Archiv der Kategorie: Satire

Bulette akademisch gesehen

Wenn das rauskommt, was da reinkommt…

Das Verdienst einer ersten wissenschaftlich-kritischen Würdigung der Bulette kommt dem Akademiker Willy Bernsdorff zu, der 1936 an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin eine Dissertationsschrift zur Erlangung der veterinärmedizinischen Doktorwürde zum Thema: „Histologische Untersuchungen der Berliner Buletten. Eine kritische Gegenüberstellung“ einreichte.
Hier ein paar Auszüge:
„Sowohl auf dem Familientisch als auch bei der Beköstigung der Gäste in Speisewirtschaften spielt unter den sich längere Zeit haltenden Speisen die aus zerkleinertem Rind- und Schweinefleisch hergestellten gebratenen Fleischklöße eine recht bedeutsame Rolle. Diese Klöße erfreuen sich in Norddeutschland einer besonderen Beliebtheit, weil sie verhältnismäßig preiswert, schnell greifbar, bequem zu verpacken und auch recht schmackhaft sind und oben-drein sich längere Zeit unter geeigneter Aufbewahrung halten. Sie werden von Personen, die schnell einen kleinen Imbiss einnehmen wollen, gern gekauft. Besonders in Berlin stellt diese Art von Fleischklößen einen Hauptbestandteil des kalten Buffets des Berli-ner Gaststättengewerbes dar.“ …
„Diese Buletten werden in fast allen Gaststätten in den verschie-densten Preislagen von 0,10 RM ansteigend bis 0,50 RM feilgehal-ten. Da die Preise je nach der Lage des Lokals bei geringem Ge-wichtsunterschied schwanken, liegt die Möglichkeit vor, dass auch die innere Zusammensetzung der Buletten verschieden ist, dass vielleicht sogar minderwertiges Material zur Verarbeitung gelangt. … Wegen ihrer großen Verbreitung als Nahrungsmittel in öffentlichen Lokalen hat besonders die Lebensmittelüberwachung ein In-teresse daran, aus welchen Bestandteilen diese Buletten sich zusammensetzen.“ …
„Der Geschäftsführer eines Berliner Großbetriebes des Gaststätten-Gewerbes mit Kundschaft aus allen Volksschichten, äußert sich dahingehend, dass eine Bulette bestehen soll aus: 4/5 Fleisch, 1/5 Semmel und den übrigen Zutaten. Er fügt weiter hinzu, dass der Anteil an Semmeln bzw. Streckungsmitteln großen Schwankungen unterworfen ist.“
Der Doktorand analysierte eine Reihe von Buletten, die er in Berliner Lokalen erstanden hatte.
„Schmutziges Lokal im SO: Wirt entnimmt mit unsauberer Hand die Bulette einem Glasschrank. Äußere Beschaffenheit: Gewicht 112 g, sonst nichts Besonderes. Innere Beschaffenheit: Der Querschnitt ist trocken, mattgrau, weiche Konsistenz, Geruch nach Semmeln, hellgraue Teile von Erbsengröße – gekochte Kartoffeln – fallen neben glasigen Stücken von Hirsekorngröße, Zwiebeln und Gewürzen auf. Fleischstücke von Linsengröße und etwas Fett.
Lugol: Diffuse Blaufärbung – Kartoffeln. Hist.: Reichlich Muskulatur, mäßig Bindegewebe.“
Aus weiteren Analysen:
„Beim Schneiden 1 cm langer Nagel … Geschmack nach Semmeln und Zwiebeln.“
„Außenfläche uneben. Rissig mit 2 stecknadelkopfgroßen bis hirsekorngroßen Schimmelpilzen … Beim Schneiden fadenziehender Belag am Messer.“
„Wenig freundliches Lokal. Wirtin ist beim Verkauf aus Furcht vor amtlicher Untersuchung etwas ängstlich. Äußere Beschaffenheit: Gewicht 43 g. Auf der Außenseite ist eine Fliege mit eingebraten.“

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Buletten-Grundregeln

Für alle Geschmacks-Nuancen offen

Auf die richtige Hackfleischmischung kommt es an. Außer Rind- und Schweinefleisch gibt es viele weitere Möglichkeiten. Die einzelnen Hackfleischsorten sind in ihrer Geschmacksstruktur unterschiedlich zart oder kräftig. Das sollte beim Würzen beachtet werden, um den Eigengeschmack zu erhalten. Mit Gewürzen und Küchenkräutern lassen sich großartige Geschmacks-Nuancen erzielen.
Über Aussehen, Geschmack und Bekömmlichkeit der Buletten entscheiden auch das richtige Bratfett und die Hitze. Zu empfehlen sind Öl, Butterschmalz, Butter und Margarine. Das Hackfleisch auf keinen Fall zu scharf braten, aber auf jeden Fall gründlich durchgaren, um eine Keimbildung zu unterbinden.
Grundregeln:
– Brötchen in Milch oder Wasser einweichen. Brötchen gut ausdrü-cken und zum Hackfleisch geben, dadurch wird der Fleischteig schön locker.
– Statt Brötchen kann man auch Semmelmehl, geriebenes Schwarzbrot, Haferflocken oder Reis nehmen.
– Zwiebeln fein hacken und vorher kurz in Butter glasig schwitzen. Das ergibt eine wunderbare Geschmacksverbesserung und wirkt dem Säuern des Fleisches entgegen. Die Zwiebeln aber auf keinen Fall maschinell zerkleinern, damit sie nicht bitter werden.
– Hackfleisch, feingewürfelte Zwiebeln und Eier in eine Schüssel geben. Mit Salz, Pfeffer und Gewürzen abschmecken und mit jeweiligen Zutaten gut mischen. Aus der Masse mit in Wasserbad angefeuchteten Händen – damit das Fleisch nicht an den Händen klebt – Buletten formen und langsam durchbraten.

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Die Buletten Fibel

1. Wie die Bulette nach Deutschland kam

Die Bulette – nach landläufiger Meinung eine Ur-Berlinerin – ist, wie viele berühmte Berliner, nur zugereist. So wie Claire Waldoff, Heinrich Zille und Harald Juhnke. Das Auftauchen der ersten Bulette in Preußens Hauptstadt hatte jedoch einen zutiefst politischen Hintergrund.

Der Große Kurfürst der Mark Brandenburg, Friedrich Wilhelm, hatte an einem Novembertag des Jahres 1685 – weitsichtiger als nachfolgende Politiker-Generationen – sein Fürstentum zum Einwanderungsland erklärt. Im Grunde genommen wollte er den französischen König Ludwig XIV ärgern, weil dieser ihm 1684 die Unterstützung versagte, als das heutige Vorpommern den Schweden abgejagt und preußisch werden sollte. Ein Jahr später wurde in Frankreich das Edikt von Nantes aufgehoben, das bis dahin für ein friedvolles Zusammenleben von Katholiken und Protestanten, den sogenannten Hugenotten, gesorgt hatte, bot sich dem Großen Kurfürsten die Gelegenheit zur Retourkutsche.

Als in Frankreich 1685 die Hetzjagd auf die Hugenotten einsetzte und diese vor der Alternative standen, ihrem neuen Glauben abzuschwören oder gnadenlos verfolgt zu werden, erließ der Große Kurfürst am 8. November desselben Jahres das Edikt von Potsdam, mit dem er den Protestanten Asyl anbot.

Den Hugenotten wurden in der Mark Brandenburg großzügige wirtschaftliche Vorteile, Unterstützung und staatliche Fördermittel z.B. zur Gründung von Manufakturen zugesichert und gewährt. Die Franzosen verfügten über gutes handwerkliches Können und setzten richtungsweisende Akzente in Wissenschaft, Kunst und Ackerbau. Vom Handwerk bis zur Medizin kam ein mächtiger Auf-schwung ins Land, der sich wohltuend auf die Entwicklung des Königreichs Preußen auswirkte.

Bis zum Jahr 1700 hatten sich etwa 20.000 Hugenotten in Bran-denburg niedergelassen. In fast allen Städten bildeten sie französische Kolonien. In Berlin lebten etwa 6.000 Hugenotten, die ein Viertel der damaligen Bevölkerung ausmachten. Einige Generationen später dürfte in den Adern vieler „Ur“-Berliner immer auch einige Promille französischen Blutes geflossen sein. Zu den bekannten Nachfahren der aus Frankreich vertriebenen Hugenotten gehören die Vorfahren von Theodor Fontane, Günter Guillaume, Volker Bouffier sowie Lothar und Thomas de Maiziére.

Unter den zugereisten Franzosen wurden 45 Schuhmacher, 42 Goldschmiede, 41 Schneider, 36 Perückenmacher, 26 Bäcker und 25 Ärzte registriert. Die ebenfalls von den Hugenotten mitgebrachten „Bouletten“ und die Rezepte zu ihrer Herstellung werden bei historischen Würdigungen der Einwanderung oft genug unterschlagen.

Mancherorts trifft man bis heute noch auf die antiquierte Schreibweise „Boulette“, die auf den Ursprung des Wortes zurückgeht. Ein „boulet“ bezeichnete auf französischen Schlachtfeldern eine be-stimmte Art von Kanonenkugel – die sogenannte „Sechspfünder“. Der Name war auf eine Mannschaftskost übertragen worden, die im Felde schnell zubereitet, kräftig und von der Form her den „Sechspfündern“ sehr ähnlich war.

Nachdem die Bulette in Berlin heimisch geworden war, eroberte sie bald auch die Bierlokale. Sie gehörte bald schon in jeden „Hungerturm“, jenen in Kneipen von allen Seiten einsehbarer Glasschrank auf dem Tresen, aus dem der Wirt ein Solei, ein kaltes Schweinskotelett, einen Rollmops oder eine Bulette zum Bier oder Korn reichte. Die kleinen runden Fleischklößchen wurden immer beliebter. Sie gingen bald ein in den typischen Berliner Sprachgebrauch, der viele geflügelte Worte hervorbrachte. So wird eine kraftvolle Initiative achtungsvoll mit den Worten bedacht: „Der geht ‚ran wie Hector an die Buletten“. Spätere Ableger der Bulette nennen sich anderswo Fleischklößchen, Klops, Frikadelle oder Fleischpflanzerl.

Erst zweihundert Jahre später, Ende des 19. Jahrhunderts, kam mit dem legendären „Wurst-Maxe“ die Bockwurst in das Imbiss-Angebot. Da war die Berliner Bulette nicht mehr wegzudenken. Längst machte sich der Staat seine Sorgen um die Bulette. Für ihre Herstellung wurden strenge Regeln eingeführt. Für heute gilt in der Bundesrepublik die „Verordnung über Hackfleisch, Schabefleisch und anderes zerkleinertes rohes Fleisch (Hackfleisch-Verordnung – HFlV)“. Sie reglementiert sehr streng das „gewerbsmäßige Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen auch von Erzeugnissen aus zerkleinertem Fleisch“.

2. Buletten-Grundregeln

Für alle Geschmacks-Nuancen offen

Auf die richtige Hackfleischmischung kommt es an. Außer Rind- und Schweinefleisch gibt es viele weitere Möglichkeiten. Die einzelnen Hackfleischsorten sind in ihrer Geschmacksstruktur unterschiedlich zart oder kräftig. Das sollte beim Würzen beachtet werden, um den Eigengeschmack zu erhalten. Mit Gewürzen und Küchenkräutern lassen sich großartige Geschmacks-Nuancen erzielen.

Über Aussehen, Geschmack und Bekömmlichkeit der Buletten entscheiden auch das richtige Bratfett und die Hitze. Zu empfehlen sind Öl, Butterschmalz, Butter und Margarine. Das Hackfleisch auf keinen Fall zu scharf braten, aber auf jeden Fall gründlich durchgaren, um eine Keimbildung zu unterbinden.

Grundregeln:

– Brötchen in Milch oder Wasser einweichen. Brötchen gut ausdrücken und zum Hackfleisch geben, dadurch wird der Fleischteig schön locker.

– Statt Brötchen kann man auch Semmelmehl, geriebenes Schwarzbrot, Haferflocken oder Reis nehmen.

– Zwiebeln fein hacken und vorher kurz in Butter glasig schwitzen. Das ergibt eine wunderbare Geschmacksverbesserung und wirkt dem Säuern des Fleisches entgegen. Die Zwiebeln aber auf keinen Fall maschinell zerkleinern, damit sie nicht bitter werden.

– Hackfleisch, feingewürfelte Zwiebeln und Eier in eine Schüssel geben. Mit Salz, Pfeffer und Gewürzen abschmecken und mit jeweiligen Zutaten gut mischen. Aus der Masse mit in Wasserbad angefeuchteten Händen – damit das Fleisch nicht an den Händen klebt – Buletten formen und langsam durchbraten.

3. Bulette akademisch gesehen

Wenn das rauskommt, was da reinkommt…

Das Verdienst einer ersten wissenschaftlich-kritischen Würdigung der Bulette kommt dem Akademiker Willy Bernsdorff zu, der 1936 an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin eine Dissertationsschrift zur Erlangung der veterinärmedizinischen Doktorwürde zum Thema: „Histologische Untersuchungen der Berliner Buletten. Eine kritische Gegenüberstellung“ einreichte.

Hier ein paar Auszüge:

„Sowohl auf dem Familientisch als auch bei der Beköstigung der Gäste in Speisewirtschaften spielt unter den sich längere Zeit haltenden Speisen die aus zerkleinertem Rind- und Schweinefleisch hergestellten gebratenen Fleischklöße eine recht bedeutsame Rolle. Diese Klöße erfreuen sich in Norddeutschland einer besonderen Beliebtheit, weil sie verhältnismäßig preiswert, schnell greifbar, bequem zu verpacken und auch recht schmackhaft sind und oben-drein sich längere Zeit unter geeigneter Aufbewahrung halten. Sie werden von Personen, die schnell einen kleinen Imbiss einnehmen wollen, gern gekauft. Besonders in Berlin stellt diese Art von Fleischklößen einen Hauptbestandteil des kalten Buffets des Berli-ner Gaststättengewerbes dar.“ …

„Diese Buletten werden in fast allen Gaststätten in den verschie-densten Preislagen von 0,10 RM ansteigend bis 0,50 RM feilgehal-ten. Da die Preise je nach der Lage des Lokals bei geringem Ge-wichtsunterschied schwanken, liegt die Möglichkeit vor, dass auch die innere Zusammensetzung der Buletten verschieden ist, dass vielleicht sogar minderwertiges Material zur Verarbeitung gelangt. … Wegen ihrer großen Verbreitung als Nahrungsmittel in öffentlichen Lokalen hat besonders die Lebensmittelüberwachung ein In-teresse daran, aus welchen Bestandteilen diese Buletten sich zusammensetzen.“ …

„Der Geschäftsführer eines Berliner Großbetriebes des Gaststätten-Gewerbes mit Kundschaft aus allen Volksschichten, äußert sich dahingehend, dass eine Bulette bestehen soll aus: 4/5 Fleisch, 1/5 Semmel und den übrigen Zutaten. Er fügt weiter hinzu, dass der Anteil an Semmeln bzw. Streckungsmitteln großen Schwankungen unterworfen ist.“

Der Doktorand analysierte eine Reihe von Buletten, die er in Berliner Lokalen erstanden hatte.

„Schmutziges Lokal im SO: Wirt entnimmt mit unsauberer Hand die Bulette einem Glasschrank. Äußere Beschaffenheit: Gewicht 112 g, sonst nichts Besonderes. Innere Beschaffenheit: Der Querschnitt ist trocken, mattgrau, weiche Konsistenz, Geruch nach Semmeln, hellgraue Teile von Erbsengröße – gekochte Kartoffeln – fallen neben glasigen Stücken von Hirsekorngröße, Zwiebeln und Gewürzen auf. Fleischstücke von Linsengröße und etwas Fett.

Lugol: Diffuse Blaufärbung – Kartoffeln. Hist.: Reichlich Muskulatur, mäßig Bindegewebe.“

Aus weiteren Analysen:

„Beim Schneiden 1 cm langer Nagel … Geschmack nach Semmeln und Zwiebeln.“

„Außenfläche uneben. Rissig mit 2 stecknadelkopfgroßen bis hirsekorngroßen Schimmelpilzen … Beim Schneiden fadenziehender Belag am Messer.“

„Wenig freundliches Lokal. Wirtin ist beim Verkauf aus Furcht vor amtlicher Untersuchung etwas ängstlich. Äußere Beschaffenheit: Gewicht 43 g. Auf der Außenseite ist eine Fliege mit eingebraten.“

4. Der Buletten-Krimi

Die gebratene Alarmanlage

Die weiße Villa mit der großen Terrasse zum Park hinaus war an diesem schwülen Spätsommertag menschenleer. Die Besitzer, ein renommierter Toxikologe und leidenschaftlicher Hobbykoch, düste mit Gattin zu einem Einkaufsbummel in Richtung Paris, um das Wochenende mit einem Besuch im Louvre stilvoll zu verbringen.

„Schließ´ gut ab, Volker“, hatte die Frau ihren Mann gebeten. „Ich verstehe nicht, wie du so unbesorgt sein kannst, bei all unse-ren Antiquitäten und Kunststücken im Haus. Ist die Terrassentür auch gut verschlossen?“

„Kunstschätzen, Liebes, Kunstschätzen. Geh´ schon mal zum Taxi“, erwiderte der Professor, “ich schau noch einmal nach.“

Der Professor ging in sein Arbeitszimmer, danach in die Küche und saß zwei Minute später im Taxi. Nach der Terrassentür hatte er gar nicht gesehen.

„Alles in Ordnung“, sagte er zu seiner besorgten Gattin, die wie schon so oft vorwurfsvoll hinzufügte: „Unsere Nachbarn haben alle Alarmanlagen.“ Sie sagte das, als handele es sich bei Alarmanlagen um Statussymbole.

„Lass´ mal gut sein, Liebes“, entgegnete der Professor, „unsere Haus ist viel sicherer. Wer uns bestiehlt, wird nicht weit kommen.“

Ein nagelneues Sommerkleid einer Nachbarin, die gerade ihrem kleinen Porsche vor der Villa gegenüber entstieg, hatte die Auf-merksamkeit der Gattin auf wichtigere Dinge gelenkt.

*

Stunden später. Es war Mitternacht. Ruhe lag über der Villa, nur ein flauer Wind raschelte mit den Blättern der alten Eichen. Auf dem Nebengrundstück bellte ein Schäferhund, um sich aber gleich wieder geruhsam auszustrecken.

Hastig schlich ein Mann in Richtung der weißen Villa. Von der Terrasse aus verschaffte er sich mit einem Einbrecherbesteck se-kundenschnell Zutritt. Offensichtlich wusste er genau, dass sich niemand im Haus befand, denn er ging sehr zielstrebig durch die Zimmer. In einem Beutel ließ er eine Meissner Vase, zwei kleine Gemälde von der Wand über der Vitrine und einen dreihundert Jahre alten Leuchter verschwinden. Im Obergeschoss fand er kost-bare Münzen, eine Schatulle mit Schmuck und zwei goldenen Uh-ren.

Zum Abschluss seines Raubzuges betrat der Mann die geräumi-ge Küche, in der zu orientieren der Mondschein ausreichte. Zufrie-den mit sich und der Beute entnahm er dem Kühlschrank eine Flasche Bier, öffnete sie mit einem auf dem Tisch liegenden Öffner und nahm einen kräftigen Schluck. Seine Augen verfingen sich an einer Schüssel mit appetitlichen Buletten. Zur Krönung seiner erfolgreichen Tour stillte er mit drei Fleischkügelchen seinen Appetit, trank das Bier aus und machte sich leise und vorsichtig auf den Rückweg.

Als der Dieb die Terrassentür hinter sich zugezogen hatte, stan-den ihm dicke Schweißperlen auf der Stirn. In seinem Magen be-gann ein Krampf zu rumoren. Ein mulmiges Gefühl beschlich den Mann, der bereits Mühe hatte, das Raubgut zu tragen. Taumelnd schleppte er sich über die Terrasse und zehn Schritte weiter brach er auf dem kurz geschorenen Rasen zusammen. Er krümmte sich unter Schmerzen, die ihn den Verstand zu rauben schienen.

„Hilfe! Helft mir doch!“, rief er so laut er konnte. Der Hund auf dem Nebengrundstück schlug an.

„Was ist los, Astor“, rief der herbeieilende Nachbar und vernahm die Hilferufe. Er schaltete die Außenbeleuchtung ein und ging behutsam in Nachbars Garten. Mit einer Taschenlampe strahlte er den am Boden liegenden Mann an und sah dessen schmerzverzerrtes Gesicht.

„Wer sind Sie denn“, fragte er erstaunt, beugte sich zu dem Dieb und sah, wie seine Hände einen prall gefüllten Beutel weg zu schieben versuchten.

„Helfen Sie mir, ich sterbe“, stöhnte der Dieb.

„Sofort. Bleiben sie ruhig liegen, ich hole Hilfe.“

Der Mann rannte in seine Wohnung, griff sein Handy und rief den Notdienst an. Er legte den Kopf des Mannes auf ein Sofakissen, das er mitgebracht hatte und holte ihm ein Glas Wasser, nach dem er verlangt hatte. Wenige Minuten später fuhr ein Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht vor und gleich danach kam auch schon ein Notarztwagen.

*

Als der Professor und seine Gattin Sonntagabend aus Paris zu-rückkam, wurden sie seltsamerweise von einem Polizeibeamten auf ihrem eigenen Grundstück begrüßt.

„Guten Abend. Was ist los“, fragte der Toxikologe überrascht.

„Bei Ihnen wurde eingebrochen. Ihr Nachbar sagte uns, dass Sie üblicherweise um diese Zeit zurückkämen, da habe ich auf Sie gewartet.“

„Haben Sie den oder die Einbrecher erwischt?“, fragte der Professor.

„Ja, wir fanden einen Dieb halbtot im Garten liegend. Die Beute ist sichergestellt.“

„Wer hat ihn so zugerichtet?“

„Das wissen wir noch nicht, er liegt im Krankenhaus, wird aber durchkommen.“

„Kann er da nicht fliehen?“

„Nein, zwei Kollegen vom Streifendienst, die als erste am Tatort waren und ihr Haus inspizierten, liegen mit ihm in einem Zimmer. Es geht ihnen aber wesentlich besser.

Der Toxikologe und seine Gattin gingen nun schon etwas ruhiger gestimmt in ihr Haus. In der Küche sah die Ehefrau eine fast leere Schüssel mit kleinen runden Buletten auf dem Tisch stehen.

„Wo kommen die Buletten her“, fragte sie ihren Mann, der kurz nach ihr die Küche betrat.

Schnell nahm der Toxikologe die Schüssel vom Tisch und ging in sein Arbeitszimmer. Dabei sagte er zu seiner ziemlich ratlos blickenden Frau: „Du weißt doch, so einfach ist es nicht, uns zu bestehlen.“

Zufrieden mit der Antwort, steckte die Gattin, als ihr Mann die Küche verlassen hatte, rasch eines der Fleischklößchen in den Mund, das sie vor dem Eintreten ihres Gatten aus der Schüssel genommen und hinter sich gehalten hatte.

Alles in allem wurde es noch ein sehr aufregender Abend.

5. Buletten-Rezepte

(Aus dem Buch eines Teams unter Leitung  des Autors “Alles Buletti”)

(Die Rezepturen sind angelegt für jeweils zehn Personen)

Berlin-Brandenburger

1.200 g Mischhackmasse
2 Zwiebeln
2 Essiggurken
2 Tl grünen Pfeffer
Salz und Pfeffer aus der Mühle
2 Pefferschoten
2 El roten Paprika
250 g Öl oder Butterschmalz
100 g Butter
10 große Schusterjungen
100 g Meerrettich-Remoulade, 50 g Chilisoße
Salatblätter, Zwiebelringe, Paprikaschotenringe

Hackfleisch in eine Schüssel mit Öl, feingehackter Essiggurke, Zwiebeln, zerdrückten Pfefferkörnern und kleingeschnittener Pfefferschote zu einer Masse verarbeiten. Mit Salz, Pfeffer, Paprika würzen, zu flachen Buletten formen und saftig braten. Große Schusterjungen halbieren, die untere Hälfte mit Meerrettich-Remoulade bestreichen und einige Salatblätter auflegen. Darauf die warme Buletten anrichten, Zwiebel- und Paprikaringe darüber verteilen. Pro Bulette einen Esslöffel Chilisoße verteilen und mit der oberen Hälfte des Brötchens abdecken.

(Hinweis: Für die Meerrettich-Remoulade wird unter 100 Gramm fertige Remoulade ein Esslöffel scharfer Meerrettich gezogen.)

Spezialbulette

500 g Rinderhackfleisch
500 g Schweinemett
125 g feines Bratwurstmett
2 Brötchen
Milch zum Einweichen
2 Zwiebeln
2 El Butter
2 Eier, Pfeffer, Salz, Muskat
Butterschmalz oder Öl zum Braten

Brötchen mit Milch übergießen und einweichen, dann ausdrücken und zur Hackfleischmischung geben. Die feingehackten Zwiebeln in der Butter glasig anschwitzen, zum Hackfleisch geben, die Eier zufügen, Gewürze untermischen und gut durchkneten und braten.

Pfefferbrötchen

10 Brötchen
1.250 g gemischtes Hackfleisch
2 El grüner Pfeffer
1 Bund Petersilie
2 Eier
2 El Senf
4 cl Weinbrand
1 Tl Paprikapuder
1 Tl Curry
Salz und Pfeffer aus der Mühle
125 g geriebener Schnittkäse

Von den Brötchen einen Deckel abschneiden und Brötchen aus-höhlen. Hackfleisch in einer Schüssel mit den Eiern Pfefferkörner, der gehackten Petersilie, dem Senf und Weinbrand zu einer Masse verarbeiten. Mit Paprika, Curry, Salz und Pfeffer würzen. Hack-fleischmasse in die Brötchen füllen, mit Reibkäse bestreuen und ca. 15 Minuten bei 200 Grad überbacken.

Bulette arabisch

1.200 g Lammschulter
100 g Reis gegart (keine Kochbeutel)
2 kleine gewürfelte Paprikaschoten
2 Eier
2 El Backobst geschnitten
1 El zerkleinerte Pistazienkerne
Piment gemahlen
1 El gehackte Pfefferminzblätter
1 Tl Knoblauchgranulat
2 El Vegeta (Gewürzmischung)
Salz und Pfeffer aus der Mühle
250 g Öl oder Butterschmalz

Lammschulter durch die feine Scheibe drehen. Reis (etwas klebrig), Eier, Backobst, Pistazienkerne, gehackte Minzblättchen alles zu einer Masse verarbeiten und mit den Gewürzen abschmecken. In der Pfanne oder auf dem Grill saftig braten.

Bulette spanisch

1.500 g gemischte Hackmasse
10 gefüllte Oliven
2 Messerspitzen Knoblauchpulver
250 g Öl
10 mit Kapern gefüllte Sardellenringe
0,1 Ltr. trockener Rotwein
5 El Tomatenmark
100 g Curry-Ketchup
1 Tl getrockneter Oregano
3 Tomaten

Oliven kleinwürfeln und mit dem Knoblauchpulver unter die fertige Hackmasse geben. Buletten formen und in Öl braun braten. Tomatenscheiben von beiden Seiten im Bratfett der Buletten braten, auf den Buletten anrichten und die Sardellenringe darauf geben Bratfonds mit Rotwein ablöschen, Tomatenmark mit Ketchup und dem Oregano verrühren, unter die Soße ziehen und alles kurz aufkochen lassen. Mit Salz und weißem Pfeffer abschmecken. Die Buletten mit der Soße servieren.

Schweizer Hacksteaks

125 g Edamer im Stück
1.000 g Schweinhackmasse
125 g Kalbsleberwurst
100 g Thüringer Bratwurstmasse
2 Bund gehackte Petersilie
5 Eier
600 g Maiskörner aus der Dose
200 g Öl
50 g Butter
100 g ungesüßte Schlagsahne

Den Käse in kleine Würfel schneiden, mit dem Hackfleisch, der Le-berwurst, der Bratwurstmasse, den Eiern und der Petersilie vermischen. Hacksteaks formen und in Öl saftig braten. Mais in Butter schwenken, mit der Sahne ablöschen und Hacksteaks darauf an-richten.

Bulette nordisch

1.200 g Rinderhackfleisch
2 Eier
2 Brötchen in Milch eingeweicht
5 El gehackte rote Bete
50 g feine Karottenwürfel
1 Stange Lauchringe
2 Zwiebeln
2 El Kapern
5 gehackte Sardellen
2 El Crème fraîche
1 Bund gehackte Petersilie
Salz und Pfeffer aus der Mühle
2 El Vegeta (Gewürzmischung)
4 cl Malteser Kreuz
50 g Butter

Rinderhackfleisch mit den ausgedrückten Brötchen, den Eiern, gehackten Kapern Sardellen, Petersilie, der roten Bete und den Gewürzen gut durchmischen. Feine Zwiebel- und Karottenwürfel sowie die Lauchringe kurz in Butter schwenken, etwas abkühlen lassen, Creme fraiche und Malteser Kreuz unter die Masse ziehen und nochmals gut durcharbeiten. In Öl oder Butterschmalz saftig braten.

Bulette südamerikanisch

1.200 g Mischhackfleisch
3 abgezogene, gewürfelte Tomaten
1 kleine Dose Mais
10 gehackte Oliven
Cayenne-Pfeffer
1 gewürfelter grüner Apfel
3 Knoblauchzehen
3 El Sultaninen
3 El süße Mandelblättchen
4 cl Tequila
250 g Öl oder Butterschmalz

Mischhackfleisch nach Standartrezeptur mit den Tomatenwürfeln, dem Mais, den gehackten Oliven, dem gewürfelten Apfel, den fein-gehackten Knoblauchzehen, den Mandelblättchen und Sultaninen gut durchmischen. Nochmal mit Cayenne-Pfeffer der Masse die notwendige Schärfe verleihen. Buletten formen und in Öl oder But-terschmalz braten.

Bulette indisch

800 g Rinderhackfleisch
400 g Putenhackfleisch
2 Eier
100 g Semmelmehl
100 g klein geschnittene Ananas
5 klein geschnittene Aprikosen
3 gehackte Chilischoten (scharf)
2 El edelsüßer Gewürzpaprika
2 El Currypulver
2 Messerspitzen Kümmel
2 Tl grünen Pfeffer
Salz und Pfeffer aus der Mühle
1 Messerspitze geriebene Muskatnuss

Hackfleisch mit den Eiern, Semmelmehl und den Gewürzen gut mischen. Danach zur Masse die Ananas- und Aprikosenwürfel so-wie den grünen Pfeffer locker unterziehen. Sollte die Masse zu fest sein, etwas Ananas- oder Aprikosensaft zugeben. Buletten formen und in Öl oder Butterschmalz braten.

Bulette griechisch

1.200 g Mischhackmasse nach Rezeptur
3 Knoblauchzehen
150 g Fetakäse
10 gewürfelte Oliven
3 Tomaten
1 Bund Basilikum
Salz und Pfeffer aus der Mühle
4 cl Ouzo (Anisschnaps)
250 g Öl oder Butterschmalz

Schafskäse zerdrücken, mit abgezogenen Tomaten- und Olivenwürfel, gehacktem Basilikum, der zerdrückten Knoblauchzehen und dem Ouzo mischen, unter die gewürzte Hackmasse ziehen und gut durcharbeiten. Buletten formen und in Öl oder Butterschmalz braten.

Spreewälder Hacksteak

1.200 g Mischhackmasse
100 g feine Lauchstreifen
100 g Meerrettich scharf
Salz und Pfeffer aus der Mühle
Majoran, Thymian, Kümmel
50 g Butter

Lauchstreifen in Butter schwenken, Meerrettich aus dem Glas, Salz, Pfeffer und die anderen Gewürze unter die fertige Hackmasse ziehen und gut durcharbeiten. Hacksteaks formen, in Butterschmalz oder Öl braten. Mit Spreewälder Gurken anrichten.

Hacksteaks Pusta

600 g Rinderhackfleisch
600 g Lammhackfleisch
2 Eier
100 g Schinkenspeck in Würfel
2 Brötchen eingeweicht
2 Zwiebeln feingewürfelt
3 bunte Paprikaschoten feinwürflig
3 Knoblauchzehen
Salz und Pfeffer
50 g Butter
Rosenpaprika
2 El Vegeta (Gewürzmischung)

Hackfleisch mit den Schinkenspeck- und Zwiebelwürfeln, den aus-gedrückten Brötchen, Eiern und den in Butter geschwenkten und würflig geschnittenen bunten Paprika gut mischen, die zerdrückten Knoblauchzehen und Gewürze zugeben. Hacksteaks formen und saftig braten.

Mexikanische Bohnensuppe

3 Zwiebeln
je 1 gelbe, rote und grüne Paprikaschote
2 Stangen Lauch
2 rote Chilischoten
Olivenöl
800 g Rindergehacktes
3 Knoblauchzehen
Salz und Pfeffer aus der Mühle
Oregano
Rosenpaprika
2 Btl. mexikanische Gewürzmischung
5-6 El Tomatenmark
etwa 1,5 l Fleischbrühe
1 große Dose Kidney Bohnen (800 g)
2 Bunde gehackte Petersilie

Zwiebeln abziehen, halbieren und in Scheiben schneiden. Paprika-schoten vierteln, entstielen, entkernen, die weißen Scheidewände entfernen, die Schoten waschen und in Streifen schneiden. Lauch in Ringe schneiden. Chilischote in kleine Stücke schneiden. Öl in einem Topf erhitzen und die Zwiebelscheiben darin andünsten, das Rindergehackte dazugeben und bei mittlerer Hitze anbraten, dabei die Fleischklümpchen zerdrücken.
Knoblauchzehe abziehen, durch eine Knoblauchpresse drücken und über das Gehackte geben. Mit Salz, Pfeffer, Oregano, Paprika und der mexikanischen Gewürzmischung würzen. Tomatenmark, Paprikastreifen, Lauchringe und die Chilischote dazugeben und umrühren, Brühe dazu gießen und etwa 15 Minuten leicht kochen lassen. Die Kidney Bohnen dazugeben und nochmals mit den Gewürzen kräftig abschmecken und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Lustige Berliner

100 g grüne Erbsen
2 mittelgroße Möhren
250 g Öl
2 Zwiebeln
1000 g Rinderhack
2 Eier
3 EL Semmelmehl
Salz, Pfeffer
10 Berliner Schrippen
2 Köpfe Eisbergsalat
150 g Tomatenketchup
1 halbe Salatgurke
10 kleine Tomaten in Scheiben
Pflanzenfett
10 Scheiben Schnittkäse

Gemüse putzen, grob raspeln, in Butter dünsten. Feingewürfelte Zwiebeln mit dem abgekühlten Gemüse zum Fleisch geben, Ei und Semmelmehl sowie Salz und Pfeffer zufügen. Alles gut miteinander durchkneten. Aus der Hackmasse Buletten formen und flach drü-cken. Brötchen halbieren. Auf die Unterseite jeweils 1 Salatblatt, darauf je einen Esslöffel Ketchup verteilen, Gurken- und Tomatenscheiben darüber schichten.
Berliner in Öl braten. Auf die Tomatenscheiben geben, mit Käse be-legen. Restliches Ketchup darauf verteilen, mit der Oberseiten des Brötchens abdecken und sofort verzehren.

Frikadellen mit Kräuterbutter

1.250 g Hackmasse gemischt
100 g Öl
80 g Butter
2 El gehackter Dill und Petersilie
1 Tl Selleriesalz
Saft einer halben Zitrone
Worchestersoße

Frikadellen formen und im heißen Öl braun und knusprig braten. Butter weich kneten und das gesammelten Wasser entfernen. Die gehackten Kräuter, den Zitronensaft, Selleriesalz und einige Tropfen Worchestersoße in die Butter mischen, zu eine Wurst rollen und kaltstellen. Frikadellen in Öl braten, heiß auf dem Teller anrichten, leicht aufreißen und mit Kräuterbutter füllen.

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Die Rettung

 

Tag für Tag fährt ein Mann im Rollstuhl
zum Fluss mit dem steilen Hang,
träumt Geschichten aus großen Romanen,
sein Alltag ist einsam und lang.
Er träumt von Heldentaten,
die der Dichter ihm geschenkt.
Denn ein Unfall hat sein Leben
in unheldische Bahnen gelenkt.

 

Als er eines Tages wie üblich
die gewohnte Tour unternahm
und das Ufer des Flusses erreichte,
einen gellenden Schrei er vernahm.
Ein Kind schrie verzweifelt um Hilfe,
es rang mit des Wassers Flut.
Da vergaß der Mann im Rollstuhl
sein eigenes höchstes Gut.

 

Er fuhr an den Rand des Ufers,
kein Zögern gab es für ihn,
er stürzte um den Rollstuhl
und ließ in die Fluten sich ziehn.
Des Schwimmens mit Händen kundig,
bewältigte er die Gefahr
und zog den Jungen ermattet
bis an das Ufer gar.

 

Er selber blieb hilflos liegen,
als wenn ein Fisch er sei
und träumte vom Glück seines Lebens,
das längst noch nicht vorbei.
Die glänzende Rettungsmedaille –
er hat sie nie angetan.
Viel wichtiger ist ihm gewesen,
war er für sich selbst getan.

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Sachsens no hau

 
Die alten Sachsen waren helle,
die hatten Herz und auch Verstand,
die machten nichts so auf die Schnelle
beiderseits vom Elbestrand.
Sie schufen weißes Gold aus Erde,
das schönste Porzellan der Welt,
erfanden auch den schnellen Audi
und den Filter, der den Kaffee hält.
Doch der Sachsen liebstes Elexier
war und ist das Radeberger Bier
 
Und wer ist an allem schuld?
Karl May und Richard Wagner,
Wehner, Ulbricht und die Witt
prägen wie schon Gräfin Cosel
Sachsens Image weltweit mit.

 

Die alten Sachsen waren helle,
die machten Licht wo´s dunkel war,
erfanden einst die Gaslaterne
und auch die Kleinbildkamera.
In Sachsen steht das Blaue Wunder
und die größte Ziegelbrücke der Welt.
Hier entstand die erste Tageszeitung
und der Beutel, der den Tee enthält.
Doch der Sachsen liebstes Elexier
war und ist das Radeberger Bier

 

Und wer ist an allem schuld?
Cranach, Horch und Johann Böttger,
Robert Schumann, Bach und Jähn,
auch Herr Leibnitz und Ardenne
fanden Sachsen sehr mondän.

 

Die alten Sachsen waren helle,
schufen Berge nur aus Sand,
locken mit Burgen und Schlössern
Millionen Touristen ins Land.
Aus Sachsen stammt der Lodenmantel
der in Bayern Nationaltracht ist,
sie erfanden den Webstuhl und die Uhr,
die am Armband zu tragen ist.
Doch der Sachsen liebstes Elexier
war und ist das Radeberger Bier

 

Und wer ist an allem schuld?
Schreber mit den kleinen Gärten,
Gottfried Semper, Adam Ries,
Webers Freischütz, Kästners Emil
alle Leipzigs Brockhaus pries

 

Die alten Sachsen waren helle,
sie liebten stets die Frohnatur,
so erfanden sie vor hundert Jahren
den Büstenhalter für die Figur.
Weltberühmt die Plauener Spitze,
geklöppelt und geschätzt weithin,
wie auch der Bierdeckel aus Pappe,
so macht doch alles seinen Sinn.
Doch der Sachsen liebstes Elexier
war und ist das Radeberger Bier

 

Und wer ist an allem schuld?
Philipp Reclam und Gert Fröbe,
Lessing, Ballack, Pöppelmann
zeigen wie einst Martin Luther
was ein Sachse alles kann,

 

Doch der Sachsen liebstes Elexier
     war und ist das Radeberger Bier.
Doch der Sachsen liebstes Elexier
     ist und bleibt das Radeberger Bier.

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DDR-Spottgedichte

In der DDR konnte es schon mal geschehen, dass man im Briefkasten ein anonym eingeworfenes Papier fand, auf dem gereimt oder ungereimt die Meinung bzw. die Unzufriedenheit mit dem einen oder anderen Zustand formuliert war. Und wenn es auch nur ein winziges Stück Papier war, mit dem vor Kriegsspielzeug für die Kinder gewarnt wurde.

Einige Beispiele habe ich damals aufbewahrt, weshalb ich auch Autor und Ursprung der jeweiligen Schrift nicht nennen kann. Aber es ist allemal wert, daran zu erinnern. Im Folgenden zwei solche anonymen Schreiben, von denen sich eines bissig-spöttisch mit der „Inter“-Manie der DDR auseinandersetzt, weil auf diesem Weg die klammen Kassen mit „harter Währung“ gefüllt wurden. Zum anderen wendet sich ein Gedicht gegen die Bevorzugung von Ostberlin auf Kosten der DDR-Bezirke.

Berlinged1a  Berlinded2a

Berlinged3a

Interfimmel

                                     Inter- Inter- Inter…
Es stinkt so langsam schon zum Himmel, der so genannte „Inter-Fimmel“,
als Intershop und Intertank, auch Interflug gibt´s, Gott sei Dank.
In vielen Städten baut man heuer, Interhotels ganz groß und teuer.
Der große Knüller, den wir sah´n, steht an der Leipziger Autobahn.
Ein Parkplatz nur für West-Touristen, für den Fall, dass sie mal müssten!!!
gibt´s ein blau-gefliestes Inter-Clo – darauf sie sitzen mit dem Popo!
In diesen stillverträumten Winkeln kann man für Westgeld pinkeln.
Legt sich bei uns der Darm in Falten, wir dürfen dort nicht einmal halten,
hocken stöhnend in den Büschen, müssen mit Laub uns den Hintern wischen.
Um kalte Backen pfeift der Wind, nur weil wir keine Inter… sind.
Nun fehlt uns neben Frau und Suff, bloß noch ein schöner Interpuff –
damit ein devisenträchtger Mann dann auch mal Inter-Bumsen kann.
 
Kinderspielzeug
Weniger satirisch gemeint ist der Text auf dem nur fünf mal siebeneinhalb Zentimeter kleinen Zettelchen, das ich eines Tages auch in meinem Briefkasten fand und das mir Respekt vor denen abnötigte, die sich der Gefahr aussetzten. Ich nehme an, es kam aus kirchlichen Kreisen. Leider weiß ich nichts Näheres.

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Aphorismen

Noch haben reiche Deutsche nicht so viel Schaden angerichtet wie Deutsche Reiche. Aber das kann sich ändern.

*

Irreführung der Behörden wird strafrechtlich verfolgt. Was geschieht bei Irreführung durch die Behörden?

*

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Und dahinter?

*

Er hat einen gesunden Mutterwitz, sagen die Leute. Dabei war der Vater der Komischste in der Familie.

*

Es ist keineswegs geschmacklos, wenn ein Altenheim im Jugendstil eingerichtet wird.

*

Man sollte nicht die Nase darüber rümpfen, dass ein katholischer Priester anonym für eine Samenbank spendet. Wie sonst sollen seine orthodoxen Gene für die Nachwelt erhalten bleiben?

*

Wenn Ausbeutung unter Strafe stünde, wäre der Mindestlohn kein Thema für die Politik. Allenfalls für den Staatsanwalt.

*

Pluralismus ist die Kunst des Kapitals, seine Gegner in viele ungefährliche Gruppen zu zerlegen.

*

Nach einschlägigen Erfahrungen zu urteilen, scheint es mehr geschiedene Frauen als Männer zu geben.

*

Seltene Berufe: Raumschiffkonstrukteur, Raumfahrtspezialist, Raumfahrer, Raumpflegerin…

*

Er war ein guter Ökonom, er investierte in die Zementwerke von Rüdersdorf, die Ziegelwerke von Leipzig, die Chemiewerke von Bitterfeld und die Futterwerke von Parchim. Als wenig lohnenswerte Kapitalanlage sah er die Orgelwerke von Bach.

*

Er war wohlhabend, ihm fehlte nichts. Als ihm plötzlich etwas fehlte, klagte er, dass er sich wünsche, ihm möge nichts fehlen. Dafür wolle er auch nicht mehr so wohlhabend sein.

*

In den Ansprüchen der Kinder erkennt man die Materialisierung eigenen Denkens.

*

Sitzungen wären als Stehungen viel kürzer.

*

Der Arbeitsrhythmus im Supermarkt war völlig durcheinander geraten. Nur langsam kam der alltägliche Gleichlauf wieder ingang. Der Grund: Ein Kunde hatt die ihm unbekannten Kassiererin unvermittelt gefragt, wie es ihr persönlich gehe.

*

Wenn der Reiche aus Übermut aus dem Blechnapf eine dünne Suppe löffelt, gilt er als einfach und bescheiden. Dem Armen ist das Alltag. Seine Bitte um ein Stück Fleisch heißt ihn habgierig und genusssüchtig. Dieser Unterschied macht Klassen. Womit geklärt wäre, warum die Armen zur Macht auch des Fleisches bedürfen, ohne sich Übermut leisten zu wollen.

*

Warum nur scheuen so viele Leute den Misserfolg? Dabei haben sie ihn im Gegensatz zum Erfolg ganz für sich allein.

*

Er wollte eine vorurteilsfreie Unterhaltung mit seinem Chef, doch es wurde leider nur eine zwanglos Aussprache.

*

Wer Armut nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte sich verschafft und ins Gespräch bringt, ist ein Tiefstapler.

*

Klage einer Dame vor dem geöffneten Kleiderschrank: Es ist schlimm, ich finde nichts Besonderes zum Ausziehen.

*

In jedem Mann steckt ein Kind, heißt es. Und doch hat noch keiner eins zur Welt gebracht.

*

Mir fehlen die Worte, sagte er und setzte zu einer langen Rede an.

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Einladungs-„Kunst“ der SED

Für viele ihrer pompösen Festlichkeiten, propagandistischen Aufmärsche, Empfänge und Großveranstaltungen beschäftigte das SED-Zentralkomitee und die Bezirksleitungen der SED Künstler, die ihre Einladungen gestalteten. Hier eine  kleine Auswahl, die auch zeigt, dass es auf Kosten nicht ankam.

Zum Beispiel bei dieser aus reinem Kupfer getriebenen Einladungskarte der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Sogar der „Nischel“, also der Kopf von Karl-Marx, wurde nicht vergessen.

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Weitere Einladungen zeigen den zum Marx-Engels-Platz umgetauften Schlossplatz nach Abriss des Berliner Stadtschlosses der Hohenzollern, bevor der Palast der Republik gebaut wurde. Im Hintergrund sind neben dem Fernsehturm (1969) noch das Rote Rathaus und sogar die Marien-Kirche neben dem ehemaligen Hotel Stadt Berlin zu sehen.

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Der Palast der Republik bot ab 1976 Gelegenheit,  mit dem „Palazzo Protzo“ oder „Erichs Lampenladen“ auf allen folgenden Einladungen richtig zu protzen. Dahinter verbargen sich viele nicht mehr sichtbare historische Bauwerke der Berliner Innenstadt. Als Umrahmung und zur Auflockerung der Moderne dienten gerade noch Schinkels Brückenfiguren bzw. seine  alten schönen Laternen.

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Bei Einadungen zu propagandistischen Großveranstaltungen und -aufmärschen durften natürlich die roten Fahnen nicht fehlen. Palast der Republik, Staatsratsgebäude und Haus des SED-Zentralkomitees bildeten gewissermaßen eine Einheit. Kenner der Geschichte wissen, dass Karl Liebknecht am späten Nachmitag des 9. November 1918 die sozialistischen Republik nicht vom Balkon des Schlosses ausgerufen hat, der deswegen in das Staatsratsgebäude eingebaut wurde. Er stand vor dem Schloss auf einem Auto, als er seinen berühmten Ausruf vornahm. Vom Balkon des Schlosses hingegen hatte Kaiser Wilhelm II. 1914 die Mobilmachung für den Weltkrieg verkündet.

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Mitunter fehlten die Fahnen, dafür wurden die Einladungen  in Gold auf farbigem oder auf weißem Hintergrund gedruckt. Erlaubt war, was den Herrschenden gefiel. Hauptsache golden!

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Kleinere Empfänge – beispielsweise für den sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko nach dem Sturz Ulbrichts – gab Honecker in kleineren, historisch und baukünslerisch sehenswerten Gebäude, zum Beispiel im gediegenen Palais Unter den Linden, dem einstigen Kronprinzenpalais. Auch der Fernsehturm war ein Statussymbol der DDR, mit dem Ulbricht und Honecker richtig vor ihren Gästen angeben konnten, zumal er aus ihren Arbeitszimmern gut zu sehen war. Vor dem Bau des Palastes der Republik (rechts)  der Fernsehturm  noch in Verbindung mit dem Hochhaus des Hotels Stadt Berlin.

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Manchmal ging es auch ganz ohne die gewaltigen Bauten der Moderne rund um den Schlossplatz, da mussten auf offiziellen Einladungen beispielsweise für ausländische Gäste die alten ehrwürdigen Bauwerke aus der Geschichte Berlins herhalten, z.B. die Staatsoper, die „Kommode“, die Universität und sogar das in den Achtzigerjahren wieder aufgestellte Reiterstandbild Friedrichs des Großen von C. D. Rauch, das bis dahin in Potsdam versteckt war.

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Doch wie auch immer, man hatte alles im Griff, bis eben 1989, da half es auch nicht mehr, wenn eine Hand die andere wusch. Von da an gab es nur noch Ausladungen mit wunderschönen lebendigen Bildern. Goldig.

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Merkels Fürsorge

Aus einem Interview mit Angela Merkel:

Frage: Wie stehen Sie zum Mindestlohn?
Antwort: Ich finde die situationsangepassten Mindestlöhne, wie wir sie in Deutschland haben, sinnvoll. Einen generellen Mindestlohn lehne ich ab. Für CDU und CSU ist das – anders als für andere Parteien – auch kein Thema.
(Aus dem Gespräch der Kanzlerin mit der ADAC-Zeitschrift „Motorwelt“. Allerdings muss in der merkelschen Sprachschablone das Wort Mindestlohn korrekterweise durch Tempolimit ersetzt werden.)
*
Übrigens setzt sich die Kanzlerin wieder einmal leidenschaftlich für die Autohersteller ein.  Jetzt korrekt:
Frage: Sie setzen sich in der EU dafür ein, dass sichtbare Kfz-Ersatzteile nur Original-Ersatzteile sein dürfen. Warum?
Antwort: Ich finde das richtig, weil es für mich auch eine Frage des Markenschutzes ist. Die Bundesregierung wird sich in Europa dafür einsetzen, dass wir einen angemessenen Designschutz für die Hersteller beibehalten.
*
Meine unbeantwortete Frage: Au weia, das kann teuer werden. Darf ich da an meinem Fahrrad trotz Marken- und Designschutz einen anderen, vielleicht bequemeren Sattel eines anderen Herstellers anbringen? Oder gilt Ihre Fürsorge nur der Automobilindustrie?

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Wir sind (k)ein Volk!

 Selten wurden Volksstämme derart über den Tisch gezogen wie der ostdeutsche, als es noch einen westdeutschen gab. Mit Kampesfrufen „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“ und ähnlichen Verbaldrogen wurden die Stammesmitglieder für die Einheit gefügig gemacht. Ob man wollte oder nicht. Viele wollten, andere nicht.

Im Herbst tausendneunhundertneunundachtzig nach Christi zogen ein paar Tausend Junkies nach Dresden, um als Backgroundchor die Forderung des gefühlten Reichskanzlers zu unterstützen: Das ganze Deutschland soll es sein! Der Beifall war durch die Allianz gesichert.

Ein Jahr später war die geträumte Einheit Wirklichkeit geworden und die Illusionen zerplatzten wie Seifenblasen. Der herrschende Kanzler warf sich den XXL-Krönungsmantel über die Schultern und verkündete der Mehrheit, dass sie fortan die Folgen blühender Barschaften zu tragen hätten.

Endlich hat es mit der Einheit der Deutschen geklappt, frohlockten die Hysteriker. Eine Einheit hat es bis dato noch nie gegeben, warnten die Historiker mit dem Blick zurück auf zweitausend Jahre.

*

Damals lebten unsere Vorfahren, also die Kimbern und Teutonen, an Nord- und Ostsee, als ihre Krieger sich aufmachten, weiter südlich ein wärmeres Fleckchen Erde zu finden. Was sie entdeckten, gehörte zwar den Kelten, doch das war kein Grund zu verzichten. Nachdem sich die Kelten verzogen hatten, bekamen die Germanen Lust auf mehr und überquerten Rhein und Donau. Am anderen Ufer warteten römische Legionäre, die einen schwunghaften Handel mit Sklaven trieben.

Die Germanen standen gut im Saft und ließen sich zu vorzüglichen Kriegern verarbeiten. Neugierig auf das Land der Barbaren, zogen die Römer nach Norden in das wald- und sumpfreiche Land und etablierten sich als Besatzungsmacht.

Tacitus beschrieb die Germanen so: „Ein merkwürdiger Widerspruch liegt in ihrem Wesen.“ Sie würden auffallen durch „wild blickende blaue Augen, rötliches Haar, hohe und nur zum Angriff kräftige Gestalten“. Mit anderen Worten: Furchterregend.

Unter dem Motto „Divide et impera“ herrschten die Römer über die germanischen Stämme, stülpten ihnen ihr Recht über und zwangen sie zu unanständig hohen Abgaben, einer Willkür, die unter dem Begriff Steuern auch zweitausend Jahre später nichts an ihrem Schrecken verloren hat.

Der Germane Arminius, ein ranghoher Cherusker, hatte in Rom das Kriegshandwerk gelernt und die Karriereleiter bis zum Vertrauten des römischen Statthalters Varus erklommen. Hinter dem Rücken seines Chefs einte der Fünfundzwanzigjährige die Führungselite der germanischen Stämme, um zum großen Halali auf die Römer zu blasen.

Vereint ging es den Südländern an den Kragen. Die Geschichte aus dem Teutoburger Wald vom Herbst des Jahres neun ist ein erster Beweis dafür, dass deutsche Stämme sich bevorzugt in Kriegen einig sind. In wenigen Tagen vernichteten sie drei römische Legionen.

Während Varus sich angesichts der schmählichen Niederlage selbst entleibte, erledigte das bei Arminius später die hinterhältige Verwandtschaft.

*

Nach dem kläglichen Scheitern der Weltmacht – Weltmächte scheitern immer kläglich, wenn der Feind keine Weltmacht ist – erkannten die Römer, dass die Germanen die vielen Opfer gar nicht wert waren. Beleidigt zogen sie die Schwänze ein und schützten ihr verbliebenes Reich mit einem antigermanischen Schutzwall, auch Limes genannt. Über ein paar Hundert Kilometer rammten sie angespitzte Baumstämme in die Erde, stellten Wachtürme in Sichtweite zueinander auf und bestückten ihr Frühwarnsystem mit Wachposten. Im Unterschied zum deutschen Limes zweitausend Jahre später richteten sich die Blicke der Wächter in Richtung möglicher Eindringlinge und nicht auf Ausreißer aus den eigenen Reihen.

Der Sieg über die Römer machte die germanischen Stämme selbstbewusst, so dass sie sich ihre Könige wählten. Doch da begann das Theater, denn es gab die Franken und die Goten, die Burgunder und die Langobarden, die Sachsen und die Alemannen, Stämme, die einander nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnten und null Bock auf Einheit hatten. Es verging kaum ein Jahrzehnt, ohne dass es Zoff unter den Stämmen Germaniens gab. Mal wurden Krieger zu Besatzern, mal zu Gefangenen, immer aber fochten sie tapfer in Familienfehden, Bruderkriegen und Raubzügen für ihre Herrschaft. Über die Jahre hatten sich die Stämme derart nach Süden und Westen ausgedehnt, dass man leicht eine Europäische Union hätte gründen können, doch es gab noch keine Bürokratie.

*

Allmählich brachte das Christentum Völker hervor wie die Franzosen, die Spanier und die Italiener. Die moderne Religion begann sich auf dem Kontinent auszubreiten wie später die Schweinegrippe. Die neuerstehende Geistlichkeit trieb die Menschen zu Gottesdiensten, ließ Kirchen bauen und Klöster gründen. Die höheren Priester wurden zu Aufsehern und nannten sich Bischöfe und deren Chefs in der obersten Christenführung hießen nicht Generäle, sondern Kardinäle. Als Rechtsprechung wurde die Inquisition eingeführt, die später unter Namen wie Scharia oder Bürgerliches Gesetzbuch in weltliche Dienste überkam.

Dann kam der große Karl, der ein fränkisch-deutsches Reich zimmern wollte. Im vermeintlichen Auftrag Gottes ging Karl daran, alle germanischen Stämme zu christianisieren. Das war leichter gesagt als getan, weil sich nicht alle an einen neuen Gott gewöhnen wollten. Bei den Hessen war das anfangs noch einfach. Karl ließ deren geschnitzte Götzenstatuen umlegen. Und als die Leute merkten, dass sich Wotan nicht wehrte, begannen sie mangels Sexualkundeunterricht an die unbefleckte Empfängnis einer gewissen Maria aus der Familie Christus zu glauben.

Etliche, die nicht daran glaubten, mussten dran glauben, so dass es anderen leichter gemacht wurde, daran zu glauben. Von denen wiederum wurden einige zu Fundamentalisten, die sich mit dem Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams in Klöstern zurückzogen, eine Art Hartz vier des frühen Mittelalters. Nur eben freiwillig. Die Männer und Frauen trugen gleichförmige Gewänder, und die Nonnen verhüllten zusätzlich ihre Gesichter, was möglicherweise nicht der Religion geschuldet war.

Allein die Sachsen stellten sich mannhaft gegen Karls Weltreichambitionen. Trotz massiver Einschüchterung wollten sie damals auf keinen Fall rufen „Wir sind ein Volk!“. Vielmehr wollten sie ihre alte Freiheit nicht aufgeben und weiter ihren Göttern frönen. Karl trieb ihnen die Flausen aus, indem er seine christliche Mission in Verden übertrieb und 4.500 Sachsen köpfen ließ. Nur zur Abschreckung. Da gab der sächsische Bauernführer Widukind seinen Widerstand auf und ließ sich vom großen Karl korrumpieren und taufen. Seine Landsleute folgten unehrlichen Herzens in langen Reihen dem Ritual.

Weihnachten achthundert war es vollbracht: Karl stülpte sich die römische Kaiserkrone aufs Haupt und herrschte fortan über das ganze fränkische und deutsche Reich. Es schien, als sei die Einheit der Deutschen und auch schon die Europas für alle Ewigkeit geschaffen.

*

Ewigkeiten haben bekanntlich eine begrenzte Halbwertszeit. Denn bald kamen die wilden Jahrzehnte. Die Sachsen verbündeten sich mit den Bayern gegen die Franken. Patriotisch schlossen sich die Thüringer an, und ein Bruderkrieg nach dem anderen tobte im Land. Vom christlich-deutschen Weltreich blieb allein die Illusion.

Die Fürsten hatten Wichtigeres zu tun. Sie wandten sich den äußeren Feinden zu, indem sie den Islam nicht allzu üppig in urchristliche Reviere wuchern lassen wollten. Schamhaft nannten sie ihre christlich verbrämten Räubereien Kreuzzüge, tobten ihre Gelüste in Blechanzügen und Kettenhemden gegen Türken und Araber aus und gründeten Königreiche, wo sie nichts zu suchen hatten.

Die Globalisierung hatte begonnen. Über die Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten war die Einheit der europäischen Nationen in den Hintergrund gerückt. Im Gefolge der Kreuzritter marschierten Halsabschneider und Wucherer, also Händler und Kaufleute.

Derweil ging es zu Hause drunter und drüber. Deutsche Fürsten hatten den Wenden Mecklenburg und Pommern gestohlen, Heinrich der Löwe verdarb es mit Kaiser Rotbart, der entzog ihm Ländereien, schenkte Bayern einem gewissen Wittelsbach und zerstückelte Sachsen. Der Papst nutzte die weltlichen Wirren und ernannte sich selbst zum unfehlbaren Stellvertreter Gottes auf Erden.

Von den Hochaltären der Kathedralen verlasen Priester in kunterbunten Gewändern das Einmaleins der kirchlichen Verhaltensregeln, und wer denen nicht folgte, wurde zu Testzwecken mit einem Stein am Hals ins Wasser geworfen. Blieb der so Geprüfte demütig unter Wasser, hatte er den Beweis seiner Unschuld erbracht.

In den heimischen Klein- und Kleinststaaten grassierte Monarchenverdrossenheit. Keiner wollte mehr eine deutsche Königskrone tragen. Man hätte sie bei eBay zu Spottpreisen anbieten können. Doch weil es das Internet noch nicht gab, wurden die Kronen per Boten im Ausland verhökert, zum Beispiel an den Engländer Richard von Cornwall oder an König Alfons von Kastilien. Die ließen sich die Würde einiges kosten, durften sich deutsche Könige nennen und hatten null Macht. Denn in der kaiserlosen Zeit galt allein das Faustrecht, und die Landesfürsten schalteten und walteten nach Gutsherrenart.

Deutschland war so verkommen, dass die einstmals ehrbaren Ritter zu Strauchdieben wurden. Raubritter hießen die Vorbilder der Jugend. Wer im Kindesalter als Page in die Dienste eines Ritters trat, lernte frühzeitig mit Waffen umzugehen. War der Page älter und sein Herr zufrieden, erlangte er den Status eines Knappen, der seinem Gebieter in die Schlachten folgte und ihm die Waffen hinterhertrug. Hatte der Knappe überlebt und verstand sich aufs Rauben und Plündern, wurde er eines Tages zum Ritter geschlagen.

In England, wo das Rauben und Plündern den Adel inzwischen nicht mehr in solcher Weise prägt, ist das bis heute üblich. Die Königin schlägt ab und zu berühmte Persönlichkeiten zu Ritter oder Ritterin. Die Ritterin darf sich danach Dame nennen und in Deutschland zum Beispiel alle Räume betreten, an deren Türen geschrieben steht: „Nur für Damen“.

*

Als das Hin und Her zu keinem richtigen Ergebnis im Sinne eines vereinten Deutschlands führte, wurde das Mittelalter kurzerhand für beendet erklärt. Gerade noch hatte Berthold Schwarz – bezeichnenderweise ein Mönch – das europäische Schießpulver erfunden, mit dem Kriege von nun mehr Spaß machten. Johann Gutenberg schuf mit dem Buchdruck eine nicht weniger gefährliche Waffe.

Ach ja, hinter den Westindischen Inseln hatte Christoph Kolumbus Amerika entdeckt. Entdeckt ist eigentlich Blödsinn, denn Amerika war längst entdeckt. Unsere Vorfahren wussten nur nichts davon. Seit Columbus kann sich Amerika jedenfalls nicht länger vor Europa verstecken.

In den Kirchen wurde damals so gepredigt, dass die Gemeinde die Priester nicht verstand. Das hat sich bei politischen Veranstaltungen und Talkshows über Jahrhunderte nicht geändert, doch damals lag es hauptsächlich an der lateinischen Sprache. Ein einfacher Bauer sagte zu seinem Nachbarn auf der Kirchenbank: „Hier bin ich mit meinem Latein am Ende.“ Das ist eine der wenigen Wendungen, die sich erhalten haben. Noch nicht möglich war es damals zu antworten: „Ich verstehe nur Bahnhof“, weil es die Lautsprecheranlagen noch nicht gab.

Tatsächlich aber lebte damals ein Mensch, der sehr gut verstand, was da von den Kanzeln herunter gelogen und betrogen wurde. Nanu, dachte Martin Luther, was predigen die da von Heiligenverehrung, von Stellvertreter Gottes auf Erden und von Fegefeuer? Ihn störte, dass der Papst Geld dafür kassierte, die Seelen armer Teufel aus dem Fegefeuer in den Himmel zu befördern. So etwas hatte der in seinem Job unentgeltlich zu bewerkstelligen.

Der Augustinermönch war stinksauer und nagelte am 31. Oktober 1517 seinen Protest an die Schlosskirche zu Wittenberg. Ein Glück für die Deutschen, dass Luther auf dem Reichstag zu Worms seine Kritik nicht widerrief oder kleinlaut meinte, er habe das nicht so gemeint oder er sei aus dem Zusammenhang zitiert worden. Er hatte den Arsch in der Hose zu sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Und Gott möge ihm helfen. Der ließ ihn heimlich auf die Wartburg bringen und die Bibel übersetzen, die den deutschen Stämmen eine einheitliche Sprache gab.

Auf dieser Grundlage hätten die Königreiche, Herzog-, Fürsten- und andere -tümer ohne Verständigungsschwierigkeiten zusammenlegt werden können. Das Dumme war, dass es inzwischen zwei christliche Kirchen gab, die der Katholiken und die der Abweichler, gewissermaßen der Linken unter den Christen – der Protestanten. Jeder noch so kleine Herrscher wählte für sich eine Kirche aus, an die auch seine Landeskinder zu glauben hatten. Da man der anderen Glaubensrichtung nicht sehr freundlich gegenüberstand, klappte das wieder nicht mit einig Vaterland.

Die Protestanten setzten sich in Nord- und Mitteldeutschland durch, im Süden wurde sie verboten, vertrieben und sogar verbrannt. Die Katholiken gründeten eine Liga, die Protestanten eine Union und bereiteten so die Religionskriege vor, die schließlich dreißig Jahre dauerten. Danach gab es in Deutschland, das an vielen Ecken und Enden kleiner geworden war, an die dreihundert Einzelstaaten mit der vollen Souveränität, Bündnisse zu schließen. Also jeder konnte jeden mit jedem an seiner Seite bedrohen. Die Deutschen waren unendlich weit davon entfernt, ein Volk zu sein. Viele Generationen schrieben diese Hoffnung in den Wind.

*

In kaum einem Jahrhundert wurde die Einheit der Deutschen so umworben, erkämpft, verspielt und missbraucht wie im neunzehnten. Das Hauptübel war zunächst Napoleon. Anstatt sich um die Fortführung von Liberté, Égalité, Fraternité in Frankreich zu kümmern und die Guillotine abzuschaffen, wollte er ganz Europa auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einschwören, eben nur nicht freiwillig. Sein bevorzugtes Arbeitsgerät waren Kanonen. Ein Stückweit gelang ihm das auch, doch als der Franzosenkaiser die Russen persönlich in die Gemeinschaft holen wollte, verließen die fluchtartig das heiß entflammte Moskau. Sie hatten, wie später mehrfach, einen unschlagbaren General namens Winter auf ihrer Seite.

Irgendwie ging das mit der europäischen Einigung wieder schief, wenngleich die Bürokratie inzwischen schon weit fortgeschritten war. Allerdings wundert die verfehlte Einheit Europas nicht, solange deutsche Patrioten dichteten: „Wo jeder Franzmann heißet Feind,/Wo jeder Deutsche heißet Freund –/Das soll es sein!/Das ganze Deutschland soll es sein!“

Franzmann Bonaparte durfte nach seinen missglückten Versuchen bei Leipzig und Waterloo schließlich auf Helena sein Leben aushauchen. Das später in seinen Haaren entdeckte Arsen kann nicht mit Sicherheit Gegnern der europäischen Einheit in die Schuhe geschoben werden. Die hatten ihre Lobby auf den Wiener Kongress geschickt, der im Haus Europa aufräumen sollte. Doch leider wurde dort – einem UfA-Film zufolge – immer nur getanzt. Daran mag es gelegen haben, dass Deutschland nach dem Kongress aus einem Kaiserreich, fünf Königreichen, einem Kurfürstentum, sieben Großherzogtümern, zehn Herzogtümern, elf Fürstentümern und vier reichsfreien Städten, also aus 39 Einzelteilen bestand. Und alle regierenden Fürsten hatten wieder einmal die Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. Nichts da mit deutscher Einheit.

*

Um ungefähr zu wissen, wo sie hingehörten, vereinten sich die Einzelstaaten zum Deutschen Bund, der vorwiegend von den Österreichern beherrscht wurde, die sich als einzige noch einen Kaiser leisteten. Das wiederum passte den Preußen nicht. Die überlegten, wie sie die Österreicher auf friedliche Weise aus dem Weg räumen könnten und erfanden 1833 den Deutschen Zollverein, in den sie Österreich einfach nicht aufnahmen.

Heinrich Heine gab sich der Illusion hin: „Der Zollverein/Wird unser Volkstum begründen,/Er wird das zersplitterte Vaterland/Zu einem Ganzen verbinden…“ So also irrte der Dichter. Die Habsburger in Wien waren nicht gut auf die Hohenzollern zu sprechen und versuchten, so gut sie konnten, zurückzuschlagen. Eines ihrer Opfer war der Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung Robert Blum, der 1848 in Wien aufgegriffen und am 9. November standrechtlich erschossen wurde. Von da an war dieser Tag wie ein Menetekel an die Wand der deutschen Geschichte geschrieben.

Standrechtlich hieß übrigens, man muss sich nicht weiter aufregen, der Mord geht in Ordnung. Irgendwann war das Maß voll und das Ziel erreicht – sieben Wochen Bruderkrieg im Jahre sechsundsechzig brachten Klarheit. Nach der Schlacht bei Königgräz wurden die Österreicher des Deutschen Bundes verwiesen und die Nation gespalten. Preußen gründete den Norddeutschen Bund, musste allerdings auf Baden, Bayern und Württemberg verzichten, die immer noch an Österreich hingen, dem sie beim Verlieren geholfen hatten.

Nach dem Ableben eines Herrschers oder der Hochzeit seiner Kinder wurden die kleinen Länder vererbt und weiter aufgeteilt. Das führte zu Namensmonstern wie Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach oder Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Heinrich Heine formulierte in diesem Fall treffsicher: „Das halbe Fürstentum Bückeburg blieb mir an den Stiefeln kleben“.

Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, dachte Preußens Otto von Bismarck, wenn man das Reich nicht einigen könnte. Kurzerhand fälschte er ein Telegramm seines Kaisers und verärgerte damit die Franzosen, die nicht hinnehmen wollten, dass ein Hohenzoller den spanischen Thron besteigt. Sie erklärten Preußen den Krieg. Darauf hatte Bismarck gesetzt, denn die süddeutschen Staaten ließen alle Streitigkeiten beiseite, eilten spornstreichs zu den Waffen und an Preußens Seite.

War Deutschlands Einheit vollbracht? In einem Pariser Vorort ließ Bismarck den preußischen König zum deutschen Kaiser krönen. Den Vorschlag hatten ausgerechnet die Bayern unterbreitet, denen Bismarck dafür neben anderen Dingen auch den Bau von Schloss Schwanstein finanzierte. Die bayerische Kriechspur zu den siegreichen Preußen war inzwischen so breit, dass später darauf eine Autobahn zwischen München und Berlin gebaut werden konnte.

Versailles verhieß zwar eine Reichseinigung von oben, doch die änderte nichts daran, dass unten die Kleinstaaterei weiter wucherte und viele Mauern hätten abgerissen werden müssen, um eine Einheit herzustellen.

*

Das zwanzigste Jahrhundert war angebrochen. Der deutsche Kaiser hatte gerade seine GI´s nach China geschickt, um östlich seiner Landesgrenzen für Ordnung zu sorgen. „Die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen“, überschätzte sich Willem zwo maßlos.

Originalton seiner „Hunnenrede“: „Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“ Die meiste Zeit aber mussten die Deutschen ohne Kaiser auskommen, weil der sich ab Herbst 1918, nachdem er seinen eigenen großen Krieg gegen alle Welt verloren hatte, nicht mehr auf die Straße, geschweige nach Berlin traute. Er fürchtete, seine eigenen Soldaten würden ihm gegenüber möglicherweise kein Pardon geben. Mit dem Nötigsten aus Haus und Hof ausgerüstet, brachte ihn ein langer Hof- und Güterzug nach Holland.

Weil das mit dem zweiten deutschen Reich auch nicht so richtig geklappt hatte, einigten sich die Deutschen darauf, es mit einer Republik zu versuchen. Da sich in jenen Tagen in Berlin Rechte und Linke und ganz Rechte und ganz Linke die Köpfe einschlugen, wichen die Gründer nach Weimar aus und beschlossen eine erste republikanische Gebrauchsanweisung, die Weimarer Verfassung. Die enthielt alle Möglichkeiten, dass sich die Deutschen bald wieder zu einem neuen, zu einem dritten Reich mausern konnten. Weil viele das nicht wollten, fiel das Volk auseinander wie nie zuvor in der Geschichte.

Die einen wollten Krieg, die anderen nicht. Für letztere wurden Lager und Hinrichtungsstätten gebaut. Und weil Deutscher nur sein durfte, der so ähnlich aussah wie ein Gefreiter aus dem Weltkrieg mit schmalem Bärtchen und ebensolchem Verstand, wurden viele aussortiert und beseitigt.

„Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, versprach der frühere Postkartenmaler seiner vermeintlichen Rasse, bis sich herausstellte, dass er sich übernommen hatte. Der Verantwortung für sein Unheil entzog er sich, indem er sich dem Scheiterhaufen übergab, ohne auch nur entfernt die Größe eines Jan Hus oder Giordano Bruno erreicht zu haben.

Das Reich war wieder einmal am Ende, nachdem es mehr Unfrieden gestiftet hatte, als alle deutschen Reichen und Reiche vordem zusammen. Aus prophylaktischen Gründen nahmen sich die Sieger des zweiten großen Krieges des deutschen Reichsadlers an, stutzten ihm gehörig die Flügel und tranchierten ihn.

Nachdem die Welt sich in eine christlich-kapitalistische und eine unchristlich-kommunistische gespalten hatte, blieb den Deutschen nichts weiter übrig, als sich in ihren jeweiligen engen Grenzen einem dieser Reiche anzuschließen. Zur Freude vieler Nachbarn schien die Aussicht auf ein großes Deutschland bis in alle Ewigkeit vertan.

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Aber wie das mit Ewigkeiten so ist… Der Gedanke der Einheit schwelte vor sich hin. In Deutschland bildeten sich zwei Seiten heraus, die gegeneinander standen, wie es diametraler nicht ging. Die einen wollten die Einheit und schrieben sie sogar in ihr Grundgesetz. Die anderen wollten sie auch und riefen „Deutsche an einen Tisch“. Aber man kam und kam sich nicht näher. Das änderte sich erst, als jede Seite etwas anderes wollte und der östliche Teil, der seinen Bewohnern verbot in den westlichen Teil zu schauen, einen scharf bewachten Limes gebaut hatte. Von da an erfolgte eine schrittweise Annäherung.

Bonn rückte ein Stück näher an Wladiwostok und Ostberlin wurde zugestanden, dass es früher einmal zu Deutschland gehörte. Dennoch wurden es immer weniger Landeskinder, die sich den Weg in das neue Konsumreich ausreden ließen. Das machte deren Wirtschaft hellhörig, und ihren Wirtschaftsführern lief der Speichel im Mund zusammen: Sechzehn Millionen potenzielle Kunden für unsere Erzeugnisse, dafür lohnte es sich zu kämpfen.

Der Diktator im östlichen Teil Deutschlands verglich beide deutsche Teile unablässig mit Feuer und Wasser. Dabei muss er seine Hälfte dem feuchten Element zugeschrieben haben, denn bald stand ihm das Wasser bis zum Hals. Geheime Emissäre flitzten fortwährend an ganz geheime Orte und besprachen, wie das Problem zu lösen sei. Bald geschah es, dass in dem nur unzureichend versorgten Teil die Menschen auf die Straßen gingen, als träfe man sich zum 1. Mai. Doch ihre Losungen lauteten zum Beispiel: „Wir wollen raus!“ oder „Biete Mark Brandenburg, suche Westmark!“ und so weiter.

Kaum ein Jahr später war der ganze östliche Teil des gespaltenen Landes in den westlichen Teil integriert, allerdings die Bürger, die man scherzhaft Ossis nannte, blieben Ossis, und die Wessis, die sich stolz Wessis nannten, blieben Wessis. Nach Jahren des vergeblichen Versuchs, frei, gleich und brüderlich zu sein, war es allein die Wirtschaft, die davon profitierte. Alle anderen begriffen: Wir waren nie ein Volk!

(Aus: Als ein gewisser Erich in den Himmel kam und andere Satiren“, Edition Kindle)

 

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