Die Kuriere des Teufels – Mielkes „stille Post“

Sie waren besser organisiert als die Mafia. Ihr Schweigen war Gesetz und galt für zwanzig Jahre. Die Welt stand ihnen offen, sie agierten in mehr als einhundert Ländern der Erde. Mit ihren Ausweisen waren sie immun, sie durften weder durchsucht, noch festgenommen werden. Die 24 Männer waren perfekte Schmuggler. Sie beförderten alles, was für ihren Status verboten war – Waffen, Gold und Edelsteine, Rauschgift, Porzellan und High-Tech nach Bedarf. Was auch immer zu Hause in der DDR für Wirtschaft, Wissenschaft oder zur Devisenbeschaffung bestellt war oder einen illegalen Weg ins Ausland finden sollte – es wurde prompt erledigt.

Die „Wiener Konvention über diplomatische Beziehungen“ von 1961 war für die Kuriere in den Grauzonen der Legalität Makulatur. Darin heißt es im Artikel 27: „Gepäckstücke, die das diplomatische Kuriergepäck bilden … dürfen nur diplomatische Schriftstücke oder für deren amtlichen Gebrauch bestimmte Gegenstände enthalten.“ Unabhängig davon war der Zentrale Diplomatische Kurierdienst (ZDKD) der DDR per Beschluss von 1972 allein zuständig für den Transport aller „vergegenständlichte(r) Staats- und Dienstgeheimnisse der Staatsorgane, der wirtschaftsleitenden Organe, der volkseigenen und ihnen gleichgestellter Betriebe im grenzüberschreitenden Verkehr“.

240 volkseigene Betriebe, Organisationen und Parteien konnten den Kurierdienst für ihre Zwecke nutzen. 1500 Personen waren ausgewählt, Kurierwaren aufzugeben oder zu empfangen. Aus einigen Unternehmen bzw. Organisationen wurden „ad-hoc-Kuriere“ benannt, die mit diplomatischem Status Kurierpost ins Ausland bringen bzw. dort abholen durften.

Eine „Spielwiese“ der Stasi 

Der ZDKD gehörte offiziell zum Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Ihr Chef war der Generalsekretär im Ministerium Alfred B. Neumann, ein Vertrauter Honeckers und Mielkes. Ihm unterstanden außerdem der Schutz und die Sicherheit der Auslandsvertretungen in der DDR, das Dienstleistungsamt für ausländische Vertretungen, die Diplomatenversorgung VERSINA, das Zentrum für Auslandsverbindungen mit dem Außenpolitischen Chiffrierorgan sowie der Staatliche Funkbetriebsdienst. Bereiche also, die eine weitreichende „Spielwiese“  für Mielkes Schnüffelkolonne waren.

Der tatsächliche Chef des Auslands-Kurierdienstes hatte sein Büro in der Berliner Normannenstraße, sein Dienstgrad war Oberst. Ohne dessen Zustimmung oder Kaderauswahl war keine Anstellung als Kurier möglich. In der Regel waren die Kuriere als Offiziere im besonderen Einsatz oder als IM Mielkes Geheimdienst verpflichtet. Ihren Oberst sahen sie – außer bei besonders wichtigen Dienstbesprechungen – jedes Jahr im Februar, wenn es im Restaurant „Rübezahl“ am Müggelsee neben feurigen Reden auch Auszeichnungen, Beförderungen und erlesene Speisen und Getränke gab.

Flughafen-Spionage

Die diplomatischen Kuriere reisten grundsätzlich zu zweit. Zu ihren Aufgaben gehörte die detaillierte Erkundung von Flughäfen in aller Welt. Sie baldowerten die genauen Postengänge und die Bewaffnung der Posten aus, testeten Schleichwege und versuchten Kontrollen zu umgehen. Präzise wurden alle Möglichkeiten des unkontrollierten Passierens des Grenzregimes erkundet. Auch viele weitere Details, wie das Fotografieren der Pässe, Sitz der Sicherheitspolizei und deren Bewaffnung, ihre Streifenrouten sowie die Meldepunkte, wurden in über einhundert Handakten zusammengestellt und mit Lageplänen und Skizzen unterlegt.

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Anerkennung für einen Diplomatischen Kurier

1986 wurden als Diplomaten fungierende Stasi-Mitarbeiter in allen Botschaften aufgefordert, ihre Erkenntnisse über die Grenzregimes nach Berlin zu übermitteln. Hier wurden die Akten vervollständigt. Interessenten, wie zum Beispiel der Bereich Kommerzielle Koordinierung des Alexander Schalck-Golodkowski, nutzten die Unterlagen für ihre Zwecke.

Goldraub in der Mongolei

Heimlich, still und leise schmuggelten die Kuriere Gold aus der befreundeten mongolischen Volksrepublik in die DDR. Laut dem damaligen  DDR-Botschafter Heinz Bauer haben in den Achtzigerjahren 30 bis 40 Fachleute  des Instituts für Geologische Forschung und Erkundung Halle sowie des Mansfeld Kombinats an der Erkundung sowie an Möglichkeiten des Abbaus einer Goldlagerstätte ca. 200 km von Ulan Bator entfernt gearbeitet. Laut den beteiligten Kurieren seien zwischen 1983 und 1984 in monatlichen Abständen Gold in Form von Nuggets nach Ostberlin verbracht worden. Etwa 40 Kilogramm waren in jedem Sack. Zweimal gab es außer der Reihe Kuriergepäck von jeweils 160 Kilogramm.  Außerdem wurden präzise vermessene Karten der Lagerstätten in die DDR gebracht.

Einmal im Monat kamen die Kuriere in die Botschaft und ließen das Gold in einem großen schwarzen oder grünen Leinensack verschwinden. Zitat aus dem Manuskript eines Kuriers: „Am späten Nachmittag ruft die Sekretärin des Botschafters an und fragt. Ob wir uns die Nuggets einmal ansehen wollen. … Und dann liegt das Gold der Mongolei vor uns. Klumpen bis zu einem Gewicht von 120 Gramm. W. beginnt alles in kleine Schachteln zu packen, diese werden verklebt und auf dem Schreibtisch geschichtet. W. mein: Wir haben gerade nachgewogen, ihr nehmt diesmal 37 Kilo mit.“

Der Autor zitiert den Botschafter, der am nächsten Morgen die beiden Kuriere verabschiedet: „Wie gesagt, zu keinem ein Wort, auch nicht zu den beiden Diplomaten, die euch zum Flugplatz bringen. Das hat die gar nicht zu interessieren. Wenn die Mongolen die Säcke röntgen wollen, klopft ihnen auf die Finger. Wie Ihr in Irkutsk und Moskau verfahrt, wisst ihr selbst am besten. Ich habe einen Brief an A. B. Neumann geschrieben, dass ich in den nächsten Monaten Sonderkuriere brauche. Es kommt ganz darauf an, wie viel unsere Geologen aus der Erde buddeln.“

Privatpost durchschnüffelt

Fast täglich lieferte das Ministerium für Staatssicherheit unter der Tarnbezeichnung ACO II ihre Postsäcke an, die ebenfalls über den Kurierdienst in alle Welt gebracht wurden. Auch die Privatpost der Botschaftsmitarbeiter und anderer im Ausland tätiger DDR-Bürger sollten ihre Post „aus Sicherheitsgründen“ der Botschaft anvertrauen. Sie wurde von Kurieren befördert.

In der Regel verlief das so, dass der Hauptverantwortliche für die Sicherheit der Botschaft (HSB) mit den Briefen in seinem gut abgeschirmten Arbeitszimmer verschwand. Dort begutachtete er die Post nach Format, Gewicht und Absender und notfalls auch inhaltlich. Dies besonders in London, Paris, Washington, Tokio, Peking und anderen Staaten mit Vertretungen der ersten Kategorie. Nach der Kontrolle nahmen die Kuriere die Post mit in die Heimat.

Der „erkrankte“ Kurier

Besonders hinterhältig war der Deal mit den Kurieren, um DDR-Bürger, die in Auslandsvertretungen beschäftigt waren und die Absicht ahnen ließen, ihr Land zu verlassen, in die DDR zu holen. Einer der beteiligten Kuriere schildert einen solchen Fall aus dem Jahr 1984 in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Nachdem dem HSB über Spitzel bekannt wurde, dass einer der Botschafts-Mitarbeiter „republikflüchtig“ werden wollte, wurde in Absprache mit dem MfS gehandelt. Zwei Kuriere reisten nach Lima, von denen einer dort „erkrankte“. Da Kuriere immer zu zweit reisten, musste der Botschafter entscheiden, welcher Mitarbeiter auf der Rückreise in die DDR als Hilfskurier fungierte. Das war „zufällig“ jener, dessen man habhaft werden wollte.

Der Kurier war dafür verantwortlich, dass seine Begleitperson tatsächlich in der DDR ankam. Kurz nach der Landung in Berlin-Schönefeld erfolgte dessen Festnahme durch die Stasi. Ein ähnlicher Fall spielte sich ebenso „erfolgreich“ in Paris ab. Die Kuriere wussten von diesem „Sonderauftrag“ und nahmen nach erfolgter Aktion Prämien bzw. Belobigungen entgegen. Eingeweiht in solchen Fällen waren nur die betreffenden Kuriere, der HSB der Botschaft sowie der Botschafter.

„Selbstschutzmittel“ in alle Welt

Im Allgemeinen wurden die DDR-Vertretungen von den Sowjets mit Waffen versorgt. Dennoch wurden über die Kuriere Pakete mit Bargeld, Waffen, Munition, Gasmasken, Gaspatronen sowie anderen Selbstschutzmitteln für leitende Mitarbeiter geliefert. Außerdem brachten sie in Alexander Schalck-Golodkowskis Auslandsbüros in Dubai, Vaduz und Luxembourg, was dieser bestellt hatte oder erhalten sollte.

Kommerzielle Angebote an Waffen und weiteren militärischen Ausrüstungen der NVA-Firma ITA und der KoKo-Firma IMES wurden über den Kurierdienst in zahlreiche Länder transportiert. So beispielsweise nach Iran und Irak, Syrien, Äthiopien, Kongo, Nigeria und andere Länder der Dritten Welt.

1988 geschah es, dass ein ad-hoc-Kurier aus den Dresdner Flugzeugwerken mit einem waffentechnischem Angebot der KoKo-Firma IMES nicht in Nigeria ankam, stattdessen beim BND in Pullach. In fieberhafter Eile wurde der Funk-Code für die diplomatischen Vertretungen geändert. Pullach schickte das Gepäck des Kuriers über die Ständige Vertretung nach Ostberlin, wobei natürlich alles kopiert worden war. Waffenlieferungen der DDR waren für den BND kein Geheimnis.

Edelsteine und High-Tech aus aller Welt

Anfang der Achtzigerjahre wurde über den Kurier-Bereich im Außenministerium ein 128-teiliges Meissner Porzellanservice aus der ehemaligen kaiserlichen deutschen Botschaft mitsamt dem dazugehörigen Tafelsilber illegal in die DDR transportiert. Eigentlich gehörte das Service der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches. Das Porzellan kam als Umzugsgut per Schiff in die DDR, das Tafelsilber transportierten die Kuriere in mehreren 20-Kilo-Säcken. Über den Bereich KoKo wurde das Ganze für 3,5 Millionen Dollar in die USA verkauft.

Noch bis zum Frühjahr 1990 wurden über den Kurierdienst Gold, Schmuck und Edelsteine, u.a. aus Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern, illegal in die DDR eingeführt. Zum Teil wurden damit Waffen und Munition bezahlt.

In wichtigen Industrieländern gab es so genannte WPA – Wissenschaftspolitische Abteilungen. Sie erkundeten im Gastland hochbrisante High-Tech, für das es zum großen Teil Einfuhrverbote in die DDR gab. In Umzugsgütern von Mitarbeitern diplomatischer Vertretungen wurden solche Waren untergebracht und erreichten so die DDR. Abnehmer war vor allem die Firma INTERPORT der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, die als Oldtimer-Handel getarnt und bei West-Kunden geschätzt war. Die Oldtimer wurden zum Teil mit Steuertricks von Sammlern requiriert. INTERPORT stattete die wichtigsten Botschaften der DDR, wie Washington, Brüssel, London und Bonn, mit modernster Computer- und Nachrichtenübermittlungstechnik aus, die getarnt in die DDR geholt wurde.

Ungestört bis zum Schluss

Die Arbeit des ZDKD ging nach den Wahlen im April 1990 voll an der CDU-geführten Regierung und am Außenminister vorbei. Man ahnte nicht einmal, welche Machenschaften sich in der 8. Etage des Außenministeriums abspielten, für deren Zutritt ein vierstelliger Code monatlich geändert wurde. Den damaligen unbedarften Hobbypolitikern wie Markus Meckel als zeitweiliger Außenminister waren die eigentlichen Aufgaben des ZAV, also der Zusammenschluss aller mit Nachrichtenübermittlung befassten Institutionen, völlig verborgen geblieben, so dass diese Sondereinheit des MfS ihre Arbeit bis zum 2. Oktober 1990 fast ungestört fortsetzen konnte. 

Einerseits nutzte die Regierung de Maiziere den Dienst, um z.B. den ehemaligen DDR-Partnern den Austritt aus dem Warschauer Pakt mitzuteilen. Andererseits wurde noch am 2. Oktober 1990, um 22.50 Uhr, also eine gute Stunde vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, ein Waffenangebot der Stasi-Firma ITA per Kurier in den Irak geschickt.  

Am 13. September 1990, wenige Tage vor dem Ende der DDR, gab es im Begegnungsraum des Außenministeriums  in der 1. Etage die „Abschlussfeier“ des Kurierdienstes. Der bereits im Frühjahr entlassene Alfred B. Neumann hatte kein Problem, die Zusammenkunft seiner ehemaligen Mitarbeiter zu nutzen, um ihnen für die geleistete Arbeit zu danken und sie aufzufordern „mit tschekistischer Raffinesse die Zukunft zu meistern“, wie einer der Kuriere aufschrieb.                                                                

Klaus Taubert

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