Die Lipsi-Story

Um die Jahreswende 1958/59 wollte die DDR tatsächlich die Welt retten – mit dem Lipsi. Er sollte eine Alternative für die auch im Westen kritisch verfolgten Auswüchse von Boogie-Woogie und Rock ´n´ Roll sein. Als Weltpatent angemeldet, wurde der Lipsi in propagandistischen Großeinsätzen verbreitet. Doch im Grunde tanzte außer dem Autor möglicherweise nur noch das Politbüro danach.

Sie nannten sich im militanten Sprachgebrauch „Komponisten-Brigade“ – eine Gruppe ernsthafter Tondichter, die Ende November 1958 in das Kohle- und Energiekombinat Lauchhammer zog, um sich vom Stand des Kulturlebens der 13.000 Beschäftigten zu überzeugen. Ihr Auftrag diente der Vorbereitung auf den „Bitterfelder Weg“, der im Frühjahr 1959 mit dem Ruf „Greif zur Feder Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht Dich!“ in den Sprachgebrauch der DDR einging.

„Ami-Oase“ in der Lausitz

In Walter Ulbrichts „sozialistischer Menschengemeinschaft“ sollte aus klassenbewussten Arbeitern Dichter, Maler, Sänger und Schauspieler werden, die die Höhen des „sozialistischen Realismus“ erklimmen, ohne mit formalistischen Kunst-Diskussionen Schaden anzurichten. Da hatte auch der Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler sein Scherflein beizutragen, insbesondere was die Tanzmusik betraf. Die Jugend sollte sich nicht länger nach Twist, Boogie-Woogie, Rock ´n´ Roll und anderer westlicher „Hotmusik“ verrenken.

Kurt Schwaen, ein Komponist ernsthafter Kammermusik, erkundete, wie und wo in Lauchhammer getanzt wird. Es muss frustrierend gewesen sein. „Das Ergebnis ist aufschlussreich“, kommentierte das „Neue Deutschland“ zurückhaltend und schrieb: „Wenn im Kulturhaus einige Jugendliche beginnen den Tanzsaal mit einer Turnhalle zu verwechseln, werden sie vom Klubdienst aufgefordert, anständig zu tanzen. Dabei erziehen sich die Tanzpaare gegenseitig. Wer nicht hören kann, wird kurzerhand aus dem Saal gewiesen. Auf der anderen Straßenseite ist das aber nicht so. Die HO-Gaststätte ´Glückauf´ ist als ´Ami-Oase´ bekannt.“

„Ganz und gar modern“

Dem galt es etwas entgegenzusetzen. Ende 1958 entstand in Leipzig ein neuer Tanz, der – angemeldet als Weltpatent – der westlichen Dekadenz den Garaus machen sollte. Es war der Lipsi, für den René Dubianski zwei Walzertakte zu einem Sechsvierteltakt verschmolz und das Tanzlehrerehepaar Christa und Helmut Seifert dazu passende Schrittfolgen entwickelte. Der Name des Tanzes ist vom lateinischen Namen für Leipzig abgeleitet. Natürlich durfte man zeitgemäß zusammen und auseinander tanzen – aber „anständig“.

„Neues Deutschland“ schwärmte: „Das Bewegungsbild ist voller Harmonie und mit seinem Lösen und Wiederfinden der Partner, mit seinen Solodrehungen ganz und gar modern. Unsere Jugend will sich nicht in ständiger geschlossener Tanzhaltung bewegen, sie wünscht sich Bewegungen, wie sie der Lipsi bringt, freilich weit entfernt von jenen geschmack- und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte, die ebenso wie die ohrenbeleidigenden Jazzverfälschungen aller Art die Gehirne einer zu ´Rettern des Abendlandes´ vorgesehenen Jugend der westlichen Länder vernebeln.“

Tanzen auf Anweisung von oben

Was „unsere Jugend will“, wussten wir Teenager besser. Wir ließen uns gerne die Ohren beleidigen und die Gehirne vernebeln, doch das war außerdienstlich. Ich war damals für ein paar Monate in der FDJ-Kreisleitung Erfurt-Land tätig und erlebte die ernste Seite der heiteren Muse mit. Im Sitzungssaal wurden Tische und Stühle beiseitegeschoben, wir stellten uns paarweise auf, der 1. Sekretär mit der Sekretärin, der 2. Sekretär mit der Buchhalterin, der 3. Sekretär mit der Hauptkassiererin und ich mit dem Kraftfahrer, denn mehr Frauen gab es nicht. Vom Plattenteller sang Helga Brauer: „Heute tanzen alle jungen Leute im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt.“ Dazu legten wir los, als gelte es das Sackhüpfen zu kultivieren. Werner, unser Chef und Tanzlehrer hatte sich sein Talent in ähnlichen Veranstaltungen in der FDJ-Bezirksleitung geholt. Durch das Studium des „Neuen Deutschland“ hatten wir uns auch theoretisch auf die Tanzstunde vorbereitet, denn dort waren die Lipsi-Schritte erläutert und zeichnerisch dargestellt.

Lipsi im ND

Tanz-Anleitung für den Lipsi aus dem SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“

Da war kein Glimmen

Von „oben“ war vorgegeben, dass bis Mai, dem nächsten FDJ-Parlament in Rostock, alle Funktionäre den Lipsi beherrschen mussten, um damit die Massen zu begeistern. Wer würde dann noch an Boogie-Woogie und andere entartete Rhythmen denken, die in ihren Auswüchsen  sogar im DDR-Fernsehen als abschreckende Beispiele vorgeführt wurden. Doch um andere zu entflammen, hätte man selber brennen müssen, aber da war nicht einmal ein Glimmen.

Über das West-Fernsehen, gegen das die FDJ wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte, war auch in der DDR nicht unbemerkt geblieben, dass Elvis, der „King of Rock ´n´ Roll“, in der Bundesrepublik gerade unter großer Begeisterung von Millionen Fans seinen Militärdienst ableistete. Zudem sorgte Bill Haley mit seinen „Kometen“ dafür, dass einige deutsche Veranstaltungsorte neu möbliert werden mussten.

Privat konnte man als leidenschaftlicher Tänzer nur neidisch werden. In unserem Mundharmonika-Trio, dem ich als Bassist angehört hatte, war „Rock Around The Clock“ der absolute Renner bei jedem unserer Auftritte. Zwar wurden dabei keine Säle demoliert, doch die Stimmung war nahe am Überkochen. Mit Schmuse-Titeln wie „Cindy, oh Cindy“ kühlten wir anschließend etwas herunter.

Illusionen nach Plan

Das Jahr 1959 war in vielerlei Hinsicht als verheißungsvoller Aufbruch in eine neue Epoche der DDR gedacht. Der gerade beginnende Siebenjahrplan sollte durch eine zentralistische gesteuerte Planwirtschaft die soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik überholen, ohne sie einzuholen, also auf völlig neuen Bahnen vorbeiziehen.

Auf dem 5. SED-Parteitag hatte Walter Ulbricht gerade auch die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik verkündet, nach denen man „sauber und anständig leben“ solle, also Westfernsehen und dekadente Tänze mied. Wie das geht, dazu hatte wie auf Bestellung die Jugendbrigade „Nikolai Mamai“ in einem Bitterfelder Chemieunternehmen landesweit aufgerufen, von nun an sozialistisch zu arbeiten, zu lernen und zu  leben.

Da passte es, dass Mitte Januar 1959 auf einer Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer der „Lipsi Nr. 1“ als „Paradebeispiel der sozialistischen Nationalkultur“ präsentiert wurde. Stolz hieß es, dass es Walter Ulbricht war, von dem der Anstoß für einen zeit- und jugendgemäßen Tanz gekommen sei, der den Westtänzen den Rang ablaufen würde.

Geblieben sind Spott und Hohn

Die „Junge Welt“ setzte – zum Überfluss für die  meisten ihrer Leser – die ideologischen Leitplanken, indem sie z.B. über Elvis Presley schrieb: „Sein ‚Gesang‘ glich seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bursche war völlig unmusikalisch (…) und röhrte wie ein angeschossener Hirsch, nur nicht so melodisch.“ Man musste annehmen, der Autor dieser Zeilen hat ihn nie gehört.

Auf der 1. Bitterfelder Kultur-Konferenz am 24. April 1959 fasste Walter Ulbricht den Stand des Kampfes gegen die Westmusik zusammen: „Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die ‚Hotmusik‘ und die ekstatischen ‚Gesänge‘ eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten.“ Und das war der Lipsi

Heute weiß man, nach einem Jahr ging der Siebenjahrplan in die Hose, die erste „sozialistische Brigade“ war zerstritten, der Bitterfelder Weg grub sich als „bitterer Feldweg“ in die Erinnerung und der Lipsi war so gut wie vergessen. Die Illusionen schwanden im Sechsvierteltakt dahin.

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