Archiv der Kategorie: Historisches

175 Jahre „Das Lied der Deutschen“

Heinrich Hoffmann von Fallersleben – Eine Fundsache zu einem Jubiläum

Am 26. August 1916 gedachte die „Gartenlaube“ des Mannes, der auf den Tag genau 75 Jahre zuvor „Das Lied der Deutschen“ auf der damals noch britischen Insel Helgoland geschrieben hatte – dem Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874). Die Melodie zu dem Lied stammt von dem  Komponisten Joseph Haydn, der diese 1797 als österreichische Hymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ für de  römisch-deutschen Kaiser Franz II. komponiert hatte. Mit genau dieser Melodie erklärte Reichspräsident Friedrich Ebert 1922 das „Lied der Deutschen“ zur deutschen Nationalhymne. Während im Dritten Reich nur die falsch ausgelegte erste Strophe gesungen wurde, einigten sich  Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer 1952 darauf (nachdem Adenauer in den USA zur Melodie „Heidewitzka, Herr Kapitän“ empgfangen wurde), die dritte Strophe des Liedes der Deutschen als Nationalhymne zu singen, die nun auch seit 1991 auch für das wiedervereinigte Deutschland gilt.

Der Beitrag aus dem Jahr 1916 stammt vom Sohn des Dichters, dem 1855 geborenen Landschaftsmaler Prof. Franz Hoffmann-Fallersleben. Hier das Original:

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Die Lüge, die keine war

Ulbrichts berühmtester Satz entsprach damals den Tatsachen

Alljährlich am 13. August wird gebetsmühlenartig von der “Lüge des Jahrhunderts” gesprochen und Walter Ulbricht mit dem Satz zitiert: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, weiß, dass das – zum Leidwesen Ulbrichts – keine Lüge war.

Anfang der Fünfzigerjahre beabsichtigte Stalin (1878-1953), ganz Berlin in seinen Machtbereich einzugliedern. Die Berlin-Blockade von 1948 bis 1949 durch die Sowjets, die Antwort auf die auch für West-Berlin geltende westliche Währungsreform, wurde dank der Luftbrücke überwunden. Nach dem Tod des Diktators hatte Kremlchef Nikita Chruschtschow die gleiche Absicht und inszenierte mit der Forderung, die Westmächte sollten aus Berlin abziehen, 1958 eine Berlin-Krise, die dazu führen sollte, West-Berlin in eine entmilitarisierte selbstständige politische Einheit umzuwandeln. In den DDR-Medien wurde West-Berlin fortan als „selbständige politische Einheit“ bezeichnet. Doch die Westmächte beharrten auf dem Alliierten-Status der geteilten Stadt.

SED-Generalsekretär Ulbricht war seit 1952 bemüht, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin dicht zu machen, scheitert aber mehrfach am Veto der Sowjets. Chruschtschow verlangte vielmehr, der Osten solle so attraktiv gemacht werden, dass mehr Menschen aus dem Westen in die DDR kommen als weggehen. Ost-Berlin sollte das Schaufenster dafür sein. Ulbrichts Verheißung, die DDR werde die BRD im Pro-Kopf-Verbrauch, im Lebensniveau usw. „überholen ohne einzuholen“, blieb allerdings ein Wunschtraum.

Anfang Juni 1961 versuchte Chruschtschow bei einem Gipfeltreffen mit John F. Kennedy in Wien, den gerade mal 44-jährigen neuen USA-Präsidenten über den Tisch zu ziehen und ihm Westberlin abzuluchsen. Chruschtschow hielt Kennedy für geschwächt, weil erst im April der von Kennedy und der CIA unterstützte Versuch von Exil-Kubanern, Fidel Castro zu stürzen, grandios gescheitert war. Der Kreml-Chef drohe mit Krieg und versuchte, dem Präsidenten mit einer 100-Megatonnen-Atombombe das Fürchten zu lehren.

Doch Kennedy blieb cool und stellte für gewisse östliche Vorhaben an der Berliner Grenze drei Bedingungen: Freiheit der Westberliner, ihr eigenes politisches System zu wählen, gesicherte Anwesenheit westlicher Truppen sowie ungehinderten Zugang von der BRD aus nach West-Berlin. Dem stimmte Chruschtschow schließlich zu. Über diese Verabredung gab es keinerlei Veröffentlichung. Kennedys Pressesprecher Pierre Salinger antwortete auf die Frage nach West-Berlin während der abschließenden Pressekonferenz: „Das ist eine Frage, auf die wir nicht antworten.“ Chruschtschows Sprecher Michail Charlamow bestätigte diese Antwort mit ähnlichen Worten.

Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni in Ost-Berlin, auf der es um einen Friedensvertrag mit Deutschland und die Wiedervereinigung ging, antwortete Ulbricht auf eine Frage der „Frankfurter Rundschau“ nach einer Grenze am Brandenburger Tor aus innerer Überzeugung: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Er hätte noch einfügen können „…außer mir, aber ich darf nicht“.

Erst am 20. Juli 1961 fiel bei Ulbrichts Besuch in Chruschtschows Urlaubsdomizil auf der Krim die Entscheidung für den Mauerbau. Die Situation in der DDR hatte sich, u.a. durch die Flucht von mehr als 200.000 Bürgerinnen und Bürgern seit Jahresbeginn, darunter vielen Ärzten, Spezialisten und Fachkräften u.a. der Mikroelektronik, derart zugespitzt, dass ohne geeignete Maßnahmen eine Stabilität nicht mehr gewährleistet war.

Chruschtschow setzte Ulbricht darüber in Kenntnis, was er mit Kennedy besprochen hatte und war überzeugt – so der Dolmetscher Werner Eberlein in seinen Memoiren – dass auch Adenauer über die beabsichtigte Absperrmaßnahmen durch Ost-Berlin von Kennedy in Kenntnis gesetzt worden war. Wie bekannt, hat sich Adenauer in der Nacht zum 13. August auch nicht wecken lassen. 

In Wünsdorf, wo der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland seinen Sitz hatte, wurde der Plan für den Mauerbau ausgearbeitet, die DDR hatte ihn auszuführen. Mit den Einzelheiten war in Ulbrichts Auftrag Erich Honecker befasst. Dem kam zugute, dass Ulbricht seit Jahresbeginn insgeheim einen Expertenstab daran arbeiten ließ, wie die Grenze am sichersten anzulegen sei.   

Um den Plan bis zur letzten Minute geheim zu halten, hatte Ulbricht am Abend des 12. August die Mitglieder des Politbüros, des Präsidiums des Ministerrates sowie des Staatsrates in seinen Sommersitz am Döllnsee bestellt, von wo keine Möglichkeit bestand, inoffizielle Fernmelde-Kontakte herzustellen. Nur Erich Honecker, der Stasi-, der Verteidigungs- und der Verkehrsminister waren aus naheliegenden Gründen nicht zugegen. Niemand ahnte den Grund des Beisammenseins. Nach dem Abendessen begann eine Sitzung, in der Ulbricht den Beschluss über den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ verlas. Ohne Diskussion wurde dieser bestätigt. Auf der Rückfahrt passierten die führenden Partei- und Staatsfunktionäre sowjetische Panzerkolonnen, die weit hinter den Kampfgruppen und der Nationalen Volksarmee die Aktion des Mauerbaus absicherten.

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Wie Stalin heimlich in der DDR blieb

Kalenderblatt: Es war am 3. August 1951, als in der Berliner Stalinallee das erste Stalin-Denkmal der DDR eingeweiht wurde. Es stand gegenüber der nagelneuen pompösen Sporthalle – der man sinnigerweise Figuren vom abgerissenen Schloss der Hohenzollern vorgestellt hatte -, die in  148 Tagen für die in Berlin stattfindenden 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gerade erst errichtet worden war. Das Denkmal war ein Geschenk des Leninschen Komsomol (Jugendorganisation der KPdSU). Präsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht weihten die Bronze-Statue mit einem propagandistischen Feuerwerk ein und sonnten sich im Schatten des Generalissimus.

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Zwei Jahre später starb der Diktator, und Millionen Bürgerinnen und Bürger aus allen Teilen der DDR erinnerten sich seiner in einem kilometerlangen Defilee durch die Stalinallee und bewiesen dem Allmächtigen ihre Trauer. Kurz darauf enthüllte Chruschtschow das Unglaubliche: Stalin sei ein Verbrecher gewesen und dem Personenkult verfallen. Ausgerechnet Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der Moskauer Parteichef von Stalins Gnaden und vormalige Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg, enttarnte seinen  langjährigen Chef. Damit war er die Nummer eins im Sowjetland, zumal er Stalins verhassten Geheimdienstchef Berija noch rasch verurteilen und hinrichten ließ.

Dann wurde es auch in der DDR ruhiger um „Väterchen Stalin“. Die dichterischen Elogen von Johannes R. Becher und vielen anderen linientreuen Dichtern  verschwanden aus den Schulbüchern. Im Februar 1956, auf dem 22. Parteitag der KPdSU, erfolgte die endgültige Abrechnung mit dem Diktator durch Chruschtschow.  Stalin wurde aus der Reihe der Klassiker des Kommunismus – Marx, Engels, Lenin, Stalin – ersatzlos gestrichen. In großen Parteiveranstaltungen wurde fortan nicht mehr ein Platz für den großen Stalin freigehalten.

Chruschtschow durfte noch bis 1964 im Amt bleiben, bis ihn die Hardliner um Breshnew stürzten und in alter stalinscher Manier weitermachten. Wenige Jahre später starb laut einer Kurzmeldung der Bürger Chruschtschow. Ulbricht versicherte, dem Personenkult abhold zu sein und hielt sich bis zum endgültigen Honecker-Breshnew-Komplott 1970 im Amt.

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In der DDR hatte es nach dem berühmten 22. Parteitag der KPdSU noch fünf Jahre gedauert, bis
der Massenmörder, der auch viele ehrliche deutsche Kommunisten auf dem Gewissen hatte, in der vormaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, vom Sockel gehoben wurde. Tatsächlich wurde der Bronze-Stalin bei Nacht und Nebel klammheimlich weggeschafft und eingeschmolzen. Nie wurde mitgeteilt, dass aus der Bronze  Tierfiguren für den Berliner Tierpark gegossen wurden. Stalin blieb, getarnt wie ein Wolf im Schafsfell, im Lande.

Schulheft

Mein Schulheft von 1952. Nach 1953 änderten sich die Bilder.

Bei der Gelegenheit wurde auch gleich Stalinstadt an der Oder unter der fadenscheinigen Begründung einer Strukturänderung in Eisenhüttenstadt umgetauft, und dem VEB Eletroapparatewerke in Treptow wurde der Kosename „J.W.Stalin“ entzogen, der lange vom Dach geleuchtet hatte. (Übrigens wurde wegen gravierender Baumängel, kaum zwanzig Jahre alt, das als gigantische „Sporthalle in der Stalinallee“ berühmt gewordene Bauwerk abgerissen und rasch durch Plattenbauten ersetzt.)

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Immerhin wurde aus der Stalin-Bronze neben anderen Tieren auch ein Fuchs

siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2013/05/07/kuscheln-mit-stalin-2/

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Die Festung Güstrow

Nach dem Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in Erfurt war der Besuch von Helmut Schmidt 1981 in der Schorfheide bei Berlin und in Güstrow ein weiterer Schritt zur Annäherung beider deutscher Staaten. Im Sinne der strategischen Losung „Wandel durch Annäherung“ führte er ein Stück näher zum Ende der DDR.

Der Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war ohne Zweifel einer der Höhepunkte der deutsch-deutschen Beziehungen. In der Barlach-Stadt Güstrow wurden ihm Freude und Begeisterung entgegengebracht, jedoch erkennbar weniger als seinem Gastgeber Erich Honecker. Das war bis ins Detail einstudiert. Eine ähnliche Peinlichkeit wie 1970 in Erfurt, als Tausende vor dem Hotel „Erfurter Hof“ nach Willy Brandt riefen, sollte Honecker erspart bleiben. Noch ein solches Debakel hätte Stasiminister Erich Mielke politisch nicht überlebt.

In Dokumentationen über den Schmidt-Besuch, die bisher im Fernsehen präsentiert wurden, ist nichts übertrieben. Alles, was man sich mit blühender Fantasie an Sicherheitsleistungen hätte einfallen lassen können, war dem MfS eingefallen.

Hinter Schmidt und Honecker schritt ich über den Weihnachtsmarkt und erlebte die bittere Komödie, von der nur einer der beiden Hauptdarsteller die Regieanweisungen kannte. Kaum eine Familie mit Kindern, die sich amüsierten, auffallend viele junge Männer bevölkerten den verschneiten Marktplatz. Honecker hatte befürchtet, Schmidt wolle in Güstrow „eine politische Show“ abziehen. Dem wurde derart vorgebeugt, dass das am selben Tag in Polen verhängte Kriegsrecht ein schwacher Abglanz der Belagerung von Güstrow war.

Vor dem Besuch hatten zudem über tausend Familiengespräche stattgefunden. „Zwielichtige“ Personen wurden eingeschüchtert, Schulen als „Zuführungspunkte“ hergerichtet. Tage vorher weilten Parteischüler aus Berlin in Güstrow, um sich Westreportern, die sich auf den Besuch vorbereiteten, als Bürger der Stadt in Interviews zu präsentieren.

Auch wir Journalisten hatten uns mit dem 750 Jahre alten Städtchen vertraut gemacht. Wir erfuhren, dass das von einem italienischen Baumeister geschaffene Renaissanceschloss mit großem Aufwand restauriert wurde, Güstrow eine Pädagogische Hochschule besaß sowie 200 wunderschöne alte Haustüren, von denen 60 unter Denkmalschutz, aber alle am Besuchstag unter Beobachtung standen.

Am Tag der Ankunft von Schmidt und Honecker waren ab sechs Uhr morgens die Zufahrtsstraßen dicht, ab acht Uhr war ein militärischer Außenring geschlossen. Nur ausgewählte Bürger wurden für den Besuch des Weihnachtsmarktes zugelassen, darunter auch Mitglieder aus anderen Parteien, die zuvor von der SED „geschult“ worden waren.  

Die Stasi-Aktion „Dialog“ klappte. Die Güstrower Bürger waren zwischen neun und achtzehn Uhr in ihre Häuser verbannt, vor denen Polizeiketten aufgefädelt waren. Sie durften kein Fenster zur Straße öffnen.

Ich hatte befürchtet, Schmidt breche angesichts des Kriegsrechts in Polen den Besuch in der DDR ab. Doch eisern galt die Devise: „Wandel durch Annäherung“, wenn es auch schwerfiel. In Gedanken versunken betrachtete Helmut Schmidt im Güstrower Dom Ernst Barlachs Bronzeplastik „Der Schwebende“ mit den Gesichtszügen der leidenschaftlichen Kriegsgegnerin Käthe Kollwitz. Allerdings verzichtete er in Anbetracht der politischen Zuspitzungen im Nachbarland darauf die Orgel zu spielen, wie das ursprünglich vorgesehen war.

Mehr über die Jahre der DDR in
“Geschichten aus 14.970 Tagen und einer Nacht”
(als eBook bei Amazon, Kindle-Edition)

Tietelbild Geschichten

 

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150 Jahre Paul Lincke

2016 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag Paul Linckes, des Schöpfers der Berliner Operette, der 1946 in der Harz-Gemeinde Hahnenklee bei Goslar gestorben ist. In den Musiktheatern hätte das Jahr zu einem Paul-Lincke-Jahr werden können. Die Erinnerungen an den Schöpfer des Welthits „Glühwürmchen-Idyll“ waren ehr bescheiden. 

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Bronze-Statue des Berliner Operettenkönigs auf dem Paul-Lincke-Platz von Hahnenklee, daneben die Gedenktafel

Gedenktafel

Was Johann Strauß für Wien und Jaques Offenbach für Paris, das ist Paul Lincke für Berlin – spätestens seit im Apollo-Theater in der Friedrichstraße am 2. Mai 1899 „Frau Luna“ uraufgeführt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich die Geburtststunde der Berliner Operette, deren Siegeszug durch das zwanzigste Jahrhundert über die deutsche Hauptstadt hinaus den Namen des Komponisten um die Welt trug.

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Letztes Wohnhaus von Paul Lincke (mit Rückansicht) in der heute zu Goslar gehörenden Gemeinde Hahnenklee, als Paul-Lincke-Treff gestaltet

Paul Lincke, am 7. November 1866 nahe der Jungfernbrücke in Berlin geboren, ging als Hochtalentierter mit einem Hang zur Militärmusik nach der Realschule zur Stadtmusikkapelle von Wittenberge, wo er als Fagottist ausgebildet wurde und außerdem Tenorhorn, Schlagzeug sowie Klavier und Geige spielen lernte.

Wieder zurück in Berlin, begleitete er musikalisch die Varieté-Programme und lieferte eigene Kompositionen für Couplet-Sängerinnen. 1897 entstand für das Apollo-Theater mit der „Venus auf Erden“ eine kleine Revue, bevor Lincke mit „Frau Luna“ einen Glanzpunkt setzte und die Berliner Operette schuf. Lieder wie „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“, das Duett „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ oder „Schlösser, die im Monde liegen“ wurden über Nacht zu „Gassenhauern“, die die sprichwörtlichen Schusterjungen auf den Straßen pfiffen. Sein Glühwürmchen-Idyll (Glow Worm) aus der Operette „Lysistrata“ von 1902 wurde ein Welthit.

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Blick in den Paul-Lincke-Treff in dessen letztem Wohnhaus, in dem auch an die zahlreichen Preisträger des Wettbewerbs um den Paul-Lincke-Ring erinnert wird

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Ein Foto im Foto: Mit Silbermond auf dem Lincke-Platz und im Lincke-Treff

Später erlebte und bereicherte er während seiner musikalischen Karriere als Komponist und Theaterkapellmeister viele Schauplätze des Musiktheaters. In Berlin arbeitete Lincke an mehreren Musikbühnen, so dem Apollo- und Metropol-Theater. Obwohl ein unverwechselbares Stück von Berlin, triumphierte Lincke zwei Jahre lang auch in Paris, wo er am berühmtesten europäischen Varieté, den Folies Bergére, gefeiert wurde, bis es ihn wieder in sein Berlin zog.

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Klaus-Jürgen Elders kümmert sich mit viel Liebe um das Erbe des Komponisten und öffnet jeden Freitag das kleine gemütliche Restaurant im Lincke-Haus für ein paar Stunden. Hier weilten auch die Träger des Paul-Lincke-Ringes nach ihrer Auszeichnung, zuletzt auch die Gruppe Silbermond

Linckes Melodien haben zwei Weltkriege überdauert und gehören bis heute zum klassischen deutschen Kulturerbe. Der Komponist hingegen musste aus dem zerbombten Berlin, wo auch seine Wohnung mit dem von ihm gegründete Musikverlag getroffen war, in Marienbad Zuflucht suchen, um dann schließlich über das bayerische Arzberg nach Hahnenklee im Harz zu gelangen. Hier vollendete sich am 3. September 1946 sein Leben. Auf dem dortigen Friedhof wurde er beigesetzt. Spätere Versuche, ihn nach Berlin umzubetten, wurden im Zusammenhang mit einem Streit seiner Erben irgendwann aufgegeben.

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Das Grab Paul Linckes auf dem 700 Meter hoch gelegenen Waldfriedhof von Goslar-Hahnenklee

Seit 1955 wird alle zwei Jahre der Paul-Lincke-Ring in Hahnenklee an verdienstvolle Persönlichkeiten der leichten Muse verliehen, seit der Eingemeindung des Ortes 1972 von der Stadt Goslar. Zu den Preisträgern zählen Franz Grothe, Nico Dostal, Udo Jürgens, Ralph Siegel, Rene Kollo, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Freddy Quinn, Max Raabe, Clueso und die Gruppe Silbermond. Für das Jahr 2016 war der Komponist, Sänger und kauzig-kluge Moderator Helge Schneider, die „singende Herrentorte“, für den Paul-Lincke-Ring auserwählt worden. Am 21. Juni 2018 erhielt als weitere Preisträgerin die Sängerin und Entertainerin Ina Müller im Ortsteil Hahnenklee den Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar.

Sie alle weilten im letzten Wohnhaus Paul Linckes, in dem dessen Besitzer Klaus-Jürgen Elders im Gedenken an den großen Komponisten einen Paul-Lincke-Treff mit vielen musikalischen Kostbarkeiten eingerichtet hat, die an den Schöpfer der Berliner Operette erinnern und auch den Trägern des Paul-Lincke-Rings Anerkennung zollen. Verbunden ist der Treff mit einem schmucken kleinen Restaurant, das nur Freitagabend von 20 Uhr bis Mitternacht geöffnet ist und einem sorgsam bestückten gemütlichen Erinnerungssalon gleicht. Desweiteren laden drei komfortable Ferienwohnungen dazu ein, dem Geist Paul Linckes oder wenigstens einem wunderschönen Flecken des Harzes nahe zu sein.

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Blick aus einer Ferienwohnung im letzten Wohnhaus des Komponisten

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Die Kaderschmiede der Diktatur

Wo einst der „Bock von Babelsberg“ residierte

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Versteckt zwischen Wald und Wasser fristet die ehemalige sozialistische Kaderschmiede der Freien Deutschen Jugend unweit von Wandlitz ihr abgewirtschaftetes Dasein. Von Anfang war es die Funktion des kolossalen Monumentalbaus, junge indoktrinierte Gefolgsleuten der SED auf wichtige Funktionen in Partei und Staat vorzubereiten. Wie auf einer Insel im Wald lag die Jugendhochschule der FDJ „romantisch und still“ – wie der Vorbesitzer des Tarrains Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb – etwa zehn Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze fast unerkannt vor fremden Augen und Ohren.

Der Bogensee und das Gut Lanke waren lange Zeit in adeligem Besitz, bis es Berlin 1919 für zwanzig Millionen Reichsmark kaufte. 1936 zeigte sich die Stadt besonders großzügig und machte den Bogensee und knappe 200 Hektar Land dem Reichspropagandaminister Hitlers und dem Berliner NSDAP-Chef Joseph Goebbels zum 39. Geburtstag zum Geschenk auf Lebenszeit. Später bauten die Hauptstadt und die UfA in unmittelbarer Nähe den gigantische „Waldhof am Bogensee“ für Goebbels, der neben riesigem Komfort auch über einen Kinosaal und einen eigenen Rundfunksender verfügte. Hier verbrachte Goebbels, dem als zuständiger Propagandaminister mit Verantwortung für die Filmindustrie der Spitzname „Bock von Babelsberg“ anhaftete, abseits von seiner Familie zwei Jahre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova.  

Die tschechische Schauspielerin Lida Baarova verkehrte als Geliebte in der Goebbels-Villa

Unmittelbar nach Kriegsende nutzten die alliierten Siegermächte das Objekt als Lazarett, doch schon im März 1946 übergab es die sowjetische Militäradministration der eben eben gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) als Ort für die Erziehung bzw. Umerziehung junger Menschen.

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Bis heute stehen große Teile der ehemaligen Jugendhochschule leer, während in Berlin Flüchtlinge Schulsporthallen belegen mussten

Nach wenigen Jahren erwies sich  die Villa Goebbels als viel zu klein für die Hochschule. Der Chef-Architekt der Berliner Stalinallee, Hermann Henselmann, erhielt den Auftrag zum weiteren Ausbau des riesigen Geländes. Entgegen seinen eigenen Vorstellungen schuf er auf Ulbrichts Anraten ab 1951 für acht Millionen Mark Monumentalbauten. Sie wurden im Stil des aus Moskau übernommenen „sozialistischen Klassizismus“ errichtet, der bis heute die ehemalige Berliner Stalinallee prägt. Zu den riesigen Internatsbauten, dem   einen Hörsaalkomplex mit 560 Sitzen und 18 Fremdsprachenkabinetten für eine der damals modernsten Simultananlagen gehören auch eine Sporthalle, eine große Mensa, ein Heizhaus, Kindergarten und gastronomische Einrichtungen. Die Jugendhochschule wurde eine  eigenständige kleine  Stadt mit der dazugehörigen Infrastruktur.  

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Hauptportal der Mensa, die der Größe einer Konzerthalle gleicht

Am 24. Mai 1946 hatte  der Unterrich an der Jugendhochschule begonnen. 1950 verlieh ihr der Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, seinen Namen. Zu den Dozenten gehörte anfangs Wolfgang Leonhard (1921-2014), der im April 1945 zu der aus Moskau zur Machtübernahme eingeflogenen „Gruppe Ulbricht“ gehörte und Jahre später als Schriftsteller und „Kreml-Astrologe“ vom Westen aus die Ostpolitik verfolgte und kommentierte.

Zahlreiche Internatsbauten, die bis heute mit ihrem Komfort gut erhalten sind

Anfangs war der Lehrstoff der Jugendlichen noch auf eine antifaschistische, demokratische Grundordnung ausgerichtet, zumal die jungen Menschen aus verschiedenen Parteien und Konfessionen zum Studium delegiert worden waren. Im Dokumentarfilm „Geheimnisvolle Orte – Bogensee“ von Dora Heinze schildert Leonhard, wie die Mitglieder des FDJ-Zentralrates aus den Blockparteien CDU und LDPD im Januar 1948 aus Protest gegen die Gleichschaltung von FDJ und SED die Tagung verließen. Auch die Studierenden aus diesen Parteien sollten an der Jugendhochschule im stalinistischen Sinne indoktriniert werden

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Proletarische Kunst in den riesigen Parkanlagen der ehemaligen Jugendhochschule

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Als die FDJ den Weg der antifaschistischen, demo-kratischen Werteorientierung verließ und sich unter Erich Honeckers Führung als „Helfer und Kampfreserve der SED“ formierte, verließen die jungen Menschen aus den Blockparteien die Hochschule. Das war zu jener Zeit, als Politiker der Blockparteien in der Regierung der DDR, unter ihnen Außenminister Georg Dertinger, Justizminister Max Fechner und andere ihrer demokratischen Gesinnung wegen unter fadenscheinigen Gründen als Gegner der DDR verhaftet und auf Jahre eingesperrt wurden, um auf diese Weise die   Blockparteien  auf SED-Linie zu bringen. Später wurden zahlreiche FDJ-Funktionäre und SED-Mitglieder in die Führungsgremien dieser Parteien lanciert.

An der Kaderschmiede der Diktatur des Proletariats holten sich rund 20.000 Jugendliche das Rüstzeug für führende Funktionen im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Zum Abschluss musste jeder die Frage beantworten, ob er bedingungslos jeden Auftrag der Partei – wobei nur die SED gemeint war – erfüllen würde. Bei der Antwort gab es keine ungestrafte Alternative zu einem Ja.

Zu den großen Geheimnissen der Hochschule gehörte es, dass an dieser sozialistischen Kaderschmiede rund 4000 Mitglieder von kommunistischen Parteien und Organisationen aus 67 Ländern das Rüstzeug für den revolutionären Kampf in ihren Heimatländern erhielten und zum großen Teil anonym am Bogensee weilten. Sie hatten kaum Kontakte zum öffentlichen Leben in der DDR, ihre Personaldokumente waren weggeschlossen.   

Nach der friedlichen Revolution 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde die Jugendhochschule abgewickelt. Die Kosten für die Hochschule, zu deneen neben der Erhaltung die  Unterbringung und das Essen gehörten, waren von der zusammengeschrumpften FDJ und geschweige vom Staat nicht mehr aufzubringen. Seitdem hat das große Objekt, das sich in einem baulich hervorragenden Zustand befindet, bislang keine langfristige Verwendung mehr. Kleinere Unternehmen versuchten sich Stück für Stück in den großen Komplex einzumieten.  Jährlich kostet die Unterhaltung der Anlage durch die Stadt Berlin als Eigentümerin  rund 250.000 Euro.

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Der Zustand des Parks, der die Größe eines Fußballfeldes einnimmt, täuscht über die hohe Qualität der Bauwerke hinweg, die gut und gerne geeignet sind, eine vierstellige Zahl an Flüchtlingen vorübergehend menschenwürdig unterzubringen. Woran es scheitern mag, das kann nur der Wille des Eigentümers, des Berliner Senats sein.

Die im Gestrüpp auszumachenden Skulpturen jedenfalls stehen für internationale Solidarität und Barmherzigkeit.

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Als die DDR den Reformationstag strich

In der DDR war der Reformationstag am 31. Oktober, wenn er auf einen Wochentag fiel, bis 1967 ein arbeitsfreier Feiertag. Das änderte sich mit einem Gesetz, das die Fünf-Tage-Arbeitswoche einführte. Zwar blieb der Tag, an dem Luther seine Papst-Kritik an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, für die Lutheraner ein Feiertag, doch das Volk musste brav zur Arbeit gehen.

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Luther-Rose der Wartburg bei Eisenach, wo der Reformator 1522 das Neue Testament aus dem Altgriechischen ins Deutsche übertrug

Nach einem Großversuch seit April 1966, als mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 45 Stunden zunächst jeder zweite Sonnabend arbeitsfrei war, wurde im August 1967 zum generellen arbeitsfreien Sonnabend übergegangen. Um die damit ausfallende Arbeitszeit zu kompensieren, wurden aus arbeitsfreien Feiertagen normale Werktage. Dazu gehörten der Ostermontag, Himmelfahrt, der Reformationstag, der Buß- und Bettag und – damit es nicht nur die Kirchen trifft – der  „Tag der Befreiung“ am 8. Mai, wenn er nicht auf ein Wochenende fiel.

Originalton Ulbricht auf dem 7. SED-Parteitag im April 1967: „Mit Einführung der durchgängigen Fünf-Tage-Arbeitswoche müsste unter den gegenwärtigen Bedingungen die tägliche Arbeitszeit um etwa eine halbe Stunde verlängert werden. Das würde für viele Werktätige eine Mehrbelastung darstellen. Andererseits gehört die DDR zu den Ländern mit den meisten Feiertagen, von denen der größte Teil auf Werktage fällt. (Heiterkeit)“

Etwas unbeholfen sahen manche Regelungen aus. Beispielsweise wurde vor Ostern von Montag bis Donnerstag und nach Ostersonntag von Montag bis einschließlich Sonnabend, in der Woche nach Pfingsten von Dienstag bis Sonnabend gearbeitet. Der Schulunterricht fand bis 1989 auch weiter sonnabends statt, so dass viele Eltern mit schulpflichtigen Kindern an einer großzügigen Gestaltung der Wochenenden gehindert waren.

In der Bundesrepublik gehörte damals die Fünf-Tage-Arbeitswoche mit vierzig Stunden bei vollem Lohnausgleich seit 1955 zu den Forderungen des DGB. Auf tariflicher Grundlage hatten zahlreiche Betriebe, schon aus Rentabilitätsgründen, die Fünf-Tage-Woche eingeführt, doch gesetzlich geregelt wurde das nur in der DDR. Im Übrigen war die Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche im sozialistischen Lager ein Alleingang Ulbrichts. In der UdSSR und den anderen sozialistischen Ländern wurde nach wie vor sechs Tage in der Woche gearbeitet.

Pflichtgemäß trugen wir Journalisten Meinungen zusammen und priesen die „großzügigen Maßnahmen von Partei und Regierung“. Bei der Befragung von Bürgern stießen wir angesichts der freien Sonnabende auf Zustimmung, ärgerlich für viele war der Wegfall vor allem des Ostermontags, aber solche Meinungen hatten ohnehin keine Chance gedruckt zu werden. Das Volk bedankte sich artig für das, was es selbst erarbeitet hatte.

Die Kirchen halfen der SED und dem Staat, obwohl sie am meisten von diesen sozialpolitischen Maßnahmen betroffen waren. Ein Pfarrer aus Schwerin äußerte sich, mit dem Wegfall der Feiertage werde „auf reformatorische Anschauungen zurückgegriffen“. Er verwies auf Martin Luther, der sich entschieden gegen die Unzahl von Feiertagen gewandt und deren Beseitigung verlangt habe: „Doch nach ihm verfiel auch die evangelische Kirche allmählich ins Festefeiern und belastete damit die Wochentage.“ Damals war Luther schon 421 Jahre tot.

Inzwischen ist der Reformationstag – mit Ausnahme von 2017, dem 500 Jahrestag des Thesenanschlages, da er in ganz Deutschland ein Feiertag ist – Jahr für Jahr in allen ostdeutschen Ländern – außer in  Berlin – sowie in Baden-Württemberg ein gesetzlicher Feiertag. Natürlich wird hier und da auch gearbeitet, zum Beispiel in Brandenburg, wo die „sozialpolitischen Maßnahmen“ von 1967 nur halbherzig zurückgenommen wurden. Aber der Ostermontag ist wieder frei, wenngleich die Gründe dafür Jahrhunderte zurückliegen und nicht erst ein knappes Menschenalter, wie der 8. Mai.

Übrigens begründete 1967 ein Mitglied des CDU-Hauptvorstandes den Wegfall der kirchlichen Feiertage damit, der Himmelfahrtstag sei in den vergangenen Jahren einer „zunehmenden Verweltlichung“ ausgesetzt gewesen, die Neuregelung könne dazu führen, sich auf seinen geistlichen Inhalt zu besinnen.

Das hatte das SED-Politbüro ganz sicher nicht gewollt.

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