit durch praktisch-nützliche Formen, wie sie Kunst und Handwerk gemeinsam schufen. Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer formulierte: „Das Bekenntnis zur fortschrittlichen Architektur ist ein politisches Bekenntnis, denn ihre Geburtsstätte ist die Barrikade und nicht das Reißbrett.“ Womit er auf das Gründungjahr anspielte, in dem durch eine Revolution das deutsche Kaiserreich untergegangen und eine Republik geboren worden war. Selbst der gezwungenermaßen mehrmalige Neubeginn des Bauhauses nach Weimar, 1925 in Dessau und 1932 in Berlin, spricht für den zutiefst politischen Charakter einer neuen Architekturepoche.

Unter den Architekten und Künstlern wurde Dessau bis heute zu einem begehrten Wallfahrtsort, in dem Menschen aus aller Welt den Meisterhäusern und anderen Objekten des  UNESCO-Weltkulturerbes ihre Referenz erweisen.  

Eines der am meisten fotografierten Motive ist der Blick auf die „Dessau Bauhaus Hochschule für Gestaltung“, die ebenfalls am 4. Dezember vor 90 Jahren eingeweiht wurde und zu den berühmtesten Bauwerkes der zwanziger Jahre gehört. Viele sehr gefragte Fachleute für Gestaltung und Planung kommen heute aus dieser Bildungsstätte. Die Studienbedingungen sind exzellent, Hochschuldruckerei, Töpferwerkstatt, Computer-Labors laden zum Experimentieren ein. 47 Professoren kümmern sich um rund 1.400 Studierende. 

Zu den Sehenswürdigkeiten gehört auch die 1926 bis 1928 entstandene Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten von Walter Gropius. Im Auftrag der Stadt Dessau entwarf der Architekt unter dem Gedanken, Licht, Luft und Sonne in Wohnungen zu bringen, die für große Teile der Bevölkerung erschwinglich waren und in ihren Besitz übergingen. Es entstanden 314 Reihenhäuser mit jeweils  zwischen 57 und 75 qm Wohnfläche. Die Siedlung wurde so angelegt, dass zu jeder Wohnung ein Gärtchen von maximal 400 qm für Gemüseanbau und die Kleintierhaltung gehörte, der für eine  Selbstversorgung vorgesehen war.

Zu den weiteren Attraktionen der Moderne gehört das auf historischem Grund entstandene „Kornhaus“ am Ufer der Elbe. Der Architekt Carl Flieger gestaltete das mit Tageslicht durchflutete, 1930 eingeweihte  Restaurant wie ein Schiffsdeck.

Selbst Kleingarten- und Ferienanlagen, wie jene neben dem berühmten Luisium, waren nicht ohne Anlehnung an das Bauhaus errichtet worden.

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Ein dunkles Kapitel erlebte das Bauhaus über mehrere Jahnzehnte, in denen ihr Geist dennoch weltweite Beachtung fand. Die NSDAP, die schon frühzeitig im Dessauer Rathaus die Mehrheit errang, beendete den Bauhaus-„Spuk“ 1932, löste die Kunstschule auf und vertrieb deren brillante Köpfe. Später wurden die Häuser an führende Leute der Junkers-Werke vermietet, die mit ihrer Kriegsproduktion von den Nazis hofiert wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde Dessau als ein Hort der Rüstungsproduktion zu großen Teilen zerstört, wobei auch einige der Meisterhäuser in Mitleidenschaft gezogen wurden.

In der DDR war zwar mit dem Begriff der Moderne nicht allzu viel anzufangen. Die ersten Häuser für die damalige Stalinallee wurden im Bauhausstil entworfen und gebaut, doch unter Ulbricht zu Gunsten des Moskauer „Zuckerbäckerstils“ Stalins rasch verworfen. Die beiden Laubenganghäuser, die dem Stil des Bauhauses entsprachen und Muster für die Allee sein sollten, wurden abgelehnt. Walter Ulbricht wollte Paläste für die herrschende Klasse, die bald nicht mehr zu finanzieren waren und über die Jahre ihren Glanz verloren. Vor Bauarbeitern erwähnte Ulbricht 1970 einmal die beiden Laubenganghäuser, die bis heute wie ein Irrtum der SED-Führung zu betrachten sind, und sagte: „Wir haben schnell Pappeln davor gepflanzt, damit man sie nicht so sieht.“

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Laubenganghaus in der Berliner Karl-Marx-Allee. Die im Sil des Bauhauses 1950 gebauten Häuser fielen dem „Zuckerbäckerstil“ Stalins zum Opfer.

In diesem Stil sprang die DDR mit den Meisterhäusern in Dessau um, die bis zur Unkenntlichkeit verkamen. Erst ab den neunziger Jahren wurden durch die Stadt Dessau und viele ehrenamtliche Kräfte viel Kraft und Mittel in die Rekonstruktion der Meisterhäuser und anderer Objekte der Bauhaus-Ära gesteckt.

Am 16. Mai 2014 sagte Bundespräsident Joachim Gauck zur Wiedereröffnung der Meisterhäuser: „Es geht hier nicht um das – mit Kant zu sprechen – interesselose Wohlgefallen an der Schönheit, es geht nicht nur um die reine Bewunderung oder das schiere Staunen. Nein, der Ort, an dem wir uns befinden, Dessau, er steht für etwas anderes: für eine praktikable Ästhetik, eine besondere Schönheit, die benutzbar ist, eine Schönheit, die auch dem alltäglichen Leben des Menschen dient. Das ist die Botschaft des Bauhauses, und sie hat, wie ich finde, bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren. Es gibt eine Eleganz des Nützlichen, eine Ästhetik des Brauchbaren, die – jenseits von Ornament und Verhübschung – dem Gelingen des ganzen Lebens dienen soll.“

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Die Dessauer  haben beim Aufbruch der Moderne in der Architektur stets viel Mut bewiesen. Das mag auch diese Dessauer Sulptur veranschaulichen

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Unsere Helden und Idole

So weit waren Ost und West gar nicht auseinander

Junge Menschen sehnen sich nach Helden und Idolen. So war das auch in der DDR. Mit den vorgegebenen Helden konnten wir allerdings wenig anfangen. Sie hießen Thälmann, Liebknecht, Luxemburg, Beimler, Köbis und Reichpietsch und waren alle tot. Ermordet von der Reaktion. In der Schule nahmen wir ihre gut frisierten Lebensläufe durch und vergaßen sie wieder. Allenfalls wurde uns noch die Stelle gezeigt, an der im ehemaligen KZ Buchenwald Thälmann hinterrücks erschossen wurde.

Einprägsamer waren dennoch andere Helden, beispielsweise im Sport, wo spontanes Erleben lange in uns nachwirkte. Unvergessen der Radrennfahrer „Täve“ Schur, die Skispringer Helmut Recknagel und Jens Weißflog, die Fußballer Croy und Sparwasser, die Wasserspringerin Ingrid Krämer, die Sprinterinnen Marita Koch und Marlies Göhr, die Weitspringerin Heike Drechsler und Katarina Witt mit den angewachsenen Kufen an den Füßen.    

Apropos Sport. Unvergessen ist ein Erlebnis mit meinem Onkel Hugo im Sommer des Jahres 1954. Die Grundschule hatte ich beendet, einen Lehrvertrag in der Tasche und den Ernst des Lebens – wie mir nachdrücklich erklärt wurde – vor mir. Am 4. Juli 1954, dem Tag meiner Entlassung aus der Grundschule, bat mich mein Onkel für den Nachmittag zu sich nach Hause. Der Bruder meines Vaters war nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 aus dem „Roten Ochsen“ in Halle entlassen worden, wo er wegen angeblicher Antisowjethetze eingesperrt gewesen war.

Erwartungsvoll hockten wir in der geräumigen Wohnküche seines Häuschens vor dem Radio und verfolgten die Reportage vom Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft in Bern. Deutschland spielte gegen Ungarn, korrekt: die Bundesrepublik Deutschland gegen die Ungarische Volksrepublik. Wie hypnotisiert blickten wir auf die vergilbte Stoffbespannung über dem Lautsprecher im dunkelbraunen Holzkasten und bangten um einen, wie es lange schien, kaum noch erreichbaren Sieg der Deutschen.

Plötzlich riss uns die unvergessene Radioreportage von Herbert Zimmermann von den Stühlen: „Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt – und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Gegen alle Erwartungen wendeten die Männer um Kapitän Fritz Walter das Spiel gegen die berühmte Ungarn-Elf zum siegreichen 3:2. Es war wohl die erste wirkliche Wende in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Sensationell, was sich im Wankdorf-Stadion und in uns abspielte. Onkel Hugo wischte ein paar Tränen aus seinem Gesicht. Vielleicht empfand er so etwas wie Genugtuung für das an ihm begangene Unrecht. Einerseits gehörten die Ungarn zum Ostblock wie wir, andererseits waren die Spieler um Fritz Walter Deutsche wie wir. Keine Frage, für wen unsere Herzen schlugen. In Blöcken denken nur Politiker.

Über Jahre konnte ich die komplette deutsche Mannschaft mit allen Auswechselspielern im Schlaf aufsagen. Und natürlich war Sepp Herberger, jenseits aller Kenntnis, dass er bei den Nazis schon Reichstrainer einer „judenfreien“ Nationalmannschaft war, gleichermaßen zum Idol geworden.

 Mit der Zeit verblassten die Helden von Bern, zumal man in der DDR selten nach ihnen gefragt wurde. Sie machten anderen Helden im Kopf Platz. Solchen, die in Schule, Ausbildung und bei der FDJ-Abzeichenprüfung „Für gutes Wissen“ abgefragt wurden, deren Biografien in Zeitungen zelebriert wurden, nach denen sich Brigaden nannten und deren Bilder an Wandzeitungen klebten. Unsere Helden waren plötzlich Menschen wie Adolf Hennecke, der im Steinkohlenbergbau alte Normen über den Haufen bohrte, Frida Hockauf, eine Weberin, die den Ausspruch auf sich zu nehmen hatte: „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.“

Jahr für Jahr gab es neue Helden. Menschen, die die Normen übererfüllten, die schneller und besser Dächer deckten und Häuser bauten, Felder abernteten und pflügten, sowjetische  Neuerungen am besten nutzten. An ihren Sonntagsanzügen prangten bei Aufmärschen die Heldenmedaillen, für die es zudem zehntausend Mark gab. Und schneller ein Auto als für andere, die keine Helden waren.

Natürlich gab es auch noch die über alles erhabenen ganz großen Helden und Vorbilder, jene zwei Dutzend im SED-Politbüro, deren Fotos überlebensgroß am „Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ kilometerweit durch die Straßen getragen wurden. Fast täglich begegnete man ihren Bildern in den Zeitungen. Verrückt nur, dass deren tägliche kleine Filmauftritte in der „aktuellen kamera“ des DDR-Fernsehens laut Einschaltquote kaum jemand sehen wollte. Vielleicht waren es nur Pseudo-Helden, also keine echten.  (Test: Nenne mir nur fünf!)

Dann gab es die Helden im Ausland, die uns zur Solidarität mahnten. Zum Beispiel Manolis Glezos, der im deutsch besetzten Griechenland die Fahne seines Landes auf der Akropolis gehisst hatte und nun von Militärregierungen verfolgt wurde. Oder Raymonde Dien, die mutige Französin, die sich auf die Schienen gelegt hatte, um Waffenexporte aus Frankreich nach Algerien zu verhindern. Der erschossene Kommunist Philipp Müller aus Essen, die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davis aus den USA mit einer inszenierten Mordanklage am Hals und der kommunistische Generalsekretär Luis Corvalán aus Chile. Und natürlich Che Guevara in Lateinamerika, Ho Chi Minh in Vietnam und Yasser Arafat an der Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO.

Wer waren denn nun wirklich unsere Helden und Idole? Da kommen Ideologien und politische Systeme völlig durcheinander. Es waren ohne Zweifel Juri Gagarin als erster Mensch im Weltall und Niles Armstrong, der als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. Walentina Tereschkowa, die erste Frau und Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Weltall. Ich zählte dazu Präsident John F. Kennedy, Willy Brandt nach dem Kniefall von Warschau und viel später Michail Gorbatschow. Und natürlich Nelson Mandela, Salvador Allende und Fidel Castro.

Dann begann in den Fünfzigern das Fernsehzeitalter. Als gesamtdeutsche Fernsehzuschauer lagen uns Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff am Herzen. Wir schwärmten für die Dietrich, Curd Jürgens und Hardy Krüger sen., für die Knef und Erwin Geschonneck in „Karbid und Sauerampfer“, mochten besonders den Krug und die Karusseit, den Thate, die Domröse und die Hoffmann, die Tiller und den Giller.

Mit Heinz Erhard, Werner Fink, Dieter Hildebrandt und Wolfgang Neuss entging uns keine Sendung, wir versäumten ebenso wenig die Münchner Lach- und Schießgesellschaft und Ingo Insterburgs intelligente Blödeltruppe, deren Witz uns Tränen lachen ließ. Sie alle halfen uns die Freizeit abseits des sozialistischen Alltags zu genießen, wenn es mit Herricht und Preil zu wenig eigenen sinnfreien Humor gab. Von Satire ganz zu schweigen.

Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn ich als Idole unserer Jugend Elvis Presley und Bill Haley nenne und Harry Belafonte und Ella Fitzgerald – um nur wenige zu nennen. Die Beatles natürlich, deren einzige Amiga-Platte ich gut behüte, Depeche Mode, die Roling Stones und Udo Lindenberg mit seinem Sonderzug nach Pankow. Im eigenen Land päppelten sich gegen alle staatlichen Vorschriften und Verhaltensregeln mühsam die Puhdys, für die ich sogar einen Text beisteuerte, Karat, Silly und einige andere in die Gunst ihrer Fans.

Soweit auseinander waren die Helden und Idole der Jugendlichen in Ost und West nicht. Es war nur etwas schwieriger, sich in der DDR ihrer zu bedienen, ihre Platten, Bänder und CD zu sammeln, zu tauschen oder mitzuschneiden. Vielleicht wird das, was einst so schwer zu haben war, von jenen, die es Mühe kostete,  bis heute mehr geschätzt, als von denen, die mit dem Erwerb keine Probleme hatten. Und so verblassen die Erinnerungen an Helden und Idole hier auch etwas langsamer als dort.

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175 Jahre „Das Lied der Deutschen“

Heinrich Hoffmann von Fallersleben – Eine Fundsache zu einem Jubiläum

Vor genau einhundert Jahren, am 26. August 1916, gedachte die „Gartenlaube“ des Mannes, der auf den Tag genau 75 Jahre zuvor „Das Lied der Deutschen“ auf der damals noch britischen Insel Helgoland geschrieben hatte. Der Komponist Joseph Haydn  hatte die Hymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ für den österreichischen römisch-deutschen Kaiser Franz II.  komponiert, mit deren Melodie das „Lied der Deutschen“ von Reichspräsident Friedrich Ebert 1922 zur deutschen Nationalhymne erklärt wurde. Während im Dritten Reich nur die falsch interpretierte erste Strophe gesungen wurde, einigten sich  Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer 1952 darauf (nachdem Adenauer in den USA zur Melodie „Heidewitzka, Herr Kapitän“ empgfangen wurde), die dritte Strophe des Liedes der Deutschen als Nationalhymne zu singen, die seit 1991 auch für das wiedervereinigte Land gilt.

Der Beitrag aus dem Jahr 1916 stammt vom Sohn des Dichters, dem 1855 geborenen Landschaftsmaler Franz Hoffmann-Fallersleben. Hier das Original:

Fallers1

Fallers2

Fallers3

Fallers4+

 

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Die Lüge, die keine war

Ulbrichts berühmtester Satz entsprach damals den Tatsachen

Alljährlich am 13. August wird gebetsmühlenartig von der “Lüge des Jahrhunderts” gesprochen und Walter Ulbricht mit dem Satz zitiert: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, weiß, dass das – zum Leidwesen Ulbrichts – keine Lüge war.

Anfang der Fünfzigerjahre beabsichtigte Stalin (1878-1953), ganz Berlin in seinen Machtbereich einzugliedern. Die Berlin-Blockade von 1948 bis 1949 durch die Sowjets, die Antwort auf die auch für West-Berlin geltende westliche Währungsreform, wurde dank der Luftbrücke überwunden. Nach dem Tod des Diktators hatte Kremlchef Nikita Chruschtschow die gleiche Absicht und inszenierte mit der Forderung, die Westmächte sollten aus Berlin abziehen, 1958 eine Berlin-Krise, die dazu führen sollte, West-Berlin in eine entmilitarisierte selbstständige politische Einheit umzuwandeln. In den DDR-Medien wurde West-Berlin fortan als „selbständige politische Einheit“ bezeichnet. Doch die Westmächte beharrten auf dem Alliierten-Status der geteilten Stadt.

SED-Generalsekretär Ulbricht war seit 1952 bemüht, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin dicht zu machen, scheitert aber mehrfach am Veto der Sowjets. Chruschtschow verlangte vielmehr, der Osten solle so attraktiv gemacht werden, dass mehr Menschen aus dem Westen in die DDR kommen als weggehen. Ost-Berlin sollte das Schaufenster dafür sein. Ulbrichts Verheißung, die DDR werde die BRD im Pro-Kopf-Verbrauch, im Lebensniveau usw. „überholen ohne einzuholen“, blieb allerdings ein Wunschtraum.

Anfang Juni 1961 versuchte Chruschtschow bei einem Gipfeltreffen mit John F. Kennedy in Wien, den gerade mal 44-jährigen neuen USA-Präsidenten über den Tisch zu ziehen und ihm Westberlin abzuluchsen. Chruschtschow hielt Kennedy für geschwächt, weil erst im April der von Kennedy und der CIA unterstützte Versuch von Exil-Kubanern, Fidel Castro zu stürzen, grandios gescheitert war. Der Kreml-Chef drohe mit Krieg und versuchte, dem Präsidenten mit einer 100-Megatonnen-Atombombe das Fürchten zu lehren.

Doch Kennedy blieb cool und stellte für gewisse östliche Vorhaben an der Berliner Grenze drei Bedingungen: Freiheit der Westberliner, ihr eigenes politisches System zu wählen, gesicherte Anwesenheit westlicher Truppen sowie ungehinderten Zugang von der BRD aus nach West-Berlin. Dem stimmte Chruschtschow schließlich zu. Über diese Verabredung gab es keinerlei Veröffentlichung. Kennedys Pressesprecher Pierre Salinger antwortete auf die Frage nach West-Berlin während der abschließenden Pressekonferenz: „Das ist eine Frage, auf die wir nicht antworten.“ Chruschtschows Sprecher Michail Charlamow bestätigte diese Antwort mit ähnlichen Worten.

Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni in Ost-Berlin, auf der es um einen Friedensvertrag mit Deutschland und die Wiedervereinigung ging, antwortete Ulbricht auf eine Frage der „Frankfurter Rundschau“ nach einer Grenze am Brandenburger Tor aus innerer Überzeugung: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Er hätte noch einfügen können „…außer mir, aber ich darf nicht“.

Erst am 20. Juli 1961 fiel bei Ulbrichts Besuch in Chruschtschows Urlaubsdomizil auf der Krim die Entscheidung für den Mauerbau. Die Situation in der DDR hatte sich, u.a. durch die Flucht von mehr als 200.000 Bürgerinnen und Bürgern seit Jahresbeginn, darunter vielen Ärzten, Spezialisten und Fachkräften u.a. der Mikroelektronik, derart zugespitzt, dass ohne geeignete Maßnahmen eine Stabilität nicht mehr gewährleistet war.

Chruschtschow setzte Ulbricht darüber in Kenntnis, was er mit Kennedy besprochen hatte und war überzeugt – so der Dolmetscher Werner Eberlein in seinen Memoiren – dass auch Adenauer über die beabsichtigte Absperrmaßnahmen durch Ost-Berlin von Kennedy in Kenntnis gesetzt worden war. Wie bekannt, hat sich Adenauer in der Nacht zum 13. August auch nicht wecken lassen. 

In Wünsdorf, wo der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland seinen Sitz hatte, wurde der Plan für den Mauerbau ausgearbeitet, die DDR hatte ihn auszuführen. Mit den Einzelheiten war in Ulbrichts Auftrag Erich Honecker befasst. Dem kam zugute, dass Ulbricht seit Jahresbeginn insgeheim einen Expertenstab daran arbeiten ließ, wie die Grenze am sichersten anzulegen sei.   

Um den Plan bis zur letzten Minute geheim zu halten, hatte Ulbricht am Abend des 12. August die Mitglieder des Politbüros, des Präsidiums des Ministerrates sowie des Staatsrates in seinen Sommersitz am Döllnsee bestellt, von wo keine Möglichkeit bestand, inoffizielle Fernmelde-Kontakte herzustellen. Nur Erich Honecker, der Stasi-, der Verteidigungs- und der Verkehrsminister waren aus naheliegenden Gründen nicht zugegen. Niemand ahnte den Grund des Beisammenseins. Nach dem Abendessen begann eine Sitzung, in der Ulbricht den Beschluss über den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ verlas. Ohne Diskussion wurde dieser bestätigt. Auf der Rückfahrt passierten die führenden Partei- und Staatsfunktionäre sowjetische Panzerkolonnen, die weit hinter den Kampfgruppen und der Nationalen Volksarmee die Aktion des Mauerbaus absicherten.

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Wie Stalin heimlich in der DDR blieb

Kalenderblatt: Es war am 3. August 1951, als in der Berliner Stalinallee das erste Stalin-Denkmal der DDR eingeweiht wurde. Es stand gegenüber der nagelneuen pompösen Sporthalle – der man sinnigerweise Figuren vom abgerissenen Schloss der Hohenzollern vorgestellt hatte -, die in  148 Tagen für die in Berlin stattfindenden 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gerade erst errichtet worden war. Das Denkmal war ein Geschenk des Leninschen Komsomol (Jugendorganisation der KPdSU). Präsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht weihten die Bronze-Statue mit einem propagandistischen Feuerwerk ein und sonnten sich im Schatten des Generalissimus.

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Zwei Jahre später starb der Diktator, und Millionen Bürgerinnen und Bürger aus allen Teilen der DDR erinnerten sich seiner in einem kilometerlangen Defilee durch die Stalinallee und bewiesen dem Allmächtigen ihre Trauer. Kurz darauf enthüllte Chruschtschow das Unglaubliche: Stalin sei ein Verbrecher gewesen und dem Personenkult verfallen. Ausgerechnet Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der Moskauer Parteichef von Stalins Gnaden und vormalige Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg, enttarnte seinen  langjährigen Chef. Damit war er die Nummer eins im Sowjetland, zumal er Stalins verhassten Geheimdienstchef Berija noch rasch verurteilen und hinrichten ließ.

Dann wurde es auch in der DDR ruhiger um „Väterchen Stalin“. Die dichterischen Elogen von Johannes R. Becher und vielen anderen linientreuen Dichtern  verschwanden aus den Schulbüchern. Im Februar 1956, auf dem 22. Parteitag der KPdSU, erfolgte die endgültige Abrechnung mit dem Diktator durch Chruschtschow.  Stalin wurde aus der Reihe der Klassiker des Kommunismus – Marx, Engels, Lenin, Stalin – ersatzlos gestrichen. In großen Parteiveranstaltungen wurde fortan nicht mehr ein Platz für den großen Stalin freigehalten.

Chruschtschow durfte noch bis 1964 im Amt bleiben, bis ihn die Hardliner um Breshnew stürzten und in alter stalinscher Manier weitermachten. Wenige Jahre später starb laut einer Kurzmeldung der Bürger Chruschtschow. Ulbricht versicherte, dem Personenkult abhold zu sein und hielt sich bis zum endgültigen Honecker-Breshnew-Komplott 1970 im Amt.

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In der DDR hatte es nach dem berühmten 22. Parteitag der KPdSU noch fünf Jahre gedauert, bis
der Massenmörder, der auch viele ehrliche deutsche Kommunisten auf dem Gewissen hatte, in der vormaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, vom Sockel gehoben wurde. Tatsächlich wurde der Bronze-Stalin bei Nacht und Nebel klammheimlich weggeschafft und eingeschmolzen. Nie wurde mitgeteilt, dass aus der Bronze  Tierfiguren für den Berliner Tierpark gegossen wurden. Stalin blieb, getarnt wie ein Wolf im Schafsfell, im Lande.

Bei der Gelegenheit wurde auch gleich Stalinstadt an der Oder unter der fadenscheinigen Begründung einer Strukturänderung in Eisenhüttenstadt umgetauft, und dem VEB Eletroapparatewerke in Treptow wurde der Kosename „J.W.Stalin“ entzogen, der lange vom Dach geleuchtet hatte. (Übrigens wurde wegen gravierender Baumängel, kaum zwanzig Jahre alt, das als gigantische „Sporthalle in der Stalinallee“ berühmt gewordene Bauwerk abgerissen und rasch durch Plattenbauten ersetzt.)

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Immerhin wurde aus der Stalin-Bronze neben anderen Tieren auch ein Fuchs

siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2013/05/07/kuscheln-mit-stalin-2/

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