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Eine Zeitreise durch Rüdersdorf

Ohne Kalkstein aus der Mark ist die Hauptstadt undenkbar

Klaus Taubert (Text und Fotos)

Eine Zeitreise in die Vergangenheit muss nicht immer ein Privileg von Sciencefiction-Autoren sein. Der Besuch des Museumsparks von Rüdersdorf hinter dem östlichen Stadtrand von Berlin gibt den Blick frei in die mehr als 700-jährige Geschichte des Kalkbergbaus in der einzigartigen norddeutschen Lagerstätte. Wo einstmals ein Berg aus der flachen Landschaft ragte, auf dessen Äckern Bauern im 13. Jahrhundert störende Kalksteine aus dem Boden pflügten, klafft heute ein Loch. Es ist vier Kilometer lang, einen Kilometer breit und bis zu hundert Meter tief. Im grellen Schein der Sonne leuchtet vom Grund weiß bis gelb zurück, was sich vor rund 250 Millionen Jahren auf dem Meeresboden an Muschelkalk bildete.  

Aus der Not der Bauern machten erfinderische Mönche eine Tugend. Sie legten das Kalkgestein frei, brannten die abgebauten Steine, „löschten“ sie mit Wasser, mischten Mörtel und trugen auf neue Weise dazu bei, die Geschichte der Menschheit in steinerne Monumente zu fassen, wie sie nicht nur im Verzeichnis des UNESCO-Welterbes als Paläste, Klöster, Kirchen zu finden sind.

1Zementwerk

Eines der modernsten Zementwerk der Welt ist heute ein Wahrzeichen von Rüdersdorf. Vom ihm geht keine Gefahr mehr für Leib und Leben der Rüdersdorfer aus, wie das bis 1990 der Fall war

Das Geheimnis des gebrannten Kalks  

Der Vorgang ist ganz einfach beschrieben: Durch das Brennen mit Temperaturen um 900 Grad Celsius wird dem Kalkstein – exakt: Kalziumkarbonat (CaCO3) – Kohlendioxid (CO2) entzogen. Zurück bleibt so genannter Branntkalk (Kalziumoxid, CaO) der zunächst mit Wasser „gelöscht“ und mit Sand und möglicherweise einigen anderen Zutaten vermengt wird. In Verbindung mit Wasser ist aus dem Branntkalk Kalziumhydroxid (Ca(OH)2) geworden. Diese neue Kalkverbindung als Bestandteil des plastischen Mörtels nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf und verwandelt sich wieder  in das Ausgangsmateriel Kalziumkarbonat. Dadurch ist der Kalkstein ein vorzügliches Bindemittel, das in einem Kreislauf wieder seinen ursprünglichen Zustand als festes, verbindendes Gestein annimmt.

Da dieser Mörtel das Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt, ist eine Verwendung unter Wasser nicht möglich. Das ging erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Zement erfunden war und in Verbindung mit Eisen beispielsweise zum Stahlbeton führte. Bis dahin waren in wasserreichen Regionen ganze Siedlungen und Städte, wie z.B. Venedig, auf Holzpfählen errichtet, die als Unterbau in den Boden gerammt wurden und unter Luftabschluss sehr lange haltbar sind. Selbst viele alte Bauwerke in Berlin ruhen auf Pfahlgründungen.

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Blick in den heutigen Kalk-Tagebau vom Osten her. Im Hintergrund das Zementwerk.

2000 Jahre alt: Germanischer Kalkofen

Ein unspektakuläres Ausstellungsstück im Museumspark, an dem man möglicherweise achtlos vorbeigeht, ist ein „Germanischer Kalkofen“. Der war bereits in Betrieb, als vor zweitausend Jahren die neue Zeitrechnung begann. Damals wurde Kalk in Erdgruben mit Holz zu Branntkalk verarbeitet. Wie Archäologen feststellten, gab es damals im heutigen Berliner Raum zahlreiche Siedlungen, deren Holz-Lehm-Häuser mit Kalk verputzt waren, der aus den kleinen Kalkbrennöfen kam, die es fast in jeder Siedlung gab.

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2000 Jahre alter Kalkbrennofen. In einer Erdgrube wurde Kalk mit Brennholz zu Branntkalk erhitzt

Mit der Bekehrung zum Christentum wurden im neunten und zehnten Jahrhundert die mitteldeutschen Gebiete bis zur Oder neu organisiert und dauerhaft besiedelt. Die bevorzugten Baumaterialien waren nach wie vor Holz, Lehm und Strauchwerk. Selbst die Kirchen jener Zeit waren noch aus Holz gebaut. Erst ab dem 13. Und 14. Jahrhundert nahm der Bau von Steingebäuden, vorrangig Kirchen, zu. Zeugnis dafür ist die spätromanische Dorfkirche in Alt-Rüdersdorf, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Feldsteinen und örtlichem Kalk errichtet wurde.

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Spätromanische Feldsteinkirche in Alt-Rüdersdorf, die im 13. Jahrhundert mit örtlichem Kalk gebaut  wurde

Berlins Prachtbauten haben ihren Ursprung in  Rüdersdorf  

Die Doppelstadt Berlin/Cölln wurde im späten Mittelalter zu einer bedeutenden Handelsmetropole, die weit über ihre alten Siedlungsgebiete hinaus wuchs. Die Stadtmauer, das Rathaus, Kirchen und Wohnhäuser entstanden mit dem Kalk und den Kalksteinen aus Rüdersdorf.

Bis in das 19. Jahrhundert gehörte der Kalkstein, zum Teil in behauenen Blöcken, zu den Baumaterialien großer Berliner Baumeister. Rüdersdorfer Kalkstein findet sich im Brandenburger Tor, in der Lindenoper, in der Hedwigskathedrale,  im Berliner Dom, im Reichstag, mit ihm wurden Sanssouci und die Garnisonkirche in Potsdam, später das Olympiastadion und  andere repräsentativen Bauwerke geschaffen. Von hier kam auch der Zement für den Bau der Reichsautobahnen. „Der Rüdersdorfer Tagebau“, so formulierte ein Berliner Bauexperte treffend, „ist der Negativabdruck der Stadt.“  

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Berliner Reichstagsgebäude, in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts mit Rüdersdorfer Kalksteinen gebaut

Erster „moderner“ Kalkofen  350 Jahre alt

Die eigene Verarbeitung der Kalksteine zu Branntkalk für Mörtel in Rüdersdorf geht schriftlichen Überlieferungen zufolge zurück in die Zeit ab 1571, als in Rüdersdorf ein erster Kalkofen gebaut worden war, der 1579 mit dem Kalkbrennen begann. Uralte Reste eines späteren Doppelofens sind aus dem Jahr 1666 zu besichtigen, als nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges ein großer Bedarf an Baumaterial bestand.

Die Wände dieses in Resten erhaltenen Doppelofens bestanden aus zwei Meter dicken Außenmauern, die durch zusätzliche Pfeiler gesichert waren. Nach jeder Beschichtung mit Kalksteinen wurden die Zugänge zu den Ofenkammern zugemauert und der Inhalt mit Brennholz erhitzt, wozu  Luftröhren nach oben für den nötigen Zug sorgten. Nach vier bis fünf Tagen war der Kalkstein gebrannt und nach zwei weiteren Tagen der Abkühlung wurden die Zugänge geöffnet und der gebrannte Kalk per Hand herausgezogen. Um den hygroskopischen Branntkalk vor Feuchtigkeit zu schützen, wurde er in der nahen Kalkscheune sofort in Fässer verpackt.

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Teile des erhaltenen Doppelkammerofens zum Kalkbrennen aus dem 17. Jahrhundert

Das alles reichte bei weitem nicht aus, um den Bedarf Berlins, das ab 1701 preußische Hauptstadt war, insbesondere unter König Friedrich Wilhelm I. zufriedenzustellen. Die  Stadt wuchs auf mehr als 100.000 Einwohner an und brauchte Mörtel für den Wohnungsbau, für den Ausbau des Stadtschlosses, für Kasernen des Soldatenkönigs und andere Repräsentativbauten. In Rüdersdorf  hingegen wurde das Brennmaterial knapp, denn jede Ofenfüllung benötigte 75 Kubikmeter Holz, für das bereits viel Wald abgeholzt worden war. Die Gefahr bestand, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kalkbrennerei allein aus Holzmangel hätte eingestellt werden müssen. Brandenburg befand sich in einer Energiekrise. Der Wald um Berlin war ohne Nachpflanzungen erheblich dezimiert, die Schorfheide, die einst bis nahe Strausberg ging, war durch den radikalen Holzeinschlag nach Norden zu verkleinert worden. Friedrich der Große mahnte die Forstleute, mit der Erhaltung des Waldes an nachfolgende Generationen zu denken. Der Preußenkönig lobte Preise aus für die Einsparung von Holz. Ein Ergebnis ist u.a. der „Berliner Kachelofen“ mit  Brennkammern, Zügen, Luftregulierung und Rauchgasklappen, wie er bis heute noch zu finden ist.

 4Uhrenturm

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12Glockenturm

Magazingebäude, in dem der gebrannte Kalk in Fässer für den Abtransport verpackt wurde. Das ehemalige Lager- und Wohnhaus ist vermutlich der älteste erhaltene frühindustrielle Zweckbau im Land Brandenburg. Dieses florierende Unternehmen wurde Anfang des 19. Jahrhundert um den angebauten Uhrenturm bereichert. Heute finden in dem traditionsreichen Gebäude Eheschließungen statt. Der Glockenturm rundete das Bauensemble ab. Er steht auf einer Anhöhe neben dem Tagebau und gibt Alarm, wenn es brennte oder anderweitig Gefahr droht, womit die Eheschließungen nicht gemeint sind.

Neues Zeitalter mit Rumfordöfen

Während dieser Holznot  wurde die Bergbehörde rechtzeitig auf den Engländer Benjamin Thompson (der spätere Count of Rumford) aufmerksam. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte er einem kontinuierlich brennenden Kalkofen entwickelt, der das Brennmaterial vom Kalk trennte und mit Torf bzw. später mit Kohle beheizt wurde. 1802 schon nahmen in Rüdersdorf der erste dieser Öfen und bald auch ein zweiter den Betrieb auf. In der Mitte befand sich ein hoher Brennschacht, der von oben mit Kalkstein beschüttet wurde. Im unteren Drittel befanden sich mehrere separate Feuerschächte, über die der Kalk erhitzt wurde. Nach dem Brennen wurde der Branntkalk am unteren Ende  des Ofens durch mehrere Öffnungen herausgezogen.

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In der Dauerausstellung des Museumsparks dargestellter Querschnitt durch einen Rumfordofen

Vom Steinbruch aus gelangten die Kalksteine über eine hölzerne Beschickungsbrücke direkt zu den Füllöffnungen der Öfen. Eine dieser Brücken ist bis heute erhalten, ebenso ein dort 1817 integrierte Wohnung für den Kalkbrenner und seine Familie. Die Wohnung befindet sich in einem selten anzutreffenden Bohlenbinderhaus, dessen besondere und stabile Dachkonstruktion unter sparsamer Verwendung von Holz hergestellt wurde. 

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3fRumford

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Bohlenbinderhaus, über das der Transport der Kalksteine in die Rumfordöfen erfolgte, mit der eingegliederten Wohnung für die Familie des Kalkbrenners

Kanäle für den Transport

Als unter Friedrich dem Großen der Kalkabbau weiter gefördert wurde, waren neue Transportmittel vonnöten. Der preußische Minister und Oberberghauptmann Friedrich Anton von Heinitz (1725-1802) schuf wesentliche Voraussetzungen zur Modernisierung der Kalkgewinnung. Da der Tagebau inzwischen bis auf das Grundwasser-Niveau abgesenkt worden war, ließ Heinitz Kanäle in die Kalksteinbrüche bauen, um das Baumaterial auf dem Wasserweg mit Oderkähnen in nahe gelegenen Häfen im Mühlenfließ zu transportieren.

Auch wenn es heute diese Kanäle und die dazugehörenden Treidelbahnen nicht mehr gibt, gehören die Kalkstein-Portale des 1804 erbauten Heinitz- und des 1816 in Betrieb genommenen Bülow-Kanals (benannt nach dem preußischen Finanzminister) am Originalstandort zu baulichen Kunstwerken im Museumspark. Denn die Portale hat kein Geringerer entworfen als der deutsche Baumeister des Klassizismus Karl Friedrich Schinkel, der wie kein anderer Berlin seinen architektonischen Glanz verliehen hat.

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8Bülowkanal

Über diese inzwischen  nicht mehr vorhandenen Kanäle erfolgte der Abtransport der Kalksteine in Oderkähnen bis zu den nahen Häfen. Die Portale hat der Baumeister des Klassizismus Karl Friedrich Schinkel entworfen

Das Werk von Heinitz, der für die soziale Absicherung der Bergleute die Knappschafts- und Sozialkassen einführte, setzte Friedrich Wilhelm von Reden (1752-1815) fort, nach dem 1827 ein weiterer Kanal auf der Südseite des Bruchs benannt wurde, der den Tagebau mit dem Kesselsee verband. Unter von Reden wurden die Bergbautechniken modernisiert und die Rumfordöfen zu den leistungsfähigeren Rüdersdorfer Öfen weiterentwickelt. Auf Redens Anregung wurde das Gelände um den Tagebau durch umfangreiche Bepflanzungen der Halden verschönert sowie ein großer Landschaftspark angelegt, in den die industriellen Anlagen einbezogen waren. 

Erstmals wurden damals im Tagebau Schienenwege angelegt, da der Abbau inzwischen unterhalb des Grundwasserspiegels erfolgte. Das erforderte außerdem ein ständiges Absenken des Grundwassers. Heute besteht das  Entwässerungssystem aus einem zwölf Kilometer langen unterirdischen Netz,  durch das pro Minute mehr als 20 Kubikmeter Wasser abgepumpt werden, um den Tagebau trocken zu halten. 

Technisches Denkmal Ofenbatterie

Im Laufe des 19. Jahrhunderts war der Bedarf gewachsen und der Kalksteinbruch weiter ausgebaut worden, so dass es ratsam war, eine neue Ofenbatterie nahe an den neuen Abbaustellen zu errichten. So entstanden ab 1871 weiter östlich 18 Rüdersdorfer Öfen, die 1876 bereits 28.000 Tonnen Branntkalk produzierten, das Zehnfache gegenüber 1871. Für Rüdersdorf war das die zweite Technische Revolution in der Gewinnung und Verarbeitung von Kalkstein. Die neuen Öfen wurden  paarweise angeordnet, um sie von oben mit Hilfe von schienengebundenen Kipploren leichter mit Kalkstein und auch mit Steinkohle für die Schürebene zu füllen. Im unteren Bereich wurde der Branntkalk per Handarbeit aus den Öfen geholt und zur Verladerampe mit den bereitstehenden Waggons gekarrt oder über Transportbänder weiter in die neu entstehenden Zementfabriken geleitet. Die Ofenbatterie, die bis 1967 in Betrieb war, gehört zu den eindrucksvollsten technischen Sehenswürdigkeiten auf diesem Gebiet in Europa.

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Obere und untere Ebene der ab 1871 entstandenen Ofenbatterie  mit 18 Kalkbrennöfen. In der Mitte einer der Wagen, die auf Schienen den Kalk bis zu den Öfen brachten

Für das Füllen der Öfen mit Kalkstein wurden über eine Schräge von 205 Meter Länge bis zum Grund des Tagebaus Schienen verlegt. Über einen ebenfalls 1871 gebauten Seilscheibenpfeiler, der mit zwei Dampfmaschinen betrieben wurde und bis 1914 in Betrieb war, gelangten die Grubenwagen nach oben und wurde über Förderbrücken bis zur Ofenbatterie weitergeleitet. Von dort kam der gebrannte Kalk über eine eigens eingerichtete Eisenbahnverbindung zum nächstgelegenen Bahnhof in Fredersdorf.

Der Schienenverkehr im Tagebau wurde 1964 eingestellt. Fahrbare Brecher bringen seitdem den abgesprengten Kalkstein zu variabel einsetzbaren Transportbändern, über die das zerkleinerte Material zur Weiterverarbeitung in die damaligen Betriebe bzw. in das heutige moderne Zementwerk gelangt. 

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Der 1871 erbaute Seilscheibenpfeiler, zu dem mit zwei Dampfmaschinen die Waggons mit dem Kalkstein aus dem Tagebau nach oben gezogen wurden. Im Hintergrund das alte Gerüst, über das der Transport in Hängevorrichtungen weiter bis zur Ofenbatterie erfolgte

Zementwerke etablieren sich in Rüdersdorf

Die Entdeckung des Zements geht in das Jahr 1769 zurück, als der Engländer John Smeaton feststellte, dass sich aus Branntkalk mit einem Anteil an kohlenstoffhaltigem Ton ein Mörtel herstellen lässt, der auch unter Wasser abbindet. Der erste so genannte englische Zement wurde erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt. Der Berliner Arzt und Chemiker Johann Friedrich John erforschte die genauen Ursachen dieses Prozesses und kam dahinter, dass die besondere Bindekraft des Zements aus einer Beimischung zum Kalk von Kieselsäure und Tonerde herrührt. Tonhaltiger Kalkstein muss bei höheren Temperaturen gebrannt und nach dem Brennen gemahlen werden. 1825 erhielt der Engländer Joseph Aspdin ein Patent auf seinen Portlandzement .

Als schnell wirkendes Bindemittel fand Zement auf den Baustellen eine rasche Verbreitung, die Nachfrage stieg von Jahr zu Jahr. 1884 bauten Guthmann & Jeserich in Rüdersdorf mit sechs Schachtöfen das erste Zementwerk. 13 Jahre später wurde ein zweites Zementwerk mit acht Doppeletageöfen und einem Drehrohrofen als Versuchsanlage in Betrieb genommen. Bis in die Sechzigerjahre entstanden in der Nähe des Stienitzsees mehrere Zementwerke.

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Alte Chemiefabrik aus DDR-Zeiten, oft auch als Kulisse für Filmproduktionen benutzt

Staubbelastetster Ort in der DDR

Es ist weniger der Kalkabbau als die Zementherstellung, die über Jahrzehnte Rüdersdorf wie kaum eine andere Gemeinde mit Staub- und Rußemissionen belastete. Durch die Zementfabriken rieselten pro Jahr rund 55.000 Tonnen Staub auf den staubbelastetsten Ort der DDR nieder. Das viele Grün, das heute den Tagebau umgibt und die grüne Lunge der Gemeinde bildet, war seit den späten Sechzigerjahren nach dem Aufbau des größten Zementwerkes der DDR mit viel zu geringer Entstaubungstechnik mit einem weißgrauen Überzug bedeckt. Die projektierte Leistung von 850 Tonnen pro Tag und Drehrohrofen wurde weit überboten, wofür die Entstaubungsanlagen zu klein waren. 

Erst mit dem Untergang der DDR wurde durch die Stilllegung veralteter Anlagen der Zementproduktion diesem umweltschädlichen Treiben ein Ende bereitet. Heute trübt kein schmutziges Grau mehr die farbenfrohe, grüne Gemeinde 30 Kilometer östlich vom Berliner Stadtzentrum entfernt mit ihren 15.000 Einwohnern. Das heutige Zementwerk der mexikanischen Firma CEMEX, dem drittgrößten Zementproduzenten weltweit, begründet nicht zuletzt durch seine modernen Filteranlagen den Ruf, eines der modernsten Werke Europas zu sein. Von den investierten 300 Millionen Euro wurde allein ein Fünftel für Umweltschutzmaßnahmen verwendet.

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Die in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts aus Rüdersdorfer Kalkstein gebaute Kirche der Gemeinde  Rüdersdorf. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das viele Grün im Ort unbeeinträchtigt von immensen Staubemmissionen der Zementwerke, die bis 1990 Häuser und Bäume mit einer weißgrauen Staubschicht bedeckten

Blütezeit des verschwundenen Heinitzsees

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Tagebau erweitert und der Heinitzbruch 1915 geflutet. Über 60 Jahre war der Heinitzsee eine der besonderen Attraktionen in Rüdersdorf, den auch viele Berliner besuchten. Die bizarre Kalklandschaft rund um den See ließ das Gewässer schnell zu einer attraktiven Filmkulisse werden, in der seit den Zwanzigerjahren zahlreiche Filme gedreht wurden. „Das indische Grabmahl“ und „Der Tiger von Eschnapur“ mit La Jana, „Wasser für Canitoga“ mit Hans Albers, „Harakiri“ und „Das fliegende Auto“ mit Harry Piel und viele andere Filme sind zum Teil in Rüdersdorf entstanden.

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Über 60 Jahre, von 1915 bis 1974 war der Heinitzsee ein viel gerühmtes Naherholungsgebiet. Mit dem durch das Wohnungsbauprogramm erheblich gestiegenen Kalkbedarf wurde er trockengelegt, um  die Kalkvorkommen besser nutzen zu können. Heute gehört dieser Teil wieder zum Kalk-Tagebau

In den Siebzigerjahren, als die DDR ihr im Grunde unbezahlbares Wohnungsbauprogramm verkündet hatte, nahm der Kalkbedarf dermaßen zu, dass der Heinitzsee für den Kalkabbau trockengelegt werden musste. Auch ohne diesen See bilden beispielsweise die stillgelegten Fabriken und der Tagebau Regisseuren als Kulisse für ihre Spielfilme. Die ehemalige Rüdersdorfer Chemiefabrik war beispielsweise Filmkulisse für den Streifen von Jean-Jacques Annaud aus dem Jahr 2001 „Duell – Enemy at the Gates“, in dem hier Szenen der Stalingrader Schlacht nachgestellt wurden.

Unwiederbringlich verloren sind die einstigen Geschäftsstraßen und belebten Plätze beiderseits des Tagebaus, nachdem die Häuser wegen gravierender Baumängel durch die Sprengungen im Tagebau abgerissen werden mussten. Das   Terrain verwandelte sich in Ödland. Rüdersdorf war nicht mehr, was es einstmals war, aber es machte bis heute etwas Vernünftiges daraus, so dass es sich zum Speckgürtel Berlins zählen kann.

Geheimbunker „Traube“ und andere dunkle Seiten

Zu den Schattenseiten der Geschichte des Rüdersdorfer Kalk-Tagebau gehört auch die Ausbeutung von polnischen Zivilarbeitern, die für die Arbeiten im Steinbruch zwangsverpflichtet wurden. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges arbeiteten etwa 3000 Menschen in Kalkbergbau und Zementproduktion, davon 2156 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus 16 Ländern.

In neuen Laboratorien wurden neue Zementsorten erforscht. Der Bedarf war nicht allein durch die Prachtbauten der Nazis und die Rüstungsindustrie immens gestiegen, auch der Bau der Reichsautobahnen verschlang ungeheure Mengen an Kalk und Zement. 1938  schuf die Preußag in Rüdersdorf das modernste Zementwerk Europas, das unter sowjetischer Besatzung nach Kriegsende demontiert und als Reparationsleistung in die UdSSR verbracht wurde. Mit zusammengesuchten alten Maschinen und Bauteilen begann Ende der Vierzigerjahre in Rüdersdorf der Wiederaufbau .

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Ehemaliges Labor aus dem Jahr 1938, in dem nach immer neuen und wirksameren Zement- und Betonmischungen, auch für die Rüstungsindustrie,  geforscht wurde

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„Kunst am Bau“ aus DDR-Zeiten an der ehemaligen Waschkaue nahe der Ofenbatterie

Da in der DDR  das Thema Arbeitskräfte stets akut war, wurden unter strenger Bewachung Strafgefangene eingesetzt. Sie wurden dadurch motiviert, dass sie bei einer Normerfüllung von 140 Prozent zwei Tage Straferlass erhielten. 1966 wurde außerdem ein Jugendarbeitslager eingerichtet, aus denen zum Teil auch Minderjährige unter brutaler Bewachung in Tagebau und Zementwerk zu arbeiten hatten.

Was zu DDR-Zeiten kaum ein Rüdersdorfer wusste: Vom trockengelegten ehemalige Reden-Kanal auf der südlichen Seite des Tagebaus war ein geheimes weit verzweigten Tunnelsystem als erster DDR-Regierungsbunker „Traube“ ausgebaut worden. In den mehr als 200 Räumen des Geheimprojekts sollten tausend der wichtigsten DDR-Funktionäre im Ernstfall agieren und überleben. Erst mit der Trockenlegung des Heinitzsees und der Erweiterung des Tagebaus ab 1979 musste dieser Bunker aufgelöst werden, um das Wohnungsbauprogramm durch Mangel an Baustoffen nicht zu gefährden. Ohne den weiteren Kalkabbau ab 1981 in Richtung des gigantischen Bunkers wäre die Zementproduktion in Rüdersdorf gefährdet gewesen. Bei einer gigantischen Operation mit Hunderten von Lastkraftwagen und Spezialfahrzeugen wurde des Objekt der SED- und Staatsführung der DDR geräumt, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Geheime Bunker entstanden neu in Harnekop, Prenden und anderswo.

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Südlich des Tagebaus war ein geheimes Bunkersystem unter dem Tarnnamen „Traube“ in die Stollen des ehemaligen Reden-Kanals mit mehr als 200 Räumen für rund eintausend  DDR-Funktionäre gebaut worden (siehe Grafik). Es wurde bei der Erweiterung des Tagebaus aufgegeben 

Jeden Besuch wert

Heute ist  der Museumspark in Rüdersdorf eigentlich weniger Museum als mehr Naherholungszentrum. Auf dem weit ausladenden Gelände finden sich neben den technischen Denkmalen vergangener Jahrhunderte, die auf Bild- und Texttafeln vorgestellt werden, auch zeitgenössische Ausstellungen und vielfältige Veranstaltungen. Zudem werden in einer Dauerausstellung die erdgeschichtlichen Zusammenhänge mit dem Rüdersdorfer Kalkbergbau anschaulich und mit zahlreichen Funden aus den Erdformationen erläutert.

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Dauerausstellung im Museumspark, in der sehr viel üder die enrgeschichtliche Entstehung dieser einmaligen Lagerstätte in Norddeutschland zu erfahren ist

Für einen Besuch sollte man schon eine gute Zeit einplanen, um sich keine der Attraktionen entgehen zu lassen. Wer möchte, kann sich auch einer Autotour durch Museum und Bergbaugebiet anschließen und zudem noch in Kalkablagerungen nach Millionen Jahre alten Versteinerungen suchen.

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Aufführung „Im weißen Rössl“ im Jahr 2015 auf der Naturbühne des Museumsparks

Zu den jährlichen Höhepunkten gehört inzwischen der Rüdersdorfer Operettensommer, der seit Jahren viele Tausend Einheimische und Besucher begeistert. Auf der Naturbühne des kurfürstlichen Bergschreiberamtes werden von einem Ensemble aus namhaften Künstlern und örtlichen Laienspielern klassische Werke der leichten Muse dargeboten. 2015 war es „Im weißen Rössel“, im Jahr 2016 „Die Fledermaus“ von Johann Strauß und 2017 „Die Czardasfürstin von Emmerich Kalman, die mit großer Begeisterung in jeweils mehreren Vorstellungen vom Publikum aufgenommen wurden.

Rüdersdorf ist in jeder Hinsicht einen Besuch wert.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Meine Region

Einwanderungsland Brandenburg

Wie die Bulette nach Berlin kam

Klaus Taubert

Das Oderbruch – eine Landschaft mit weit ausladenden Wiesen, grasenden Pferden, gepflegten alten Gehöften und Kirchen mit Gemäuern aus Feldstein und roten Ziegeldächern, die wie Farbtupfer die sanft hügeligen Landschaft schmücken. Kirchturmspitzen verweisen auf die nächsten Orte, Greifvögel streifen über die abgeernteten Getreideflächen, zwischen Wäldern, Feldern, Seen und Teichen wuchert eine artenreiche Flora. Biber, selbst unsichtbar, stellen an Gewässerufern ihr Nagewerk aus, großzügige Radwege, gepflegte Straßen, feilgebotenen Gartenfrüchte, frische Eier und Honig aus der eigenen Schleuder wecken die Aufmerksamkeit. Idyllische Gaststätten, Cafés, Pensionen und selbst ein kleines prominent besetztes Theater laden ein, die Landschaft entlang der Oder zwischen Seelow und Bad Freienwalde zu genießen. Etliche langgestreckte Dörfer – viele fangen mit „Neu“ an –, deren oft nur einzige Straße durch einen vertieften grünen Mittelstreifen geteilt ist, zeigen an, dass der Ort nicht älter als 250 Jahre ist. Vordem dominierten in der einst unzugänglichen Niederung Wasser und Sumpf des Binnendeltas der alten Oder.

SAMSUNG DIGITAL CAMERADen Grundstein für diese fruchtbare Landschaft haben Menschen gelegt, die aus vielen Ländern vertrieben worden waren, in diese Brandenburger Region eingeladen, gekommen und geblieben sind, um einfach nur zu leben, zu arbeiten und ein bisschen Glück zu finden. Ihre Nachfahren gehören lange schon zu den fest verwurzelten Einheimischen.

Einwanderungen als Tradition

Jahre hat es gedauert, bis in den politischen Parteien und in der Gesellschaft insgesamt die Erkenntnis gereift ist – die Bundesrepublik Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die meisten Staaten, aus der sie entstanden ist, waren es schon lange vorher. Im Jahr 2014 bewarben sich 202.834 Asylsuchende aus zahlreichen Ländern darum, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Verglichen mit den Jahren, in denen sich in der neueren Geschichte die heutigen territorialen Konturen herausbildeten, nimmt sich eine solche Zahl für ein 80 Millionen-Volk bescheiden aus. 2015 werden es ein paar Hunderttausend Zuwanderer mehr sein, die hier bleiben werden. Ihre Motive, sich hier anzusiedeln, haben sich von denen vergangener Jahrhunderte kaum geändert. Krieg und Verfolgung, rassische Vorurteile, Hunger, Not und Elend sowie fehlende Menschenrechte bewegen Frauen, Männer und Kinder, ihr angestammten Länder zu verlassen und anderswo um Asyl zu ersuchen.

Allein in Brandenburg und Berlin lag vor 250 Jahren die Anzahl der Zugewanderten – gemessen an der Bevölkerungszahl – um das Vielfache höher als heute. Die Entwicklung im ehemaligen Brandenburg-Preußen mit all ihren Fortschritten in Handwerk, Industrie, Landwirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Kultur ist ohne die zugewanderten Menschen nicht vorstellbar. Das Kurfürstentum Brandenburg, aus dem 1701 das Königreich Preußen hervorging, betrieb Jahrzehnte zuvor schon wie kaum ein anderes deutsches Land eine offensive Einwanderungspolitik und gewann nicht zuletzt dadurch an Macht und Größe.

Werbung um Asylsuchende

Zu den verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörte, dass die Bevölkerung Brandenburg-Preußens um die Hälfte dezimiert war. Mit der Einwanderungspolitik beschritt Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) zukunftsweisende Wege. Das Land musste wieder aufgebaut, neu besiedelt und wirtschaftlich erneuert werden, um die Position des Großen Kurfürsten zu stärken und die Finanzierung seiner Politik zu sichern.

Als erste Zuwanderer holte der Kurfürst, der in seiner Jugend mehrere Jahre in den Niederlanden verbracht hatte, im Jahr 1648 holländische Spezialisten für Garten-, Landschafts- und Kanalbau nach Brandenburg. Sie gaben der Neugestaltung der verwilderten Landschaft mit ihren Erfahrungen in der Melioration wichtige Impulse. Zuwanderer nach Brandenburg, auch aus anderen deutschen Ländern, waren stets willkommen.

Als der Habsburger Kaiser Leopold I. im Jahr 1670 jüdische Familien aus Wien und Niederösterreich vertrieb, waren das die ersten Glaubensflüchtlinge, die der Kurfürst in sein Land einlud. Mit dem von ihm unterzeichneten Schutzpatent vom 21. Mai 1671 erhielten sie die Erlaubnis, sich in Brandenburg anzusiedeln und Handel zu treiben. Die in Berlin gegründete Jüdische Gemeinde beförderte das wirtschaftliche wie geistig-kulturelle Leben der Stadt. Die Wiener hingegen dankten ihrem Kaiser für die Vertreibung, indem sie das „judenfreie“ Gebiet Leopoldstadt tauften.

„Réfugiés“ – ein Segen für das Land

Eine weitere Möglichkeit für die Zuwanderung sah der Kurfürst in den reformierten evangelischen Christen, die im katholisch beherrschten Frankreich verfolgt wurden. Ludwig XIV. widerrief am 18. Oktober 1685 im Edikt von Fontainebleau das Edikt von Nantes seines Großvaters, der 1598 den aufgeklärten Anhängern von Johannes Calvin religiöse Toleranz und die vollen Bürgerrechte zugesichert hatte. Damit hatte Heinrich IV. den Religionsfrieden bewahrt, während bald darauf in Deutschland über dreißig Jahre lang ein grausamer Glaubens-Krieg tobte.

EdiktPotsdamDas Edikt von Potsdam ist das bekannteste Aufnahmeedikt innerhalb Deutschlands

Nach 87 Jahren Religionsfrieden wurden die französischen Réfugiés (Flüchtlinge. Das Wort Hugenotte wurde damals in Deutschland noch nicht verwendet, es war anfangs ein Schimpfwort, bis die Protestanten es später selbst benutzten) – darunter Waldenser, Calvinisten und andere reformierte Gruppen – wiederum ihrer religiösen und bürgerlichen Rechte beraubt. Das Trauma der Bartholomäusnacht von 1572, in der ein Drittel der Pariser Hugenotten hingemetzelt wurde, war tief im Bewusstsein der Protestanten des Landes verwurzelt. Bevor es sich wiederholen würde, flohen Hunderttausende vor allem in die Niederlande und die Schweiz sowie nach Preußen, wo ihnen der Kurfürst mit dem Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 großzügige wirtschaftliche Hilfe, Glaubensfreiheit und andere Rechte und Privilegien gewährte.

Retourkutsche für den Sonnenkönig

Um der historischen Wahrheit willen sei erwähnt, dass das Edikt von Potsdam nicht allein eine edle menschliche Geste des Großen Kurfürsten war, sondern in kriegerischen Zeiten zugleich eine Retourkutsche für den Sonnenkönig. Im Brandenburgisch-Schwedischen Krieg (1674-1679) hatte Brandenburg das von den Schweden besetzte Pommern erobert, jedoch im Friedensschluss von Sait Germain 1679 nur einen geringen Teil davon zugesprochen bekommen. Dagegen konnte sich der Kurfürst nicht wehren, weil er den übermächtigen Franzosen, die mit Schweden verbündetet waren, allein gegenüberstand. Mit dem Edikt von Potsdam nutzte er die Möglichkeit, den Franzosen-König zu düpieren.

Berlin Großer Kurfürst

Der Große Kurfürst wird demnächst wieder nahe dem Berliner Stadtschloss der Hohenzollern, bzw. dem neuen Humboldt-Forum, seinen Platz einnehmen, wo er bis Anfang der Fünfzigerjahre (siehe Foto) stand.

In vierzehn Artikeln regelte das Edikt von Potsdam die kirchlich-religiösen, rechtlichen sowie wirtschaftlichen Vergünstigungen für die Réfugiés und gab genaue Anweisungen für die Einreise und die damit verbundenen Unterstützungen. Die Einladung des Kurfürsten richtete sich nicht in erster Linie an die Bessergestellten unter den Hugenotten, die damals hochentwickelte Länder wie die Niederlande oder England bevorzugten, sondern sie galt den mittellosen, arbeitsamen, handwerklich und kaufmännisch qualifizierten Menschen.

????????????????????????????????????In Vevais erinnert eine neue Keramik-Skulptur der hier beheimateten Künstlerin Inge Müller an die ersten Einwanderer in das Oderbruch vor mehr als 250 Jahren

Schweizerdörfer in der Mark

Der Kurfürst war übrigens nicht der erste Souverän, der ein Aufnahmeedikt für die französischen reformierten Glaubensflüchtlinge erließ. Ihm waren der in Celle regierende Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg und der Landgraf Karl von Hessen-Kassel zuvorgekommen. Der hessische Landgraf gewährte schon Mitte des 17. Jahrhunderts, als Kardinal Richelieu die Rechte der Hugenotten in Frankreich erheblich einschränkte, Asyl suchenden Franzosen wirtschaftliche Unterstützung, Glaubensfreiheit sowie den Gebrauch der eigenen Sprache in Kirche und Verwaltung.

Vorwiegend in Nordhessen gründeten die Einwanderer eigene Kommunen. So in der Oberneustadt in Kassel, Karlshafen und anderen kleineren Orten, wie Carlsdorf, Kelze und Schöneberg. Andere siedelten ab 1699 auf den Pachthöfen Rohrbach, Wembach und Hahn. Bis heute wird mit der Erhaltung von Bräuchen, z.B. im Hugenotten-Museum in Bad Karlshafen, das hugenottische Erbe gepflegt.

Ähnlich gründeten mehrere Tausend Schweizer Familien ab 1685 in der Umgebung der Residenzstadt Potsdam die ersten so genannten Schweizerdörfer wie Nattwerder, Golm und Neu-Töplitz. In den Städten siedelten sich die Schweizer in größeren Verbänden an, so 1691 in Neustadt-Eberswalde, sowie im Ruppiner Land, das nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg fast menschenleer geworden und auf neue Siedler angewiesen war. Dabei handelte es sich vorwiegend um Bauernfamilien aus dem von Missernten betroffenen Berner Oberland, das zum Armenhaus Europas gehörte. Seit  1991 erinnert ein Gedenkstein in Schulzendorf im Ruppiner Land an die Neubesiedelung vor 300 Jahren.

Böhmisch-Rixdorf am Rande Berlins

Weiterhin spielt die Aufnahme von Salzburger und böhmischen Flüchtlingen für die Geschichte Brandenburgs eine Rolle. Seit der Reformation in Deutschland waren im Habsburger Reich, aus dem schon die Juden vertrieben wurden, viele Christen zum evangelischen Glauben konvertiert. Als die Bekehrungsversuche des Salzburger Bischofs Leopold Anton von Firmian gegenüber der zunehmenden Zahl an Lutheranern nicht fruchteten, verwies er am Reformationstag 1731 die Protestanten per Ausweisungserlass des Landes. Etwa 20.000 Menschen aus dem Bistum Salzburg wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Friedrich Wilhelm I. sandte einen Beauftragten nach Salzburg und erfuhr so von der Not und Bedrängnis seiner Glaubensbrüder. Am 2. Februar 1732 unterzeichnete er ein „Immigrationspatent“, das die Salzburger nach Preußen einlud und unter den Schutz des Staates stellte. Am 29. April 1731 kamen die ersten Salzburger in Potsdam an, von wo sie auf die verschiedenen Regionen verteilt wurden. Auf 33 Schiffen folgten mehr als 10.000 weitere Vertriebene, und auf dem Landweg hatten über 5200 Salzburger ihr Ziel erreicht. Eigentlich war vorgesehen, dass sie sich im von der Pest verheerten Ostpreußen ansiedeln, doch löste ihre Durchreise 1732 eine große Anteilnahme und Begeisterung unter der Bevölkerung in Brandenburg aus, so dass sie sich hier niederließen.

Das 1737 gegründete Böhmisch-Rixdorf (Berlin-Neukölln) und die 1750 gegründete Kolonie Nowawes (Potsdam-Babelsberg) waren neue Ansiedelungen lutherischer und reformierter Glaubensflüchtlinge aus Böhmen. Unter den dortigen Fachkräften, die zur Belebung der Wirtschaft beigetragen haben, gehörten beispielsweise böhmische Glasarbeiter, die bei Grimnitz 1601, das heute zu Joachimsthal gehört, eine Glashütte gründeten. Neue Heimstatt für die Glasarbeiter wurde das nach dem Kurfürsten benannte Joachimsthal.

Aufschwung durch zugereiste Fachleute

Nach Deutschland kamen in den Jahren nach dem Edikt von Potsdam etwa 44.000 Hugenotten – nach Franz Mehring „die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung“. Davon gingen die meisten, etwa 20.000, nach Brandenburg, 3800 nach Hessen-Kassel, 2500 in das Rhein-Main-Gebiet, 3400 in die Kurpfalz, 3200 nach Franken, 2400 nach Württemberg, 1500 in die Hansestädte und 1500 nach Niedersachsen. Andere zogen nach Baden, Kursachsen, in das Saarland, nach Thüringen, Mecklenburg, Anhalt und andere Regionen.

Gemessen an der Einwohnerzahl Brandenburg-Preußens am Ende des 17. Jahrhunderts waren die Einwanderungen damals mehr als fünfmal größer als beispielsweise im Jahr 2014, in dem 5709 Asylbewerber im Land Brandenburg eingebürgert wurden.

MuseumAltranft

DSC_0481Die zum Freilichtmuseum Altranft gehörende restaurierten Fischerhütte aus dem 18. Jahrhundert zeigt viele Details über das Schicksal der Einwanderer. Darunter ein Blick auf die Feuerstelle in der winzigen Küche

Mit den Hugenotten kamen erfahrene Landwirte, Gärtner und Handwerker nach Deutschland, insbesondere Berlin und Brandenburg. Sie brachten Wissen, praktische Erfahrung, Fertigungstechniken mit, beispielsweise als Tuchmacher, Woll-Spinner, Mützen-, Handschuh- und Strumpfweber, Färber, Seidenweber, Leinendrucker, aber auch als Messerschmiede, Uhrmacher, Spiegelhersteller, Buchbinder und Bäcker. Es kamen erfahrene Kaufleute, Ärzte, Apotheker, Beamte und Richter, die allesamt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen.

Jeder vierte Berliner war ein Asylant

In Berlin machten 6000 französische Glaubensflüchtlinge fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung aus. Mit ihnen erhielt das einheimische Handwerk Auftrieb, entwickelten sich die Medizin sowie die Armen- und Krankenfürsorge. Aus der Berliner Chronik geht hervor, dass sich bis zum Jahr 1700 unter den zugereisten Franzosen 45 Schuhmacher, 42 Goldschmiede, 41 Schneider, 36 Friseure bzw. Perückenmacher, 26 Bäcker und 25 Ärzte befanden. Auch die Leistungen der Einwanderer für Schulbildung, Rechtswesen, Wissenschaft, Kultur und insbesondere Literatur sind beachtenswert. Neben den gewerblichen Fähigkeiten prägte nicht zuletzt der Geist der französischen Aufklärung das Bild der zur Metropole aufsteigenden Stadt.

Natürlich gab es auch Anlaufschwierigkeiten. So boten die Unternehmen der Franzosen zunächst Erzeugnisse des gehobenen Bedarfs an, für die in der vorwiegend ländlichen Umgebung Brandenburgs die Nachfrage zu gering war. In solchen Fällen wurde die Starthilfe wiederholt bzw. trat der Staat als Abnehmer auf. Da half zudem die kurfürstliche Verfügung von 1698, nach der Waren aus hugenottischer Produktion von Exportabgaben befreit wurden, während der Import vergleichbarer Artikel durch Strafzölle reduziert wurde, um die Hersteller vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

Von der Bekleidung bis zum Speisezettel

Ein beredtes Beispiel für den wirtschaftlichen Aufschwung ist die Strumpfwirkerei. Der von dem Engländer William Lee entwickelte Strumpfwirkstuhl, der in England keine Resonanz fand, revolutionierte in Frankreich das Textilgewerbe. Hugenotten brachten das moderne Verfahren nach Deutschland. Im kleinen Fürstentum Weimar waren wenige Jahrzehnte später fast 1000 nachgebaute Wirkstühle in Betrieb, die meisten in der damaligen Hochburg der Strumpfwirkerei Apolda, wo zu jener Zeit jährlich mehr als 260.000 Paar Strümpfe gefertigt wurden.

Sehr bald bereicherten Kolonisten auch die Küchenzettel. Schweizerische und holländische Familien verbesserten die Milchwirtschaft in Brandenburg und schufen eine Vielfalt an Milchprodukten. Der Anbau von Gemüsesorten wie Blumenkohl, Spargel und grünen Bohnen geht auf die französischen Einwanderer zurück, und die damals noch wenig bekannte Kartoffel wurde zur Feldfrucht. Auch Ernährungsgewohnheiten, wie beispielsweise die Nutzung von Salat als Beilage zum Hauptgericht, wurde eine neue Erfahrung. Die Berliner „Schrippen”, bei den Franzosen „petit pains” (Brötchen) genannt, kamen mit der Bulette (abgeleitet von Boulette, das Kügelchen) nach Berlin – hundert Jahre, bevor die Bockwurst zur Ur-Berlinerin wurde.

Hugenotten in Preußens Offizierskorps

Der Sohn des Großen Kurfürsten, Friedrich III. (1657-1713), der sich 1701 in Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen krönte, liebte nach französischem Vorbild einen prunkvollen, verschwenderischen Hof. Als Zeichen seiner großen Wertschätzung für alles Französische ließ er auf dem Berliner Gendarmenmarkt eine Französische Kirche bauen.

Der ab 1713 regierende Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), der die Prunksucht seines Vaters ablehnte und eine straffe Staatsräson forderte, erkannte nach anfänglicher Aversion gegen alles Französische bald die Zuverlässigkeit seiner hugenottischen Untertanen. Schließlich gewann er weitere Zuwanderer für das verödete Ostpreußen, wo wenige Jahre später das Offizierskorps zu einem Drittel aus Hugenotten bestand. Unter ihm wurde die preußische Armee durch 600 Offiziere und 1.000 Soldaten französischer Herkunft verstärkt.

Immer wieder bemühte sich Preußen um niederländische Bauhandwerker. Um sie für den Umzug zu bewegen, räumte ihnen der König eine Reihe von Privilegien ein. Es gab Hand- und Zehrgelder für die Reise, Schutz und Unterkunft in Preußen, Vorschüssen als Starthilfe, feste Arbeitseinkünfte und kostenlose Unterbringung am neuen Arbeitsort. Eine besondere Attraktion war der Bau eines Stadtviertels im Nordosten der Potsdamer Neustadt. Zugewanderte Bauleute bauten bis 1742 für ihre Handwerker in holländischer Ziegelbauweise 134 Häuser. Das „Holländische Viertel“ in Potsdam ist als architektonisches Unikat bis heute Zeugnis einer großzügigen Einwanderungspolitik.

Berühmte Zuwanderer

Aus den Reihen der eingewanderten Hugenotten gingen berühmte und erfolgreiche Architekten wie Carl von Gontard (Türme des deutschen und französischen Doms in Berlin), Friedrich und David Gilly (Schloss Bellevue), der Zeichner und Kupferstecher Daniel Chodiwiecki, der Gartenarchitekt des Klassizismus Peter Joseph Lenné, der Bildhauer Louis Tuaillon (Robert-Koch-Denkmal an der Charité) sowie Schriftsteller wie Friedrich de la Motte Fouqué  („Undine“), Willibald Alexis („Die Hosen des Herrn von Bredow“), Theodor Fontane und viele hohe Staatsbeamte, Diplomaten, Wissenschaftler und Politiker wie die bis heute politisch aktive Familie de Maiziere hervor. Auch der Hoffriseur des letzten Kaisers und Erfinder der Bartbinde für Wilhelm II., Francois Haby entstammte einer Hugenottenfamilie, die es über Königsberg schließlich nach Berlin verschlug.

Beispiele für den Aufschwung des Manufakturwesens in Brandenburg ist die Zuckerproduktion durch Johann Caspar Coqui und Ludewig David Maquet in Magdeburg, der die Entwicklungsarbeiten des zugewanderten Chemikers François Charles (deutsch: Franz Karl) Achard zugrunde liegen. Die Tabakherstellung geht auf Georg Sandrart zurück, und Antoine Philippe Reclam gründete die international bedeutsame „Universal-Bibliothek“. Ein Ort des Kulturaustausches war schließlich die 1506 gegründete Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, deren medizinische Fakultät besondere auf jüdische Studenten seit dem 17. Jahrhundert eine starke Anziehung ausübte.

Die Ära Friedrichs des Großen

Dem Soldatenkönig folgte Friedrich II. (1712-1786) ab 1740 als preußischer König. Seine Erzieherin war übrigens Marthe de Rocoulle, eine in Frankreich geborenen Hugenottin. (Erwähnt sei an dieser Stelle die Tatsache, dass zum Erzieher des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 1810 Jean Pierre Frédéric Ancillon, der ebenfalls einer hugenottischen Familie entstammte, ausgewählt wurd und ein Leben lang mit dem König verbunden war). Durch die drei „Schlesischen Kriege“ (1740-1763), in denen Preußen von den Habsburgern Schlesien zurückeroberte und die Teilung Polens an Russland, Preußen und Österreich erfolgte, stieg Preußen zur fünften Großmacht in Europa auf.

RocelleMarthe de Rocoulle, Erzieherin des jungen Friedrich

Anliegen Friedrich II. („Alle Religionen müssen toleriert und jeder nach seiner Fasson selig werden.“) war es, das immer wieder von Hochwasser überflutete Land an der Oder für eine Besiedelung urbar zu machen, wie es sein Vater bereits wollte, jedoch aus Geldmangel immer wieder aufgeschoben hatte. Die Bevölkerungszahl sollte vergrößert und unfruchtbare Regionen sollten zu blühenden Landschaften werden.

Theodor Fontane schildert das etwa 60 km lange und 12 bis 20 km breite Oderbruch um 1880 als „…vor seiner Urbarmachung eine wüste und wilde Fläche, die, sehr wahrscheinlich unsrem Spreewalde verwandt, von einer unzähligen Menge größerer und kleinerer Oder-Arme durchschnitten wurde. Viele dieser Arme breiteten sich aus und gestalteten sich zu Seen, deren manche, wie der Liepesche bei Liepe, der Kietzer und der Kloster-See bei Friedland, noch jetzt, wenn auch in sehr veränderter Gestalt, vorhanden sind.  … Alle Jahre stand das Bruch zweimal unter Wasser, nämlich im Frühjahr um die Fastenzeit, nach der Schneeschmelze an Ort und Stelle, und um Johanni, wenn der Schnee in den Sudeten schmolz und Gewitterregen das Wasser verstärkten.“

Altr3Der Lauf des Hauptarmes der Oder vor der Umleitung in das neue Flussbett (r.) in den Jahren von 1747 bis 1753

DSC_0175Die Skulptur in Wriezen erinnert an die Zeit, als die Stadt noch an der Oder lag und vom Fischfang lebte

Jahre später, nachdem es von 1747 bis 1762 gelungen war, die Oder umzuleiten, das häufig überschwemmte Oderbruch trockenzulegen und fruchtbares Ackerland zu gewinnen, soll Friedrich II. gesagt haben: „Hier habe ich im Frieden eine Provinz erobert, die mir keinen Soldaten gekostet hat.“ (So verewigt auf dem Denkmal des „Alten Fritz“ in Neutrebbin/Foto.)  Er hatte dafür rund 600.000 Taler ausgegeben und bis 1786 insgesamt 50 Dörfer gegründet, in denen sich Kolonisten aus dem In- und Ausland ansiedelten. Das im Oderbruch gewonnene Land umfasste laut Fontane 130.000 Morgen, „auf welches nun, wie man sonst Bäume pflanzt oder einsetzt, 1300 Familien »angesetzt« wurden.“

Kommission warb um Asyl-Bewerber

Für diese 32.500 Hektar Ackerland ließ Friedrich II. das niedere Oderbruch zwischen Güstebiese und Hohensaaten durch den Bau von Dämmen und Abzugsgräben ent­wässern. Dafür ließ er Siedler außerhalb Preußens anwerben, indem er eine Kolonisten-Kommission bildete, der Diplomaten, Beamte, Prediger usw. angehörten, die für bestimmte Regionen in Frankreich zuständig und zumeist selbst französischer Abstammung waren.

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In Sammellagern in Amsterdam, Frankfurt am Main und Hamburg fanden die Réfugies Aufnahme und wurden von dort in die vorgesehenen Ansiedlungsorte weitergeleitet. Hier konnten sie Privilegien und Starthilfen in Anspruch nehmen, die ihnen das Edikt von Potsdam zusicherte. Glaubensfreiheit, die Verwendung der eigenen Sprache durch eigene Geistliche, ein in weiten Teilen unabhängiges Rechtssystem, zeitweilige Steuerbefreiung, kostenlose Mitgliedschaft in den Zünften, die Verleihung des Bürgerrechts, eine Anschubfinanzierung für gewerbliche Existenzgründungen, Grundstücke und kostenloses Baumaterial gehörten dazu.

Die meisten, die kamen, waren Ackerbauern. Handwerker mussten glaubhaft versichern, dass sie auch etwas vom Feldbau verstünden, um nach den Kanalisierungsarbeiten das versprochene Land bewirtschaften zu können. Es kamen junge Leute, Jungverheiratete, aber auch Familien mit vielen Kindern. Auf Befehl des Königs wurden die Einwanderer auf ihrem langen Weg von den Bewohnern mit Fuhrwerken und Verpflegung unterstützt, während die Behörden sich um Pässe und Reisegeld kümmerten. Der Weg der Kolonisten führte zunächst nach Berlin. Von dort gingen die Transporte nach Wriezen und dann in die Oderbruchdörfer.

Nicht überall herrschte eitle Freude

In der deutschen Bevölkerung wurde die Ansiedlung der Hugenotten mitunter aber auch als ungeliebte wirtschaftliche Konkurrenz angesehen. Es gab den so genannten Futterneid, der die Franzosen beispielsweise in Celle als “Nahrungsstöhrer” bezeichnete, und als in Magdeburg einmal drei Hugenottenhäuser in Flammen standen und Feuerwehrleute den Brand löschen wollten, rief man: “Lasst die Franzosen brennen!”

Das überreiche Wasser im Oderbruch ernährte einen weit verbreiteten Berufszweig – die Fischer. Sie waren es auch, die sich zunächst gegen die Trockenlegung wehrten und die Arbeit der Zugewanderten beim Deichbau durch Zerstörung der Dämme teils erheblich beeinträchtigten, bis der König mit energischen Strafen dagegen einschritt.

DSC_0446In Letschin erinnert aus Dankbarkeit ein Denkmal des „Alten Fritz“ an die Urbarmachung des Oderbruchs

Fontane schrieb über die Fischer im Oderbruch vor der Trockenlegung: „Die Gewässer wimmelten im strengsten Sinne des Worts von Fischen, und ohne viele Mühe, mit bloßen Handnetzen, wurden zuweilen in Quilitz an einem Tage über 500 Tonnen gefangen. In den Jahren 1693, 1701 und 1715 gab es bei Wriezen der Hechte, die sich als Raubfische diesen Reichtum zunutze machten, so viele, dass man sie mit Keschern fing und selbst mit Händen greifen konnte. Die Folge davon war, dass in Wriezen und Freienwalde eine eigne Zunft der Hechtreißer existierte. An den Markttagen fanden sich aus den Bruchdörfern Hunderte von Kähnen in Wriezen ein und verkauften ihren Vorrat an Fischen und Krebsen an die dort versammelten Händler. Ein bedeutender Handel wurde getrieben, und der Fischertrag des Oderbruchs ging bis Böhmen, Bayern, Hamburg, ja die geräucherten Aale bis nach Italien.“

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Die Betreiberin dieses Cafés in Neulitzegöricke weiß, dass ihre Vorfahren einst auch nach Brandenburg eingewandert waren

Neue Ortsnamen beginnen mit Neu…

Die königlichen Kolonistendörfer waren von Anfang an die größten und wichtigsten, in ihnen wurden auch die meisten Kolonisten angesiedelt. Mit Ausnahme von Herrenhof und Herrenwiese führten sie alle die Namen alter Bruch- und Uferdörfer, denen zur Unterscheidung nur die Silbe »Neu« hinzugefügt wurde, so beispielsweise  Neubarnim, Neubewin, Neutrebbin, Neuküstrinchen, Neuglietzen, Neulietzegöricke, Neumädewitz, Neureetz, Neuwustrow und andere. An französischsprachige Siedler erinnern heute noch Namen wie Beauregard, Vevais und Croustillier.

 DSC_0521 Ortssch DSC_0051

Ortsschilder erinnern daran, dass sich hier einmal französische Einwanderer niedergelassen hatten

Jede neu angesiedelte Familie erhielt 90, 60, 45, 20 und ein größerer Teil 10 Morgen (2,5 ha) Acker von dem entwässerten Boden. Dabei wurden die Stärke der Familie und das Vermögen berücksichtigt. Für die freie Religionsausübung ließ  Friedrich II. sechs neue Kirchen bauen, er setzte vier Prediger, zwei reformierte und zwei lutherische ein und gab jedem Dorf eine Schule. Der Unterricht war frei, Pfarre und Schule erhielten eigene Ländereien. Alle, die sich niederließen, wurden für fünfzehn Jahre von allen Lasten befreit.

Das älteste Kolonistendorf im Oderbruch

Neulietzegöricke wurde im Jahr 1753 als erstes Kolonistendorf im Oderbruch gegründet. Die Ortslage ist ein Beispiel für ein planmäßig angelegtes Kolonistendorf. Es stellt mit seinem hohen noch vorhandenem Anteil an Fachwerkhäusern eine Sonderstellung im Oderbruch dar.

DSC_0497In dieser Form sind die meisten Kolonistendörfer angelegt. Eine durchgehende zweigeteilte Straße, in der Mitte eine Vertiefung für das Wasser, die Häuser zu beiden Seiten mit der Traufe zur Straße und auf dem Mittelstreifen Gemeinschaftsobjekte wie Kirche und Schule.

Die Urform des Dorfes ist bis heute erhalten und hebt sich von anderen Dorf- und Siedlungsformen ab. Mit seinem Seltenheitswert steht Neulietzegöricke mit seinen zahlreichen Fachwerkhäusern, zwei Straßen, dem Schachtgraben und 13 Einzeldenkmälern unter Denkmalschutz. Die Ortslage trägt den Charakter eines Kunstdenkmals im Sinne der Landschaftsgestaltung sowie eines technischen Denkmals (Schachtgraben und angeschüttete Hofstellen) als Sachzeuge der Entwässerungs- und Bautechnologie.

DenkmalschSo wie hier in Neuküstrinchen sahen die Häuser der Zugewanderten aus. Viele stehen unter Denkmalschutz

Der Dorfraum umfasst einen rechteckigen Anger, der von beiden Seiten von zwei parallel laufenden Straßen begrenzt wird. In der Mitte des Dorfes wurde parallel zu den Häusern ein Schachtgraben ausgehoben, der typisch ist für viele Kolonistendörfer. Die ausgehobene Erde wurde genutzt, um die Höfe und Häuser, die mit der Traufstellung zur Straße gebaut wurden, etwas zu erhöhen und damit gegen Feuchtigkeit zu schützen.

Der 35 bis 40 Meter breite Angerraum wird von einer Alleepflanzung, die beidseitig aus je einer Baumreihe besteht, eingefasst. Im gesamten Dorf kann man bis heute einen noch gut erhaltenen Großbaumbestand betrachten. In diesem historischen Bereich befinden sich 64 Grundstücke, darunter Wohnhäusern und Nebengebäuden, die etwa ab dem Jahr 1800 entstanden sind, nachdem vielfach auch Brände deren primitive Vorgänger mit Stohdächern und ohne Fundamente vernichtet hatten.

DSC_0495Bei den Häusern der zweiten Generation, die von den Kolonisten gebaut wurden, handelte es sich vielfach um Doppelhäuser. Man nannte sie auch „Zankhäuser“, weil die Wände so dünn waren, dass man die Gespräche in der Nachbarküche mithören konnte.

„Schönheit und malerische Lage“

Theodor Fontane beschrieb das neue Oderbruch in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, als er per Schiff auf der Oder von Frankfurt in Richtung Stettin reiste:

„Der Reichtum dieser Gegenden offenbart sich uns nicht in seinen goldenen Feldern, aber wir erkennen ihn doch an seinen ersten und natürlichen Folgen – an den Dörfern, die er geschaffen. Da gibt es kein Strohdach mehr, der rote Ziegel lacht überall aus dem Grün der Wiesen hervor, und statt der dürftig hölzernen Kirchtürme des vorigen Jahrhunderts, die kümmerlich wie ein Schilderhaus auf dem Kirchendach zu sitzen pflegen, wachsen jetzt in solidem Backsteinbau – die Campanellen Italiens oft nicht unglücklich kopierend – die Kirchtürme in die Luft. An diesem Reichtume nehmen die Dörfer des anderen (rechten) Oderufers teil, und ansteigend an die Hügelkette gelegen, die sich eine Meile unterhalb Küstrin am rechten Oderufer hinzuziehen beginnt, gesellen sich Schönheit und malerische Lage. Viel mehr, als man in diesen Gegenden erwartet, zu dem Eindruck des Reichtums und beinahe holländischer Sauberkeit.“

Viel voneinander gelernt

Die wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen der Zuwanderer, ihre Religion und ihre Sprache veränderten zum Teil nachhaltig ihre neue deutsche Umgebung. So beispielsweise in den einflussreichen Hugenotten-Kolonien in Potsdam, Rheinsberg, Stendal und Frankfurt/Oder, in Bernau, Angermünde, Schwedt, Prenzlau, Strasburg und im Oderbruch.

Andererseits hatten die Hugenotten als Minderheit größere Veränderungen zu bewältigen. In ihren Sitten und Gebräuchen passten sie sich über die Jahrzehnte ihrer neuen Umgebung an, hielten aber relativ lange an der Heimatsprache, dem wichtigsten Element ihrer Gruppenidentität, fest. Handwerker, Kaufleute, Tagelöhner und Dienstpersonal aber mussten Deutsch lernen, um im Alltag ihres Berufslebens mithalten zu können. Später ging dann in diesen Schichten die Sprache der Vorfahren verloren.

Sietzing„Statt der dürftig hölzernen Kirchtürme des vorigen Jahrhunderts, die kümmerlich wie ein Schilderhaus auf dem Kirchendach zu sitzen pflegen“, beschrieb Fontane die ersten Kirchen im Oderbruch, die jener in Sietzing (Foto) ähnlich sahen.

In Vereinen und Verbänden werden bis heute hugenottischen Traditionen bewahrt und in speziellen Museen und Ausstellungen wie in Bad Karlshafen, Berlin, Altranft und anderswo für das Volksgedächtnis erhalten. Auch Ortsnamen wie Neuholland oder Französisch-Buchholz erinnern an die Gründung eigener Gemeinden durch die Zugewanderten.

Als 1885, zum 200-jährigen Jubiläum des Edikts von Potsdam, Nachfahren eingewanderter Hugenotten ihre Erfolgsgeschichten in Preußen sowie in anderen deutschen Staaten bekräftigten und ihre Loyalität gegenüber der staatlichen Autorität hervorhoben, soll Reichskanzler Otto von Bismarck  sie als „die besten Deutschen“ bezeichnet haben.

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