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Wie eine Ära beendet wurde

Im Jahr 1963 führte Walter Ulbricht in der DDR das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL) ein, das er auf dem 6. Parteitag der SED ausführlich begründet hatte und das tatsächlich nie die Zustimmung aus Moskau gefunden hat, weil man am starren und verkrusteten sowjetischen Sozialismusmodell keine Veränderungen duldete. Ulbricht machte den als kapitalistisch verteufelten Gewinn zum Maßstab des Erfolges. Die wirtschaftlichen Entscheidungen sollten vom SED-Parteiapparat auf die fachlich fundierte Ebene in den neuen Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und Großkombinaten verlagert werden.

Walter Ulbricht war bei seinen Reformen maßgeblich beeinflusst von dem sowjetischen Ökonomen Prof. Jewsei Libermann, der 1962 in der „Prawda“ einen Beitrag über die Abschaffung der Subventionen unter dem Titel „Plan, Gewinn, Prämie“ veröffentlichte. Seiner Ansicht nach sei das Ziel der Sowjetwirtschaft nicht der Gewinn, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen. Ulbricht hiel an der Diskussion fest, löste den Wirtschaftsrat auf und schaffte wieder Industrieministerien. Dabei räumte er den Betrieben bei Beschaffung und Absatz größeren Spielraum ein. Die Reformen zielte hinsichtlich ihrer Verwirklichung weniger auf die Apparatschicks, sondern viel mehr auf entscheidungsfreudige, selbständige Leiter. Das wird  deutlich, indem von den 17 neuen Ministern 16 zwischen 34 und 45 Jahren alt waren.

Während die sowjetische Führung von Libermans Ideen und Ulbrichts Neuem Ökonomischen System der Planung und Leitung (NÖSPL) nicht begeistert war, schrieb die West-Presse: „Ulbricht wird liberal“. Der von Moskau dominierte Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem die Satellitenstaaten der UdSSR angehörten,  befasste sich nicht mit diesen Reformen, während in der DDR von 1964 zu 1965 das Nationaleinkommen um fünf, die Arbeitsproduktivität um 6 und das Bruttoeinkommen um vier Prozent angestiegen waren.

Tatsächlich zeigte die Beachtung grundlegender ökonomischer Gesetze  Ende der Sechzigerjahre eine positive Wirkung hincihtlich einiger Versorgungsprobleme. Doch den Hardlinern um Honecker ging die Beschneidung ihrer ökonomischen Macht zu weit, sie nutzten den „Prager Frühling“ als warnendes Beispiel, boykottierten den Weg der Reformen und führten nach Ulbrichts Sturz die DDR in den Bankrott.

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