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Wie Stalin heimlich in der DDR blieb

Kalenderblatt: Es war am 3. August 1951, als in der Berliner Stalinallee das erste Stalin-Denkmal der DDR eingeweiht wurde. Es stand gegenüber der nagelneuen pompösen Sporthalle – der man sinnigerweise Figuren vom abgerissenen Schloss der Hohenzollern vorgestellt hatte -, die in  148 Tagen für die in Berlin stattfindenden 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gerade erst errichtet worden war. Das Denkmal war ein Geschenk des Leninschen Komsomol (Jugendorganisation der KPdSU). Präsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht weihten die Bronze-Statue mit einem propagandistischen Feuerwerk ein und sonnten sich im Schatten des Generalissimus.

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Zwei Jahre später starb der Diktator, und Millionen Bürgerinnen und Bürger aus allen Teilen der DDR erinnerten sich seiner in einem kilometerlangen Defilee durch die Stalinallee und bewiesen dem Allmächtigen ihre Trauer. Kurz darauf enthüllte Chruschtschow das Unglaubliche: Stalin sei ein Verbrecher gewesen und dem Personenkult verfallen. Ausgerechnet Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der Moskauer Parteichef von Stalins Gnaden und vormalige Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg, enttarnte seinen  langjährigen Chef. Damit war er die Nummer eins im Sowjetland, zumal er Stalins verhassten Geheimdienstchef Berija noch rasch verurteilen und hinrichten ließ.

Dann wurde es auch in der DDR ruhiger um „Väterchen Stalin“. Die dichterischen Elogen von Johannes R. Becher und vielen anderen linientreuen Dichtern  verschwanden aus den Schulbüchern. Im Februar 1956, auf dem 22. Parteitag der KPdSU, erfolgte die endgültige Abrechnung mit dem Diktator durch Chruschtschow.  Stalin wurde aus der Reihe der Klassiker des Kommunismus – Marx, Engels, Lenin, Stalin – ersatzlos gestrichen. In großen Parteiveranstaltungen wurde fortan nicht mehr ein Platz für den großen Stalin freigehalten.

Chruschtschow durfte noch bis 1964 im Amt bleiben, bis ihn die Hardliner um Breshnew stürzten und in alter stalinscher Manier weitermachten. Wenige Jahre später starb laut einer Kurzmeldung der Bürger Chruschtschow. Ulbricht versicherte, dem Personenkult abhold zu sein und hielt sich bis zum endgültigen Honecker-Breshnew-Komplott 1970 im Amt.

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In der DDR hatte es nach dem berühmten 22. Parteitag der KPdSU noch fünf Jahre gedauert, bis
der Massenmörder, der auch viele ehrliche deutsche Kommunisten auf dem Gewissen hatte, in der vormaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, vom Sockel gehoben wurde. Tatsächlich wurde der Bronze-Stalin bei Nacht und Nebel klammheimlich weggeschafft und eingeschmolzen. Nie wurde mitgeteilt, dass aus der Bronze  Tierfiguren für den Berliner Tierpark gegossen wurden. Stalin blieb, getarnt wie ein Wolf im Schafsfell, im Lande.

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Mein Schulheft von 1952. Nach 1953 änderten sich die Bilder.

Bei der Gelegenheit wurde auch gleich Stalinstadt an der Oder unter der fadenscheinigen Begründung einer Strukturänderung in Eisenhüttenstadt umgetauft, und dem VEB Eletroapparatewerke in Treptow wurde der Kosename „J.W.Stalin“ entzogen, der lange vom Dach geleuchtet hatte. (Übrigens wurde wegen gravierender Baumängel, kaum zwanzig Jahre alt, das als gigantische „Sporthalle in der Stalinallee“ berühmt gewordene Bauwerk abgerissen und rasch durch Plattenbauten ersetzt.)

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Immerhin wurde aus der Stalin-Bronze neben anderen Tieren auch ein Fuchs

siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2013/05/07/kuscheln-mit-stalin-2/

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Die Kaderschmiede der Diktatur

Wo einst der „Bock von Babelsberg“ residierte

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Versteckt zwischen Wald und Wasser fristet die ehemalige sozialistische Kaderschmiede der Freien Deutschen Jugend unweit von Wandlitz ihr abgewirtschaftetes Dasein. Von Anfang war es die Funktion des kolossalen Monumentalbaus, junge indoktrinierte Gefolgsleuten der SED auf wichtige Funktionen in Partei und Staat vorzubereiten. Wie auf einer Insel im Wald lag die Jugendhochschule der FDJ „romantisch und still“ – wie der Vorbesitzer des Tarrains Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb – etwa zehn Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze fast unerkannt vor fremden Augen und Ohren.

Der Bogensee und das Gut Lanke waren lange Zeit in adeligem Besitz, bis es Berlin 1919 für zwanzig Millionen Reichsmark kaufte. 1936 zeigte sich die Stadt besonders großzügig und machte den Bogensee und knappe 200 Hektar Land dem Reichspropagandaminister Hitlers und dem Berliner NSDAP-Chef Joseph Goebbels zum 39. Geburtstag zum Geschenk auf Lebenszeit. Später bauten die Hauptstadt und die UfA in unmittelbarer Nähe den gigantische „Waldhof am Bogensee“ für Goebbels, der neben riesigem Komfort auch über einen Kinosaal und einen eigenen Rundfunksender verfügte. Hier verbrachte Goebbels, dem als zuständiger Propagandaminister mit Verantwortung für die Filmindustrie der Spitzname „Bock von Babelsberg“ anhaftete, abseits von seiner Familie zwei Jahre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova.  

Die tschechische Schauspielerin Lida Baarova verkehrte als Geliebte in der Goebbels-Villa

Unmittelbar nach Kriegsende nutzten die alliierten Siegermächte das Objekt als Lazarett, doch schon im März 1946 übergab es die sowjetische Militäradministration der eben eben gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) als Ort für die Erziehung bzw. Umerziehung junger Menschen.

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Bis heute stehen große Teile der ehemaligen Jugendhochschule leer, während in Berlin Flüchtlinge Schulsporthallen belegen mussten

Nach wenigen Jahren erwies sich  die Villa Goebbels als viel zu klein für die Hochschule. Der Chef-Architekt der Berliner Stalinallee, Hermann Henselmann, erhielt den Auftrag zum weiteren Ausbau des riesigen Geländes. Entgegen seinen eigenen Vorstellungen schuf er auf Ulbrichts Anraten ab 1951 für acht Millionen Mark Monumentalbauten. Sie wurden im Stil des aus Moskau übernommenen „sozialistischen Klassizismus“ errichtet, der bis heute die ehemalige Berliner Stalinallee prägt. Zu den riesigen Internatsbauten, dem   einen Hörsaalkomplex mit 560 Sitzen und 18 Fremdsprachenkabinetten für eine der damals modernsten Simultananlagen gehören auch eine Sporthalle, eine große Mensa, ein Heizhaus, Kindergarten und gastronomische Einrichtungen. Die Jugendhochschule wurde eine  eigenständige kleine  Stadt mit der dazugehörigen Infrastruktur.  

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Hauptportal der Mensa, die der Größe einer Konzerthalle gleicht

Am 24. Mai 1946 hatte  der Unterrich an der Jugendhochschule begonnen. 1950 verlieh ihr der Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, seinen Namen. Zu den Dozenten gehörte anfangs Wolfgang Leonhard (1921-2014), der im April 1945 zu der aus Moskau zur Machtübernahme eingeflogenen „Gruppe Ulbricht“ gehörte und Jahre später als Schriftsteller und „Kreml-Astrologe“ vom Westen aus die Ostpolitik verfolgte und kommentierte.

Zahlreiche Internatsbauten, die bis heute mit ihrem Komfort gut erhalten sind

Anfangs war der Lehrstoff der Jugendlichen noch auf eine antifaschistische, demokratische Grundordnung ausgerichtet, zumal die jungen Menschen aus verschiedenen Parteien und Konfessionen zum Studium delegiert worden waren. Im Dokumentarfilm „Geheimnisvolle Orte – Bogensee“ von Dora Heinze schildert Leonhard, wie die Mitglieder des FDJ-Zentralrates aus den Blockparteien CDU und LDPD im Januar 1948 aus Protest gegen die Gleichschaltung von FDJ und SED die Tagung verließen. Auch die Studierenden aus diesen Parteien sollten an der Jugendhochschule im stalinistischen Sinne indoktriniert werden

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Proletarische Kunst in den riesigen Parkanlagen der ehemaligen Jugendhochschule

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Als die FDJ den Weg der antifaschistischen, demo-kratischen Werteorientierung verließ und sich unter Erich Honeckers Führung als „Helfer und Kampfreserve der SED“ formierte, verließen die jungen Menschen aus den Blockparteien die Hochschule. Das war zu jener Zeit, als Politiker der Blockparteien in der Regierung der DDR, unter ihnen Außenminister Georg Dertinger, Justizminister Max Fechner und andere ihrer demokratischen Gesinnung wegen unter fadenscheinigen Gründen als Gegner der DDR verhaftet und auf Jahre eingesperrt wurden, um auf diese Weise die   Blockparteien  auf SED-Linie zu bringen. Später wurden zahlreiche FDJ-Funktionäre und SED-Mitglieder in die Führungsgremien dieser Parteien lanciert.

An der Kaderschmiede der Diktatur des Proletariats holten sich rund 20.000 Jugendliche das Rüstzeug für führende Funktionen im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Zum Abschluss musste jeder die Frage beantworten, ob er bedingungslos jeden Auftrag der Partei – wobei nur die SED gemeint war – erfüllen würde. Bei der Antwort gab es keine ungestrafte Alternative zu einem Ja.

Zu den großen Geheimnissen der Hochschule gehörte es, dass an dieser sozialistischen Kaderschmiede rund 4000 Mitglieder von kommunistischen Parteien und Organisationen aus 67 Ländern das Rüstzeug für den revolutionären Kampf in ihren Heimatländern erhielten und zum großen Teil anonym am Bogensee weilten. Sie hatten kaum Kontakte zum öffentlichen Leben in der DDR, ihre Personaldokumente waren weggeschlossen.   

Nach der friedlichen Revolution 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde die Jugendhochschule abgewickelt. Die Kosten für die Hochschule, zu deneen neben der Erhaltung die  Unterbringung und das Essen gehörten, waren von der zusammengeschrumpften FDJ und geschweige vom Staat nicht mehr aufzubringen. Seitdem hat das große Objekt, das sich in einem baulich hervorragenden Zustand befindet, bislang keine langfristige Verwendung mehr. Kleinere Unternehmen versuchten sich Stück für Stück in den großen Komplex einzumieten.  Jährlich kostet die Unterhaltung der Anlage durch die Stadt Berlin als Eigentümerin  rund 250.000 Euro.

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Der Zustand des Parks, der die Größe eines Fußballfeldes einnimmt, täuscht über die hohe Qualität der Bauwerke hinweg, die gut und gerne geeignet sind, eine vierstellige Zahl an Flüchtlingen vorübergehend menschenwürdig unterzubringen. Woran es scheitern mag, das kann nur der Wille des Eigentümers, des Berliner Senats sein.

Die im Gestrüpp auszumachenden Skulpturen jedenfalls stehen für internationale Solidarität und Barmherzigkeit.

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