Eine Zeitreise durch Rüdersdorf

Ohne Kalkstein aus der Mark ist die Hauptstadt undenkbar

Klaus Taubert (Text und Fotos)

Eine Zeitreise in die Vergangenheit muss nicht immer ein Privileg von Sciencefiction-Autoren sein. Der Besuch des Museumsparks von Rüdersdorf hinter dem östlichen Stadtrand von Berlin gibt den Blick frei in die mehr als 700-jährige Geschichte des Kalkbergbaus in der einzigartigen norddeutschen Lagerstätte. Wo einstmals ein Berg aus der flachen Landschaft ragte, auf dessen Äckern Bauern im 13. Jahrhundert störende Kalksteine aus dem Boden pflügten, klafft heute ein Loch. Es ist vier Kilometer lang, einen Kilometer breit und bis zu hundert Meter tief. Im grellen Schein der Sonne leuchtet vom Grund weiß bis gelb zurück, was sich vor rund 250 Millionen Jahren auf dem Meeresboden an Muschelkalk bildete.  

Aus der Not der Bauern machten erfinderische Mönche eine Tugend. Sie legten das Kalkgestein frei, brannten die abgebauten Steine, „löschten“ sie mit Wasser, mischten Mörtel und trugen auf neue Weise dazu bei, die Geschichte der Menschheit in steinerne Monumente zu fassen, wie sie nicht nur im Verzeichnis des UNESCO-Welterbes als Paläste, Klöster, Kirchen zu finden sind.

1Zementwerk

Eines der modernsten Zementwerk der Welt ist heute ein Wahrzeichen von Rüdersdorf. Vom ihm geht keine Gefahr mehr für Leib und Leben der Rüdersdorfer aus, wie das bis 1990 der Fall war

Das Geheimnis des gebrannten Kalks  

Der Vorgang ist ganz einfach beschrieben: Durch das Brennen mit Temperaturen um 900 Grad Celsius wird dem Kalkstein – exakt: Kalziumkarbonat (CaCO3) – Kohlendioxid (CO2) entzogen. Zurück bleibt so genannter Branntkalk (Kalziumoxid, CaO) der zunächst mit Wasser „gelöscht“ und mit Sand und möglicherweise einigen anderen Zutaten vermengt wird. In Verbindung mit Wasser ist aus dem Branntkalk Kalziumhydroxid (Ca(OH)2) geworden. Diese neue Kalkverbindung als Bestandteil des plastischen Mörtels nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf und verwandelt sich wieder  in das Ausgangsmateriel Kalziumkarbonat. Dadurch ist der Kalkstein ein vorzügliches Bindemittel, das in einem Kreislauf wieder seinen ursprünglichen Zustand als festes, verbindendes Gestein annimmt.

Da dieser Mörtel das Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt, ist eine Verwendung unter Wasser nicht möglich. Das ging erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Zement erfunden war und in Verbindung mit Eisen beispielsweise zum Stahlbeton führte. Bis dahin waren in wasserreichen Regionen ganze Siedlungen und Städte, wie z.B. Venedig, auf Holzpfählen errichtet, die als Unterbau in den Boden gerammt wurden und unter Luftabschluss sehr lange haltbar sind. Selbst viele alte Bauwerke in Berlin ruhen auf Pfahlgründungen.

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Blick in den heutigen Kalk-Tagebau vom Osten her. Im Hintergrund das Zementwerk.

2000 Jahre alt: Germanischer Kalkofen

Ein unspektakuläres Ausstellungsstück im Museumspark, an dem man möglicherweise achtlos vorbeigeht, ist ein „Germanischer Kalkofen“. Der war bereits in Betrieb, als vor zweitausend Jahren die neue Zeitrechnung begann. Damals wurde Kalk in Erdgruben mit Holz zu Branntkalk verarbeitet. Wie Archäologen feststellten, gab es damals im heutigen Berliner Raum zahlreiche Siedlungen, deren Holz-Lehm-Häuser mit Kalk verputzt waren, der aus den kleinen Kalkbrennöfen kam, die es fast in jeder Siedlung gab.

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2000 Jahre alter Kalkbrennofen. In einer Erdgrube wurde Kalk mit Brennholz zu Branntkalk erhitzt

Mit der Bekehrung zum Christentum wurden im neunten und zehnten Jahrhundert die mitteldeutschen Gebiete bis zur Oder neu organisiert und dauerhaft besiedelt. Die bevorzugten Baumaterialien waren nach wie vor Holz, Lehm und Strauchwerk. Selbst die Kirchen jener Zeit waren noch aus Holz gebaut. Erst ab dem 13. Und 14. Jahrhundert nahm der Bau von Steingebäuden, vorrangig Kirchen, zu. Zeugnis dafür ist die spätromanische Dorfkirche in Alt-Rüdersdorf, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Feldsteinen und örtlichem Kalk errichtet wurde.

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Spätromanische Feldsteinkirche in Alt-Rüdersdorf, die im 13. Jahrhundert mit örtlichem Kalk gebaut  wurde

Berlins Prachtbauten haben ihren Ursprung in  Rüdersdorf  

Die Doppelstadt Berlin/Cölln wurde im späten Mittelalter zu einer bedeutenden Handelsmetropole, die weit über ihre alten Siedlungsgebiete hinaus wuchs. Die Stadtmauer, das Rathaus, Kirchen und Wohnhäuser entstanden mit dem Kalk und den Kalksteinen aus Rüdersdorf.

Bis in das 19. Jahrhundert gehörte der Kalkstein, zum Teil in behauenen Blöcken, zu den Baumaterialien großer Berliner Baumeister. Rüdersdorfer Kalkstein findet sich im Brandenburger Tor, in der Lindenoper, in der Hedwigskathedrale,  im Berliner Dom, im Reichstag, mit ihm wurden Sanssouci und die Garnisonkirche in Potsdam und  andere repräsentativen Bauwerke geschaffen. „Der Rüdersdorfer Tagebau“, so formulierte ein Berliner Bauexperte treffend, „ist der Negativabdruck der Stadt.“  

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Berliner Reichstagsgebäude, in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts mit Rüdersdorfer Kalksteinen gebaut

Erster „moderner“ Kalkofen  350 Jahre alt

Die eigene Verarbeitung der Kalksteine zu Branntkalk für Mörtel in Rüdersdorf geht schriftlichen Überlieferungen zufolge zurück in die Zeit ab 1571, als in Rüdersdorf ein erster Kalkofen gebaut worden war, der 1579 mit dem Kalkbrennen begann. Uralte Reste eines späteren Doppelofens sind aus dem Jahr 1666 zu besichtigen, als nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges ein großer Bedarf an Baumaterial bestand.

Die Wände dieses in Resten erhaltenen Doppelofens bestanden aus zwei Meter dicken Außenmauern, die durch zusätzliche Pfeiler gesichert waren. Nach jeder Beschichtung mit Kalksteinen wurden die Zugänge zu den Ofenkammern zugemauert und der Inhalt mit Brennholz erhitzt, wozu  Luftröhren nach oben für den nötigen Zug sorgten. Nach vier bis fünf Tagen war der Kalkstein gebrannt und nach zwei weiteren Tagen der Abkühlung wurden die Zugänge geöffnet und der gebrannte Kalk per Hand herausgezogen. Um den hygroskopischen Branntkalk vor Feuchtigkeit zu schützen, wurde er in der nahen Kalkscheune sofort in Fässer verpackt.

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Teile des erhaltenen Doppelkammerofens zum Kalkbrennen aus dem 17. Jahrhundert

Das alles reichte bei weitem nicht aus, um den Bedarf Berlins, das ab 1701 preußische Hauptstadt war, insbesondere unter König Friedrich Wilhelm I. zufriedenzustellen. Die  Stadt wuchs auf mehr als 100.000 Einwohner an und brauchte Mörtel für den Wohnungsbau, für den Ausbau des Stadtschlosses, für Kasernen des Soldatenkönigs und andere Repräsentativbauten. In Rüdersdorf  hingegen wurde das Brennmaterial knapp, denn jede Ofenfüllung benötigte 75 Kubikmeter Holz, für das bereits viel Wald abgeholzt worden war. Die Gefahr bestand, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kalkbrennerei allein aus Holzmangel hätte eingestellt werden müssen. Brandenburg befand sich in einer Energiekrise. Der Wald um Berlin war ohne Nachpflanzungen erheblich dezimiert, die Schorfheide, die einst bis nahe Strausberg ging, war durch den radikalen Holzeinschlag nach Norden zu verkleinert worden. Friedrich der Große mahnte die Forstleute, mit der Erhaltung des Waldes an nachfolgende Generationen zu denken. Der Preußenkönig lobte Preise aus für die Einsparung von Holz. Ein Ergebnis ist u.a. der „Berliner Kachelofen“ mit  Brennkammern, Zügen, Luftregulierung und Rauchgasklappen, wie er bis heute noch zu finden ist.

 4Uhrenturm

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12Glockenturm

Magazingebäude, in dem der gebrannte Kalk in Fässer für den Abtransport verpackt wurde. Das ehemalige Lager- und Wohnhaus ist vermutlich der älteste erhaltene frühindustrielle Zweckbau im Land Brandenburg. Dieses florierende florierendes Unternehmen wurde Anfang des 19. Jahrhundert um den angebauten der Uhrenturm bereichert. Heute finden in dem traditionsreichen Gebäude Eheschließungen statt. Der Glockenturm rundete das Bauensemble ab. Er steht auf einer Anhöhe neben dem Tagebau und gab Alarm, wenn es brannte oder anderweitig Gefahr drohte

Neues Zeitalter mit Rumfordöfen

Während dieser „Holznot“  wurde die Bergbehörde rechtzeitig auf den Engländer Benjamin Thompson (der spätere Count of Rumford) aufmerksam. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte er einem kontinuierlich brennenden Kalkofen entwickelt, der das Brennmaterial vom Kalk trennte und mit Torf bzw. später mit Kohle beheizt wurde. 1802 schon nahmen in Rüdersdorf der erste dieser Öfen und bald auch ein zweiter den Betrieb auf. In der Mitte befand sich ein hoher Brennschacht, der von oben mit Kalkstein beschüttet wurde. Im unteren Drittel befanden sich mehrere separate Feuerschächte, über die der Kalk erhitzt wurde. Nach dem Brennen wurde der Branntkalk am unteren Ende  des Ofens durch mehrere Öffnungen herausgezogen.

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In der Dauerausstellung des Museumsparks dargestellter Querschnitt durch einen Rumfordofen

Vom Steinbruch aus gelangten die Kalksteine über eine hölzerne Beschickungsbrücke direkt zu den Füllöffnungen der Öfen. Eine dieser Brücken ist bis heute erhalten, ebenso ein dort 1817 integrierte Wohnung für den Kalkbrenner und seine Familie. Die Wohnung befindet sich in einem selten anzutreffenden Bohlenbinderhaus, dessen besondere und stabile Dachkonstruktion unter sparsamer Verwendung von Holz hergestellt wurde. 

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Bohlenbinderhaus, über das der Transport der Kalksteine in die Rumfordöfen erfolgte, mit der eingegliederten Wohnung für die Familie des Kalkbrenners

Kanäle für den Transport

Als unter Friedrich dem Großen der Kalkabbau weiter gefördert wurde, waren neue Transportmittel vonnöten. Der preußische Minister und Oberberghauptmann Friedrich Anton von Heinitz (1725-1802) schuf wesentliche Voraussetzungen zur Modernisierung der Kalkgewinnung. Da der Tagebau inzwischen bis auf das Grundwasser-Niveau abgesenkt worden war, ließ Heinitz Kanäle in die Kalksteinbrüche bauen, um das Baumaterial auf dem Wasserweg mit Oderkähnen in nahe gelegenen Häfen im Mühlenfließ zu transportieren.

Auch wenn es heute diese Kanäle und die dazugehörenden Treidelbahnen nicht mehr gibt, gehören die Kalkstein-Portale des 1804 erbauten Heinitz- und des 1816 in Betrieb genommenen Bülow-Kanals (benannt nach dem preußischen Finanzminister) am Originalstandort zu baulichen Kunstwerken im Museumspark. Denn die Portale hat kein Geringerer entworfen als der deutsche Baumeister des Klassizismus Karl Friedrich Schinkel, der wie kein anderer Berlin seinen architektonischen Glanz verliehen hat.

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Über diese inzwischen  nicht mehr vorhandenen Kanäle erfolgte der Abtransport der Kalksteine in Oderkähnen bis zu den nahen Häfen. Die Portale hat der Baumeister des Klassizismus Karl Friedrich Schinkel entworfen

Das Werk von Heinitz, der für die soziale Absicherung der Bergleute die Knappschafts- und Sozialkassen einführte, setzte Friedrich Wilhelm von Reden (1752-1815) fort, nach dem 1827 ein weiterer Kanal auf der Südseite des Bruchs benannt wurde, der den Tagebau mit dem Kesselsee verband. Unter von Reden wurden die Bergbautechniken modernisiert und die Rumfordöfen zu den leistungsfähigeren Rüdersdorfer Öfen weiterentwickelt. Auf Redens Anregung wurde das Gelände um den Tagebau durch umfangreiche Bepflanzungen der Halden verschönert sowie ein großer Landschaftspark angelegt, in den die industriellen Anlagen einbezogen waren. 

Erstmals wurden damals im Tagebau Schienenwege angelegt, da der Abbau inzwischen unterhalb des Grundwasserspiegels erfolgte. Das erforderte außerdem ein ständiges Absenken des Grundwassers. Heute besteht das  Entwässerungssystem aus einem zwölf Kilometer langen unterirdischen Netz,  durch das pro Minute mehr als 20 Kubikmeter Wasser abgepumpt werden, um den Tagebau trocken zu halten. 

Technisches Denkmal Ofenbatterie

Im Laufe des 19. Jahrhunderts war der Bedarf gewachsen und der Kalksteinbruch weiter ausgebaut worden, so dass es ratsam war, eine neue Ofenbatterie nahe an den neuen Abbaustellen zu bauen. So entstanden ab 1871 weiter östlich 18 Rüdersdorfer Öfen, die 1876 bereits 28.000 Tonnen Branntkalk produzierten, das Zehnfache gegenüber 1871. Für Rüdersdorf war das die zweite Technische Revolution in der Gewinnung und Verarbeitung von Kalkstein. Die neuen Öfen wurden  paarweise angeordnet, um sie von oben mit Hilfe von schienengebundenen Kipploren leichter mit Kalkstein und auch mit Kohle für die Schürebene zu füllen. Im unteren Bereich wurde der Branntkalk per Hand aus den Öfen geholt und zur Verladerampe mit den bereitstehenden Waggons gekarrt oder über Transportbänder weiter in die bald neu entstehenden Zementfabriken geleitet. Die Ofenbatterie, die bis 1967 in Betrieb war, gehört zu den eindrucksvollsten technischen Sehenswürdigkeiten auf diesem Gebiet in Deutschland.

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Obere und untere Ebene der ab 1871 entstandenen Ofenbatterie  mit 18 Kalkbrennöfen. In der Mitte einer der Wagen, die auf Schienen den Kalk bis zu den Öfen brachten

Für das Füllen der Öfen wurden über eine 205 Meter lange Schräge bis zum Grund des Tagebaus Schienen gelegt. Über einen ebenfalls 1871 gebauten Seilscheibenpfeiler, der mit zwei Dampfmaschinen betrieben wurde und bis 1914 in Betrieb war, gelangte der Kalkstein in Eisenbahn- oder Grubenwagen nach oben und wurde über Förderbrücken bis zur Ofenbatterie weitergeleitet. Von dort kam der gebrannte Kalk über eine eigens eingerichtete Eisenbahnverbindung zum nächstgelegenen Bahnhof in Fredersdorf.

Der Schienenverkehr im Tagebau wurde 1964 eingestellt. Fahrbare Brecher bringen seitdem den abgesprengten Kalkstein zu variabel einsetzbaren Transportbändern, über die das zerkleinerte Material zur Weiterverarbeitung in die damaligen Betriebe bzw. in das heutige moderne Zementwerk gelangt. 

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Der 1871 aus Kalkstein erbaute Seilscheibenpfeiler, zu dem mit zwei Dampfmaschinen die Waggons mit dem abgesprengten Kalkstein aus dem Tagebau auf einer schiefen Ebene  200 Meter nach oben gezogen wurden. Im Hintergrund das alte Gerüst, über das der Transport in Hängevorrichtungen weiter bis zur Ofenbatterie erfolgte

Zementwerke etablieren sich in Rüdersdorf

Die Entdeckung des Zements geht in das Jahr 1769 zurück, als der Engländer John Smeaton feststellte, dass sich aus Branntkalk mit einem Anteil an kohlenstoffhaltigem Ton ein Mörtel herstellen lässt, der auch unter Wasser abbindet. Der erste so genannte englische Zement wurde erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt. Der Berliner Arzt und Chemiker Johann Friedrich John erforschte die genauen Ursachen dieses Prozesses und kam dahinter, dass die besondere Bindekraft des Zements aus einer Beimischung zum Kalk von Kieselsäure und Tonerde herrührt. Tonhaltiger Kalkstein muss bei höheren Temperaturen gebrannt und nach dem Brennen gemahlen werden. 1825 erhielt der Engländer Joseph Aspdin auf seinen Portlandzement ein Patent.

Als schnell wirkendes Bindemittel fand Zement auf den Baustellen eine rasche Verbreitung, die Nachfrage stieg von Jahr zu Jahr. 1884 bauten Guthmann & Jeserich in Rüdersdorf mit sechs Schachtöfen das erste Zementwerk. 13 Jahre später wurde ein zweites Zementwerk mit acht Doppeletageöfen und einem Drehrohrofen als Versuchsanlage in Betrieb genommen. Bis in die Sechzigerjahre entstanden in der Nähe des Stienitzsees mehrere Zementwerke.

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Alte Chemiefabrik aus DDR-Zeiten, oft auch als Kulisse für Filmproduktionen benutzt

Staubbelastetster Ort in der DDR

Es ist weniger der Kalkabbau als die Zementherstellung, die über Jahrzehnte Rüdersdorf wie kaum eine andere Gemeinde mit Staub- und Rußemissionen belastete. Durch die Zementfabriken rieselten pro Jahr rund 55.000 Tonnen Staub auf den staubbelastetsten Ort der DDR nieder. Das viele Grün, das heute den Tagebau umgibt und die grüne Lunge der Gemeinde bildet, war seit den späten Sechzigerjahren nach dem Aufbau des größten Zementwerkes der DDR mit viel zu geringer Entstaubungstechnik mit einem weißgrauen Überzug bedeckt. Die projektierte Leistung von 850 Tonnen pro Tag und Drehrohrofen wurde weit überboten, wofür die Entstaubungsanlagen viel zu klein waren. 

Erst mit dem Untergang der DDR wurde durch die Stilllegung veralteter Anlagen der Zementproduktion diesem umweltschädlichen Treiben ein Ende bereitet. Heute trübt kein schmutziges Grau mehr die farbenfrohe, grüne Gemeinde 30 Kilometer östlich vom Berliner Stadtzentrum entfernt mit ihren 15.000 Einwohnern. Das heutige Zementwerk der mexikanischen Firma CEMEX, dem drittgrößten Zementproduzenten weltweit, begründet nicht zuletzt durch seine modernen Filteranlagen den Ruf, eines der modernsten Werke Europas zu sein. Von den investierten 300 Millionen Euro wurde allein ein Fünftel für Umweltschutzmaßnahmen verwendet.

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Die in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts aus Rüdersdorfer Kalkstein gebaute Kirche der Gemeinde  Rüdersdorf. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das viele Grün im Ort unbeeinträchtigt von immensen Staubemmissionen der Zementwerke, die bis 1990 Häuser und Bäume mit einer weißgrauen Staubschicht bedeckten

Blütezeit des verschwundenen Heinitzsees

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Tagebau erweitert und der Heinitzbruch 1915 geflutet. Über 60 Jahre war der Heinitzsee eine der besonderen Attraktionen in Rüdersdorf, den auch viele Berliner besuchten. Die bizarre Kalklandschaft rund um den See ließ das Gewässer schnell zu einer attraktiven Filmkulisse werden, in der seit den Zwanzigerjahren zahlreiche Filme gedreht wurden. „Das indische Grabmahl“ und „Der Tiger von Eschnapur“ mit La Jana, „Wasser für Canitoga“ mit Hans Albers, „Harakiri“ und „Das fliegende Auto“ mit Harry Piel und viele andere Filme sind zum Teil in Rüdersdorf entstanden.

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Über 60 Jahre, von 1915 bis 1974 war der Heinitzsee ein viel gerühmtes Naherholungsgebiet. Mit dem durch das Wohnungsbauprogramm erheblich gestiegenen Kalkbedarf wurde er trockengelegt, um  die Kalkvorkommen besser nutzen zu können. Heute gehört dieser Teil wieder zum Kalk-Tagebau

In den Siebzigerjahren, als die DDR ihr im Grunde unbezahlbares Wohnungsbauprogramm verkündet hatte, nahm der Kalkbedarf dermaßen zu, dass der Heinitzsee trockengelegt und für den Kalkabbau genutzt werden musste. Auch ohne diesen See bilden beispielsweise die stillgelegten Fabriken und der Tagebau Regisseuren als Kulisse für ihre Spielfilme. Die ehemalige Rüdersdorfer Chemiefabrik war beispielsweise Filmkulisse für den Streifen von Jean-Jacques Annaud aus dem Jahr 2001 „Duell – Enemy at the Gates“, in dem hier Szenen der Stalingrader Schlacht nachgebaut wurden.

Unwiederbringlich verloren sind die einstigen Geschäftsstraßen und belebten Plätze beiderseits des Tagebaus, nachdem die Häuser wegen gravierender Baumängel durch die Sprengungen im Tagebau abgerissen werden mussten. Das   Terrain verwandelte sich in Ödland. Rüdersdorf war nicht mehr, was es einstmals war, aber es machte bis heute etwas Vernünftiges daraus, das sich immerhin zum Speckgürtel Berlins zählen kann.

Geheimbunker „Traube“ und andere dunkle Seiten

Zu den Schattenseiten der Geschichte des Rüdersdorfer Kalk-Tagebau gehört auch die Ausbeutung von polnischen Zivilarbeitern, die für die Arbeiten im Steinbruch zwangsverpflichtet wurden. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges arbeiteten etwa 3000 Menschen in Kalkbergbau und Zementproduktion, davon 2156 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus 16 Ländern. In neuen Laboratorien wurden neue Zementsorten erforscht. Der Bedarf war nicht allein durch die Prachtbauten der Nazis und die Rüstungsindustrie immens gestiegen, auch der Bau der Reichsautobahnen verschlang ungeheure Mengen an Kalk und Zement. 1938  schuf die Preußag in Rüdersdorf das modernste Zementwerk Europas, das unter sowjetischer Besatzung nach Kriegsende demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht wurde. Mit zusammengesuchten alten Maschinen und Bauteilen begann der Wiederaufbau Ende der Vierzigerjahre.

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Ehemaliges Labor aus dem Jahr 1938, in dem nach immer neuen und wirksameren Zement- und Betonmischungen, auch für die Rüstungsindustrie,  geforscht wurde

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„Kunst am Bau“ aus DDR-Zeiten an der ehemaligen Waschkaue nahe der Ofenbatterie

Da in der DDR  das Thema Arbeitskräfte stets akut war, wurden unter strenger Bewachung Strafgefangene eingesetzt. Sie wurden dadurch motiviert, dass sie bei einer Normerfüllung von 140 Prozent zwei Tage Straferlass erhielten. 1966 wurde außerdem ein Jugendarbeitslager eingerichtet, aus denen zum Teil auch Minderjährige unter brutaler Bewachung in Tagebau und Zementwerk zu arbeiten hatten.

Was zu DDR-Zeiten kaum ein Rüdersdorfer wusste: Vom trockengelegten ehemalige Reden-Kanal auf der südlichen Seite des Tagebaus war ein geheimes weit verzweigten Tunnelsystem als erster DDR-Regierungsbunker „Traube“ ausgebaut worden. In den mehr als 200 Räumen des Geheimprojekts sollten tausend der wichtigsten DDR-Funktionäre im Ernstfall agieren und überleben. Erst mit der Trockenlegung des Heinitzsees und der Erweiterung des Tagebaus ab 1979 musste dieser Bunker aufgelöst werden, um das Wohnungsbauprogramm durch Mangel an Baustoffen nicht zu gefährden. Ohne den weiteren Kalkabbau ab 1981 in Richtung des gigantischen Bunkers wäre die Zementproduktion in Rüdersdorf gefährdet gewesen. Bei einer gigantischen Operation mit Hunderten von Lastkraftwagen und Spezialfahrzeugen wurde des Objekt der Partei- und Staatsführung der DDR geräumt, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Geheime Bunker entstanden neu in Harnekop, Prenden und anderen Orten.

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Südlich des Tagebaus war ein geheimes Bunkersystem unter dem Tarnnamen „Traube“ in die Stollen des ehemaligen Reden-Kanals mit mehr als 200 Räumen für rund eintausend  DDR-Funktionäre gebaut worden (siehe Grafik). Es wurde bei der Erweiterung des Tagebaus aufgegeben 

Jeden Besuch wert

Heute ist  der Museumspark in Rüdersdorf eigentlich weniger Museum als mehr Naherholungszentrum. Auf dem weit ausladenden Gelände finden sich neben den technischen Denkmalen vergangener Jahrhunderte, die auf erläuternden Bild- und Texttafeln beschrieben werden, auch zeitgenössische Ausstellungen und vielfältige Veranstaltungen. Zudem werden in einer Dauerausstellung die erdgeschichtlichen Zusammenhänge mit dem Rüdersdorfer Kalkbergbau anschaulich und mit zahlreichen Funden aus den Erdformationen erläutert.

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Dauerausstellung im Museumspark, in der sehr viel üder die enrgeschichtliche Entstehung dieser einmaligen Lagerstätte in Norddeutschland zu erfahren ist

Für einen Besuch sollte man schon eine gute Zeit einplanen, um sich keine der Attraktionen entgehen zu lassen. Wer möchte, kann sich auch einer Autotour durch Museum und Bergbaugebiet anschließen und zudem noch in Kalkablagerungen nach Millionen Jahre alten Versteinerungen suchen.

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Aufführung „Im weißen Rössl“ im Jahr 2015 auf der Naturbühne des Museumsparks

Zu den jährlichen Höhepunkten gehört inzwischen der Rüdersdorfer Operettensommer, der seit Jahren viele Tausend Einheimische und Besucher begeistert. Auf der Naturbühne des kurfürstlichen Bergschreiberamtes werden von einem Ensemble aus namhaften Künstlern und örtlichen Laienspielern klassische Werke der leichten Muse dargeboten. 2015 war es „Im weißen Rössel“, im Jahr 2016 ist es „Die Fledermaus“ von Johann Strauß, die mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommen wurde.

Rüdersdorf ist in jeder Hinsicht einen Besuch wert.

 

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  1. Pingback: Erfolgreiche Rache der Fledermaus | Klaus Taubert

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