Wohin mit Marx und Engels?

Schon die SED nahm sich viel Zeit  mit ihren Gallionsfiguren – Willkommen im Volkspark Friedrichshain… oder?

Die Berliner Landesregierung steht auf dem Schlauch. So weiß nicht so recht, wohin mit Marx und Engels. Jedenfalls was das Denkmal betrifft. Die in doppelter Lebensgröße gegossenen Bronzefiguren mussten wegen der neuen U5 (vom Rathaus zum Brandenburger Tor) ihren Platz räumen und verharren nun an der Seite auf ihr neues Domizil, um nicht ganz und gar in Vergessenheit zu geraten. Dabei gibt es keinen Grund sich schwerzutun mit einer Entscheidung, zumal die SED-Führung mehr als fünfunddreißig Jahre brauchte, um sich über ein Denkmal für die Begründern ihrer Weltanschauung klar zu werden.

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Marx-Engels-Denkmal  – in der DDR ein  unnahbares Monument, an dem man allenfalls ein paar Blumen hinterlassen konnte

Zunächst war alles ganz anders geplant. Es fing an am 17. Januar 1951. Die 4. Tagung des SED-Zentralkomitees riet dem Magistrat von Groß-Berlin (also Ostberlin), am Lustgarten ein Marx-Engels-Denkmal zu errichten. Da die Klassiker des Sozialismus, besonders Karl Marx, der Lust nie abhold gewesen waren und beide ganz in der Nähe studiert haben, kann man sich gut und gerne mit einem solchen Vorschlag anfreunden. Das Monument sollte an der westlichen Seite des Lustgartens, zwischen Schlossbrücke und Werderstraße, stehen.

Natürlich bedurfte es dazu eines Denkmal-Komitees, dem keine Geringeren als Präsident Wilhelm Pieck als Vorsitzender sowie Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Friedrich Ebert und noch ein paar andere aus der Kaderelite angehörten. Von diesem Komitee hat man später nie wieder etwas gehört. Es mag untergegangen sein unter der Unmenge von Denkmalen, die in Stadt und Land zwischen Rostock und Thüringer Wald aus dem Boden schossen und immer auch irgendwen ehrten – von Agricola über Lenin bis Zille.

Als die Euphorie um Marx und Engels halbwegs abgeklungen war, meldete sich der stellvertretende Bauminister Gerhard Kosel im September 1958 zu Wort. Er skizzierte ein Marx-Engels-Forum auf dem freigesprengten Schlossplatz, dessen Größe an Vorhaben eines größenwahnsinnigen Diktators wenige Jahre zuvor erinnerte. Kosel: „Bei der Bedeutung des Berliner Zentrums gilt es, der kapitalistischen Ausbeuterwelt des `Brückenkopfes Westberlin` die siegreichen Ideen des Sozialismus in einem groß angelegten Werk der Baukunst entgegenzustellen…“. Kern des Forums waren „das Marx-Engels-Denkmal mit der Ehrentribüne und das Marx-Engels-Haus. Hier werden in einer Ehrenhalle solche Kleinodien der internationalen Arbeiterbewegung aufbewahrt wie die Manuskripte vom ´Manifest der Kommunistischen Partei` und Erstdrucke des `Kapital`.“ Dort sollte übrigens auch die Volkskammer der DDR ihre Unterkunft finden, die fast dreißig Jahre ohne festes Domizil ihre wahre Bedeutung erfuhr.

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Mammutprojekt aus den fünfziger Jahren mit Denkmal, Tribüne für Massenaufmärsche, Ruhmeshalle, Museum, Marx-Engels-Turm

Zu den mehr als 50 Entwürfen aus sieben Ländern, die in einem Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Ostberliner Stadtzentrums bis 1959 eingereicht wurden, befand sich kein Projekt, das einen ersten Platz hätte belegen können. Der Entwurf eines Architektenkollektivs aus der Stadt Halle an der Saale schlug sogar vor, „den Dom zu entfernen, der nicht zu den Ruhmestaten vergangener Bautraditionen gehört, und an seine Stelle die Kundgebungshalle zu setzen.“

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Projekt aus den sechziger Jahren, in dem der Dom bereits durch eine Kundgebungshalle (links zwischen 3 und 4) als Bestandteil des Marx-Engels-Forums (Mitte) ersetzt wird

Nachdem auch diese gigantischen Projekte allesamt gescheitert waren, forderte der Magistrat nach einer Schamfrist im Juni 1967 zu einem Ideenwettbewerb für ein Marx-Engels-Denkmal auf dem Marx-Engels-Platz  auf. Entwürfe für die künstlerische Gestaltung seien bis 30. November einzusenden. Die Wahl der künstlerischen Mittel war den Teilnehmern des Wettbewerbes freigestellt, jedoch war eine „repräsentative und monumentale Gestaltung angestrebt“. Dafür wurden Preise bis zu 20.000 Mark ausgelobt. Die Jury war diesmal etwas kleiner, ihr gehörten Oberbürgermeister Friedrich Ebert, SED-Kultursekretär Kurt Hager und der Berliner SED-Chef Paul Verner an. Auch dieses Unternehmen verlief im märkischen Sande.

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Erster Entwurf aus Pappmasché und Gips, das der Bildhauer Ludwig Engelhardt in seinem Atelier Erich Honecker präsentierte

Weitere sechs Jahre später – die Macht an der SED-Spitze hatte sich um 13 Jahre verjüngt – empfahl des SED-Politbüro, im Zusammenhang mit dem Bau eines Palastes der Republik, eine „würdige und repräsentative Ehrung“ für Marx und Engels zu schaffen. Der Bildhauer Ludwig Engelhardt bekam den Auftrag, einen Vorschlag für das Denkmal auszuarbeiten. Zwei Jahre später stand das Konzept. Einbezogen waren die Bildhauerin Margret Middell und der Bildhauer Werner Stötzer sowie ein paar Gesellschaftswissenschaftler, die auf die politische Linie des Vorhabens zu achten hatten. 1976 betrachtete Erich Honecker im Atelier von Engelhardt den aus Pappmaschè und Gips gefertigten Entwurf einer Plastik mit Marx und Engels und gab dem Ganzen sein o.k.

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Skizze von 1983 über die Standorte der Skulpturen und Reliefs des Marx-Engels-Forums zwischen Liebknecht-Straße und Nikolaiviertel

In den Jahren 1982/83 beginnen die baulichen Arbeiten in einer Kreisfläche von 64 Meter Durchmesser an der Spandauer Straße. Um die Figuren wurden vier 4,90 Meter hohe Doppelstelen aus Edelstahl gruppiert, in die nach einem neuen Verfahren Dokumentarfotos aus der Geschichte der Arbeiterbewegung unzerstörbar eingebrannt wurden.

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SED-Chef Erich Honecker und Bildhauer Ludwig Engelhardt begutachten bei der Einweihung die in Edelstahl eingebrannten historischen Fotos

Zum Ensemble gehört Stötzers fünfteiliges Marmorrelief mit Szenen zu Unterdrückung, Unfreiheit und Not. Außerdem ein Bronzerelief von Middell, auf dem Schönheit und Würde des befreiten Menschen dargestellt sind. Die Einweihung des Marx-Engels-Forums zwischen Palast der Republik, Karl-Liebknecht-Straße und Nikolaiviertel erfolgte mit riesigem Propagandaaufwand durch SED-Chef Erich Honecker am 4. April 1986.

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In der Bundesrepublik viel fotografiertes Denkmal. Die Hände von Marx zeigen, dass es mit der Unnahbarkeit vorbei war

Nun müssen all diese künstlerisch wertvollen Details des Marx-Engels-Forums irgendwann irgendwo wieder aufgestellt werden. Mein Vorschlag ist, den Volkspark Friedrichshain dafür zu nutzen und ihm damit endlich die Bedeutung für alle (Ost)Berliner zukommen zu lassen, die der grünen Oase zukommt, wenn man die wechselvolle Geschichte von den Gräbern der Märzgefallenen bis zum Bunkerberg in Betracht zieht. Ich würde im Volkspark Friedrichshain – den wir mit unseren Kindern oft besuchten – dem alten verehrten Marx gern ein Blümchen zu Füßen legen.

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Liebhaber und Diktator – Das geheime Doppelleben Walter Ulbrichts

Ein neuer Dokumentarfilm von Sonja von Behrens

„Walter Ulbricht – sein geheimes Doppelleben“. Den Liebhaber und Diktator, der sich in Ostdeutschland und der DDR über lange Zeit als gelehriger Schüler Stalins erwies und jede Konkurrenz brutal ausschaltete, hat die Historikerin und Autorin Sonja von Behrens mit überraschend neuen Details porträtiert. Der Dokumentarfilm, an dem mitzuarbeiten ich die Freude hatte, offenbart eine bisher nicht bekannte Seite des langjährigen SED-Chefs. Der Film lief erstmals am 4. März 2018 in der ZDF-Reihe „History“.

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Rosa Michel im Kreis von Freunden / Aus ihren unveröffentlichten Memoiren

Das Mitglied der französischen KP Rosa Michel (1901-1990) war Mitarbeiterin des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale und von 1925 an intim mit Ulbricht befreundet.  Beide hatten ihr Verhältnis während der Emigration Ulbrichts in Paris begonnen und später im berüchtigten Moskauer Emigranten-Hotel „Lux“ fortgesetzt. Mitte der dreißiger Jahre, nachdem Rosa Michel 1931 die gemeinsame Tochter Mimi geboren hatte, beendete der KPD-Funktionär die Beziehung, hielt aber bis zu seinem Tod Kontakt zu ihr. Rosa Michel war bis 1969 Korrespondentin der „Humanité“ in Ostberlin und danach Korrespondentin des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) in Paris. Ulbrichts Verhältnis und seine Vaterschaft blieben für die Öffentlichkeit ein Geheimnis.

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Alain Picard, Enkel von Rosa Michel und Walter Ulbricht

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Gestelltes Foto von Lotte und Walter Ulbricht mit Adoptivtochter Beate

Erstmals schildert der 1952 geborene und bisher unbekannte Enkel Ulbrichts, Alain Picard, was seine Großmutter Rosa Michel in ihren unveröffentlichten Memoiren über ihre Liebe zum deutschen Kommunistenführer schrieb, wie sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verbrachte und über die bittere Trennung fast zerbrach. Alain Picard selbst hat erst mit 18 Jahren  erfahren, wer sein Großvater ist, seine Mutter aber verhinderte, dass er ihn je traf. Für den Enkel war die Berliner Mauer, mit der Ulbricht ein ganzes Volk einsperrte, Grund genug, auf eine Nähe zu ihm zu verzichten.
Neue Geliebte Ulbrichts seit Mitte der dreißiger Jahre war die ebenfalls im Hotel „Lux“ lebende Komintern-Mitarbeiterin Lotte Kühn (1903-2002), deren Lebenspartner Erich Wendt als Stalin-Opfer in einem der Gulags überlebte, in denen mehr führende deutsche Kommunisten umgebracht wurden als in den Konzentrationslagern der Nazis.

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Einer der letzten Besuche Ulbricht in der sowjetischen Botschaft mit Botschafter Abrassimow. Im Hintergrund rechts der Autor dieses Beitrages

Tatsächlich war der Tischler Ulbricht seit 1920 mit seiner Jugendliebe, der Leipziger Näherin Martha Schmellinsky (1892-1976) bis 1950 verheiratet. Aus der Beziehung ging 1920 die Tochter Dora hervor, die später ohne Verbindung zu Ulbricht mit ihrer Familie in der Bundesrepublik lebte. Von den zwei Seiten Ulbrichts berichtet in der Dokumentation auch Ulbrichts Adoptivtochter Beate Matteoli, die vor ihrer rätselhaften Ermordung im Dezember 1991 einer Journalistin ein bewegendes Tonband-Interview gab, aus dem der Film Ausschnitte übernommen hat. Darin akzeptiert Beate Ulbricht als ihren Vater, schildert die Mutter aber als lieblos,  kalt und herrschsüchtig.
Die Dokumentation über Ulbricht, den ich mehrere Jahre als Reporter begleitete, zeigt dessen Karriere und das Privatleben aus neuer Sicht. Der DDR-Diktator war auch Geliebter, Ehemann und Vater. Und er war durchaus lernfähig, was die Entwicklung in der DDR betraf. Die Abwendung vom alten System der starren zentralistischen Planung nach sowjetischem Vorbild und die Hinwendung zu Methoden der Marktwirtschaft führten zu einem Bruch mit der Politik des Kreml-Chefs Leonid Breschnew und schließlich 1971 zum Sturz durch die sowjethörigen Apparatschicks um Erich Honecker.

Der Umgang seiner Genossen und Zöglinge mit Ulbricht, der bis zu seinem Tod Staatsratsvorsitzender blieb, war nach meinen eigenen Erlebnissen ungebührlich, kränkend und bar jeder Verehrung. In seiner lieblosen 133 Zeilen langen Trauerrede, die Honecker sich nicht nehmen ließ, kein einziges Wort zu der bereits weitgediehenen Reformpolitik der Wirtschaft in den Sechzigerjahren, mit der eine Wende hätte vollzogen werden können, in deren Folge auch politische Veränderungen möglich gewesen wären.

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Hinterhältig verleumdet – SED-Hetzkampagne gegen junge Christen

Vor 65 Jahren, am 27. Januar 1953, beschloss das SED-Politbüro mit drakonischen Maßnahmen gegen die christliche Jugend in der DDR eine der größten Hetz- und Verleumdungskampagnen gegen die eigenen Bürger. An diese hinterhältige Aktion können sich heute vielleicht nur noch Frauen und Männer erinnern, die sich zu jener Zeit der kirchlichen Arbeit gewidmet haben.

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Der Grund für diese Hetzjagd bestand darin, dass sich Tausende Jugendliche der Mitgliedschaft in der FDJ verweigerten. Sie waren Kirchenmitglieder, die unorganisiert als Junge Gemeinde gemäß ihrer Konfession aktiv waren. Die Verleumdung ging so weit, dass sie laut Politbüro-Beschluss Nr. 5/53 „in der Öffentlichkeit als Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“ entlarvt werden sollten. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte in mehreren Städten (außer Berlin!) jeweils drei bis vier öffentliche Prozesse durchzuführen, „in denen klar die kriegshetzerische und Agenten- und Sabotagetätigkeit von Mitgliedern und Funktionären der Jungen Gemeinde“ nachgewiesen wird. Die Presse wurde angewiesen, Material über „die staatsfeindliche Tätigkeit der Jungen Gemeinde“ zu veröffentlichen. Stasi- und Innenministerium stellten Material zur Verfügung.

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Erich Honecker, bis 1955 Vorsitzender der FDJ

Die Hetze unter maßgeblicher Federführung des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker ging soweit, dass in den Medien Namen von missliebigen Kirchenvertretern in den Schmutz gezogen wurden. Dazu drei Beispiele aus dem „Neuen Deutschland“:

„Ein typischer Rädelsführer dieser Art in der sogenannten ‚Jungen Gemeinde‘ ist der als ‚Studentenpfarrer‘ getarnte Agent Hamel. Seit der Zeit der Volkswahlen hetzte er systematisch gegen die demokratische Ordnung in der Deutschen Demokratischen Republik.”

Was nicht erwähnt wurde, Johannes Hamel war ein radikaler Gegner des Nationalsozialismus und fand daher keine Anstellung. Weil er jüdischen Gemeindegliedern half, wurde er 1941 zur Arbeit in den Leunawerken zwangsverpflichtet und später in die Wehrmacht eingezogen. 1946 wurde Hamel Studentenpfarrer an der Universität zu Halle. Als die SED-Führung ihren Kampf gegen die kirchliche Jugendarbeit forcierte, wurde er wegen Boykotthetze festgenommen. Nach heftigen Protesten gegen die Inhaftierung wies Erich Mielke kurz nach dem 17. Juni 1953 die Freilassung an. 1955 bis 1976 war Hamel Dozent und zeitweise Rektor des Katechetisches Oberseminar in Naumburg.

Ein weiteres Beispiel aus dem „ND“: „Im Burkhardt-Haus in Berlin-Dahlem, nahe dem amerikanischen Hauptquartier, werden Leute für ihre verbrecherische Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik ausgebildet. Einer der Leiter der ‚Jungen Gemeinde‘, Johannes Althausen, organisierte unter dem Deckmantel der religiösen Betätigung systematisch Spionage in der Deutschen Demokratischen Republik.“

Johannes Curt Theodor Althausen hatte Evangelische Theologie studiert. Während des Studiums in Halle geriet er 1952 in die Auseinandersetzungen zwischen derDDR-Regierung und den Jugendkreisen der evangelischen Kirchen, in denen er ehrenamtlich mitarbeitete. Er wurde zusammen mit anderen verhaftet und sollte wegen staatsfeindlicher Betätigung angeklagt werden. Nach der Korrektur dieser kirchenfeindlichen Attacken im Juni 1953 wurden die Ermittlungen eingestellt und keine Anklage erhoben. Von 1983 bis 1993 war er Leiter der evangelischen Ausbildungsstätte Paulinum in Berlin.  

Ein drittes Beispiel der Verunglimpfung eines ehrbaren Christen: „Unter dem Vorwand, ‚Pfarrer‘ der Berliner St. Marienkirche im demokratischen Sektor Berlin zu sein, scharte der Agent Reinhold George aus Westberlin junge Menschen christlichen Glaubens um sich und missbrauchte sie schändlich So missbraucht die religiös getarnte ‚Junge Gemeinde‘ den christlichen Glauben von Jugendlichen, um sie gegen die Deutsche Demokratische Republik und die Sowjetunion aufzuhetzen und auf diese Weise die schmutzige Sache Adenauers, die schmutzige Sache des Generalkriegsvertrages in unserer Republik zu besorgen und zu Verbrechen anzustiften.“

Tausende Mitglieder und Funktionäre der Jungen Gemeinde flogen von den Oberschulen und wurden an Universitäten und Hochschulen nicht zugelassen. Der Religionsunterricht in den neuen 10-Klassen-Schulen wurde abgeschafft. Zur Durchsetzung des Politbüro-Beschlusses wurden in allen Kreisen und Bezirken Kommissionen mit Beteiligung von FDJ und Stasi gebildet. Tausende DDR-Bürger flohen vor dieser Verfolgung und Verleumdung in den Westen.

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CDU-Generalsekretär Gerald Götting (r.)

Ausgerechnet der CDU-Generalsekretär Gerald Götting, der 1946 der FDJ beitrat und bald schon dem Zentralrat des Jugendverbandes angehörte, sprach auf einer Hauptvorstandssitzung der CDU davon, dass die Agenten Adenauers auch in der DDR versuchen, christliche junge Menschen zu missbrauchen. Wörtlich: „Reaktionäre Kirchenführer, insbesondere evangelische, verhetzen die Jugendlichen, bilden die ‚Jungen Gemeinden‘ zu Widerstandszentren gegen die neue demokratische Ordnung, diskreditieren den Friedenskampf unseres Volkes und verhindern, dass die jungen christlichen Menschen, wie die übrige Jugend, in das Lager des Friedens und des Fortschritts finden.“  

Die Hetzjagd dauerte knapp fünf Monate. Am 2.-4. Juni 1953 holten sich die SED-Führung mit Ulbricht und Grotewohl in Moskau bei dem kurzzeitigen Stalin-Nachfolger Malenkow eine schallende Ohrfeige ab. In einer streng geheimen, wirklichkeitsgetreuen Analyse kommt der Kreml zur Auffassung, „die Propaganda über die Notwendigkeit des Übergangs der DDR zum Sozialismus ist als unrichtig zu betrachten“. Die Einschränkung der Privatinitiative, u.a. durch Entzug der Lebensmittelkarten für Privatunternehmer und Freischaffende, ist falsch. Die übereilte Schaffung von LPG hat zu ernsthaften Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung geführt, allein 500.000 Hektar Land lägen u.a. durch die Flucht der Bauern in die BRD brach. Die KPdSU fordert von der SED den Fünfjahrplan zu revidieren und vorrangig die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, zwangsweise geschaffene LPG aufzulösen, alle anderen zu überprüfen. Gesetzlichkeit und Gewährung der Bürgerrechte seien zu gewährleisten und die Repressalien gegen Bürger zu überprüfen. Die Einmischung der Behörden in kirchliche Angelegenheiten sind einzustellen wie ebenso die Verfolgung der Jungen Gemeinde.

Alle von Moskau geforderten Maßnahmen wurden durch die SED nicht publik gemacht und nur zu einem geringen Teil verwirklicht. Aber die Hetzjagd gegen die Junge Gemeinde in der geschilderten Grausamkeit wurde – nicht zuletzt wegen der Massenflucht ganzer Familien in die Bundesrepublik – am 11. Juni 1953 eingestellt. Zwischenzeitlich inhaftierte Jugend- und Studentenpfarrer wurden entlassen und eingezogene Gebäude zurückgegeben. Schüler, die von der Oberschule verwiesen worden waren, wurden wieder aufgenommen und zum Abitur zugelassen. Ein Erfolg der Nach-Stalin-Ära, der von der SED-Führung nur widerwillig akzeptiert wurde.

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Eingeordnet unter Historisches

Der Trick mit der falschen Fibel – Verleger täuscht Kunden

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Im Werbeangebot ist angebliche die Fibel, nach der  die Kinder in der DDR das Lesen in der Schule gelernt haben. „Beliebt und begehrt wie früher“ heißt es völlig zu Unrecht, denn keines der DDR-Kinder  hat bis 1990 diese Fibel gekannt. Es wäre auch zu schön gewesen, wie die Bilder zeigen:

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Tatsächlich gab es bis 1990, als das SED-Regime bereits untergegangen war und die DDR unmittelbar vor dem Beitritt zur Bundesrepublik stand, über Jahrzehnte eine andere Fibel. Nicht „Meine“, sondern ganz kollektivistisch „Unsere Fibel“. Der sozialistische Kollektivgeist wurde auch gleich auf der Innenseite belegt mit einem Fahnenappell mit Halstüchern und gehisster Fahne vor dem Schulunterricht. Sowie auch mit anderen Themen, die den Kindern seit 1974 bis 1990 mit dieser Fibel den sozialistischen Alltag nahebrachten. Ein paar Beispiele:

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Letztere Fibel, die 1989 schon 15 Jahre alt war, als Reprint-Ausgabe neu aufzulegen, würde der falschen Werbung gerecht, aber 9.99 Euro würde wohl kein Mensch dafür ausgeben. Da muss man schon tricksen und so tun, als hätten Millionen von ostdeutschen Erstklässlern mit einer Fibel, die der Untergang der DDR erst möglich gemacht hat und die in den Neunzigerjahren für viele ostdeutsche Schulanfänger galt, das Lesen gelernt. „Warum also die Tradition brechen?“, fragt die Werbung. Und bleibt die Antwort schuldig. Hauptsache der verarschte Kunde bezahlt.

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Der Angstverkäufer

(Vertont von den PUHDYS für die LP/CD „Das Buch“)

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Die LP „Das Buch“,  1984  in der DDR und in der BRD mit „Der Angstverkäufer“ erschienen

Es war eine Stadt im Tal der Neumanen.
Die Stadt war bekannt unter vielen Namen,
Port Wohlstand, Bad Reichtum, Hoffnungstal.
Die Stadt lag in Frieden, ihr Ruf war geachtet,
die Händler kamen in Scharen
Auch der mit den Sternen und Streifen am Hut
kam in die Stadt gefahren.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

In den Gärten der Stadt sproß Zufriedenheit.
Die Stammtische waren mit Lorbeer drapiert.
Die Bäder gekachelt, die Zäune lackiert.
Der Überfluß lähmte die Aufmerksamkeit,
es gähnte die Langeweile.
Der Mann mit der Angst bot zum Sonderpreis
Geschäfte zum Vorzug bei Eile.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Er versprach Feuersbrunst, Erdbeben und Sintflut
als Zugabe Streik durch die Müllabfuhr
fürs schlaffe Gemüt die passende Kur
Doch sie lachten ihn aus denn sie waren gefeit
durch hohe Versicherungspolicen.
Gegen Hunger und Not, gegen Elend und Tod
hielten sie dem Händler entgegen
.
Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Was er dann empfahl, war die Krone des Handels.
Und die Kunden die bissen auch an.
Das Geschäft hieß der Krieg, der Feldherr total.
Die Stadt hielt die Sache für durchaus normal.
Im Nu war die Stadt im Tal der Neumanen
gestrichen aus Atlas und Lexikon.
Der alles gewann, zog weiter geschwind
denn es gab noch sehr viel zu tun.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!
+++

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Honi in der BRD – schon vergessen?

Damit es nicht ganz vergessen wird. Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR und Generalsekretär des ZK der SED Erich Honecke besuchte 1987 die Bundesrepublik Deutschland. Im Rahmen eines umfangreichen Programmablaufes wurde der SED-Chef von Politik, Wirtschaft und Kultur hofiert, wie kaum ein anderer.  Viele wollen es heute gar nicht mehr wissen. Anbei das Programm jener ereignisreichen Septembertage:

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Eingeordnet unter Dokumentation

Die Kuriere des Teufels – Mielkes „stille Post“

Sie waren besser organisiert als die Mafia. Ihr Schweigen war Gesetz, es galt für zwanzig Jahre. Die Welt stand ihnen offen, sie agierten in mehr als einhundert Ländern der Erde. Mit ihren Ausweisen waren sie immun, sie durften weder durchsucht, noch festgenommen werden. Die 24 Männer waren perfekte Schmuggler. Sie beförderten alles, was für ihren Status verboten war – Waffen, Gold und Edelsteine, Rauschgift, Porzellan und High-Tech nach Bedarf. Was auch immer zu Hause in der DDR für Wirtschaft, Wissenschaft oder zur Devisenbeschaffung bestellt war oder einen illegalen Weg ins Ausland finden sollte – es wurde prompt erledigt.

Die „Wiener Konvention über diplomatische Beziehungen“ von 1961 war für die Kuriere in den Grauzonen der Legalität Makulatur. Darin heißt es im Artikel 27: „Gepäckstücke, die das diplomatische Kuriergepäck bilden … dürfen nur diplomatische Schriftstücke oder für deren amtlichen Gebrauch bestimmte Gegenstände enthalten.“ Unabhängig davon war der Zentrale Diplomatische Kurierdienst (ZDKD) der DDR per Beschluss von 1972 allein zuständig für den Transport aller „vergegenständlichte(r) Staats- und Dienstgeheimnisse der Staatsorgane, der wirtschaftsleitenden Organe, der volkseigenen und ihnen gleichgestellter Betriebe im grenzüberschreitenden Verkehr“.

240 volkseigene Betriebe, Organisationen und Parteien konnten den Kurierdienst für ihre Zwecke nutzen. 1500 Personen waren ausgewählt, Kurierwaren aufzugeben oder zu empfangen. Aus einigen Unternehmen bzw. Organisationen wurden „ad-hoc-Kuriere“ benannt, die mit diplomatischem Status Kurierpost ins Ausland bringen bzw. dort abholen durften.

Eine „Spielwiese“ der Stasi 

Der ZDKD gehörte offiziell zum Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Ihr Chef war der Generalsekretär im Ministerium Alfred B. Neumann, ein Vertrauter Honeckers und Mielkes. Ihm unterstanden außerdem der Schutz und die Sicherheit der Auslandsvertretungen in der DDR, das Dienstleistungsamt für ausländische Vertretungen, die Diplomatenversorgung VERSINA, das Zentrum für Auslandsverbindungen mit dem Außenpolitischen Chiffrierorgan sowie der Staatliche Funkbetriebsdienst. Bereiche also, die eine weitreichende „Spielwiese“  für Mielkes Schnüffelkolonne waren.

Der tatsächliche Chef des Auslands-Kurierdienstes hatte sein Büro in der Berliner Normannenstraße, sein Dienstgrad war Oberst. Ohne dessen Zustimmung oder Kaderauswahl war keine Anstellung als Kurier möglich. In der Regel waren die Kuriere als Offiziere im besonderen Einsatz oder als IM Mielkes Geheimdienst verpflichtet. Ihren Oberst sahen sie – außer bei besonders wichtigen Dienstbesprechungen – jedes Jahr im Februar, wenn es im Restaurant „Rübezahl“ am Müggelsee neben feurigen Reden auch Auszeichnungen, Beförderungen und erlesene Speisen und Getränke gab.

Flughafen-Spionage

Die diplomatischen Kuriere reisten grundsätzlich zu zweit. Zu ihren Aufgaben gehörte die detaillierte Erkundung von Flughäfen in aller Welt. Sie baldowerten die genauen Postengänge und die Bewaffnung der Posten aus, testeten Schleichwege und versuchten Kontrollen zu umgehen. Präzise wurden alle Möglichkeiten des unkontrollierten Passierens des Grenzregimes erkundet. Auch viele weitere Details, wie das Fotografieren der Pässe, Sitz der Sicherheitspolizei und deren Bewaffnung, ihre Streifenrouten sowie die Meldepunkte, wurden in über einhundert Handakten zusammengestellt und mit Lageplänen und Skizzen unterlegt.

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Anerkennung für einen Diplomatischen Kurier

1986 wurden als Diplomaten fungierende Stasi-Mitarbeiter in allen Botschaften aufgefordert, ihre Erkenntnisse über die Grenzregimes nach Berlin zu übermitteln. Hier wurden die Akten vervollständigt. Interessenten, wie zum Beispiel der Bereich Kommerzielle Koordinierung des Alexander Schalck-Golodkowski, nutzten die Unterlagen für ihre Zwecke.

Goldraub in der Mongolei

Heimlich, still und leise schmuggelten die Kuriere Gold aus der befreundeten mongolischen Volksrepublik in die DDR. Laut dem damaligen  DDR-Botschafter Heinz Bauer haben in den Achtzigerjahren 30 bis 40 Fachleute  des Instituts für Geologische Forschung und Erkundung Halle sowie des Mansfeld Kombinats an der Erkundung sowie an Möglichkeiten des Abbaus einer Goldlagerstätte ca. 200 km von Ulan Bator entfernt gearbeitet. Laut den beteiligten Kurieren seien zwischen 1983 und 1984 in monatlichen Abständen Gold in Form von Nuggets nach Ostberlin verbracht worden. Etwa 40 Kilogramm waren in jedem Sack. Zweimal gab es außer der Reihe Kuriergepäck von jeweils 160 Kilogramm.  Außerdem wurden präzise vermessene Karten der Lagerstätten in die DDR gebracht.

Einmal im Monat kamen die Kuriere in die Botschaft und ließen das Gold in einem großen schwarzen oder grünen Leinensack verschwinden. Zitat aus dem Manuskript eines Kuriers: „Am späten Nachmittag ruft die Sekretärin des Botschafters an und fragt. Ob wir uns die Nuggets einmal ansehen wollen. … Und dann liegt das Gold der Mongolei vor uns. Klumpen bis zu einem Gewicht von 120 Gramm. W. beginnt alles in kleine Schachteln zu packen, diese werden verklebt und auf dem Schreibtisch geschichtet. W. meint: Wir haben gerade nachgewogen, ihr nehmt diesmal 37 Kilo mit.“

Der Autor zitiert den Botschafter, der am nächsten Morgen die beiden Kuriere verabschiedet: „Wie gesagt, zu keinem ein Wort, auch nicht zu den beiden Diplomaten, die euch zum Flugplatz bringen. Das hat die gar nicht zu interessieren. Wenn die Mongolen die Säcke röntgen wollen, klopft ihnen auf die Finger. Wie Ihr in Irkutsk und Moskau verfahrt, wisst ihr selbst am besten. Ich habe einen Brief an A. B. Neumann geschrieben, dass ich in den nächsten Monaten Sonderkuriere brauche. Es kommt ganz darauf an, wie viel unsere Geologen aus der Erde buddeln.“

Privatpost durchschnüffelt

Fast täglich lieferte das Ministerium für Staatssicherheit unter der Tarnbezeichnung ACO II ihre Postsäcke an, die ebenfalls über den Kurierdienst in alle Welt gebracht wurden. Auch die Privatpost der Botschaftsmitarbeiter und anderer im Ausland tätiger DDR-Bürger sollten ihre Post „aus Sicherheitsgründen“ der Botschaft anvertrauen. Sie wurde von Kurieren befördert.

In der Regel verlief das so, dass der Hauptverantwortliche für die Sicherheit der Botschaft (HSB) mit den Briefen in seinem gut abgeschirmten Arbeitszimmer verschwand. Dort begutachtete er die Post nach Format, Gewicht und Absender und notfalls auch inhaltlich. Dies besonders in London, Paris, Washington, Tokio, Peking und anderen Staaten mit Vertretungen der ersten Kategorie. Nach der Kontrolle nahmen die Kuriere die Post mit in die Heimat.

Der „erkrankte“ Kurier

Besonders hinterhältig war der Deal mit den Kurieren, um DDR-Bürger, die in Auslandsvertretungen beschäftigt waren und die Absicht ahnen ließen, ihr Land zu verlassen, in die DDR zu holen. Einer der beteiligten Kuriere schildert einen solchen Fall aus dem Jahr 1984 in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Nachdem dem HSB über Spitzel bekannt wurde, dass einer der Botschafts-Mitarbeiter „republikflüchtig“ werden wollte, wurde in Absprache mit dem MfS gehandelt. Zwei Kuriere reisten nach Lima, von denen einer dort „erkrankte“. Da Kuriere immer zu zweit reisten, musste der Botschafter entscheiden, welcher Mitarbeiter auf der Rückreise in die DDR als Hilfskurier fungierte. Das war „zufällig“ jener, dessen man habhaft werden wollte.

Der Kurier war dafür verantwortlich, dass seine Begleitperson tatsächlich in der DDR ankam. Kurz nach der Landung in Berlin-Schönefeld erfolgte dessen Festnahme durch die Stasi. Ein ähnlicher Fall spielte sich ebenso „erfolgreich“ in Paris ab. Die Kuriere wussten von diesem „Sonderauftrag“ und nahmen nach erfolgter Aktion Prämien bzw. Belobigungen entgegen. Eingeweiht in solchen Fällen waren nur die betreffenden Kuriere, der HSB der Botschaft sowie der Botschafter.

„Selbstschutzmittel“ in alle Welt

Im Allgemeinen wurden die DDR-Vertretungen von den Sowjets mit Waffen versorgt. Dennoch wurden über die Kuriere Pakete mit Bargeld, Waffen, Munition, Gasmasken, Gaspatronen sowie anderen Selbstschutzmitteln für leitende Mitarbeiter geliefert. Außerdem brachten sie in Alexander Schalck-Golodkowskis Auslandsbüros in Dubai, Vaduz und Luxembourg, was dieser bestellt hatte oder erhalten sollte.

Kommerzielle Angebote an Waffen und weiteren militärischen Ausrüstungen der NVA-Firma ITA und der KoKo-Firma IMES wurden über den Kurierdienst in zahlreiche Länder transportiert. So beispielsweise nach Iran und Irak, Syrien, Äthiopien, Kongo, Nigeria und andere Länder der Dritten Welt.

1988 geschah es, dass ein ad-hoc-Kurier aus den Dresdner Flugzeugwerken mit einem waffentechnischem Angebot der KoKo-Firma IMES nicht in Nigeria ankam, stattdessen beim BND in Pullach. In fieberhafter Eile wurde der Funk-Code für die diplomatischen Vertretungen geändert. Pullach schickte das Gepäck des Kuriers über die Ständige Vertretung nach Ostberlin, wobei natürlich alles kopiert worden war. Waffenlieferungen der DDR waren für den BND kein Geheimnis.

Edelsteine und High-Tech aus aller Welt

Anfang der Achtzigerjahre wurde über den Kurier-Bereich im Außenministerium ein 128-teiliges Meissner Porzellanservice aus der ehemaligen kaiserlichen deutschen Botschaft mitsamt dem dazugehörigen Tafelsilber illegal in die DDR transportiert. Eigentlich gehörte das Service der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches. Das Porzellan kam als Umzugsgut per Schiff in die DDR, das Tafelsilber transportierten die Kuriere in mehreren 20-Kilo-Säcken. Über den Bereich KoKo wurde das Ganze für 3,5 Millionen Dollar in die USA verkauft.

Noch bis zum Frühjahr 1990 wurden über den Kurierdienst Gold, Schmuck und Edelsteine, u.a. aus Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern, illegal in die DDR eingeführt. Zum Teil wurden damit Waffen und Munition bezahlt.

In wichtigen Industrieländern gab es so genannte WPA – Wissenschaftspolitische Abteilungen. Sie erkundeten im Gastland hochbrisante High-Tech, für das es zum großen Teil Einfuhrverbote in die DDR gab. In Umzugsgütern von Mitarbeitern diplomatischer Vertretungen wurden solche Waren untergebracht und erreichten so die DDR. Abnehmer war vor allem die Firma INTERPORT der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, die als Oldtimer-Handel getarnt und bei West-Kunden geschätzt war. Die Oldtimer wurden zum Teil mit Steuertricks von Sammlern requiriert. INTERPORT stattete die wichtigsten Botschaften der DDR, wie Washington, Brüssel, London und Bonn, mit modernster Computer- und Nachrichtenübermittlungstechnik aus, die getarnt in die DDR geholt wurde.

Ungestört bis zum Schluss

Die Arbeit des ZDKD ging nach den Wahlen im April 1990 voll an der CDU-geführten Regierung und am Außenminister vorbei. Man ahnte nicht einmal, welche Machenschaften sich in der 8. Etage des Außenministeriums abspielten, für deren Zutritt ein vierstelliger Code monatlich geändert wurde. Den damaligen unbedarften Hobbypolitikern wie Markus Meckel als zeitweiliger Außenminister waren die eigentlichen Aufgaben des ZAV, also der Zusammenschluss aller mit Nachrichtenübermittlung befassten Institutionen, völlig verborgen geblieben, so dass diese Sondereinheit des MfS ihre Arbeit bis zum 2. Oktober 1990 fast ungestört fortsetzen konnte. 

Einerseits nutzte die Regierung de Maiziere den Dienst, um z.B. den ehemaligen DDR-Partnern den Austritt aus dem Warschauer Pakt mitzuteilen. Andererseits wurde noch am 2. Oktober 1990, um 22.50 Uhr, also eine gute Stunde vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, ein Waffenangebot der Stasi-Firma ITA per Kurier in den Irak geschickt.  

Am 13. September 1990, wenige Tage vor dem Ende der DDR, gab es im Begegnungsraum des Außenministeriums  in der 1. Etage die „Abschlussfeier“ des Kurierdienstes. Der bereits im Frühjahr entlassene Alfred B. Neumann hatte kein Problem, die Zusammenkunft seiner ehemaligen Mitarbeiter zu nutzen, um ihnen für die geleistete Arbeit zu danken und sie aufzufordern „mit tschekistischer Raffinesse die Zukunft zu meistern“, wie einer der Kuriere aufschrieb.                                                                

 

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