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Die Lüge, die keine war

Ulbrichts berühmtester Satz entsprach damals den Tatsachen

Alljährlich am 13. August wird gebetsmühlenartig von der “Lüge des Jahrhunderts” gesprochen und Walter Ulbricht mit dem Satz zitiert: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, weiß, dass das – zum Leidwesen Ulbrichts – keine Lüge war.

Anfang der Fünfzigerjahre beabsichtigte Stalin (1878-1953), ganz Berlin in seinen Machtbereich einzugliedern. Die Berlin-Blockade von 1948 bis 1949 durch die Sowjets, die Antwort auf die auch für West-Berlin geltende westliche Währungsreform, wurde dank der Luftbrücke überwunden. Nach dem Tod des Diktators hatte Kremlchef Nikita Chruschtschow die gleiche Absicht und inszenierte mit der Forderung, die Westmächte sollten aus Berlin abziehen, 1958 eine Berlin-Krise, die dazu führen sollte, West-Berlin in eine entmilitarisierte selbstständige politische Einheit umzuwandeln. In den DDR-Medien wurde West-Berlin fortan als „selbständige politische Einheit“ bezeichnet. Doch die Westmächte beharrten auf dem Alliierten-Status der geteilten Stadt.

SED-Generalsekretär Ulbricht war seit 1952 bemüht, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin dicht zu machen, scheitert aber mehrfach am Veto der Sowjets. Chruschtschow verlangte vielmehr, der Osten solle so attraktiv gemacht werden, dass mehr Menschen aus dem Westen in die DDR kommen als weggehen. Ost-Berlin sollte das Schaufenster dafür sein. Ulbrichts Verheißung, die DDR werde die BRD im Pro-Kopf-Verbrauch, im Lebensniveau usw. „überholen ohne einzuholen“, blieb allerdings ein Wunschtraum.

Anfang Juni 1961 versuchte Chruschtschow bei einem Gipfeltreffen mit John F. Kennedy in Wien, den gerade mal 44-jährigen neuen USA-Präsidenten über den Tisch zu ziehen und ihm Westberlin abzuluchsen. Chruschtschow hielt Kennedy für geschwächt, weil erst im April der von Kennedy und der CIA unterstützte Versuch von Exil-Kubanern, Fidel Castro zu stürzen, grandios gescheitert war. Der Kreml-Chef drohe mit Krieg und versuchte, dem Präsidenten mit einer 100-Megatonnen-Atombombe das Fürchten zu lehren.

Doch Kennedy blieb cool und stellte für gewisse östliche Vorhaben an der Berliner Grenze drei Bedingungen: Freiheit der Westberliner, ihr eigenes politisches System zu wählen, gesicherte Anwesenheit westlicher Truppen sowie ungehinderten Zugang von der BRD aus nach West-Berlin. Dem stimmte Chruschtschow schließlich zu. Über diese Verabredung gab es keinerlei Veröffentlichung. Kennedys Pressesprecher Pierre Salinger antwortete auf die Frage nach West-Berlin während der abschließenden Pressekonferenz: „Das ist eine Frage, auf die wir nicht antworten.“ Chruschtschows Sprecher Michail Charlamow bestätigte diese Antwort mit ähnlichen Worten.

Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni in Ost-Berlin, auf der es um einen Friedensvertrag mit Deutschland und die Wiedervereinigung ging, antwortete Ulbricht auf eine Frage der „Frankfurter Rundschau“ nach einer Grenze am Brandenburger Tor aus innerer Überzeugung: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Er hätte noch einfügen können „…außer mir, aber ich darf nicht“.

Erst am 20. Juli 1961 fiel bei Ulbrichts Besuch in Chruschtschows Urlaubsdomizil auf der Krim die Entscheidung für den Mauerbau. Die Situation in der DDR hatte sich, u.a. durch die Flucht von mehr als 200.000 Bürgerinnen und Bürgern seit Jahresbeginn, darunter vielen Ärzten, Spezialisten und Fachkräften u.a. der Mikroelektronik, derart zugespitzt, dass ohne geeignete Maßnahmen eine Stabilität nicht mehr gewährleistet war.

Chruschtschow setzte Ulbricht darüber in Kenntnis, was er mit Kennedy besprochen hatte und war überzeugt – so der Dolmetscher Werner Eberlein in seinen Memoiren – dass auch Adenauer über die beabsichtigte Absperrmaßnahmen durch Ost-Berlin von Kennedy in Kenntnis gesetzt worden war. Wie bekannt, hat sich Adenauer in der Nacht zum 13. August auch nicht wecken lassen. 

In Wünsdorf, wo der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland seinen Sitz hatte, wurde der Plan für den Mauerbau ausgearbeitet, die DDR hatte ihn auszuführen. Mit den Einzelheiten war in Ulbrichts Auftrag Erich Honecker befasst. Dem kam zugute, dass Ulbricht seit Jahresbeginn insgeheim einen Expertenstab daran arbeiten ließ, wie die Grenze am sichersten anzulegen sei.   

Um den Plan bis zur letzten Minute geheim zu halten, hatte Ulbricht am Abend des 12. August die Mitglieder des Politbüros, des Präsidiums des Ministerrates sowie des Staatsrates in seinen Sommersitz am Döllnsee bestellt, von wo keine Möglichkeit bestand, inoffizielle Fernmelde-Kontakte herzustellen. Nur Erich Honecker, der Stasi-, der Verteidigungs- und der Verkehrsminister waren aus naheliegenden Gründen nicht zugegen. Niemand ahnte den Grund des Beisammenseins. Nach dem Abendessen begann eine Sitzung, in der Ulbricht den Beschluss über den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ verlas. Ohne Diskussion wurde dieser bestätigt. Auf der Rückfahrt passierten die führenden Partei- und Staatsfunktionäre sowjetische Panzerkolonnen, die weit hinter den Kampfgruppen und der Nationalen Volksarmee die Aktion des Mauerbaus absicherten.

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Wie Stalin heimlich in der DDR blieb

Kalenderblatt: Es war am 3. August 1951, als in der Berliner Stalinallee das erste Stalin-Denkmal der DDR eingeweiht wurde. Es stand gegenüber der nagelneuen pompösen Sporthalle – der man sinnigerweise Figuren vom abgerissenen Schloss der Hohenzollern vorgestellt hatte -, die in  148 Tagen für die in Berlin stattfindenden 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gerade erst errichtet worden war. Das Denkmal war ein Geschenk des Leninschen Komsomol (Jugendorganisation der KPdSU). Präsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht weihten die Bronze-Statue mit einem propagandistischen Feuerwerk ein und sonnten sich im Schatten des Generalissimus.

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Zwei Jahre später starb der Diktator, und Millionen Bürgerinnen und Bürger aus allen Teilen der DDR erinnerten sich seiner in einem kilometerlangen Defilee durch die Stalinallee und bewiesen dem Allmächtigen ihre Trauer. Kurz darauf enthüllte Chruschtschow das Unglaubliche: Stalin sei ein Verbrecher gewesen und dem Personenkult verfallen. Ausgerechnet Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der Moskauer Parteichef von Stalins Gnaden und vormalige Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg, enttarnte seinen  langjährigen Chef. Damit war er die Nummer eins im Sowjetland, zumal er Stalins verhassten Geheimdienstchef Berija noch rasch verurteilen und hinrichten ließ.

Dann wurde es auch in der DDR ruhiger um „Väterchen Stalin“. Die dichterischen Elogen von Johannes R. Becher und vielen anderen linientreuen Dichtern  verschwanden aus den Schulbüchern. Im Februar 1956, auf dem 22. Parteitag der KPdSU, erfolgte die endgültige Abrechnung mit dem Diktator durch Chruschtschow.  Stalin wurde aus der Reihe der Klassiker des Kommunismus – Marx, Engels, Lenin, Stalin – ersatzlos gestrichen. In großen Parteiveranstaltungen wurde fortan nicht mehr ein Platz für den großen Stalin freigehalten.

Chruschtschow durfte noch bis 1964 im Amt bleiben, bis ihn die Hardliner um Breshnew stürzten und in alter stalinscher Manier weitermachten. Wenige Jahre später starb laut einer Kurzmeldung der Bürger Chruschtschow. Ulbricht versicherte, dem Personenkult abhold zu sein und hielt sich bis zum endgültigen Honecker-Breshnew-Komplott 1970 im Amt.

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In der DDR hatte es nach dem berühmten 22. Parteitag der KPdSU noch fünf Jahre gedauert, bis
der Massenmörder, der auch viele ehrliche deutsche Kommunisten auf dem Gewissen hatte, in der vormaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, vom Sockel gehoben wurde. Tatsächlich wurde der Bronze-Stalin bei Nacht und Nebel klammheimlich weggeschafft und eingeschmolzen. Nie wurde mitgeteilt, dass aus der Bronze  Tierfiguren für den Berliner Tierpark gegossen wurden. Stalin blieb, getarnt wie ein Wolf im Schafsfell, im Lande.

Schulheft

Mein Schulheft von 1952. Nach 1953 änderten sich die Bilder.

Bei der Gelegenheit wurde auch gleich Stalinstadt an der Oder unter der fadenscheinigen Begründung einer Strukturänderung in Eisenhüttenstadt umgetauft, und dem VEB Eletroapparatewerke in Treptow wurde der Kosename „J.W.Stalin“ entzogen, der lange vom Dach geleuchtet hatte. (Übrigens wurde wegen gravierender Baumängel, kaum zwanzig Jahre alt, das als gigantische „Sporthalle in der Stalinallee“ berühmt gewordene Bauwerk abgerissen und rasch durch Plattenbauten ersetzt.)

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Immerhin wurde aus der Stalin-Bronze neben anderen Tieren auch ein Fuchs

siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2013/05/07/kuscheln-mit-stalin-2/

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Der vergessene Briefwechsel

Wie Ulbricht der SPD den Schneid abkaufen wollte

Selten hat ein Briefverkehr so viel Wirbel und politische Wirrnis verursacht wie jener zwischen SED und SPD im Jahr 1966. Anfang Februar schlug SED-Chef Walter Ulbricht in einem offenen Brief der SPD gemeinsame Gespräche über die Zukunft Deutschlands vor. Viele Monate lang stritten beide Seiten und kamen schließlich zu keinem Ergebnis.

Der Hintergrund: Mit der Einführung des „Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ auf dem 6. SED-Parteitag im Jahr 1963 erhob SED-Chef Walter Ulbricht den bis dahin als zutiefst kapitalistisch verteufelten Gewinn und andere Marktmechanismen in der volkseigenen Industrie zum Maßstab des Erfolges. Zudem sollten die wirtschaftlichen Entscheidungen vom zentralen Staatsapparat auf die fachlich fundierte Ebene in den Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und in die neuen sozialistischen Konzerne, die Kombinate, verlagert werden.

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Wenige Jahre nach dem Mauerbau am 13. August 1961 war die Erkenntnis gereift, dass Abschottung und ein Stopp der Abwanderung von Fachkräften allein kein geeignetes Mittel ist, die Wirtschaft voranzubringen. Ulbricht war überzeugt, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt im Westen seinen Ursprung hat und nicht, wie propagandistisch immer behauptet, im Osten.

Eine engere Bindung der DDR an die Bundesrepublik gehörte fortan zu den Zielen Ulbrichts, die sogar auf eine deutsch-deutsche Konföderation hinauslaufen könne. Das stand zwar gegen die Meinung von Kreml-Chef Leonid Breschnews, der Ende 1964 seinen Vorgänger Chruschtschow gestürzt und die Macht an sich gerissen hatte. Doch bei aller Annäherung war Ulbricht nicht bereit, ideologische Kompromisse einzugehen. Vielmehr versuchte er, den westdeutschen „Klassenbrüdern“ das System der DDR als Alternative zum „Monopolkapitalismus“ schmackhaft zu machen.

Im Dezember 1965 hatte er das Amt des „Staatssekretärs für gesamtdeutsche Fragen“ geschaffen, das sich mit Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zwischen beiden deutschen Staaten beschäftigte. (Nach dem Scheitern der Annäherung ab 1967 hieß es: „Staatssekretär für westdeutsche Fragen“.)

Die Briefe: Am 7. Februar 1966 war es soweit, dass Walter Ulbricht die Initiative ergriff und im Namen des SED-Zentralkomitees einen offenen Brief an die Delegierten des vom 1. bis 5. Juni geplanten Dortmunder Parteitages der SPD sowie an alle Mitglieder und Freunde der westdeutschen Sozialdemokratie richtete.

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In einer Agit-Prop-Sprache versuchte Ulbricht die Ziele der CDU/CSU und der FDP, damals Regierungsparteien in der Bundesrepublik, als Atom-, Kriegs- und Ausbeutungspolitik darzustellen und das Modell DDR für die Zukunft eines vereinten Deutschlands zu empfehlen.

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Er legte den SPD-Mitgliedern nahe, sich die DDR anzuschauen, um einen Eindruck von einer möglichen eigenen friedlichen und sozialistischen Zukunft zu bekommen. Natürlich alles viel ausführlicher und wortreicher. Schließlich schlug er vor, dass man sich – ungeachtet aller Meinungsunterschiede – zusammensetzen solle, um über all diese Probleme zu reden.

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Ulbricht schwebte eine gemischte Kommission vor, bestehend aus Funktionären von SED und SPD, die eine tiefgreifende Zusammenarbeit vorbereiten und entwickeln könne. Er wollte gewissermaßen ein ständiges Gremium aus beiden Parteien installieren.

Der Parteivorstand der SPD, deren Vorsitzender der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt war, schrieb am 19. März in einer offenen Antwort, dass man den „politischen Aufruf“ der SED zur Kenntnis genommen habe und fügte sogleich zwei Feststellungen hinzu:

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Desweiteren stellte die SPD sieben Fragen an die Briefschreiber aus Ost-Berlin. Allein eine davon hätte schon genügt, um einen Fragesteller aus dem Osten zu einer peinlichen Befragung in den Stasi-Knast nach Hohenschönhausen „zuzuführen“. Zum Beispiel lautete eine der Fragen:

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Andererseits stand die SPD damals noch auf dem Standpunkt von CDU/CSU hinsichtlich der östlichen Grenze des ehemaligen deutschen Reichs, von dem sie sich später gelöst hatte.

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Ist die DDR zu einer freimütigen Diskussion in beiden Teilen Deutschlands bereit? So eine andere Frage, auf die schließlich die SED in einem weiteren Brief mit einem konstruktiven Vorschlag einging: In Ost und West sollten bei einem Redneraustausch aktuelle politische Fragen mit den Bürgern diskutiert werden. Einmal in Karl-Marx-Stadt und zum anderen in Hannover. Jeweils würden führende Funktionäre beider Parteien in einen Disput mit den Menschen des jeweils anderen deutschen Staates vor Ort treten.

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Das Ende: Ich erinnere mich an die Tage im Jahr 1966. Selten war das „Neue Deutschland“ so rasch ausverkauft wie am 26. März, vielerorts musste es nachgeliefert werden. Die Briefe der SED sowie die Antwort der SPD waren im vollen Wortlaut abgedruckt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Diskussion über die Briefe, wobei besonders die Antwort der SPD große Resonanz fand. Die Briefe hatten eine Lawine losgetreten.

SED-Funktionäre aus Berlin, den Bezirken und Kreisen mussten in die Betriebe, um sich den Fragen der Werktätigen zu stellen, die nicht selten die Positionen der SPD vertraten und tatsächlich einen freimütigen Gedankenaustausch durch gegenseitige Besuche in Ost und West forderten. So hatte das die SED natürlich nicht gemeint, die das Ganze als  Einbahnstraße in die DDR verstanden wissen wollte.

Das „Neue Deutschland“ versuchte mit einem Leitartikel die Wogen zu glätten und behauptete, dass sich die SPD mit Nebenfragen an den Hauptfragen der Zeit, Krieg oder Frieden, vorbeimogele.

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Ulbricht ging von seiner Idee, ein ständiges Gremium aus SED und SPD zu schaffen nicht ab und schlug dem SPD-Vorstand vor, dass sich führende Leute beider Parteien abwechselnd in Hannover und Magdeburg zum politischen Meinungsaustausch treffen und gemeinsame Fragen erörtern. Damit versuchte Ulbricht, die SPD als führende Oppositionspartei im Bundestag in Konfrontation zu den regierenden Parteien CDU/CSU und FDP zu bringen.

Über viele Monate hetzte die SED ihre Agitatoren in Presse, Funk und Fernsehen Ost sowie in den von ihr finanzierten Zeitungen und Zeitschriften West darauf, Stimmung für eine Zusammenarbeit zwischen SED und SPD zu erzeugen. Doch alle Versuche führten zu keinem Ziel. SPD-Vorsitzender Willy Brandt, Regierender Bürgermeister in Berlin während des Mauerbaus (ab Ende 1966 Außenminister und Vizekanzler in der Regierung Kiesinger), lehnte solche Gespräche ab. Als Kanzler ab 1969 war er schließlich der Initiator einer neuen Ostpolitik, die auf lange Sicht die Einheit Deutschlands in Freiheit vorbereitete.

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Nach monatelangen internen Diskussionen sollte es am 14. Juli 1968 soweit sein. In Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) sollte der Redneraustausch zwischen SED und SPD unter großer Medienpräsens beginnen. Doch die Geister, die die SED gerufen hatte, wurde sie nur schwer wieder los. Zu groß waren die Sympathien der Massen für die Repräsentanten der SPD.

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Einen Tag vor der öffentlichen Diskussion in Karl-Marx-Stadt mit Willy Brandt, Fritz Erler und Herbert Wehner wurde die Veranstaltung unter fadenscheinigen Begründungen von der SED abgesagt. Selbst die von der ARD vorgeschlagene Fernsehdiskussion zwischen Abgeordneten von Bundestag und Volkskammer kam nicht zustanden. Dazu hatte ADN zu melden: „Die Annäherung und Verständigung zwischen SED und SPD ist für die Zukunft Deutschlands zu wichtig, als dass zugestimmt werden könnte, sie durch einen Fernsehmassenstreit mit provokatorischen Einlagen von interessierter Seite gefährden zu lassen. Man verwahrt sich entschieden dagegen, dass sich die Bonner Regierung in der Absicht, eine Verständigung der Bürger hüben und drüben zu stören, in das Gespräch zwischen der SED und der westdeutschen Sozialdemokratie einmischt.“

Ulbrichts Anbahnungsversuche waren auf der ganzen Linie gescheitert. Die SED war im höchsten Maße verunsichert und Ulbricht dem Druck Moskaus und der moskauhörigen Fraktion im Politbüro, auch angesichts der Ereignisse in der CSSR, ausgesetzt, so dass er seine Experimente einer deutsch-deutschen Annäherung unter sozialistischem Vorzeichen aufgab.

Nach einem neuerlichen Versuch, die Zusammenarbeit zwischen der DDR und der Bundesrepublik durch die gegenseitigen Besuche der Regierungschefs Stoph und Brandt in Erfurt und Kassel zu intensivieren, zog Moskau die Reißleine und ermöglichte Honecker, seinen politischen Ziehvater und Mentor zu stürzen und dessen Platz einzunehmen. Ulbrichts Scheitern hatte üble Konsequenzen für die DDR. Obwohl seine “Neue Ökonomischer Politik” in den Sechzigerjahren die bis dahin höchsten Zuwachsraten erzielte, die einen bescheidenen Wohlstand erhoffen ließen, ging es fortan unter Honeckers Parteivorsitz bergab.

Viele der neuen Denkansätze in der Volkswirtschaft als auch in der deutsch-deutschen poltischen Zusammenarbeit wurden von Honecker ignoriert. Die DDR gebärdete sich als eigenständige Nation, in der sogar die eigene Hymne mit „Deutschland einig Vaterland“ nicht mehr gesungen werden durfte.

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Ein später Versuch Honeckers, die Beziehungen zwischen SED und SPD wieder zu intensivieren, zumal sein Bruch mit Glasnost und Perestroika von KPdSU-Chef Michail Gorbatschows offenkundig war, drückte sich in dem 1987 von SED und SPD gemeinsam fabrizierten Grundsatzpapier „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ aus, in der die SPD keine ihrer ideologischen Prinzipen verließ. Andererseits war der Untergang der DDR nicht mehr aufzuhalten.

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Das tragische Ende eines Reformers

Vor 50 Jahren (1965) schied DDR-Hoffnungsträger Erich Apel aus dem Leben

Zwei Ereignisse, die inzwischen ein Viertel- und ein halbes Jahrhundert zurückliegen, haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben mag. Der gewaltsame Tod Erich Apels im Dezember 1965, einer der größten Rückschläge in der Geschichte der DDR, ebnete den Weg zum Sturz Walter Ulbrichts und zur Machtübernahme durch Erich Honecker, der in eine siegreiche friedliche Revolution und in das Ende der DDR führte.

Erich Apel, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, schied durch Suizid aus dem Leben, Stunden bevor er ein langfristiges Handelsabkommen mit der UdSSR unterzeichnen sollte. In seinem Büro im Haus der Staatlichen Plankommission, dem heutigen Detlev-Rohwedder-Haus Wilhelm-/Ecke Leipziger Straße, erschoss sich der Chef des obersten Planungsorgans und Vertraute von SED-Chef Walter Ulbricht 48-jährig mit seiner Dienstpistole. An den Spekulationen um seinen nicht bis ins Detail aufgeklärten Tod möchte ich mich nicht beteiligen.

Im Ärztlichen Bulletin heißt es, er sei am 3. Dezember 1965 um 10.00 Uhr gestorben: „Er litt seit längerem an Kreislaufstörungen. In allerletzter Zeit zeigten sich außerdem Zeichen nervlicher Überlastung, die trotz aller ärztlichen Bemühungen zu einem plötzlichen Nervenzusammenbruch führten. In einer dadurch hervorgerufenen Kurzschlussreaktion schied Dr. Apel aus dem Leben.“

Apels Tod offenbarte das große Dilemma, in dem der reformfreudige Teil der SED-Führung steckte. Seit drei Jahren versuchte Walter Ulbricht, der 1953 die Krise um den Arbeiteraufstand nur schwer angeschlagen überstanden hatte und international mit der Lüge des Jahrhunderts („Niemand hat sie Absicht eine Mauer zu errichten.“) gebrandmarkt war, die Volkswirtschaft der DDR zu reformieren.

Die Wandlung eines Moskau-Treuen

Der Mauerbau 1961 hatte nicht die erwartete Auswirkung auf das Land, aus dem sich in den Fünfzigerjahren mehr als 25.000 Ingenieure und Wissenschaftler, Ärzte und Hochschullehrer in die Bundesrepublik abgesetzt hatten und deren Wirtschaftswunder an Sogwirkung nicht nachließ. Dadurch hatte die Stagnation der öffentlichen Ausgaben für Bildung und Ausbildung in der Bundesrepublik keine allzu negative Auswirkung. Zuwanderer aus der DDR sowie die Heimatvertriebenen gehörten zu den wichtigsten Aktiva der westdeutschen Wirtschaft. Der Nutzen übertraf bei weitem  das Ausmaß der über vier Jahre verteilten Marshallplanhilfe in Höhe von insgesamt 1,5 Milliarden Dollar. Selbst westdeutsche Ökonomen schätzten den Schaden für die DDR auf dreißig Milliarden Mark.

Ulbricht hat begriffen, dass eine Modernisierung der DDR in allen Bereichen unumgänglich ist. Als einer der ersten Ostblockmachthaber erkennt er die Vorteile neuer Wissenschaftszweige, wie der Kybernetik und der Datenverarbeitung und gründet 1966 den „Strategischen Arbeitskreis“, über den Fachleute aus Praxis und Wissenschaft in die Entscheidungen der Politik einbezogen werden sollten. Ulbricht ist über Jahre bestrebt eine DDR zu schaffen, die im friedlichen ökonomischen Wettstreit mit dem Westen bestehen kann. Tatsächlich setzt mit der von Ulbricht initiierten „Neuen Ökonomischen Politik“ eine kurzfristige Stabilisierung ein, erreicht die Wirtschaft zwischen 1963 und 1968 die höchsten realen Steigerungsraten.

Auf dem 6. SED-Parteitag im Januar 1963 hatte Ulbricht seine Wandlung vom harten Verfechter einer Moskauer Linie zum Reformer offenbart, indem er sein weitreichendes Programm zur Umgestaltung der DDR-Wirtschaft verkündete. Die Wirtschaft erfordere „ein richtiges Verhältnis von Akkumulation und Konsumtion, von Arbeitsproduktivität und Durchschnittslohn und einen optimalen Nutzeffekt der gesellschaftlichen Arbeit. … Die stetige Steigerung der Arbeitsproduktivität und die Senkung der Selbstkosten verlangen die konsequente Anwendung der fortgeschrittensten wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Produktion, die komplexe sozialistische Rationalisierung der Produktionsprozesse…“ Ulbricht begründete, dass der Lohn der Leistung zu entsprechen habe und nannte das Wertgesetz – im Grunde meinte er die Erzielung von Gewinn – ein entscheidendes Instrument zur Ermittlung und Kontrolle des Arbeitsaufwandes, um Arbeit, Material und finanzielle Mittel zu sparen.

Selbst West-Medien wurden hellhörig und schrieben: „Ulbricht wird liberal.“ Ökonomen der Bundesrepublik erwarteten bald ein „Wirtschaftswunder DDR“.

Junge Manager an Ulbrichts Seite

Seine wichtigsten Garanten für einen solchen Weg sah Ulbricht in Dr. Erich Apel und Dr. Günter Mittag, zwei junge Politiker und Ökonomen, die nicht die Schule des Straßen- und Klassenkampfes gegangen waren wie ihre älteren, zumeist aus dem Moskauer Exil zurückgekehrten Genossen in der Parteispitze. Der 1917 im thüringischen Judenbach geborene Apel hatte Werkzeugschlosser gelernt und war Diplom-Ingenieur für Maschinenbau. Er hatte neben Wernher von Braun an der so genannten Wunderwaffe V2 mitgearbeitet und nach dem Krieg ein Angebot von Brauns, ihn in die USA zu begleiten, abgelehnt. Stattdessen wurde er interniert und war bis 1952 als Oberingenieur am sowjetischen Raketenprogramm beteiligt. Nach seiner Rückkehr in die DDR wurde er mit 35 Jahren Minister für Maschinenbau.

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Erich Apel (l.) im November 1964 im thüringischen Chemieanlagenbau Rudisleben, dessen Erzeugnisse, darunter Trinkwasseraufbereitungsanlagen, Weltniveau verkörperten. Seine Gespräche mit Arbeitern waren stets konkret und von Fragen nach der Effektivität von Planung und Leitung geprägt

Der 1926 in Stettin geborene Günter Mittag hatte bei der Reichsbahn gelernt und danach Volkswirtschaft studiert. Beide stammten aus Arbeiterfamilien und hatten sich mit viel persönlichem Ehrgeiz emporgearbeitet. Solche jungen Managertypen förderte Ulbricht, um mit ihnen die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken.

Libermans Reform-Vorschläge

Was Ulbricht anstrebte, war im September 1962 in einem Artikel des Ökonomieprofessors Jewsej Liberman aus Charkow in der sowjetischen „Prawda“ nachzulesen. Unter der Überschrift „Plan, Prämie, Gewinn“ skizzierte er, wie eine sozialistische Volkswirtschaft weitgehend ohne Subventionen funktionieren kann, wenn der Gewinn als ein objektives Kriterium für die Leistungsfähigkeit herangezogen wird. Wenige Monate später wurden diese Reform-Vorschläge von der Moskauer Führung verworfen und Liberman wurde belehrt, dass das Ziel der Sowjetwirtschaft nicht der Gewinn sei, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen. Überhaupt sei Gewinnstreben eine Kategorie des Kapitalismus, die im Sozialismus nichts zu suchen habe.

Einzig Walter Ulbricht hielt an der Gewinn-Diskussion fest und beschritt neue Wege. Er löste 1963 den Volkswirtschaftsrat auf, in dem einzelne Bereiche ganze Industriezweige beherrschten. Er bildete die Staatliche Plankommission mit Erich Apel an der Spitze und gründete 17 Industrieministerien, deren Chefs fast alle zwischen 35 und 45 Jahre alt waren.

Mehr Autonomie für die Betriebe

Mit großem Eifer begann Erich Apel das Reformwerk auf den Weg zu bringen. Die starre Planvorgaben wurden reduziert, den Betrieben mehr Rechte zugebilligt und der Gewinn zum Maßstab des Erfolges erhoben. Die Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB), die neugebildeten Kombinate und die Betriebe selbst bekamen mehr Autonomie, wobei sie aufgefordert wurden, das Weltniveau auf ihren Gebieten mitzubestimmen, die besten internationalen Erfahrungen zu nutzen und auch im Westen nachzuschauen, was sich für die eigene Arbeit eigne.

_H100305Aus meiner Mitschrift einer Ulbricht-Rede, in der er forderte, Systeme, Erzeugniss und Verfahren zu entwickeln, die noch nicht gedacht sind. Das sei eine Aufgabe der Großforschung, der Kombinate und Hochschulen

Für die Durchsetzung der Reformen waren zu ihrem Leidwesen nicht die „Apparatschicks“ in den Parteibüros zuständig, sondern junge, entscheidungsfreudige, selbständige Leiter an der Spitze der Unternehmen. In dieser Zeit verstärkten Apel und Mittag den engsten Führungszirkel der Partei, das Politbüro, wo sie zur Gefahr für die reformunwilligen, moskauhörigen Hardliner wurden, deren Hoffnungsträger „Kronprinz“ Erich Honecker war.

Tatsächlich machten die Reformen, die als „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL) ausgearbeitet wurden, große Fortschritte. Mit der unumgänglichen Industriepreisreform, neuen Verordnungen über die vertraglichen Beziehungen und der Bildung von Vertragsgerichten wurde Ordnung in das bis dahin fast undurchschaubare Geflecht der Wirtschaftsbeziehungen gebracht. Um Gewinne als Maßstäbe zu nutzen, mussten sie auf realen Preisen fußen. Das hatte großen Einfluss auf die Kosten, auf die wissenschaftlich-technischen Pläne, auf sauber geregelte Vertragsbeziehungen untereinander, zwischen Industrie und Forschung, Endproduzenten und Zulieferbetrieben und andere Bereiche, die schließlich auf dem Weltmarkt zum Tragen kamen.

Gegen das Wunschdenken

Im Juni 1965 sprach Erich Apel vor der SED-Bezirksleitung in Erfurt, wo ich als Wirtschaftsredakteur im ADN-Bezirksbüro tätig war. Die Oberhäupter um SED-Chef Alois Bräutigam versuchten mit vielen schönen Worten ihre Erfolge hochzujubeln. Erich Apel setzte dem ein Ende und sprach Klartext: „Es kommt darauf an, tiefer in die Probleme einzudringen, die Situation frei von jedem Wunschdenken einzuschätzen. Das verlangt in erster Linie eine sachlich-nüchterne Analyse der Ursachen, Prozesse und Ergebnisse, aller Faktoren, die zur Vorwärtsentwicklung an dem einen und zum Zurückbleiben an einem anderen Abschnitt führen. Nur wenn wir marktgerecht produzieren, wenn wir in Qualität und Kosten den Weltstand erreichen, können wir mehr importieren. Nur dann kann unser Lebensstandard schrittweise weiter steigen.“

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Für meine Betriebszeitung erfand ich die „Streitgespräche“ (weil es die Talkshow noch nicht gab), in denen ich aktuelle Probleme der neuen ökonomischen Politik aufwarf und am Beispiel des eigenen Betriebes kontrovers diskutierte

Da waren sie, die Begriffe Markt, Kosten, Qualität, Weltniveau usw., die über Jahre zugunsten einer „Tonnenideologie“, in der es nur um Stückzahlen und ähnliche Größenordnungen ging, die Augen vor den Realitäten verkleistert hatten. Das Umdenken nahm bis „nach oben“ einen langen Zeitraum in Anspruch. Damals sprach ich mit einem Generaldirektor der Textilindustrie und fragte ihn, warum er nicht die von vielen Frauen gewünschten Hosenanzüge fertigte, die damals im Westen modern wurden. Die Antwort – die Zahlen habe ich nicht mehr genau im Kopf – verblüffte mich: „Wir machen im Jahr 500.000 Jacken und 500.000 Hosen. Das sind zusammen eine Million Stück. Wenn wir Hosenanzüge liefern würden, die aus Jacke und Hose bestehen, wären es insgesamt nur 500.000. Das nimmt mir da oben keiner ab.“

Weltniveau-Erzeugnisse aus der DDR

Während Moskau unter dem zwischenzeitlich an die Macht geputschten Hardliner Leonid Breschnew sich weigerte, Ulbrichts neue ökonomische Politik im sozialistischen Lager, also dem RGW-Bereich, zu propagieren, verzeichnete die DDR-Volkswirtschaft erste größere Fortschritte. Von 1964 zu 1965 nahm des Nationaleinkommens um fünf Prozent zu, die Arbeitsproduktivität um sechs und das Bruttoeinkommen um vier Prozent. Industriezweige wie Schiff-, Maschinen- polygraphischer Maschinenbau hatten hohe Exportrraten, Chemie-, Kali- und andere Erzeugnisse waren weltweit gefragt. Die Konsumgüterindustrie folgte, so dass bis Ende der Sechzigerjahre auch viele Engpässe auf dem Binnenmarkt überwunden waren, weil die privaten und halbstaatlichen Betriebe mehr Möglichkeiten für ihre Entfaltung erhielten.

Wie hart die Gegensätze zwischen Ostberlin und Moskau waren, zeigt eine Feststellung Ulbrichts auf der Internationalen  wissenschaftlichen Session  100 Jahre „Das Kapital“ 1967 in Berlin: „Es wurde wenig beachtet, dass der Sozialismus sich auf seiner eigenen Grundlage entwickelt. Die Bürde der kapitalistischen Vergangenheit erschwert diese Einsicht. Deshalb wurden häufig die Kategorien der sozialistischen Ökonomik, die formal den Kategorien der kapitalistischen Ökonomik ähnlich sind (Geld, Preis, Gewinn usw.) als unvermeidliches ´Übel´ betrachtet, deren Wirksamkeit überwunden werden muss.“ Zudem hob er noch die „eigenverantwortliche Planung und Wirtschaftsführung der sozialisitischen Warenproduzenten“ hervor, was den Sowjets vollends gegen den Strich ging. KPdSU-Chef Breshnew, ein hartleibiger Apparatschik, würgt nicht nur in der Sowjetunion die Tauwetterperiode und die halbherzig betriebene Entstalinisierung ab, verhasst sind ihm auch alle Reformansätze in den sozialistischen Satellitenländern.

„Kahlschlagplenum“ gegen liberale Tendenzen

Vielleicht kann man Apels Tod nicht ohne das wenige Tage danach stattgefundene 11. Plenum des ZK der SED sehen, das eigentlich dem Perspektivplan der Volkswirtschaft bis 1970 gewidmet sein sollte und durch Honeckers Rede schließlich zu einer Abrechnung mit Ulbrichts liberaler Politik wurde. Erich Honecker nutzte seinen ersten großen Aufritt in seiner Funktion als zweiter Mann der SED-Führung zum Schlag gegen Ulbricht. Er hatte bereits eine ganze Jahresproduktion an DEFA-Filmen verboten und  die zunehmend kritische Kunst als dekadent und prokapitalistisch diffamiert. Doch die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, denen er einen „spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer“ unterstellte, war nur der Vorwand, um gegen die Liberalisierungen im Bereich der Wirtschaft vorzugehen und den schwindenden Einfluss des Parteiapparetes rückgängig zu machen.

Zitat Honecker: „Im Namen einer ´abstrakten Wahrheit´ konzentrieren sich diese Künstler auf die Darstellung von angeblichen Mängeln und Fehlern in der Deutschen Demokratischen Republik. Einige Schriftsteller sind der Meinung, dass die sozialistische Erziehung nur durch die summierte Darstellung von Mängeln und Fehlern erfolgreich sein kann. Sie bemerken nicht, dass die Wirkung ihrer Kunstwerke nach rückwärts zerrt und die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Werktätigen hemmt.“

Honeckers Pakt gegen Ulbricht

Honecker versetzte eingangs seiner „Kahlschlag“-Rede der Wirtschaftsreform einen offensichtlichen Seitenhieb, zumal Apel als sein größter Gegenspieler nicht mehr antworten konnte. Er forderte bei der „Ausnutzung der ökonomischen Gesetze, der Erarbeitung und Anwendung ökonomischer Methoden der Planung und Leitung, der wissenschaftlich begründeten Führungstätigkeit der sozialistischen Wirtschaft, die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Bruderpartei zu vertiefen.“ Das bedeutete, sich den Auffassungen Breschnews anzuschließen, der von den Reformen in der DDR nichts hielt und Ulbrichts Erläuterungen als „Belehrungen“ aus Ostberlin abtat.

Honecker erinnerte auf dem 11. Plenum an den Besuch Breschnews drei Wochen zuvor in Ostberlin und fügte hintersinnig hinzu, „bei dem es auch eine übrigens sehr erfolgreiche Jagd gab“. Der Hintergrund sollte sich später offenbaren. Da Ulbricht kein Jäger war, wurde Honecker zum Jagdbegleiter Breschnews in der Schorfheide, wo er einen Pakt mit dem Sowjetmachthaber gegen Ulbricht schloss, der sich – auch auf Grund eigener Probleme in der sowjetischen Wirtschaft – allerdings erst fünf Jahre später mit Ulbrichts Sturz auszahlen sollte.

Apel von den Sowjets ausgeschaltet

Im Nachhinein wird deutlich, dass die Ablösung von Kreml-Chef Chruschtschow 1964 für die DDR unangenehmere Konsequenzen hatte, als man zunächst glauben mochte. Der stockkonservative Leonid Breschnew lehnte überhaupt Reformen in seinem Machtbereich ab. Im September 1965 bekam Apel in Moskau das Misstrauen bei den Wirtschaftsverhandlungen zu spüren. Seine Gesprächspartner blieben mit ihren Zusagen weit hinter den Lieferwünschen der DDR bei Erdöl und Walzstahl zurück. Apel kehrte ergebnislos nach Ostberlin zurück.

Es folgte ein Blitzbesuch Breschnews Ende November in Berlin, bei dem die DDR-Führung klein beigeben und die sowjetischen Vorgaben für den Handelsvertrag akzeptieren musste. Auf Wunsch der Sowjets war Apel bei diesen Verhandlungen ausgeschaltet worden. Zudem war sein Vorschlag für einen neuen Fünfjahrplan von der reformfeindlichen Mehrheit im Politbüro abgeschmettert worden. Hier schien auch Ulbrichts Macht an ihre Grenzen zu stoßen, wollte er sein Amt als Parteichef nicht gefährden. War das schon Apels Todesstoß?

Honeckers Pro-Moskau-Rede

Auch in Sachen Volkswirtschaft brachte es die Fraktion der Reformgegner während des Dezember-Plenums auf den Punkt. Im Gegensatz zu Apel, der in den Kürzungen sowjetischer Lieferungen große Nachteile für die DDR erkannte und daher auch nicht auf die höheren Moskauer Forderungen nach mehr Schiffen, Maschinen, Konsumgütern und Lebensmitteln usw. eingegangen war, forderte Honecker eine Zunahme der Exporte in die UdSSR. Seiner Ansicht nach stellte das langfristige Handelsabkommen zwischen der DDR und der UdSSR „ein großes Aktionsprogramm für die Werktätigen der DDR dar“. Es müsse von den Leitern der Staats- und Wirtschaftsorgane als erstrangige Aufgaben betrachtet und termingemäß und in der notwendigen Qualität erfüllt werden. Solchen Aussagen hätte es mit Erich Apel als Chef der DDR-Plankommission angesichts der realen ökonomischen Verhältnisse nicht geben können und sicher auch nicht gegeben.

Im Gegensatz zu Honeckers Forderungen hatte das Moskauer Misstrauen gegenüber der DDR zu unregelmäßigen und sogar stagnierenden Exporten von Rohstoffen in die DDR geführt. Groteske Engpässe und Disproportionen auf vielen Gebieten der Wirtschaft waren die Folge. Einerseits verlangt Breshnew immer mehr Schiffe, Eisenbahnwaggons und Konsumgüter, auf der anderen Seite hielt sich die Sowjetunion selbst nicht an die vereinbarten Rohstofflieferungen. Breshnew zwang die DDR, sich an der Errichtung von neuen Erdölleitungen, Fabriken und Raffinerien in seinem Land finanziell zu beteiligen.

PolÖkDEDRIm letzten Jahr seines Wirkens erschien mit diesem Ulbrichts Vermächtnis, desse Halbwertszeit nach Monaten beziffert werden kann. In seiner Trauerrede zu Ulbrichts Tod 1973 erwähnte  Honecker mit keinem Wort dessen Verdienste um die Volkswirtschaft der DDR

Nach Apels Tod erinnerten sich viele im Land an den ZK-Sekretär für Wirtschaft Gerhard Ziller, der fast auf den Tag genau acht Jahre zuvor in seiner Wohnung am Berliner Majakowskiring in Pankow mit der Dienstpistole seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Zusammen mit den Politbüromitgliedern Ernst Wollweber, Karl Schirdewan und einigen anderen führenden Funktionären hatte er mit den Sturz Ulbrichts vorbereitet, der Jahre vor dem Mauerbau noch die harte zentralistische Linie Moskaus vertrat und vor allem in der gewaltsamen Kollektivierung der Landwirtschaft den Unmut vieler führender Genossen herausgefordert hatte. Das Komplott wurde durch die Stasi – wenngleich Wollweber deren Chef war und nach ihm übrigens Mielke an die Spitze rückte – aufgedeckt und durch Ulbricht mit Funktionsverlusten der „Revisionisten“ geahndet.

Der „Prager Frühling“ in der CSSR, der einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz anstrebte und 1968 im Sinne der Breschnew-Doktrin von den eigenen „Verbündeten“ gewaltsam niedergschlagen wurde, entfaltete ebenfalls seine Wirkung gegen die Wirtschaftsreformen in der DDR. Angeblich war er das Beispiel dafür, wohin eine Marktwirstchaft im Ostblock führen würde – direkt in die Arme des Gegners. Ulbricht war gewarnt. In der DDR hätte die Sowjetarmee nicht einmarschieren müssen, sie war bereits mit mehr als einer viertel Million Soldaten im Land.

Reformer lebten gefährlich in der DDR

Wenn man die Geschichte der DDR überblickt, so scheinen Reformer grundsätzlich gefährlich gelebt zu haben. Dem Absturz von Werner Lamberz, unter Honecker im Politbüro für die Medienpolitik zuständig, mit einem Hubschrauber 1976 in Libyen, ging eine Politik voraus, in der er den verkrusteten Strukturen des Apparates eine durchschaubare, offene Diskussion gegenüberstellen wollte. Vor Journalisten sagte er: „Wir brauchen nicht hochtrabende Worte, sondern überzeugende Argumente. … Unsere gesamte politische Massenarbeit muss auf die Bedürfnisse und Gedanken der Bürger gerichtet sein. … Wir müssen Antworten auf alle Fragen geben, die das Leben stellt.“ Insgeheim wurde er als „Kronprinz“ Honeckers und gleichsam als Hoffnungsträger gehandelt.

Die Reformen wurden nach Apels Tod weniger energisch und mit viel Gegenwind fortgesetzt. Sie gingen mit Ulbrichts Sturz 1971 zu Ende. Der in die zweite Reihe verbannte Parteiapparat, dem Ulbricht mehrfach die Fähigkeit zur Erneuerung der Volkswirtschaft abgesprochen hatte, übernahm wieder das Zepter. Günter Mittag hatte endgültig Seiten gewechselt und zunächst in die Regierung versetzt, bis er drei Jahre später Honeckers getreuer Wirtschafts-Paladin wurde, dessen geschönte Monats-Statistiken zur angeblichen Entwicklung der Volkswirtschaft dortselbst Kopfschütteln hervorriefen. Zahlreiche Vertreter eines modernen Managements – in der DDR als „sozialistische Wirtschaftsführung“ bezeichnet – verschwanden unter ihm in der „Versenkung“.

Eine „Einheit“ hat es nie gegeben

Zu Honeckers ersten Gefälligkeiten gegenüber Moskau gehörte die Beseitigung der von Breschnew lange schon kritisierten Privatbetriebe in der DDR, indem mehr als 11.000 private und halbstaatliche Unternehmen, die fast ein Drittel der Dinge des täglichen Bedarfs produzierten und unentbehrliche Lieferanten für Finalproduzenten waren, enteignet wurden. Hinzu kam ein überteuertes Wohnungsbauprogramm, das die Schulden immens in die Höhe trieb. Die von Honecker deklarierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ hat es in der DDR in Hinblick auf die Vernachlässigung und den Raubbau an der eigenen Volkswirtschaft nie gegeben.

Ebenso wie Ziller ist Erich Apel an den verkrusteten Machtstrukturen zerbrochen. Eine Entwicklung, die den Marktmechanismen folgt und von einem hohen Maß an kreativer Selbstbestimmung getragen wird, hätte den erst 1968 in die Verfassung aufgenommenen Führungsanspruch der SED in Frage gestellt. Nur mit der Überwindung des gesamten Systems, so wie 1989/1990 erfolgt, waren neue Wege gangbar.

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Chroniken der Heuchelei

Ein Volk schrieb Tagebuch – „Geschichtsbücher des Sozialismus“ verklären die DDR

Die Schönfärberei in der DDR bekam ab 3. Januar 1959 einen schwunghaften Auftrieb. Die Brigade „Nikolai Mamai“ im Aluminiumwerk des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld hatte sich vorgenommen, ab diesem Tag „sozialistisch arbeiten, lernen und leben“ zu wollen. Bei Erfolg gab es den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“. Damit alles auch schön nachgewiesen werden kann, gehörten die „Brigadetagebücher“ als neue Marotte von Agitation und Propaganda dazu. Sie wurden zu handgeschriebenen Chroniken der Heuchelei. Und interessant für die Nachwelt.

TitelEigentlich sollte ich nach meiner Ausbildung das Laboratorium der Zuckerfabrik übernehmen, in der mein Vater erster Siedemeister war. So wie er den Fußstapfen seines Vaters gefolgt war, schien es klar zu sein, dass ich ebenfalls mein Berufsleben der Raffinade widmen würde. Anfang der Fünfzigerjahre galt das Interesse der ganzen Familie dem Arbeitsplatz des Familienoberhauptes, und die Söhne wurden nicht selten von Kindheit an auf die Nachfolge vorbereitet.

MoralUlbrichts zehn Gebote der sozialistischen Ethik und Moral auf einer Vorderseite des Brigadetagebuchs

Lange hatte ich als Kind während der herbstlichen Rübenkampagne meinem Vater mit der „Braut“ – das ist in Thüringen ein Topf mit Henkel zum Tragen – das Mittagessen an seinen Arbeitsplatz gebracht. Vor den riesigen Apparaturen ließ ich mir erklären, wie der Zucker aus den Rüben in die Tüten kommt. Vielleicht hat die Tätigkeit meines Vaters tatsächlich meine erste Berufswahl, Facharbeiter für organische Grundstoffchemie, beeinflusst.

Der Hammer war ein Argument

Anfang der Fünfzigerjahre gab es in der DDR einen Wettbewerb der Zuckerfabriken um die beste Qualität, in der die Schicht meines Vaters mehrfach den ersten Platz belegte. Als er von einem Reporter des Senders Weimar interviewt wurde, hingen wir zu Hause am Radio. Während eines solchen Gesprächs, das im großen Siedehaus stattfand, wo der Rübensaft gekocht und gefiltert wird, störte ein völlig unpassendes Geräusch, das ich bei meinen häufigen Besuchen dort nie gehört hatte.

Zuckerfabrik.1Der 1. Siedemeister im Vordergrund vor den großen Behältern, in denen der Zuckersaft gekocht wurde. Unten: Der Hammer als wichtiges „Argument“ der SED-Politik

2teParteikonf1952Mein Vater lachte und erklärte, wie der Kraftfahrer des Radio-Reporters während des Interviews ab und zu mit einem Hammer auf das Metallgeländer einer eisernen Freitreppe schlug, so dass es laut durch die große Halle dröhnte. Hämmer waren damals wie Argumente. Auf dem Plakat der zweiten Parteikonferenz 1952 umfasst ein Arbeiter mit seinen Händen einen mächtigen Hammer, als wolle er alles kurz und klein schlagen. Oder den westdeutschen Klassenfeinden zeigen, wo der Hammer hängt. Besonders gut machte sich da ein kräftiger Hammerschlag während eines Gesprächs über gute Arbeit und beste Qualität.

Mitnehmen, was zu holen ist

Ende 1958 war die Brigade „Nikolai Mamai“ aus dem Aluminiumwerk I des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld für eine neue Marotte ausgewählt, die nach dem Motto „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ vom „Lande Lenins und Stalins“ übernommen worden war. Nach einem Bergarbeiter aus dem Lugansker Gebiet benannt, dessen Brigade bei der Steinkohleförderung den Siebenjahrplan in fünf Jahren erfüllen wollte, beschlossen die „Mamais“, ab 3. Januar 1959 sozialistische zu arbeiten, zu lernen und zu leben und den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“ zu erringen. Dafür wurde ein Prämienfonds eingerichtet, aus dem die Auserwählten belohnt wurden.

BTBStellungn.1  BTBRanger

Mit politischen Themen ging man mit der sozialistischen Tageszeitung immer konform

Kurze Zeit später, Anfang 1959, folgte der Meisterbereich meines Vaters. Sein praktisches und überzeugendes Argument: „Wir arbeiten gut, wir liefern beste Qualität und wir kommen alle gut miteinander aus. Warum sollen wir nicht mitnehmen, was zu holen ist?“ Mit anderen Worten: Alles läuft weiter wie bisher, nur dass es aufgeschrieben wird und Prämien kassiert werden. Das würde niemanden überfordern, bis auf den, der alles in ein Tagebuch einzutragen hatte, aber da wechselte man sich ab. Zum Teil hat es auch meine Mutter in enger „Zusammenarbeit“ mit der Tageszeitung gemacht.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hätte ohne „Titelkampf“ allerdings auch mancher Theaterbesuch, manche Reise zu Sehenswürdigkeiten und hin und wieder ein erlebnisreicher Brigadeabend mit Ehepartnern nicht stattgefunden. Auch wenn sich der eine oder andere für einen Theaterabend mit Anzug und Krawatte schwer tat, geschadet hat es keinem.

Ein „Quell“ der Literatur

Ohne Brigadetagebuch war ein Kampf um den Titel ,,Brigade der sozialistischen Arbeit“ nicht möglich. Nach offizieller Darstellung sollten diese zumeist handgeschriebenen Bücher eine Chronik des sozialistischen Arbeitens, Lernens und Lebens sein und die Höhen und Tiefen eines Kollektivs beschreiben. Walter Ulbricht bezeichnete sie sogar als „Geschichtsbücher des Sozialismus“, die der Herausbildung sozialistischer Kollektive und Persönlichkeiten dienen und dazu beitragen würden, die „sozialistische Menschengemeinschaft“ zu formieren.

Das Tagebuch der Brigade meines Vaters widerspiegelt in Wort und Bild passgerecht und in den schönsten Farben Ereignisse und Ergebnisse der Arbeitswelt ebenso wie gemeinsame Freizeiterlebnisse der Brigademitglieder. Natürlich wurden da nicht die Querelen, der Mangel an Material, die Unzufriedenheit mit der Versorgung, fehlende Reisemöglichkeiten usw. aufgeschrieben, Themen, über die im kleinen, vertrauten Kreis natürlich diskutiert und gehadert wurde. Das hätte auch keine Prämien gebracht – im Gegenteil.

In Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), gab es sogar einen Konsultationsstützpunkt für all jene, die Brigadetagebücher schrieben. Mehrere hundert „Brigadeschriftsteller“, so wurde im „Neuen Deutschland“ berichtet, hätten sich dort bereits weitergebildet. Schriftsteller, Filmszenaristen und Dramaturgen wurden aufgefordert, diese Bücher zu durchforsten, um konfliktreiche Stoffe für Literatur, Film und Fernsehen zu entdecken.

„Mit uns der Sieg!“

Für mich ist das über zehn Jahre geführte Brigadetagebuch eine schöne Erinnerung an das Arbeitsleben meines Vaters. Auf der ersten Seite des sozialistischen Poesiealbums, dessen roten Einband das goldene Zeichen des nie erfüllten Siebenjahrplanes schmückt, steht ein Spruch aus dem „Sozialistenmarsch“. Aus dem Refrain ist jedoch die 5. Zeile mit dem „heil´gen Krieg“ weggelassen worden, auf die sich schließlich der Sieg reimen sollte:

„Der Erde Glück, der Sonne Pracht./
Des Geistes Licht, des Wissens Macht./
Dem ganzen Volke sei ´s gegeben./
Das ist das Ziel, das wir erstreben./
Das ist der Arbeit heil´ger Krieg./
Mit uns das Volk, mit uns der Sieg!“

Als Leitfaden für den Inhalt wurden auf der ersten Innenseite Walter Ulbrichts „Grundsätze der sozialistischen Moral und Ethik“ platziert. Danach wird in diesem Sinne das Leben und Wirken von 45 Frauen und Männern handschriftlich und reich bebildert chronologisch dargestellt. Dazwischen wird das Weltgeschehen reflektiert, wie es ähnlich in der Tageszeitung nachzulesen war. Manche Formulierungen sind sogar identisch. Mich interessierte die Meinung der Brigade zum Mauerbau am 13. August 1961. Zu meinem Erstaunen steht dazu kein Wort im Brigadetagebuch. Das deckt sich mit der Meinung, die mein Vater dazu nicht an die große Glocke hing. Auch Opportunismus hatte seine Grenzen.

BTBFoto1

WanderungViel Gereimtes, kaum „Ungereimtes“ in den Brigadetagebüchern.

Eine alte Rechnung

Besonders gut machte es sich, als sich die Brigade in die deutsche Politik einmischte, indem sie gegen die CDU-Kandidatur eines Walter Pikuritz für den Bundestag in Bonn protestierte. Dem gehörte einst die Zuckerfabrik, in der mein Vater in den Dreißigerjahren für zwanzig Mark die Woche geschuftet hatte. 1947 versuchte Pikuritz diese inzwischen volkseigene Zuckerfabrik in der Nähe von Erfurt wieder in seine Hände zu bekommen. Als ihm das nicht gelang, stahl er 60.000 DM aus der Fabrikkasse und setze sich nach Westberlin ab. Im Grunewald gehörte ihm nämlich eine riesige Villa mit Park (heute Senats-Gästehaus), die er 1938 erworben hatte, als sie von den Nazis als ehemals jüdisches Eigentum zwangsversteigert wurde.

14-Vaters(mit Brille)BrigadeFeierliche Brigadeauszeichnung

An anderer Stelle ist im Brigadetagebuch auch nachzulesen, wie 1961 brauner Rohrzucker aus Kuba zu feinem Weißzucker veredelt wurde, weil das infolge der Kubakrise und der Blockade der Karibikinsel dort nicht möglich war. Damals stand man auf „Fidel“ und verschob sogar seinen Urlaub, um Extraschichten zur Unterstützung von Castros Revolution in der Karibik zu leisten. Und für anständige Prämien.

Zu wenig „Erziehung“

Nachdem es Lob, Anerkennung, Orden und Bares für den erfolgreichen Titelkampf und die Führung des Brigadetagebuchs gegeben hatte, wurde von den gewerkschaftlichen Gutachtern bemängelt, dass im Buch zu wenig die erzieherische Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen ihren Niederschlag finde. Es sei doch nicht anzunehmen, dass sich jede Kollegin und jeder Kollege völlig konfliktlos in das erfolgreiche Kollektiv eingliedere. Dem konnte abgeholfen werden.

BierneuMehr Konfliktlösung? Aber bittesehr!

In einem Eintrag vom 9. Juni 1962 ist zu lesen: „Es kamen in letzter Zeit Unpünktlichkeiten vor, wodurch die Arbeitsmoral leidet. Es folgte eine harte Auseinandersetzung mit dem Maler Koll. Werner Müller. Die Brigademitglieder warfen ihm vor, dass er vor der Arbeitszeit mit Biertrinken anfängt und während der Arbeitszeit oft seinen Platz verlässt, um zu trinken. Die Kollegen sind der Meinung, dass der größte Teil der Arbeitskollegen während der Arbeit eine Flasche Bier trinkt, aber es darf nicht vorkommen, dass ein Kollege vollkommen betrunken ist.“

Natürlich hat der Kollege Müller einen Verweis bekommen, und auf die Frage ob er wüsste, was er nun zu tun hätte, antwortete er laut Tagebuch: „Es geht in Ordnung.“ Was auch immer.

TagebuchUlb

Millionen wollten sozialistisch leben

Die meisten Brigadetagebücher waren nicht mehr als eine widerwillig ausgeführte Pflichtübung, weil sie für die Auszeichnung mit dem so genannten Staatstitel „Brigade…“ und später „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ gefordert wurden. Daher waren sie oft auch nur Fotoalben mit kurzen erläuternden Texten. 1989 gab es nach statistischen Übersichten rund 300.000 sozialistische Brigaden mit mehr als fünfeinhalb Millionen Mitgliedern.

Die Heuchelei ergibt sich allein schon daraus: Wenn die alle sozialistisch gearbeitet, gelernt und gelebt haben, dann fragt man doch, wo kamen 1989 die Millionen Demonstrierenden her, die plötzlich auf den Straßen der DDR riefen „Wir sind ein Volk“ und „Wir wollen raus“? Selbst mein Vater hatte nichts dagegen und war bald Ehrenmitglied der neugegründeten SPD-Ortsgruppe, der er schon als junger Mensch einmal angehört hatte.

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Die Lipsi-Story

Um die Jahreswende 1958/59 wollte die DDR tatsächlich die Welt retten – mit dem Lipsi. Er sollte eine Alternative für die auch im Westen kritisch verfolgten Auswüchse von Boogie-Woogie und Rock ´n´ Roll sein. Als Weltpatent angemeldet, wurde der Lipsi in propagandistischen Großeinsätzen verbreitet. Doch im Grunde tanzte außer dem Autor möglicherweise nur noch das Politbüro danach.

Sie nannten sich im militanten Sprachgebrauch „Komponisten-Brigade“ – eine Gruppe ernsthafter Tondichter, die Ende November 1958 in das Kohle- und Energiekombinat Lauchhammer zog, um sich vom Stand des Kulturlebens der 13.000 Beschäftigten zu überzeugen. Ihr Auftrag diente der Vorbereitung auf den „Bitterfelder Weg“, der im Frühjahr 1959 mit dem Ruf „Greif zur Feder Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht Dich!“ in den Sprachgebrauch der DDR einging.

„Ami-Oase“ in der Lausitz

In Walter Ulbrichts „sozialistischer Menschengemeinschaft“ sollte aus klassenbewussten Arbeitern Dichter, Maler, Sänger und Schauspieler werden, die die Höhen des „sozialistischen Realismus“ erklimmen, ohne mit formalistischen Kunst-Diskussionen Schaden anzurichten. Da hatte auch der Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler sein Scherflein beizutragen, insbesondere was die Tanzmusik betraf. Die Jugend sollte sich nicht länger nach Twist, Boogie-Woogie, Rock ´n´ Roll und anderer westlicher „Hotmusik“ verrenken.

Kurt Schwaen, ein Komponist ernsthafter Kammermusik, erkundete, wie und wo in Lauchhammer getanzt wird. Es muss frustrierend gewesen sein. „Das Ergebnis ist aufschlussreich“, kommentierte das „Neue Deutschland“ zurückhaltend und schrieb: „Wenn im Kulturhaus einige Jugendliche beginnen den Tanzsaal mit einer Turnhalle zu verwechseln, werden sie vom Klubdienst aufgefordert, anständig zu tanzen. Dabei erziehen sich die Tanzpaare gegenseitig. Wer nicht hören kann, wird kurzerhand aus dem Saal gewiesen. Auf der anderen Straßenseite ist das aber nicht so. Die HO-Gaststätte ´Glückauf´ ist als ´Ami-Oase´ bekannt.“

„Ganz und gar modern“

Dem galt es etwas entgegenzusetzen. Ende 1958 entstand in Leipzig ein neuer Tanz, der – angemeldet als Weltpatent – der westlichen Dekadenz den Garaus machen sollte. Es war der Lipsi, für den René Dubianski zwei Walzertakte zu einem Sechsvierteltakt verschmolz und das Tanzlehrerehepaar Christa und Helmut Seifert dazu passende Schrittfolgen entwickelte. Der Name des Tanzes ist vom lateinischen Namen für Leipzig abgeleitet. Natürlich durfte man zeitgemäß zusammen und auseinander tanzen – aber „anständig“.

Lipsitanz

„Neues Deutschland“ schwärmte: „Das Bewegungsbild ist voller Harmonie und mit seinem Lösen und Wiederfinden der Partner, mit seinen Solodrehungen ganz und gar modern. Unsere Jugend will sich nicht in ständiger geschlossener Tanzhaltung bewegen, sie wünscht sich Bewegungen, wie sie der Lipsi bringt, freilich weit entfernt von jenen geschmack- und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte, die ebenso wie die ohrenbeleidigenden Jazzverfälschungen aller Art die Gehirne einer zu ´Rettern des Abendlandes´ vorgesehenen Jugend der westlichen Länder vernebeln.“

Tanzen auf Anweisung von oben

Was „unsere Jugend will“, wussten wir Teenager besser. Wir ließen uns gerne die Ohren beleidigen und die Gehirne vernebeln, doch das war außerdienstlich. Ich war damals für ein paar Monate in der FDJ-Kreisleitung Erfurt-Land tätig und erlebte die ernste Seite der heiteren Muse mit. Im Sitzungssaal wurden Tische und Stühle beiseitegeschoben, wir stellten uns paarweise auf, der 1. Sekretär mit der Sekretärin, der 2. Sekretär mit der Buchhalterin, der 3. Sekretär mit der Hauptkassiererin und ich mit dem Kraftfahrer, denn mehr Frauen gab es nicht. Vom Plattenteller sang Helga Brauer: „Heute tanzen alle jungen Leute im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt.“ Dazu legten wir los, als gelte es das Sackhüpfen zu kultivieren. Werner, unser Chef und Tanzlehrer hatte sich sein Talent in ähnlichen Veranstaltungen in der FDJ-Bezirksleitung geholt. Durch das Studium des „Neuen Deutschland“ hatten wir uns auch theoretisch auf die Tanzstunde vorbereitet, denn dort waren die Lipsi-Schritte erläutert und zeichnerisch dargestellt.

Lipsi im ND

Tanz-Anleitung für den Lipsi aus dem SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“

Da war kein Glimmen

Von „oben“ war vorgegeben, dass bis Mai, dem nächsten FDJ-Parlament in Rostock, alle Funktionäre den Lipsi beherrschen mussten, um damit die Massen zu begeistern. Wer würde dann noch an Boogie-Woogie und andere entartete Rhythmen denken, die in ihren Auswüchsen  sogar im DDR-Fernsehen als abschreckende Beispiele vorgeführt wurden. Doch um andere zu entflammen, hätte man selber brennen müssen, aber da war nicht einmal ein Glimmen.

Über das West-Fernsehen, gegen das die FDJ wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte, war auch in der DDR nicht unbemerkt geblieben, dass Elvis, der „King of Rock ´n´ Roll“, in der Bundesrepublik gerade unter großer Begeisterung von Millionen Fans seinen Militärdienst ableistete. Zudem sorgte Bill Haley mit seinen „Kometen“ dafür, dass einige deutsche Veranstaltungsorte neu möbliert werden mussten.

Privat konnte man als leidenschaftlicher Tänzer nur neidisch werden. In unserem Mundharmonika-Trio, dem ich als Bassist angehört hatte, war „Rock Around The Clock“ der absolute Renner bei jedem unserer Auftritte. Zwar wurden dabei keine Säle demoliert, doch die Stimmung war nahe am Überkochen. Mit Schmuse-Titeln wie „Cindy, oh Cindy“ kühlten wir anschließend etwas herunter.

Illusionen nach Plan

Das Jahr 1959 war in vielerlei Hinsicht als verheißungsvoller Aufbruch in eine neue Epoche der DDR gedacht. Der gerade beginnende Siebenjahrplan sollte durch eine zentralistische gesteuerte Planwirtschaft die soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik überholen, ohne sie einzuholen, also auf völlig neuen Bahnen vorbeiziehen.

Auf dem 5. SED-Parteitag hatte Walter Ulbricht gerade auch die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik verkündet, nach denen man „sauber und anständig leben“ solle, also Westfernsehen und dekadente Tänze mied. Wie das geht, dazu hatte wie auf Bestellung die Jugendbrigade „Nikolai Mamai“ in einem Bitterfelder Chemieunternehmen landesweit aufgerufen, von nun an sozialistisch zu arbeiten, zu lernen und zu  leben.

Da passte es, dass Mitte Januar 1959 auf einer Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer der „Lipsi Nr. 1“ als „Paradebeispiel der sozialistischen Nationalkultur“ präsentiert wurde. Stolz hieß es, dass es Walter Ulbricht war, von dem der Anstoß für einen zeit- und jugendgemäßen Tanz gekommen sei, der den Westtänzen den Rang ablaufen würde.

Geblieben sind Spott und Hohn

Die „Junge Welt“ setzte – zum Überfluss für die  meisten ihrer Leser – die ideologischen Leitplanken, indem sie z.B. über Elvis Presley schrieb: „Sein ‚Gesang‘ glich seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bursche war völlig unmusikalisch (…) und röhrte wie ein angeschossener Hirsch, nur nicht so melodisch.“ Man musste annehmen, der Autor dieser Zeilen hat ihn nie gehört.

Auf der 1. Bitterfelder Kultur-Konferenz am 24. April 1959 fasste Walter Ulbricht den Stand des Kampfes gegen die Westmusik zusammen: „Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die ‚Hotmusik‘ und die ekstatischen ‚Gesänge‘ eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten.“ Und das war der Lipsi

Heute weiß man, nach einem Jahr ging der Siebenjahrplan in die Hose, die erste „sozialistische Brigade“ war zerstritten, der Bitterfelder Weg grub sich als „bitterer Feldweg“ in die Erinnerung und der Lipsi war so gut wie vergessen. Die Illusionen schwanden im Sechsvierteltakt dahin.

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Wie eine Ära beendet wurde

Im Jahr 1963 führte Walter Ulbricht in der DDR das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL) ein, das er auf dem 6. Parteitag der SED ausführlich begründet hatte und das tatsächlich nie die Zustimmung aus Moskau gefunden hat, weil man am starren und verkrusteten sowjetischen Sozialismusmodell keine Veränderungen duldete. Ulbricht machte den als kapitalistisch verteufelten Gewinn zum Maßstab des Erfolges. Die wirtschaftlichen Entscheidungen sollten vom SED-Parteiapparat auf die fachlich fundierte Ebene in den neuen Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und Großkombinaten verlagert werden.

Walter Ulbricht war bei seinen Reformen maßgeblich beeinflusst von dem sowjetischen Ökonomen Prof. Jewsei Libermann, der 1962 in der „Prawda“ einen Beitrag über die Abschaffung der Subventionen unter dem Titel „Plan, Gewinn, Prämie“ veröffentlichte. Seiner Ansicht nach sei das Ziel der Sowjetwirtschaft nicht der Gewinn, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen. Ulbricht hiel an der Diskussion fest, löste den Wirtschaftsrat auf und schaffte wieder Industrieministerien. Dabei räumte er den Betrieben bei Beschaffung und Absatz größeren Spielraum ein. Die Reformen zielte hinsichtlich ihrer Verwirklichung weniger auf die Apparatschicks, sondern viel mehr auf entscheidungsfreudige, selbständige Leiter. Das wird  deutlich, indem von den 17 neuen Ministern 16 zwischen 34 und 45 Jahren alt waren.

Während die sowjetische Führung von Libermans Ideen und Ulbrichts Neuem Ökonomischen System der Planung und Leitung (NÖSPL) nicht begeistert war, schrieb die West-Presse: „Ulbricht wird liberal“. Der von Moskau dominierte Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem die Satellitenstaaten der UdSSR angehörten,  befasste sich nicht mit diesen Reformen, während in der DDR von 1964 zu 1965 das Nationaleinkommen um fünf, die Arbeitsproduktivität um 6 und das Bruttoeinkommen um vier Prozent angestiegen waren.

Tatsächlich zeigte die Beachtung grundlegender ökonomischer Gesetze  Ende der Sechzigerjahre eine positive Wirkung hincihtlich einiger Versorgungsprobleme. Doch den Hardlinern um Honecker ging die Beschneidung ihrer ökonomischen Macht zu weit, sie nutzten den „Prager Frühling“ als warnendes Beispiel, boykottierten den Weg der Reformen und führten nach Ulbrichts Sturz die DDR in den Bankrott.

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