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Die Festung Güstrow

Nach dem Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in Erfurt war der Besuch von Helmut Schmidt 1981 in der Schorfheide bei Berlin und in Güstrow ein weiterer Schritt zur Annäherung beider deutscher Staaten. Im Sinne der strategischen Losung „Wandel durch Annäherung“ führte er ein Stück näher zum Ende der DDR.

Der Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war ohne Zweifel einer der Höhepunkte der deutsch-deutschen Beziehungen. In der Barlach-Stadt Güstrow wurden ihm Freude und Begeisterung entgegengebracht, jedoch erkennbar weniger als seinem Gastgeber Erich Honecker. Das war bis ins Detail einstudiert. Eine ähnliche Peinlichkeit wie 1970 in Erfurt, als Tausende vor dem Hotel „Erfurter Hof“ nach Willy Brandt riefen, sollte Honecker erspart bleiben. Noch ein solches Debakel hätte Stasiminister Erich Mielke politisch nicht überlebt.

In Dokumentationen über den Schmidt-Besuch, die bisher im Fernsehen präsentiert wurden, ist nichts übertrieben. Alles, was man sich mit blühender Fantasie an Sicherheitsleistungen hätte einfallen lassen können, war dem MfS eingefallen.

Hinter Schmidt und Honecker schritt ich über den Weihnachtsmarkt und erlebte die bittere Komödie, von der nur einer der beiden Hauptdarsteller die Regieanweisungen kannte. Kaum eine Familie mit Kindern, die sich amüsierten, auffallend viele junge Männer bevölkerten den verschneiten Marktplatz. Honecker hatte befürchtet, Schmidt wolle in Güstrow „eine politische Show“ abziehen. Dem wurde derart vorgebeugt, dass das am selben Tag in Polen verhängte Kriegsrecht ein schwacher Abglanz der Belagerung von Güstrow war.

Vor dem Besuch hatten zudem über tausend Familiengespräche stattgefunden. „Zwielichtige“ Personen wurden eingeschüchtert, Schulen als „Zuführungspunkte“ hergerichtet. Tage vorher weilten Parteischüler aus Berlin in Güstrow, um sich Westreportern, die sich auf den Besuch vorbereiteten, als Bürger der Stadt in Interviews zu präsentieren.

Auch wir Journalisten hatten uns mit dem 750 Jahre alten Städtchen vertraut gemacht. Wir erfuhren, dass das von einem italienischen Baumeister geschaffene Renaissanceschloss mit großem Aufwand restauriert wurde, Güstrow eine Pädagogische Hochschule besaß sowie 200 wunderschöne alte Haustüren, von denen 60 unter Denkmalschutz, aber alle am Besuchstag unter Beobachtung standen.

Am Tag der Ankunft von Schmidt und Honecker waren ab sechs Uhr morgens die Zufahrtsstraßen dicht, ab acht Uhr war ein militärischer Außenring geschlossen. Nur ausgewählte Bürger wurden für den Besuch des Weihnachtsmarktes zugelassen, darunter auch Mitglieder aus anderen Parteien, die zuvor von der SED „geschult“ worden waren.  

Die Stasi-Aktion „Dialog“ klappte. Die Güstrower Bürger waren zwischen neun und achtzehn Uhr in ihre Häuser verbannt, vor denen Polizeiketten aufgefädelt waren. Sie durften kein Fenster zur Straße öffnen.

Ich hatte befürchtet, Schmidt breche angesichts des Kriegsrechts in Polen den Besuch in der DDR ab. Doch eisern galt die Devise: „Wandel durch Annäherung“, wenn es auch schwerfiel. In Gedanken versunken betrachtete Helmut Schmidt im Güstrower Dom Ernst Barlachs Bronzeplastik „Der Schwebende“ mit den Gesichtszügen der leidenschaftlichen Kriegsgegnerin Käthe Kollwitz. Allerdings verzichtete er in Anbetracht der politischen Zuspitzungen im Nachbarland darauf die Orgel zu spielen, wie das ursprünglich vorgesehen war.

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Tietelbild Geschichten

 

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150 Jahre Paul Lincke

2016 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag Paul Linckes, des Schöpfers der Berliner Operette, der 1946 in der Harz-Gemeinde Hahnenklee bei Goslar gestorben ist. In den Musiktheatern hätte das Jahr zu einem Paul-Lincke-Jahr werden können. Die Erinnerungen an den Schöpfer des Welthits „Glühwürmchen-Idyll“ waren ehr bescheiden. 

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Bronze-Statue des Berliner Operettenkönigs auf dem Paul-Lincke-Platz von Hahnenklee, daneben die Gedenktafel

Gedenktafel

Was Johann Strauß für Wien und Jaques Offenbach für Paris, das ist Paul Lincke für Berlin – spätestens seit im Apollo-Theater in der Friedrichstraße am 2. Mai 1899 „Frau Luna“ uraufgeführt wurde. Mit seinem Namen verbindet sich die Geburtststunde der Berliner Operette, deren Siegeszug durch das zwanzigste Jahrhundert über die deutsche Hauptstadt hinaus den Namen des Komponisten um die Welt trug.

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Letztes Wohnhaus von Paul Lincke (mit Rückansicht) in der heute zu Goslar gehörenden Gemeinde Hahnenklee, als Paul-Lincke-Treff gestaltet

Paul Lincke, am 7. November 1866 nahe der Jungfernbrücke in Berlin geboren, ging als Hochtalentierter mit einem Hang zur Militärmusik nach der Realschule zur Stadtmusikkapelle von Wittenberge, wo er als Fagottist ausgebildet wurde und außerdem Tenorhorn, Schlagzeug sowie Klavier und Geige spielen lernte.

Wieder zurück in Berlin, begleitete er musikalisch die Varieté-Programme und lieferte eigene Kompositionen für Couplet-Sängerinnen. 1897 entstand für das Apollo-Theater mit der „Venus auf Erden“ eine kleine Revue, bevor Lincke mit „Frau Luna“ einen Glanzpunkt setzte und die Berliner Operette schuf. Lieder wie „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“, das Duett „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ oder „Schlösser, die im Monde liegen“ wurden über Nacht zu „Gassenhauern“, die die sprichwörtlichen Schusterjungen auf den Straßen pfiffen. Sein Glühwürmchen-Idyll (Glow Worm) aus der Operette „Lysistrata“ von 1902 wurde ein Welthit.

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Blick in den Paul-Lincke-Treff in dessen letztem Wohnhaus, in dem auch an die zahlreichen Preisträger des Wettbewerbs um den Paul-Lincke-Ring erinnert wird

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Ein Foto im Foto: Mit Silbermond auf dem Lincke-Platz und im Lincke-Treff

Später erlebte und bereicherte er während seiner musikalischen Karriere als Komponist und Theaterkapellmeister viele Schauplätze des Musiktheaters. In Berlin arbeitete Lincke an mehreren Musikbühnen, so dem Apollo- und Metropol-Theater. Obwohl ein unverwechselbares Stück von Berlin, triumphierte Lincke zwei Jahre lang auch in Paris, wo er am berühmtesten europäischen Varieté, den Folies Bergére, gefeiert wurde, bis es ihn wieder in sein Berlin zog.

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Klaus-Jürgen Elders kümmert sich mit viel Liebe um das Erbe des Komponisten und öffnet jeden Freitag das kleine gemütliche Restaurant im Lincke-Haus für ein paar Stunden. Hier weilten auch die Träger des Paul-Lincke-Ringes nach ihrer Auszeichnung, zuletzt auch die Gruppe Silbermond

Linckes Melodien haben zwei Weltkriege überdauert und gehören bis heute zum klassischen deutschen Kulturerbe. Der Komponist hingegen musste aus dem zerbombten Berlin, wo auch seine Wohnung mit dem von ihm gegründete Musikverlag getroffen war, in Marienbad Zuflucht suchen, um dann schließlich über das bayerische Arzberg nach Hahnenklee im Harz zu gelangen. Hier vollendete sich am 3. September 1946 sein Leben. Auf dem dortigen Friedhof wurde er beigesetzt. Spätere Versuche, ihn nach Berlin umzubetten, wurden im Zusammenhang mit einem Streit seiner Erben irgendwann aufgegeben.

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Das Grab Paul Linckes auf dem 700 Meter hoch gelegenen Waldfriedhof von Goslar-Hahnenklee

Seit 1955 wird alle zwei Jahre der Paul-Lincke-Ring in Hahnenklee an verdienstvolle Persönlichkeiten der leichten Muse verliehen, seit der Eingemeindung des Ortes 1972 von der Stadt Goslar. Zu den Preisträgern zählen Franz Grothe, Nico Dostal, Udo Jürgens, Ralph Siegel, Rene Kollo, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Freddy Quinn, Max Raabe, Clueso und die Gruppe Silbermond. Für das Jahr 2016 war der Komponist, Sänger und kauzig-kluge Moderator Helge Schneider, die „singende Herrentorte“, für den Paul-Lincke-Ring auserwählt worden. Am 21. Juni 2018 erhielt als weitere Preisträgerin die Sängerin und Entertainerin Ina Müller im Ortsteil Hahnenklee den Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar.

Sie alle weilten im letzten Wohnhaus Paul Linckes, in dem dessen Besitzer Klaus-Jürgen Elders im Gedenken an den großen Komponisten einen Paul-Lincke-Treff mit vielen musikalischen Kostbarkeiten eingerichtet hat, die an den Schöpfer der Berliner Operette erinnern und auch den Trägern des Paul-Lincke-Rings Anerkennung zollen. Verbunden ist der Treff mit einem schmucken kleinen Restaurant, das nur Freitagabend von 20 Uhr bis Mitternacht geöffnet ist und einem sorgsam bestückten gemütlichen Erinnerungssalon gleicht. Desweiteren laden drei komfortable Ferienwohnungen dazu ein, dem Geist Paul Linckes oder wenigstens einem wunderschönen Flecken des Harzes nahe zu sein.

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Blick aus einer Ferienwohnung im letzten Wohnhaus des Komponisten

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Die Kaderschmiede der Diktatur

Wo einst der „Bock von Babelsberg“ residierte

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Versteckt zwischen Wald und Wasser fristet die ehemalige sozialistische Kaderschmiede der Freien Deutschen Jugend unweit von Wandlitz ihr abgewirtschaftetes Dasein. Von Anfang war es die Funktion des kolossalen Monumentalbaus, junge indoktrinierte Gefolgsleuten der SED auf wichtige Funktionen in Partei und Staat vorzubereiten. Wie auf einer Insel im Wald lag die Jugendhochschule der FDJ „romantisch und still“ – wie der Vorbesitzer des Tarrains Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb – etwa zehn Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze fast unerkannt vor fremden Augen und Ohren.

Der Bogensee und das Gut Lanke waren lange Zeit in adeligem Besitz, bis es Berlin 1919 für zwanzig Millionen Reichsmark kaufte. 1936 zeigte sich die Stadt besonders großzügig und machte den Bogensee und knappe 200 Hektar Land dem Reichspropagandaminister Hitlers und dem Berliner NSDAP-Chef Joseph Goebbels zum 39. Geburtstag zum Geschenk auf Lebenszeit. Später bauten die Hauptstadt und die UfA in unmittelbarer Nähe den gigantische „Waldhof am Bogensee“ für Goebbels, der neben riesigem Komfort auch über einen Kinosaal und einen eigenen Rundfunksender verfügte. Hier verbrachte Goebbels, dem als zuständiger Propagandaminister mit Verantwortung für die Filmindustrie der Spitzname „Bock von Babelsberg“ anhaftete, abseits von seiner Familie zwei Jahre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova.  

Die tschechische Schauspielerin Lida Baarova verkehrte als Geliebte in der Goebbels-Villa

Unmittelbar nach Kriegsende nutzten die alliierten Siegermächte das Objekt als Lazarett, doch schon im März 1946 übergab es die sowjetische Militäradministration der eben eben gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) als Ort für die Erziehung bzw. Umerziehung junger Menschen.

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Bis heute stehen große Teile der ehemaligen Jugendhochschule leer, während in Berlin Flüchtlinge Schulsporthallen belegen mussten

Nach wenigen Jahren erwies sich  die Villa Goebbels als viel zu klein für die Hochschule. Der Chef-Architekt der Berliner Stalinallee, Hermann Henselmann, erhielt den Auftrag zum weiteren Ausbau des riesigen Geländes. Entgegen seinen eigenen Vorstellungen schuf er auf Ulbrichts Anraten ab 1951 für acht Millionen Mark Monumentalbauten. Sie wurden im Stil des aus Moskau übernommenen „sozialistischen Klassizismus“ errichtet, der bis heute die ehemalige Berliner Stalinallee prägt. Zu den riesigen Internatsbauten, dem   einen Hörsaalkomplex mit 560 Sitzen und 18 Fremdsprachenkabinetten für eine der damals modernsten Simultananlagen gehören auch eine Sporthalle, eine große Mensa, ein Heizhaus, Kindergarten und gastronomische Einrichtungen. Die Jugendhochschule wurde eine  eigenständige kleine  Stadt mit der dazugehörigen Infrastruktur.  

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Hauptportal der Mensa, die der Größe einer Konzerthalle gleicht

Am 24. Mai 1946 hatte  der Unterrich an der Jugendhochschule begonnen. 1950 verlieh ihr der Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, seinen Namen. Zu den Dozenten gehörte anfangs Wolfgang Leonhard (1921-2014), der im April 1945 zu der aus Moskau zur Machtübernahme eingeflogenen „Gruppe Ulbricht“ gehörte und Jahre später als Schriftsteller und „Kreml-Astrologe“ vom Westen aus die Ostpolitik verfolgte und kommentierte.

Zahlreiche Internatsbauten, die bis heute mit ihrem Komfort gut erhalten sind

Anfangs war der Lehrstoff der Jugendlichen noch auf eine antifaschistische, demokratische Grundordnung ausgerichtet, zumal die jungen Menschen aus verschiedenen Parteien und Konfessionen zum Studium delegiert worden waren. Im Dokumentarfilm „Geheimnisvolle Orte – Bogensee“ von Dora Heinze schildert Leonhard, wie die Mitglieder des FDJ-Zentralrates aus den Blockparteien CDU und LDPD im Januar 1948 aus Protest gegen die Gleichschaltung von FDJ und SED die Tagung verließen. Auch die Studierenden aus diesen Parteien sollten an der Jugendhochschule im stalinistischen Sinne indoktriniert werden

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Proletarische Kunst in den riesigen Parkanlagen der ehemaligen Jugendhochschule

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Als die FDJ den Weg der antifaschistischen, demo-kratischen Werteorientierung verließ und sich unter Erich Honeckers Führung als „Helfer und Kampfreserve der SED“ formierte, verließen die jungen Menschen aus den Blockparteien die Hochschule. Das war zu jener Zeit, als Politiker der Blockparteien in der Regierung der DDR, unter ihnen Außenminister Georg Dertinger, Justizminister Max Fechner und andere ihrer demokratischen Gesinnung wegen unter fadenscheinigen Gründen als Gegner der DDR verhaftet und auf Jahre eingesperrt wurden, um auf diese Weise die   Blockparteien  auf SED-Linie zu bringen. Später wurden zahlreiche FDJ-Funktionäre und SED-Mitglieder in die Führungsgremien dieser Parteien lanciert.

An der Kaderschmiede der Diktatur des Proletariats holten sich rund 20.000 Jugendliche das Rüstzeug für führende Funktionen im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Zum Abschluss musste jeder die Frage beantworten, ob er bedingungslos jeden Auftrag der Partei – wobei nur die SED gemeint war – erfüllen würde. Bei der Antwort gab es keine ungestrafte Alternative zu einem Ja.

Zu den großen Geheimnissen der Hochschule gehörte es, dass an dieser sozialistischen Kaderschmiede rund 4000 Mitglieder von kommunistischen Parteien und Organisationen aus 67 Ländern das Rüstzeug für den revolutionären Kampf in ihren Heimatländern erhielten und zum großen Teil anonym am Bogensee weilten. Sie hatten kaum Kontakte zum öffentlichen Leben in der DDR, ihre Personaldokumente waren weggeschlossen.   

Nach der friedlichen Revolution 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde die Jugendhochschule abgewickelt. Die Kosten für die Hochschule, zu deneen neben der Erhaltung die  Unterbringung und das Essen gehörten, waren von der zusammengeschrumpften FDJ und geschweige vom Staat nicht mehr aufzubringen. Seitdem hat das große Objekt, das sich in einem baulich hervorragenden Zustand befindet, bislang keine langfristige Verwendung mehr. Kleinere Unternehmen versuchten sich Stück für Stück in den großen Komplex einzumieten.  Jährlich kostet die Unterhaltung der Anlage durch die Stadt Berlin als Eigentümerin  rund 250.000 Euro.

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Der Zustand des Parks, der die Größe eines Fußballfeldes einnimmt, täuscht über die hohe Qualität der Bauwerke hinweg, die gut und gerne geeignet sind, eine vierstellige Zahl an Flüchtlingen vorübergehend menschenwürdig unterzubringen. Woran es scheitern mag, das kann nur der Wille des Eigentümers, des Berliner Senats sein.

Die im Gestrüpp auszumachenden Skulpturen jedenfalls stehen für internationale Solidarität und Barmherzigkeit.

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Als die DDR den Reformationstag strich

In der DDR war der Reformationstag am 31. Oktober, wenn er auf einen Wochentag fiel, bis 1967 ein arbeitsfreier Feiertag. Das änderte sich mit einem Gesetz, das die Fünf-Tage-Arbeitswoche einführte. Zwar blieb der Tag, an dem Luther seine Papst-Kritik an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, für die Lutheraner ein Feiertag, doch das Volk musste brav zur Arbeit gehen.

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Luther-Rose der Wartburg bei Eisenach, wo der Reformator 1522 das Neue Testament aus dem Altgriechischen ins Deutsche übertrug

Nach einem Großversuch seit April 1966, als mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 45 Stunden zunächst jeder zweite Sonnabend arbeitsfrei war, wurde im August 1967 zum generellen arbeitsfreien Sonnabend übergegangen. Um die damit ausfallende Arbeitszeit zu kompensieren, wurden aus arbeitsfreien Feiertagen normale Werktage. Dazu gehörten der Ostermontag, Himmelfahrt, der Reformationstag, der Buß- und Bettag und – damit es nicht nur die Kirchen trifft – der  „Tag der Befreiung“ am 8. Mai, wenn er nicht auf ein Wochenende fiel.

Originalton Ulbricht auf dem 7. SED-Parteitag im April 1967: „Mit Einführung der durchgängigen Fünf-Tage-Arbeitswoche müsste unter den gegenwärtigen Bedingungen die tägliche Arbeitszeit um etwa eine halbe Stunde verlängert werden. Das würde für viele Werktätige eine Mehrbelastung darstellen. Andererseits gehört die DDR zu den Ländern mit den meisten Feiertagen, von denen der größte Teil auf Werktage fällt. (Heiterkeit)“

Etwas unbeholfen sahen manche Regelungen aus. Beispielsweise wurde vor Ostern von Montag bis Donnerstag und nach Ostersonntag von Montag bis einschließlich Sonnabend, in der Woche nach Pfingsten von Dienstag bis Sonnabend gearbeitet. Der Schulunterricht fand bis 1989 auch weiter sonnabends statt, so dass viele Eltern mit schulpflichtigen Kindern an einer großzügigen Gestaltung der Wochenenden gehindert waren.

In der Bundesrepublik gehörte damals die Fünf-Tage-Arbeitswoche mit vierzig Stunden bei vollem Lohnausgleich seit 1955 zu den Forderungen des DGB. Auf tariflicher Grundlage hatten zahlreiche Betriebe, schon aus Rentabilitätsgründen, die Fünf-Tage-Woche eingeführt, doch gesetzlich geregelt wurde das nur in der DDR. Im Übrigen war die Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche im sozialistischen Lager ein Alleingang Ulbrichts. In der UdSSR und den anderen sozialistischen Ländern wurde nach wie vor sechs Tage in der Woche gearbeitet.

Pflichtgemäß trugen wir Journalisten Meinungen zusammen und priesen die „großzügigen Maßnahmen von Partei und Regierung“. Bei der Befragung von Bürgern stießen wir angesichts der freien Sonnabende auf Zustimmung, ärgerlich für viele war der Wegfall vor allem des Ostermontags, aber solche Meinungen hatten ohnehin keine Chance gedruckt zu werden. Das Volk bedankte sich artig für das, was es selbst erarbeitet hatte.

Die Kirchen halfen der SED und dem Staat, obwohl sie am meisten von diesen sozialpolitischen Maßnahmen betroffen waren. Ein Pfarrer aus Schwerin äußerte sich, mit dem Wegfall der Feiertage werde „auf reformatorische Anschauungen zurückgegriffen“. Er verwies auf Martin Luther, der sich entschieden gegen die Unzahl von Feiertagen gewandt und deren Beseitigung verlangt habe: „Doch nach ihm verfiel auch die evangelische Kirche allmählich ins Festefeiern und belastete damit die Wochentage.“ Damals war Luther schon 421 Jahre tot.

Inzwischen ist der Reformationstag – mit Ausnahme von 2017, dem 500 Jahrestag des Thesenanschlages, da er in ganz Deutschland ein Feiertag ist – Jahr für Jahr in allen ostdeutschen Ländern – außer in  Berlin – sowie in Baden-Württemberg ein gesetzlicher Feiertag. Natürlich wird hier und da auch gearbeitet, zum Beispiel in Brandenburg, wo die „sozialpolitischen Maßnahmen“ von 1967 nur halbherzig zurückgenommen wurden. Aber der Ostermontag ist wieder frei, wenngleich die Gründe dafür Jahrhunderte zurückliegen und nicht erst ein knappes Menschenalter, wie der 8. Mai.

Übrigens begründete 1967 ein Mitglied des CDU-Hauptvorstandes den Wegfall der kirchlichen Feiertage damit, der Himmelfahrtstag sei in den vergangenen Jahren einer „zunehmenden Verweltlichung“ ausgesetzt gewesen, die Neuregelung könne dazu führen, sich auf seinen geistlichen Inhalt zu besinnen.

Das hatte das SED-Politbüro ganz sicher nicht gewollt.

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Die Antibabypille in der DDR

Wie in der Volkskammer vor 1989 einmalig mit Nein gestimmt wurde

Es war wie ein Donnerschlag. In die „oberste Volksvertretung“ der DDR war ein Hauch von Demokratie eingezogen. Vor jenem 9. März 1972 und auch danach waren alle Gesetze von allen rund 500 Abgeordneten in trauter Einigkeit abgenickt worden. Bei der Frage nach Gegenstimmen und Enthaltungen hob der Präsident nicht einmal den Kopf, um nachzuschauen, ob tatsächlich jemand aus der Reihe tanzte. Natürlich nicht.

An diesem 9. März war alles ganz anders. Auf der Tagesordnung stand das „Gesetz zur Unterbrechung der Schwangerschaft“. Nicht einmal gegen den Blödsinn der Bezeichnung des Gesetzes hatte sich eine Stimme erhoben. Als könne man eine Schwangerschaft unterbrechen – und später fortsetzen. Natürlich ging es um die gesetzliche Möglichkeit einer legalen Abtreibung bis zum 3. Monat. Zudem war vorgesehen, dass es die seit 15. November 1965 erhältliche schwangerschaftsverhütende Pille, also die Antibabypille oder auch Wunschkindpille genannt, unentgeltlich auf Rezept geben wird.

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Schlagzeie des „Neuen Deutschland“

Wenn das kein Fortschritt ist, von dem die Welt sprechen wird! Monate zuvor hatten Frauen der Bundesrepublik mit Alice Schwarzer an der Spitze im „Stern“ ihre illegale Abtreibung öffentlich gemacht und längst fällige neue gesetzliche Regelungen gefordert.

Für die Kirchen in der DDR war das neue Gesetz eine Herausforderung. Im Januar 1972 veröffentlichte die evangelische Kirche ein „Wort der Bischöfe“, in dem es heißt: „Der Abbruch einer Schwangerschaft ist Tötung menschlichen Lebens.“ Die Würdenträger forderten schon vor der Verabschiedung des Gesetzes dazu auf, keinen Gebrauch von der Regelung zu machen und niemanden zu drängen. Auch die katholische Kirche schlug zu: Eine Gesellschaft, die auf den Schutz werdenden Lebens verzichte, werde „mit ihrem Bemühen um wahren Humanismus“ unglaubwürdig. Womit sie der DDR immerhin „Bemühen um wahren Humanismus“ bescheinigte, was ja auch nicht so übel war.

Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger schwang vor der Volkskammer die revolutionäre Keule: „Solche gesetzlichen Regelungen … wurden insbesondere von der revolutionären Arbeiterbewegung gefordert. Dieses Problem hat sowohl in der gesellschaftspolitischen Literatur der vergangenen Jahrzehnte wie auch in der Kunst und in der Dramatik einen beredten Ausdruck gefunden.“ Er hatte einen Beschlussantrag der KPD-Reichstagsfraktion vom Oktober 1931 ausgegraben, in dem die Möglichkeit einer Unterbrechung der Schwangerschaft gefordert wird. „Sie prangerte damit die Doppelmoral der Ausbeutergesellschaft an, die den Frauen der herrschenden Klasse kostspielige Schwangerschaftsunterbrechungen ermöglichte, während sie die Arbeiterinnen mit verlogenen Phrasen und kalten Paragraphen in ihrer Not und Gewissensqual sich selbst überließ.“

Dann kam die Abstimmung. Wir Journalisten, die über das Ereignis berichteten, waren vorgewarnt. Vielleicht glaubte man, uns vor einem Schock bewahren zu müssen, obwohl uns jede Abkehr von der Norm willkommen war. Mit 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen hatten sich 22 Abgeordnete der Volkskammer dem von SED-Politbüro und Ministerrat eingebrachten Gesetz verweigert. Mitglieder der CDU-Fraktion, die in besonderer Weise kirchlich gebunden waren, wollten aus ihrem Herzen offenbar keine Mördergrube machen.

Abtrei2Verschämte Passage im „ND“ über Gegenstimmen und Enthaltungen, die nicht weiter kommentiert wurden. Es sollten sich keine „schlechten Gewohnheiten“ einbürgern.

Glaubte ich. Bis ich das damalige Mitglied des Fraktionsvorstandes der CDU in der Volkskammer Hermann Kalb zwanzig Jahre später während eines längeren Gesprächs meinen Respekt für jene Abweichler von der vorgegebenen Linie bekundete. Woher, so fragte ich, hatten diese Leute den Mut genommen?

Mein Gesprächspartner, der unter Ministerpräsident Lothar de Maiziere Staatssekretär für Kirchenfragen war, lachte und gab zu, dass er ungern meine Illusionen zerstören möchte. Dann schilderte er, welche Mühe er und seine Freunde im damaligen CDU-Fraktionsvorstand hatten, die 14 Nein-Stimmen und acht Enthaltungen zu organisieren. „Wir mussten den Abgeordneten mit dem abweichenden Abstimmungsverhalten versichern, dass ihnen daraus keinerlei Nachteile erwachsen würden. Die Ablehnung hatte den schönen Effekt, dass die Kirchen zufrieden waren und die Demokratie Triumphe feierte.“

Es war eine Farce.

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Das Wunderkind an der DDR-Spitze

Wie Honecker seine Biografie forcierte

 

Es ist gut dreieinhalb Jahrzehnte her, als Erich Honecker glaubte die Weltliteratur der großen Biografien mit seinen eigenen Lebensdaten bereichern zu können. Termin war der 25. August 1980, und damit der 68. Geburtstag des Allmächtigen, Ort der Handlung das Haus des SED-Zentralkomitees in Ostberlin. Der Chef der Einheitspartei empfing den britischen Verleger Robert Maxwell vom Verlagshaus Pergamon Press Limited, Oxford, um von ihm das erste Exemplar seiner Biographie „Aus meinem Leben“ entgegenzunehmen, das in der Reihe „Leaders of the World“ erschien.

AusmeinemLeben

Die zuvor bereits veröffentlichten Breschnew-Memoiren hatten den DDR-Botschafter Karl-Heinz Kern in London bewogen, Maxwell die Herausgabe einer Honecker-Biografie vorzuschlagen. Wer weiß, mit welchen Befugnissen ein DDR-Diplomat ausgestattet war, ahnt, aus welcher Ecke der Wind wehte. Ohne Honeckers persönlichen Wunsch wäre so ein Vorschlag nicht möglich gewesen.

Er wurde ganz sanft

Nun lag das Werk also vor, und unter einem kurzen Blitzlichtgewitter wurde das erste Exemplar an den angeblichen Autor übergeben. Danach wurde der Verleger verabschiedet, denn ein weiterer Termin zur Vorstellung des Buches wartete in der Bundeshauptstadt Bonn auf Maxwell. Zu meinem Auftrag gehörte nicht nur die Berichterstattung über das Ereignis. „Komm ja nicht zurück, ohne dass wir ein ordentliches Foto von dem Buch haben“, hatte mein Chef von mir verlangt. Also musste ich das Buch in die Hände bekommen, damit es der im Foyer harrende Fotoreporter ablichten konnte.

Nachdem alle gegangen waren, blieb ich als einziger in Honeckers Arbeitszimmer zurück. Artig trug ich mein Anliegen vor, doch Honecker schien meinen Wunsch nicht wahrzunehmen. Er hielt den in Leinen gebundenen Band in den Händen und durchblätterte lose die fünfhundert Seiten. Dabei stellte er sich neben mich und erklärte mir einige Fotos. Er zeigte mir sein Geburtshaus, seine Eltern, das Foto, das ihn als jungen Rotfrontkämpfer mit Trommel zeigt, und andere Erinnerungen an Kindheit und Jugend im Saarland. Er wurde ganz sanft und geriet ins Schwärmen. „Kindheit und Jugend prägen einen Menschen fürs ganze Leben“, sagte er zu sich oder zu mir oder zu wem auch immer.

Mit Sechs ein klares Weltbild

Als ich einige Zeit später zu Hause in dieser Neuerwerbung blätterte, wunderte ich mich an manchen Stellen doch sehr. Ein Kollektiv unter Leitung des Politbüromitgliedes und Chefpropagandisten Kurt Hager mit ausgewählten Historikern sowie Honeckers persönlichem Staatssekretär Frank-Joachim Herrmann hatten ganze Arbeit geleistet. Zum Beispiel lassen sie Honecker schildern, wie ihn die Novemberrevolution 1918 geprägt habe. Damals, so heißt es, „erklärte mir mein Vater in seiner einfachen Art, warum die Reichen reich und die Armen arm sind, woher die Kriege kommen, wer an den Kriegen verdient und wer unter ihnen leidet. Für mich war das einleuchtend. Ich gewann ein klares Weltbild.“

Als Sechsjähriger schon ein klares Weltbild? Genial. War Honecker ein Wunderkind? Sicher, denn viele haben sich auch später noch über ihn gewundert. Vielleicht war es den Autoren zu gewagt, auch noch die russische Oktoberrevolution von 1917 als prägendes Erlebnis für den Fünfjährigen heranzuziehen.

Vier Jahre vor dieser Autobiographie hatten bereits drei ehemalige Mithäftlinge Honeckers im Zuchthauses Brandenburg-Görden mit dem Buch „Gesprengte Fesseln“ dem SED-Chef ein wohlgefälliges Denkmal gesetzt. Andere Mithäftlinge urteilten jedoch in anderen Büchern – natürlich nicht in der DDR erschienenen – ganz anders über den Arzt-Kalfaktor Honecker: „Der war farblos, scheu und wenig kameradschaftlich, kontrollierte unangenehm genau und spielte sich ein bisschen als zweiter Chef auf.“

Welches Land ist beschrieben?

Nicht ein einziges Mal wird in „Gesprengte Fesseln“ der Name Robert Havemann genannt. Den zum Tode verurteilten Kommunisten erwartete in Brandenburg die Hinrichtung. Weil der Physiker den Nazis jedoch als Wissenschaftler zu wertvoll war, hatte er in einem Labor zu forschen. Dabei bastelte er heimlich ein Radio und versorgte die Mithäftlinge mit Informationen über den Stand des Krieges. Kein Wort davon in den Erinnerungen, denn in der DDR war Havemann durch seine Kritik am real existierenden Sozialismus seit den Sechzigerjahren eine Unperson.

Im Übrigen erweckt die Autobiografie Honeckers den Eindruck, als spiele sie in einem anderen Land. Zumindest in einem, wie es das „Neue Deutschland“ tagtäglich beschrieb, das mit den Sorgen und Nöten, den Wünschen und Sehnsüchten der Bürgerinnen und Bürger zwischen Rügen und Fichtelberg nicht das Geringste zu tun hatte.

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SAM_0722Spitzenmeldungen im „Neuen Deutschland“ auf Seite 1. Erst die Honecker-Biografie, dann die DDR-Enzyklopädie

Am selben Tag von Honeckers Geburtstag hatte Maxwell in Bonn das Buch den westdeutschen Medien und zahlreichen Diplomaten vorgestellt und wider besseres Wissen betont: „Sie können mir glauben, es bedurfte einiger Überredung, Erich Honecker dazu zu bewegen, sich an eine so zeitraubende Arbeit wie das Schreiben einer Autobiographie zu machen. Soweit ich im Bilde bin, ist er einer der wenigen Staatsmänner, der während seiner Amtszeit so ein Buch persönlich geschrieben hat.“

Enzyklopädie blieb uns erspart

Übrigens hat Maxwell am 2. Oktober 1989, wenige Tage vor Honeckers Sturz, diesem eine zweibändige DDR-Enzyklopädie „Information GDR“ mit einem Geleitwort Honeckers übergeben, die aus Anlass des 40. Jahrestages der Gründung der DDR im Verlag Pergamon Press erscheinen sollte und in der ebenso das Wunschdenken als Abbild der Wirklichkeit diente. Maxwell war, wie wenige in jenen Tagen, noch davon überzeugt, „dass das Wirken Erich Honeckers ein äußerst wertvoller und unentbehrlicher Beitrag zum Bau des gemeinsamen europäischen Hauses ist“. In der realen Welt des zusammenbrechenden Sozialismus verschied das Werk bereits vor seinem Erscheinen.

Honecker hatte übrigens meinen Wunsch, mir sein Buch für kurze Zeit zu überlassen, genau registriert. Er drückte es mir nach einigen Minuten der Selbstbewunderung mit der Bemerkung in die Hand: „Nimm es aber nicht mit.“

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Chroniken der Heuchelei

Ein Volk schrieb Tagebuch – „Geschichtsbücher des Sozialismus“ verklären die DDR

Die Schönfärberei in der DDR bekam ab 3. Januar 1959 einen schwunghaften Auftrieb. Die Brigade „Nikolai Mamai“ im Aluminiumwerk des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld hatte sich vorgenommen, ab diesem Tag „sozialistisch arbeiten, lernen und leben“ zu wollen. Bei Erfolg gab es den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“. Damit alles auch schön nachgewiesen werden kann, gehörten die „Brigadetagebücher“ als neue Marotte von Agitation und Propaganda dazu. Sie wurden zu handgeschriebenen Chroniken der Heuchelei. Und interessant für die Nachwelt.

TitelEigentlich sollte ich nach meiner Ausbildung das Laboratorium der Zuckerfabrik übernehmen, in der mein Vater erster Siedemeister war. So wie er den Fußstapfen seines Vaters gefolgt war, schien es klar zu sein, dass ich ebenfalls mein Berufsleben der Raffinade widmen würde. Anfang der Fünfzigerjahre galt das Interesse der ganzen Familie dem Arbeitsplatz des Familienoberhauptes, und die Söhne wurden nicht selten von Kindheit an auf die Nachfolge vorbereitet.

MoralUlbrichts zehn Gebote der sozialistischen Ethik und Moral auf einer Vorderseite des Brigadetagebuchs

Lange hatte ich als Kind während der herbstlichen Rübenkampagne meinem Vater mit der „Braut“ – das ist in Thüringen ein Topf mit Henkel zum Tragen – das Mittagessen an seinen Arbeitsplatz gebracht. Vor den riesigen Apparaturen ließ ich mir erklären, wie der Zucker aus den Rüben in die Tüten kommt. Vielleicht hat die Tätigkeit meines Vaters tatsächlich meine erste Berufswahl, Facharbeiter für organische Grundstoffchemie, beeinflusst.

Der Hammer war ein Argument

Anfang der Fünfzigerjahre gab es in der DDR einen Wettbewerb der Zuckerfabriken um die beste Qualität, in der die Schicht meines Vaters mehrfach den ersten Platz belegte. Als er von einem Reporter des Senders Weimar interviewt wurde, hingen wir zu Hause am Radio. Während eines solchen Gesprächs, das im großen Siedehaus stattfand, wo der Rübensaft gekocht und gefiltert wird, störte ein völlig unpassendes Geräusch, das ich bei meinen häufigen Besuchen dort nie gehört hatte.

Zuckerfabrik.1Der 1. Siedemeister im Vordergrund vor den großen Behältern, in denen der Zuckersaft gekocht wurde. Unten: Der Hammer als wichtiges „Argument“ der SED-Politik

2teParteikonf1952Mein Vater lachte und erklärte, wie der Kraftfahrer des Radio-Reporters während des Interviews ab und zu mit einem Hammer auf das Metallgeländer einer eisernen Freitreppe schlug, so dass es laut durch die große Halle dröhnte. Hämmer waren damals wie Argumente. Auf dem Plakat der zweiten Parteikonferenz 1952 umfasst ein Arbeiter mit seinen Händen einen mächtigen Hammer, als wolle er alles kurz und klein schlagen. Oder den westdeutschen Klassenfeinden zeigen, wo der Hammer hängt. Besonders gut machte sich da ein kräftiger Hammerschlag während eines Gesprächs über gute Arbeit und beste Qualität.

Mitnehmen, was zu holen ist

Ende 1958 war die Brigade „Nikolai Mamai“ aus dem Aluminiumwerk I des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld für eine neue Marotte ausgewählt, die nach dem Motto „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ vom „Lande Lenins und Stalins“ übernommen worden war. Nach einem Bergarbeiter aus dem Lugansker Gebiet benannt, dessen Brigade bei der Steinkohleförderung den Siebenjahrplan in fünf Jahren erfüllen wollte, beschlossen die „Mamais“, ab 3. Januar 1959 sozialistische zu arbeiten, zu lernen und zu leben und den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“ zu erringen. Dafür wurde ein Prämienfonds eingerichtet, aus dem die Auserwählten belohnt wurden.

BTBStellungn.1  BTBRanger

Mit politischen Themen ging man mit der sozialistischen Tageszeitung immer konform

Kurze Zeit später, Anfang 1959, folgte der Meisterbereich meines Vaters. Sein praktisches und überzeugendes Argument: „Wir arbeiten gut, wir liefern beste Qualität und wir kommen alle gut miteinander aus. Warum sollen wir nicht mitnehmen, was zu holen ist?“ Mit anderen Worten: Alles läuft weiter wie bisher, nur dass es aufgeschrieben wird und Prämien kassiert werden. Das würde niemanden überfordern, bis auf den, der alles in ein Tagebuch einzutragen hatte, aber da wechselte man sich ab. Zum Teil hat es auch meine Mutter in enger „Zusammenarbeit“ mit der Tageszeitung gemacht.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hätte ohne „Titelkampf“ allerdings auch mancher Theaterbesuch, manche Reise zu Sehenswürdigkeiten und hin und wieder ein erlebnisreicher Brigadeabend mit Ehepartnern nicht stattgefunden. Auch wenn sich der eine oder andere für einen Theaterabend mit Anzug und Krawatte schwer tat, geschadet hat es keinem.

Ein „Quell“ der Literatur

Ohne Brigadetagebuch war ein Kampf um den Titel ,,Brigade der sozialistischen Arbeit“ nicht möglich. Nach offizieller Darstellung sollten diese zumeist handgeschriebenen Bücher eine Chronik des sozialistischen Arbeitens, Lernens und Lebens sein und die Höhen und Tiefen eines Kollektivs beschreiben. Walter Ulbricht bezeichnete sie sogar als „Geschichtsbücher des Sozialismus“, die der Herausbildung sozialistischer Kollektive und Persönlichkeiten dienen und dazu beitragen würden, die „sozialistische Menschengemeinschaft“ zu formieren.

Das Tagebuch der Brigade meines Vaters widerspiegelt in Wort und Bild passgerecht und in den schönsten Farben Ereignisse und Ergebnisse der Arbeitswelt ebenso wie gemeinsame Freizeiterlebnisse der Brigademitglieder. Natürlich wurden da nicht die Querelen, der Mangel an Material, die Unzufriedenheit mit der Versorgung, fehlende Reisemöglichkeiten usw. aufgeschrieben, Themen, über die im kleinen, vertrauten Kreis natürlich diskutiert und gehadert wurde. Das hätte auch keine Prämien gebracht – im Gegenteil.

In Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), gab es sogar einen Konsultationsstützpunkt für all jene, die Brigadetagebücher schrieben. Mehrere hundert „Brigadeschriftsteller“, so wurde im „Neuen Deutschland“ berichtet, hätten sich dort bereits weitergebildet. Schriftsteller, Filmszenaristen und Dramaturgen wurden aufgefordert, diese Bücher zu durchforsten, um konfliktreiche Stoffe für Literatur, Film und Fernsehen zu entdecken.

„Mit uns der Sieg!“

Für mich ist das über zehn Jahre geführte Brigadetagebuch eine schöne Erinnerung an das Arbeitsleben meines Vaters. Auf der ersten Seite des sozialistischen Poesiealbums, dessen roten Einband das goldene Zeichen des nie erfüllten Siebenjahrplanes schmückt, steht ein Spruch aus dem „Sozialistenmarsch“. Aus dem Refrain ist jedoch die 5. Zeile mit dem „heil´gen Krieg“ weggelassen worden, auf die sich schließlich der Sieg reimen sollte:

„Der Erde Glück, der Sonne Pracht./
Des Geistes Licht, des Wissens Macht./
Dem ganzen Volke sei ´s gegeben./
Das ist das Ziel, das wir erstreben./
Das ist der Arbeit heil´ger Krieg./
Mit uns das Volk, mit uns der Sieg!“

Als Leitfaden für den Inhalt wurden auf der ersten Innenseite Walter Ulbrichts „Grundsätze der sozialistischen Moral und Ethik“ platziert. Danach wird in diesem Sinne das Leben und Wirken von 45 Frauen und Männern handschriftlich und reich bebildert chronologisch dargestellt. Dazwischen wird das Weltgeschehen reflektiert, wie es ähnlich in der Tageszeitung nachzulesen war. Manche Formulierungen sind sogar identisch. Mich interessierte die Meinung der Brigade zum Mauerbau am 13. August 1961. Zu meinem Erstaunen steht dazu kein Wort im Brigadetagebuch. Das deckt sich mit der Meinung, die mein Vater dazu nicht an die große Glocke hing. Auch Opportunismus hatte seine Grenzen.

BTBFoto1

WanderungViel Gereimtes, kaum „Ungereimtes“ in den Brigadetagebüchern.

Eine alte Rechnung

Besonders gut machte es sich, als sich die Brigade in die deutsche Politik einmischte, indem sie gegen die CDU-Kandidatur eines Walter Pikuritz für den Bundestag in Bonn protestierte. Dem gehörte einst die Zuckerfabrik, in der mein Vater in den Dreißigerjahren für zwanzig Mark die Woche geschuftet hatte. 1947 versuchte Pikuritz diese inzwischen volkseigene Zuckerfabrik in der Nähe von Erfurt wieder in seine Hände zu bekommen. Als ihm das nicht gelang, stahl er 60.000 DM aus der Fabrikkasse und setze sich nach Westberlin ab. Im Grunewald gehörte ihm nämlich eine riesige Villa mit Park (heute Senats-Gästehaus), die er 1938 erworben hatte, als sie von den Nazis als ehemals jüdisches Eigentum zwangsversteigert wurde.

14-Vaters(mit Brille)BrigadeFeierliche Brigadeauszeichnung

An anderer Stelle ist im Brigadetagebuch auch nachzulesen, wie 1961 brauner Rohrzucker aus Kuba zu feinem Weißzucker veredelt wurde, weil das infolge der Kubakrise und der Blockade der Karibikinsel dort nicht möglich war. Damals stand man auf „Fidel“ und verschob sogar seinen Urlaub, um Extraschichten zur Unterstützung von Castros Revolution in der Karibik zu leisten. Und für anständige Prämien.

Zu wenig „Erziehung“

Nachdem es Lob, Anerkennung, Orden und Bares für den erfolgreichen Titelkampf und die Führung des Brigadetagebuchs gegeben hatte, wurde von den gewerkschaftlichen Gutachtern bemängelt, dass im Buch zu wenig die erzieherische Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen ihren Niederschlag finde. Es sei doch nicht anzunehmen, dass sich jede Kollegin und jeder Kollege völlig konfliktlos in das erfolgreiche Kollektiv eingliedere. Dem konnte abgeholfen werden.

BierneuMehr Konfliktlösung? Aber bittesehr!

In einem Eintrag vom 9. Juni 1962 ist zu lesen: „Es kamen in letzter Zeit Unpünktlichkeiten vor, wodurch die Arbeitsmoral leidet. Es folgte eine harte Auseinandersetzung mit dem Maler Koll. Werner Müller. Die Brigademitglieder warfen ihm vor, dass er vor der Arbeitszeit mit Biertrinken anfängt und während der Arbeitszeit oft seinen Platz verlässt, um zu trinken. Die Kollegen sind der Meinung, dass der größte Teil der Arbeitskollegen während der Arbeit eine Flasche Bier trinkt, aber es darf nicht vorkommen, dass ein Kollege vollkommen betrunken ist.“

Natürlich hat der Kollege Müller einen Verweis bekommen, und auf die Frage ob er wüsste, was er nun zu tun hätte, antwortete er laut Tagebuch: „Es geht in Ordnung.“ Was auch immer.

TagebuchUlb

Millionen wollten sozialistisch leben

Die meisten Brigadetagebücher waren nicht mehr als eine widerwillig ausgeführte Pflichtübung, weil sie für die Auszeichnung mit dem so genannten Staatstitel „Brigade…“ und später „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ gefordert wurden. Daher waren sie oft auch nur Fotoalben mit kurzen erläuternden Texten. 1989 gab es nach statistischen Übersichten rund 300.000 sozialistische Brigaden mit mehr als fünfeinhalb Millionen Mitgliedern.

Die Heuchelei ergibt sich allein schon daraus: Wenn die alle sozialistisch gearbeitet, gelernt und gelebt haben, dann fragt man doch, wo kamen 1989 die Millionen Demonstrierenden her, die plötzlich auf den Straßen der DDR riefen „Wir sind ein Volk“ und „Wir wollen raus“? Selbst mein Vater hatte nichts dagegen und war bald Ehrenmitglied der neugegründeten SPD-Ortsgruppe, der er schon als junger Mensch einmal angehört hatte.

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Die stummen Schreie der Drangsalierten

Für Inhaftierte sind Gefängnisbibliotheken ein Fenster zur Außenwelt, doch für viele politische Gefangene der DDR waren sie noch mehr. Das beweisen die Markierungen in den Büchern, die den Häftlingen zum Lesen zugebilligt wurden – und mit denen das politische System jenes Staates anprangerten, der sie mit welchen konstruierten Straftatbeständen auch immer hinter Gitter gebracht hat. Sie benutzten die Sprache der Dichter, um oftmals treffender als mit eigenen Worten ihren Gefühlen und Empfindungen freien Lauf zu lassen.

„Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, der schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen menschlichen Entwicklungen.“ Das Zitat aus dem „Manifest der kommunistischen Partei“, 1848 von Karl Marx und Friedrich Engels in einem größeren Zusammenhang geschrieben, muss einen politischen Gefangenen der DDR im Gefängnis von Hohenschönhausen nicht losgelassen haben. Er unterstrich den Satz in dem Buch, das er in der Gefängnisbibliothek ausgeliehen hatte, offenbar mit dem Fingernagel, weil er einen Stift nicht haben durfte. Wer der Gefangene war, wird wohl nie herauszufinden sein. Doch der von ihm unterstrichene Satz bleibt eine Mahnung an die Nachwelt.

Gefängnisbibliotheken haben ihre eigenen Geschichten. Seit gut einhundertfünfzig Jahren sind sie für die Insassen von Haftanstalten so etwas wie ein Fenster nach draußen. Und für das, was sie in diesem Fenster zu sehen bekommen, gelten strenge Regeln: Keine Pornoliteratur, nichts für Waffennarren, Kriminalliteratur nur sorgsam ausgewählt. In DDR-Haftanstalten hingegen gab es fast alles, was auch der Buchhandel anbot, denn der war bereits ideologisch vorsortiert.

Größte Häftlingsbibliothek der Welt

Rund 40.000 Bände, die größte ausgediente Häftlingsbibliothek der Welt, wurde von der Hilfsorganisation für die Opfer der politischen Gewalt „Help“ an die heutige Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen übergeben. Im Einzelnen handelt es sich um die aufbewahrten Bibliotheken der Stasi-Untersuchungshaftanstalten Berlin-Pankow und Berlin-Hohenschönhausen, des Haftarbeitslagers Hohenschönhausen, der Haftanstalt Berlin-Rummelsburg sowie des Frauengefängnisses Berlin-Köpenick.

Alles hatte begonnen mit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) einer Bibliothekarin. Die Bücherei des volkseigenen Betriebs, die sie vor der Wende betreut hatte, war nach dessen Privatisierung als wenig ertragreich und demzufolge als überflüssiger Kostenfaktor beseitigt worden. Und so las sie in den Neunzigerjahren als ABM-Kraft für die Hilfsorganisation „Help“ unentwegt in den Büchern der DDR-Haftanstalten. Sie las allerdings nicht so, wie man gemeinhin Bücher zu lesen pflegt, sie las tatsächlich zwischen den Zeilen, und das nicht im übertragenen Sinne, wie man früher in der DDR kritische Autoren wie Günter de Bruyn, Volker Braun oder Günter Kunert zu lesen pflegte.

Im vormaligen Hauptquartier der Stasi lagerten nach Mielkes Umzug in die Haftanstalt Moabit zunächst rund 10.000 Bücher aus den Stasi-Gefängnissen Pankow und Hohenschönhausen. Die „gebildete Nation“, wie die DDR-Führung ihr Volk gerne anpries, sollte auch im Knast diesem Ruf gerecht werden. Das war nicht allzu schwer, zumal DDR-Bürger wegen der ausgebremsten Reiselust ohnehin mehr lasen als jene, die viel reisen durften.

Da im Knast das Reisen ohnehin ausfiel, benutzten Hunderte von DDR-Häftlingen diese Bücher, um ihre seelischen Qualen anonym hinauszuschreien, ohne noch weiter verfolgt werden zu können. Die Bibliothek entpuppt sich als eine ungewöhnliche Anklage gegen Stasi und SED-Regime, als beeindruckendes Archiv stummer Schreie. In ihrer Eindringlichkeit sagen sie möglicherweise mehr aus, als mancher Inhaftierte mit eigenen Worten hätte ausdrücken können.

„…überleben für bessere Zeiten“

 Nach Auskünften einstiger Häftlinge waren die Bücher nicht einfach nach Geschmack auszuleihen. Je nach „Führung“ wurden sie zugeteilt. Am häufigsten linientreue politische Literatur von Marx bis Lenin, seltener Reiseberichte, noch seltener die Bibel. Aber alles war vorhanden. Auch Bände in russischer, englischer, spanischer, portugiesischer und arabischer Sprache. Und viele wurden genutzt.

In „Der König der Kreuzfahrer“ (1982, Pal Szabo) beschreibt der Autor einen ungarischen Volkshelden zur Zeit der Reformation. Der folgende Text auf Seite 35 ist mit einer scharfen Linie, wie mit dem Fingernagel gezogen, unterstrichen: „Das soll Landesverrat sein? Du solltest ehr sagen, daß ich in diesem Volk, auch in der Fremde, die Heimat erhalte. Ich helfe den Leuten überleben, für bessere Zeiten. Ach, könnte ich das ganze Volk hinwegführen samt Dörfern, Wagen und Vieh!“

Acht Seiten weiter die gleiche Gravur: „Ja, aber jetzt ist die Flucht aus den Dörfern lawinenartig angewachsen.“ Eine kleine Lücke, dann: „machen Jagd auf die Besten und vertreiben sie außer Landes.“ Auf Seite 65 wieder Kerben im Papier unter: „Am klügsten wäre es vielleicht gewesen, über die Mauer zu klettern.“ Die Gravur auf Seite 144 ist eine Art Widmung: „arbeitsscheues Gesindel gab es ja genug. Aus ihrem Kreis rekrutierte er seine Söldner.“

„Kackhaus Ministerium“

Auf einer Seite des Romans „Ikebana oder Blumen für den Fremden“ (1971, Werner Steinberg) ist mit spitzem Gegenstand in das Papier geritzt: „INGO 75. Tag Zelle 40“

Mit Kugelschreiber hat ein Gefangener oder eine Gefangene auf die letzte Seite von „Der Kaufherr und die Ketzer“ (1984, Iris Schilke) geschrieben: „Torsten ist und bleibt mein Brüderchen und ich werde Dich nie im Stich lassen.“

In „Der Glückssucher“ (1973, Herbert Jobst) befindet sich auf Seite 51 eine besonders starke Markierung unter der Formulierung: „Kackhaus Ministerium für Inneres“. Auf Seite 174 dann: „Man kann es drehen, wie man will, die geplante Republikflucht bleibt an uns hängen.“ Schließlich auf Seite180: „was diese Operettensozialisten am Biertisch zwitschern.“

Erschütternd die gekennzeichneten Stellen auf Seite 39 im 1986 erschienenen „Väter und Söhne“ von Turgenev: „Mit dem Verlust der Vergangenheit hatte er alles verloren.“ Auf Seite 128: „ich würde sterben, ohne meinen Liebling wiedergesehen zu haben.“ Schließlich auf Seite 188: „vielleicht fahre ich nach Dresden oder Florenz und bleibe dort, bis ich verrecke.“ Ein Schrei der Verzweiflung spricht aus dem markierten Text auf den Seiten 217/218: „Daß es mit mir so rasch zu Ende geht, konnte ich nicht ahnen.“ Und kurz danach: „Ich will ans Ende denken, aber das klappt nicht.“

Tucholskys Weitsicht

Nachdenklich macht die gekennzeichnete Formulierung in Tucholskys „Ausgewählten Werken“ aus dem Jahr 1969 auf Seite 253: „Man ist in Europa ein Mal Staatsbürger und zweiundzwanzig Mal Ausländer: Wer weise ist: dreiundzwanzig Mal.“ Auf Seite 329 ist gleich mehrfach Tucholskys inniger Wunsch unterstrichen, „die Rollen der deutschen politischen Gefangenen und ihrer Richter einmal vertauscht zu sehen“. Auf Seite 134 wird die resignierende Erkenntnis hervorgehoben: „es ist viel schwieriger, gegen das Wüten der Justiz im eigenen Lande wirksam etwas zu sagen, ohne ihr in die Finger zu fallen.“ Der Leser, der das offensichtlich persönlich erlebt hatte, hob auf Seite 105 hervor: „Sämtliche Polizeibeamte haben zuvor ein Examen in Unhöflichkeit abgelegt.“

Mehrere Hunderte Bände wurden von der Bibliothekarin für „Help“ ausgewertet, mit der Lupe, schräg gegen das Licht haltend, mit den Fingern erfühlend. Die Markierungen reichen für ein eigenes Buch. Sie erzählen Hunderte Schicksale von Verfolgten und Drangsalierten.

Vor einiger Zeit las ich, dass die Bücherei der Justizvollzugsanstalt Münster von der „Zeit“-Stiftung als „Bibliothek des Jahres“ geehrt und für Qualität sowie Innovation in der Bibliotheksarbeit mit 30.000 Euro honoriert wurde. Vielleicht könnte ein solcher Förderpreis im Fall dieser DDR-Häftlingsbibliotheken dazu beitragen, die einmalige Chance zu nutzen, die Bibliotheken eines untergegangenen Systems, den Nachlass von Tausenden politischen Häftlingen in das richtige, erhellende Licht zu rücken.

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„Sozialistischer Frühling“ in der DDR

So siegten die „sozialistischen Produktionsverhältnisse“ auf dem Land

Die SED befahl 1952 die Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in der DDR. Ihre Gründung erfolgte repressiv auf angeblich freiwilliger Grundlage. Doch der Druck war so groß, dass ein Widersetzen fast unmöglich war und Tausende Bäuerinnen und Bauern, die mit ihrem Acker seit vielen Generationen eng verbunden waren, außer Landes und schlimmstenfalls in den Selbstmord getrieben wurden. Im April 1960 war es soweit: Die SED sprach zynisch von der „Bauernbefreiung“.

AlleLPGAlle Fraktionen der DDR-Volkskammer, von CDU bis SED, feierten die „Bauernbefreiung“

Mein Vater nannte sich in den Fünfzigerjahren eine Zeitlang Agitator. Agitatoren trinken Alkohol und locken die Bauern in die LPG, reimte ich mir zusammen. Denn immer, wenn dies der Fall war, roch er nach Schnaps. Zu meiner Mutter sagte er über einen uns gut bekannten Bauern im Ort: „Der weiß, dass es ihn eines Tages auch trifft …“. Und dann sagte er: „Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihren russischen Kolchosen.“

Dennoch trottete mein Vater, ehemals SPD- und inzwischen zwangsvereinigtes SED-Mitglied, nach Feierabend los, um mit den Bauern zu reden, zu trinken und seinen Parteiauftrag zu erfüllen. Im Dorf kannte jeder jeden. Da stand dem Agitator ein alteingesessener Bauer näher als die Partei in der Stadt. Tradition und Parteidisziplin mussten unter einen Hut, das ging nur mit Schnaps.

Die meisten LPG waren anfangs aus ehemals kleinen Bauernhöfen entstanden, deren Besitzer ihr Land durch die Bodenreform erhalten hatten, bei der 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche entschädigungslos enteignet und neu verteilt worden waren. Der Stolz auf die eigene Scholle währte nicht lange, da wurde sie ihnen wieder abgenommen.

Unwort „Kollektivierung“

Noch im April 1952 ließ die SED Gerüchte über eine beabsichtigte Kollektivierung dementieren, doch die war längst beschlossene Sache. Dem Wort Kollektivierung hafteten die Gräueltaten der Zwanziger- und Dreißigerjahre in der Sowjetunion an, die mit Gewalt, Erschießungen und grausamen Hungersnöten verbunden waren.

Im Juli 1952 wurde die Katze aus dem Sack gelassen: Die 2. Parteikonferenz der SED forderte unter Berufung auf „werktätige Bauern“ nachdrücklich die Kollektivierung der Landwirtschaft. Als Vorbild diente die am 8. Juni, also wenige Wochen zuvor gegründete erste LPG der DDR im thüringischen Merxleben. Von nun an gab es keine Rücksicht mehr auf gegenteilige Meinungen zu diesem Thema, selbst wenn sie aus der SED-Führungsetage kamen. Die künstlich entfachte Euphorie einer Kollektivierung erfasste jeden Bezirk, jeden Kreis und jedes Dorf wie in einem Wettbewerb, in dem es um den ersten Platz geht.

„Wir kriegen sie alle!“

Jeder Kreis wollte als erster „vollgenossenschaftlich“ sein. Ich erlebte, wie Funktionäre aus Erfurt in unser Dorf kamen, um bei Gesprächen mit Bauern, die sich dem „Fortschritt“ widersetzten, zu helfen. Vorweg fuhren Lautsprecherwagen durch das Dorf, in denen FDJ-Mitglieder lauthals die Vorzüge der LPG hinaus schrien, ihnen folgten Kolonnen von Agitatoren, vor denen die Bauern kaum zu flüchten vermochten. Nach dem Besuch auf einem der Höfe sagte ein Instrukteur aus der Stadt zu meinem Vater: „Da habt Ihr einen ziemlich harten Brocken weich zu klopfen. Keine Sorge, Genosse, wir kriegen sie alle.“ Gegen Abend trank mein Vater mit dem „harten Brocken“ im Wirtshaus ein Bier, und gemeinsam schimpften sie auf die LPG und auf die Genossen aus der Stadt, die nicht wüssten, wo Barthel den Most holt. Der Bauer spendierte mir ein Bier und riet: „Werde du nur kein Bauer!“

Selbstherrlich hatte die SED 1953 den Auftrag aus Moskau ignoriert, wonach alle durch Zwang entstandenen LPG aufzulösen und alle anderen auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu überprüfen seien. Aus eigenen unheilvollen Erfahrungen gelernt, sollte vielmehr mit großzügigen Krediten die Privatinitiative in der Landwirtschaft gefördert werden. Denn mehr als eine halbe Million Hektar Land in der DDR lagen brach, und die Versorgung der Bevölkerung war nahe am Zusammenbrechen. Doch solche Ratschläge wurden ignoriert, bis schließlich im April 1960 verkündet wurde, „die sozialistischen Produktionsverhältnisse auf dem Land haben gesiegt“. Die Bauern hatten verloren. Es waren 19.345 LPG mit 962.000 Mitgliedern und rund 5,4 Millionen Hektar Land gegründet worden.

Das dicke Ende: Mangelhafte Versorgung

Auf dem Weg der Kollektivierung wurden rund 8000 Schauprozesse mit größtenteils fadenscheinigen Begründungen gegen Verweigerer inszeniert, die Furcht und Schrecken unter jenen verbreiten sollten, die sich einer LPG-Mitgliedschaft widersetzten. Zehntausende Bauern flohen in den Westen, Hunderte begingen Selbstmord. In den Darstellungen über den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 bleibt oft unberücksichtigt, dass es bereits ab 12. Juni manchenorts auf den Dörfern zu Widerstandsaktionen gegen örtliche SED-Funktionäre kam, mit denen sich die Hoffnung vieler Landwirte verband, dass die Zwangskollektivierung rückgängig gemacht wird.

Nicht berichtet wurde auch darüber, dass nach Einzug des „sozialistischen Frühlings“, wie das Jahr 1960 prosaisch beschrieben wurde, die Produktionszahlen weit hinter den Erwartungen zurückblieben. So wurden bis Ende Mai 1960 29 Millionen Tonnen Fleisch weniger als geplant abgeliefert. Frischobst und Frischgemüse gab es fast überhaupt nicht in den Geschäften und der Bedarf an Hülsenfrüchten wurde nur zu zwei Dritteln gedeckt.

Auf in die „Ernteschlachten“

Zu Beginn der Sechzigerjahre berichtete ich als junger Redakteur einer Lokalzeitung, eingeteilt für den Bereich Landwirtschaft, um den sich andere gern drückten, Tag für Tag über Ackerbau und Viehzucht im Kreis Bad Langensalza. Von der Frühjahrsbestellung bis zur Ernte schlugen wir „Schlachten“. Die SED-Kreisleitung war das Oberkommando, die Dörfer wurden zu Hauptkampflinien. In langen Artikeln forderten wir die Bauern auf, rechtzeitig die Kartoffeln in die Erde zu bringen, als wenn die das nicht besser wüssten als wir Klugscheißer.

Zehn Jahre nach dem Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft waren viele LPG in einer prekären Lage. Beispielsweise reichten die Saatkartoffeln nicht aus, um auf den vorgegeben vierzehn Prozent der Ackerfläche Kartoffeln anzubauen. In der Zeitung beschrieb ich einen Trick, wie man dem abhelfen könne. Die Kartoffeln wurden vorgekeimt, und wenn die Keime lang genug waren, wurden die Kartoffeln in mehrere Teile zerschnitten. Die Teile mit den Keimen wurden von den Bäuerinnen per Hand in die Erde gelegt.

Der Maisspleen Chruschtschows

Kurt, mein cholerischer SED-Kreissekretär, rief mir damals nach einer Sitzung zu: „Morgen früh fünf Uhr vor der Kreisleitung.“ Das war so gut wie ein Befehl. „Wir fahren auf die Dörfer, sind Mittag zurück. Kannst einen langen Bericht schreiben“, fügte er noch hinzu.

Als es soweit war, ging es zunächst auf die Felder, wo der Kreissekretär höchstpersönlich ein Thermometer in den Boden rammte. Dann fuhren wir zur Wohnung des LPG-Vorsitzenden. Er klingelte ihn aus dem Bett und hielt ihm das Thermometer unter die Nase: „Sag` mal, Genosse, warum sind deine Bauern nicht auf den Feldern?“

Zwar war der Vorsitzende kein Genosse, er war Parteifreund der Bauernpartei, doch das störte den SED-Kreischef wenig. Der erklärte dem Landwirt, dass der Boden genau die richtige Temperatur besitze, um den Mais anzubauen. Bis zu fünfzehn Prozent der Ackerfläche waren laut Planvorgabe in unserem Kreis mit Mais zu bestellen. Dann ging es ins nächste Dorf, um zu kontrollieren, ob die „Königin aller Futterpflanzen“ schon im Saatbett liegt. Doch in den Betten lagen um diese Zeit nur die Bauern. Das war Anfang der Sechzigerjahre, als Nikita Chruschtschow in Moskau noch seinen Maisspleen auslebte und seinem Lieblings-Fußballverein drohte: „Wenn Ihr verliert, lasse ich Mais in eurem Stadion anbauen!“

Chancenlos ohne freien Markt

In jenen Tagen lernte ich Ernst Großmann kennen, den Vorsitzenden der ersten LPG der DDR in Merxleben. Ein hagerer, bescheidener Mann mit glatt nach hinten gekämmten dunklen Haaren und einer freundlichen Ausstrahlung. Sein Betrieb war ein Vorzeigeunternehmen für Gäste aus aller Welt. Die LPG „Walter Ulbricht“ gehörte möglicherweise zu den wenigen, die effektiv wirtschafteten, der nur noch ein freier Markt fehlte. Die Bauern vertrauten ihrem Vorsitzenden und gewannen der Entwicklung unter solchen Bedingungen viel ab. Sie hatten feste Arbeitszeiten, Urlaub, Rentenansprüche und waren weiterhin Bauern.

Damals verfügte die Genossenschaft über 600 Hektar Ackerland, die von 138 Mitgliedern bearbeitet wurden. Der genossenschaftliche Reichtum lag bei mehr als 4,5 Millionen DM, und der Wert einer Arbeitseinheit, die auch als Grundlage für die Leistungsbewertung jedes Mitgliedes stand, wurde mit rund zehn DM abgerechnet. Das war bei weitem nicht überall so.

Ein Vorbild mit falscher Biografie

Leider nahm das Land ab 1959 wenig Notiz davon, denn Großmann hatte in einem Fragebogen seine Zugehörigkeit zur SS verschwiegen. Nach Veröffentlichungen in der Bundesrepublik darüber ließ man ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Dank seiner wegbereitenden Initiative durfte er in der SED bleiben, aber die LPG fand in den großen Zeitungen nicht mehr statt, wenngleich er ihr Vorsitzender geblieben war.

Meine Achtung vor Großmann war groß, ich habe ihn mehrfach besucht, gern interviewt und mit meinen Fragen zu landwirtschaftlichen Dingen viel von ihm gelernt. Für die zehntausend Mark, die er persönlich als „Held der Arbeit“ bekam, hatte er Waschmaschinen gekauft und für die Frauen seiner Genossenschaft einen Waschstützpunkt eingerichtet, den er mir stolz zeigte. 1965 wurde er nach 13 Jahren als Vorsitzender abgelöst. Mit der LPG ging es langsam bergab. 1990 war die zuerst gegründete LPG der DDR auch eine der ersten, die sich wieder auflöste.

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Das Vorspiel zur deutschen Einheit

Ein Blick auf die letzten DDR-Wahlen am 18. März vor 25 Jahren

Sie waren so erfolgreich, dass man gerne mehr davon gehabt hätte. Aber es waren unwiderruflich die ersten und letzten wirklich freien Volkskammerwahlen in der DDR. Am 18. März 1990 bestand ihr Erfolg darin, dass von den 12,4 Millionen wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern 93,4 Prozent zur Wahl gingen und sich, bis auf wenige Ausnahmen, für jeweils eine der 24 Parteien bzw. Listenvereinigungen entschieden. Der Wahl waren die wohl aufregendsten Wochen und Monate vorausgegangen, derer sich viele ehemalige DDR-Bürger entsinnen.

Falscher Glaube an die Gemeinsamkeit

Seit die SED nach dem Fall der Mauer als führende Kraft aus der Verfassung verbannt worden war, bestimmte ab 7. Dezember maßgeblich ein Zentraler Runder Tisch über das Wohl und Wehe des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“. Ihm gegenüber war der neue Ministerpräsident Hans Modrow rechenschaftspflichtig. Das mochte diesen auch bewogen haben, am 5. Februar 1990 acht Bürgerrechtler aus den verschiedenen Oppositionsgruppen als Minister in eine „Regierung der nationalen Verantwortung“ zu berufen. Noch glaubte nicht nur Modrow, der Ende Januar in Moskau das okay Gorbatschows zur deutschen Einheit abgeholt hatte, an eine gemeinsam zu bildende deutsche Regierung und eine neu auszuarbeitende Verfassung.

RunderTisch (1)Der Zentrale Runde Tisch mit seiner Besetzung am 22. Januar 1990

Doch das war ein Irrglaube. Über die Zukunft der DDR wurde längst nicht mehr in Ostberlin entschieden. Fast zeitgleich zur Modrows Kabinettserweiterung hatte Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn den Ausschuss „Deutsche Einheit“ ins Leben gerufen, dem acht maßgebliche Bundesminister als ständige Mitglieder angehörten. Tatsächlich wurden hier die Weichen für die nächsten Wochen und Monate im geteilten Land gestellt.

Kohls Zweifel an der DDR

In der erweiterten Kabinettsitzung am 7. Februar hatte Kohl zugleich seinen Vorschlag für eine Wirtschafts- und Währungsunion begründet. Sein Berater Horst Teltschik notierte Kohls Begründung: „Die Drama­tik der Entwicklung in der DDR sei offensichtlich, aber in die­ser Schärfe nicht vorhersehbar gewesen. Die staatliche Autori­tät sei zusammengebrochen, die Verwaltung paralysiert, allge­mein nehme die Angst zu. Er habe Zweifel an der Regierbarkeit der DDR, Modrow sei sich nicht sicher, ob er den 18. März erreichen könne; am Runden Tisch aber sei zu wenig Sach­kompetenz vorhanden.“

Dieser Entwicklung vorausgegangen war die Entscheidung des Runden Tisches, die ursprünglich für den 6. Mai 1990 geplanten Wahlen zur neuen Volkskammer auf den 18. März vorzuverlegen. Zugleich hatte sich der Runde Tisch gegen jede Einmischung aus der Bundesrepublik ausgesprochen. Das war eine Wunschvorstellung, zumal inzwischen vier große Verlage der Bundesrepublik die Ostpresse, vor allem die Tageszeitungen der damaligen Bezirke und damit den Haupteinfluss auf die Ostdeutschen, unter sich aufgeteilt hatten. Hauptzielrichtung der Propaganda war der von der CDU proklamierte schnelle Anschluss der DDR an die Bundesrepublik sowie der Kampf gegen die alte SED, die sich am 3. Februar in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) umbenannt hatte und von 3,2 Millionen auf 350.000 Mitglieder geschrumpft war.

Versprochene „blühenden Landschaften“

Nachdem Hans Modrows sowie die meisten Mitglieder seines Kabinetts Mitte Februar in Bonn wie Bittsteller von oben herab behandelt wurden, schien die Stimmung in der DDR zugunsten der christlich gezimmerten “Allianz für Deutschland“ zu schwinden. Doch die darin vereinte Ost-CDU, die aus Bayern beeinflusste Deutschen Sozialen Union und Demokratischer Aufbruch beharrten fest auf ihrer Losung: „Freiheit und Wohlstand – Nie wieder Sozialismus“. Außerdem versprachen sie dem Osten die schnelle D-Mark und eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit. Das überzeugte.

RunderTisch (2)24 Parteien und Listenvereinigungen traten am 18. März 1990 zur Wahl an

Dennoch lag in den Meinungsumfragen bis zu den Wahlen die als SDP am 7. Oktober in Schwante bei Berlin gegründete ostdeutsche Sozialdemokratische Partei klar auf Platz eins. Ihre zögerliche Haltung zur Währungsunion sowie zur schnellen Einheit mag es gewesen sein, was viele Wähler abgeschreckt hat, die dann doch lieber dem Kanzlers folgten, der versprochen hatte, in drei bis fünf Jahren würden die neuen Bundesländer blühende Landschaften sein. Nach mehr als 40 Jahren SED-Diktatur war eine solche Zusicherung nicht auszuschlagen.

Wahlkampf mit harten Bandagen

Mehr als 400 Wahlkampfreden hatten die Westparteien für den Osten gesponsert. Helmut Kohl, Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher waren die prominentesten Politiker, die in der DDR in den Wahlkampf eingriffen und gefeiert wurden. Ganze Busladungen von Journalisten aus der Bundesrepublik wurden zu den großen Auftritten Kohls in der DDR, zum Beispiel am 20. Februar auf dem Domplatz in Erfurt, gekarrt, um die Kanzlerauftritte ins rechte Licht zu rücken.

Hinter den Kulissen war indes ein harter und leidenschaftlicher Wahlkampf entbrannt, wie ihn die DDR noch nicht erlebt hatte. Es kam zu Prügeleien zwischen Allianz-Anhängern und Gegnern der deutschen Einheit in Leipzig, zwischen DSU-Fans und linken Gruppen in Stralsund, Schimpfkanonaden mit Rufen wie „Kommunistenschweine“ und „Kohl-Rüben“ erklangen, Wahlplakate wurden beschmiert, zum Beispiel das von Oskar Lafontaine mit dem Hinweis auf Honecker: „Ein Saarländer genügt“. Frisch geklebte Plakate wurden abgerissen und durch andere ersetzt.

Der Sieg der Allianz

In der heißen Wahlkampfphase traf ich an einer Bar des Berliner Palasthotels einen – wie er sich vorstellte – Kriegsberichterstatter aus der Bundesrepublik, der gerade als Wahlkampfhelfer für ein Tageshonorar von 600 D-Mark die „Ossis“ für die Wahl der CDU gewinnen sollte. Seine Parole nannte er mir mit schwerer Zunge: „Wenn Ihr nicht CDU wählt, könnte Ihr die D-Mark vergessen.“ Alles in allem kam es, wie es – rückblickend betrachtet – kommen musste.

Wahlplakat90

Kohls „Allianz für Deutschland“ holte einen überwältigenden Wahlsieg

Die damals 25jährige Historikerin Petra Bläss, die als Vorsitzende der DDR-Wahlkommission amtierte, gab am Abend das lange prognostizierte und schließlich hochgerechnete Ergebnis der Volkskammerwahlen bekannt. Es war ein triumphaler Sieg der „Allianz für Deutschland“ mit 48 Prozent der Ja-Stimmen, von denen allein mehr als 40 Prozent auf die CDU fielen. Gegen alle Erwartungen erhielt die SPD nur 21,9 Prozent der Stimmen. Überraschend hoch mit 16,4 Prozent fiel das Ergebnis für die abgewirtschaftete PDS aus. Die Liberalen im Bund Freier Demokraten kamen auf 5,4 Prozent. Zu seiner eigenen Überraschung wurde der neue Vorsitzende der Ost-CDU, Lothar de Maiziere, letzter Regierungschef der DDR.

Die Revolutionäre zogen sich zurück

Die von den ostdeutschen Bürgerrechtlern geprägten oppositionellen Bewegungen wie Neues Forum, Demokratie Jetzt, Vereinigte Linke, Initiative Frieden und Menschenrechte, Grüne Partei und andere hatten angesichts der wortgewaltigen Versprechen der etablierten Parteien keine Chance, als nennenswerte Gestalter der künftigen Politik gewählt zu werden. Viele der Mütter und Väter der Revolution zogen sich enttäuscht zurück. Die Nutznießer der Revolution missachteten deren Initiatoren.

In einer Fernsehsendung am Wahlabend fasste der Schriftsteller Stefan Heym das Ergebnis mit den Worten zusammen: „Es wird keine DDR mehr geben. Sie wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte.“ Für die damalige Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruch“ Angela Merkel bedeuteten die Wahlen, einer späteren Aussage zufolge, „den endgültigen Sieg der friedlichen Revolution.“

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