Archiv der Kategorie: Satire

Die Story aus dem Löwengarten

Die Geschichte ist ziemlich alt.  Ein gewisser Friedrich Schiller, seines Zeichens Arzt und Historiker, hat sie niedergeschrieben und einfallslos „Der Handschuh“ genannt. Der Inhalt ist  kaum der Rede wert, die lyrische Verarbeitung antiquiert.

Schon der unspektakulären Beginn: „Vor seinem Löwengarten, das Kampfspiel zu erwarten, saß König Franz…“ Na und? Soll er doch. Wen lockt das hinter dem Ofen hervor?

Eine moderne Berichterstattung über einen derartigen Vorfall  sähe heute ganz anders aus.

Die Nachrichtenagentur würde berichten: 

Eklat bei Kampfspielen

dpa – Zu einem spektakulären Eklat kam es am Wochenende im Löwengarten. Während der traditionsreichen Kampfspiele in Anwesenheit von König Franz und führenden Persönlichkeiten der Krone ließ eine Besucherin vom Rand ihrer Loge einen Handschuh in die Arena fallen, in der sich ein Löwe, ein Tiger und zwei Leoparden befanden.

Besagte Dame, die offenbar gehobenen Kreisen angehört, wandte sich mit der Bitte an einen Hofangestellten mittlerer Laufbahn, der einschlägigen Quellen zufolge in die junge Frau verliebt sein soll, ihr den Handschuh aufzuheben. Ohne Zögern kam dieser der Aufforderung nach.

Während das Publikum den Zwischenfall mit angehaltenem Atem verfolgte, zeigte der junge Mann keinerlei Scheu vor den wilden Tieren, die vor so viel Dreistigkeit wie gelähmt schienen. Er nahm den Handschuh, verließ den Käfig und warf ihn der Besitzerin mit der Bemerkung ins Gesicht: „Den Dank, Dame, begehr´ ich nicht!“ +++

Die „Berliner Zeitung“ schriebe auf Seite 5: 

Machen die „Kampfspiele“ noch Sinn?

 (BZ/Eig.-Ber.) Da haben wir es wieder – alte Zöpfe gehören abgeschnitten. Ohne Wenn und Aber. Mehrfach schon charakterisierten wir diese anachronistischen Spiele, die an die Blütezeit des Kolosseums erinnern, als Relikt der untergehenden Feudalaristokratie. Das rudimentäre Festhalten daran wurde unlängst einem jungen Bediensteten aus der Umgebung des Regierenden zum Verhängnis. Eine Dame des Hofes ließ während der so genannten Kampfspiele einen Handschuh vom Balkon in den Käfig mit den wilden Tieren fallen und forderte ihren stillen Verehrer, den erwähnten Bediensteten, hochmütig auf, ihr das Utensil zu bringen.

Zu einem Fauxpas entwickelte sich die Angelegenheit, als der junge Mann unter Missachtung der Gefahr todesmutig den Käfig mit dem Löwen, dem Tiger und zwei Leoparden betrat, das Kleidungsstück an sich nahm und der jungen Dame mit den Worten „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“ ins Gesicht warf.

Vielleicht sollte den Veranstaltern dieses üblen Spiels mit den Gefühlen von Menschen einmal mehr die Unsinnigkeit solcher „Events“ klar werden.

Die BILD-Zeitung druckte:

Hofschranze in der Höhle des Löwen! – Publikum betrogen?

Von Fritz Schill

Sie sitzen wie zum Sprung. Ihre Mordlust ist ungezügelt. Ein Löwe, ein Tiger, zwei Leoparden! Gerade sollen die Kampfspiele beginnen, da wirft eine junge Dame aus ihrer Loge einen Handschuh zwischen die Bestien. Ihr Name: Edelgunde (24). Sie fordert den Hofangestellten Delorges (28) auf, ihr den Handschuh zu bringen. Edelgunde (101-61-91) will so einen Beweis seiner Liebe erzwingen.

Dann das Unfassbare! Die Besucher halten den Atem an. Delorges betritt furchtlos den Käfig. In den Augen der wilden Katzen ein gefährliches Funkeln. Im Bruchteil einer Sekunde könnten sie den jungen Mann zerreißen. (Siehe Seite 7: Die schlimmsten Fälle, in denen wilde Tiere Menschen zerfleischten.) Delorges, unbeeindruckt von der Gefahr, ergreift den Handschuh, verlässt aufrecht und stolz den Käfig. Das Publikum steht unter Schock, atmet auf, als Delorges die Käfigtür hinter sich schließt. Dann – Entsetzen auf den teuren Plätzen – wirft Delorges besagter Dame den Handschuh mit den Worten an den Kopf: „Den Dank, du gemeines Weibsstück, kannst du dir sonst wohin schieben!“

Jetzt wird zu klären sein, welches üble Spiel hier getrieben wurde. War die Sache mit dem Handschuh ein Fake? Waren die Tiere so satt und der junge Mann in Wirklichkeit nie in Gefahr?

Verärgerte Zuschauer fordern ihre Eintrittsgelder zurück. BILD kämpft für Sie.

Die „Bunte“ steht ganz neutral auf Seiten der Reichen und Schönen:

Ein bisschen Spaß muss sein! Das beherzte Interview der Woche

Verehrte Edelgunde, es wird behauptet, Ihr Handschuh sei nicht zufällig in die Arena mit den wilden Tieren gefallen. Was sagen Sie dazu?

Ich bitte Sie, das war ein reines Vergnü… äh, Versehen. Ich hänge an den Handschuhen, die hat mir der König geschenkt, als ich…, äh, als wir… äh…, also, äh… 

Das verstehe ich sehr gut. War das auch der Grund, weshalb Sie einen aufdringlichen Angestellten bei Hofe baten, er möge ihn aufheben?

Nichts anderes als das. Sie sagen es. Und dieser Delorges stand mir sehr nahe, also mehr so in meiner Nähe…

Es heißt, Delorges – Sie kennen ihn offenbar – sei unsterblich in Sie verliebt. Wussten Sie davon?

Also, ich bitte Sie, ich führe doch kein Buch. Ich meine, ich kann doch nicht wissen, wer alles in mich verliebt ist. Da müsste ich ja Dutzende Handschuhe fallen lassen… äh, aus Versehen fallen lassen… Und wenn Sie meinen, er sei unsterblich verliebt, dann wundert es mich auch nicht, dass diese süßen Tierchen ihm nichts getan haben. Außerdem sollte man das nicht so hoch sterilisieren, bloß weil dieser Spielverderber keinen Spaß versteht.

Wird die rüde Rückgabe des Handschuhs an Sie Konsequenzen haben?

Aber nicht doch. Der König selber hat alles mit angesehen. Was könnte ich da noch tun sollen? Außerdem hat ihn der König bereits in die tiefste Provinz versetzt. Ich glaube, er ist bereits auf dem Weg nach München…

Danke  für das Gespräch.

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Majestät ham laut jelacht!

Eine Revue

von Klaus Taubert

Wilhelm Voigt

 zum Gedenken an die Köpenickiade des Schusters Wilhelm Voigt

 am 16. Oktober 1906

Vor Beginn, in der Pause und am Schluss der Vorstellung wird eine ununterbrochene Folge der bekanntesten Berliner Melodien leise und ohne Gesang als Hintergrundmusik eingespielt. Die Stimmung wird „aufgeheizt“, es gibt keinen akustischen Leerlauf.  

*

Hauptmann und Garde (bestehend aus dem Hauptmann und allen Mitwirkenden des Programms): Der Hauptmann von Köpenick befehligt die Garde, die zum Indra-Marsch (Flotow) durch das Publikum zur Bühne marschiert und sich ausgerichtet aufstellt. Alle Mitwirkenden tragen ihre Auftrittskleidung, haben aber zur Charakterisierung der Garde die gleichen Uniformmützen auf dem Kopf.

Hauptmann: (berlinert)  Nun aber mal ordentlich im Gleichschritt. He, Sie da, wohl lange nicht mehr richtig marschiert, was? Hier wird nicht aus der Reihe getanzt. Das können Sie bei der Politik oder im Rathaus machen, aber nicht bei´s Militär. Das Ganze halt! Rührt euch! Und weggetreten! Nach hinten wenn ich bitten darf! 

Ein Garde-Mitglied bleibt, ersetzt die Mütze durch einen Zylinder und tritt als Bürgermeister  vor den Hauptmann.

Hauptmann: Was wollen Sie denn, Sie Zivilist?

Bürgermeister: Ich bin Dr. Georg Langhans, Bürgermeister von Köpenick, dem kleinen wunderschönen Städtchen hinter dem Stadtrand von Berlin, wenn Herr Hauptmann gestatten.

Hauptmann: Na, ausnahmsweise. Sie sind also der Köpenicker Bürgermeister, der als komische Figur in die Geschichte…

Bürgermeister: (entrüstet) Herr Hauptmann, ich darf doch höflich bitten…

Hauptmann: Ach ja, soweit sind wir ja noch gar nicht in der Geschichte. Also, Bürgermeisterchen, vergessen wir das mal ganz schnell und halte er sich zum Abmarsch in die Neue Wache nach Berlin Unter den Linden bereit. Er ist auf allerhöchsten Befehl verhaftet. Hat er das begriffen, oder wofür hat er den Doktortitel? Wohl auch nur abgeschrieben…?

Bürgermeister: Wenn ich bitten darf, Herr Hauptmann, Dr. jur., höchstpersönlich in Jena erworben. Habe mir diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Mein Schwager im Kriegsministerium kann das bezeugen…

Hauptmann: Keine Sorge, überlassen Sie das Vorwerfen mal anderen, die finden immer was. Wenn Sie sich auf nichts verlassen können, darauf können´se. Und was den Schwager betrifft… Vetternwirtschaft kommt erst in der zweiten Hälfte unseres eben erst begonnenen zwanzigsten Jahrhunderts groß raus. Da wollen wir mal nicht vorgreifen. Also, keine Fisimatenten, setzen er sich auf seinen Arsch und warten auf das Schicksal, wie gebildete Leute das zu tun pflegen. Und denke er an etwas Schönes,  zum Beispiel an das bunte Leben in der Reichshauptstadt, damit er einen Eindruck von unsere Zeit bekommt … (beide ab)

*

Medley Lincke-Melodien u.a. aus der ersten Berliner Operette „Frau Luna“. Dazu Einspielung auf Video-Wand Bilder aus dem alten Berlin, buntes Treiben im Zentrum, Bilder von Paul Lincke.

*

Hauptmann: (zum Publikum)  Ja, damals in Köpenick. Der Spaß ist mich teuer zu stehen gekommen. Dabei hatte ich das Rathaus an jenem 16. Oktober anno 1906 mit den unterwegs von mir abkommandierten Grenadieren nur besetzt, um endlich an einen Pass zu gelangen, einen ganz  simplen Pass, der mich als Mensch ausweist. Sie müssen wissen, eigentlich stamme ich aus dem ostpreußischen Tilsit. Dreiundzwanzig Jahre lang hat mir der Staat wegen unbedeutender Kleinigkeiten – Diebstahl, Urkundenfälschung, Passvergehen und so – großzügig Kost und Logis angedeihen lassen. Nun mit 57 Jahren wollte ich endlich selber für mich sorgen, hatte allerdings keinen Pass und war so gesehen illegal in Berlin. Ich bekam keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keinen Pass und ohne Pass keine Arbeit usw. Können Sie sich das vorstellen? Sicher nicht …

Bürgermeister: (kommt aus dem Hintergrund langsam auf den Hauptmann zu) Sagen Sie mal, Herr Voigt, wie waren Sie eigentlich auf unser schönes Köpenick gekommen?

Hauptmann: Gute Frage. Ursprünglich wollte ich das Rathaus in Nauen, äh, inspizieren, um mir dort einen Pass sozusagen zu organisieren. Dann fiel mir ein, dass das viel zu nahe an der Festung Spandau liegt. Von dort hätte das Militär sehr rasch nach dem Rechten sehen können. Außerdem: Wie hätte das in der Literatur geklungen: „Der Hauptmann von Nauen“? Nee, nee, mein lieber Bürgermeister, seien Sie froh, dass ich mir noch rechtzeitig umentschieden hatte. Köpenick wurde berühmt, Sie haben nicht groß leiden müssen, und Willem zwo, unser aller Kaiser, soll laut gelacht haben. Erinnern Sie sich noch an das alte Berlin? 

Bürgermeister:  Na klar. Das zwanzigste Jahrhundert steckte noch in den Kinderschuhen. Der Kaiser, dessen Lieblingsspielzeug die Marine war,  hatte die Losung verkündet: „Mit Volldampf voraus!“

Hauptmann: Das klang ja wie ein Programm. Sagen Sie das mal den Regierenden von heute: Mit Volldampf voraus, wo die Mühe haben, hinterherzukommen. Geschweige mit dem Schuldenabbau. Von wegen Volldampf!

Bürgermeister: Damals ging es tatsächlich mit Volldampf in die Zukunft. Können Sie sich an die  technischen Highlights zu unserer Zeit erinnern? Das Auto, das elektrische Licht, das Kino. Alles fast neu auf dem Markt. Im Sog der Wirtschaft gediehen Kunst und Kultur. Am Alexanderplatz gab es das erste deutsche Kabarett. Die Leute konnten nicht genug davon bekommen. Mindestens 50 weitere Kabaretts schossen wie viel, viel später die Dönerbuden aus dem Boden. 

Hauptmann: Was für Buden?

Bürgermeister: Das würde jetzt so weit führen, lieber Hauptmann. Ja damals…. Auf den Straßen pfiffen die Bäckerburschen  beim Austragen der Schrippen die Hits jener Jahre, von denen viele von Paul Lincke stammten. Wissen Sie noch, dass das  Jahrhundert mit der ersten Berliner Operette, „Frau Luna“, begonnen hatte, uraufgeführt 1899 im Apollo-Theater? Als hätte Lincke gewusst, dass in ein paar Jahrzehnten der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzt. Damals baute man sich noch  „Schlösser, die im Monde liegen…“

Hauptmann: Bringen Kummer, lieber Schatz.“

Bürgermeister: „Um im Glück dich einzuwiegen, hast du auf der Erde Platz!“ Ja, das war Linckes Welterfolg. Wenige Jahre später machte sein  „Glühwürmchen-Idyll“ Furore.

*

„Glühwürmchen“ mit Tanzeinlage

*

Bürgermeister: Ach, wissen Sie, lieber Hauptmann, das erste Jahrzehnt, das wir beide miterleben durften, die so genannte Belle Epoche, war das wohl erfolgreichste des ganzen Jahrhunderts.

Hauptmann: Wie kommen Sie darauf, Herr Doktor? Vergessen Sie nicht, zwei Jahre Knast für mich ist weniger erfolgreich.

Bürgermeister: Für Sie schon, Hauptmann. Aber für Deutschland purzelten die Nobelpreise. Ich nenne nur den Historiker Theodor Mommsen, den Chemiker Emil Fischer, den Bakteriologen Robert Koch, den Chemiker Adolf von Baeyer und es sollten bald noch mehr hinzukommen. Krieg und Frieden lagen dicht beieinander. Die Siegesallee wurde fertig mit ihren vielen Kriegerdenkmalen. Die Berliner sagten schnodderig, wenn sie spazieren gingen, sie gehen bis in die Puppen. Die Stadt überschritt in der Einwohnerzahl die zwei Millionen. Lichtenberg erhielt sein eigenes Stadtrecht, Kaiser Wilhelm II. eröffnete das Luxushotel Adlon, Kunst und Kultur wurden vermarktet wie nie zuvor und – nicht zu vergessen – die Berliner Stadtverordnetenversammlung bewilligte dem Magistrat die Anschaffung eines Automobils.

Hauptmann: Das wurde ja auch langsam Zeit. Obwohl wir damals dachten, diese Stinker sind nur eine Zeiterscheinung, werden gegen die Pferdedroschke nicht bestehen können.

Bürgermeister: So kann man sich irren. Übrigens, wer es sich damals leisten konnte, „hielt“ sich eine Bühne. Die unvergessene Fritzi Massary feiert als Revue- und Operettenstar Triumphe im Berliner Metropoltheater,  Max Reinhardt inszenierte erstmals den »Jedermann« von Hugo von Hofmannsthal im Berliner Zirkus Schumann…

Hauptmann: Ich habe gelesen, 1910 soll es in Berlin 30 größere Theater, ein Dutzend Singspielhallen und dreihundert Lokale gegeben haben, in denen mehr oder weniger kunstvolle Unterhaltung geboten wurde. 

Bürgermeister: Klar, lieber Hauptmann, damals gab es noch kein Fernsehen. Aber dafür  um die 900 Ballhäuser, von denen eines der bekanntesten wohl Clärchens Ballhaus war.  Wer was erleben wollte, musste schon hinaus in das pulsierende Leben.

Hauptmann: Das sagen Sie so. Mein  pulsierendes Leben war über viele Jahre sehr eingeschränkt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Da war nicht viel mit ausgehen und so. Dabei hätte ich mir die Trude Hesterberg auch gern mal aus der Nähe betrachtet.

Bürgermeister: Das glaube ich Ihnen gern, aber dennoch war die Stadt mit Promis noch nicht so reich gesegnet wie später in den Zwanzigern. Aber auf den Plakaten las man immerhin schon Namen wie Hans Albers, Grete Weiser, Wilhelm Bendow, Ihre Trude Hesterberg, Rosa Valetti und Hubert von Meyerinck. An der Hofoper dirigierte Richard Strauss, Otto Brahm leitete das Deutsche Theater, Oscar Straus schrieb in Berlin seine Operette „Ein Walzertraum“. Wollen wir mal reinhören?

*

Eingespielt mit Gesang: „Leise, ganz leise klingt’s durch den Raum, liebliche Weise…“

*

Bürgermeister: (schwelgt) Klingt es nicht wunderschön? Gesungen von Richard Tauber! Die Frauen waren hin. Aber uns Männern ging das auch wie Honig runter. Mein  absoluter Topstar war die „Nachtigall“ der Operette – Fritzi Massary. Erinnern Sie sich, Herr Voigt, wer neben Caruso und der Massary damals noch zu  großer Berühmtheit gelangte?

Hauptmann: Die Bescheidenheit verbietet es mir, mich hier einzureihen, lieber Herr Bürgermeister.

Bürgermeister: Von Ihnen, lieber Hauptmann, natürlich einmal abgesehen. Ich denke an ein kleines hässliches Entlein.

Hauptmann: Na, da lag ich doch gar nicht so falsch …

Bürgermeister: … mit rotem Haarschopf. Die Kleene mit der großen Klappe war das elfte von 16 Kindern einer Gelsenkirchener Gastwirtsfamilie. Sie kam 1904, mit neunzehn, in das berühmte Kabarett „Zum Roland von Berlin“ in der Potsdamer Straße und sang dem Chef beherzt und unbekümmert vor. Rudolf Nelson engagierte sie vom Fleck weg, setzte ihren Namen quasi über Nacht auf die Plakate und – drei Jahrzehnte lang war sie Liebling der Berliner.

Hauptmann: Lassen Sie mich raten: Cläre Waldoff?

Bürgermeister: Volltreffer!

Hauptmann: Man erzählte sich, die Waldoff hätte es abgelehnt, mit der Massary in Leo Falls Operette „Madame Pompadour“ zu spielen. Denn das Duett „Ach, Joseph, ach Joseph, was bis du so keusch…“ war ursprünglich für die Waldoff als Kammerzofe geschrieben. Doch die Massary schnappte ihr das Lied vor der Nase weg und sang es selbst.

Bürgermeister: Ja, ja, Zoff zwischen Superstars gab es damals schon reichlich.   

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Waldoff-Interpretin singt das frühe Lied der Waldoff   „Wer schmeißt denn da mit Lehm“. Gleich anschießend Duett „Ach Joseph, ach Joseph…“ im Stil der Waldoff. Dazu Einspielung mehrere Bilder Massary, Caruso,  Waldoff  usw.

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Bürgermeister: Zeitweise wurde die Waldoff am Klavier von einem völlig unbekannten Musiker namens Kollodzieyski begleitet. Drei Jahre später kannte ihn die ganze Stadt und bald auch das Land. Seine erste Revue hieß „Wie einst im Mai“, die Lieder daraus wurden zu Gassenhauern: „Es war in Schöneberg…“ und „Die Männer sind alle Verbrecher“.

Hauptmann: Außerdem hat sich der junge Mann fortan auf die erste Hälfte seines komplizierten Namens beschränkt und sich nicht mehr  Kollodzieyski, sondern nur noch Kollo genannt. Walter Kollo. 

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Medley mit Melodien von Walter Kollo „Es war in Schöneberg…“, „Die Männer sind alle Verbrecher…“, „Das ist der Frühling…“ und „Warte, warte nur ein Weilchen…“

Dazu die Mitspieler singend oder tanzend, mit typischen Requisiten (zur Auswahl stehen: Leierkastenmann, Eckensteher, Blumenfrau, Schutzmann, Droschkenkutscher mit Peitsche usw.) als Berliner Figuren.

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Bürgermeister: Wenn wir schon an die Großen jener Zeit erinnern, dürfen wir den Kulissenschieber aus Gardelegen nicht vergessen, der in seiner freien Zeit kleine Texte verfasste. Tucholsky beschrieb ihn so: „Ein schlecht rasierter Mann mit Stielaugen, der aussieht wie ein Droschkenkutscher, betritt in einem unmöglichen Frack und ausgelatschten Stiefeln das Podium.“ Na… dämmerts? Mit beißender Ironie, Witz und manchem Seitenhieb auf die Obrigkeit  trug er seine berühmten Couplets vor: Otto Reutter. Er begann bescheiden mit 240 Mark Gage im Monat und brachte es zu einem der am höchsten bezahlten Künstler seiner Zeit.

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Künstler mit Couplet von Otto Reutter, evtl. das Lied vom Überzieher oder vom Maurer “Da fang´n wa gleich an” 

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Bürgermeister: Überhaupt hatten die Berliner  die Lieder und Chansons über die kleinen Leute richtig lieb gewonnen. So zum Beispiel ein kleines Lied von Rudolf Nelson. Selbst der Kaiser konnte sich dem Charme dieser Lieder nicht entziehen. „Das Ladenmädel“ beispielsweise von Nelson – na, kennen Sie es: „Erst kommen die Blusen und Kleider und dann die Jupons voller Pli“ – ließ sich Wilhelm der Zweite während eines Jagdvergnügens 1908 fünfmal hintereinander vortragen, wobei er sich königlich und sogar kaiserlich amüsierte. 

Hauptmann: Oder brauchte er so lange, bis er es kapiert hatte? Aber ich will über Majestät nichts Schlechtes sagen, schließlich hat er mich, den Schuster Wilhelm Voigt, im August 1908 begnadigt. Nach zwanzig Monaten durfte ich das Gefängnis in Tegel als freier Mann verlassen. Vier Jahre hatten es laut Gerichtsurteil eigentlich werden sollen.

Bürgermeister: Wobei Sie, verehrter Hauptmann, nicht viel auszustehen hatten. Noch nie zuvor hat ein Strafgefangener so viele Sympathiebekundungen, Geldspenden und Pakete aus allen Schichten des Volkes in den Knast bekommen. Für eine Weile hatten Sie ausgesorgt.

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Eine Künstlerin als typisches Ladenmädchen in damaliger Ausstattung singt das „Ladenmädel“. Ein weiterer Mitspieler mit Umhang und Hut skizziert dabei als Zeichner Zille das Ladenmädel.

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Bürgermeister: Haben Sie ihn erkannt, den „Pinsel-Heinrich“? Einer der bekanntesten Berliner Künstler, der – wie die meisten Originale der Stadt – zugereist war.       

Hauptmann: Sogar als Professor und Akademiemitglied zog er mit seiner Zeichenmappe in die Kneipen, Varietés und Kabaretts und malte die Armut und das Laster, die kleinen Leute und ihre großen Gefühle. Wie kein anderer sah er die Gören, skizzierte die Hinterhöfe, hörte den Marktweibern zu und hielt die resolute Hauswartsfrau mit dem Zeichenstift fest, wenn sie die Kinder aufforderte: „Jeht weg von de Blumen, spielt mit de Mülltonnen.“ 

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Interpretin singt „Das is sein Milljöh“. Dazu  Einspielung Zeichnungen Heinrich Zilles aus dem Berliner „Milljöh“. 

*

Bürgermeister: Vergessen wir nicht die Jahre des Ersten Weltkrieges, lieber Hauptmann. Sie selber waren ja nicht eingezogen, wenngleich Sie sich im Militärischen einiges angeeignet hatten, bis hin zur falschen Uniform. Wissen Sie es noch? Weihnachten 1914 sollten alle Soldaten siegreich wieder zu Hause sein.

Hauptmann: Na ja, das hatte Seine Majestät vorausgesagt. Manche nannten ihn ja später auch die größte Fehlbesetzung seiner Zeit.

Bürgermeister: Aber immerhin, erstmals in der deutschen Geschichte hat er Anfang Oktober 1918, als der Krieg für das Deutsche Reich verloren war, Sozialdemokraten in eine Regierung aufnehmen lassen.

Hauptmann: Nachdem er vorher verlangt hatte: „Die Sozialdemokratie muss in der Schule bekämpft werden.“ Aber die Niederlage im Krieg warf mit Hunger, Not und Tod ihre grausamen Schatten voraus. Ohne Sozialdemokratie war kein Frieden im Land mehr möglich.  Das Entgegenkommen von Willem zwo ging so weit, dass er erst zwanzig Jahre nach dem Bau des protzigen Reichstagsgebäudes gestattete, dass über dem Portal stehen durfte: „Dem Deutschen Volke“. Da ging es mit den deutschen Kriegserfolgen bereits rapide bergab.

Bürgermeister: Überhaupt haben die Sozialdemokraten damals einiges möglich gemacht. Und stellen Sie sich vor, Hauptmann, ab 1908 dürfen Frauen an Universitäten studieren! Aber erst sehr viel später ernennt die Kaiser-Wilhelm-Universität ihren ersten weiblichen Professor: Lise Meitner, eine Mitarbeiterin von Otto Hahn und Kernphysikerin von Weltruf.

Hauptmann: Na also, Berlin auf dem Weg zur Weltstadt.

Bürgermeister: So richtig Weltstadt wurde Berlin aber erst 1920. Da gehörte dann endlich auch Köpenick dazu. Mit einer Mehrheit von 16 Stimmen wurde in der Preußischen Landesversammlung Groß-Berlin aus der Taufe gehoben. Die Linken hatten dafür die entscheidenden Stimmen geliefert, während sich die Konservativen sehr zurückhielten.

Hauptmann: Wenn es um Entscheidungen über die Zukunft Berlins geht, sind die Zustimmungen im Parlament immer ziemlich knapp. Nach der Wiedervereinigung gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts – um einmal kurz vorzugreifen – wurde Berlin ebenfalls nur dank der Stimmen der Linken gesamtdeutscher Regierungssitz. Es war doch nicht alles falsch…

Bürgermeister: Berlin verzehnfachte damals auf einen Schlag sein Territorium, war plötzlich die größte Hauptstadt der Welt und kam mit einer Bevölkerung von 3,8 Millionen Menschen gleich nach New York und London. Übrigens: Die 200 Millionen Mark Schulden Berlins wurden auf die eingemeindeten acht Städte und 59 Gemeinden mit übertragen. Damit sind alle zusammen ganz gut gefahren. Wenn wegen der Schulden die Vereinigung  misslungen wäre – ade Weltstadt.

Hauptmann:  Sagen Sie das mal den Brandenburgern, die viel, viel später aus Angst vor den Berliner Schulden eine  Länderfusion ablehnen werden… Kurzsichtig oder…?

Bürgermeister: Sie sagen es. Berlin jedenfalls wurde Weltstadt. Die Theater, Varieté- und Kabarettszene suchte in Europa ihresgleichen. So labil die Weimarer Republik auch politisch war, so reich waren Kunst und Kultur…  

Hauptmann: …vielleicht deswegen? Aber das sollen Historiker untersuchen. Den Glanz der Stadt bestimmten Leute wie Max Reinhardt, der die Komödie am Kurfürstendamm eröffnete. In den Opernhäuser und Konzertsälen wirkten Dirigenten wie Nikisch, Furtwängler und Abendroth. Der große Enrico Caruso gastierte 27mal in Berlin und auch der russische Jahrhundertbass Fjodor Schaljapin, der aus dem roten Russland nach Frankreich emigriert war, wurde stürmisch gefeiert.

Bürgermeister: Der amerikanische Wunderknabe Yehudi Menuhin bezauberte mit der Geige, Louis Armstrong mit der Trompete und Anna Pawlowa mit ihren Beinen als berühmtester „sterbender Schwan“, die  Donkosaken mit ihren Stimmen, und bald auch die Comedian Harmonists als populärste „Boygroup“ ihrer Zeit.

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Zwei Lieder der Comedian Harmonists gesungen: „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Ich wollt ich wär ein Huhn“.

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Hauptmann: Vergessen Sie Bertolt Brecht nicht. Der  war schon eine Sensation für sich. 1921 hatte er zusammen mit Carl Zuckmayer als Dramaturg am Deutschen Theater begonnen. Sein großer Durchbruch war am 31. August 1928. Im Theater am Schiffbauerdamm wurde die „Dreigroschenoper“ uraufgeführt. In den Hauptrollen Stars wie Harald Paulsen, Lotte Lenya, Rosa Valetti und Ernst Busch.

Bürgermeister: Man sollte aber hinzufügen, lieber Hauptmann, die Sprache Brechts und die Musik von Kurt Weill waren gewöhnungsbedürftig. Das Publikum war schockiert und blieb stumm sitzen. Brecht ahnte Fürchterliches, richtete sich auf ein Pfeifkonzert und Pfui-Rufe ein, denn die Berliner halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Plötzlich kommt der Kanonensong – das Eis brach, Stürme der Begeisterung folgten. Die Moritat von Mackie Messer wurde weltweit bekannt.

Bürgermeister: Was hätte ich gegeben, dieses Ereignis, die Geburt eines Welthits, miterleben zu können. Fortan durfte man als gebildeter Mensch mit Brechts Worten laut sagen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral… 

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Künstler singt den Kanonensong aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill. Einspiel Brecht in verschiedenen Lebenssituationen.

*

Bürgermeister:  Das größte Denkmal für Sie,  mein lieber Hauptmann, hat Ihnen Carl Zuckmayer gesetzt. Mit seiner Tragikomödie „Der Hauptmann von Köpenick“.

Hauptmann: Ich konnte es leider nur „von oben“ verfolgen. Die Uraufführung war 1931, fünfundzwanzig Jahre  nach meinem Einzug in Ihr Rathaus und neun Jahre, nachdem ich das Zeitliche gesegnet hatte. Danke auch, Herr Zuckmayer, falls Sie mich da oben hören sollten. Sie haben mich zwar ein bisschen besser gemacht, als ich tatsächlich war, aber meinem Ruf hat das nicht geschadet. Als ich durch einen schmalen Schlitz in den Wolken die Aufführung mit Werner Krauß im Deutschen Theater sah und bald auch die Verfilmung mit Max Adalbert in der Titelrolle, der mir so verdammt ähnlich sah, kullerten mir ein paar Tränen über die Backen. Zum Beispiel an der Stelle, wo mein Schwager Friedrich als kleiner Beamter enttäuscht vom Kaiser-Manöver zurückkommt, weil er die erwartete Beförderung nicht erhalten hat. Helfen Sie mir doch mal, Herr Doktor.

*

Hauptmann und Bürgermeister lesen den folgenden Dialog aus Zuckmayers Drama. Der Bürgermeister setzt eine Pickelhaube auf und spricht den Schwager Friedrich.

Voigt: Ick zieh m’r nur um un dann jeh ick.
Fr.:  Wohin denn? – Willem? Willst nich etwa fort?
Voigt:  Ob ick will, is nich jefragt. Ick muss fort.
 Fr.: Ja Herrjott, Willem! Hast‘ denn keene Einjabe jemacht?
Voigt: Zwee! Für die erste hattense keene Zeit, für die zweite keen Interesse!
Fr.:  Ja un nu – wo willst nu hin?
Voigt: [lacht] Ja nirjends!
Fr.: Willem, du willst doch keene Dummheiten machen!
Voigt: Nee, Dummheiten? Nee! Ausjeschlossen! Ick wer‘ nu langsam helle! Haa, haa…
Fr.: Nu lach doch nich immer! Det is doch ernst! Is halt’n Unglück, was hier passiert.
Voigt:  Wat is det? ’n Unglück? Nee, det is’n janz sauberes, glattes, ausjewachsenes Unrecht, is det! Un det muss man nur wissen, und ick weeß nu.
Fr.:  Willem, det musste tragen wie’n Mann.
Voigt: Wohin soll ick denn tragen, ohne Pass und ohne Aufenthalt!  Muss doch ’n Platz jeben, wo der Mensch leben kann!
Fr.:   ’n Mensch biste doch nur, wenn de dich in ’ne menschliche Ordnung stellst. Leben tut ooch ne Wanze.
Voigt:  Sehr richtig, die lebt. Un‘ weeste, warum die lebt? Erst kommt de Wanze, Friedrich, un‘ dann de Wanzenordnung – erst der Mensch, Friedrich, und dann de Menschenordnung!
Fr.:  Willem, du fährst auf’m janz falschen Jleis. Bei uns in Deutschland jib’t jar kein Unrecht. Bei uns jeht Recht un Ordnung über  allet.
Voigt: So… meine Ausweisung? Is det Recht un Ordnung? Und deine Beförderung? Is det recht un Ordnung? Wenn, dann muss de Ordnung richtig sein, un det isse nich!!!
Fr.:  Willem, ick sage dir: vor det Jeld, dat se an meiner Löhnung sparen, wird vielleicht ’ne Kanone jebaut.
Voigt: Ja, un dann jeht se los, un dann trifft et wieder dich, bumm-bumm, da liegste –
Fr.:  Jawoll. Da lieg‘ ick. Wenn’s ma losjeht. Un denn weeß ick aber ooch, wofür. Vor’s Vaterland, vor de Heimat.
Voigt: Mensch, ick häng‘ an meiner Heimat jenau wie du, jenau wie jeder, aber erst soll’n se m’r  ma drin leben lassen in der Heimat, dann kann ick auch sterben für, wenn’s sein muss! Wo isse denn, die Heimat? Im Polizeirevier? Oder hier im Papier? – Ick seh jar keene Heimat mehr vor lauter Bezirke…
Fr.:  Ick will det nich hören, Willem…un‘ ick darf’s nich hören. Ick bin Soldat un…ick bin Beamter. Haste denn jar keene innere Stimme, die dir sagt…
Voigt: Vorhin im Dunkeln, wie ick hier allene im Zimmer saß,  da hab‘  ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen, da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder ’n Arsch zu – du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein‘ Leben, un dann muß ick sagen: Fußmatte… Fußmatte, muß ick sagen, die hab ick jeflochen in Gefängnis, un da sind se alle drauf rumjetrampelt. Un Gott der Vater sagt zu mir: Jeh weg, sagt er, Ausweisung, sagt er, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste m’r schuldig, sagt er, wo isset? Wat haste ‚mit jemacht? … Un denn, Friedrich, denn isset wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis…
Fr.:  Du pochst an de Weltordnung, Willem. Det is Versündigung.
Voigt: Nee nee. So knickrig will ich mal nicht vor meinem Schöpfer stehen. Ick wer‘ noch wat machen… mit mein‘ Leben… Is jut, Friedrich. Bist’n braver Kerl. Dank d’r für alles. Ick jeh.

*

Bürgermeister: (setzt die Pickelhaube wieder ab und den Zylinder auf.) Ja, Herr Voigt, kriminell sind Sie ja später nicht wieder geworden. Sie schrieben ein Buch über Ihr Leben, dass sich gut verkaufte, Sie reisten durch das Land, traten auf Jahrmärkten auf, verteilten Postkarten mit Ihrem Autogramm. Sie wurden in Amerika wie ein Star gefeiert, in Frankreich lachte man mit Ihnen über Ihre Köpenickiade, in London standen Sie gedoubelt im Wachsfigurenkabinett der Frau Toussot, bis Sie schließlich in Luxemburg ein Haus kauften und sich endgültig zur Ruhe setzten und gut lebten. Als es mit Ihnen zu Ende ging, im Januar 1922, waren sie völlig pleite. Aber auf Kosten der Armenkasse bekamen sie eine schöne Begräbnisstätte auf dem Luxemburger Friedhof Notre Dame, die für zwanzig Jahre gepachtet war. 

Hauptmann: Mensch, was Sie alles wissen.

Bürgermeister: Vieles aus der Zeit ist heute vergessen. Nicht aber die Melodien der zwanziger  Jahre mit Inflation und Armut, Aufschwung und politischen Querelen, Weltwirtschaftskrise und Saalschlachten, Straßenkämpfen, Millionen Arbeitslosen und industriellem Niedergang…. In diesen Jahren der Wirrnis sind unvergängliche Evergreens entstanden, die der Stadt  ein  Denkmal setzten. 

Mehrere Künstler bieten ein Medley von bekannten Berliner Komponisten von damals Jean Gilbert  (Puppchen, die bist…/Wenn der Vater mit dem Sohne…), Adolph Spahn (Komm Karlineken, komm…), Otto Teich (Im Grunewald ist Holzauktion…/Ach. Isabella…) sowie Berliner Volksmund auf uralte Melodien  (In Rixdorf ist Musike…/Denkste denn, du Berliner Pflanze…)

Hauptmann: Der Stummfilm gehört inzwischen zum Alltag, seit 1910 in der Münzstraße nahe dem Alexanderplatz das erste Kino, das Union-Theater, öffnete. Die Kintopps, wie der Berliner sagt, schossen wie Pilze aus der Erde. Der Film brachte Stars hervor, die nicht nur ein Theaterpublikum, sondern von nun an ein ganzes Volk kannte und verehrte. Namen wie Asta Nielsen, Henny Porten, Paul Wegener, Greta Garbo und Emil Jannings, Filme wie „Der Golem“, „Nosferatu“ und „Metropolis“ prägen die Filmgeschichte jener Jahre.

Bürgermeister: Der eigentliche Durchbruch des Films in Deutschland kam mit dem Tonfilm. Und das mit einem Paukenschlag. Die Schauspielerin Maria Magdalena von Losch, die Ende der zwanziger Jahre mit Hans Albers Theater spielte, legte mit einem Lied von Friedrich Hollaender das Fundament für ihren Weltruhm: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt…“? Im „Blauen Engel“  spielte sie 1929 neben dem großen Emil Jannings – ihr Künstlerame war fortan: Marlene  Dietrich.

Hauptmann: Haben Sie gewusst, dass die Hauptrolle eigentlich Trude Hesterberg spielen sollte, die Geliebte des Schriftstellers Heinrich Mann, dessen Roman „Professor Unrat“ die Vorlage für den Film bildete? Doch Regisseur Josef von Sternberg hatte sich für seine Geliebte entschieden. So ist das offensichtlich beim Film.

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Künstlerin singt  „Ich bin von Kopf bis Fuß…“ dazu Einspielung von Bildern der Dietrich.

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Bürgermeister: Dann brach die Nacht des Faschismus herein, das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Aus war es mit dem freien Spiel der freien künstlerischen Kräfte im Deutschen Reich. Kunst und Kultur wurden gleichgeschaltet. Tendenzfilme dominierten. Aufmüpfige Kabaretts und Varietés wurden geschlossen. Die besten Bücher wurden verbrannt, die klügsten Köpfe ins Ausland vertrieben oder eingesperrt, nicht wenige ermordet. Tucholsky nimmt sich in Schweden das Leben. Einige Künstler – man werfe es ihnen nicht vor – versuchen mit Unterhaltungsfilmen zu überleben. Andere arrangieren sich mit dem Regime. Tucholsky mutmaßte: Wo Bücher verbrannt werden, verbrennt man auch bald Menschen.

Dazu Einspielung von nichts weiter als den Flammen der Bücherverbrennung ohne Ton. Abschließend ein Blick in das heutige Mahnmal der Bücherverbrennung mit leeren, weißen Regalen sowie Bilder vom Holocaust-Denkmal.

Hauptmann: Als Berlin in Trümmern lag, fassten Millionen Menschen, darunter viele Künstler, die überlebt hatten oder zurückgekehrt waren, neuen Mut. Lessings „Nathan der Weise“ war die erste Aufführung nach dem Krieg. Im Deutschen Theater spielte der große Paul Wegener die Titelrolle. Ergriffen und nachdenklich war das Publikum vom Gleichnis über die Religionen..

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Bürgermeister liest aus der Ringparabel. Dazu stumme  Einspielung von Bildern des zerstörten Berlin.

Bürgermeister: (Text aus „Nathan…“) Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: Geht nur! – Mein Rat ist aber der: Ihr nehmt die Sache völlig wie sie liegt. Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: So glaube jeder sicher seinen Ring den echten. – Möglich; dass der Vater nun die Tyrannei des e i n e n Rings nicht länger in seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss; dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, um einen zu begünstigen. – Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring´ an Tag zu legen!

Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott, zu Hülf´! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euren Kindes-Kindeskindern äußern: So lad´ ich über tausend tausend Jahre, sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich; und sprechen. Geht! – so sagte der bescheidne Richter.

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Hauptmann: 1942 war übrigens die Zeit für mein Grab in Luxemburg abgelaufen. Ein anonymer Spender bezahlte für weitere dreißig Jahre. 1961 jedoch, als das Grab verfallen war, hat sich der Zirkus Sarrasani darum gekümmert und eine Marmorplatte spendiert, auf der allerdings als Geburtsjahr 1850 statt 1849 steht. Als 1974 nach luxemburgischem Gesetz das endgültige Aus kam, verlängerte die Stadt Luxemburg wegen der internationalen Proteste das Grabrecht auf unbegrenzte Zeit.

Bürgermeister: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Berlin gleich zweimal. Aber nicht, weil die Berliner das so wollten, es war der Plan der Alliierten, die Deutschen als die Schuldigen an zwei verheerenden Kriegen so zu behandeln, dass sie zu einem dritten Krieg nicht fähig wären. Also zerteilte man das Land.

In jedem Teil entwickelte sich eine eigene Kultur. Im kalten Krieg mischten vor allem die Kabaretts tüchtig mit.

Bürgermeister: Im Westen gründete Günter Neumann 1948 beim RIAS „Die Insulaner“. Die Sendungen, die auch im Osten begeistert gehört wurden, waren öffentliche Auftritte und hielten sich bis nach dem Mauerbau 1963: Mit dem Passierscheinabkommen über Besuchsmöglichkeiten von Westberlinern bei ihren Verwandten im Osten der Stadt setzte leichtes Tauwetter ein.

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Interpret mit einer berühmten Erinnerung an den „Kabarettkrieg“ der Fünfzigerjahre. Das Erkennungslied der „Insulaner“.

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Hauptmann: Im Osten dominierte ab 1952 „Die Distel“ in der mageren Kabarettszene. Die SED hatte es nicht gern, wenn man Kritik übte, auch nicht durch die Blume oder zwischen den Zeilen. Ihre Zensoren passten auf wie Schießhunde, dennoch gab es recht annehmbare Programme. Dem Distel-Ensemble am Bahnhof Friedrichstraße gehörten über viele Jahre prominente Schauspieler wie Otto Stark, Gustav Müller, Ellen Tiedke, Lutz Stückrath, Heinz Draehn, Herbert Köfer und andere an.  

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Künstler mit einer frühen „Distel“-Nummer.  

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Bürgermeister: In Berlin wuchs eine neue Generation von Künstlern heran. Viele von ihnen waren von bitterer Kriegserfahrung geprägt. In Westberlin brillierten Werner Finck und Heinz Erhardt, Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner und andere, die über das neue Medium Fernsehen weithin bekannt und beliebt wurden. Populär waren mit vielen Berlin-Liedern auch Bully Bulahn und Paul Kuhn, die Schauspieler und Kabarettisten Jo Herbst, Günther Pfitzmann, Walter Groß, Edith Hancke, Inge Wolffberg, Beate Hasenau.

Hauptmann: In Ostberlin wurde der Friedrichstadt-Palast das neue Revue-Theater, Brecht bekam seine eigene  Bühne am Schiffbauerdamm, aufsässige Künstler wie Biermann wurden aus dem Land geschmissen, Künstler wie Müller-Stahl, Krug, Domröse, Thate and andere folgten aus eigenem Antrieb. Andere, wie der unvergleichliche Conferencier und Humorist O.F. Weidling, blieben, löckten wider den Stachel und mussten dafür büßen.  Weidling früher Todbekam hing ganz sicher mit seinem Auftritts- und Fernsehverbot zusammen.

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Interpreten mit Berliner Liedern, die nach 1945  entstanden sind. („Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, „Kleiner Bär von Berlin“, „Durch Berlin fließt immer noch die Spree.)

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Hauptmann:  Seit 1990 ist die Teilung vorbei, ohne großes diplomatisches Geschick, vom einfachen Volk überwunden. Ostberliner Künstler waren nicht unerheblich beteiligt. Sie stellten am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz die bis dahin größte oppositionelle Kundgebung auf die Beine, die zugleich das Aufbruchsignal in ein neues Zeitalter war. Fast eine Millionen Menschen traten auf dem Alex für die Freiheit der Kunst, für Meinung- und Pressefreiheit ein und gegen die Bevormundung durch eine Partei.

Dazu Einspielung dieser Kundgebung, bei der als Redner nur Künstler gezeigt werden.

Bürgermeister: Diesen Aufbruch erlebte auch die leider bald darauf gestorbene Künstlerin Helga Hahnemann, die mit ihren Liedern zu einem der ersten gemeinsamen Stars unserer viel zu lange geteilten Stadt wurde, ein Original, von dem man einst nicht mehr wissen wird, ob sie ursprünglich zum Osten oder Westen gehörte.

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Interpretin eines Hahnemann-Liedes. Dazu Bilder, die an die „Henne“ erinnern.

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Bürgermeister: Ja, Herr Hauptmann, nun wird es Zeit für uns. (setzt einen Helm auf). Doch diesmal werden wir den Spieß umdrehen.

Hauptmann: Wenn es denn sein muss. Schon wegen der Gerechtigkeit. Tschüss denn, Ihr Leute. 

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Finale – Medley neuerer Berliner Lieder und Chansons. Das letzte singt der Hauptmann, der dabei mit Handschellen in Begleitung der Garde abgeführt wird…

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Zu treuer Hand (ein Krimi)

(Auch das war die Treuhandanstalt

Vor 25 Jahren wurde in der DDR die Treuhandanstalt gegründet. Zahlen und Fakten werden zur Genüge dargestellt. Mein Beitrag besteht darin, das Typische jener aufregenden wie ebenso kriminellen Treuhandzeit an einem Beispiel zu demonstrieren, dessen Details aus vielen Fällen zusammengetragen sind.)

 *

„Unter fünf Millionen läuft nichts. Wenn schon, dann muss es sich lohnen.“

      Hans-Georg Holbein hat lange auf seinen Freund und Geschäftspartner Hasso von Dengel eingeredet. Ein Millionen-Konzept hat er ihm erläutert, ein Konzept, das Millionen einbringen soll.

    Beide sind um die 40, studierten in den siebziger Jahren zusammen Jura. Hans-Georg Holbein war nach vier Semestern abgesprungen, um in der Wirtschaft das schnelle Geld zu machen. Hasso von Dengel wurde Anwalt, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht.

    Holbein hat vor Jahren, aus Steuergründen in Zürich, eine Marketing Consult GmbH angemeldet. Mehrfach schlug er hier und da einen kühnen Haken, beruhigte einen Gläubiger mit dem Geld eines anderen. Nach und nach gründete er Tochterfirmen, so auch die H & D in Hessen. Die Firmen bestehen zumeist nur aus Adressen, die es erschweren, Transaktionen zu durchschauen. Marketing-Arbeit, Vermittlung von Geschäften, Vertrieb alles Möglichen, Innen- und Außenhandel sind seine offiziellen Unternehmensziele. Stets hielt er sich gerade mal so über Wasser. Seinen Freund Hasso von Dengel hatte er vor Jahren in den Vorstand berufen. Einmal um einen Anwalt in Reichweite zu haben und außerdem, um auch ein bisschen mit Highsnobiety zu brillieren.

    Als Generalbevollmächtigter der Holding wolle er für die hessische H & D GmbH einen Baumaschinenbetrieb bei Potsdam kaufen. „Mit der Treuhandanstalt bin ich bereits im Gespräch. Das Angebot ist günstig, der Vertrag bietet alle Möglichkeiten… Glaube mir, Hasso, die sind froh, wenn ihnen einer die Klitsche abnimmt.“

    Er schilderte dem Freund das Terrain: „15 Hektar Werksgelände, zugleich bestes Bauland in schönster Gegend. Noch läuft die Produktion, der Verkauf in Richtung Osten und Dritte Welt bringt noch paar dicke Millionen. 120 Leute arbeiten dort, aber das muss ja nicht auf ewig so sein.“

    Holbein lacht genüsslich, greift zum Glas und kippt einen Whisky hinunter. „Aber Hans-Georg, was verstehst du von Baumaschinen? Überleg` es dir gut.“ „Habe ich, bis ins Detail“, antwortet Holbein und grinst.

*

Über die Empfehlung eines Geschäftspartners, der gute Beziehungen zur Treuhandanstalt in der ehemaligen DDR hat, kommt eine Verbindung zu einem gewissen Max Renner zustande. Mit ihm handelt er einen Kaufvertrag aus. Abends lädt Holstein seinen Treuhandpartner zum „Geschäftsessen“ in eines der besten Restaurants nach Potsdam ein, gibt sich generös und schwelgt gelegentlich davon, als Baumaschinen-Hersteller die Konkurrenz das Fürchten zu lehren.

    Renner ist von seinem Kaufinteressenten angetan, hält ihn für seriös und vertrauenswürdig. Um diesen Eindruck zu verstärken, gibt Holbein den selbstlosen Rat, Renner möge sich beim Vorstand seiner Mutterfirma über ihn informieren. „Ich bitte förmlich darum, damit auch Sie sich keinen Vorwurf machen müssen, falls etwas schief gehen sollte, was wir aber beide nicht hoffen.“ Dabei lacht Holbein wie über einen Witz.

    In einem Schreiben an den Vorstand der Schweizerischer Marketing Consult GmbH, Zürich, verlangt die Treuhand höflich Auskunft über die unternehmerischen Initiativen des Generalbevollmächtigten der Tochterfirma H & D. Wenige Tage später kommt die Ehrenerklärung. Man nennt Holbein einen „sehr integren, pflichtbewussten Manager, dessen achtenswerte Vorhaben und Initiativen in geschäftlicher Richtung mit den Zielen und Vorstellungen des Unternehmens voll im Einklang stehen“. Mit schwungvoller Unterschrift entbietet Vorstandsmitglied Hasso von Dengel der Treuhandanstalt freundliche Grüße und schließt weitere Engagements bei der „dringlichen Privatisierung der heruntergekommenen Industrie im Osten Deutschlands“ nicht aus.

    Die Treuhand ist zufrieden. Der Vertrag fällt über Gebühr günstig aus. Zwei Millionen Mark kostet der Betrieb. Zu zahlen sind erst einmal 500.000 DM, und in zwei Jahren, wenn sich das Unternehmen gefestigt hat, ist der Rest fällig. Holbein verspricht, in den nächsten vier Jahren 60 Millionen Mark zu investieren, 100 Arbeitnehmer sofort zu übernehmen und später auf 250 aufzustocken.

    Bei soviel Großmut zeigt sich die Treuhand erkenntlich. Sie übernimmt die Altschulden des Betriebes und sichert Holbein zudem noch eine Anschubfinanzierung von sieben Millionen Mark in bar zu. Diese könne er – soviel Verständnis müsse er haben – erst erhalten, wenn die erste Rate des Preises, also die halbe Million, überwiesen sei.

    Als man mit Sekt auf den Kaufvertrag anstößt, meint der Treuhand-Partner, dass es nun Zeit sei, die Belegschaft von der großartigen Perspektive in Kenntnis zu setzen. Und als hätte der Treuhand-Mann ein schlechtes Gewissen, fügt er hinzu: „Den Geschäftsführer der BauMa GmbH, Herrn – wie heißt er doch gleich … ach – Eberhard Müller, ein erfahrener Ingenieur, sollten Sie, Herr Holbein, rasch informieren. Und auch die Belegschaft, Sie wissen ja, die Betriebsräte im Osten sind sehr empfindlich geworden.“

*

Geschäftsführer Eberhard Müller war mehrfach bei der Treuhand vorstellig, um von einem Verkauf an Holbein abzuraten, der nichts von Baumaschinen verstünde. Doch auf dem Ohr war die Privatisierungsbehörde taub.

„Wenn Sie den ehrenwerten Herrn Holbein nicht ablehnen, müssen sie damit rechnen, abgewickelt zu werden. Und für Ihr Vorhaben, den Betrieb aus eigener Kraft als Management bye out weiterzuführen, fehlt Ihnen, mit Verlaub, Herr Müller, jede marktwirtschaftliche Erfahrung. Und das Kapital. Oder haben Sie ein paar Millionen?“

    So hatte man den Ingenieur, der wenige Monate nach der Wende von der Belegschaft zum Geschäftsführer gewählt worden war, abgekanzelt.

    Holbein indes fährt am Tag nach der Unterzeichnung des Vertrages mit einem Mercedes der S-Klasse im Betrieb vor. Vor Müller und einigen Herren der engeren Leitung erläutert er großspurig, wie man künftig mit BauMa-Produkten auf dem Markt auftrumpfen wolle. „Allerdings sind einige organisatorische Veränderungen vonnöten“, erklärte er der überraschten Leitung. So müsse man Produktion und Verwaltung aus steuerlichen und Kostengründen voneinander trennen, jeweils eine eigene GmbH gründen. Für die Verwaltungs GmbH habe er bereits eine erfahrene Wirtschaftskauffrau aus Ostberlin mitgebracht… „also eine Ossi-Frau, wogegen Sie wohl nichts einzuwenden haben“, fügt er gönnerhaft hinzu. Damit hofft er der Betriebsleitung jeden Einblick in die Geldgeschäfte zu nehmen.

    Holbein hatte Angelika Kurz in einer Berliner Bar kennen gelernt. Sie ist jung, blond und schlank, steht auf gut aussehende Männer und schnelle Autos, hatte in einem DDR-Außenhandelsbetrieb gearbeitet. Seit einigen Wochen ist sie das Ziel abendlicher Besuche Holbeins. Und sie ist Teil seines strategischen Konzepts. In der Chefetage des Betriebes richtet er ihr ein Büro ein. Die Aufschrift an der Tür: „BauMa Verwaltungs GmbH, Geschäftsführerin Frau Kurz“. Sie erhält einen schnellen Firmenwagen und ist so dankbar, dass sie alles, was ihr Chef verlangt, widerspruchslos ausführt. Tage später gibt Holbein sogar seine Verlobung mit Angelika Kurz bekannt. Er lädt eine Abordnung der Belegschaft zur Feier ein, die er als „Arbeitnehmertreffen“ mit Firmengeldern finanziert.

    Eine der nächsten Aufgaben Angelikas besteht darin, eine halbe Million Mark vom Firmenkonto über den Kontenumweg einer hessischen Bank auf das Treuhandkonto zu überweisen. Indes wächst der Unmut in der Belegschaft. Bestellungen bei Zulieferbetrieben unterbleiben. Aufträge sind nicht in Sicht. Als der Betriebsrat mit Aktionen droht, winkt Holbein mit einem sich anbahnenden Großauftrag aus China. Notwendig sei, eine Musteranlage nach Shanghei zu schicken, um sie auf einer Industriemesse zu präsentieren. Das bindet Kraft und Zeit.

    Tage später geht eine bereits fertige Anlage für einen russischen Abnehmer, der inzwischen zahlungsunfähig ist, auf die Reise nach Südostasien. Geschäftsführung und Betriebsrat der BauMa Fertigungs GmbH schöpfen Hoffnung. Ein Kredit über vier Millionen DM von der städtischen Bank sichert die nächsten Löhne.

Die Belegschaft wurde auf 60 Leute reduziert. „Das ist nur vorübergehend“, begründet der Boss gegenüber dem Betriebsrat. „Wir werden die Leute sehr bald zurückholen, wenn die Auftragslage boomt.“

    Die ersten 20 Millionen Investitionen von der Mutterfirma aus Zürich, so erklärt Holbein, würden gerade auf den Weg gebracht. Erst aber müsse man sich über die künftige Fertigungsstruktur einigen. Geschäftsführer Eberhard Müller ist unruhig. Er wirft Holbein Verschleppungs- und Hinhaltetaktik vor. Strukturen seien längst klar, neue Produkte entwickelt, jetzt brauche man Geld, um sie auf den Weg zu bringen. Auch habe man neue Kunden aus früherer Zusammenarbeit in Ägypten, Polen und der Tschechischen Republik gewonnen.

    Für Holbein wird es eng. Er schlägt auf den Tisch: Was man sich einbilde, selbständig Kunden zu gewinnen. Er sei an einem Großauftrag, der Arbeit auf Jahre garantiere. Da könne man sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Am nächsten Morgens liest die Belegschaft am Anschlagbrett, Holbein habe sich von seinem Geschäftsführer Müller wegen „unüberbrückbarer unternehmerischer Differenzen“ getrennt.

*

Inzwischen sind fast 30 „Banktage“ nach der Überweisung der ersten Kaufrate vergangen. In diesem Zeitraum will die Treuhandanstalt vertragsgemäß die zugesicherten sieben Millionen Mark in bar an Holbein übergeben. Zusammen mit der offiziellen Verwaltungs-Chefin seines Unternehmens, Angelika Kurz, begibt sich Holbein zur Treuhand. Wieder klopft er markige Sprüche über die Zukunft. Renner übergibt Holbein den Barscheck über 7 Millionen Mark. Holbein reicht ihn, als interessiere ihn das Geld überhaupt nicht, an Angelika Kurz mit den Worten weiter: „Bitte, zu treuen Firmenhänden.“

    Die Ereignisse der nächsten Tage überschlagen sich. Müller kommt von einer privat finanzierten Reise aus dem Hessischen zurück, trifft sich abends mit dem Betriebsrats-vorsitzenden. Dieser stellt am nächsten Tag bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Holbein wegen Untreue an Firmenvermögen. Einen besorgten Anruf aus der Treuhand-Anstalt, den Holbein mit markigen Worten zerstreuen kann („Sonst wäre ich doch wohl nicht mehr hier!“), behält er drei bange Tage für sich, bis Angelika Kurz aus Zürich zurück ist. Dort hat sie auftragsgemäß die Treuhand-Millionen auf das Bankkonto einer Marketing Consult/BauMasch Holding mit Holbeins Namen eingezahlt.

    Vor dem aufgeregten Betriebsrat hält Holbein am Mittwochabend noch einen langen Vortrag. Nun sei es endlich soweit, jetzt gelte es, die Ärmel aufzukrempeln. Gerade habe er ein Fax aus China erhalten, dass spätestens in drei Tagen der erste Großauftrag eingehen werde. Alle Vorwürfe des Betriebsrates wischt Holbein vom Tisch: „Meine Herren, solange ich bei Ihnen bin, können Sie sich meiner Worte sicher sein.“

    Als am nächsten Morgen Staatsanwalt und Kripo in der Firma auftauchen, ist das Nest leer. Von Holbein keine Spur. Dicke Bündel von Akten werden mitgenommen, die Computer gesichert, die Zimmer versiegelt. Die Geschäftsführerin der BauMa Verwaltungs GmbH, Angelika Kurz, wird verhaftet. In der Treuhand gibt man sich überrascht. Ein gewisser Herr Renner sei nicht zu sprechen, der habe sich nach erfolgreicher Arbeit wieder in die Wirtschaft verabschiedet.

    Just an diesem Tag klingelt in einer hessischen Anwaltskanzlei das Telefon. „Hallo Hasso! Sagte ich es nicht, unter fünf läuft nichts. Jetzt kannst Du dem Staatsanwalt Dein Liedchen über einen unzuverlässigen Generalbevollmächtigten singen. Aber trage nicht so dick auf. Ach, vielleicht kannst du Angelika noch einen guten Anwalt besorgen – kleiner Scherz am Rande. Also, wir sehen uns am Samstag. Ein Flugticket auf deinen Namen liegt bereit. Also, bis bald, das Ferngespräch wird zu teuer, ha, ha, ha!“

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Meine Zeit als Schütze Arsch

1956 wurde in der DDR die Nationale Volksarmee gegründet. Mühevoll wurde eine Stärke von 100.000 Mann angestrebt. Erst mit Einführung der Wehrpflicht 1962 wurde eine Truppenstärke von 170.000 erreicht. Aber da gehörte ich schon nicht mehr dazu.

Bevor im Januar 1962 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, hatten die Werber der Wehrkreiskommandos alle Hände voll zu tun, die Truppenstärke der NVA auf hunderttausend Mann zu halten. Mich suchten sie Anfang 1958 im Erfurter Funkwerk auf, wo ich in einem Forschungslabor an Fernsehröhren experimentierte und die 18 erst noch vor mir hatte.

Ich hatte als ausgebildeter Chemiefacharbeiter die Böden der Glaskolben von innen so zu beschichten, dass sich darauf später einmal die Konturen von Fernsehbildern abzeichnen würden. Die Kunst bestand darin, die angesetzte Brühe so aus der Röhre zu kippen, dass der auf der Flüssigkeit schwimmende Film faltenlos an der Mattscheibe hängen blieb und die abgesetzte gelbe Farbschicht fixierte.

Dreimal hatten mich die Werber zu Gesprächen gebeten. Sie priesen meine proletarische Herkunft, die zur Militärkarriere geradezu verpflichte. Wenn ich soweit sei, würde ich mich melden, gab ich an und zeigte kein Verständnis dafür, schon jetzt die Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen. Noch wollte ich sie mehren helfen. Enttäuscht ließen sie von mir ab.

Einige Wochen später zog ich nach dem Motto „Dann hast du es hinter dir!“ mit einem Köfferchen in die Erfurter Löberfeldkaserne und wurde unter der Truppenfahne einer Spezialeinheit für chemische und atomare Aufklärung im Korridor unseres Quartiers vereidigt. Zur feierlichen Einstimmung brüllte der Spieß laut durch den Flur. „Schuster, machen Sie mal die Scheißhaustür zu.“

Soldat

Treffen während meines Ausgangs mit einem ehemaligen Arbeitskollegen

Als das erledigt war, musste ich die Fahne berühren und schwören, mein Vaterland „unter Einsatz meines Lebens“ zu verteidigen. Nach Einführung der Wehrpflicht vier Jahre später wurde der Schwur geändert, da genügte es, dem Vaterland treu zu dienen. Man durfte leben bleiben.  

Die „Grundausbildung“ hielt ich mir weitgehend vom Hals. Warum sollte ich über Holzwände klettern und unter Drahtverhauen entlang kriechen? Meine Finger waren durch die Arbeit in den Laboratorien so mitgenommen, dass ich sie auf ärztliche Anordnung sorgfältig pflegen, regelmäßig cremen und in Verbände legen musste. Fortan lief ich mit „weißen Handschuhen“ durch die Gegend, war also nur bedingt einsatzfähig und arbeitete zeitweise in der Bibliothek für Dienstvorschriften. Bei den unumgänglichen Schießübungen gelang es mir, die Kalaschnikow mit ausklappbarer Armstütze so zu halten, dass sie zumindest die Zielscheibe traf.

Das musste genügt haben, dass der Politstellvertreter im Range eines Hauptmannes meinte, die SED sei wie geschaffen für mich. Tagelang führte er mit mir während der Grundausbildung politische Gespräche. Es schien, als habe er eine Angel ausgeworfen und testete, bei welchem Köder ich anbeißen würde. Ich tat mich schwer, seinen Würmern zu folgen, denn je länger unserer Gespräche dauerten, umso seltener musste ich marschieren.

Die letzte Rettung, mich den Werbungen des Hauptmannes zu entziehen, war die Bibel. Als Richtschnur meines Handelns pries ich die zehn Gebote, legte das Neue Testament auf meinen Nachttisch und verlangte, sonntags zum Gottesdienst gehen zu dürfen. Alles wohlüberlegte Dinge, die man mir nach menschenrechtlichem Ermessen nicht abschlagen konnte. Nach langen Gesprächen einigten wir uns darauf, dass ich das Neue Testament unter die Socken schiebe und auf den Kirchgang verzichte. Alle Seiten waren zufrieden, bis ein Lapsus den Zorn des Politoffiziers für immer und ewig auf mich zog.

Kurz vor einem Appell bemerkte ich an meiner Uniformjacke einen fehlenden Knopf. Ich steckte einen Reserveknopf in das Loch und schob durch die Metallschlaufe der Rückseite ein SED-Abzeichen mit langer Nadel aus meinem Nähbeutel. Mein Vater hatte es mir geschenkt, falls ich doch einmal schwach werden sollte. Der Politnick bemerkte den abstehenden Knopf und sah, als er lächelnd den alten Trick entlarven wollte, den andere mit einem Streichholz praktizierten, das verhängnisvolle Corpus Delicti. Sein Blick verfinsterte sich, vor versammelter Kompanie hagelte es eine Standpauke über die Verunglimpfung von Symbolen der Partei der Arbeiterklasse. Bei ihm hatte ich es bis in die Steinzeit verschissen. Als ich bald darauf ganz unvermittelt meine Bereitschaft zur Mitgliedschaft in der SED bekundete, ließ der Parteisekretär abstimmen. 28 von 32 Genossen stimmten mit Nein. Das hatte ich davon.

Kurze Zeit später landete ich im Armeeknast, der sich damals auf dem Erfurter Petersberg befand, weil ich zusammen mit dem Bruder des Hauptfeldwebels die Ausgangszeit erheblich überschritten hatte. Eigentlich hatte ich nur auf ihn gewartet, weil er nicht von seiner Freundin loskam. Doch ich nahm die Schuld auf mich, denn im Gegensatz zu mir wollte er Unteroffizier werden. Drei Tage Arrest sollte ich absitzen. Als ich mich nach drei Stunden aus der Arrestanstalt zurückmeldete, glaubte mein Kompaniechef ein Gespenst zu sehen, das mir ähnelte. Ein Unteroffizier im Arrest hatte mich beim Gang in die Zelle treppauf angebrüllt, ich möge gefälligst rennen. „Tut mir leid“, sagte ich, „meine Füße sind ebenso beschädigt wie meine Hände. Ich kann nicht schnell laufen. Besonders Treppen machen mir zu schaffen. Und dann muss ich alle zwei Stunden Augentropfen gegen eine chronische Bindehautentzündung nehmen.“

„Wir sind hier nicht im Lazarett“, brüllte der Schleifer, „im Gegenteil.“ Er brachte mich zu einem Feldscher, der mit meinen damaligen und kurzzeitigen Haut- und Augenproblemen total überfordert war. Also fuhr man mich als „arrestuntauglich“ zurück in die Kaserne. Sie konnten mich nicht einmal richtig bestrafen.

Danach endete meine Zeit als „Schütze Arsch“ vorzeitig im Militärlazarett in Gotha. Zwischen einem Haufen lebenslustiger Burschen in der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten schien ich der einzige mit Hautproblemen gewesen zu sein, denn niemand wollte wissen, wie ich sie mir zugezogen hatte. Alle anderen berichteten ausführlich über solche Details.

Für diese Kumpels war ich ein Aussätziger.

Mehr über meine Jahre in der DDR in
“Geschichten aus 14.970 Tagen und einer Nacht”
(als eBook bei Amazon, Kindle-Edition)

Tietelbild Geschichten

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Wir sind (k)ein Volk!

Selten wurden Volksstämme derart über den Tisch gezogen wie der ostdeutsche, als es noch einen westdeutschen gab. Mit Kampesfrufen „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“ und ähnlichen Verbaldrogen wurden die Stammesmitglieder für die Einheit gefügig gemacht. Ob man wollte oder nicht. Viele wollten, andere nicht.

Im Herbst tausendneunhundertneunundachtzig nach Christi zogen ein paar Tausend Junkies nach Dresden, um als Backgroundchor die Forderung des gefühlten Reichskanzlers zu unterstützen: Das ganze Deutschland soll es sein! Der Beifall war durch die Allianz gesichert.

Ein Jahr später war die geträumte Einheit Wirklichkeit geworden und die Illusionen zerplatzten wie Seifenblasen. Der herrschende Kanzler warf sich den XXL-Krönungsmantel über die Schultern und verkündete der Mehrheit, dass sie fortan die Folgen blühender Barschaften zu tragen hätten.

Endlich hat es mit der Einheit der Deutschen geklappt, frohlockten die Hysteriker. Eine Einheit hat es bis dato noch nie gegeben, warnten die Historiker mit dem Blick zurück auf zweitausend Jahre.

*

Damals lebten unsere Vorfahren, also die Kimbern und Teutonen, an Nord- und Ostsee, als ihre Krieger sich aufmachten, weiter südlich ein wärmeres Fleckchen Erde zu finden. Was sie entdeckten, gehörte zwar den Kelten, doch das war kein Grund zu verzichten. Nachdem sich die Kelten verzogen hatten, bekamen die Germanen Lust auf mehr und überquerten Rhein und Donau. Am anderen Ufer warteten römische Legionäre, die einen schwunghaften Handel mit Sklaven trieben.

Die Germanen standen gut im Saft und ließen sich zu vorzüglichen Kriegern verarbeiten. Neugierig auf das Land der Barbaren, zogen die Römer nach Norden in das wald- und sumpfreiche Land und etablierten sich als Besatzungsmacht.

Tacitus beschrieb die Germanen so: „Ein merkwürdiger Widerspruch liegt in ihrem Wesen.“ Sie würden auffallen durch „wild blickende blaue Augen, rötliches Haar, hohe und nur zum Angriff kräftige Gestalten“. Mit anderen Worten: Furchterregend.

Unter dem Motto „Divide et impera“ herrschten die Römer über die germanischen Stämme, stülpten ihnen ihr Recht über und zwangen sie zu unanständig hohen Abgaben, einer Willkür, die unter dem Begriff Steuern auch zweitausend Jahre später nichts an ihrem Schrecken verloren hat.

Der Germane Arminius, ein ranghoher Cherusker, hatte in Rom das Kriegshandwerk gelernt und die Karriereleiter bis zum Vertrauten des römischen Statthalters Varus erklommen. Hinter dem Rücken seines Chefs einte der Fünfundzwanzigjährige die Führungselite der germanischen Stämme, um zum großen Halali auf die Römer zu blasen.

Vereint ging es den Südländern an den Kragen. Die Geschichte aus dem Teutoburger Wald vom Herbst des Jahres neun ist ein erster Beweis dafür, dass deutsche Stämme sich bevorzugt in Kriegen einig sind. In wenigen Tagen vernichteten sie drei römische Legionen.

Während Varus sich angesichts der schmählichen Niederlage selbst entleibte, erledigte das bei Arminius später die hinterhältige Verwandtschaft.

*

Nach dem kläglichen Scheitern der Weltmacht – Weltmächte scheitern immer kläglich, wenn der Feind keine Weltmacht ist – erkannten die Römer, dass die Germanen die vielen Opfer gar nicht wert waren. Beleidigt zogen sie die Schwänze ein und schützten ihr verbliebenes Reich mit einem antigermanischen Schutzwall, auch Limes genannt. Über ein paar Hundert Kilometer rammten sie angespitzte Baumstämme in die Erde, stellten Wachtürme in Sichtweite zueinander auf und bestückten ihr Frühwarnsystems mit Wachposten. Im Unterschied zum deutschen Limes zweitausend Jahre später richteten sich die Blicke der Wächter in Richtung möglicher Eindringlinge von außen und nicht auf Ausreißer aus den eigenen Reihen.

Der Sieg über die Römer machte die germanischen Stämme selbstbewusst, so dass sie sich ihre Könige wählten. Doch da begann das Theater, denn es gab die Franken und die Goten, die Burgunder und die Langobarden, die Sachsen und die Alemannen, Stämme, die einander nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnten und null Bock auf Einheit hatten. Es verging kaum ein Jahrzehnt, ohne dass es Zoff unter den Stämmen Germaniens gab. Mal wurden Krieger zu Besatzern, mal zu Gefangenen, immer aber fochten sie tapfer in Familienfehden, Bruderkriegen und Raubzügen für ihre Herrschaft. Über die Jahre hatten sich die Stämme derart nach Süden und Westen ausgedehnt, dass man leicht eine Europäische Union hätte gründen können, doch es gab noch keine Bürokratie.

*

Allmählich brachte das Christentum Völker hervor wie die Franzosen, die Spanier und die Italiener. Die moderne Religion begann sich auf dem Kontinent auszubreiten wie später die Schweinegrippe. Die neuerstehende Geistlichkeit trieb die Menschen zu Gottesdiensten, ließ Kirchen bauen und Klöster gründen. Die höheren Priester wurden zu Aufsehern und nannten sich Bischöfe und deren Chefs in der obersten Christenführung hießen nicht Generäle, sondern Kardinäle. Als Rechtsprechung wurde die Inquisition eingeführt, die später unter Namen wie Scharia oder Bürgerliches Gesetzbuch in weltliche Dienste überkam.

Dann kam der große Karl, der ein fränkisch-deutsches Reich zimmern wollte. Im vermeintlichen Auftrag Gottes ging Karl daran, alle germanischen Stämme zu christianisieren. Das war leichter gesagt als getan, weil sich nicht alle an einen neuen Gott gewöhnen wollten. Bei den Hessen war das anfangs noch einfach. Karl ließ deren geschnitzte Götzenstatuen umlegen. Und als die Leute merkten, dass sich Wodan nicht wehrte, begannen sie mangels Sexualkundeunterricht an die unbefleckte Empfängnis einer gewissen Maria aus der Familie Christus zu glauben.

Etliche, die nicht daran glaubten, mussten dran glauben, so dass es anderen leichter gemacht wurde, daran zu glauben. Von denen wiederum wurden einige zu Fundamentalisten, die sich mit dem Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams in Klöstern zurückzogen, eine Art Hartz vier des frühen Mittelalters. Nur eben freiwillig. Die Männer und Frauen trugen gleichförmige Gewänder, und die Nonnen verhüllten zusätzlich ihre Gesichter, was möglicherweise nicht der Religion geschuldet war.

Allein die Sachsen stellten sich mannhaft gegen Karls Weltreichambitionen. Trotz massiver Einschüchterung wollten sie damals auf keinen Fall rufen „Wir sind ein Volk!“. Vielmehr wollten sie ihre alte Freiheit nicht aufgeben und weiter ihren Göttern frönen. Karl trieb ihnen die Flausen aus, indem er seine christliche Mission in Verden übertrieb und 4.500 Sachsen köpfen ließ. Nur zur Abschreckung. Da gab der sächsische Bauernführer Widukind seinen Widerstand auf und ließ sich vom großen Karl korrumpieren und taufen. Seine Landsleute folgten unehrlichen Herzens in langen Reihen dem Ritual.

Weihnachten achthundert war es vollbracht: Karl stülpte sich die römische Kaiserkrone aufs Haupt und herrschte fortan über das ganze fränkische und deutsche Reich. Es schien, als sei die Einheit der Deutschen und auch schon die Europas für alle Ewigkeit geschaffen.

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Ewigkeiten haben bekanntlich eine begrenzte Halbwertszeit. Denn bald kamen die wilden Jahrzehnte. Die Sachsen verbündeten sich mit den Bayern gegen die Franken. Patriotisch schlossen sich die Thüringer an, und ein Bruderkrieg nach dem anderen tobte im Land. Vom christlich-deutschen Weltreich blieb allein die Illusion.

Die Fürsten hatten Wichtigeres zu tun. Sie wandten sich den äußeren Feinden zu, indem sie den Islam nicht allzu üppig in urchristliche Reviere wuchern lassen wollten. Schamhaft nannten sie ihre christlich verbrämten Räubereien Kreuzzüge, tobten ihre Gelüste in Blechanzügen und Kettenhemden gegen Türken und Araber aus und gründeten Königreiche, wo sie nichts zu suchen hatten.

Die Globalisierung hatte begonnen. Über die Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten war die Einheit der europäischen Nationen in den Hintergrund gerückt. Im Gefolge der Kreuzritter marschierten Halsabschneider und Wucherer, also Händler und Kaufleute.

Derweil ging es zu Hause drunter und drüber. Deutsche Fürsten hatten den Wenden Mecklenburg und Pommern gestohlen, Heinrich der Löwe verdarb es mit Kaiser Rotbart, der entzog ihm Ländereien, schenkte Bayern einem gewissen Wittelsbach und zerstückelte Sachsen. Der Papst nutzte die weltlichen Wirren und ernannte sich selbst zum unfehlbaren Stellvertreter Gottes auf Erden.

Von den Hochaltären der Kathedralen verlasen Priester in kunterbunten Gewändern das Einmaleins der kirchlichen Verhaltensregeln, und wer denen nicht folgte, wurde zu Testzwecken mit einem Stein am Hals ins Wasser geworfen. Blieb der so Geprüfte demütig unter Wasser, hatte er den Beweis seiner Unschuld erbracht.

In den heimischen Klein- und Kleinststaaten grassierte Monarchenverdrossenheit. Keiner wollte mehr eine deutsche Königskrone tragen. Man hätte sie bei eBay zu Spottpreisen anbieten können. Doch weil es das Internet noch nicht gab, wurden die Kronen per Boten im Ausland verhökert, zum Beispiel an den Engländer Richard von Cornwall oder an König Alfons von Kastilien. Die ließen sich die Würde einiges kosten, durften sich deutsche Könige nennen und hatten null Macht. Denn in der kaiserlosen Zeit galt allein das Faustrecht, und die Landesfürsten schalteten und walteten nach Gutsherrenart.

Deutschland war so verkommen, dass die einstmals ehrbaren Ritter zu Strauchdieben wurden. Raubritter hießen die Vorbilder der Jugend. Wer im Kindesalter als Page in die Dienste eines Ritters trat, lernte frühzeitig mit Waffen umzugehen. War der Page älter und sein Herr zufrieden, erlangte er den Status eines Knappen, der seinem Gebieter in die Schlachten folgte und ihm die Waffen hinterhertrug. Hatte der Knappe überlebt und verstand sich aufs Rauben und Plündern, wurde er eines Tages zum Ritter geschlagen.

In England, wo das Rauben und Plündern den Adel inzwischen nicht mehr in solcher Weise prägt, ist das bis heute üblich. Die Königin schlägt ab und zu berühmte Persönlichkeiten zu Ritter oder Ritterin. Die Ritterin darf sich danach Dame nennen und in Deutschland zum Beispiel alle Räume betreten, an deren Türen geschrieben steht: „Nur für Damen“.

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Als das Hin und Her zu keinem richtigen Ergebnis im Sinne eines vereinten Deutschlands führte, wurde das Mittelalter kurzerhand für beendet erklärt. Gerade noch hatte Berthold Schwarz – bezeichnenderweise ein Mönch – das europäische Schießpulver erfunden, mit dem Kriege von nun an mehr Spaß machten. Johann Gutenberg schuf mit dem Buchdruck eine nicht weniger gefährliche Waffe.

Ach ja, hinter den Westindischen Inseln hatte Christoph Kolumbus Amerika entdeckt. Entdeckt ist eigentlich Blödsinn, denn Amerika war längst entdeckt. Unsere Vorfahren wussten nur nichts davon. Seit Columbus kann sich Amerika jedenfalls nicht länger vor Europa verstecken.

In den Kirchen wurde damals so gepredigt, dass die Gemeinde die Priester nicht verstand. Das hat sich bei politischen Veranstaltungen und Talkshows über Jahrhunderte nicht geändert, doch damals lag es hauptsächlich an der lateinischen Sprache. Ein einfacher Bauer sagte zu seinem Nachbarn auf der Kirchenbank: „Hier bin ich mit meinem Latein am Ende.“ Das ist eine der wenigen Wendungen, die sich erhalten haben. Noch nicht möglich war es damals zu antworten: „Ich verstehe nur Bahnhof“, weil es die Lautsprecheranlagen noch nicht gab.

Tatsächlich aber lebte damals ein Mensch, der sehr gut verstand, was da von den Kanzeln herunter gelogen und betrogen wurde. Nanu, dachte Martin Luther, was predigen die da von Heiligenverehrung, von Stellvertreter Gottes auf Erden und von Fegefeuer? Ihn störte, dass der Papst Geld dafür kassierte, die Seelen armer Teufel aus dem Fegefeuer in den Himmel zu befördern. So etwas hatte der in seinem Job unentgeltlich zu bewerkstelligen.

Der Augustinermönch war stinksauer und nagelte am 31. Oktober 1517 seinen Protest an die Schlosskirche zu Wittenberg. Ein Glück für die Deutschen, dass Luther auf dem Reichstag zu Worms seine Kritik nicht widerrief oder kleinlaut meinte, er habe das nicht so gemeint oder er sei aus dem Zusammenhang zitiert worden. Er hatte den Arsch in der Hose zu sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Und Gott möge ihm helfen. Der ließ ihn heimlich auf die Wartburg bringen und die Bibel übersetzen, die den deutschen Stämmen eine einheitliche Sprache gab.

Auf dieser Grundlage hätten die Königreiche, Herzog-, Fürsten- und andere -tümer ohne Verständigungsschwierigkeiten zusammenlegt werden können. Das Dumme war, dass es inzwischen zwei christliche Kirchen gab, die der Katholiken und die der Abweichler, gewissermaßen der Linken unter den Christen – der Protestanten. Jeder noch so kleine Herrscher wählte für sich eine Kirche aus, an die auch seine Landeskinder zu glauben hatten. Da man der anderen Glaubensrichtung nicht sehr freundlich gegenüberstand, klappte das wieder nicht mit einig Vaterland.

Die Protestanten setzten sich in Nord- und Mitteldeutschland durch, im Süden wurde sie verboten, vertrieben und sogar verbrannt. Die Katholiken gründeten eine Liga, die Protestanten eine Union und bereiteten so die Religionskriege vor, die schließlich dreißig Jahre dauerten. Danach gab es in Deutschland, das an vielen Ecken und Enden kleiner geworden war, an die dreihundert Einzelstaaten mit der vollen Souveränität, Bündnisse zu schließen. Also jeder konnte jeden mit jedem an seiner Seite bedrohen. Die Deutschen waren unendlich weit davon entfernt, ein Volk zu sein. Viele Generationen schrieben diese Hoffnung in den Wind.

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In kaum einem Jahrhundert wurde die Einheit der Deutschen so umworben, erkämpft, verspielt und missbraucht wie im neunzehnten. Das Hauptübel war zunächst Napoleon. Anstatt sich um die Fortführung von Liberté, Égalité, Fraternité in Frankreich zu kümmern und die Guillotine abzuschaffen, wollte er Europa auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einschwören, eben nur nicht freiwillig. Sein bevorzugtes Arbeitsgerät waren Kanonen. Ein Stückweit gelang ihm das auch, doch als der Franzosenkaiser die Russen persönlich in die Gemeinschaft holen wollte, verließen die fluchtartig das heiß entflammte Moskau. Sie hatten, wie später mehrfach, einen unschlagbaren General namens Winter auf ihrer Seite.

Irgendwie ging das mit der europäischen Einigung wieder schief, wenngleich die Bürokratie inzwischen schon weit fortgeschritten war. Allerdings wundert die verfehlte Einheit Europas nicht, solange deutsche Patrioten dichteten: „Wo jeder Franzmann heißet Feind,/Wo jeder Deutsche heißet Freund –/Das soll es sein!/Das ganze Deutschland soll es sein!“

Franzmann Bonaparte durfte nach seinen missglückten Versuchen bei Leipzig und Waterloo schließlich auf Helena sein Leben aushauchen. Das später in seinen Haaren entdeckte Arsen kann nicht mit Sicherheit Gegnern der europäischen Einheit in die Schuhe geschoben werden. Die hatten ihre Lobby auf den Wiener Kongress geschickt, der im Haus Europa aufräumen sollte. Doch leider wurde dort – einem UfA-Film zufolge – immer nur getanzt. Daran mag es gelegen haben, dass Deutschland nach dem Kongress aus einem Kaiserreich, fünf Königreichen, einem Kurfürstentum, sieben Großherzogtümern, zehn Herzogtümern, elf Fürstentümern und vier reichsfreien Städten, also aus 39 Einzelteilen bestand. Und alle regierenden Fürsten hatten wieder einmal die Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. Nichts da mit deutscher Einheit.

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Um ungefähr zu wissen, wo sie hingehörten, vereinten sich die Einzelstaaten zum Deutschen Bund, der vorwiegend von den Österreichern beherrscht wurde, die sich als einzige noch einen Kaiser leisteten. Das wiederum passte den Preußen nicht. Die überlegten, wie sie die Österreicher auf friedliche Weise aus dem Weg räumen könnten und erfanden 1833 den Deutschen Zollverein, in den sie Österreich einfach nicht aufnahmen.

Heinrich Heine gab sich der Illusion hin: „Der Zollverein/Wird unser Volkstum begründen,/Er wird das zersplitterte Vaterland/Zu einem Ganzen verbinden…“ So also irrte der Dichter. Die Habsburger in Wien waren nicht gut auf die Hohenzollern zu sprechen und versuchten, so gut sie konnten, zurückzuschlagen. Eines ihrer Opfer war der Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung Robert Blum, der 1848 in Wien aufgegriffen und am 9. November standrechtlich erschossen wurde. Von da an war dieser Tag wie ein Menetekel an die Wand der deutschen Geschichte geschrieben.

Standrechtlich hieß übrigens, man muss sich nicht weiter aufregen, der Mord geht in Ordnung. Irgendwann war das Maß voll und das Ziel erreicht – sieben Wochen Bruderkrieg brachten Klarheit. Nach der Schlacht bei Königgräz wurden die Österreicher des Deutschen Bundes verwiesen und die Nation gespalten. Preußen gründete den Norddeutschen Bund, musste allerdings auf Baden, Bayern und Württemberg verzichten, die immer noch an Österreich hingen, dem sie beim Verlieren geholfen hatten.

Nach dem Ableben eines Herrschers oder der Hochzeit seiner Kinder wurden die kleinen Länder vererbt und weiter aufgeteilt. Das brachte Namensmonster wie Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach oder Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg zustande. Heinrich Heine formulierte in diesem Fall treffsicher: „Das halbe Fürstentum Bückeburg blieb mir an den Stiefeln kleben“.

Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, dachte Preußens Otto von Bismarck, wenn man das Reich nicht einigen könnte. Kurzerhand fälschte er ein Telegramm seines Kaisers und verärgerte damit die Franzosen, die nicht hinnehmen wollten, dass ein Hohenzoller den spanischen Thron besteigt. Sie erklärten Preußen den Krieg. Darauf hatte Bismarck gesetzt, denn die süddeutschen Staaten ließen alle Streitigkeiten beiseite, eilten spornstreichs zu den Waffen und an Preußens Seite.

War Deutschlands Einheit vollbracht? In einem Pariser Vorort ließ Bismarck den preußischen König zum deutschen Kaiser krönen. Den Vorschlag hatten ausgerechnet die Bayern unterbreitet, denen Bismarck dafür neben anderen Dingen auch den Bau von Schloss Schwanstein finanzierte. Die bayerische Kriechspur zu den siegreichen Preußen war inzwischen so breit, dass später darauf eine Autobahn zwischen München und Berlin gebaut werden konnte.

Versailles verhieß zwar eine Reichseinigung von oben, doch die änderte nichts daran, dass unten die Kleinstaaterei weiter wucherte und viele Mauern hätten abgerissen werden müssen, um eine Einheit herzustellen.

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Das zwanzigste Jahrhundert war angebrochen. Der deutsche Kaiser hatte gerade seine GI´s nach China geschickt, um östlich seiner Landesgrenzen für Ordnung zu sorgen. „Die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen“, überschätzte sich Willem zwo maßlos.

Originalton seiner „Hunnenrede“: „Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“ Die meiste Zeit aber mussten die Deutschen ohne Kaiser auskommen, weil der sich ab Herbst 1918, nachdem er seinen eigenen großen Krieg gegen alle Welt verloren hatte, nicht mehr auf die Straße, geschweige nach Berlin traute. Er fürchtete, seine eigenen Soldaten würden ihm gegenüber möglicherweise kein Pardon geben. Mit dem Nötigsten aus Haus und Hof ausgerüstet, brachte ihn ein langer Hof- und Güterzug nach Holland.

Weil das mit dem zweiten deutschen Reich auch nicht so richtig geklappt hatte, einigten sich die Deutschen darauf, es mit einer Republik zu versuchen. Da sich in jenen Tagen in Berlin Rechte und Linke und ganz Rechte und ganz Linke die Köpfe einschlugen, wichen die Gründer nach Weimar aus und beschlossen eine erste republikanische Gebrauchsanweisung, die Weimarer Verfassung. Die enthielt alle Möglichkeiten, dass sich die Deutschen bald wieder zu einem neuen, zu einem dritten Reich mausern konnten. Weil viele das nicht wollten, fiel das Volk auseinander wie nie zuvor in der Geschichte.

Die einen wollten Krieg, die anderen nicht. Für letztere wurden Lager und Hinrichtungsstätten gebaut. Und weil Deutscher nur sein durfte, der so ähnlich aussah wie ein Gefreiter aus dem Weltkrieg mit schmalem Bärtchen und ebensolchem Verstand, wurden viele aussortiert und beseitigt.

„Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, versprach der frühere Postkartenmaler seiner vermeintlichen Rasse, bis sich herausstellte, dass er sich übernommen hatte. Der Verantwortung für sein Unheil entzog er sich, indem er sich dem Scheiterhaufen übergab, ohne auch nur entfernt die Größe eines Jan Hus oder Giordano Bruno erreicht zu haben.

Das Reich war wieder einmal am Ende, nachdem es mehr Unfrieden gestiftet hatte, als alle deutschen Reichen und Reiche vordem zusammen. Aus prophylaktischen Gründen nahmen sich die Sieger des zweiten großen Krieges des deutschen Reichsadlers an, stutzten ihm gehörig die Flügel und tranchierten ihn.

Nachdem die Welt sich in eine christlich-kapitalistische und eine unchristlich-kommunistische gespalten hatte, blieb den Deutschen nichts weiter übrig, als sich in ihren jeweiligen engen Grenzen einem dieser Reiche anzuschließen. Zur Freude vieler Nachbarn schien die Aussicht auf ein großes Deutschland bis in alle Ewigkeit vertan.

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Aber wie das mit Ewigkeiten so ist… Der Gedanke der Einheit schwelte vor sich hin. In Deutschland bildeten sich zwei Seiten heraus, die gegeneinander standen, wie es diametraler nicht ging. Die einen wollten die Einheit und schrieben sie sogar in ihr Grundgesetz. Die anderen wollten sie auch und riefen „Deutsche an einen Tisch“. Aber man kam und kam sich nicht näher. Das änderte sich erst, als jede Seite etwas anderes wollte und der östliche Teil, der seinen Bewohnern verbot in den westlichen Teil zu schauen, einen scharf bewachten Limes gebaut hatte. Von da an erfolgte eine schrittweise Annäherung.

Bonn rückte ein Stück näher an Wladiwostok und Ostberlin wurde zugestanden, dass es früher einmal zu Deutschland gehörte. Dennoch wurden es immer weniger Landeskinder, die sich den Weg in das neue Konsumreich ausreden ließen. Das machte deren Wirtschaft hellhörig, und ihren Wirtschaftsführern lief der Speichel im Mund zusammen: Sechzehn Millionen potenzielle Kunden für unsere Erzeugnisse, dafür lohnte es sich zu kämpfen.

Der Diktator im östlichen Teil Deutschlands verglich beide deutsche Teile unablässig mit Feuer und Wasser. Dabei muss er seine Hälfte dem feuchten Element zugeschrieben haben, denn bald stand ihm das Wasser bis zum Hals. Geheime Emissäre flitzten fortwährend an ganz geheime Orte und besprachen, wie das Problem zu lösen sei. Bald geschah es, dass in dem nur unzureichend versorgten Teil die Menschen auf die Straßen gingen, als träfe man sich zum 1. Mai. Doch ihre Losungen lauteten zum Beispiel: „Wir wollen raus!“ oder „Biete Mark Brandenburg, suche Westmark!“ und so weiter.

Kaum ein Jahr später war der ganze östliche Teil des gespaltenen Landes in den westlichen Teil integriert, allerdings die Bürger, die man scherzhaft Ossis nannte, blieben Ossis, und die Wessis, die sich stolz Wessis nannten, blieben Wessis. Nach Jahren des vergeblichen Versuchs, frei, gleich und brüderlich zu sein, war es allein die Wirtschaft, die davon profitierte. Alle anderen begriffen: Wir waren nie ein Volk!

(Aus: Als ein gewisser Erich in den Himmel kam und andere Satiren“, Edition Kindle)

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Das Kaisers neue Vorschläge

Als Bayern eine Maut einführen wollte

(frei nach Hans Christian Andsersen)

Vor vielen Jahren lebte einmal ein bayerischer Kaiser namens Seehofer, der so über die Maßen viel von schönen neuen Vorschlägen hielt, dass er all sein Geld ausgab, um nur immer recht viele Vorschläge zu haben. Für jede Stunde des Tages hatte er eine andere Idee, und wenn man sonst von einem Kaiser sagte: er sitzt mit seinen Räten im Rate, so hieß es von ihm immer nur: er steht vor seinen Vorschlägen und hält Musterung über deren Verwirklichung.
Nun kamen eines Tages zwei Spitzbuben in seine Kanzlei und gaben sich für Verkehrsexperten von einer besonderen Fertigkeit aus. Ihr Vorschlag, den sie zu unterbreiten hätten, sei von einem ganz besonderen Reiz, der würde das Ansehen des Kaisers weit über die Landesgrenzen hinaus vergrößern. Aber das allein wäre noch gar nichts. Der Vorschlag – dabei handelte es sich um die Einführung einer Straßenmaut für Automobile – hätte eine noch viel wunderbarere Eigenschaft. Jeder nämlich, der nicht für sein Amt tauge, oder ein Dummkopf wäre, für den scheine er völlig unrealisierbar.
Als der Kaiser das vernahm, freute er sich von Herzen. „Das ist ja gerade der Vorschlag, den ich brauche“, sagte er bei sich. “Wenn ich die Maut einführe, werde ich gleich wissen, wer ein Dummkopf ist und dahinterkommen, welche Leute in meinem Reich für ihr Amt untauglich sind. Ja, dieser Vorschlag muß sofort verkündet und in die Tat umgesetzt werden.“ Er ließ also den beiden Experten einen Beutel mit Gold überreichen, damit sie ungesäumt mit ihrer Arbeit beginnen könnten, und ein großer Saal der Staatskanzlei wurde ihnen als Büro eingeräumt. Für ihre Aufsicht setzte der Kaiser einen Minister ein, den er Dobrindt nannte.
Nach einiger Zeit dachte der Kaiser bei sich: „Ich möchte doch gern wissen, wieweit die beiden mit ihrem Maut-Vorschlag sind und ob er nicht bald für das ganze große Reich zu nutzen ist.“ Aber er wollte einstweilen noch nicht selber hingehen. „Ich will meinen Dobrindt hinschicken“, sagte er, „der kann am besten sehen, wie der Vorschlag sich ausnimmt, denn er ist kein Dummkopf, und niemand führt sein Amt besser als er.“ Als der Dobrindt in den Saal kam, wo die beiden Experten an leeren Tischen hockten, da riss er die Augen auf. „Lieber Gott im Himmel“, sprach er bei sich, „ich kann ja nicht das geringste von dem Vorschlag entdecken“, aber er ließ es sich nicht anmerken.
„Nun, Euer Exzellenz“, fragte einer der Experten, „Euer Exzellenz sagen ja gar nichts? Gefallen Euer Exzellenz unsere Details zur Maut gar nicht?“ „Aber nicht doch“, sagte Dobrindt und hob die Brille vor die Augen und starrte auf die leeren Papiere, „sie gefallen mir sogar allerliebst und ich werde dem Kaiser berichten.“ „Nun, das freut uns aufrichtig“, sagten die beiden Experten, und in der nächsten Woche verlangten sie noch einmal einen Beutel Gold.
Endlich aber ließ es dem Kaiser keine Ruhe mehr, und er machte sich mit seinem ganzen Hofstaat auf, um den Maut-Vorschlag zu sehen, und sein Dobrindt musste vorangehen. Die beiden Experten verneigten sich, als der Kaiser mit seinem Hofstaat in den Saal hineintrat, und der Dobrindt zeigte auf den leeren Tisch und sagte: „Hier, Euer Majestät, sind es nicht ganz herrliche Maut-Bestimmungen?“
„Gott im Himmel“, dachte nun auch Kaiser, „ich sehe ja nicht einen verwertbaren Vorschlag zur Maut! Sollte ich nicht zum Kaiser taugen? Das wäre ja ganz entsetzlich! Niemand darf etwas davon merken.“ Darum beugte er sich über den leeren Tisch und blickte auf und nieder und nickte gnädig mit dem Kopf. „Oh, es ist sehr schön“, sagte er dann, „und es findet meinen allerhöchsten Beifall.“ Da blickte auch sein ganzes Gefolge den leeren Tisch an, und alle nickten mit dem Kopf und alle sahen nichts und alle sprachen: „Wahrhaftig, es ist überaus schön, was ihr da macht, es ist nicht unwürdig geraten. Der Kaiser sollte den Vorschlag bei der großen Prozession in der Reichshauptstadt vorstellen.“ Damit war der Kaiser einverstanden und zur Belohnung verlieh er den beiden Experten seinen höchsten Orden und zeichnete sie mit dem Titel Maut-Junker aus.
In der Nacht vor der großen Prozession stellten sich die beiden Spitzbuden fleißig und schrieben mit ihren Fingern große Zeichen und Zahlen in die Luft, machten einen letzten Punkt und sagten: „So, jetzt ist der Maut-Vorschlag fertig.“ Am Morgen kam der Kaiser selbst, um den Vorschlag abzuholen. „Hier, Euer Majestät, ist der Vorschlag“, und der Experte hob beide Arme, als übergebe er einen wertvollen Vorschlag. Um sich nichts anmerken zu lassen, nahm der Kaiser aus den leeren Händen das nicht vorhandene Papier mit dem Vorschlag und sagte: „Ist er nicht schön geworden?“ Und sein ganzer Hofstaat rief wie aus einem Munde: „Ja, er ist sehr schön geworden.“
Niemand wollte zugestehen, dass er nichts sehe, denn dann wäre er ja als Dummkopf erkannt worden oder als untauglich für sein Amt. Nur ein junger Mann, der aus dem fernen Brüssel gerade in der Stadt weilte, rief: „Aber man sieht ja gar nichts. Das ist ja alles Blödsinn. So etwas wird man in Brüssel für das ganze große Reich nicht anerkennen.“
Dem Ministerpräsidenten kam es nun auch vor, als hätte der junge Mann nicht unrecht. Aber was sollte er machen? Er musste weiter so tun, als habe er nichts gehört, und hinter ihm tat sein ganzer großer Hofstaat, als habe er auch nichts gehört.

Seit jener Zeit heißt es in Bayern, wenn einer nichts Brauchbares zu Wege gebracht hat, der ist ja dobrindt.

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Aus der Welt der Arbeit

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